Immer am Schwimmen - Jürgen Arndt - E-Book

Immer am Schwimmen E-Book

Jürgen Arndt

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Beschreibung

Männer Mitte 50 Vier ehemalige Wettkampfschwimmer, treffen sich im Sommer 2014 zum 35jährigen Abi-Treffen wieder. Dort entsteht die Idee, noch einmal zusammen eine Staffel bei einem Schwimmwettkampf zu schwimmen, wie früher. Während der Vorbereitung auf den Wettkampf, erinnern sich die Männer an frühere, gemeinsame Erlebnisse. Sie vergleichen Damals mit Heute. Die vier Freunde denken an Zeiten, in denen sie am Schwimmen waren und sie unterstützen sich gegenseitig dort, wo sie aktuell am Schwimmen sind. Auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel gewinnen zwei Ingenieure, ein Controller und ein Psychologe, Mut und Zuversicht für die kommenden Jahre.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Das Buch

Vier ehemalige Wettkampfschwimmer, treffen sich im Sommer 2014 zum 35jährigen Abi-Treffen wieder. Dort entsteht die Idee, noch einmal zusammen eine Staffel bei einem Schwimmwettkampf zu schwimmen, wie früher. Während der Vorbereitung auf den Wettkampf, erinnern sich die Männer an frühere, gemeinsame Erlebnisse. Sie vergleichen Damals mit Heute. Die vier Freunde denken an Zeiten, in denen sie am Schwimmen waren und sie unterstützen sich gegenseitig dort, wo sie aktuell am Schwimmen sind. Auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel gewinnen zwei Ingenieure, ein Controller und ein Psychologe, Mut und Zuversicht für die kommenden Jahre.

Der Autor

Jürgen Arndt, geb. 1960 in Idar-Oberstein, lebt in Esslingen am Neckar. Als Maschinenbau-Ingenieur arbeitete er 20 Jahre im Vertrieb eines Maschinenbauunternehmens. 2006 verließ er die Geschäftsleitung um freiberuflich als Ingenieur, Seminarleiter und Dozent an Dualen Hochschulen zu arbeiten und sein eigenes Bier zu brauen. In seinem ersten Roman beschreibt der Vater dreier erwachsener Töchter typische Lebenswege und Lebensfragen von Männern seiner Generation.

Inhaltsangabe:

Klaus Anreise

Kurts Anreise

Peters Anreise

Michaels Anreise

Die Wanderung

Der Abend

Der Besuch

Klaus und Andrea

Michael und Ina

Kurt und Lisa

Peter und Christine

Klaus und Hans

Peter und Christine mit Anna

Michaels Rückblick

Kurt und Joachim

Klaus besucht Hans

Peters Zusage

Das Treffen im September

Michael und Helga

Michael und Ina

Michael und Karin

Kurt und Herr Bohrer

Peter

Klaus und Andrea

Klaus und Petra

Das Treffen im November

Michael und Günther

Klaus und Andrea

Peter und Fabian

Peter und Dr. Schmidthuber

Klaus und Michael

Kurt und Lisa

Kurts Nachricht

Michael

Kurt

Peter und Dr. Brink

Klaus und Petra

Das Treffen im Januar

Klaus und Petra

Die Vorbereitung

Die Reise nach Köln

Das Abschlusstraining

Das Rennen

Entstehung des Buches

Schlusswort

Namensübersicht

Klaus' Anreise

Klaus hatte seinen Koffer bereits am Freitagabend gepackt. Es war ihm wichtig seine Kleidung möglichst knitterfrei einzupacken. Stress am Samstagmorgen konnte er nicht leiden. Für die Fahrt und die Wanderung wählte er eine Trekkinghose und ein kurzes, kariertes Wanderhemd. Dazu würde er seine Trekkingschuhe anziehen. Er sah aus, wie dem Katalog eines Outdoor-Herstellers entsprungen.

Nach einem gemeinsamen Frühstück war seine Frau Andrea in die Praxis gefahren. Den Hund hatte sie mitgenommen. Der Golden Retriever war ihr Therapiehund. Auf viele Klienten, besonders auf Kinder, wirkte er beruhigend. Die Patienten rannten Andrea seit längerer Zeit die Bude ein. Sie hatte ein gutes Händchen und konnte den meisten Linderung verschaffen. In dieser Woche hatte sie sogar für Samstagvormittag Klienten bestellt. Grundsätzlich begrüßte er Andreas Arbeitseifer. Schließlich war er ja genauso. Deshalb hatte er vor 3 Jahren auch die Stelle des Leiters Controlling bei dem großen Druckmaschinenhersteller bekommen, bei dem er direkt nach dem Studium angefangen hatte.

Der Arbeitseifer seiner Frau war bis vor ca. zwei Jahren noch ganz anders gewesen. Damals hatten die Patienten eben länger warten müssen, bis sie einen Termin bekamen. Begonnen hatte es als Lukas, der jüngere der beiden Söhne, für ein Jahr mit Work and Travel nach Australien aufgebrochen war. Es hatte sich nach Lukas' Rückkehr allerdings nicht geändert. Bei der letzten Steuererklärung hatte er sich gewundert, dass der Umsatz, den Andrea machte, sich in den beiden letzten Jahren nicht erhöht hatte. Das würde er sich demnächst mal genauer ansehen. Diese Gedanken hatten ihn das morgendliche Trainingspiel gegen seinen Schachcomputer heute außergewöhnlich schnell verlieren lassen. Er bereitete sich auf seine Abfahrt vor und prüfte nochmals den Inhalt seines Koffers, bevor er ihn zu machte.

Er hatte sich entschlossen über die A61 und die B41 zu fahren. Das war von Heidelberg der schnellste Weg. Außerdem sollte diese Strecke frei von eventuellen Überresten des Unwetters an Pfingsten sein. Obwohl es schwerpunktmäßig in Nordrhein-Westfalen viele Bäume auf die Straßen und Gleise geworfen hatte, konnten auch andere Waldgebiete betroffen sein.

