Impact - Christopher Baar - E-Book

Impact E-Book

Christopher Baar

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

25.01.2189: Nach dem Klimawandel und einer atomaren Katastrophe ist Kreas der letzte bewohnbare Kontinent der Erde. Die herrschende Strahlung sorgt für Mutationen, die außergewöhnliche Fähigkeiten und scheußliche Mutationen gleichermaßen zur Folge haben. Zum Schutz vor der Strahlung haben die Menschen die Nullmembran, eine künstliche Ozonschicht, errichtet. Aline lebt in der Hauptstadt von Kreas. Gemeinsam mit ihrem besten Freund Matt trainiert sie, um der militärischen Spezialeinheit Alpha-Squad beizutreten, dessen Aufgabe es ist, das verstrahlte Land außerhalb der Nullmembran zu erkunden. Wird sich Alines Traum, die Nullmembran hinter sich zu lassen, erfüllen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 266

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Christopher Baar

Impact – Verborgene Kräfte

Christopher Baar

IMpact

Verborgene Kräfte

IMPRESSUM1. Auflage 2020© Wortschatten VerlagIn der Verlagsgruppe MainzAlle Rechte vorbehaltenPrinted in GermanyWortschatten VerlagVerlagsgruppe MainzSüsterfeldstraße 8352072 [email protected] (0)241 87343413www.wortschatten.deGestaltung, Druck und Vertrieb: Druckerei und Verlagshaus MainzSüsterfeldstraße 8352072 Aachenwww.verlag-mainz.deLektorat:Lena Christine SchulteUmschlaggestaltung:Nicole GanserAbbildungsnachweise:https://images.pexels.com/photos/60778/pexels-photo-60778.jpeg?auto=compress&cs=tinysrgb&dpr=2&h=750&w=1260https://cdn.pixabay.com/photo/2018/08/18/20/54/girl-3615477_960_720.jpgPrint:ISBN-10: 3-96964-004-0ISBN-13: 978-3-96964-004-3

E-Book:ISBN-10: 3-96964-005-9ISBN-13: 978-3-96964-005-0

Teil I –

Der Ausflug

Kapitel 1

25.01.2189

1 Jahr und 177 Tage nach dem UA-Impact

»Im Jahre 2020 nahm die Katastrophe ihren Lauf. Der Treibhauseffekt und die damit verbundene Klimaerwärmung waren schon längst im Gange. Die Menschen waren über diese Problematik bestens informiert, doch trotzdem hielt die Mehrheit es nicht für notwendig, ihr entgegenzuwirken. Die Temperatur nahm schon in den dreißig Jahren von 1992 bis 2022 um vier Grad Celsius zu. Ab 2022 hatten die Länder in Afrika eine Durchschnittstemperatur von über fünfzig Grad Celsius, welche jegliches Überleben unmöglich machte. Australien entwickelte sich zu einer riesigen Wüste. Die Länder nahe dem Äquator wurden von langen Hitzewellen geplagt, die regelmäßig Waldbrände auslösten. Kein einziger Regenwald blieb von dem Flammeninferno verschont und das Tierreich verringerte sich auf ein Minimum der bisherigen Vielfalt. Doch selbst zu dieser Zeit wollten die Menschen nicht auf ihren Luxus, der größtenteils aus energiefressender Technik bestand, verzichten. So wurden weiterhin unerbittlich die Massen an Energie durch Atom-, Kohle- und Erdölkraftwerke bereitgestellt. Die Schadstoffbelastung unseres Planeten nahm die darauffolgenden fünf Jahre rasant zu. Der Treibhauseffekt war nicht mehr aufzuhalten.

Die Ozonschicht war dort nur noch zu erahnen, wo sie einst kilometerlang vorzufinden war. Wälder gab es nur noch sporadisch und der fehlende Sauerstoff musste chemisch hergestellt werden. Bis 2027 stieg die Temperatur um weitere acht Grad Celsius, sodass Leben nur noch auf den großen Kontinenten oberhalb des Äquators möglich war. Die Weltpopulation verringerte sich rasant von 4 Milliarden auf 2,5 Milliarden Erdenbewohner. Die Erde war also dem Untergang geweiht.

2028 gab es dann den größten anzunehmenden Unfall. Nordkorea startete einen Atomangriff auf den gesamten amerikanischen Kontinent. Es wurden mehrere Atomraketen abgeschossen. Von 1,7 Milliarden Amerikanern gab es nur wenige hundert Überlebende. Europa reagierte sofort und löschte Nordkorea aus. Die Bevölkerungsgröße des Planeten hatte nun einen kritischen Wert von ungefähr 600 Millionen Menschen erreicht. Fast alle Überlebenden befanden sich in Europa.

Durch den Treibhauseffekt und die nun atomar verseuchten Kontinente Amerika und Asien verwandelte sich die Welt in eine lebende Hölle. Eine Ozonschicht gab es nicht mehr und somit konnten die schädlichen UV-Strahlen und die energiegeladenen Infrarot-Strahlen ungehindert auf unsere Erdoberfläche treffen, sodass der Temperaturanstieg monatlich mitverfolgt werden konnte.

Tagsüber war es unglaublich heiß und nachts wurde es bitterkalt. Die reiche Bevölkerung konnte durch hauseigene Kraftwerke genug Strom produzieren, um ihre Häuser zu klimatisieren und dort wohnen zu bleiben. Die normalen Bürger flohen jedoch in den Untergrund, um der prallen Hitze und der gefährlichen Strahlung zu entfliehen.

