In Bereitschaft - Peter Vinzens - E-Book

In Bereitschaft E-Book

Peter Vinzens

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Beschreibung

Frühjahr 1945: Obergruppenführer und SS- General Herrmann Konrad verlässt auf abenteuerlichem Wege Deutschland, um sich dem Zugriff der Alliierten zu entziehen. Seine Flucht führt ihn über einen geheimen U- Boot- Bunker auf Fuerteventura nach Argentinien. Parallel dazu lässt er geheime Dokumente und Pläne von neuentwickelten Waffen, sowie größere Mengen von Goldbarren der Reichbank mit einem U- Boot des neuen Typs XXI nach Buenos Aires bringen. Seine Aufgabe sieht der General darin, eine militärische Organisation gegen den Kommunismus zu gründen, die, immer "In Bereitschaft", für den Kampf zur Verfügung steht. Heute: Der Kunsthändler Juan Garcia verunglückt auf dem Weg nach Hause mit seinem Auto direkt vor dem heimischen Büro des wenig erfolgreichen Schriftstellers Perry Slot. Die Polizei stellt fest, dass, wenige Sekunden nach oder vor einem schlecht erklärbaren Herztod Gracias, auf den Wagen geschossen wurde. Einen Zusammenhang zwischen Tod und Schüssen gibt es anscheinend nicht. Slot findet eine gefährliche Verbindung zwischen Garcia, General Konrad, dem amerikanischen Heeres-Geheimdienst CIC von 1945 und den Neonazis der Gegenwart. Slot scheint der Einzige zu sein, der das Vermächtnis des Generals kennt: Die Gründung eines Unterdrückungsinstruments auch gegen das eigene Volk: die konsequente Anwendung der "Strategie der Spannung". In seinem ersten Roman, dem Thriller "In Bereitschaft", stellt Vinzens nachzuprüfende Fakten einer fiktiven Handlung gegenüber: Zum Beispiel den möglichen Missbrauch des "Bretton-Woods-Systems" von 1944, das die Konditionen vom Umtausch von US-amerikanischen Dollar in Gold regelte. Zum Beispiel der Ausweitung des Finanzsystems "Hawala", das auf Vertrauen beruht und an Geschäftsbanken und Regierungen unkontrolliert vorbeigeht. Zum Beispiel der Anwendung der "Strategie der Spannung", die Gewalttaten an der eigenen Bevölkerung zulässt, um unliebsame Gruppen zu diskriminieren.

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Seitenzahl: 650

Veröffentlichungsjahr: 2017

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In Bereitschaft - Das Vermächtnis des Generals

Titel SeiteProlog:In Bereitschaft 1:In Bereitschaft: 2.In Bereitschaft: 3.In Bereitschaft: 4.In Bereitschaft: 5.EpilogZum Autor:

In Bereitschaft

Das Vermächtnis des Generals

Peter Vinzens

Impressum

Texte: © Copyright by Peter VinzensUmschlag:© Copyright by Ursel JaegerVerlag:Peter Vinzens, vtvfra.de

Gluckensteinweg 361350 Bad [email protected]

Druck:epubli ein Service der

neopubli GmbH, Berlin

ISBN eBook 978-3-7418-9209-7

ISBN Print 978-3-7418-9208-0

Printed in Germany

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Prolog:

Heinz Braun sitzt hinter seinem Schreibtisch, sieht zum Fenster hinaus und denkt nach. Heinz Braun ist Schriftsteller, da gehört Nachdenken zum Berufsbild. Besonders erfolgreich ist Heinz Braun nicht. Er nennt sich in seiner Rolle als Schriftsteller nicht Heinz Braun, sondern Perry Slot. Das hat seine ganz persönlichen Gründe.

Das Häuschen, in dem er sitzt, hat er von seiner Mutter geerbt, die es zwar viel lieber gesehen hätte, wenn er was „Anständiges“ - zum Beispiel Lehrer -, wie sie immer sagte, gelernt hätte, dafür war es jetzt aber zu spät.

Wenn er zum Fenster hinaussah dachte er gerne an Mark Twain, jenen überaus erfolgreichen Kollegen aus den Vereinigten Staaten, der einmal gesagt haben soll, dass er seiner Frau wiederholt erklären musste, dass er arbeite, wenn er aus dem Fenster sähe. Allein, Heinz Braun war unverheiratet, hatte auch keine Freundin und konnte somit die Mark Twainsche Weisheit nie publikumswirksam einsetzen. Aber letztendlich war auch das egal.

Er war auf der Suche nach einer spannenden Geschichte und hatte schon einen Protagonisten: General der SS, Hitler direkt unterstellt, der am Ende des Krieges, 1945, urplötzlich verschwand. Einige behaupteten er habe sich erschossen, andere, er habe sich vergiftet, auf irgendeine Weise umgebracht, wegen der großen Schuld, die er auf sich geladen hatte.

Heinz Braun überlegte nun, wie er diesen Verbrecher, er wollte ihn Dr. Herrmann Konrad, SS-General und Obergruppenführer, nennen, in seine Geschichte einführen sollte. War es geschickter mit der Vorgeschichte zu beginnen, wie Historiker das Problem anzugehen pflegten. Dann aber musste er die halbe Nazizeit aufrollen und dazu fehlte ihm die Fachkenntnis. Oder sollte er mit der Schilderung seines Umfeldes beginnen, wie amerikanische Filmautoren ihre Drehbücher schrieben.

Knapp hinter dem Fenster seiner Schreibstube, getrennt durch einen heruntergekommenen Vorgarten, verlief die kleine Straße an der er wohnte. Es war wirklich nur eine kleine Straße, mehr ein geteerter Weg, ohne Bürgersteig, der nach knapp hundert Metern sich in einer Wiese verspielte. Gegenüber, jenseits des Wegs, lag ein kleiner Park mit dicken alten Bäumen und einem Spielplatz. Morgens wuselten hier kleine Kinder herum, umgeben von jungen, gutaussehenden Müttern. Nach dem Mittagessen kamen größere Kinder und scheuchten die ganz kleinen durch robuste Rennspiele weg. Gegen Abend kamen Jugendliche beider Geschlechtssorten, husteten sich ihre ersten Zigaretten rein und wirkten sehr erwachsen. Später in der Nacht, Kinder und Jugendliche waren nach Hause befohlen worden, trafen sich verschiedene Erwachsene, Liebespaare und Menschen, die verheiratet waren, wenn auch nicht immer miteinander. So war über den langen Tag und über Teile der Nacht hinweg immer was los vor der Bude. Und weil der Rollladen am Fenster schon seit Jahren nicht mehr funktionierte, hatte er von seinem alten, bequemen Sessel aus einen guten Überblick über das Geschehen.

