Im Zweifelsfall - Agnes Posch - E-Book

Im Zweifelsfall E-Book

Agnes Posch

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Beschreibung

Über knapp ein halbes Jahr hinweg begleiten wir den Hauptprotagonisten in seinem Alltag. Neben der Arbeit als Autor schreibt Felix für einen alten Studienfreund in einem Zeitschriftenverlag. Er führt eine Beziehung die, aus welchen Gründen auch immer, zu funktionieren scheint, während er zusehen muss wie die Ehe seines besten Freundes langsam zerfällt. Es ist kein aufregendes Leben, das er führt. Es ist das was wir alle kennen und nachvollziehen können. Von den kurzfristigen Begegnungen in der U-Bahn, die Eindrücke hinterlassen und zeigen was für Menschen wir selber sind, bis hin zu den täglichen Gegebenheiten, die uns prägen. Felix nimmt es mit Gelassenheit. Ein normaler Egoist in einer Welt ohne Sensationen. Es könnte so einfach sein, wenn nur diese Schreibblockade nicht wäre. Doch als er eine Reise unternimmt, um ein wenig Inspiration zu finden, wird sein Alltag durch die Begegnung mit Susanne aufgewühlt. Nach Wien zurückgekehrt steht er vor der Entscheidung seine Beziehung mit Laura für eine erfrischende Liebschaft zu riskieren. Die gelegentlichen Pflichtbesuche bei Georg, der sich nur zu gerne über seine Frau auslässt, machen das auch nicht besser. Aber deshalb bleibt die Welt nicht stehen. Da ist immer noch der leere Bildschirm, der ihn täglich daran erinnert, dass er schreiben sollte, die Arbeit im Verlag und die U-Bahn. Einkaufen muss er auch noch gehen. Und Laura. Immer ist da Laura. Letztlich ist es dann doch einfacher als gedacht. Dinge passieren. So wie alles passiert. Das Leben eben.

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Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Agnes Posch

Im Zweifelsfall

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Juli

August

September

Oktober

November

Impressum neobooks

Juli

Er stand auf und kramte in der Jackentasche. Fluchend ließ er von ihr ab. In der Hosentasche. Wo ist die Hose schon wieder? Nein, nicht die. Die Andere. Welche hatte er gestern Abend an? Er nahm das Gewand vom Sessel.

„Himmel Herrgott!“

Ja, dort. Na also. Das Bündel Wäsche ließ er wirr am Sessel liegen und trat an das Sofa heran. ´Waschmaschine einschalten´ notierte er sich in Gedanken und wusste, wenn er es nicht gleich täte, würde er es erst morgen tun. Vielleicht. In der rechten Hosentasche fand er ein volles Päckchen Zigaretten. Wieder ließ er sich vor dem Bildschirm nieder und zündete sich eine Zigarette an. Wo ist jetzt der Aschenbecher?

„Ach, geh.“

Mit einem Seufzen stand er auf und holte ihn aus der Küche. Jetzt aber. Er nahm einen tiefen Zug und starrte auf die letzten Zeilen, die er geschrieben hatte. Er überflog die erste Seite. So ein Blödsinn. Rasch löschte er sie und wieder saß er vor einem leeren Dokument. So geht das ja auch nicht.

`Stell dich nicht so an. Als wär´s dein erstes Buch.´

Er schüttelte den Kopf und beschloss die neue Idee wieder zu verwerfen. Es klingelte an der Tür. Mit der Handfläche schlug er auf die Schreibtischplatte und erhob sich mit einem Ruck. Die Zigarette ließ er im Aschenbecher zurück.

„So wird das nie was. Wie soll man schreiben, wenn man keine Ruhe hat? Verflucht noch mal.“

Er nahm den Hörer der Gesprächsanlage ab.

„Ja?“

„Lässt du mich rein?“

Was sollte man darauf sagen?

„Aber ja.“

Mit dem Daumen drückte er auf den Türöffner, machte die Wohnungstür einen Spaltbreit auf und wartete bis Georg schnaufend die Stufen heraufgestiegen kam. Seit er ihn vor ein paar Jahren kennen gelernt hatte, kämpfte er mit seinem Übergewicht. Es gab keine Diät, die er nicht ausprobiert hatte und keine an der er nicht gescheitert war. Bis ihm der Arzt eine verschrieben hatte, an die er sich allerdings auch nur gelegentlich hielt. Meistens dann, wenn seine Frau kochte.