Bevor er in seine E-Klasse einstieg, ging er wie immer einmal um das Fahrzeug herum. Es war ein Kontrollgang, den er automatisch machte, obwohl er dabei noch nie etwas entdeckt hatte. Er hätte es also sein lassen können, machte es aber trotzdem. Nach dem Einsteigen schaltete er die Zündung ein, prüfte die Position des Rückblickspiegels und gab sein Ziel ins Navigationsgerät ein. Dann startete er den Motor und fuhr los. Das Navi behauptete, er würde mehr als eine Stunde vor der vereinbarten Zeit ankommen. Das beruhigte ihn, denn er verabscheute Druck beim Autofahren, genauso wie Zuspätkommen. Klaus kam immer pünktlich.

Eigentlich hatte er wenig Interesse an den früheren Mitschülern. Trotzdem war es für ihn keine Option, nicht an dem Treffen teilzunehmen. Es war für ihn eine Frage von Solidarität denen gegenüber, die das Treffen organisiert hatten. Er dachte an Michael, mit dem er im Schwimmverein gewesen war. Michaels überhebliche Art hatte ihn damals oft aufgeregt. Dieses Mal nahm er sich vor, sich nicht über ihn zu ärgern. Klaus könnte seinen Job nicht machen, wenn er so oberflächlich wäre wie Michael. Auf Peter und Kurt freute er sich. Sie waren ihm ähnlicher und gehörten auch zur Schwimmerclique.

Als er an der Schule ankam hatte er noch 45 Minuten bis zur vereinbarten Zeit. Außer ihm war noch keiner der ehemaligen Klassenkameraden zu sehen. Er war mal wieder zu früh, wie meistens. So konnte er unbeobachtet seinen Kontrollgang einmal ums Auto machen. Klaus war schon lange klar, dass seine Kontrollgänge etwas Zwanghaftes hatten. Er würde aufpassen, dass Kurt, der Psychologe, davon nichts mitbekommen würde. Der würde das sonst sofort erkennen. Bei diesem Gedanken sprang Michael wieder in sein Bewusstsein. Dieses Großmaul hatte früher jeden provoziert, der Anlass dazu bot. Kaum eine Schwäche, die er nicht ironisch kommentiert oder auf die Schippe genommen hatte. Es verunsicherte ihn, dass er nichts dagegen machen konnte. Immer wenn er versuchte, nicht ums Auto zu gehen und sich sofort entfernte, beschäftigte es ihn so stark, dass er zurückging und es nachholte.

Das Gebäude des früheren Gymnasiums beherbergte seit dem Umzug der Schule in das außerhalb gelegene Schulzentrum einen Teil der Stadtverwaltung und der frühere Schulhof war der Parkplatz für die Angestellten, der samstags für die Öffentlichkeit geöffnet war. Damals hatte es kaum Parkplätze vor der Schule gegeben. Es reichte gerade mal für die Autos der Lehrer. Von den Schülern war nur sehr vereinzelt mal einer mit dem Auto zur Schule gekommen. Klaus schlenderte über den früheren Schulhof vor den sogenannten Neubau. Dann erinnerte er sich daran, dass der Schulhof für die Unter- und Mittelstufe hinter dem Altbau gewesen ist. Der Altbau war ein prächtiges altes Gebäude. Er ging zum anderen Schulhof. Die Pavillons, die damals dort aufgestellt worden waren, um vier weitere Klassenzimmer zu bekommen, gab es nicht mehr. Auch hier parkten Autos. Am Rande des damaligen Schulhofes war immer noch die Mauer, die den ehemaligen Schulhof von dem kleinen Bach trennte, der damals oft durch die Abwässer der oberhalb gelegenen Galvanisier-Betriebe verfärbt war. Als Sextaner-Babies hatten sie in den Pausen in diesen Bach Papierschiffchen hineingeworfen und gegeneinander um die Wette fahren lassen. Klaus spazierte langsam zurück zum Haupteingang, zum Treffpunkt.

Zehn Minuten später trafen Sabine und Petra ein. Sie hatten das Treffen gemeinsam organisiert. Er begrüßte beide mit einer herzlichen Umarmung. Wobei er Petra wesentlich liebevoller umarmte als Sabine. Sabine hatte den kleinen Unterschied wohlwollend wahrgenommen. Vermutlich hatte Petra ihr von ihrem besonderen Verhältnis zu ihm erzählt.

Petra sagte: "Schön, dass du gekommen bist."

"Ich finde es echt klasse, dass ihr die Mühe auf euch genommen habt, das alles zu organisieren", sagte Klaus anerkennend, "Das alleine wäre für mich schon Grund genug zu kommen."

"War auch 'ne Menge Arbeit", meinte Sabine.

Von Sabine erfuhr er, wer alles zugesagt hatte und wer leider nicht kommen konnte. Sie erzählte ihm auch, dass Thomas Bender, mit dem sie beide im Deutsch-Leistungskurs gesessen hatten, letztes Jahr an Krebs gestorben war. Thomas war ihm nicht sonderlich nahe gestanden, da er erst in der Oberstufe an die Schule gekommen war. Die Nachricht berührte ihn trotzdem, vielleicht weil er beim letzten Treffen mit Thomas länger gesprochen hatte. Er hatte ihm erzählt wie gesund er lebte, dass er auf eine ausgewogene Ernährung achte und drei bis viermal in der Woche Ausdauersport treibe. Beruflich und familiär schien es ihm ebenfalls gut zu gehen.

"Klar bekommen Menschen Krebs. Aber warum einer, der so auf sich geachtet hatte?" dachte Klaus

Kurts Anreise

Es war ein wolkenloser Samstag im Juni, als Kurt am späten Vormittag die Garage öffnete. Seine Partnerin Lisa war schon früher gegangen, da sie ihr kleines Cafe um 11 Uhr öffnete und vorher noch einiges vorzubereiten hatte. In der Garage stand sein roter Z3, den er schon länger nicht mehr bewegt hatte. Heute hatte er einen guten Grund, sein schönes Cabrio mit dem 325 PS Motor zu benutzen. Er warf die kleine Reisetasche durch die geöffnete Fahrertüre auf den Beifahrersitz. Dann ließ er sich vorsichtig auf den Fahrersitz gleiten, öffnete das Dach und schnallte sich an. Danach umfasste er das Lederlenkrad und spürte seinen Rücken in dem noch etwas kühlen, seitlichen Halt gebenden schwarz-roten Ledersitz. Passend zur Fahrzeuginnenausstattung trug er eine schwarze Lederweste über einem roten Poloshirt. Unter seinen Bluejeans waren hellbraune knöchelhohe Schuhe zusehen.