So aus dem Fenster blickend hat Heinz Braun plötzlich eine Idee. Was wäre, so malt er sich das Bild aus, wenn nicht er, sondern sein Alter Ego Perry Slot aus dem Fenster blickte und draußen …

In Bereitschaft 1:

I/1

… und draußen sich die Situation plötzlich ändern würde. Es könnte so gegen zwei Uhr mittags sein. Der Park ist menschenleer. Die ganz Kleinen sollen Mittagsschlaf halten und die Größeren stillen an den Wohnzimmertischen noch ihren Hunger, da geschieht es. Ein roter Sportwagen, der eigentlich gelb hätte sein müssen, flach wie eine Flunder, kommt vom Weg ab, qualmend der Motor, und kracht gegen einen der stabilen Bäume. Perry Slot überlegt welcher Verlust mehr zu bedauern sei: Der Baum oder das Auto. In diesem Moment explodiert der Motor. Perry Slot wundert sich etwas, denn er hatte noch nie gehört, dass Motoren bei Unfällen explodieren. Nur im Kino hatte er das gesehen, da aber explodieren Autos bei allen möglichen Gelegenheiten. Fasziniert sieht er aus dem Fenster. So etwas hat er noch nie gesehen, erst recht nicht in seinem Dorf, in seiner Straße, vor seinem Haus. Qualm und Flammen schlagen aus der Motorhaube. Draußen schreien plötzlich Menschen. Irgendeiner kommt gerannt, in der Hand einen winzigen Feuerlöscher und versucht zu löschen indem er auf die Motorhaube spritzt. Perry Slot überlegt schon hinauszurennen und dem Löscher zuzurufen, dass von unten gespritzt werden muss. Da aber ist das Teil schon leer und versagt seinen Dienst. Vor irgendwoher zerrt jemand einen Gartenschlauch heran. Der aber ist zu kurz und das Wasser plätschert knapp vor dem Brand auf den Boden. Eine faszinierende Vorstellung.

Dann, kurz hintereinander, zwei Explosionen, kurz wie Schüsse, bei denen sich hinterher herausstellte, dass es die Reifen waren, die platzten. Immer mehr Menschen kamen hinzu. Mütter zerrten ihre neugierigen Kinder weg, Väter, viele waren es um diese Uhrzeit nicht, eilten herbei und brüllten sich Ratschläge zu. Alles wäre völlig vergebens gewesen, wenn nicht ein vorbeikommender LKW-Fahrer gemütlich von seinem Bock herabgestiegen wäre, überlegt den großen Feuerlöscher vom Fahrzeug genommen hätte und – mit großer Ruhe und Überlegung – gekonnt den Brand von unten und durch die Lüftungsschlitze gelöscht hätte. Ein herrliches Schauspiel. Perfekte Dramaturgie. Ein kurzer Prolog, Einführung des Problems, Steigerung der Spannung, Katharsis, Höhepunkt der Spannung. Was noch fehlte war die Auflösung.

Vor Ferne kamen nun auch Martinshörner näher. Feuerwehr zuerst, dann die Polizei. Die Feuerwehrleute badeten zur Sicherheit das gesamte Fahrzeug in Schaum und die Polizei scheuchte die Leute weg. Der LKW-Fahrer notierte die Nummer des Unfallwagens, schließlich musste irgendwer die Füllung des Feuerlöschers bezahlen, nickte den Polizisten freundlich zu, klemmte das Löschgerät wieder ein und fuhr weg. Das also war die Geschichte am frühen Nachmittag, direkt vor seinem Fenster, ähnlich einem Katastrophenfilm auf einem überdimensionalen Fernseher oder einer mittelgroßen Leinwand.

Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu, draußen wollte aber die Unruhe nicht aufhören. Zuerst kamen zivile Autos mit zivilen Menschen, dann kamen Männer in weißen Schutzanzügen und schließlich ein silberfarbener Kastenwagen mit dunkel gekleideten Männern, die eine Blechwanne aus dem Fahrzeug holten. Feuerwehrmänner hielten große Decken hoch und verhinderten neugierige Blicke. Perry Slot konnte sich ausmalen, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Es hatte wohl einen, maximal zwei Tote gegeben. Mehr Passagiere passten in die Flunder nicht hinein. „… und mein Protagonist hat zigtausende Menschen auf dem Gewissen!“ Er schämte sich fast. „… und ich mache mir Gedanken bei einem Unfall.“

Gerade als er sich wieder seiner Arbeit zuwenden wollte klingelte es an der Haustür. Durch die Mattglasscheibe konnte er sehen, dass zwei Polizisten vor der Türe standen. Slot sah sich um und sah das heillose Durcheinander in seinem Wohnzimmer. Auf die Schnelle konnte er das Problem jetzt aber nicht lösen. Deshalb holte er tief Luft und öffnete, mit einem etwas schlechten Gewissen, die Türe.

„Guten Abend Herr Slot. Wir kommen wegen des Unfalls direkt vor Ihrem Haus. Wir versuchen herauszubekommen, was passiert ist. Können Sie uns sagen, was Sie gehört oder gesehen haben?“

„Kommen Sie doch rein, es ist zwar etwas unaufgeräumt, aber das wird Ihnen hoffentlich nichts ausmachen.“ Perry Slot führte die Frau und den Mann ins Wohnzimmer.

„Also ich war in meinem Arbeitszimmer, als der Wagen kam. Sein Motor hat gequalmt und dann ist er gegen den Baum gefahren. So furchtbar schnell war er aber nicht gewesen. Ich verstehe nicht, dass jemand umgekommen ist. Er war recht langsam. Und dann ist der Motor explodiert. Und dann hat es noch zweimal geknallt. Und dann war Ruhe. Das Auto hat gebrannt und einige Leute haben versucht zu löschen. Das hat aber nicht geklappt. Bis der LKW-Fahrer kam und gelöscht hat. Und dann kam ja auch schnell die Feuerwehr. Aber dass jemand gestorben ist, bei dem Aufprall, kann ich gar nicht glauben. Er war doch gar nicht schnell!“

„Wie schnell?“

„Ich glaube, man hätte mitrennen können. Für ein Auto nicht schnell.“

„Was glauben Sie, wie lange hat es gedauert, bis der Motor explodiert ist. Vom Aufprall am Baum bis zur Explosion?“ Die junge Polizistin wollte es genau wissen.

„Keine Ahnung. Nicht lange. Vielleicht zehn Sekunden. Ich habe nicht darauf geachtet.“

Und dann überlegte er sich, dass er doch ziemlich unhöflich war. Sie standen immer noch im Wohnzimmer herum und etwas zu trinken hatte er den Leuten auch nicht angeboten.

„Wollen Sie sich nicht setzen? Möchten Sie was trinken?“

„Nein Danke. Wir würden nur kurz in Ihr Arbeitszimmer schauen um zu sehen, wie der Überblick von dort aus ist.“

„Bitte, kommen Sie mit.“

Er führte sie in seine Schreibstube, die Beamten begaben sich hinter den Schreibtisch, blickten im Stehen und im Sitzen durch die Scheibe auf das Geschehen dort draußen.

„Haben Sie gesessen oder gestanden?“

„Ich glaube, ich habe gesessen. Und dann bin ich wohl aufgestanden.“

Als sie hinausgingen bekam er noch mitgeteilt, dass möglicherweise noch jemand von der Kripo käme. Später vielleicht. Oder in den nächsten Tagen.