Am 07.03.2029 kam es dann zum völligen Kollaps, dem sogenannten ›Melting-Day‹. Die Pole schmolzen, wodurch das Salzwasser der Weltmeere mit Süßwasser verdünnt wurde. Dies hatte verheerende Auswirkungen auf viele Meeresströmungen, allen voran den Golfstrom. Ohne die hohe Salzkonzentration wurde die Zirkulation des Golfstroms gestoppt und er kam zum Erliegen. Dies führte dazu, dass in Europa eine neue Eiszeit ausbrach. Dort zu überleben, war unmöglich. Es war keine normale Eiszeit, wie sie sich schon mehrere Male während der Evolution abgespielt hatte. Nein, durch die katastrophalen Zustände des Planeten bildeten sich kilometerhohe Gletscher und die Temperaturen gingen auf den absoluten Nullpunkt zu. Man vermutete im Inneren der Eisschicht Temperaturen von -250 Grad Celsius.

Die überlebende Menschheit in Europa musste also fliehen und entschied sich für das verstrahlte Amerika. Etwa 100.000 Menschen überlebten die Flucht und versuchten, die Menschheit auf dem neubenannten Kontinent Kreas neu aufzubauen. Durch den steigenden Meeresspiegel war ein großer Teil des Kontinents überschwemmt worden, doch es waren immer noch immense Landmassen vorhanden, sodass Millionen von Menschen Platz finden könnten.

Dieser kleine Kern der Menschheit machte es nun besser. Sie verzichteten komplett auf stromfressende Technologien und lebten wieder wie einst die Menschen vor der Industrialisierung. Die atomare Strahlung machte es der Bevölkerung nicht leicht. Fehlgeburten, Krankheiten und Mutationen zehrten am Überleben unserer Rasse. Zwischenzeitlich umfasste die Weltpopulation sogar nur noch weniger als 50.000 Menschen. Doch die Menschheit stemmte sich mit aller Kraft gegen den Untergang und überlebte mehr als 140 Jahre unter absolut unmenschlichen und lebensfeindlichen Bedingungen. In dieser Zeit ging es nur langsam bergauf, denn der menschliche Körper konnte sich evolutionär nur langsam an die neuen Gegebenheiten anpassen. Nach 140 Jahren stieg die Lebenserwartung der Menschen wieder langsam an, genau wie die Geburtenrate. Dies ging mit einer kontinuierlichen Abnahme der radioaktiven Strahlung einher.

Die Temperaturen in Kreas waren trotz all der klimatischen Katastrophen und der radioaktiven Strahlung erträglich und niemals höher als 40 Grad Celsius, womöglich auch durch die Klimaverschiebungen und Eiszeiten der anderen Kontinente«, erzählt uns Frau Maier eifrig im Geschichtsunterricht.

Das Klima hat sich seitdem wohl nicht verändert. Im Sommer 40 Grad Celsius und im Winter -20 Grad Celsius ist doch eigentlich kein angenehmes Klima. Ich denke über die Ausführungen von Frau Maier nach und schweife ein wenig ab, während ich nach draußen in eisig kalte Dunkelheit starre. Ohne die künstliche Ozonschicht würde es sogar bis zu -50 Grad Celsius kalt werden. Beschweren sollte ich mich wohl lieber nicht.

»Aline, hör wieder zu!«, ermahnt mich Frau Maier und fährt fort. »Wir befinden uns also im Jahr 2169. Die Menschheit hatte sich gut erholt und begann langsam mit dem Wiederaufbau des Planeten. Es wurde wieder Strom erzeugt, aber nur aus einer einzigen Quelle. Einer Quelle, die absolut keine Strahlung erzeugte oder sonstige negative Effekte auf die Umwelt hatte, dem sogenannten Null-Element. Die Anzahl der Menschen, die in Kreas lebten, betrug nur ein Viertel der heutigen Bevölkerung – 27,5 Millionen Menschen. Forschung wurde langsam wieder betrieben, aber dieses Mal mit dem Leitfaden, dass nicht der Mensch, sondern der Planet über die Menschheit gestellt werden sollte. Medizinische Forschung wurde fast komplett eingestellt und es wurde nur das angewendet, was bis dato bekannt war. Viel eher wurde versucht, die Erde wiederherzustellen, wie sie einmal war. Doch nach jetzigem Stand wird das wohl nie mehr möglich sein.

Am 02.08.2187 durchbrach eine Rakete unsere künstliche Ozonschicht und schlug 100 Kilometer südlich von unserer Hauptstadt Zeos ein. Dieses Ereignis wird ›Unbekannter-Außerirdischer-Impact‹, kurz UA-Impact, genannt. Nach bisherigen Erkenntnissen wurde die Rakete nicht von der Erde aus abgeschossen. Sie muss also aus dem All gekommen sein. Eine Spezies von einem anderen Planeten muss sie als eine Art Signal an uns geschickt haben.