Ein paar Sekunden wartete er, bis er den Motor startete. Er liebte diesen Sound. Nachdem er rückwärts aus der Garage gefahren war, zog er die Handbremse an und ließ den Motor laufen, während er ausstieg, um das Garagentor zu schließen. Er sollte endlich mal die Fernbedienung reparieren lassen.

Das leichte Ziehen im Rücken beim Aus- und Einsteigen kannte er: "Ist halt ein Auto für junge Leute", dachte er und fügte schmunzelnd hinzu, "und für Junggebliebene." Er freute sich über seine Selbstironie. Heute konnte ihm so schnell nichts seine gute Laune verderben.

Beim Losfahren dachte er an die schöne Strecke, die er sich herausgesucht hatte. Abseits der Autobahnen ging es von Freiburg zuerst ins Elsass, dann durch Lothringen und das Saarland bis ins obere Nahetal, wo er aufgewachsen war. Er hatte genügend Zeit eingeplant, um auf dieser Route rechtzeitig zum Klassentreffen zu kommen. Klassentreffen nach 35 Jahren. Das Abitur war ganz schön lange her.

Beim Verlassen der Kreisverkehre in Frankreich ließ er den M3 immer wieder mal sein Drehmoment entwickeln und genoss dabei die Beschleunigung des Fahrzeugs. In einem der kleinen Städtchen hielt er vor einem Bistro an. Er setzte sich an einen der Tische in die Sonne und bestellte einen Cafe au lait und ein Croissant. Seine vier Jahre Schulfranzösisch, 7te bis 10te Klasse, reichten gerade noch für die Bestellung. Die Französin, die ihn bediente, erinnerte ihn an seine Ex-Frau Martina, die nun schon seit fünf Jahren tot war.

Es kam in letzter Zeit häufiger vor, dass er an Martina denken musste, obwohl er schon mehr als zehn Jahre von ihr geschieden war und er seit acht Jahren mit Lisa liiert war. Die ältere seiner beiden Töchter hatte ihm ein Jahr nach Martinas Tod etwas aus dem Tagebuch ihrer Mutter vorgelesen. Sie hatte scheinbar während ihrer Ehe ein längeres Verhältnis, von dem er nichts mitbekommen hatte. Wer der Mann war, wegen dem sie ihn verlassen hatte, hatte sie nicht geschrieben. Es wurmte ihn, dass er damals nichts davon mitbekommen hatte. Typisch, wenn es um einen selbst geht, bekommen Therapeuten nichts mit. Bei seinen Patienten hatte er oft den richtigen Riecher, wenn es um Partnerschaftsprobleme ging.

Kurt genoss die Ruhe. Nur wenige Autos rollten entspannt vorbei. Dieses kleine französische Nest schlummerte an diesem Samstagmittag freundlich vor sich hin. Der Kaffee schmeckte ideal zu dem Croissant, welches innen unnatürlich gelb war, wie er es aus Frankreich kannte. Er beendete seine Pause, legte fünf Euro auf den kleinen Bistrotisch und schlenderte zu seinem roten Cabrio, das in der Sonne glänzte. Hinter sich hörte er ein erfreutes "Merci". Er drehte sich um und lächelte der attraktiven Französin ein "au revoir" zu. Dann fuhr er weiter Richtung Norden. Beim Fahren ließ er seine Gedanken mäandern, wie es sein Cabrio über die kleinen elsässischen Straßen auch machte.

Er dachte an seine Schulzeit. Besonders die letzten Jahre vor dem Abi hatte er sehr angenehm in Erinnerung. In der Oberstufe hatte er sich seinen Lieblingsfächern, Mathematik, Englisch und Sozialkunde gewidmet.

Neben der Schule verbrachte er viel Zeit im Schwimmverein. Drei seiner Klassenkameraden waren ebenfalls im Schwimmverein gewesen. Ob sie heute wohl auch kommen würden? Damals waren sie die Stützen der Schulmannschaft, die es zweimal hintereinander geschafft hatte, als beste rheinlandpfälzische Mannschaft zum Bundesentscheid von "Jugend trainiert für Olympia" nach Berlin zu fahren. Das war 'ne tolle Zeit. Zumal das Abitur ihn wesentlich weniger gestresst hatte, als er es bei seinen beiden Töchtern miterlebt hatte. Von seinen Klassenkameraden hatte er in den letzten Jahren wenig gehört. Das letzte Klassentreffen für ihn war zehn Jahre her. Damals waren von den 63 Abiturienten des Jahrgangs nur 24 gekommen.

Er dachte an die Zeit nach dem Abitur, als er seinen Zivildienst beim Roten Kreuz abgesessen hatte. Nach den ersten Notarzteinsätzen, bei denen er den Rettungswagen fahren durfte, war es eine eher langweilige Zeit gewesen. Aber er hatte sich durchgesetzt und den Kriegsdienst verweigert. Seinem Vater hatte das gar nicht gefallen. Seinen Entschluss, Psychologie zu studieren, fand er dagegen gut. Er begrüßte es auch sehr, dass er dazu nach Freiburg gegangen war, ganz im Gegenteil zu seiner Mutter. Die hätte ihn am liebsten in ihrer Nähe gehabt. Gehörte das zum Los von Einzelkindern? Im Studium hatte er gelernt, welche Auswirkungen das auf das ganze Leben haben kann. Anfangs hatte es ihn noch gewundert, dass sehr viele seiner Patienten Probleme mit ihrer Mutter hatten, die sie nicht loslassen wollte. Es dauerte lange, bis er bemerkte, dass das auch eines seiner Themen war und vielleicht immer noch ist. Er kannte einige Psychologen, denen es ähnlich ging.

