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Sieben Tage: Genügend Zeit, um sich zu verlieben. Genügend Zeit für ein gebrochenes Herz …
Der Moment in den frühen Morgenstunden, in dem ihre Füße die knarzenden Holzbretter ihrer Veranda berühren, in dem sie die ersten Vogelgesänge vernimmt und ihren Garten in voller Pracht und mit Morgentau überzogen bewundern kann, ist für Nora die kostbarste Zeit des Tages. Die Zeit, in der sie Kraft tankt, um ihren zwei Kindern Halt geben zu können und ihre gescheiterte Ehe hinter sich zu lassen.
Doch eines Morgens ist sie nicht allein auf ihrer Veranda. Jemand hat sich über Nacht bei ihr einquartiert. Jemand, der die Nähe zu ihr mehr zu genießen scheint, als ihr recht ist. Jemand, der ihr mit jedem morgendlichen Sonnenstrahl zeigt, dass es noch nicht zu spät ist, die Liebe ins Leben zu lassen.
Ein gefühlvoller und heiterer Roman über zweite Chancen, Familienzusammenhalt und das Glück der großen Liebe!
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2022
Buch
Sieben Tage: Genug Zeit, um sich zu verlieben. Genug Zeit für ein gebrochenes Herz …
Der Moment in den frühen Morgenstunden, in dem ihre Füße die knarzenden Holzbretter ihrer Veranda berühren, in dem sie die ersten Vogelgesänge vernimmt und ihren Garten in voller Pracht und mit Morgentau überzogen bewundern kann, ist für Nora die kostbarste Zeit des Tages. Die Zeit, in der sie Kraft tankt, um ihren zwei Kindern Halt geben zu können und ihre gescheiterte Ehe hinter sich zu lassen.
Doch eines Morgens ist sie nicht allein auf ihrer Veranda. Jemand hat sich über Nacht bei ihr einquartiert. Jemand, der die Nähe zu ihr mehr zu genießen scheint, als ihr recht ist. Jemand, der ihr mit jedem morgendlichen Sonnenstrahl zeigt, dass es noch nicht zu spät ist, die Liebe ins Leben zu lassen.
Ein gefühlvoller und heiterer Roman über zweite Chancen, Familienzusammenhalt und das Glück der großen Liebe!
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Annabel Monaghan
Roman
Ins Deutsche übertragen von Michael Krug
Die Originalausgabe erschien 1999 unter dem Titel »Nora Goes Off Script« bei G.P. Putnam’s Sons, New York 2022.
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Copyright der Originalausgabe © 2022 by Annabel Monaghan
All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form.
This edition published by arrangement with G.P. Putnam’s Sons, an imprint of Penguin Publishing Group, a division of Penguin Random House LLC.
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2022 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Angela Kuepper
Covergestaltung und -motiv: www.buerosued.de
LO · Herstellung: sam
Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN978-3-641-29332-1V001
www.blanvalet.de
Für Tom
Hollywood kommt heute zu mir.
Ich werde mein Haus nicht verlieren.
Diese beiden Gedanken gehen mir in dem Moment durch den Kopf, in dem die Sonne mein Zimmer erhellt. Für mein Drehbuch hat man mich schon bezahlt. Und die Prämie dafür, dass man hier filmen darf, sollte heute Mittag auf meinem Konto sein. Lebt wohl, unbezahlte Grundsteuern. Lebt wohl, Kreditkartenschulden. Kaum zu fassen, dass all das dadurch möglich geworden ist, dass Ben sich von mir und unserer Ehe verabschiedet hat. Ich habe keine Idee, wie dieser Tag noch besser werden könnte. Ich springe förmlich aus dem Bett, schnappe mir meinen dicksten Morgenpullover und gehe die Treppe hinunter. Nachdem ich mir Kaffee eingeschenkt habe, begebe ich mich nach draußen auf die Veranda, um mir den Sonnenaufgang anzusehen.
Wer auch immer mir dieses Haus einmal abkauft, wird es wohl abreißen. Es ist über hundert Jahre alt. Alles daran ist reparaturbedürftig. Wenn der Wind im Januar auf eine bestimmte Weise weht, fegt er direkt in die Küche, und wir müssen eine Decke über den Türrahmen kleben. Die Dielen hängen durch. Es gibt nur zwei Badezimmer, und beide sind oben. Jedes Schlafzimmer verfügt über einen begehbaren Schrank für gerade mal sechs Garnituren, vorzugsweise für ziemlich kleine Personen. Ben hatte eine Beschwerdeliste über das Haus, die er täglich abspulte, und ich wurde nie das Gefühl los, dass er sich in Wirklichkeit über mich beschwerte.
Zugegeben, das Haus ist eine Katastrophe. Aber ich habe mich in es verliebt, als ich zum ersten Mal die lange, gewundene Einfahrt hinabschaute. Die hohen Äste der Magnolienbäume, die zu beiden Seiten des Weges wachsen, berühren sich in der Mitte. Im April fährt man deshalb durch einen Tunnel aus rosa Blüten. Wenn man die Hauptstraße erreicht, hat man das Gefühl, von einer Welt in eine andere überzutreten, wie eine Braut beim Verlassen der Kirche. Man genießt es, Milch zu holen, und man genießt es, danach wieder nach Hause zu kommen.
Gebaut wurde das Haus von einem britischen Arzt namens George Faircloth. Er lebte in Manhattan und verbrachte nur die Sommer in Laurel Ridge. Was erklärt, warum das Haus in keiner Weise winterfest ist. Es wurde gebaut, um sich an einem Tag mit fünfundzwanzig Grad daran zu erfreuen, vor allem draußen. Ich stelle mir vor, wie er das Grundstück meisterlich gestaltete und die Magnolien und Forsythien so arrangierte, dass sie den Frühlingsbeginn verkündeten. Nach einem langen grauen Winter rufen die ersten rosa und gelben Blüten noch immer: »Es tut sich was!« Im Mai werden sie mit dem Rest des Gartens grün, eine kurze Ruhephase, bevor die Pfingstrosen und Hortensien ihren großen Auftritt haben.