Aber was genau geschah durch die Rakete? Nun ja, Gammastrahlung. Im ersten Monat nach dem Einschlag war die radioaktive Belastung des Planeten so hoch wie noch nie. Unsere Geigerzähler konnten Werte messen, die dreißig mal über dem Richtwert für gesundheitsschädigende Strahlung lagen. Unerklärlicherweise starben aber keine Menschen oder Neugeborenen an den Folgen der Strahlung und nach genau 31 Tagen verpuffte die Radioaktivität wie aus dem Nichts. Normalerweise hat Strahlung eine gewisse Halbwertszeit und nimmt nur langsam über Monate, Jahre oder gar Jahrzehnte ab. So war es dieses Mal aber nicht. Von einem Tag auf den anderen sanken die Werte wieder auf das vorherige Level. Die Wissenschaft konnte sich nicht erklären, wie so etwas möglich war. Und was für merkwürdige Dinge nach dem UA-Impact passiert sind, wisst ihr ja alle. Damit beende ich die Stunde für heute.«

Die ganze Klasse sitzt ruhig da. Viele sind tief in sich gekehrt und machen sich wohl ihre eigenen Gedanken zur Entstehungsgeschichte unserer Zivilisation. Selbst jetzt noch, nach den dutzenden Malen, in denen man die Geschichte schon gehört hat.

Es ist Freitag, der 25.01.2189. Der Schultag ist vorbei und alle verlassen nacheinander die Klasse. Ich beeile mich, aus der Schule zu kommen, denn meine Familie wartet schon auf mich, damit wir gemeinsam zu Mittag essen können. Ich gehe zur Station neben unserer Schule und warte mit den anderen auf die Magnetschwebebahn. Die MS-Bahn ist wirklich eine gute Erfindung, wenn man bedenkt, dass vor 190 Jahren noch alle Menschen mit Autos, die abertausende Schadstoffe in die Luft gepumpt haben, gefahren sind. Unsere MS-Bahnen bewegen sich alleine mit der Kraft von industriell hergestellten Hyper-Magneten, die durch das Null-Element kraftvoll gemacht werden und nur einmal in einem Menschenleben ausgetauscht werden müssen. Sie fahren also komplett schadstofffrei.

Plötzlich fängt es laut an zu quietschen. Die Bahn fährt in den Bahnhof ein. Ich steige ein und schaue mich nach einem freien Platz um. Da sehe ich plötzlich Matt auf der zweiten Sitzreihe links von der Tür.

»Komm her, Aline. Ich hab dir einen Platz freigehalten!«, ruft er.

»Sehr gut, wie war die Arbeit?«, antworte ich und setzte mich neben ihn.

Matt Hoverdeen hat die Militärstufe schon beendet und kann seinen Teil zur Rettung des Planeten beitragen. Er arbeitet für ein ländliches Forschungsinstitut. Es liegt nur drei Haltestellen von meiner Schule entfernt. Matts Institut erforscht die Welt außerhalb unserer künstlichen Ozonschicht. Auf Grundlage der Erkenntnisse werden dort Geräte und Hilfsmittel entwickelt, die bei den Militäraußenposten des Landes zum Einsatz kommen sollen. Ich bin leider noch in der letzten Klassenstufe und mache erst im Sommer meinen Militärabschluss. Dann kann auch ich endlich zum Militär gehen.

Unser Schulsystem ist in drei Stufen unterteilt. Zum einen gibt es die Grundstufe. Sie erstreckt sich über zwölf Jahre und alle Menschen, ob sie wollen oder nicht, müssen sie absolvieren. Wer nach der Grundstufe anfängt zu arbeiten, übt die grundlegenden Berufe aus. Diese Berufe decken unsere Grundbedürfnisse, wie Wasser, Nahrung, Kleidung, aber auch Dienstleistungen, ab. Nach der Grundstufe folgt die dreijährige Militärstufe. Durch sie wird man befähigt, für das Militär zu arbeiten. Die Aufgabe der Absolventen ist es, für Recht und Ordnung zu sorgen und den Menschen in der Not zu helfen. Das Militär ist da, falls zum Beispiel die künstliche Ozonschicht ausfallen und es zu einer lokalen Katastrophe kommen sollte oder jemand gegen die Gesetze verstößt. Außerdem, und das ist mir viel wichtiger, versuchen spezialisierte Militäreinheiten auf Erkundungsmissionen zu gehen, um den Rest des Kontinents zu erforschen. Dadurch kann vielleicht eines Tages die Welt wiederhergestellt werden, wie sie einmal war oder zumindest der bewohnbare Teil von Kreas vergrößert werden. Je weiter man in die verstrahlten Gebiete des Kontinents vordringen kann, desto mehr Lebensraum kann geschaffen werden. Bisher konnte die künstliche Ozonschicht aber noch nicht verlassen werden. Momentan versuchen die Elite-Einheiten des Landes zum südlichen Teil von Kreas vorzudringen. Dieser liegt unterhalb des Äquators und ist wegen der extremen Hitze noch unbegehbar. Sein Name lautet Rados. Rados zu betreten, soll die erste Erkundungsmission und somit der erste große Meilenstein unserer Forschung werden.

Nach der Militärstufe folgt die letzte Schul-Stufe, die gehobene Stufe. Sie wird von Schülern besucht, die später den Planeten durch Forschung retten wollen. Aber auch unsere Ärzte, Richter und Staatsoberhäupter benötigen diesen höchsten Abschluss. Er dauert in der Regel weitere sechs Jahre. Auch unsere Lehrer benötigen ihn, denn die Vermittlung von Wissen ist in unserer Zeit von enormer Wichtigkeit. Jeder Mensch muss den Wert des Planeten verstehen, um sich auf unsere strikte Staatsführung einlassen zu können.