Freiburg war für ihn als Student eine Wucht gewesen. Kein Vergleich zur Provinz. Die ersten Semester war er selten in den Vorlesungen anzutreffen. Er war beschäftigt mit Uni-Sport, dem Nachtleben und der Überzahl an Studentinnen in seiner Fakultät. Erst als er im sechsten Semester Martina kennengelernt hatte, war er etwas ruhiger geworden und hatte sich intensiver seinem Studium gewidmet.

Er träumte seinem Ziel entgegen. Dabei dachte er daran, wie er Lisa kennengelernt hatte. Sie leitete damals den Yoga-Kurs, den er belegt hatte, um aus der Depression herauszukommen, in die er sich nach der Trennung von Martina zurückgezogen hatte. Lisa war das krasse Gegenteil von Martina. Martina hatte ihn "auf Spur gebracht". So hatte sie es selbst einmal ausgedrückt. Sie wusste, was sie wollte und wie alles zu sein hatte. Sie hatte alles im Griff und plante alles auf das Genaueste. Sie wusste auch genau, was die beiden Töchter wann taten, zumindest glaubte sie das sehr lange. Kurt erinnerte sich an den Moment, als seine jüngste Tochter ihren Eltern erklärte, dass sie bereits seit sieben Monaten einen sechs Jahre älteren Freund habe, sich aber nicht getraut hatte, das zu erzählen, weil die Mama sich immer einmischen würde. Worauf sie keinen Bock hatte.

Lisa dagegen hatte kein Interesse, an ihm rumzuerziehen. Sie machte ihr Ding und ließ andere ebenfalls ihr Ding machen, auch Kurt. Sie lebte das Motto: "Die Liebe ist ein Kind der Freiheit." Es war nicht immer einfach für Kurt mit Lisas unabhängiger Grundeinstellung umzugehen. Immer, wenn sie sich angeregt mit anderen Männern unterhielt, merkte er, wie seine Eifersucht in ihm hochkroch. Er, der Psychologe, eifersüchtig? Lisa wusste das und sie hatte es ihm im Streit auch schon an den Kopf geworfen.

In Forbach überquerte er die Grenze von Frankreich nach Deutschland. Auf der rechten Seite sah er die Spicherner Höhe, wo im ersten Weltkrieg viele Soldaten ihr Leben gelassen hatten. Zufrieden dachte er daran, dass er den Wehrdienst erfolgreich verweigert hatte, was Ende der 70er Jahre nicht selbstverständlich gewesen ist. Von hier dauerte es noch ungefähr eine Stunde bis zum Treffpunkt.

Wieder in Deutschland hörte er im Radio einen Bericht zur laufenden Fußball-WM. Fußball interessierte ihn wenig. Trotzdem hörte er sich an, was der Kommentator zu berichten hatte. Irgendwie hörte es sich so an, als habe die deutsche Mannschaft bei dieser WM in Brasilien gute Chancen ganz oben mitzumischen. Ein Sieg würde die Fans begeistern auch wenn er nicht so große Wirkung haben würde wie der von 1954. Im Ausland würde ein deutscher Erfolg das deutsche Streberimage verstärken.

Kurt kam ca. 20 Minuten vor der vereinbarten Zeit zum Treffpunkt. Acht Leute standen dort zusammen. Sie sahen zu ihm herüber als er einparkte und beobachteten wie er sein Cabrio-Dach zuklappte. Er achtete darauf trotz seiner leichten Rückenschmerzen dynamisch aus dem tiefliegenden Sitz auszusteigen. Durch sein sonntägliches Rennradfahren war er für einen aus der Ü50-Fraktion überdurchschnittlich fit. Sechs der acht erkannte er sofort als ehemalige Klassenkameraden. Die siebte Person erkannte er erst als er genauer hinsah. Die achte, eine sehr korpulente fröhlich wirkende Frau, konnte er nicht zuordnen. Er hingegen wurde nicht von jedem sofort erkannt. Seine rasierte Glatze und der Dreitagebart gaben ihm ein anderes Aussehen als beim letzten Treffen vor 10 Jahren. Vor fünf Jahren war er nicht dabei gewesen. Damals hatte er eine zweite depressive Phase und nicht die Kraft für das Treffen gehabt. Dieses Mal hatte er sich schon im Vorfeld sehr drauf gefreut seine ehemaligen Klassenkameraden wiederzusehen, besonders die aus dem Schwimmverein.

Peters Anreise

Er hörte zwei Schläge der Turmuhr. Es begann hell zu werden. Deshalb vermutete er, dass es halb fünf sein müsste. Immerhin war er in dieser Nacht nicht wieder schweißgebadet aufgewacht, wie die beiden Nächte davor. Müde fühlte er sich trotzdem. Deshalb blieb er auch noch liegen und wälzte sich immer wieder hin und her. Wie gut, dass er und Christine seit über zwei Jahren getrennte Schlafzimmer hatten. So störte er sie nicht, wenn er in der Nacht wach lag, und sie konnte so früh ins Bett gehen, wie sie wollte. Sie brauchte ihre acht Stunden Schlaf. Davon war sie überzeugt. Ihn störte es nicht, wenn sie abends früh verschwand. Lange Gespräche zwischen ihnen waren selten geworden.

Sie widmete sich in ihrer Freizeit ihrem Pferd. Er ging am Wochenende gerne zum Segelflugplatz, wo er mit Harald zusammen ein Segelflugzeug besaß. Harald war ein netter Kerl, den er schon genauso lange kannte, wie er Mitglied im Segelflugverein war. Früher war er oft geflogen und hatte auch größere Strecken zurückgelegt. Einige Male war er mit seinen Dreiecksflügen auch in die Wertung in der zweiten Bundesliga gekommen. Heute flog er nur noch bei guter Thermik und wenn er und nicht sein Fliegerfreund Harald an der Reihe war.