Dass ich hier unbedingt leben wollte, wusste ich, sobald ich das Teehaus sah. Der Arzt ließ das kleine, aus einem Raum bestehende Bauwerk eigens errichten, um das Ritual des Teetrinkens zu würdigen. Während das Hauptgebäude dünne weiße Schindeln und schwarze Fensterläden mit abblätternder Farbe aufweist, besteht das Teehaus aus grauem Stein mit einem Schieferdach. Es hat auch einen kleinen funktionierenden Kamin und eichenholzgetäfelte Wände. Man könnte meinen, Dr. Faircloth habe sich über den Großen Teich gestreckt und es direkt aus einer englischen Idylle hergeholt. Ich weiß noch genau, dass Ben beim ersten Betreten das Wort »Schuppen« in den Mund nahm. Damals habe ich ihn ignoriert, wie man es eben tut, wenn man verheiratet bleiben will.
Nach unserer ersten Übernachtung im Haus weckte mich das frühe Tageslicht, weil wir noch keine Vorhänge hatten. Ich ging mit meinem Kaffee auf die Veranda, und der Sonnenaufgang bescherte mir die Überraschung meines Lebens. Davor hatte ich das Haus noch nie um sechs Uhr morgens gesehen. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass es nach Osten ausgerichtet ist. Es war wie ein kostenloser Bonus zum Kauf, eine Belohnung dafür, dass ich das baufällige Gemäuer liebte.
Jetzt stehe ich wieder auf der Veranda und lasse alles auf mich wirken, bevor die Filmcrew eintrifft. Hinter der Eiche mit dem breiten Geäst am Ende meines Rasens steigen erst rosa-, dann orangefarbene Schlieren empor. Die Sonne geht dahinter jedes Mal anders auf. An manchen Tagen als durchgehender Balken, der wie der Abspann eines Films nach oben rollt und sich über den Himmel ausbreitet. An anderen Morgen kämpft sich das Licht als scheckiges Grau durch die Blätter. Die Eiche wird noch ein paar Wochen lang keine Blätter zeigen, nur winzige gelbe und weiße Blüten, die sich gegenseitig bestäuben und einen Herbstrasen voller Eicheln versprechen. Das Gras sieht im April am besten aus, vor allem morgens, wenn es vom Tau geküsst ist und sich das Licht darin fängt. Mit der Wissenschaft dahinter kenne ich mich nicht aus – dafür ist mir der Rhythmus dieses Fleckchens Erde so vertraut wie mein eigener Körper. Hier geht die Sonne jeden Tag auf.
Nachdem ich die Kinder geweckt, ihnen Frühstück gemacht und sie zur Schule geschickt habe, ziehe ich mich zum sechsten Mal um. Als ich in derselben Jeans und demselben T-Shirt wie zu Beginn vor dem Spiegel stehe, wird mir klar, dass meine Haare das eigentliche Problem sind. Sie kräuseln sich nicht ganz so schlimm wie im August, trotzdem ziemlich übel. Leute in Hollywood bändigen ihr Haar. Falls sie doch mit einer wilden Frisur auftreten, dann von einem Profi zerzaust. Ich tauche den Kopf ins Waschbecken. Anschließend föhne ich Strähne für Strähne glatt. Soweit ich mich erinnere, habe ich das zuletzt am Tag meiner Hochzeit im Badezimmer meiner Kindheit gemacht, während sich meine Brautjungfern hinter mir gedrängt haben.
Als ich mein Haar unter Kontrolle gebracht habe, ist es immer noch erst neun Uhr morgens. Der Aufmarsch aus Hollywood hat sich für zehn Uhr angekündigt, und ich weiß, dass ich mich unweigerlich in Panik hineinsteigere, wenn ich noch mehr Zeit vor dem Spiegel verbringe. Also entscheide ich, dass ich für eine neununddreißigjährige Mutter zweier Kinder tadellos aussehe. Und es ist ja nicht so, als spräche ich für den Film vor – ich habe das Drehbuch dazu geschrieben. Ich beschließe, zu ein paar nicht dringenden Besorgungen aufzubrechen. Vielleicht sind sie schon da, wenn ich zurückkomme, dann kann ich nach dem Motto auftreten: Oh, ich habe völlig die Zeit vergessen. Ich würde in die Hollywoodversion des Dramas meines wahren Lebens hineinplatzen, als wäre es eine schräge Überraschungsparty.
Während ich ein Paar Stiefel beim Schuster abgebe und das Regal mit Sonderangeboten im Buchladen durchstöbere, schlage ich so viel Zeit wie möglich tot. Danach schaue ich im Handwerkerladen vorbei, plaudere mit Mr. Mapleton über seine Hüftoperation und nehme den Stapel Kreuzworträtsel mit, den er mir jede Woche aus seinen Zeitungen aufhebt. Um zehn Uhr fällt mir nichts mehr ein, was ich noch tun könnte. Also ist es wohl an der Zeit, nach Hause zurückzukehren, um mir anzusehen, wie groß ein Filmteam ist und welche Folgen der Besuch für meinen Rasen hat.
Meine Rechnung geht nicht auf. Die Leute verspäten sich, und so harre ich wieder auf der Veranda ihrer Ankunft. Unwillkürlich umklammern meine Hände das Geländer, als die Sattelzüge über meine Schottereinfahrt heranbrausen und die niedrigsten Magnolienblüten ausreißen. Der Himmel verdunkelt sich vor aufgeschreckten Vögeln. Einen Moment lang erinnert mein Grundstück an die Kulisse eines Hitchcock-Films.
Gerechnet hätte ich mit alldem nie. Ich bin immer noch genauso überrascht wie alle anderen, dass man Das Teehaus tatsächlich verfilmt. Mein letztes Drehbuch namens Küsse zu Weihnachten war für eine achtzigminütige Fernsehproduktion mit bewusst platzierten Handlungspausen angelegt, um Platz für die vierzig Minuten Werbung zu schaffen. Das davor hieß Heimatherzen. Im Wesentlichen dieselbe Geschichte, nur spielt sie im Herbst. Meine Superkraft besteht darin, mir planvoll einen Mann und eine Frau auszudenken, die ich in einer schmucken Kleinstadt platziere, bevölkert von außergewöhnlich glücklichen Menschen mit herrlich belanglosen Problemchen. Erst zanken sie sich, dann verlieben sie sich ineinander. Alles ist wunderbar, bis entweder er oder sie geht – aber nach der Werbepause prompt zurückkommt. Jedes einzelne Mal.