Ich möchte, genau wie Matt, nach der Militärstufe anfangen, für das Militär zu arbeiten. Momentan überbrückt er die Zeit, bis auch ich endlich meinen Abschluss habe, damit wir dann gemeinsam für einen Außenposten arbeiten und das verstrahlte Ödland erforschen können. Am liebsten würden wir uns sofort auf Rados stürzen.

»Unser Forschungsteam hat große Fortschritte gemacht«, erklärt mir Matt. »Wir konnten endlich die künstliche Ozon-Schicht um mehrere Kilometer in Richtung Äquator erweitern. Außerdem haben wir die Strahlenanzüge für das Alpha-Squad verbessert und ich durfte sie gleich ausprobieren!«

Matt darf in seinem Institut aufgrund seines Abschlusses nicht wirklich mitforschen, sondern dient viel mehr als Testobjekt für die neuen Erfindungen, die für die Psy-Station gemacht werden. Die Psy-Station liegt genau an der Äquatorgrenze und steht kurz davor, das erste Mal in die verstrahlten Gebiete von Rados vorzudringen. Sie hat einen extrem hohen Stellenwert und genießt den Ruf einer absoluten Elite-Einrichtung. Sie ist die einzige Militäreinrichtung, die sich auf außerländliche Missionen spezialisiert hat. Ihre Spezialeinheit ist das Alpha-Squad, deren einzige Aufgabe darin besteht, Rados zu betreten und zu erforschen, um es wieder bewohnbar zu machen. Ihre Mitglieder durchlaufen eine harte und disziplinierte Ausbildung. Wahrscheinlich ist es die nervenaufreibendste Ausbildung in Kreas. Nur ein geringer Teil der Bevölkerung hat überhaupt den Mut, sich auf Missionen außerhalb der sicheren Ozonschicht zu begeben und sich für die Psy-Station zu bewerben. Doch eben genau dieser Militärstützpunkt ist es, für den Matt und ich arbeiten möchten. Und selbst wenn Matt in seiner aktuellen Forschungsstation nicht viel machen kann, so kann er zumindest die Erfindungen ausprobieren, die wir dann hoffentlich in ein paar Jahren zusammen mit dem Alpha-Squad benutzen werden.

»Das klingt doch fantastisch! Du musst mir unbedingt mehr von den Strahlenanzügen erzählen«, antworte ich begeistert. »Und wie habt ihr es geschafft die Ozonschicht zu erweitern?«

Matt nickt aufgeregt und fängt an zu erzählen:

»Die künstliche Ozonschicht zu erweitern, war gar nicht mal so schwer wie gedacht. Du kennst ja die riesigen Null-Element-Powerstationen, die in regelmäßigen Abständen an den Landesgrenzen zu finden sind. Sie sind es, die unsere künstliche Ozonschicht erschaffen und aufrechterhalten. Sie werden nur durch das Null-Element angetrieben. Der wissenschaftliche Fachbegriff für unsere Ozonschicht lautet übrigens Nullmembran. Jedenfalls haben wir es endlich geschafft, die Nullmembran zu erweitern. Wie gesagt, es war ganz einfach. Einer unserer Forscher, welcher sich auf die Powerstation-Technik spezialisiert hat, konnte den Programmierungscode so umschreiben, dass die Stationen das Null-Element nun noch effizienter nutzen können. Dadurch wurde die Reichweite um ganze fünf Kilometer in alle Himmelsrichtungen vergrößert. Nun ist jedoch das Limit der Technik erreicht. Es müssten neue Powerstationen im Ödland von Rados errichtet werden, um die Reichweite der Nullmembran weiter zu steigern. Und dort hinzugelangen, ist das aktuelle Problem, welches das Alpha-Squad lösen soll.«

»Super! Das wird dann hoffentlich unsere Aufgabe. Also werdet bloß keine Sekunde zu früh fertig!«

Ich musste wohl so enthusiastisch geworden sein, dass meine Stimme durch das ganze Abteil zu hören gewesen war. Die Leute in unserem Zugabteil sehen mich mit schockiertem Gesichtsausdruck an. Keiner kann es glauben, dass wir freiwillig die sichere Nullmembran verlassen wollen, um ins Ödland zu gehen. Und dann auch noch ausgerechnet ich, das zarte, unbeholfene Mädchen. Diese Blicke machen mich nur noch stärker und mein Wille, die Menschheit endlich voranzubringen, wächst. Schließlich antwortet mir Matt, um die Stille zu beenden.

»Ich bin genauso Feuer und Flamme wie du, Aline!«

Bevor er weiterreden kann, falle ich ihm ins Wort: »Erzähl schon, was hat es mit den Strahlenanzügen auf sich?«