Um viertel nach fünf stand er auf, ging in die Küche und machte sich einen Kaffee. Wie jeden Morgen schaltete er die Nespresso-Maschine ein, öffnete das Magazin und legte eine Kapsel mit Lungo-Kaffee der Stärke fünf ein. Er genoss es, seinen obligatorischen Aufwachkaffee in einer Minute frisch gemacht zu bekommen, Alukapseln hin oder her. Mit der Kaffeetasse schlich er zurück ins Bett und schaltete sein Smartphone ein. Keine Nachricht, nur die Erinnerung an das bevorstehende Klassentreffen schickte einen Benachrichtigungston. Um 15 Uhr war der Treffpunkt für die nachmittägliche Wanderung. Er sollte um 9 Uhr losfahren, um pünktlich dort zu sein. Den Kaffee trank er in kleinen Schlückchen. Dazwischen streckte er sich im Bett aus. Das fühlte sich gut an. Nur seine Augen brannten etwas. Er hatte zu wenig geschlafen. Seit einigen Monaten war durchschlafen eher selten geworden. Warum, wusste er nicht. Es ging ihm doch gut.

Unter der Dusche wurde er richtig wach. Danach stand er vor dem Spiegel, rasierte sich und achtete dabei darauf seinen Schnurrbart nicht zu verletzen. Mit seinen dunklen Haare setzte er sich von fast allen Altersgenossen ab.

"Mal sehen, wie meine früheren Klassenkameraden zwischenzeitlich ergraut sind", dachte er.

Es war kurz vor sieben als er seine Frau auf dem Gang hörte.

Er öffnete die Badtüre und sagte ihr auf dem Gang: "Guten Morgen."

Sie winkte ihm verschlafen zu und schwebte mit ihrem fast durchsichtigen Nachthemd Richtung Küche. Dort trank sie wie jeden Morgen erst einmal ein Glas lauwarmes Wasser. Dann schaltete auch sie die Nespressomaschine ein und machte sich einen Espresso der Stärke 10. Mit dem setzte sie sich auf die Ledercouch im Wohnzimmer, winkelte ihre Beine ab und legte die Füße auf dem Tisch ab. Peter setzte sich mit seinem zweiten Lungo dazu.

"Wie hast du geschlafen", fragte sie ihn.

"Ich habe durchgeschlafen, bin nur etwas zu früh aufgewacht. Und was liegt bei dir heute an?" fragte er sie.

"Ich fahre zu dem Dressur-Reitturnier nach Straubing."

"Reitest du mit?"

"Nein, das habe ich doch seit Jahren nicht mehr gemacht. Das weißt du doch", sie schüttelte leicht den Kopf.

"Könnte doch sein. Schließlich reitest du wesentlich häufiger als früher. Vielleicht hast du ja heimlich trainiert. Können könntest du es doch, oder etwa nicht?"

"Weiß nicht. ....Wann fährst du los?"

"Ich muss um 9 Uhr los."

"Und wann kommst du zurück?" wollte sie wissen.

"Ich habe vor, morgen zurückzufahren. Spätestens um 18 Uhr will ich wieder da sein. Die nächste Woche wird anstrengend."

"Was liegt an?"

"Die Abgasvorschriften machen uns immer mehr Probleme. Und für den Hersteller der saubersten Dieselmotoren ist das extrem anstrengend."

"Naja, die Verkaufszahlen geben euch ja Recht."

"Das soll auch so bleiben. Deshalb stehen wir in der Entwicklung so unter Druck", und nach einer kurzen Pause: "Ich packe dann mal meine Sachen."

Er verschwand im Schlafzimmer und packte das nötigste für zwei Tage zusammen. Auf jeden Fall musste er Ersatz-Jeans und -Hemden mitnehmen, um sich nach der Wanderung umziehen zu können. Beim Wandern kam er regelmäßig ins Schwitzen und im verschwitzten Hemd wollte er dann nicht im Lokal rumsitzen.

Christine fragte, "Nimmst du die BMW oder den Audi?"

"Ich nehm den A6. Das ist fast alles Autobahn. Da hab ich nichts vom Biken."

Er verabschiedete sich indem er den Kopf zur Seite neigte, den rechten Unterarm senkrecht stellt, damit hin und her winkte und "Servus" sagte. Sie warf ihm eine Kusshand zu und wünschte ihm viel Spaß. Diese Art der Verabschiedung hatte sich seit langem eingespielt. Körperliche Berührungen waren selten geworden. Streit gab es fast nie.

Er hatte sich für die A9 und die A6 entschieden, da er die A8 nicht leiden konnte. Auf der A9 war er mit den anderen Audis und BMWs links unterwegs und kam sehr schnell voran. Die Verbrauchsanzeige schwankte zwischen acht und 15 Litern pro 100 km. Auf der A6 reduzierte sich der Verbrauch über weite Strecken auf sechs bis zehn Liter.

"Baustellen haben etwas Energiesparendes", dachte er, "aber auch etwas Nervendes."

Unterwegs dachte er an die, in der vorletzten Woche gemachten, Abgasmessungen an einem der Versuchsfahrzeuge. Die hatten keinem gefallen. Da mussten sie nachbessern. Vermutlich würde sein Team am Montag damit beauftragt werden. Keine leichte Aufgabe. Er hatte keine Idee, wie sie das schaffen sollten.

Die A6 führte seinen A6 an Kaiserslautern vorbei. Dort hatte er Elektrotechnik studiert. Eine etwas langweilige, wenig attraktive Stadt mit amerikanischem Flair. Viele US-Soldaten waren in der Gegend stationiert, und die US-Airbase Ramstein lag in der Nähe. Als er dort studierte, hatte wenigstens der 1. FCK beim Fußball für Stimmung gesorgt und in der ersten Bundesliga mitgemischt. 1998 hatten die Grünen Teufel vom Betzenberg, mit Otto Rehagel im Jahr des Wiederaufstiegs in die erste Bundesliga sofort die Meisterschaft gewonnen. Diese Zeiten gehörten lange der Vergangenheit an. Heute war die zweite Liga schon eine ernste Herausforderung.

Er dachte darüber nach, was sein Professor im Wahlfach Unternehmensführung gesagt hatte. Unternehmen, die es ganz nach oben geschafft haben, tun sich oft schwer diese Position zu halten. Fußballvereine sind schon lange Unternehmen. Der 1.FCK war ein Beleg für die These des Professors. Der Erfolg des FC Bayern München war ein klares Gegenbeispiel. Als Wahlbayer freute er sich darüber. Bayern war nicht nur beim Fußball besser als Rheinland-Pfalz. Es war ein gutes Gefühl auf der Gewinnerseite zu leben.