Das Teehaus bricht mit dem Schema und ist unbestreitbar das Beste, was ich je geschrieben habe. Die erste Frage meiner Agentin Jackie, nachdem sie es zu Ende gelesen hatte, lautete: »Ist alles in Ordnung mit dir?« Darüber musste ich lachen. Aber natürlich hat das Drehbuch den Eindruck vermittelt, ich sei düster geworden. Die Geschichte hat Tiefgang, wartet mit einer gehörigen Portion Seelenqual und Selbstreflexion auf, und diesmal kommt der Mann am Ende nicht zurück. In den Monaten nach Bens Abgang habe ich zwei lustige, locker-flockige Drehbücher an den Romance Channel verkauft, danach jedoch ist dieses dunklere Werk aus mir herausgeflossen. Eigentlich habe ich ja versucht, mein Privatleben für mich zu behalten, nachdem Ben ging. Aber manche Geschichten wollen wohl unbedingt erzählt werden.
»Ich meine, es ist großartig«, sagte Jackie damals. »Aber es ist was für einen großen Film, nicht für den Romance Channel. Wenn’s dir recht ist, biete ich es den großen Studios an.«
»Damit verschwendest du nur kostbare Zeit«, meinte ich, während ich im Garten vor meinem Haus Fingerhirse jätete. »Niemand will zwei Stunden lang sehen, wie jemand mit Existenzangst und dem Gefühl kämpft, verlassen worden zu sein. Ich schwöre, ich hab versucht, das Ende aufzulockern. Aber sosehr ich mich auch bemüht habe, ich konnte mich nicht dazu durchringen, ihn zurückkommen zu lassen.«
»Nora. Es ist noch nicht mal ein Jahr her.«
»Ich weiß. Also muss mich wieder auf das konzentrieren, was ich am besten kann. Mach damit, was du willst. Ich glaube, ich musste es mir einfach von der Seele schreiben. Mit deiner Ma alles in Ordnung?«
»Es geht ihr gut. Gib mir mit dem Drehbuch ein paar Wochen. Das könnte ein Wendepunkt für dich werden.«
Als der erste Lastwagen mit neun seiner achtzehn Räder auf dem Rasen vor meinem Haus anhält, wird mir klar, dass sich tatsächlich etwas verändert hat. Ich stütze mich am Geländer der Veranda ab, als Leute aus zwei weiteren Trucks aussteigen und Kameras, Beleuchtung und Möbel abladen.
Eine junge Frau mit rosa Haar und einem Klemmbrett kommt lächelnd auf mich zu. »Hi, Sie müssen Nora sein. Bitte nicht ausflippen. Würde ich nämlich an Ihrer Stelle total. Ich bin Weezie, Leos Assistentin.«
»Hi. Ich flippe schon nicht aus. Das Gras kann ich neu pflanzen.« Ich schüttle ihre freie Hand.
Eine andere Frau in einem schwarzen Overall, eher in meinem Alter, nähert sich mir. »Ich bin Meredith Cohen, ausführende Produzentin.«
»Nora Hamilton, Hausbesitzerin«, bringe ich hervor, während ich mich weiter am Geländer festhalte. »Und Drehbuchautorin«, füge ich hinzu, weil ich mich verlegen fühle.
»Also Folgendes«, beginnt Meredith. »Wir sind ein Haufen Leute. Verdammt, neuerdings hat allein Leo einen Haufen Leute dabei. Wir werden laut sein und ein heilloses Durcheinander veranstalten, aber danach räumen wir alles auf und sind in zwei Tagen wieder weg. Höchstens drei.«
»Schon in Ordnung. Damit habe ich gerechnet. Ich habe noch nie gesehen, wie ein Film gedreht wird. Ist irgendwie aufregend für mich.« Ein roter Pick-up mit einem silbernen Airstream-Wohnwagen rollt vollständig auf die Wiese. »Und wer ist das jetzt?«
Weezie dreht sich um und lacht. »Ah, da ist er ja. Das ist natürlich Leo. Wir übernachten alle im Hilton in Breezeport. Aber er steigt in keinem Hilton ab.« Sie verdreht die Augen, dann lächelt sie wieder, als wäre es zwar etwas ärgerlich, aber auch liebenswert, dass der Kerl meinen Rasen ruiniert.
»Leo Vance wird da drin schlafen? In meinem Garten?«
»Lässt sich nicht vermeiden. Er ist exzentrisch. Aber er hat da drin ein eigenes Badezimmer. Für alle anderen kommt ein Toilettenwagen. Also keine Sorge um Ihr Haus.«
Die Tür des Wohnwagens öffnet sich. Heraus tritt ein vierzigjähriger Superstar mit nackten Füßen. Seine Jeans hängen zu tief, und sein graues T-Shirt ist an zwei Stellen zerrissen. Sein Haar müsste gestutzt werden, und er sieht viel zu gut aus, um Ben zu verkörpern. Andererseits werde ich von Naomi Sanchez gespielt. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtet er den Himmel und sieht sich um, als träte er nach vierundzwanzig Stunden in tiefster Dunkelheit ins Tageslicht. Dabei ist es elf Uhr vormittags, und es sind gerade mal neunzig Autominuten von New York City zu mir.
Leo Vance ist der bestbezahlte Hauptdarsteller in Hollywood. Das weiß ich, weil ich ihn seit drei Tagen google. Er besitzt Eigenheime in Manhattan, Bel Air und am Cap d’Antibes. Ihm gehört ein Anteil an einem NBA-Franchise. Keine Kinder. Noch nie verheiratet. Sternzeichen Waage. Ursprünglich stammt er aus New Jersey, und er hat einen Bruder.
Ich kenne jeden einzelnen von Leos Filmen, was jedoch nicht wirklich mit ihm persönlich zu tun hat. Ich schaue generell eine Menge Filme. Er ist ein guter Schauspieler und vor allem für seinen Schmachtblick berühmt. Ich persönlich muss sagen, dass ich den Hype übertrieben finde. In seinem ersten Film, Abendlandnächte, hat er seine Co-Darstellerin Aileen Bennett mit einer Reihe so sagenhaft sinnlicher Blicke bedacht, dass es ihm in jenem Jahr den Titel Sexiest Man Alive eingebracht hat. Dadurch ist der Blick wohl zu seinem Markenzeichen geworden. Seither hat er ihn in jeden seiner Filme eingebaut, selbst dann, wenn es völlig unnötig war. In Kampf an der Heimatfront beispielsweise teilt er seiner hochschwangeren Frau mit, dass er in den Krieg ziehen muss, und schmachtet sie dabei an. In Sammelklage hält er eine Antrittsrede in einer Militärakademie und packt den Blick für die versammelten Eltern und Großeltern aus. Und von Die Rose Afrikas will ich gar nicht erst anfangen. Ein Ausbruch von Malaria in einem Flüchtlingszentrum ist definitiv kein Ort für sinnliche Blicke. Offenbar neigt Leo Vance stark dazu, unangemessenen Sex-Appeal auszustrahlen.