»Na gut, dann will ich dich mal nicht länger auf die Folter spannen«, entgegnet er. »Die besagten Anzüge sind die am fortschrittlichsten entwickelte Rüstung überhaupt. Etwas Vergleichbares gab es noch nie und auch kein anderes Institut hat bisher auch nur annähernd etwas so Eindrucksvolles erschaffen können. Normalerweise sind Strahlenanzüge sperrig und behindern dich bei jeder Bewegung. Außerdem dienten sie bisher nur dem Schutz vor Strahlung. Unsere Forscher haben es jedoch geschafft, einen Hybriden aus Rüstung und Schutzanzug zu erschaffen. Er ist extrem dünn und sitzt wie eine zweite Haut, wodurch völlige Bewegungsfreiheit garantiert wird. Das Material, aus dem er besteht, ist eine Mischung aus Kevlar und synthetischer Baumwolle, welche durch eine kettenhemdartige Schicht aus einem neuen Material, dem sogenannten Cyber-Polyester, verstärkt wird. Der Anzug ist nur zwei Millimeter dick, also nicht dicker als ein herkömmliches T-Shirt. Durch das Design und den engen Sitz wird man bei Bewegungen nicht im Geringsten eingeschränkt. Im Gegenteil, die Hände finden besseren Halt auf glatten Oberflächen, das Material ist extrem windschnittig, wodurch man ohne jeglichen Luftwiderstand laufen kann und das Design sorgt dafür, dass jeder Muskel des Körpers unterstützt wird, sodass die verschiedenen Muskelpartien geschont werden und länger belastbar bleiben. Der Anzug, auch Cyber-Gear genannt, kann darüber hinaus Stichverletzungen verhindern und, wie schon erwähnt, die gefährliche radioaktive Strahlung abhalten. Außerdem ist in dem Helm noch ein Kommunikationssystem integriert und die Schutzbrille lässt sich sogar nach Belieben auf einen Nachtsicht-, Wärme- oder Infrarotmodus umschalten. Jetzt halt dich fest, das Beste kommt zum Schluss: Die Kombination aus den verschiedenen Materialien bietet einen ausreichenden Schutz für Temperaturen bis zu 85 Grad Celsius. Das bedeutet, es wird schon diesen Sommer möglich sein, nach Rados aufzubrechen!«

»Das ist ja unglaublich!«, antworte ich und bin mit meinen Gedanken schon beim nächsten Schritt. »Ich kann es kaum erwarten!«

Matt guckt mich kurz an, mustert mich einige Sekunden und fängt genauso an zu strahlen wie ich.

»Unserem Plan steht nichts mehr im Wege. Die Aufzeichnungen von Rados der letzten zwei Jahre zeigen keine Temperaturen über 80 Grad Celsius bis 50 Kilometer im Landesinneren. Weiter können wir leider mit unseren Instrumenten nicht messen. Das können wir dann aber hoffentlich vor Ort übernehmen.«

»Zum Glück arbeitest du genau im richtigen Institut und weißt über alles so prima Bescheid«, antworte ich anerkennend.

»Das stimmt«, gibt Matt zurück, während sein Blick auf die Anzeigetafel der Bahn fällt. »Süd-Zeos Hauptbahnhof. Wir müssen aussteigen, Aline.«

Schnell stehen wir auf, verlassen die Bahn und begeben uns zum Ausgang des Bahnhofs. Gemeinsam gehen wir noch ein Stück zu Fuß und schwelgen in Vorfreude auf den Sommer. Wir tauschen noch kurz aus, was wir diese Woche alles erlebt haben und verabschieden uns schließlich. Das letzte Stück muss ich alleine gehen.

Der gemeinsame Weg nach Hause ist seit Jahren unser tägliches Ritual. Ich kenne Matt schon seit meiner Kindheit. Um genau zu sein, seit 15 Jahren. Wir sind damals zur gleichen Grundstufe gegangen und sind seit unserer ersten Begegnung beste Freunde. Leider musste ich die 5. Klasse aufgrund einer schlimmen und langanhaltenden Krankheit wiederholen. Seitdem ist er mir ein Jahr voraus. Uns vereint eine tiefe Freundschaft und so nah wie Matt stehe ich sonst niemandem. Wir erzählen uns alles. Von witzigen Geschichten, die wir erleben, bis hin zu Problemen und Ängsten, die uns plagen. Er hat immer ein offenes Ohr für mich und seine Ratschläge sind oftmals Gold wert. Darüber hinaus ergänzen wir uns perfekt. Ich bin oftmals viel zu impulsiv und werde schnell hektisch. Matt hingegen bewahrt in brenzligen Situationen immer den Überblick und löst sie mit Hilfe seiner ruhigen und bedachten Art. Ich bin dann wohl eher so etwas wie der Motivator von uns beiden. Ich kann mich extrem schnell für neue Dinge begeistern. Dann bin ich oft so mit Herz und Seele bei der Sache, dass es ihn glatt mitreißt. In sportlicher Hinsicht sind wir beide sehr ehrgeizig und versuchen, uns immer wieder gegenseitig zu übertrumpfen. Dadurch spornen wir uns enorm an und entwickeln uns stetig weiter. Das gleiche gilt übrigens auch für die Schule sowie unser Wissen über Technik und unseren Planeten. Schließlich ist technisches und planetarisches Wissen eine wichtige Basis für die Psy-Station.

So eine enge Freundschaft, wie zwischen Matt und mir, wird es wohl kaum ein zweites Mal geben. Wir verstehen uns so gut, dass wir uns geschworen haben, später einmal zusammen zu arbeiten. Wie man sieht, hält sich Matt daran und wartet extra ein Jahr auf mich.

Unsere Verbundenheit, unsere gleichen Denkweisen und unser gegenseitiges blindes Vertrauen könnten sogar sehr hilfreich beim Alpha-Squad werden. Wir wären ein unschlagbares Team. Ich bin so froh, Matt zu haben, denn ein Leben ohne ihn könnte ich mir gar nicht vorstellen.