„Grüß dich Felix.“

Felix trat zurück und ließ Georg eintreten.

„Stör ich?“ fragte er, während er sich im Wohnzimmer auf der Couch niederließ, wartete seine Antwort aber gar nicht erst ab. „Hast ein Bier für mich?“

„Nein.“

„Sonst was?“

„Eistee.“

Georg machte ein Gesicht, als wäre ihm Gift angeboten worden und winkte ab. „Passt schon, hab eh keinen Durst.“

„Wasser hätt ich noch.“

„Bitte?“

„Mit Eis.“

„Will gar nichts mehr.“

„Wie du magst.“

„Vielleicht einen Cognac?“

„Dein Arzt würde dich umbringen.“, meinte Felix vorsichtig.

„Bitte, was mein Arzt machen würde, hat dich nicht zu interessieren. Überhaupt hat dich nicht zu interessieren was ich trinke. Lass das meine Sache sein.“

„Was wäre ich dann für ein Freund?“

„Ein guter. Also?“

„Ich geh schon.“

„Cognac hat er also. Aber kein Bier. Himmel.“

Er ging und holte Cognac. Zwei Gläser. Als er sich damit zu Georg gesellte, war der im Sofa zusammen gesunken und sah recht elend aus.

„Macht dir die Hitze zu schaffen?“

„Nicht mehr als meine Frau.“

„Was war?“, fragte Felix.

„Nichts! Nichts war! Darum frage ich mich ja wieso sie so ein Theater macht.“

„Sie wird schon ihre Gründe haben.“

„Als mein Freund hast du bitteschön immer noch auf meiner Seite zu stehen.“

„Ich bin auf niemandes Seite.“

Georg schwenkte den Cognac und trank ihn in einem Zug hinunter.

„Was fällt dem Kerl ein neutral zu sein?“ sagte er zu sich selbst und nickte. „Du, eins sag ich dir: Das nächste Mal, wenn Hermi wieder einmal ausflippt, komm ich nicht zu dir.“

„Versprichst du mir das?“

Er nippte an seinem Glas. Georg betrachtete ihn auffordernd, nein fast flehend, dabei. Felix verdrehte die Augen, stellte sein Glas beiseite und holte die Flasche aus der Küche. Kurzerhand schenkte sich Georg selber nach.

„Nicht viel, nur einen kleinen Schluck noch.“

„Vor mir musst du dich nicht rechtfertigen.“

„Aber vor mir selbst.“

„Also erzähl.“, forderte Felix ihn schließlich auf.

„Da gibt´s nicht viel zu erzählen. Das Übliche. Ihre Mutter kommt am Sonntag. Ja? Und meine sogenannte bessere Hälfte fängt an zu putzen wie eine Verrückte und meckert dabei, dass sich sogar die Staubmilben Vorwürfe machen. Ich sag ihr, es ist ja gar nicht dreckig. Aber sie meint, jeder, der den Staub in der Wohnung nicht sieht, muss blind sein. Das liegt am Feinstaub hab ich gesagt und da ist sie richtig böse geworden. Sie hat mich angeschrien und dann gemeint: Entweder du hilft mir jetzt oder gehst. Also bin ich gegangen.“

„Ein feiner Zug von dir.“

„Jeder hätte das gleiche getan.“

„Ich nicht.“

Georg funkelte ihn böse an. „Bitte, willst du mich wahnsinnig machen?“

„Reg dich nicht auf.“

Die Schlafzimmertür wurde sanft aufgestoßen und heraus trottete ein verschlafener Freitag, der den Gast mit kurz ausgestoßenen Miauen und erhobenem Schweif begrüßte.