Wenn er den Schmachtblick abdreht, hat er eine beeindruckende Bandbreite lächelnder Mienen zu bieten und prägt jeden Film mit einer davon. Sein Lächeln reicht dabei von verhalten bis wahnsinnig, und ich habe immer bewundert, wie er es schafft, jedes davon einen ganzen Film lang durchgängig beizubehalten. Ich bin neugierig, welches Lächeln er sich für Das Teehaus einfallen lässt. Wie stellt er sich vor, dass Ben gelächelt hat? Ich kann mich nicht mal mehr an das letzte Mal erinnern.
Leo Vance steuert auf meine Veranda zu, und ich wappne mich dafür, ihm vorgestellt zu werden. Auf der Leinwand verkörpert er Perfektion, im wahren Leben kommt er eher abgerissen daher. Demnächst wird er sich in einen Mann mit haufenweise Problemen verwandeln, der am Ende die Frau verlässt, mit der er sich ein Leben aufgebaut hat. Ben hat es tatsächlich geschafft, mich derart in den Wahnsinn zu treiben, dass ich letztlich etwas mit Tiefgang geschrieben habe. Ich lächle über die Ironie, dass Ben am Ende doch noch für etwas gut war.
Leo schiebt sich auf der Veranda an mir vorbei, als wäre ich nicht vorhanden. Dann hält er inne und tritt einen Schritt zurück. »Ihnen fehlt ein Grübchen«, sagt er.
»Das andere ist drinnen«, erwidere ich.
Er nickt, bevor er mein Haus betritt, als gehörte es ihm. Kein besonders verheißungsvolles Kennenlernen.
Die Begegnung mit Regisseur Martin Cox verläuft genauso einschüchternd, wie ich sie mir vorgestellt habe. Weezie ist Leo ins Haus gefolgt, deshalb findet er nur Meredith und mich auf der Veranda vor. »Sie müssen Nora sein.« Obwohl er nicht groß ist, wirkt er so, und ich kann nicht recht entscheiden, ob es an seiner körperlichen Fülle oder seiner schieren Präsenz liegt.
Ich schüttle ihm die Hand und bemühe mich, nichts zu sagen. Wenn ich nämlich zu reden anfange, wird aus mir unweigerlich heraussprudeln, was ich von der Schlussszene in Alabaster halte und warum ich finde, dass man ihm den Oscar gestohlen hat. Ebenso würde ich ihm sagen, dass die Beleuchtung in Die Frau von unten grandios war. Schon allein, um das Wort »grandios« zu vermeiden, halte ich lieber den Mund.
»Können wir’s uns ansehen?«, fragt er. Ich führe Meredith und Martin nach hinten zum Teehaus, das am Rand des Walds steht. Es gibt keinen Weg dorthin, nur die Wiese. Deshalb verheißt ein Besuch des Teehauses fast immer nasse Schuhe. Die große Eichentür habe ich offen gelassen. Das habe ich mir angewöhnt, weil man so durch die Stahlfenster an der hinteren Wand direkt in den Wald sehen kann. Das vermittelt mir ein Gefühl endloser Möglichkeiten.
Für mich ist das Teehaus ein Heiligtum. Der Raum, in dem es mir gelingt, ich selbst zu bleiben, in dem ich schreibe. Und im Gegensatz zum Haupthaus ist er ordentlich vor dem Wetter draußen geschützt. Ich stelle mir vor, dass sich die Faircloth’ dem Teehaus so genähert haben wie ich, voller Freude auf ein Feuer im Kamin und einen mit Tee und Gebäck gedeckten Tisch. Ich stelle mir außerdem vor, dass sich hier Verliebte zu ungestörten Unterhaltungen und ersten Küssen getroffen haben. Ben wollte das Teehaus immer als Lagerraum nutzen.
Vielleicht wäre es irgendwann sogar dazu gekommen. Meine Überzeugung, dass die Welt so ziemlich als Letztes noch mehr Lagerflächen braucht, gegen Bens Überzeugung, dass er unbedingt ein drittes Motorrad haben muss. Zu den vielen tröstlichen Aspekten seines Auszugs gehört, dass er zum einen den Großteil seines Krempels mitgenommen und zum anderen nicht das volle Sorgerecht für die Kinder verlangt hat.
Das Teehaus hat sich die Titelrolle im Film redlich verdient, weil es wesentlichen Anteil am Scheitern unserer Ehe hatte. Ben hat gestört, wie viel Zeit ich dort verbringe. Ihn hat gestört, welcher Arbeit ich nachgehe. Ihn hat gestört, dass ich die letzten zehn Jahre lang unsere Rechnungen bezahlt habe. Womit wir schon zwei waren. Je besser ich darin wurde, unsere Familie zu versorgen, desto mehr hat er mich dafür verachtet. Je mehr er mich verachtet hat, desto härter habe ich daran gearbeitet, die Dinge im Lot zu halten. Dass ich im Teehaus schreibe, ist ein Spiegel, in den er nicht blicken wollte. So wird es im Film verkauft. Im wahren Leben weiß ich es nicht. Vielleicht ist er bloß gegangen, weil er mehr Lagerfläche wollte. Ben wollte von praktisch allem mehr.
Als wir uns dem Teehaus nun nähern, höre ich, wie Martin nach Luft schnappt. »Das ist fantastisch«, befindet er. »Das Foto wird der Wirklichkeit nicht gerecht.«
Lächelnd gehe ich weiter. »Na ja, es ist eindeutig aus einer anderen Zeit. Hier schreibe ich.«
Für April ist es ein warmer Tag. Auf dem Schieferdach funkeln in der Sonne die Rückstände vom Regen der vergangenen Nacht. Zwei riesige Hortensiensträucher säumen die Tür. Im Augenblick sprießen daran hoffnungsvoll die ersten selleriefarbenen Blätter, aber schon bald werden sie vor himmelblauen Blüten strotzen, so groß wie mein Kopf. »Wenn die Dreharbeiten bis Juli hätten warten können, hättet ihr sie blühend filmen können«, sage ich zu niemandem, weil Martin bereits hineingegangen ist.