Ich schlendere weiter meinem Zuhause entgegen und denke ein wenig über meine Heimat nach. Das Leben auf der Cyber-Erde, so wurde die Erde nach dem Melting-Day benannt, verläuft relativ ruhig. Ich lebe in Süd-Zeos, einer der größten Städte Kreas. Zeos war die erste große Stadt, die bei der Neubesiedelung von Kreas errichtet wurde. Sie lag in der Mitte des Landes und wurde schnell zum Dreh- und Angelpunkt des Kontinents. Die Menschen verteilten sich, soweit es das Klima, die Strahlung und die überschwemmten Landmassen zuließen, in alle vier Himmelsrichtungen, und gründeten die Städte West-, Nord-, Ost- und Süd-Zeos. Hier, im mittleren Ring von Süd-Zeos, wurde ich geboren und seitdem ich mich erinnern kann, wohnen wir in unserem schönen Haus. Wir haben eine gesicherte Grundversorgung, so wie jeder Bürger von Kreas. Soetwas wie ein Einkommen gibt es nicht mehr. Es wurde durch ausführliche Studien analysiert, welche Bedürfnisse der verschiedenen Berufsgruppen abgedeckt werden müssen, damit sie ein glückliches Leben führen können, und genau diese Güter werden dann frei zur Verfügung gestellt. Das sind beispielsweise Essen, Trinken, Kleidung, Möbel, technische Geräte, Dienstleistungen, aber auch ein Ort zum Entspannen, wie eine Sauna. Stressige Berufsgruppen, also die Wissenschaftler und Führungskräfte, haben sogar eigene Physiotherapeuten und Butler. Die jüngsten Mitglieder der Familien müssen sich jedoch mit den Gütern der Eltern zufriedengeben, da sie noch keiner Berufsgruppe angehören. Ich lebe hier also in völliger Sicherheit und muss mir keine Gedanken über meine Zukunft machen.

Ein perfektes Leben, sollte man meinen. Für den normalen Bürger von Kreas reicht das völlig aus, um bis an sein Lebensende glücklich zu sein. Ich bin aber kein normaler Bürger. Ich ticke anders als die Mehrheit. Ich möchte kein geregeltes Leben haben wie die meisten. Ich möchte raus und die Welt erkunden.

Mein ganzes Leben verbringe ich nun schon in Süd-Zeos und bin kaum auf dem Kontinent herumgekommen. Andere Städte haben wir noch nie besucht und kaum aufregende Abenteuer erlebt. Mein Bruder Hector und ich mussten uns in unserer Kindheit oft alleine beschäftigen. Leider wurde uns durch die scheinbare Großstadtidylle die Möglichkeit genommen, viel draußen zu spielen, denn unsere Eltern hatten immer Angst, dass uns was passieren könnte. Sie wollten eigentlich nur das Beste für uns, doch durch die Angst in ihren Köpfen schnürten sie uns zu sehr vom sozialen Umfeld ab und so vereinsamten wir.

Ich bin ihnen nicht böse deswegen. Jeder Mensch macht seine Fehler. Trotzdem hatten mein Bruder und ich nur uns zum Spielen. Andere Kinder, bis auf die, die wir in der Schule sahen, kannten wir nicht. Darum verbrachten wir fast unsere gesamte Kindheit damit, die Zeit im Haus totzuschlagen und zu hoffen, dass wir irgendwann mal etwas Aufregendes unternehmen würden. Doch das passierte leider nur selten. Meine Eltern sind viel mehr damit zufrieden, ihre Ruhe zu haben und einfach Zuhause zu entspannen. Mehr wollen sie gar nicht. Wahrscheinlich bin ich gerade deswegen zum Pendant meiner Eltern geworden. Neugierig, enthusiastisch und immer auf dem Sprung, um etwas Neues zu erleben. Ich bin von morgens bis abends energiegeladen und muss das auch ausleben. Dementsprechend war ich überglücklich, als ich endlich die Militärstufe erreicht hatte und all meine Energie für sinnvolle Dinge einsetzen konnte. Ich lernte viel für die Schule in meiner Freizeit, um mich so gut es ging für die Psy-Station vorzubereiten. Jede freie Minute verbrachte ich zusammen mit Matt, indem wir Sport machten oder einfach nur zusammen Spaß hatten und lustige Abenteuer in Süd-Zeos erlebten, die ich als Kind nie hatte. Wir schlichen uns nachts zu verbotenen Orten, unternahmen tagelange Wanderungen, um die Welt zu sehen oder vertrieben uns die Zeit mit verschiedenen Aufgaben, die wir uns gegenseitig stellten. Einmal musste ich auf einen Kran klettern und als Rache dafür habe ich Matt in einen verlassenen Minenschacht geschickt. In solchen Momenten fühlt man sich lebendig. Für solche Abenteuer leben wir. Wir ticken nicht wie die breite Masse und genau deshalb möchten wir zum Alpha-Squad.

Ich bin so in Gedanken vertieft, dass der zehnminütige Weg nach Hause wie im Flug vergeht und ich plötzlich vor unserem Haus stehe. Drinnen werde ich schon erwartet. Der Tisch ist für das Abendbrot gedeckt und mein Vater John, meine Mutter Kimberly und mein Bruder Hector sitzen auf ihren gewohnten Plätzen.