Zwei Tage später kam dann tatsächlich einer. Eigentlich waren es zwei. Aber der Zweite sagte nichts, machte nichts und war einfach nur da. „Kommissar Keller, mein Kollege Wagner. Ich hätte Sie gerne gesprochen.“

Keller nahm nur kurz das Arbeitszimmer zur Kenntnis, griff aber beim angebotenen Kaffee zu und lehnte auch die Kekse nicht ab. Er setzte sich einfach im Wohnzimmer in den Sessel, das Fenster im Rücken, und Perry Slot blieb nichts anderes übrig, als auf dem Sofa Platz zu nehmen, ihm gegenüber, mit Blick in den Garten draußen. Wagner, der Schweiger, strich durch den Raum und musterte, scheinbar mit großer Aufmerksamkeit, den Fernseher, das große Bücherregal, die Bilder und die Tapete. Besonders letztere schien ihn außerordentlich zu interessieren. Perry Slot kam sich ein bisschen vergackeiert vor. Das aber war den übrigen Anwesenden egal. Sie sahen sich jetzt vielmehr genauer im Zimmer um, denn das gehörte zu ihrer Methode, sich von Menschen ein Bild zu machen.

Slot war Zigarettenraucher, das zeigten die verschiedenen überquellenden Aschenbecker auf allem möglichen Tischen. In einer Ecke neben dem Sofa hatte sich eine beträchtliche Sammlung verschiedenster Flaschen angehäuft, bei denen zu erkennen war, dass es sich um Alkoholika handelte. Auf dem Esstisch in der Ecke befand sich noch ein Teller vom Frühstück und der eines vergangenen Mittagessens. Wie viel Tage es alt war, ließ sich nicht mehr erkennen. Die Tischdecke hatte auch schon bessere, vielleicht sogar sauberere Zeiten gesehen, und die Weste, die Slot trug, zeigte deutliche Spuren der Speisen der vergangenen Tage. Auf dem Fernseher war deutlicher Staub zu sehen, lediglich die Mattscheibe selbst erstrahlte in hellem Glanz. Keller schloss aus diesen Eindrücken blitzschnell, dass sein Gegenüber unverheiratet war, nicht von einer Freundin in seiner Ruhe gestört wurde und sich eine Putzfrau nicht leisten konnte. Damit fühlte er sich in seinem Weltbild von alleinstehenden Herren wieder einmal bestätigt.

„Kannten Sie das Auto?“

„Nein!“ Perry Slot hatte den Wagen vorher noch nie gesehen. Autos dieser Marke pflegten außerdem gemeinhin gelb zu sein. Rote Flitzer kamen von einer anderen Firma. Eigentlich immer.

„Kennen Sie den Fahrer?“

„Ich habe den Fahrer gar nicht gesehen. Es war zu weit weg und dann stand die Feuerwehr mit den Tüchern davor. Ich habe keine Ahnung.“

Keller kramte in seiner Jackentasche und brachte ein Foto hervor.

„Kennen Sie diesen Mann“. Auf dem Foto lächelte ein gut Vierzigjähriger mit schütterem Haar in die Kamera.

„Ja, der wohnt hier ein paar Häuser weiter auf der rechten Seite. Direkt vor dem Feld. Der große Bungalow. Ich kenne ihn aber nicht. Kein Kontakt. Das ist ein verschlossener Kerl. Ziemlich arrogant. Grüßt nicht. Lädt niemanden ein. Ich hab mal gehört, er sei Kunsthändler. Aber das ist auch schon alles.“

„Wie gut kennen Sie sich hier aus?“

„Mich gibt’s hier seit meiner Kindheit. Ich kenne hier jeden Baum und jeden Stein. Meine Eltern hatten schon dieses Haus. Ich war immer hier, bis auf die Zeit, als ich studiert habe.“

„Was haben Sie studiert?“

„Philosophie.“

„Wo?“

„In Tübingen, in London und dann in Freiburg. Warum fragen Sie?“

„Ach, nur so. Was machen Sie jetzt? Also, mit was verdienen Sie jetzt ihr Geld?“

„Ich bin Schriftsteller.“

„Aha.“

Die Pause, die entstand, war ein wenig peinlich, glaubte Perry Slot. Er trank einen Schluck Kaffee und knabberte an seinem Keks, Keller trank einen Schluck Kaffee und knabberte an seinem Keks, und der schweigsame Wagner betrachtete hoch aufmerksam die Tapete.

„Saß der Kunsthändler von nebenan im Auto?“

„Ja!“

„Ist er wirklich tot?“

„Ja!“ Die Einsilbigkeit des Kommissars war wirklich zum Kotzen.

„Die Geschwindigkeit war zu niedrig. Am Auto sind doch kaum Schäden gewesen. Der Air-Bag ist doch auch aufgegangen.“

„Er ist eines natürlichen Todes gestorben.“

„Aha.“

„Und es ist geschossen worden.“

„Also doch kein natürlicher Tod!“

„Doch. Es ist auf den Motor geschossen worden. Kaliber .50 BMG, 12,7 mal 99 Nato. Das geht vorne rein und kommt hinten wieder raus. Panzerbrechend. Wie durch Butter. Ein Geschoss, das Scharfschützen verwenden. Ein Profi!“

„Aha.“ Perry Slot war verblüfft. So viel Aufwand, um zu Tode zu kommen, hätte er seinem Nachbarn, dem Kunsthändler, gar nicht zugetraut.

„Merkwürdig.“

„Was finden Sie merkwürdig?“ Jetzt wollte Keller es doch genauer wissen.

„Seit wann wird auf Kunsthändler geschossen. Und dann sterben die einfach so natürlich“, quasi in vorausseilendem Gehorsam. Aber den letzten Teil dachte er sich nur.

„Das wüssten wir auch gerne. Haben Sie einen Schuss gehört. Vor der Explosion des Motors?“

„Nein, nach der Explosion hat es noch zweimal geknallt. Aber eine ganze Zeit später.“

„Das waren die Reifen. Vorher nicht?“

„Keine Ahnung, ich habe nichts gehört.“

„Vielen Dank Herr Slot. Wenn wir noch weitere Fragen haben, werden wir uns wieder an Sie wenden. Danke, wir finden schon selbst hinaus.“

Keller erhob sich schnaufend aus dem tiefen Sessel, trank seinen Kaffee aus und eilte in Richtung Haustür. Perry Slot konnte sich nicht bremsen, sich jetzt an den schweigsamen Wagner zu wenden, der seinen Blick nur mühsam von der Tapete lösen konnte. „Hat Ihnen meine Tapete gefallen?“

Wagner tauchte aus tiefer Versenkung auf und blickte verstört auf Perry Slot.

„Hä?“

Das also war das angekündigte wichtige Verhör durch die hiesige Kriminalpolizei.

I/2.

Der Mann sah aus dem Flugzeugfenster hinunter aufs Meer. Die Maschine flog sehr tief über dem Wasser, draußen zog gerade die Morgendämmerung auf. Entgegen der militärischen Gepflogenheit bestand die Besatzung lediglich aus vier Personen. Zwei Piloten, dem Navigator und einem Funker. Die Maschinengewehr- Geschützstände waren vor dem Start ausgebaut worden. Es befanden sich nur zwei Passagiere an Bord, dafür aber eine Reihe umfangreicher Blechkisten mit unbekanntem Inhalt.

Der Mann ging durch den schmalen Gang nach vorne zu den Piloten.