»Das ist absolut perfekt«, verkündet er und fährt mit den Händen über die getäfelten Wände. Er holt ein Walkie-Talkie hervor. »Ich bin hinten im Teehaus. Bringt die Bettwäsche für die Liege, ich brauche die Sonne um drei Uhr durchs hintere Fenster. Und einen Mopp. Seht zu, dass Leo und Naomi geschminkt werden.«
Meredith zwinkert mir aufmunternd zu, vermutlich, damit ich mich nicht wegen der Bemerkung über den Mopp gräme. Ich zucke nur mit den Schultern. Ist mir doch egal. »Na schön, dann gehe ich mal aus dem Weg. Geben Sie Bescheid, falls Sie irgendetwas brauchen.«
Ich kehre ins Haus zurück und bin erleichtert, als ich es menschenleer vorfinde. Draußen tut sich vor jedem Fenster etwas – da trifft ein Verpflegungswagen ein, dort verfolgt eine Frau Leo Vance mit einer Sprühflasche. Aus dem größten Wohnwagen taucht Naomi Sanchez mit ihren sagenhaft langen Beinen in einem altbackenen Hauskleid auf. Sie ist wohl so angezogen, wie sich Martin mich vorgestellt hat. Zum ersten Mal habe ich Naomi Sanchez in Die Rache des Abzockers gesehen. Damals war sie ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt. In einer Szene, in der sie herausfindet, dass sie über den Tisch gezogen wurde, füllt ihr Gesicht in einer Nahaufnahme die gesamte Leinwand aus. Damals habe ich mich gefragt, wo ihre Poren sind. Auch mit zweiunddreißig Jahren ist sie immer noch die schönste Frau, die ich je gesehen habe.
Ich texte Kate: Leo Vance war in meinem Haus. Naomi Sanchez ist der Wahnsinn.
Kate: Bin am Niederknien.
Wie ich feststelle, weiß ich mit mir nichts anzufangen. Ich meine, ich bin in meinem Haus, das nicht mein Platz zum Schreiben und Arbeiten ist. Das Haus ist mein Ort zum Mama-Sein. In der Küche herrscht noch das Chaos vom Frühstück. Mir kommt der Gedanke, dass Leo Vance die Spritzer von den Pfannkuchen gesehen und das Fett vom Speck gerochen hat. Als ich anfange zu putzen, bin ich etwas durcheinander, weil er hier drin gewesen ist. Es wird irgendwelche Grenzen geben müssen. Ich will nicht morgen hier hereinkommen und ihn dabei ertappen, wie er meinen Geschirrspüler anschmachtet.
Als ich meine Schwester anrufe, geht ihr Kindermädchen Leonora ran. »Sie ist mit Freundinnen unterwegs«, sagt sie. Penny und ihr Mann Rick leben in Manhattan und East Hampton. Sie treten regelmäßig in Town & Country auf, tragen die richtigen Klamotten, umgeben sich mit den richtigen Leuten. Zum ersten Mal in meinem Leben mache ich etwas Cooleres als Penny, also hinterlasse ich eine Nachricht. »Bitte sag ihr, dass ich angerufen habe und Naomi Sanchez und Leo Vance in meiner Auffahrt sind.« Leonora quiekt, und ich bin zufrieden.
Sobald meine Küche sauber ist, überlege ich, was ich normalerweise tun würde. Es ist Mittwoch, und mittwochs essen wir Hackbraten. Natürlich! Ich hole ein halbes Kilo Putenhackfleisch aus dem Gefrierschrank und lege es auf die Arbeitsplatte. Das dauert allerdings nicht so lange wie erhofft.
Ich beobachte das Geschehen durch das Eckfenster im Wintergarten. Sie filmen gerade die Szene, in der ich zu Ben sage, es sei hilfreich, wenn wir beide ein regelmäßiges Einkommen hätten. An dem Tag hat er mich in einen Topf mit den anderen Leuten geworfen, denen die nötige Weitsicht fehlt, um an die eigenen Träume zu glauben. In seinen Augen war ich eine Drohne, ein Roboter, eine Sklavin überholter Konventionen. Das hat das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht, da bin ich mir ziemlich sicher. Als ich mir vorstelle, wie meine Worte aus Naomis perfektem Mund dringen, beschleicht mich der Gedanke, dass dieser Film vielleicht völlig falsch besetzt wurde. Wie will Leo Vance so abweisend wie Ben rüberkommen, wenn er eine solche Frau ansieht? So wunderschönen Menschen wie den beiden wäre es vermutlich gelungen, sich zusammenzuraufen. Kein Mann würde Naomi Sanchez sitzen lassen.
Ich habe bereits eine Stunde lang bei den Dreharbeiten zugesehen, als ich merke, dass es Zeit ist, die Kinder abzuholen. Als sich das Garagentor öffnet, finde ich in meiner Einfahrt drei Männer beim Rauchen vor. Sie lassen die Zigaretten fallen, treten sie mit den Schuhen aus, kicken sie zur Seite und winken mich hinaus wie Einweiser auf einem Großparkplatz. Um es an den Lastwagen vorbei auf den Schotterweg meiner Einfahrt zu schaffen, der zur Hauptstraße verläuft, bleibt mir nichts anderes übrig, als über meinen eigenen Rasen zu rollen.
Es fühlt sich gut an, das Chaos hinter mir zu lassen und nach Laurel Ridge zu fahren, wo sich nie etwas ändert. Ben hat sich auf die Ortschaft eingelassen, weil er buchstäblich keine andere Wahl mehr hatte. Ursprünglich wollte er ein schillerndes Leben in der Großstadt führen – Pennys Leben, um genau zu sein. Als sich das als zu teuer erwies, wollte er ein großes Haus in einem verkehrsgünstig gelegenen Vorort. Auch das war unmöglich. Als ich mit Arthur schwangerer und schwangerer wurde und feststand, dass unsere Einzimmerwohnung in einem Haus ohne Fahrstuhl nie und nimmer für uns reichen würde, begann für uns ein Wettlauf gegen die Zeit. Wir mussten zwanzigtausend Dollar Anzahlung für ein Dreihunderttausend-Dollar-Haus hinblättern, und ein Dreihunderttausend-Dollar-Haus lag entschieden weiter von der Stadt entfernt, als Ben es sich vorgestellt hatte.