Er kam ca. 15 Minuten vor der vereinbarten Zeit zum Treffpunkt. Auf der Strecke nach der Autobahn war er einem roten Z3 gefolgt, den er durch seinen Tankstopp kurz vor dem Ziel verloren hatte. Bevor er zum Treffpunkt gefahren war, hatte er im Hotel eingecheckt. Zu seiner Überraschung stand genau jener Z3 dann auf dem Parkplatz vor der Schule. Er parkte seinen A6 direkt daneben und war gespannt, wem der schicke Flitzer gehörte. Dynamisch sprang er aus dem Wagen, warf die Tür zu und ging zügig auf die Gruppe zu, die am Treffpunkt wartete.

Als er ca. fünf Meter entfernt war, rief er: "Wem gehört denn das rote Spaßmobil?"

Kurt drehte sich um: "Paragraph 218b, das Kind im Manne darf nicht abgetrieben werden. Das ist meiner."

Und Peter entgegnete: "Ich wusste gar nicht, dass eine Therapie am inneren Kind so viel Spaß machen kann. Ich hätte auch Psychologie studieren sollen. Hey, Kurt. Wie geht's?"

"Wie soll es mir gehen, nach einer wunderbaren Anreise im offenen Cabrio durchs Elsass?"

Peter fragte Kurt: "Hast du gesehen, Tonys Murksmühle steht noch, ist aber keine Kneipe mehr drin? Schade."

Er meinte die Kneipe neben der Schule, die Burgmühle. Dort hatten sie in der Oberstufe so manche Hohlstunde am Flipperautomat zugebracht und sich Samstagsabends auch mal zum Stiefel trinken getroffen. Die Burgmühle war nach dem Umzug der Schule in das neue Schulzentrum außerhalb des Ortes geschlossen worden, nachdem die Hauptkundschaft abgewandert war. Das wäre die richtige Kneipe für das Klassentreffen gewesen.

Michaels Anreise

Michael spürte beim Aufwachen, dass Ina ihn liebevoll berührte, wo er es am liebsten hatte. Es dauerte nicht lange bis er ihre Lust erwiderte und langsam in sie eindrang. Diese innigen Vereinigungen am Morgen liebten sie beide. Er hielt er sie noch ein paar Minuten im Arm, bevor er aufstand und in die Küche ging, um für beide einen italienischen Espresso zu machen. Mit einer bunten Designertasse in jeder Hand kam er zurück ins Schlafzimmer, wo Ina ihn lächelnd erwartete. Sie lag nackt auf dem Rücken und drehte sich auf die ihm zugeneigte Seite, um ihm ihre Tasse abzunehmen.

"Danke. Deine Espressos sind fantastisch. Ein genialer Start in den Tag", strahlte sie ihn an.

"Wie? Unser Start war doch besser als der Espresso je sein könnte oder haben sich deine Prioritäten geändert?" insistierte Michael.

"Du Wortklauber! Du hast natürlich Recht. Zuerst körperliche Nähe vom Besten, dann Espresso vom Feinsten. Unsere Rituale haben was", stellte sie fest und wollte dann wissen: "Wann fährst du los?"

"In zwei Stunden."

"Glaubst Du, wir bekommen noch ein Kind? Ich würde mich so freuen", fragte Ina, ohne dabei ihre optimistische Art abzulegen.

Das schätzte Michael an ihr. Er hatte schon mehrfach mitbekommen, dass Frauen beim Thema Kinderwunsch sehr schnell ins Drama gingen. Auch wenn er nun schon 54 Jahre alt war, konnte er sich ein gemeinsames Kind mit Ina vorstellen. Sie wäre bestimmt eine gute Mutter und er ein stolzer Vater. Sie hatten sich beide untersuchen lassen. Dabei waren keine körperlichen Gründe gefunden worden, die gegen eine Schwangerschaft sprechen würden. Trotzdem klappte es seit vier Jahren nicht.

"Machst Du mir noch einen Espresso?"

"Gerne."

"Oder lieber einen Macchiato", korrigierte sie ihren Wunsch.

"Wird gemacht."

Nach einigen Minuten kam Michael mit dem Macchiato für Ina und einem Cappuccino für sich zurück ins Schlafzimmer. Wenn er aufgeschäumte Milch hatte, gönnte er sich anstatt des morgendlichen Espressos gerne einen Cappuccino. Er küsste sie als er ihr die kleine Tasse überreichte. Sie legten sich nebeneinander aufs Bett und genossen ihre Kaffeekreationen und die morgendliche Wärme des Sommers.

Sie fragte ihn: "Freust Du Dich auf euer Treffen?"

"Ja, sehr. Ich bin gespannt, was die anderen in den vergangenen fünf Jahren so erlebt haben. Und wer sich wie gut gehalten hat. Und was wirst Du am Wochenende machen?"

"Ich treffe mich mit Elke. Wir suchen gerade noch zwei Mitspielerinnen, damit wir Beachvolleyball spielen können. Sonst habe ich noch keine konkreten Pläne."

Während Michael duschte, blieb Ina im Bett liegen und las in ihrem Buch.

Als er frisch geduscht zurückkam, meinte sie: "Du siehst gut aus." Und etwas verschmitzt: "Hast Dich gut gehalten für Dein Alter."

Ihr war nicht entgangen, dass er seinen kleinen Bauchansatz durch Anspannen der Bauchmuskeln versteckte. Er packte seine Sachen in einen kleinen Koffer bevor er sich anzog. Das Packen seiner Sachen war Routine für ihn. Als Vertriebsingenieur war er viele Jahre fast jede Woche international unterwegs gewesen.

Als er die Unterhose anzog, die oben auf dem Stapel lag, hielt er kurz inne. Es war die einzige rote, die er besaß. Er zog sie an.

Ina blickte auf und lachte. "Was willst Du denn mit der beim Klassentreffen?"

Diese selbstbewusste Frau wurde nicht so schnell eifersüchtig.

"Soll ich eine andere anziehen?"

"Quatsch. Die steht dir."

Er musste unweigerlich an die vielen, von Misstrauen und Eifersucht befeuerten, Streitgespräche mit seiner früheren Partnerin Regina denken. Wie hatte er das nur so lange ausgehalten? Ina war eine so entspannte Frau, ein Geschenk.