„Sag nur, jetzt hast du dir auch so ein Viech angeschafft.“

„Das ist Lauras Kater. Ich kümmere mich um ihn, während sie ein paar Tage bei ihrer Schwester ist.“

„Da hast du dir was eingebrockt.“

„Ach, er ist gut erzogen.“

„Bitte. Ist die Katze erst im Haus,… Ehe du dich versiehst stehst du in der Kirche mit Anzug und Pfaffen.“

„Das ist keine Katze das ist ein Kater.“

„Wie heißt er denn?“

„Freitag.“

„Der Dreizehnte?“

„Nein, nur Freitag.“

„Schade.“

„Und wie ist das jetzt?“

„Wie ist was?“

„Laura und du. Ihr seid ja jetzt schon lang zusammen. Hat sie schon die Brautjungfer ausgesucht?“

„So ist sie nicht. Wir kommen gut miteinander aus. Keiner von uns will etwas überstürzen.“

„Ah geh. Sie ist doch eine Frau.“

„Und was hat das jetzt zu bedeuten?“

„Kennst du eine, kennst du alle.“

„Bitte, lassen wir das.“

„Bitte. Wenn du mit ihr zusammen bleibst, kommst ja doch nicht drum rum.“

„Wie lang seid Hermi und du grad noch verheiratet?“

„Fast siebzehn Jahre.“

„Passabel.“

„Ich hab mich schon mit vierundzwanzig in die Ehefalle gesetzt. Mit vollem Bewusstsein will ich anmerken. Aber damals hielt ich auch Dauerwellen für chic.“

„Ist es so schlimm?“

„Nicht schlimmer als Schnee im Juli. Weißt was ich meine?“

„Nein.“

„Trottel.“

Er sah Georg ernsthaft an, bis der seinen Blicken auswich. „Ich versteh dich nicht.“

„Was meinst?“

„Du liebst sie doch? Ich mein, im Grunde liebt ihr euch, oder? Auch wenn es manchmal Streitereien gibt. Du bist doch hier um zu reden. Also lass das und red.“

Mit der rechten Hand strich er sich durch das dunkle Haar.

„Weißt, als wir jung waren, haben wir uns doch was ganz anderes vorgestellt. Damals sind wir uns ja auch in die Haare gekommen, aber da war das noch anders. Irgendwie läuft alles darauf hin, dass es so wird, wie wir es nie haben wollten. Manchmal denk ich mir, was sie noch bei mir will.“

„Ihr habt aber schon viel größere Krisen überstanden und sie ist immer noch da, oder nicht? Tu dir doch nicht so viel an wegen eines unsinnigen Streits. Geh nach Hause und red mit ihr.“

„Bringt nichts. Im Moment ist sie nicht sie selbst. Erst wenn ihre Mutter wieder weg ist.“

Ein leises Klingen ertönte. Gerade laut genug, dass man es hören konnte. Felix lauschte, versuchte einen Moment lang irritiert zu orten woher das Geräusch kam, bis ihm einfiel, dass er sein Handy wiedereinmal im Schlafzimmer hatte liegen lassen. Er warf Georg einen entschuldigenden Blick zu und ging ins Nebenzimmer. Das Display verriet ihm, dass es Hermi war.

„Hallo.“

Schnell trat er zurück ins Wohnzimmer.

„Grüß dich Felix. Sag ist Georg bei dir?“

Er warf Georg einen Blick zu, der damit sofort zu registrieren schien, wer am Apparat war und mit Kopf und Händen zu verstehen gab, dass er nicht da war.

„Ja ist er. Wart kurz, ich geb ihn dir.“

Giftig funkelte Georg ihn an und hob sich schwer aus dem Sofa. Mit einem tief verletzten Blick nahm er ihm das Telefon aus der Hand, stellte sich damit ans Fenster und begrüßte Hermi unwirsch. Felix zog sich zurück und betrachtete das Geschehen aus einiger Entfernung. Georg hatte eine geduckte Stellung eingenommen und flüsterte ins Telefon. Ganz leise redete er mit Hermi. Ein etwas mürrischer Unterton war herauszuhören, aber sie schien ihn zu beschwichtigen. Er sah komisch aus, wie er das Gerät fest in der linken Hand an das Ohr gepresst hielt, die Schultern hochgezogen. Er war ein stattlicher, groß gewachsener Mann, meist in Anzug und Krawatte anzutreffen. Sogar an heißen Tagen wie diesem, wenn er nur flüchtig in der Firma vorbei schaute. Jetzt glich er einem kleinen, schüchternen Schuljungen. In dem grauen Sportanzug, den er trug, schien er blass und ein wenig kränklich.