Seinen Freunden erzählte er, wir hätten ein Abrisshaus in der Provinz als Investition gekauft. In einer angesagten, aufstrebenden Ortschaft, behauptete er vor ihnen. Was ich immer komisch fand, denn in Wahrheit sollte das Motto von Laurel Ridge eher lauten: weder auf noch strebend. Der Ort drückt sich vor jeglicher Art von Fortschritt und hängt insgeheim der Fantasie nach, als Vorbild für die Main Street in Disneyland gedient zu haben. Es gibt einen Architekturprüfausschuss und eine Planungskommission, deren einziger Zweck darin besteht, Leute wie Ben davon abzuhalten, Laurel Ridge das idyllische Flair zu rauben.
Wir haben sechs oder sieben Läden, die schon seit Anbeginn der Zeit in Laurel Ridge zu finden sind. Ihre Besitzer genießen Kultstatus und die bedingungslose Treue ihrer Kundschaft. In Laurel Ridge kann man immer einen Hammer von jemandem kaufen, den man kennt, und sich eine Tüte hausgemachtes Eis von einem Teenager reichen lassen. Ab und an tauchen auch andere Geschäfte auf und verschwinden wieder. Meist kommen sie aus Manhattan und wollen uns Designer-Vitamine und personalisierte Hundekekse verkaufen. Sie halten selten auch nur ein Jahr durch.
Am Ende der Kleinstadt befindet sich die Grundschule von Laurel Ridge. Nachdem ich eingeparkt habe, geselle ich mich zu meinen Freundinnen bei einer Gruppe Eltern am Spielplatz, ganz so wie an einem völlig normalen Tag.
»Oh mein Gott, raus damit!«, sagt Jenna aufgeregt. Sie steht mit Kate unter dem Basketballkorb.
»Was denn?«, gebe ich betont lässig zurück. »Ich hänge doch nur mit Leo und Naomi ab, was ist schon dabei?«
»Ist er süß? Hat er dir schon seinen Blick zugeworfen?«, fragt Kate.
»Ja und nein. Zum Niederknien süß, und er hat mich noch kaum angesehen.«
»Also hast du dich umsonst aufgebrezelt?« Damit spielt Jenna darauf an, dass ich mir die Haare glatt geföhnt habe.
»Ja, das war wohl eher unnötig«, räume ich ein. »Wenn du Naomi Sanchez in natura gesehen hättest, würdest du verstehen, warum er mich links liegen gelassen hat.«
»Hey, Nora.« Molly Richter kommt auf uns zu. »Siehst gut aus. Hübsche Frisur.« Molly ist die klassische Zicke aus der Highschool, die nie erwachsen geworden ist. Trotzdem müssen wir nett zu ihr sein, weil sie Leiterin des Elternbeirats und somit anscheinend befugt ist, ehrenamtliche Aufgaben nach ihrem Gutdünken zu vergeben. Nach Möglichkeit halten wir uns von Molly Richter fern wie der Teufel vom Weihwasser.
»Ich hab gehört, du spielst diese Woche Hollywood«, fügt sie hinzu.
»Ja.« Bei Unterhaltungen mit Molly ist es wichtig, nicht mehr als nötig zu antworten und auf Gegenfragen zu verzichten.
»Wie drollig. Vergiss nicht, dass nächsten Mittwoch die Proben für Oliver Twist nach der Schule stattfinden und du dich dafür gemeldet hast, hinter der Bühne auf die Kinder aufzupassen.«
»Wie könnte ich das vergessen? Arthur redet von nichts anderem mehr.« Und schon habe ich mir in die Karten blicken lassen. Ich hätte mir nie die Haare glatt föhnen sollen. Kate schnappt nach Luft, als würde ich in Treibsand versinken, und als hätte sie kein Seil, um es mir zuzuwerfen.
»Ach, interessiert sich Arthur für eine große Rolle?« Molly lässt mir keine Chance, etwas zu erwidern. »Das passt ja super! Ich wollte dich nämlich zur Organisatorin des Stücks ernennen, und wenn er mitmacht, bist du sowieso dabei. Perfekt.« Wie Inspektor Columbo kritzelt sie etwas in ihr Notizbuch, bevor sie auf dem Absatz kehrtmacht und davongeht.
Jenna lacht. »Voll erwischt.«
»Ja, ich sag’s nur ungern, aber das stimmt«, meint Kate. »Wenn du ablehnst – obwohl sie dir eh keine Chance dazu gelassen hat –, lässt sie Arthur einen Baum oder Stein oder so spielen.«
Das Vorsprechen war heute, also hoffe ich, dass es zu spät für Molly ist, ihren Einfluss geltend zu machen und meinen Zehnjährigen auszubremsen. Arthur steckt mitten in einer weiteren Runde sportlicher Frühjahrskatastrophen. Dieses Stück ist für ihn so etwas wie ein Rettungsanker.
»Ich weiß. Und das passt schon. Wenn Arthur eine Rolle bekommt, finde ich bestimmt jemanden, der mithilft.«
»Niemand will dabei mithelfen«, sagt Jenna.
»Dann mache eben ich, was immer nötig ist. Arthur bedeutet es buchstäblich alles. Das ist das Erste, wofür er sich begeistert, seit Ben weg ist.«
Es kommt selten vor, dass ich Ben erwähne. Nicht weil es zu schmerzhaft wäre, sondern weil ich so gut wie nie an ihn denke. Meine Worte lassen ein betretenes Schweigen entstehen, das sich als vorteilhaft für mich erweist.
»Wir helfen mit«, erklären sich beide bereit.
»Ihr seid die Besten.«
Dann läutet die Glocke, und Dutzende Kinder strömen aus der Schule. Arthur kommt herübergerannt, wirft mir seinen Rucksack vor die Füße und hetzt einer Gruppe Kinder zum Klettergerüst hinterher. Ich bin mir nicht sicher, was das darüber aussagt, wie sein Vorsprechen gelaufen ist.
Bernadette, die achtjährige Chefin meiner Familie, stürmt auf mich zu und reißt mich mit einer Umarmung beinahe von den Füßen. »Hat er was über deine Frisur gesagt?«
»Hat er nicht. Ich hätte mir deine machen sollen.« Ich streiche mit den Händen über Bernadettes braune Locken. Sie erinnern mich an die altmodischen Frisuren aus Die kleinen Superstrolche.