Jeans, blau-weißes Polohemd, weiße Socken und hellbraune Segelschuhe aus Leder machten aus dem braungebrannten, graumelierten Michael einen attraktiven Mittfünfziger, der die Rollex, die er seit vielen Jahren trug, nicht nötig hätte, um aufzufallen. Sein Charisma und seine Selbstsicherheit bildeten zusammen mit seiner Redegewandtheit für manche Zeitgenossen eine unheimliche Mischung. Genau das faszinierte Ina.

Michael umarmte Ina in der Küche nachdem sie noch einen Espresso getrunken hatten. Er liebte es, seine langen Arme um ihre schmale Taille zu legen. Sie küsste ihn. Dann ging sie mit ihm vor die Tür und sah ihm zu, wie er seinen kleinen Koffer in seinem Citroen verstaute. Sie winkte ihm und ging zurück ins Haus während er das Navigationsgerät programmierte. Er sah ihr hinterher. Dieses sportliche Weib hatte eine tolle Figur und einen federnden Gang, der ihren sportlichen Hintern elegant bewegte.

Die empfohlene Route führte ihn über die A8 nach Karlsruhe und durch die Pfalz in die frühere Heimat, die zwischenzeitlich zu den wirtschaftlich abgehängten Regionen in Deutschland gehörte. Die Fahrt durch die Pfalz erinnerte ihn an seine Heimfahrten während des Studiums. Damals als die B41 über Bad Kreuznach noch zweispurig war, war er über Kaiserslautern mitten durch den Pfälzer Wald nach Stuttgart gefahren, wo er immer noch lebte.

Während der Fahrt dachte er an seine Schulzeit. Am liebsten waren ihm die Lehrer gewesen, die er als 68er bezeichnete. Die hatten eine liberale Grundeinstellung und ein offenes Ohr für Querdenker. Er gehörte zu den Schülern, deren Namen neue Lehrer als erstes wussten. Er provozierte seine Lehrer gerne, um festzustellen, wie sie drauf waren. Die souveränen Lehrer, die sich nicht provozieren ließen und dann auch noch schlagfertige Antworten parat hatten, achtete er besonders. Die Schwachen, die sich schnell auf die Palme bringen ließen, ließ er einfach dort oben sitzen. Er erinnerte sich gerne an seine Schulzeit und er bemerkte, dass ihm die Fächer besonders gefallen hatten, die von einem tollen Lehrer unterrichtet wurden.

Am Heimatort angekommen, fuhr er zuerst zu seiner Schwester. Bei ihr hatte er sich für die Übernachtung angemeldet. Sie hatte ihn erwartet. Er umarmte sie, stellte seine Sachen in das Gästezimmer und wollte gleich wieder los, als sie ihn fragte: "Na, hast du noch Zeit für einen kleinen Espresso? Die Maschine habe ich schon aufgeheizt."

Von dieser netten Frage ließ er sich augenblicklich abbremsen: "Du bist ein Schatz. Ja, gerne."

Während sie die Siebträgermaschine bediente, sagte er ihr, dass er am nächsten Tag etwas Zeit habe und er sich darauf freue."

Isabell machte den besten Espresso, den er kannte. Sie ließ sich die Kaffeebohnen von einer kleinen Privatrösterei schicken und mahlte sie dann erst kurz vor der Verwendung. Nachdem sie die Spezialität genossen hatten, sagte Isabell zu ihrem älteren Bruder: "So jetzt aber los, damit du nicht zu spät kommst."

"Schon zu spät. Wir treffen uns genau jetzt", grinste er im Gehen.

Zehn Minuten nach der vereinbarten Zeit kam er zu seinem früheren Gymnasium. Über 30 Leute standen dort in Grüppchen zusammen.

Einer rief in seine Richtung: "Genau wie damals. Unser Showman kommt erst, wenn das Publikum bereits wartet."

Michael ging gelassen aber zügig auf die Gruppe zu. "Schön, euch zu sehen," sagte er, "und schön, dass Ihr auf mich gewartet habt."

Sabine, eine der beiden Organisatorinnen des Treffens meinte, dass bis auf einen, Hans-Ulrich, alle da seien. Der würde nach der Wanderung dazukommen. Er habe erst vor 6 Wochen ein künstliches Hüftgelenk bekommen.

Die Wanderung

Sabine und Petra stellten sich an den Rand der Gruppe und baten um die Aufmerksamkeit der ehemaligen Klassenkameraden.

"Wir haben es geschafft," sagte sie. "Alle 36 sind pünktlich zur Schule gekommen, wenn wir die akademische Viertelstunde hinzunehmen."

Sie grinste und blickte zu Michael, "Das ist ein guter Anfang. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, sagte schon Hermann Hesse."

"Der Deutsch-Leistungskurs wirkt heftig nach," rief Hartmut in die Runde und freute sich über seinen Witz.

"Wir gehen jetzt hier von unserer alten Schule zum heutigen Standort des Gymnasiums. Unterwegs werden wir eine kleine Stärkung zu uns nehmen. Also dann los. Mir nach."

Die Gruppe setzte sich langsam in Bewegung. Einige setzten die beim Rumstehen begonnen Gespräche fort. Andere gesellten sich zueinander und brachten sich gegenseitig auf den neuesten Stand. Das letzte Treffen war für einige fünf, für andere zehn Jahre her.

Sie gingen in die Innenstadt und durch die Fußgängerzone, durch die sich damals noch der gesamte Autoverkehr gedrängt hatte. Die Lage in dem engen Flusstal hatte eine Ortumgehung unmöglich gemacht. Deshalb war ungefähr 10 Jahre nachdem sie die Schule, und viele von ihnen auch die Stadt verlassen hatten, eine genau über dem Fluss gebaute Durchgangsstraße eröffnet worden. Manche hatten vom Sarg des Flusses gesprochen. Die Innenstadt war durch die neu entstandene Fußgängerstraße wesentlich kundenfreundlicher geworden. Trotzdem hatten in den folgenden Jahren viele der Einzelhandelsgeschäfte schließen müssen, da die Umsätze nicht mehr ausreichten. Ein-Euro-Läden und einige leer stehende Gebäude in der Einkaufsstraße waren Zeugen des wirtschaftlichen Niedergangs dieser Region. Seit der Wiedervereinigung wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass im Osten viele junge Menschen ihrer Heimat den Rücken kehrten. Ihre Heimatstadt am Rande des Hunsrücks erlebte einen ähnlichen Einwohnerschwund, wie viele ostdeutsche Städte.