Freitag sprang zu Felix auf das Sofa und drückte sein kleines Köpfchen gegen seinen Ellbogen. Er streichelte ihn und der Kater begann laut zu schnurren. Georg flüsterte nur und Felix tat sich schwer mitzubekommen was geredet wurde. Meistens sprach Hermi und Georg stand unbewegt da und hörte zu. Während des Gesprächs löste sich Georgs verkrampfte Haltung und er begann sogar zu lächeln. Mit einem etwas lauteren:

„Ich liebe dich.“ beendete er die Diskussion und legte auf. „Ich geh jetzt.“

Felix nickte und begleitete ihn zur Tür.

„Machs gut.“

„Danke für den Cognac.“

Langsam ging er die Stufen hinunter. Felix schloss rasch die Tür, damit Freitag nicht hinaus flüchten konnte. Noch immer wusste er nicht so recht, was er von ihrer Ehe halten sollte. So oft schon hatte sich Georg auf der Flucht vor Hermi hierher verirrt. Es gab Zeiten, in denen sie nur noch zu streiten schienen. Und doch basierte ihr Zusammensein auf einer heimlichen Zärtlichkeit und innigen Liebe. Oder war es nur Täuschung? Vielleicht stritten sie auch gar nicht so oft, wie es den Anscheint hatte. Manchmal stellte er sich ihre Beziehung als geheimes Liebesspiel vor. Für die Öffentlichkeit ein streitsüchtiges Pärchen, das nicht gerne eingeladen wurde und so mehr Zeit für sich hatte, um in seliger Zweisamkeit den Frieden auszukosten.

Freitag kam miauend angelaufen, als er vor dem Computer Platz genommen hatte und wollte gestreichelt werden. Verärgert stieß ihn Felix vom Schoß und er trottete sichtlich beleidigt ins Schlafzimmer. Lange noch starrte er auf die leere, weiße Seite und wollte nicht akzeptieren, dass ihm nichts einfiel. Einen kurzen Augenblick spielte er mit dem Gedanken, die zusammengereimte Beziehung von Hermi und Georg in dem neuen Roman unterzubringen, bis er auch diese Idee wieder verwarf. Es hatte immer schon Pausen in seinem Schreiberleben gegeben, die ohne große Inspiration und nur mit viel Mühe zu überwinden waren, doch seit einigen Wochen war sein Kopf leer. Er stand vor dem weißen, unendlichen Nichts und versuchte immer wieder es mit Worten zu füllen, mit denen er endlich doch nichts mehr anzufangen wusste. Selten war er nach der Fertigstellung eines seiner Bücher mit dem Gesamtwerk zufrieden gewesen, doch nun war es jedes Wort, jede Formulierung, jede Phrase die ihn störte. Er gab auf. Es fiel ihm nichts ein. Nicht heute. Vermutlich auch nicht morgen. Vielleicht sollte er sich ein paar Tage nehmen, um den Kopf wieder frei zu kriegen. Aber was für ein Unsinn. Der Kopf war ja frei. Da lag ja der Hund begraben. Ohne weiter darüber nachzudenken, schaltete er den Computer ab und suchte im Wohnzimmerschrank nach seiner Arbeitsmappe. Er wusste, dass er sie nach der Fertigstellung der Texte dort hingelegt hatte. „Wo zum Teufel...“ In der Küche! Gestern Abend hatte er sie bei einem Mitternachtssnack noch einmal überflogen. Dort fand er sie auch. Behutsam blätterte er die Seiten noch einmal durch um sich davon zu überzeugen, dass auch nichts fehlte, steckte sie zusammen mit dem USB-Stick in eine Flügelmappe und beschloss damit in die Redaktion zu fahren.

Der Verkehr glich einer zähflüssigen Masse, die sich gemächlich durch die Straßen bewegte. Es war ausgesprochen heiß draußen. Er stand an der Ampel. Zumindest in der Nähe davon. Immerhin konnte er sie schon sehen. Langsam bewegte sich die Kolonne vorwärts. Ein paar Autos weit, dann kam wieder alles zum Stillstand. Fröstelnd stellte er die Klimaanlage aus und öffnete das Fenster. Augenblicklich überfiel ihn schwüle Sommerstauluft. Das Radio im Nachbarauto war nun deutlich zu hören.