„Wie lange noch?“

„Wenn der Wind so bleibt und der Tommy nichts merkt, knapp eine Stunde, Obergruppenführer.“ Der Funker blieb zwar auf seinem Sitz festgeschnallt sitzen, nahm aber eine stramme Haltung an. Er hatte Angst vor dem großen, herrischen Mann. Von draußen dröhnten die vier Motoren der Junkers Ju 290 A5. Der Fahrtwind und der Lärm der Motoren verschluckten die ergänzenden Worte des Flugkapitäns. Obergruppenführer Dr. Herrmann Konrad hangelte sich zurück zu seinem Sitz. Noch eine Stunde.

I/3.

Slot konnte von seiner Haustüre aus den Bungalow des Kunsthändlers sehen. Wenigstens einen Teil davon. Zwischen seinem verwilderten Vorgarten und dem Flachbau lagen mehrere Grundstücke, die sich durch schweizerisch anmutende Sauberkeit vom Slotschen Gelände deutlich unterschieden. Sein verwitterter, teilweise umgefallener Holzzaun setzte sich auf den Nachbargrundstücken durch halbhohe, sauber geschnittene Ligusterhecken oder mannshohe Industriezäune fort. Vor dem Haus des Kunsthändlers standen ein Polizeiwagen und zwei zivile Fahrzeuge. Offensichtlich untersuchte die Polizei das Haus nach Hinweisen, die eine Erklärung für den Schuss auf den Motor geben konnten. Slot glaubte sogar einmal kurz den schweigsamen Wagner erkennen zu können, war sich aber nicht sicher.

Und weil er ein neugieriger Mensch war, griff er sein Fernglas und schlenderte zum Ende des Weges. Festzustellen war allerdings nichts. Slot, der als kleiner Perry hier jeden Busch und Baum gekannt hatte, besann sich auf seine Jugenderinnerungen. Hinter der großen Wiese, an das des Kunsthändlers Haus angrenzte, begann ein Wald, und kurz hinter der Waldgrenze verlief der Trampelpfad der Spaziergänger und Hundeausführer. Dieser Weg war sein Ziel, denn von dort aus sollte er freien Blick auf die Rückseite des Bungalows haben.

Gedacht – getan. Auf dem Weg am Bungalow vorbei hielt der noch Ausschau nach einem Namensschild, denn er konnte sich an den Namen des Kunsthändlers nicht mehr erinnern. Vielleicht hatte er sich den auch nie gemerkt.

Auf dem schmalen Pfad im Wald angekommen versicherte sich Slot zuerst einmal, dass er auch allein war. Es wäre ihm unangenehm gewesen, wenn seine Observation aufgefallen wäre. Aber er war allein. Die kleinen Kinder waren mit ihren gutaussehenden Müttern auf dem Spielplatz, die Väter bei der Arbeit und die Jugendlichen in der Schule. Wie sich das halt für eine ordentliche Gegend so gehört.

Die Rückseite des Bungalows, mit großen Fenstern und Türen, einem weiträumigen, aber übersichtlichen Garten mit einer großzügigen Terrasse, lag offen vor ihm. Nur ein paar belaubte Bäume und Büsche lagen dazwischen und gewährleisteten ihm hervorragende Deckung.

Der Abstand zum Haus betrug vielleicht vierzig Meter. Nah genug um die beiden Männer und die Frau auf der Terrasse deutlich sehen zu können, zu weit entfernt allerdings, um auch verstehen zu können, worüber sie sprachen.

Dort standen der Kommissar, er kannte ihn bereits, der schweigsame Tapetenbetrachter Wagner und eine Frau, die er nicht kannte. Durch das Fernglas konnte er erkennen, dass sich Wagner und die Frau anscheinend heftig stritten. Ihre Gestik war heftig und die Lautstärke des Gesprächs war erheblich. Verstehen konnte er dennoch nichts.

Innerhalb des Hauses arbeiteten Leute in weißer Schutzkleidung. Solche, die man bei der Ermittlung von Verbrechen auch aus dem Fernsehen kennt. Die Rückwand des sichtbaren Raums bestand aus einer großen Bücherwand, in die anscheinend eine Geheimtür, ebenfalls mit Bücherregalen, eingelassen war. Hinter einer Holzabdeckung, die jetzt aufgeklappt von der Wand abstand, gähnte das Loch eines mittelgroßen Tresors, in dessen Innerem sich anscheinend Papiere und Akten befanden. Einer der Weißgekleideten entnahm ihm gerade verschiedene Bündel und packte sie in eine für Slot unsichtbare Kiste am Boden. Daneben stand ein zweiter Weißgekleideter und schrieb etwas in eine Kladde. Anscheinend wurde protokolliert, was die Leute mitnahmen. Mehr war nicht zu sehen. Die anderen Kripoleute waren wohl in anderen Zimmern und untersuchten anderes. Slots Neugierde war nicht befriedigt. Ganz im Gegenteil. Jetzt wurde der ihm unbekannte Kunsthändler erst richtig interessant

„Es ist alles eine Frage der Inszenierung“, dachte sich Slot. Er hätte diesen Gedanken gerne noch ein wenig erläutert, aber es war niemand da, dem er was hätte erzählen können.

I/4.

Das U-Boot vom Typ XXI befand sich auf Position 38 Grad 11‘ Nord, 16 Grad 26‘ West. Noch ein paar hundert Meilen nordöstlich von Madeira. Die See war ruhig. Sie hatten Glück gehabt bisher. Ausgelaufen waren sie vor zwei Wochen aus dem halbfertigen U-Bootbunker Valentin bei Bremen. Es war ein merkwürdiger Auftrag, den sie erhalten hatten. Das Boot war das Modernste, was das die deutsche Kriegsmarine zu bieten hatte. Es war nicht mehr nur ein tauchfähiges Boot für Aufgaben des Überwasserkampfs, sondern in der Lage lange unter Wasser zu bleiben und unter Wasser auch zu kämpfen. Ein richtiges Untersee-Kampfboot. Der Kommandant war zum Stab befohlen worden, und er hatte damit gerechnet, eine besonders knifflige Aufgabe zu bekommen. Der Krieg war verloren, das wussten alle, niemand aber sprach darüber. Jedenfalls nicht offen. Viele U-Boote waren versenkt worden, Engländer und Amerikaner wussten anscheinend, wo sie waren. Das konnte nur Verrat bedeuten. Deshalb war er über den Auftrag überrascht.

„Herr Kapitän, Sie erhalten von mir jetzt drei versiegelte Umschläge, die Sie erst auf See öffnen, wenn Sie die darauf vermerkten Positionen erreicht haben. Sie werden streng geheimes Reichsmaterial transportieren, das niemals in die Hände des Feindes fallen darf. Sie werden von Valentin auslaufen und die Nordsee zwischen den Färöer-Inseln und Island verlassen. Weitere Order finden Sie zu gegebener Zeit in den Umschlägen. Sie müssen unter allen Umständen Ihr Ziel erreichen. Sie werden sich nicht in Kampfhandlungen einlassen, selbst wenn sie vor Ihrer Nase stattfinden. Sie werden keine Seenothilfe leisten, auch wenn Sie in unmittelbarer Nähe sind. Sie werden keine Funktelegrafie benutzen, auch wenn Sie angerufen werden. Sie werden hören, aber nicht senden. Ihr Anrufzeichen ist XQH. Sie werden so weit wie möglich unter Wasser bleiben, um nicht aufzufallen. Sie werden unbedingt ankommen müssen. Rechenschaft werden Sie nur mir und dem Führer geben. Keinem anderen, auch Ihren Vorgesetzten nicht. Das gesamte Vorhaben hat den Namen ‚Unternehmen Xiphos‘. Haben Sie meinen Befehl verstanden?“

Kapitän Neumann hatte in seinem militärischen Leben schon viele Befehle erhalten, auch viele unsinnige, diesen aber hielt er für kaum möglich. Deshalb sah er ungläubig seinen Admiral an, der der Zeremonie beigewohnt hatte. Der nickte und stellte sich damit außerhalb des eben ergangenen Kommandos, ihn ging das Ganze nun wohl nichts mehr an.