Beschwingt spazierten sie durch die Fußgängerzone und erinnerten sich an früher. Am Ortsausgang folgten sie einem damals noch nicht gebauten Radweg direkt neben dem Fluss, der sich dort von seinem Sarg befreite. Es war eine wildromantische Strecke zwei Meter oberhalb des Flusses, den die Römer "die Reißende" genannt hatten.

Peter und Kurt hatten zu Beginn der Wanderung mit Kurts Z3 begonnen und das Thema BMW mit Peters Zwei-Zylinder-Boxer fortgesetzt. Ein Wettrennen der beiden PS-starken Fahrzeuge war heute kein Thema. Früher wäre es das vielleicht gewesen.

Peter fragte Kurt, "Schwimmst du noch?"

"Nee! Du?" wollte Kurt wissen.

"Ja, immer wieder. So alle zwei bis drei Wochen sonntags über Mittag, da sind die anderen meist beim Essen und die Bahnen sind relativ frei. Im Sommer gehe ich am Wochenende manchmal morgens im Baggersee schwimmen, um wach zu werden."

"Cool." sagte Kurt anerkennend, "sollte ich auch mal wieder probieren. Ich fahre fast jeden Sonntag zirka drei Stunden mit dem Rennrad. Früher waren es noch 5 Stunden gewesen. Das tut mir auch richtig gut. Wenn's mir unter der Woche zu stressig wird, mache ich auch mal einen kurzen Lauf im Wald. Meist nur für eine halbe Stunde. Einmal so richtig durchschwitzen macht den Kopf frei."

"In der warmen Jahreszeit bin ich an den Wochenenden oft beim Segelfliegen. Früher mehr heute weniger", fügte Peter hinzu.

Klaus hatte sich zu Sabine und Petra gesellt. Sabine hatte die beiden alleine gelassen, da sie den anderen den, von ihr ausgesuchten, Weg zeigen wollte. Die Vorhut war falsch abgebogen.

Petra nannte es Seelenverwandtschaft. Für Klaus war es eine wichtige Freundschaft. Wie eine Männerfreundschaft, von deren Intensität seine Frau allerdings nichts wusste. Andrea wusste zwar, dass er hin und wieder mal Kontakt zu Petra hatte. Sie wusste nicht, dass er Petra immer wieder anrief, wenn er ihren Rat brauchte. Sie war für ihn eine wichtige Beraterin. Die Freundschaft zu ihr unterschied sich jedoch wesentlich von einer Männerfreundschaft, da er mit Petra zusammen gewesen war, bevor er seine Frau Andrea kennengelernt hatte. Er hatte sich von ihr getrennt, da sie damals heftige Drogenprobleme hatte und sich ihr Studentengehalt mit gelegentlichen bezahlten Männerbesuchen aufbesserte. Die Tiefen der Drogenabhängigkeit und die anschließenden Therapien hatten sie zu einer noch interessanteren Gesprächspartnerin gemacht und zu einer erfahrenen Mitarbeiterin in der Drogenberatung in Berlin. Später war sie dann wieder zurück in die Heimat gezogen.

Einmal hatte er mit ihr noch geschlafen, nachdem er und Andrea bereits ein Paar gewesen waren. An den Sex mit Petra dachte er gerne und oft. Heute hatte sie diese wilde Zeit lange hinter sich gelassen. Sie war verheiratet, hatte allerdings keine Kinder. Als er Petra umarmte bemerkte er, wie extrem erotisch sie auf ihn wirkte. Ihre Attraktivität hatte in den Jahren nicht nachgelassen.

"Sag mal, wie geht es Dir mit Deiner Andrea?" fragte sie ihn.

"Wie meinst du das?"

"Naja, so richtig glücklich erschienst du mir bei unserem letzten Telefonat vor drei Wochen nicht gerade zu sein. Deine Stimme wirkte gepresster als sonst."

"Echt?" Klaus fühlte sich mal wieder von Petra ertappt. Dabei hatte er ihr nichts erzählt von seinen Gedanken über Andreas Mehrarbeit ohne Mehrumsatz. Diese Frau hatte einen siebten Sinn. Oder sie kannte ihn einfach zu gut.

"Wie geht es dir denn mit deinem Mann?", fragte er seinerseits.

"Wir streiten uns, wir lieben uns und wir kennen uns. Und wir halten uns gegenseitig für stark genug, dass wir dem anderen jede Wahrheit auch zumuten können."

Sie lächelte ihn an.

Er senkte etwas den Kopf: "Hm, wir streiten nicht. Es gibt auch nichts über das es sich lohnen würde zu streiten."

"Liebt ihr euch denn?" fragte Petra.

"Ich glaube schon."

"Ich meine, habt ihr guten Sex?

"Das ist doch in unserem Alter nicht mehr so wichtig", sagte Klaus, weil er sich das immer wieder einredete.

"Da gehen die Meinungen allerdings weit auseinander. Gerade in der Ü50-Fraktion", stellte Petra fest. "Und wie sieht das deine Frau?"

"Ich glaube, ihr geht es genauso." Als er das sagte, hatte er ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend.

"Ich bin froh, dass mein Mann da anders gestrickt ist und ich auch. Wir genießen das beide sehr", schien sie ihn provozieren zu wollen.

Michael hatte Hartmut zugehört, der ihm etwas resigniert über seinen ziemlich langweiligen Job bei der Bahn erzählte, mit dem er sich seit langem abgefunden hatte und den er jetzt noch bis zur erhofften Frühverrentung aussitzen würde. Michael suchte eine günstige Gelegenheit, dieser für ihn deprimierenden Energie zu entkommen. Da kam Klaus ihm gerade recht, der mit Petra in seiner Nähe spazierte.

"Mensch Klaus, schwimmst du auch noch?" störte Michael dessen Gespräch mit Petra.