»Fahren wir«, verlangt sie im Befehlston. »In drei Stunden gehen sie schon.«
»Sie kommen ja morgen wieder«, gebe ich zurück. Bernadette sieht mich an, als hätte ich den Verstand verloren. »Okay, ist ja gut.« Ich rufe nach Arthur. Widerwillig schleppt er sich zu uns herüber.
»Echt jetzt? Es ist erst Viertel nach drei. Muss die Bekloppte nach Hause, um die Filmstars anzuglotzen?« Arthur wackelt mit den Fingern, schafft es aber nicht, einschüchternd zu wirken.
»Wie war das Vorsprechen?«, frage ich ihn.
»Hab’s hinbekommen.« Arthurs verhaltenes Lächeln teilt mir mit, dass ich auf dem Spielplatz bloß keine Szene machen soll.
Ich hebe seinen Rucksack auf. »Verschwinden wir, bevor ich noch was Peinliches anstelle.«
Bernadette ist völlig aus dem Häuschen, als wir um die letzte Kurve unserer Zufahrt biegen. Arthur bemüht sich redlich, so zu tun, als wäre er entschieden zu cool für die angesagtesten Stars von Hollywood. Er scheint den Eindruck vermitteln zu wollen, dass sie sich glücklich schätzen dürfen, ihn kennenzulernen. Immerhin hat er eine große Rolle in Oliver Twist ergattert. »Ma, es ist so peinlich. In der Pause und beim Mittagessen haben mich alle nach dem Film gefragt. Wir sind die totalen Freaks im Ort.«
Bevor wir unsere Garage auch nur sehen können, müssen wir am Wohnwagen und zwei Sattelschleppern vorbei. Ein Tisch mit Gebäck und belegten Brötchen versperrt mir den Weg. Ich lasse das Beifahrerfenster runter und zeige auf die Garage. Ein junger Mann mit roter Truckermütze erklärt sich bereit, seinen Betrieb auf meine Veranda zu verlegen, aber erst, nachdem er meinen Kindern je einen Donut gegeben hat.
»Das ist der totale Wahnsinn«, kommentiert Bernadette.
»Es ist ein Donut«, relativiert Arthur.
Bevor wir aussteigen, schließe ich das Garagentor und bin froh, wieder in meinem Kokon zu sein. Alles da draußen fühlt sich verseucht von Lärm an, von Reifenspuren und von Leuten, die Entscheidungen treffen und nicht ich sind. Wenn ich oben ankomme, werde ich sämtliche Vorhänge zuziehen. Auf uns warten Hausaufgaben, Abendessen, Glücksrad und das Bett. Laut Vertrag muss die Filmcrew bis um sechs Uhr abgerückt sein.
Als wir die Treppe in die Küche hinaufsteigen, schaltet Bernadette noch einen Gang höher. »Hast du Naomi kennengelernt? Ist sie so hübsch wie in Die Frau des Seemanns? Ist Leo schon hier? Ist er groß oder nicht? Frannie sagt, er ist klein und steht auf einer Kiste, wenn sie …« Abrupt verstummt sie, als wir oben ankommen und Leo an unserer Küchentheke sitzen sehen. Wahrscheinlich ist sie bloß außer Atem.
Leo erhebt sich langsam und richtet sich zu seiner vollen Größe von etwa eins achtundachtzig auf. Er wirft Bernadette einen strengen Blick zu. »Ich bin nicht klein, junge Dame.«
Bernadette lächelt, errötet und bedeckt das Gesicht, alles in einem einzigen Augenblick.
»Ha! Da ist es ja!« Leo deutet mit seinem Bier auf sie. Mein Notfallbier für einen unverhofften Besuch von Kate und Mickey, wie ich feststelle.
»Was?«, fragt Arthur ein wenig verdattert.
»Das fehlende Grübchen. Ich hab überall im Haus danach gesucht. Das fehlende Grübchen deiner Mutter ist auf der Wange deiner Schwester.«
Bernadette grinst vor sich hin, Arthur verdreht die Augen.
Mir wird bewusst, dass ich mich nicht mehr gerührt habe, seit wir aus der Garage gekommen sind. Erstarrt stehe ich mit einem halben Donut in der Hand da. »Genau. Gut erkannt. Dort bewahre ich es auf.«
Leo wendet sich wieder seinem Bier zu. Nach einem Schweigen, das nur für mich unangenehm zu sein scheint, stelle ich mich vor. »Also, ich bin Nora. Ich bin die Drehbuchautorin, und das ist mein Haus.«
»Leo.«
»Ich bin Bernadette, und das ist Arthur.«
»Prost.«
»Solltest du eigentlich hier drin sein?«, duzt Arthur den Superstar ungeniert.
»Ich hab meinen Part für heute schon im Kasten. Jetzt drehen sie gerade ein paar Szenen nur mit Naomi. Ganz schön düster übrigens, der Film.«
»Stimmt. So war meine Stimmung zu der Zeit.«
»Inzwischen ist sie besser drauf«, merkt Bernadette an.
»Ja. Und wir müssen mit den Hausaufgaben anfangen«, sage ich.
»Ein bisschen bleibe ich noch. In meinem Wohnwagen ist es heiß, und ich bin gerade mit dem Kreuzworträtsel hier beschäftigt.« Er zeigt auf das Rätsel, das ich mir für heute Abend aufgehoben hatte. Heute ist Mittwoch, mein Lieblingstag bei den Kreuzworträtseln. Da sind sie nicht zu leicht und nicht zu schwer. Meine Kinder wissen das. Beide sehen mich an, scheinen aber nicht erahnen zu können, wie ich reagieren werde.
»Okay«, sage ich. Der Rasen, das Bier, das Kreuzworträtsel. In Gedanken führe ich Buch.
Ich stelle mich mit dem halben Donut in der Hand ans Spülbecken und beobachte die drei. Leo, der über meinem Rätsel sitzt. Meine Kinder, die Mappen aus den Rucksäcken holen und versuchen, sich normal zu verhalten. Bernadette braucht Stifte. Leo reicht ihr welche. Sie beobachtet ihn, während sie malt. Arthur hat ein Arbeitsblatt mit Bruchrechnungen, die er innerhalb einer Minute lösen muss, also ruft er die Stoppuhr auf seinem Handy auf. Während ich dem unvereinbaren Dreiergespann zusehe, fällt mir keine vergleichbare Szene eines Films ein.
»Und was machen Sie normalerweise um die Zeit?«, bricht Leo das Schweigen.