„... auch auf dem Währinger-Gürtel kommt es heute vielfach zu Stau und zähem Verkehr.“

„Was du nicht sagst.“

Er warf dem Mann im Nebenwagen einen bösen Blick zu, als wäre gerade er der Auslöser von allem Übel der Menschheit. Der drehte den Kopf und in seinen Augen funkelte für einen Moment die gleiche Beschuldigung auf. Dann setzte sich die Schlange in Bewegung und die Radiostimme wurde undeutlich leise. Entnervt raufte Felix sich das Haar und lehnte resigniert den Kopf auf die Stütze zurück. Langsam bewegte sich die Kolonne. Gerade so weit, dass es schneller gegangen wäre, wäre er ausgestiegen, um das Auto anzuschieben.

„Unsere Style-Expertin Ramona wird uns jetzt sagen, was diesen Sommer der letzte Schrei ist. Also,... Ramona. Du hast dich in der Welt der Äußerlichkeiten umgesehen, was hast du für uns herausgefunden. – Ja. Mädels lasst das Gold, Silber und die Diamanten zu Hause. Heuer gelten jene Frauen als besonders glänzend, die sich mit Korallen und Türkissteinen schmücken. Lange tropfenförmige Ohrringe, breite Armbänder und lange Ketten um den Hals, davon am besten gleich eine ganze Menge. Sehr gut zur Geltung kommt dies bei gebräunter Haut und weißer Kleidung. Dann seid ihr hundertprozentig instyle...“

Endlich stand er vor der Ampel. Als dritter Wagen. Es wurde grün. Der Erste in der Reihe hatte wohl kaum Zeit gehabt einzuatmen, als der Zweite in heftiges Hupen überging. Felix holte tief Luft und bog aus der falschen Spur heraus ab. Scheiß auf den Verlag. Er musste weg von hier. Raus aus diesem Stau, raus aus dieser Stadt. Er hatte Erich versprochen, die Texte heute noch vorbeizubringen. Spätestens gegen sechs. Jetzt war es nach vier. Erich würde ihn foltern. Aber er war ja nicht hier. Vielleicht würde er ihn anschreien,... wenn er ihn erreichen könnte. Ohne den Blick von der Fahrbahn abzuwenden kramte er in seinem Rucksack, der am Beifahrersitz lehnte und schaltete das Handy aus. Zumindest vor Erich hatte er heute seine Ruhe. Nun galt es nur noch dem Verkehr so gut es ging auszuweichen und die Stadt zu verlassen. Sei es auch nur für ein paar Stunden. Mehr war nicht nötig. Nur einmal tief Luft holen. Das würde dann wieder für die nächsten Wochen reichen. Er brauchte eine ganze Weile durch die Seitengassen bis zur Autobahn und länger als erwartet bis er endlich die Stadt verlassen hatte und das erste Örtchen außerhalb Wiens erreichte. Eigentlich hatte er vor gehabt spazieren zu gehen, doch beim Anblick des kleinen Cafés im Ortszentrum packte ihn das Bedürfnis nach einer guten Tasse Kaffee und einer Zigarette.

An dem verwässertem Kaffee, dem ihm eine grantige, ältere Kellnerin vorgesetzt hatte, verbrannte er sich die Zunge und nachdem er einige Minuten in seinem Rucksack herumgekramt hatte fiel ihm ein, dass die Zigaretten im Handschuhfach lagen. Verärgert holte er seinen Block hervor. Im gleichen Moment wusste er schon, dass er keinen brauchbaren Satz niederschreiben würde. Gelangweilt spielte er mit dem Stift und nippte gelegentlich an der braunen Brühe. Er hatte es sich in einer kleinen Nische gemütlich gemacht – sofern das auf den alten Eichenbänken, mit dünnem rauen Soff überzogen, überhaupt möglich war. Am rechten Nebentisch saß seit seiner Ankunft ein altes Pärchen, das bis jetzt keinen Ton gesagt hatte und gelangweilt Kaffee trank. Der linke Tisch war frei. Einige Zeit beobachtete er das stumme Paar. Wie aus einem Traum aufgeschreckt drehte die Frau plötzlich den Kopf.

„Welcher Tag ist heute?“ Für einen Moment glaubte er, sie hätte ihn gefragt, als der Mann ihm zuvor kam.

„Donnerstag.“

„Schon?“

„Ja.“

„Wie schnell die Zeit vergeht.“

Einen Augenblick herrschte wieder Stille, dann sah der Alte aus dem Fenster.