„Jawohl Obergruppenführer, habe verstanden!“

„Sie werden Übermorgen gegen 23 Uhr auslaufen. Bis dahin werden Sie das Boot auf Vordermann gebracht haben und die Fracht, die Sie mitnehmen sollen, verstaut haben. Es ist niemandem gestattet, die Behälter zu öffnen. Niemandem! Sie bekommen dazu besondere Papiere, die Sie gegebenenfalls vorweisen können. Die Sache ist von äußerster Wichtigkeit für das Reich. Haben Sie verstanden?“

„Jawohl Obergruppenführer!“

Selbst der Admiral stand stramm, der SS-Mann musste eine wichtige Person sein. Neumann kannte ihn nicht, wollte ihn auch nicht kennenlernen.

Der Wagen, der ihn zurückbrachte, fuhr nicht nach Bremerhaven, sondern holperte über Feldwege und kleine Straßen direkt Richtung Weser zum Dorf Rekum. Die Gefahr durch Tiefflieger und Bombardements war groß. Ein paar Meter hinter Rekum war eine Großbaustelle der Marine. Von der SS bewacht, schufteten hier tausende der Arbeitssklaven, um einen Großbunker fertig zu bauen, in dem U-Boote des Typs XXI im Serienbau hergestellt werden sollten. Noch war der Bau nicht fertig. Dorthin hatte man aber sein Boot befohlen und sein 1. Offizier hatte das Schiff daraufhin von Bremerhaven an den Bunker verlegt. Als er ankam, inmitten von tausenden KZ-Häftlingen und SS-Bewachern machte sein Boot gerade fest. Mit Verwunderung stellte er fest, dass Arbeiter dabei waren, die Nummer seines Bootes und die Hoheitszeichen zu entfernen. Sein Boot wurde namenlos gemacht.

Früh am nächsten Morgen kamen LKW und brachten verschlossene Blechkisten, bewacht von SS-Truppen. Die nummerierten Behälter wurden sofort ins Boot gebracht. Neumann musste den Empfang quittieren. Die Bürokratie der Nationalsozialisten funktionierte sogar im Untergang noch. Einige der Torpedos wurden entfernt, dafür aber die Tanks bis zum Überlaufen gefüllt. Wünsche zur Verpflegung und zur Mannschaft wurden ohne Fragen genehmigt. Einer solchen Freigiebigkeit war Neumann in der deutschen nationalsozialistischen Marine noch nie begegnet.

Auslaufen in der Nacht. Die Fahrt wurde begleitet von entfernten Geräuschen im Sonar, die auf schwere Kämpfe schließen ließen. Aber sie hatten Befehl zu fahren, nicht zu kämpfen.

Als sie auf Position 38 Grad 11‘ Nord, 16 Grad 26‘ West waren, öffnete Neumann in seiner engen Kajüte den letzten Umschlag. Sie lagen nun ein paar hundert Seemeilen nordöstlich von Madeira. Weit voraus die Küste Afrikas.

„Eins WO bitte zum Kapitän.“ Über die Kommandoanlage rief er seinen ersten Wachoffizier zu sich, von dessen Meinung er viel hielt, den er schon lange kannte und dem er vertraute. Es war ungewöhnlich, dass einer der Offiziere in das „Privatzimmer“ des Kapitäns gerufen wurde. Normalerweise fanden Besprechungen in der Zentrale, dem eigentlichen Befehlsraum des Bootes statt. Dort konnten viele Mannschaftsmitglieder zuhören. Das aber wollte Neumann in diesem Fall nicht.

„Klaus, sieh dir das an. Was hältst du davon?“

Vor dem Eins WO lagen der geöffnete Umschlag, drei Seiten Papier, eng mit Schreibmaschine beschrieben und die schmächtige Schülerausgabe von Schillers „Don Karlos“.

Der Kapitän schloss die Türe seiner Kammer, ließ sich auf sein Bett fallen und bedeutete dem Eins WO, sich an den winzigen Schreibtisch zu setzen.

I/5.

Die Suche im Internet brachte ihm nicht viel. Slot wollte etwas erfahren über diesen rätselhaften Kunsthändler. Er konnte zwar herausbekommen, dass sein Nachbar Juan García hieß und dass dies ein südamerikanischer Name sein konnte. Möglicherweise auch ein spanischer. Weiterhin war zu erfahren, dass er wohl eine Galerie in Hannover betrieb, über dessen Größe allerdings nichts zu erfahren war. Interessant war lediglich ein vager Verweis, dass die Herkunft der meisten Werke, die durch ihn verkauft wurden, nicht genau geklärt werden konnten.

Als er am nächsten Tag am Anwesen des Kunsthändlers Juan García vorbeischlenderte, bemerkte er, dass die Polizei offensichtlich das Interesse an dem Haus verloren hatte. Niemand war mehr da. Niemand interessierte sich. Das Anwesen war verlassen. Da ritt Slot der Teufel. Zumindest musste er sich das hinterher immer wieder sagen. Er wollte in das Haus hinein. Unbedingt.

Noch aber war es eigentlich zu hell, die Nachbarn würden ihn sehen, ihn erwischen, oder sich zumindest wundern, dass er, der Perry aus der Nachbarschaft, der jetzt mäßig bekannte Schriftsteller Slot, auf fremdem Gelände herumschlich. Auf der anderen Seite, sagte er sich, werden die meisten Einbrüche tagsüber begangen. Also war die Situation am hellen Tag vielleicht doch gar nicht schlecht. Sie gab seinem Aufenthalt auf dem Grundstück etwas Selbstverständliches, den Anschein von Normalität.

Den Sprung über das niedrige Gartentor an der Rückseite, zum Wald hin, hätte zwar ein Zehnjähriger besser hinbekommen, aber da niemand zuschaute, gab es auch niemanden, der Haltungsnoten vergeben konnte. Ohne Hast, als sei er auf einer Besichtigungstour, ging Slot hinüber zur Terrasse und lehnte sich vorsichtig gegen die Tür. Vielleicht hatten ja die Kripoleute vergessen, die Tür richtig zu schließen. Da aber Polizisten meist zuverlässige Menschen sind, hatte er Pech. Auch die Fenster waren verschlossen und außerdem mehrfach verglast. Da wären schon grobes Werkzeug und taube Nachbarn nötig gewesen, um hier hineinzukommen. Als er schon die Hoffnung aufgegeben hatte, das Haus zu betreten, kam er bei dem Niedergang zum Keller neben dem Haus an. Neben einer massiven einbruchssichen Stahltüre, war ein kleines Fensterchen, einen halben Meter breit und fast genauso hoch, das aus dem vorvergangenen Jahrhundert zu stammen schien. Eine dünne Glasscheibe, ein vermoderter Holzrahmen, ein primitiver Riegel konnten nicht als ernsthaftes Hindernis betrachtet werden. Seinem Einbruch in das Leben eines Verstorbenen stand so gut wie nichts mehr in Wege.