»Hallo, Aline«, begrüßt mich meine Mutter in ihrer freundlichen Art. »Wie war dein Tag?«

Ich setze mich an den gedeckten Tisch und beginne zu erzählen:

»Super, Matt hat eine Menge neue Dinge zur Psy-Station und dem Alpha-Squad erfahren. Ich habe ihn in der Bahn getroffen und er hat mir alles erzählt. Es sieht tatsächlich so aus, als ob die ersten Missionen außerhalb der Nullmembran bald losgehen können.«

»Ach, Aline«, antwortet mein Vater. »Du weißt, wie sehr uns deine Zukunftspläne Sorgen bereiten. Aber das Thema haben wir ja schon hinter uns. Dein Vorhaben werden wir dir wohl nicht mehr aus dem Kopf schlagen können. Wir beten einfach, dass dir nichts passieren wird.«

»Papa, mach dir keine Sorgen. Ich bin kein kleines Kind mehr und kann gut auf mich aufpassen. Obwohl ich ein Mädchen bin, bin ich standhafter und ehrgeiziger als so ziemlich jeder Bewohner unseres Viertels. Ich lasse mich nicht so schnell unterkriegen und passieren wird mir schon gar nichts!«

Meine Eltern schauen sich kurz an und mein Vater antwortet mit einem zustimmenden Lächeln.

»Das weiß ich doch, mein Schatz. Jeder hier in unserer Gegend weiß, was für eine Kämpfernatur du bist. Und jeder weiß, dass es kein besseres Mädchen für das Alpha-Squad als dich geben könnte. Wir stehen doch mittlerweile komplett hinter deinem Vorhaben. Trotzdem sind wir froh, dass du uns noch ein paar Monate erhalten bleibst und mit deiner spontanen Art unsere Familie belebst.«

Ich bin froh, dass sich meine Eltern mittlerweile mit meinen Plänen abgefunden haben. Anfangs waren sie geschockt und haben mir verboten nach der Militärstufe zur Psy-Station zu gehen. Lieber sollte ich die gehobene Stufe besuchen, um eines Tages Lehrerin zu werden. So wie meine Mutter. Doch nach einigen Monaten, in denen ich ihnen auf energische Weise meine Selbstständigkeit und meine Leidenschaft für die Psy-Station nähergebracht habe, konnte ich sie doch noch überzeugen. Nun stehen sie voll und ganz hinter mir. Manchmal erzählen sie sogar ihren Freunden voller Stolz, dass ihre Tochter zum Alpha-Squad möchte.

»Ich weiß eure Unterstützung sehr zu schätzen. Jetzt aber erstmal guten Appetit, ich habe Hunger.«

Wir essen genüsslich den Braten, den uns meine Mutter zubereitet hat und erzählen uns, was wir am heutigen Tag erlebt haben. Ich berichte vor allem von der Cyber-Gear.

»Na, da hast du aber was für dich entdeckt«, unterbricht mich mein Vater nach einem fünfzehnminütigen Monolog, um auch mal die anderen zu Wort kommen zu lassen.

Später am Abend gehe ich hoch ins Badezimmer und mache mich fertig fürs Bett. Ich gehe früh schlafen, denn morgen muss ich früh raus. Matt und ich möchten um sieben Uhr einen Ausflug unternehmen. Es soll ungewöhnlich schönes Wetter für diese Jahreszeit geben. Ich liege lange wach und fange an, über unsere heutige Geschichtsstunde nachzudenken.

»Und was für merkwürdige Dinge nach dem UA-Impact passiert sind, wisst ihr ja alle«, höre ich die Stimme meiner Lehrerin in meinem Kopf. Stimmt, die Ereignisse nach dem UA-Impact stellten unsere Zivilisation noch ein weiteres Mal auf den Kopf. Die Menschheit wurde wie aus heiterem Himmel beschenkt.

Doch was genau ist geschehen? In der ersten Woche, nachdem die Strahlung des UA-Impacts auf mysteriöse Weise verpufft war, passierte gar nichts. Die anfängliche Aufregung, die Ängste und Sorgen, die sich die hohen Politiker und Staatsoberhäupter, aber auch die Bevölkerung gemacht hatten, verflogen in einer Wolke der Erleichterung. Alle waren froh, dass es nicht wieder zu einer weltweiten Katastrophe kam, wie nach dem Atomangriff Nordkoreas oder dem Melting-Day. Der gewohnte Alltag nahm schnell wieder seinen Lauf. Doch vier Tage nach dem Einkehren der Normalität stattete ein völlig aufgeregter Wissenschaftler dem Kreas-Parlament, unserer höchsten politischen Institution, einen Besuch ab. Er behauptete, dass er seit einigen Tagen die Gedanken von Menschen lesen könne. Er glaubte, dass dies durch eines seiner missglückten Experimente passiert sei. Das Parlament glaubte ihm nicht und schenkte ihm keine Beachtung. Am nächsten Tag allerdings sprach ein hoch angesehener Richter mit dem Parlament und behauptete ebenfalls, wie der Wissenschaftler am vorherigen Tag, dass er Gedanken lesen könne. Also begann man ausführliche Tests mit den beiden Probanden durchzuführen, indem sie die Gedanken von verschiedensten Leuten lesen sollten. Es klappte nur einige Male und anfangs war man sich sicher, dass die Gedankenleserei purer Zufall war und die beiden nichts anderes als Hochstapler waren. Doch eines Tages ging unser Staatsoberhaupt, Ikarus, am Zimmer der beiden Probanden vorbei und dachte darüber nach, warum eines seiner Küchengeräte nicht mehr funktionierte. Der Wissenschaftler bekam dies durch seine Fähigkeit mit und erklärte Ikarus, wie er seine Mikrowelle zu reparieren hätte, ohne das er jemals zuvor ein Wort mit ihm gewechselt hatte. Daraufhin verkündete Ikarus, dass die beiden keine Schwindler seien und man ihnen noch ein bisschen Zeit geben solle. Und tatsächlich verbesserte sich ihre Fähigkeit, je öfter sie sie nutzten. Sie konnten sie also trainieren.