„Was ist schon Zeit?“

Felix horchte auf und musterte den Mann. Da sagt einer nur einen Satz und schon ist man vollkommen von ihm eingenommen. Für einen Moment löste sich die einfache Szene in dem Café und er tauchte in die Welt der beiden ein, die weit weg war von dünnem Kaffee und harten Sitzbänken. Was ist schon Zeit? Ein seltsamer Gedanke, dass alles was jetzt war, einmal vergessen sein würde. Der schwache Kaffee, das alte Ehepaar, die ganze Welt. Ein Augenblick jagt den nächsten und nichts, gar nichts ist ewig. Außer vielleicht Gott. Falls es so etwas überhaupt gab. Der Gedanke an seine eigene Vergänglichkeit versetzte ihn in eine bedrückte Stimmung und er fragte sich, was er hier eigentlich machte. Er wartete nicht darauf, dass die Kellnerin zum Tisch kam. Mit einem Ruck erhob er sich, trottete zur Theke, zahlte und verließ das Haus. Als er vor dem Café geparkt hatte, war der Wagen in der Sonne gestanden. Nun hatte sich ein Schatten darüber gezogen. Im Auto war es heiß. Er öffnete die Fahrertür mit der Absicht die schwere Hitze entweichen zu lassen, entschied sich jedoch im letzten Augenblick anders und stieg ein. Es war ein heißer Sommer. Der Juni war verregnet gewesen, doch dem folgte ein Juli mit Temperaturen über fünfunddreißig Grad. Sein Bedürfnis im Grünen spazieren zu gehen war verflogen. Dennoch hielt er an einem abgelegenen Parkplatz und lief ziellos und gelangweilt einen Feldweg entlang. Der rote Mohn leuchtete zwischen dem dürren, hohen Gras. Er versuchte darüber so etwas wie Enthusiasmus zu empfinden, bis er merkte, dass es keinen Sinn hatte ein Hochgefühl zu erzwingen und unzufrieden zurück in die Stadt fuhr. Als die Hitze schwerer wurde und die Häuser zahlreicher, war er glücklich und freute sich auf zu Hause. Im gleichen Augenblick beschloss er unvermittelt und bestimmt sich heute noch zu betrinken.

Zu Hause angekommen, begrüßte ihn Freitag mit stürmischen Gefühlsausbrüchen und heftigem Miauen. Konnte es tatsächlich sein, dass er ihn vermisst hatte? Felix ging ins Wohnzimmer, Freitag in die Küche miauen. Erst nachdem Felix die Fenster aufgerissen hatte und eine Weile unbewegt auf dem Sofa gesessen war, fütterte er den Kater und gab ihm Wasser. Jetzt roch es nach Katzenfutter. Überall. Auch im Wohnzimmer. Draußen brach langsam die Dunkelheit herein. Solange es noch hell war, wollte er nichts trinken. Es kam ihm nicht richtig vor. Ohne Gesellschaft bei Tageslicht. Teilnahmslos setzte er sich an den Computer. Er hatte keine Lust zu schreiben, doch wollte sich selbst wenigstens die Befriedigung geben, dass er es versucht hatte; gab aber auch das nach einer Viertelstunde auf. Lange dachte er über den Mann im Café nach, spielte mit dem Gedanken um ihn eine Geschichte zu erdichten und verwarf ihn wieder. Seufzend drehte er sich auf dem Stuhl herum. Still saß er da. Den Ellbogen auf der Lehne abgelegt, das Kinn darauf und sah hinunter. Eine Weile starrte er auf einen kleinen schwarzen Punkt am Parkettboden und versuchte ausfindig zu machen, ob der Punkt nun ein Fleck oder ein Käfer war. Freitag war währenddessen ins Zimmer gekommen und ging zielstrebig auf den Punkt zu, als hätte er das in seiner Abendbeschäftigung eingeplant. Jetzt wo der Punkt vor dem leicht gelangweilten Kater auf und ab kroch, erkannte er das Pünktchen als lebendiges Geschöpf. Wie passten in so eine winzige Schale lebenswichtige Organe? Wie konnte etwas so kleines überhaupt existieren? Wie klein war er selber in der Unendlichkeit? Wie konnte etwas so kleines überhaupt existieren? Freitag sah zu Felix auf und schloss für einen Augenblick die Augen. Für einen Moment schien er wie in Trance. Dann – ganz unvermittelt – zuckte er und schenkte all seine plötzlich aufflammende Aufmerksamkeit dem Käfer. Vorsichtig tastete er mit der Pfote danach, hob sie an, blickte in die kleine Tatze und schüttelte sie fast panisch. Der Käfer landete einen halben Meter neben Freitag, der nur langsam dazu bereit war seine Position zu ändern um den Käfer aufzulecken, zu versuchen auf ihn herumzukauen – was bei dieser Größe ganz unmöglich war und irrsinnig komisch aussah – und ihn wieder auszuspucken. Noch einmal roch er an dem schwarzen Ding und verzog sich dann unbeschreiblich gelangweilt von seinem Opfer, das nach dieser Tortur einen Moment lang benommen still stand, bis es seinen Weg quer über den Fußboden fortsetzte. Er hatte Katzen immer für unheimlich klug gehalten. Bevor er die Verantwortung für eine bekommen hatte. Nun wo er mit Freitag schon ein paar Tage das Quartier teilte, war er eines Besseren belehrt worden. Jeder Mensch, der eine Katze als intelligent bezeichnete, hatte in seinem Leben wohl noch nie eine besessen. Das Telefon neben dem Schreibtisch klingelte und riss Felix gewaltsam aus den Gedanken. Der Schreck ließ ihn auffahren und rascher als üblich nach dem Hörer greifen.