I/6.

Deutsches U-Boot der Klasse XXI, ohne Nummerierung, Rufzeichen XQH, Geheimzeichen „Unternehmen Xiphos“. Kommandant Kapitän Erich Neumann. An Bord 40 Mann Besatzung, 16 Mann weniger als bei Kriegsstärke. Tauchtiefe maximal 300 Meter, Reichweite 15.000 Seemeilen, Länge 76,7 Meter, Breite 6,6 Meter, Höhe über alles 11,3 Meter. Nautische und technische Ausrüstung vollständig, Lebensmittel, Wasser und Treibstoff vollständig, Bewaffnung lediglich 2 Torpedos, Flakgeschütze ausgebaut, Handfeuerwaffen. Ladung: 34 Kisten Geheimmaterial. Keine Passagiere.

In der winzigen Kapitänskammer zwei Personen: Kapitän Neumann und der erste Wachoffizier Rabenhorst. Auf dem winzigen Tisch: Befehl Nr. 3, zu öffnen auf Position 38 Grad 11 Minuten Nord, 16 Grad 26 Minuten West, Atlantik, 380 Seemeilen nordöstlich von Madeira. Diese Position hatten sie erreicht.

„Sieh dir den Befehl an und sag mir, was du denkst.“ Neumann streckte sich auf dem schmalen Bett aus und beobachtete die Navigationsinstrumente an der gegenüberliegenden Wand. Der Kommandant konnte die wichtigsten Daten selbst in seiner Kammer immer kontrollieren. Tauchtiefe wenige Meter, Schnorchelfahrt, beide Diesel auf 80 Prozent. Schnell, aber sparsam im Verbrauch. Akkumulatorenstatus: geladen und betriebsbereit.

Rabenhorst begann zu lesen.

I/7.

Der Keller war dunkel. Es roch muffig. Abgestanden die Luft. Hinter dem Heizungskeller Regale mit Akten. Viele Regale, viele Akten. Keine Vorratskeller mit Konserven, Kartoffeln, Gemüse. Keine Waschküche. Kein Plunder. Keine alten Möbel. Nur Akten. Zusammengefasst in zusammengebundenen Aktendeckeln. Wie bei Gerichtsakten. Tausende Blatt, ohne äußerliche Beschriftung. Er verließ den Keller, erschlagen von der Unübersichtlichkeit der Papiere, verunsichert vom Chaos des Lagers.

Im Erdgeschoss gediegener Reichtum. Altes und Modernes. Reich bemalte Holzfiguren, anscheinend aus dem Mittelalter. Goldene Figuren, die an Sakralgegenstände der Inkas erinnerten. Moderne Skulpturen aus Stein und Bronze. Aber keine Gemälde, keine Zeichnungen, keine Aquarelle. Ungewöhnlich für einen Kunsthändler. Daneben alte und moderne Möbel der gehobenen Preisklasse. Wertvolle dicke Teppiche auf dem Boden. Und überall Regale mit Büchern. Anscheinend ohne Ordnung. Kriminalromane neben Fachbüchern, Literatur über Gartenbau neben Okkultem, Weltliteratur neben Groschenromanen. Auch hier: Niemand konnte erahnen, welche Ordnungsprinzipien den Hausherren einmal bewegt hatten.

Slot trat ein paar Schritte zurück. Er konnte nicht erkennen, wo die Geheimtüre war, wo der Tresor. Er ging noch weiter zurück. Bis heran an das Fenster. Der Anblick des Regals war irgendwie merkwürdig. Noch konnte er nicht erraten was ihn anzog, was ihn störte, was ihn an diesem Regal, was ihn an den Büchern, so komisch vorkam.

Er ging um die Ecke, um das Regal zu umrunden. Das aber war nicht möglich, denn der Raum nebenan war vom Flur aus nicht zu betreten. Als er den Weg endlich gefunden hatte, kam ihm das Zimmer recht klein vor. Er ging wieder zurück, mehrere Male hin und her. Es fehlte Raum, zwei Meter vielleicht. Irgendwie war dieser Bungalow völlig verbaut. Die Maße stimmten hinten und vorne nicht. Mal waren die Wände zu dick, mal sprangen Mauern aus der Linienführung.

Draußen begann es zu dämmern. Die Nacht kam in die verwinkelten Ecken schneller als erwartet. Die Beleuchtung wollte Slot nicht anschalten, das wäre zu auffällig gewesen für die Nachbarn. In diesem Haus hatte schon seit Tagen kein Licht mehr gebrannt. Da wäre es doch verwunderlich, wenn sich so schnell ein Nachfolger für den zurückgezogenen Einzelgänger gefunden hätte. Außerdem wäre es doch recht peinlich, wenn die Polizei vor der Türe stünde und wissen wollte warum er im Haus herumgeisterte. Er musste sich also etwas einfallen lassen.

I/8.

Für Rabenhorst waren die Befehle böhmische Dörfer, für ihn ergaben sie keinen Sinn. Zwar war die Mannschaft erst wenige Wochen an Bord, zwar hatten sie bisher lediglich Übungen auf dem Boot abgehalten, um im Kampf mit dieser völlig neuen Technologie bestehen zu können, aber bisher war immer die Prämisse gewesen: kämpfen, siegen, vernichten. Jetzt aber war der Kampf verboten. Leise sollten sie sein, unauffällig, die Fahrt an sich war die Aufgabe. Dazu bräuchten sie aber nicht die neueste Entwicklung im U-Boot-Bau. Ein wenig kam er sich feige vor. Er sollte Kisten transportieren. Von A nach B. Keine Aufgabe für eine kämpfende Truppe.

„So sind wir also zum Frachter verkommen. Zum Unterwasserfrachter. Wegen ein paar Kisten lassen wir die Kameraden im Stich. Das kann doch wohl nicht wahr sein.“

Der Kommandant lag auf dem Bett und knurrt nur. Keine Antwort, keine Stellungnahme, keine Meinung.

„Und was soll dieser Unsinn mit dem Funkverkehr. Da sollen wir doch mit dem primitiven Schulheftchen unsere Funksprüche verschlüsseln und haben mit der ENIGMA das sicherste Verschlüsselungsgerät aller Zeiten an Bord. Das soll einer verstehen, ich nicht.“

Er hielt „Don Karlos“, das schmächtige Bändchen, in den Händen wie einen angefaulten alten Knochen.