Die Botschaft, dass Gedankenleser gefunden wurden, ließ man in ganz Kreas verkünden und es wurden immer mehr Gedankenleser entdeckt. Jeder von ihnen, der dazu qualifiziert war und einen Abschluss in der gehobenen Stufe hatte, durfte für die Regierung arbeiten und zusammen bildeten sie den Kreas-Rat, der aus circa hundert Mitgliedern besteht. Er hat eine hohe politische Stellung und sorgt dafür, dass kein Unrecht mehr in der Welt geschieht. Durch die neu entstandene Fähigkeit konnte jeder Lügner entlarvt werden. Kein Schwindler konnte mehr Politik betreiben und hinterlistige Schergen wurden schnell ertappt. Auch die hohen Richterpositionen wurden durch Gedankenleser besetzt. So konnte unser Land noch stärker überwacht werden und die Welt wurde zu einem geregelteren und friedlicheren Ort als je zuvor.

Man war sich damals noch nicht ganz sicher, wie die Menschen die versteckten Fähigkeiten erlangt hatten. Jedoch sah man keinen Zusammenhang zu den gescheiterten Versuchen des Wissenschaftlers, viel mehr glaubte man, dass sie sich durch den UA-Impact entwickelt hatten. Man geht heute davon aus, dass eine außerirdische Spezies die katastrophalen Zustände auf der Cyber-Erde erfasst hat und uns mit der Rakete helfen wollte.

Ein Monat verging und es wurden weitere abnormale Fähigkeiten bekannt. Da man sie auf den UA-Impact zurückführt, werden sie seit dem Tag ihrer Entdeckung als UA-Kräfte bezeichnet. Die besonderen Fähigkeiten entwickelten sich nur bei Menschen, die sie in ihrem Alltag und ihrem Beruf regelmäßig nutzten. So war es ja auch mit den Gedankenlesern gewesen. Nur hochgebildete Wissenschaftler, Richter, Politiker und Doktoren haben seitdem die Macht des Gedankenlesens erlangt. Erfreulicherweise konnten sie diese Fähigkeiten direkt für etwas Gutes einsetzen. Als Richter, die nun jeden Fall ohne Fehler und falsche Urteile lösen konnten, oder als Teil des Kreas-Rats, der für Recht, Ordnung und eine anständige Gesetzeslage sorgt.

Die verschiedensten UA-Kräfte entwickelten sich. Ein Dutzend Bauarbeiter ist plötzlich so stark wie noch kein Mensch zuvor. Sie können problemlos Steine mit einem Gewicht von 600 Kilogramm hochheben. Durch ihre neue Stärke können sie nun viele Maschinen ersetzen und schwere Arbeiten alleine verrichten. Vier hochrangige, geistliche Menschen – Mönche und Gurus – bekamen tatsächlich die Fähigkeit zu schweben. Fliegen konnten sie nicht, aber durch hartes Training ist es ihnen möglich geworden, stundenlang in der Luft zu bleiben und in Schrittgeschwindigkeit durch die Luft zu schweben. Des Weiteren gibt es Menschen, die über neunzig Kilometer pro Stunde schnell laufen können. Andere können plötzlich ohne zu atmen Sauerstoff aufnehmen. Ihr Körper kann genug freien Sauerstoff aus der Nahrung umsetzten und über die Haut aufnehmen, sodass atmen nicht mehr notwendig ist. Wieder andere, können stundenlang tätig sein, ohne jegliche Ermüdungserscheinungen. Ihr Stoffwechsel scheint unermüdlich die Muskeln mit Sauerstoff zu versorgen, sodass keine Milchsäure entsteht.

Es gibt mittlerweile zwölf verschiedene UA-Kräfte. Jedoch gibt es nur ein paar hundert Leute, die eine von ihnen besitzen. Auf 104,5 Millionen Cyber-Erdenbewohner ist das nicht wirklich viel. Die meisten von ihnen sind Gedankenleser. Das ist auch gut so, denn sie helfen uns, eine friedliche und geordnete Welt aufrechtzuerhalten, was enorm wichtig ist, damit sich der Planet von der Strahlung und Zerstörung erholen kann. Nur mit höchster Disziplin und Kontrolle kann dieses Ziel erreicht werden.

Die Wissenschaftler haben mittlerweile herausgefunden, dass die abnormen Fähigkeiten durch verschiedene Mutationen des Erbguts hervorgerufen werden. Diese sind jedoch so unkonventionell und unbegreiflich, dass man sich mittlerweile einig ist, dass sie durch die außerirdische Rakete entstanden sein müssen. Kein Stoff auf der Erde wäre in der Lage, so eine genetische Veränderung hervorzurufen. Woher genau die Rakete kam und welche Gründe hinter ihr stecken, bleibt weiterhin ein Rätsel. Sie hat auf jeden Fall großen Segen über unser Land gebracht. Doch jede Medaille hat ihre Kehrseite. Mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit gibt es auch Menschen, die die Macht der UA-Kräfte für böse Vorhaben nutzen wollen. Doch zum Glück wird die Bevölkerung streng kontrolliert und sollte jemand aus der Reihe tanzen, würde es unserem Militär sofort auffallen.

Kapitel 2