»Oh, ich fange mit den Vorbereitungen fürs Abendessen an.« Dankbar für die Erinnerung, beginne ich, in der Küche herumzuhantieren. Ich werfe den halben Donut weg, wische die Arbeitsplatte ab und öffne den Kühlschrank. Das Putenhackfleisch ist aufgetaut, ich brauche nur noch ein Ei. Das Fleisch wandert in eine Schüssel, in die ich das Ei gebe.
»Mein Gott, was machen Sie denn da?«, fragt Leo. Während andere seinen berühmten Schmachtblick kriegen, bekomme ich eine angewidert verzogene Miene zu sehen.
»Mittwoch ist Hackbratentag«, klärt Bernadette ihn auf.
»Das kann so nicht richtig sein«, meint er, während er mir wie gebannt zusieht.
Ich hacke eine Zwiebel und füge sie dazu. Als Nächstes folgen ein paar Semmelbrösel. Leo kann den Blick nicht von der Schüssel lösen. »Das ist echt das Widerlichste, das ich je gesehen habe.« Und als ich anfange, die Masse mit den Händen zu kneten, fügt er hinzu: »Verdammt, ich muss mich korrigieren.« Meine Kinder lachen.
Gegen fünf taucht Weezie auf, weil sie nach Leo sucht. Sie wirkt nicht allzu überrascht darüber, ihn beschwipst vorzufinden. »Komm, bringen wir dich zurück zur Maske. Wir müssen ein paar Aufnahmen neu drehen, bevor es dunkel wird.«
Leos Gesichtsausdruck kann man nur als gequält bezeichnen. So schauen meine Kinder drein, wenn ich ihnen mitteile, dass es Fisch zum Abendessen gibt. »Nein. Bitte nicht. Sag bloß, es kommt noch mehr.«
»Klar kommt mehr. Wir haben noch einen, vielleicht zwei Tage, bevor wir hier zusammenpacken.«
Leo umklammert sein Bier. »Aber es ist so deprimierend. Kids, eure Ma ist total deprimierend. Das halte ich nicht aus.«
»Eigentlich ist sie witzig«, verteidigt mich Arthur. »Ihre anderen Filme sind irgendwie albern, haben aber immer ein super Happy End.«
»Er hat recht«, gestehe ich. »Seicht und kitschig. Das Teehaus ist ein einmaliger Ausrutscher gewesen. Tut mir leid.«
Er betrachtet eingehend seine leere Bierflasche. »Kann er nicht einfach zurückkommen? Vielleicht eine Erleuchtung kriegen und wieder antanzen?«
Arthur verbirgt das Gesicht, indem er so tut, als würde er seine Bruchrechnungen überprüfen. Eine Erleuchtung bei Ben wäre Balsam für Arthurs unverheilte Wunde.
»Er kommt nicht zurück«, sage ich.
Als ich am nächsten Morgen aufwache, herrscht Stille. Die Autos sind weg, die Lastwagen sind leer. Leo liegt wahrscheinlich noch völlig weggetreten in seinem Wohnwagen. Ich schenke mir Kaffee ein und gehe hinaus auf die Veranda, um mir den Sonnenaufgang anzusehen. Leos Anhänger ist mir genauso ein Dorn im Auge wie die schlammigen Spuren, die er auf meinem Rasen hinterlassen hat, aber wenigstens versperrt er mir nicht die Sicht. Die Sonne liefert ein Spektakel und färbt den Himmel hinter den ausgestreckten Armen meiner Eiche mit einer Mischung aus Blutrot und Orange. An windigen Morgen vermitteln die breitesten Äste den Eindruck, Hula zu tanzen. Heute sehen sie eher so aus, als wollten sie mich umarmen. Es dauert nicht mehr lange, Nora. Bald hast du wieder die Kontrolle.
Ich höre, wie sich hinter mir etwas bewegt. Als ich mich umdrehe, erblicke ich Leo, der in eine Decke gehüllt auf meiner Verandaschaukel döst. Das etwas zu lange dunkle Haar hängt ihm ins Auge. Er sieht umwerfend gut aus. Auf dem Boden steht eine halb leere Flasche Tequila – mein Tequila! Von einem Glas fehlt jede Spur. Ich spiele mit dem Gedanken, mein Handy zu holen. Über so ein Foto würden meine Freundinnen glatt ausflippen.
Schlafend wirkt er jünger, beinahe verletzlich. Er hat sich die Decke über die Nase gezogen. Offensichtlich hat er letzte Nacht gefroren. Ich würde ihn gern wecken, um ihm den Sonnenaufgang zu zeigen, bevor er endet. Etwas Erhebendes, das nicht deprimierend ist. Weil ich weiß, was er heute drehen wird. Die Trennungsszene. Darin geht Trevor. Wie sich herausstellt, hat er Ruth nie geliebt.
Kurz verspüre ich ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn mit meiner traurigen Geschichte belaste. Zwar hat es sich in Wirklichkeit nicht exakt so abgespielt, aber im Wesentlichen schon. Ben und ich waren irgendwann ineinander verliebt, was zu zwei großartigen Kindern und einem Leben geführt hat, das funktionierte, solange ich etwas dafür tat. Und dann beschloss er einfach so: Ne, das ist nichts für mich. Als würde man von heute auf morgen aufhören, Milch in den Kaffee zu geben. Und sich dann so verhalten, als hätte man ihn schon immer schwarz getrunken und könnte sich nicht mehr an den cremigen Geschmack erinnern, den man früher angeblich geliebt hat.
Wahrscheinlich sollte ich Mitleid mit Naomi haben. Immerhin wird sie im Film verlassen. Ich bin froh, dass sie ihr hübsches Gesicht nicht zu einem hässlichen Weinen verziehen muss. Stattdessen muss sie sich nur vollkommen still verhalten, wenn er sagt: »Tut mir leid, das Ganze war ein Fehler. Ich brauche ein größeres Leben.« Das Publikum wird sich hoffentlich daran erinnern, dass Ruth ihm alles gegeben hat, was er besitzt, während er null Komma nichts in die Ehe eingebracht hat. Sie wird alles, so wie ich, im Kopf erneut ablaufen lassen, um sich zu vergewissern, dass sie richtig gehört hat. Keine Ahnung, wie Schauspielerinnen ihre Magie wirken, jedenfalls wird sie uns den Moment spüren lassen, in dem sie begreift, dass er mit »das Ganze« ihre Familie meint.