„Klaus, es stinkt, sage ich dir. Als ich den Obergruppenführer gesehen habe, dachte ich mir gleich, Erich, hier stinkt’s. Nur einmal bin ich ihm begegnet. Ich lege auch keinen Wert auf weitere Begegnungen. Ich habe mich erkundigt. Konrad, Dr. Herrmann Konrad, General der SS und Obergruppenführer. Zuständig für alle KZs und alle Wunderwaffen. V1, V2, Düsenjäger, Reichsflugscheibe und weiß der Henker was. Ein ganz hohes Tier. Wer dem widerspricht ist gleich im KZ.“

„Was weißt du von KZs?“

„Geheim, sicher, aber man hört so einiges. Meine Schwester hatte einen Bekannten, einer, der das Maul nicht halten konnte. Den hat die Gestapo abgeholt. War über ein halbes Jahr weg. Und als er zurückkam, hieß es, er sei im KZ gewesen. Meine Schwester hat ihn gefragt. Er hat sie dann in seine Wohnung gezogen und hat sein Hemd ausgezogen. Meine Schwester ist bald umgefallen. Narben überall. Auf dem Rücken, der Brust, den Armen. Schreckliche Narben. Danach hat er sein Hemd wieder angezogen und hat nur gesagt: ‚Ich habe nichts gesagt.‘ Danach hat meine Schwester nichts mehr gefragt. So viel zu den KZs. Und Konrad ist da irgendwie Chef. Weitere Fragen?“

Rabenhorst starrte auf die Papiere. Die Dieselmotoren hämmerten ihren Takt, das aber hörten sie nicht mehr. Es war alltäglich.

„Wenn wir ENIGMA nicht mehr benutzen dürfen, kann das nur eins bedeuten.“ Der Kommandant hustete und streckte sich. „Es kann nur bedeuten, dass der Code verraten wurde. Oder dass die Tommys ein Gerät erbeutet haben. Oder dass einer übergelaufen ist. Verrat halt. Deshalb jetzt diese primitive Masche. Zuerst kommt die Seitenzahl, dann die Zeilennummer und dann kommen die Nummern für die Buchstaben. Fein säuberlich nacheinander. Du musst lediglich hinterher sehen, wo ein Wort zu Ende ist. Und weil jedes Mal eine neue Seite und eine neue Zeile genommen werden, ist der Code unknackbar. Es sei denn, du weißt, welches Buch du nehmen musst. Das Großdeutsche Reich hat viele Bücher, das ist die Auswahl groß. Ein primitives, aber wirkungsvolles Verfahren. Nur das Buch unseres Führers sollten sie nicht nehmen. Da steht zu wenig drin.“

Er lachte gepresst, denn er wusste, dass ihn dieser Spruch das Leben kosten konnte.

„Und was bedeutet das, ‚Der Zielhafen wird bei Erreichen des Endpunktes übermittelt‘, das verstehe ich nicht.“ Rabenhorst drehte die Schreibmaschinenseiten in der Hand herum, als wolle er die Blätter kneten.

„Verstehe ich auch nicht. Aber auf der Position sollen wir zum ersten Mal senden. Präzise 13 Uhr 15 Berliner Zeit „XQH“. Nur XQH sonst nichts. Ein Mal. Mehr nicht. Zu kurz, um angepeilt zu werden. Eine Sache von Sekunden. Über ‚Kurier‘, unserem Kurzsignalverfahren, Bruchteile von Sekunden, ein Knacken im Äther, mehr nicht. Und dann noch auf einer völlig verqueren Frequenz. Auf der gleichen Frequenz kommt dann die Anweisung zurück. Da muss dann der Schiller ran. Wir werden das selbst machen und es nicht dem Funkmaat überlassen. Der lacht sich doch tot, wenn wir mit dem Heftchen da ankommen.“

„Ich geh wieder in die Zentrale und lass den Zwei WO den Kurs abstecken. Jetzt wissen wir wenigsten, wo wir hinwollen. 28 Grad 11 Minuten Nord, 14 Grad 24 Minuten West, ein paar Seemeilen vor der Nordwestküste von Fuerteventura. Das gehört, glaube ich, zu Spanien. Inseln vor Afrika. Hoffentlich ist die See tief genug um sich vor Fernaufklärern zu verstecken. Das fehlte uns noch, dass uns auf den letzten Metern der Tommi die Bonbons aufs Dach schmeißt.“

Plötzlich krachte der Kommandolautsprecher. „Horchposten an Kommandant: Horchalarm! Schraubengeräusche auf 15 Grad, Einzelläufer. Entfernung geschätzt 8 Meilen.“

Kommandant und Eins WO sprangen auf und hasteten in die Zentrale.

I/9.

Neben der äußeren Kellertreppe lag das Fenster, durch das er eingestiegen war. Der morsche Rahmen ließ sich leicht wieder zurückschieben und musste von außen so aussehen, als sei das Fenster geschlossen. Mit einem Drehhaken im Inneren konnte Slot das Holzteil weitgehend fixieren. Er hatte Glück gehabt, dass der Haken bei seinem Einsteigen noch nicht das Fenster versperrt hatte. Dann nämlich wäre der morsche Rahmen gleich auseinandergebrochen.

In der großen Stahltüre zur äußeren Kellertreppe steckte von innen ein Schlüssel. Zum großen Erstaunen Slots ließ sich das Schloss spielend leicht aufsperren und die Türe schwang geräuschlos auf. Es schien, als sei dieser Kellerzugang bewusst leicht begehbar gehalten worden. Als sei diese Türe einer der wichtigeren Ein- und Ausgänge des Hauses gewesen. Diesen Schlüssel musste er haben.

Am nächsten Tag betrat Slot bereits in aller Herrgottsfrühe das Haus des Kunsthändlers. Heute fühlte er sich schon wesentlich besser in der ungewohnten Umgebung. Außerdem hatte er zwei Taschenlampen mitgenommen. Eine winzig kleine, um auch bei Dämmerung kleine Ecken untersuchen zu können, und eine recht große, langlebige, um im Keller und an Stellen, die die Nachbarn von außen nicht einsehen konnten, suchen zu können. Was er eigentlich suchte, wusste er nicht, aber das konnte sich ja ändern.

Die Regale mit den Aktenbergen überging er einfach. Eine einzelne Mappe hatte er geöffnet, darin aber lediglich uralte Ausgabenabrechnungen aus den frühen 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gefunden. Da war er noch nicht einmal geboren gewesen. Immer wieder umkreiste er das Treppenhaus ins Erdgeschoss. Irgendwie war der Aufgang völlig verbaut. Es fehlten drei bis vier Quadratmeter Fläche, die der Kellerraum eigentlich mehr gehabt haben müsste. Als er ein Metermaß fand, begann er systematisch nachzumessen. Es fehlte ein Raum zwei mal zwei Meter groß, neben der Treppe, direkt unterhalb der Bibliothek. Der fehlende Raum konnte auch nicht von Kaminröhren oder Belüftungsschächten herrühren, denn die hätten ja irgendwelche Öffnungen im Keller oder sonstwo gehabt.

Im Erdgeschoss nahm er die gleichen Messungen vor. Auch hier war der vier Quadratmeter große Raum nicht zu finden. Es fehlte sogar hinter dem Bücherregal im großen Zimmer zum Garten eine noch größere Fläche. Da erinnerte sich Slot an die offene Geheimtür mitten in dem großen Holzregal, das er durchs Fernglas bei seiner Beobachtung der Hausdurchsuchung gesehen hatte. Er fühlte sich auf einmal ein wenig wie ein kindlicher Indianer auf dem Kriegspfad und auch erinnert an Sherlock Holmes mit seinen Kriminalfällen. Geheimräume und verborgene Gänge hatten ihn schon als Kind fasziniert. Dunkel erinnerte er sich aber daran, dass er sie auch ein wenig gefürchtet hatte. Slot war nie ein Held gewesen. In dieser Richtung bestanden bei ihm keine Ambitionen.