„Bachfeld?“

„Hallo.“

Es war Laura. Natürlich war es Laura. Es gab sonst kaum jemanden der ihn am Festnetz anrief, das er ohnehin nur noch aus Gewohnheit hatte. Doch wusste sie, dass er ebenso dazu neigte sein Handy beim zu Bett gehen auf den Nachttisch neben das Bett zu legen, wenn Laura die Nacht nicht bei ihm verbrachte – nur für den Fall, wie er zu sagen pflegte – und dort zu vergessen, wo er es meist überhörte.

„Schön dich du hören.“

„Geht es dir gut?“

„Ja. Hast du eine schöne Zeit?“

„Anstrengend. Ich hätte bei dieser Reise an Ferien gedacht, jetzt finde ich mich als seelische Beraterin und Kindermädchen wieder.“

Für einen Augenblick musste er an sein Gespräch mit Georg denken und spielte mit dem Gedanken Laura davon zu erzählen. Entschied sich dann aber dagegen. Ihr ging vermutlich genug im Kopf herum, denn auch in der Ehe zwischen ihrer Schwester und deren Mann schien es gerade einmal wieder zu kriseln.

„Haben deine Schwester und Helmut wieder Streit?“, fragte er sie.

„Nur noch.“

„Das tut mir leid.“

Laura überflog das Thema schnell wieder und fragte ihn stattdessen wie er mit Freitag zurecht kam.

„Das mit der Hausarbeitsteilung funktioniert nicht ganz so wie ich mir das vorgestellt habe.“

„Er würde, wenn er könnte.“

„Nicht in diesem Leben.“

„Ist er lästig?“, fragte sie etwas schuldbewusst.

„Nein.“

„Vermisst er mich?“

„Nein.“

„Treuloses Vieh.“

„Er macht es sicher nicht mit Absicht. Ich glaub, nichts was er macht ist absichtlich.“

Laura machte eine Pause. Für einen Moment glaubte er Laura hätte die Verbindung verloren, als sie fragte:

„Ist dir schon etwas zu schreiben eingefallen?“

„Nein, nichts.“

„Das kommt schon noch.“

"Vermutlich." Einen Augenblick lang herrschte wieder Stille. Versunken ließ er sich auf dem Stuhl am Schreibtisch nieder.

„Sag, glaubst du eigentlich an Gott?“, fragte er sie.

„Wie bitte?“

„Wir reden nie wirklich darüber. Ich weiß gar nicht ob ich dich jemals so direkt gefragt habe.“

„Ob ich an Gott glaube?“

Für einen Moment schien Laura sehr abwesend. Er lauschte ihrem Schweigen und versuchte sie sich vorzustellen. Wie sie in diesem Augenblick aussah. Hatte sie die langen, braunen Haare offen oder wie so oft zusammengebunden? Vielleicht war sie auch gerade duschen gewesen. Sie duschte meistens abends. Er stellte sich Laura in einem weißen T-shirt vor, in seinen Boxershorts, die sie anzog, wenn sie bei ihm übernachtete, mit weißen viel zu großen Socken und einem blauen Handtuch um den Kopf gewickelt. Da er nicht wusste, wie es in der Wohnung ihrer Schwester aussah, sah er sie in seiner Küche. Stehend, das eine Bein auf dem Sessel, die linke Hand auf das Knie gelegt. So stelle er sie sich fast immer vor wenn sie telefonierten. Obwohl er sie noch nie auf diese Weise telefonierend in seiner Küche gesehen hatte.

„Wie kommst du jetzt darauf?“

„Ich möchte es gerne wissen.“

„Warum?“

„Warum nicht?“

„Glaubst du denn?“

„Ich weiß es nicht. Du?“

„Ich weiß es auch nicht.“

„Komisch.“

„Was?“

„Ich habe immer angenommen, dass du gläubig bist.“, meinte er.

„Ich bin schon irgendwie gläubig, aber die Frage ´Glaubst du an Gott?´ ist so furchtbar kleinlich. Die Antwortmöglichkeiten darauf sind so beschränkt.“

„Dann sag mir doch woran du glaubst.“

„Nicht am Telefon, das mag ich nicht. Wenn es etwas gibt, was du dir gerne von der Seele reden möchtest...“

„Nein, ich...ich hab nur darüber nachgedacht. Das hab ich schon lange nicht mehr. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch wirklich an Gott glaube oder nur aus Gewohnheit.“

Wieder schwieg Laura einen Augenblick bevor sie antwortete.

„Ja vielleicht. Vielleicht ist das auch ganz egal... Aber müssen wir jetzt darüber reden?“

Ihre Stimme klang matt.

„Es war mir eben ein Bedürfnis.“

„Wir haben aber doch schon öfters über Religionen geredet.“

„Ja. Über Religion und Kirche, aber noch nicht über den Glauben.“

„Können wir das verschieben?“

„Bist du böse?“

„Nur müde.“

„Ich vermisse dich.“

„Ich dich auch.“

„Machs gut.“

„Ich liebe dich.“

„Ich dich auch.“

Sie legte auf. Er erst einige Sekunden später. Eine Weile betrachtete er den leeren Bildschirm, schaltete schließlich den Computer aus und ging in die Küche, um den Cognac zu holen. Es kam ihm unwirklich vor, dass er gerade mit Laura geredet hatte und nun jeder weiter machte wie vorher, ohne zu wissen, was der andere gerade tat. Das Telefon klingelte wieder. Diesmal ließ er es fünf Mal klingeln, bevor er den Hörer abnahm.

„Bachfeld?“

„Hallo.“

„Hallo.“

„Wo warst denn den ganzen Tag?“

„Weg.“

„Dein Handy ist auch ausgeschaltet.“

Felix ließ seinen Blick über den Schreibtisch schweifen. Das Handy musste noch im Schlafzimmer liegen. Daran, dass er es immer noch abgedreht hatte konnte er sich nicht erinnern. Dennoch meinte er zu Georg: „Ich weiß.“

„Hast morgen schon was vor?“

„Kommt darauf an was du willst.“

„Spaßvogel. Hermi und ich wollen dich zum Mittagessen einladen.“

„Da nehme ich dankend an.“

„Schön. Morgen um halb zwölf.“

„Ich werde pünktlich sein.“

„Das will ich sehen.“

„Bis morgen.“

„Ja, bis morgen.“

Er war sich selber nicht ganz sicher, ob er die Einladung von Georg aus ehrlichem Interesse oder nur aus Höflichkeit angenommen hatte. Zusammen mit der Flasche und einem Glas, ließ er sich am Sofa nieder. Der Cognac schmeckte scharf, der Rauch der Zigarette bitter. Beides tat gut. Freitag beobachtete ihn von der Schlafzimmertür aus aufmerksam, trottete schließlich zu ihm hinüber und legte sich dicht neben ihn. Wäre Freitag ein Mensch gewesen, hätte er vielleicht einen guten Saufkumpanen abgegeben.

Es war schon gegen elf als er von dem eindringlichen Miauen des Katers geweckt wurde. Schwerfällig setzte er sich im Bett auf. Sein Kopf war unglaublich schwer und der Mund trocken. Freitag kam fast vorsichtig an sein Bett getapst, sprang auf die Matratze und miaute ihn an.

„Schleich dich.“