Wenn, so sagte er sich, die Polizei den verborgenen Eingang gefunden hatte, dann musste er ihn auch finden können. Er versuchte seine damalige Position im Wald zu bestimmen. Das war gar nicht so einfach, denn von hier aus gesehen war der Wald eine durchgehende grüne Fläche. Aber er konnte sich vage daran erinnern, dass die Öffnung direkt gegenüber der Terrassentür gelegen hatte. Das Regal aber sah an dieser Stelle stabil und bodenständig aus. Ein solides, handgearbeitetes und sauber eingepasstes Stück Möbel, das die gesamte Wand einnahm. Und doch fiel bei sehr genauer Betrachtung eine winzige Kleinigkeit auf. Der Glanz der Politur der Oberfläche hatte an einer Stelle ein wenig gelitten. So groß wie eine Hand, allerdings lediglich auf der eines Seite des doppelt ausgeführten senkrechten Regalbretts. Als hätte jemand hier öfter als an anderen Stellen Hand angelegt. Slot nahm beiderseits dieser Stelle ein paar Bücher heraus und legte sie auf den Boden. Hinterher konnte er sich nicht mehr daran erinnern, in welcher Reihenfolge sie zuvor im Regal gestanden hatten. Dies aber fiel im erst viel später ein.

Das Brett auf der Seite, an der die Gebrauchsspuren waren, stand nicht, wie bei normalen Regalen, senkrecht auf der Rückwand, sondern war schräg eingebaut. Hier war also die Türe zum geheimen Raum, in den er schon gesehen hatte. Hätte das Brett senkrecht auf der Rückwand gestanden, könnte niemand das Regalteil herausklappen. Die Rückseite hätte geklemmt. Wie allerdings die Türe zu öffnen war; Slot hatte keine Ahnung.

Wenn die Polizei, so sagte er sich, wenn die Polizei den Öffnungsmechanismus gefunden hatte, dann musste er ihn doch auch finden können. Er versuchte sich an die Geschichten zu erinnern, die er in seiner Jugend gelesen hatte. Wie hatten die Autoren damals das Öffnen von Geheimtüren beschrieben? Er konnte sich nicht recht erinnern. Aber irgendwo musste doch ein Mechanismus verborgen sein. Ein Knopf, ein bewegliches Brett, ein Rad, ein Schalter.

Ein Schalter! Das Zeitalter der Elektrizität war ja schließlich schon geraume Zeit angebrochen. Warum also sollte das Tor zum Geheimnis nicht elektrisch betrieben werden? In der Nähe des riesigen Bücherregals gab es zwar nur wenige Lichtschalter, die aber schalteten lediglich die Lampen. Slot probierte alle möglichen Schalter aus. Nichts passierte an der Bücherfront. Schließlich setzte er sich an den Tisch auf das Sofa. Neben seinem Fuß lag der Bodenschalter für die Stehlampe zwischen Sofa und Bücherregal.

„Na, dann du auch noch!“, sagte er laut und überhaupt nicht überzeugt und trat mit Wut auf den Schalter. Die Stehlampe ging nicht an, die Glühbirne musste wohl hin sein. Aber ein feines, ganz leises Summen lenkte seine Aufmerksamkeit in Richtung der vermeintlichen Türe. Sie stand sperrangelweit auf. Slot erschrak heftig und starrte ungläubig auf die Öffnung. Mit großer Langsamkeit beugte er sich hinunter und drückte vorsichtig mit der Hand, er wollte ja nichts kaputtmachen, den Schalter erneut. Wieder ertönte das Summen, die Tür schloss sich und rastete mit einem kaum hörbaren Klack ein. Die Öffnung war verschwunden. Wieder drückte er auf den Knopf und erneut öffnete sich die Pforte zum großen Geheimnis. Ganz ohne „Sesam öffne dich!“ Nur mit dem primitiven Fußschalter einer Stehlampe, die nicht funktionierte.

Mit etwas mulmigem Gefühl betrat Slot das enge Gemach. Links neben dem schmalen Eingang befanden sich zwei kleine Schalter und ein größerer. Er drücke auf den obersten kleinen Schalter, und sofort flammte blendend helles Neonlicht auf. Hecktisch schaltete er wieder zurück, sofort verlosch das Licht. Slot hoffte, dass draußen niemand die plötzliche Lichtfülle gesehen hatte. Der kleine Schalter darunter ließ eine kleine rote Lampe an der Wand aufleuchten, die draußen im Garten wohl kaum zu sehen war. Der dritte Schalter war der große und Slot legte ihn ohne nachzudenken um. Wieder das Surren, wieder schloss sich die Türe und ein schrecklicher Gedanke überkam ihn: Wenn dieser Schalter die Türe nicht wieder öffnen würde, wäre er verloren, eingesperrt in diesen engen Raum, ohne die Möglichkeit zu entkommen.

Herzklopfen, als er den Schalter wieder umlegte. Aufatmen, als die Tür wieder aufschwang. Slot fühlte sich dem Tode entronnen. Was aber, sagte er sich, wenn der Strom ausfällt. Bleibt dann die Türe zu und der Besucher gefangen? Er untersuchte die Innenseite des Verschlusses und fand, verborgen unter einem gelochten Deckel, einen stählernen Hebel, aufzuziehen nach innen, mit der Aufschrift „Open“ und „Closed“. Anscheinend hatte der englischsprachige Erfinder der Technik also auch an Katastrophen gedacht.

Jetzt hatte er Muße sich in dem Raum umzusehen. Eng gedrängt standen Regale aus Metall. Alle waren leer geräumt. Hier hatte wohl die Polizei einiges beschlagnahmt. Das hatte er ja beobachten können. Drei der Wände waren weiß gestrichen. An einer dieser Wände hing ein Rahmen mit einer Inschrift. „Silendo Libertatem Servo“ war da geschrieben. Da Slot nie Latein gelernt hatte, konnte er mit der Inschrift nichts anfangen. Die vierte Wand schien aus Metall zu sein. Aluminium oder gebürsteter, blanker Stahl. Slot war kein Fachmann, um das zu ergründen. Der Fußboden wies eine Menge Schrammen auf. Die ehemals helle Bodenfarbe war fast gänzlich weggeschrappt. Anscheinend waren die Regale häufig hin- und hergeschoben worden. Jedes Mal zu den Wänden hin und wieder zurück. Warum der häufige Umbau nötig war, konnte er nicht erkennen. Von der Razzia der Polizei konnten die Schrammen am Boden allerdings nicht sein. Die hätten die Dinger einmal verschoben, und das wäre es dann gewesen. Grübelnd stand er im Raum und betrachtete das Chaos.

Er klopfte die Wände ab, in der Hoffnung, irgendeinen Hinweis zu finden. Nichts. Er betätigte noch einmal alle Schalter innerhalb des Geheimraums und im großen Wohnzimmer mit der Bücherwand. Nichts. Schließlich holte er wieder das Metermaß und begann, die Räume nun auch im Erdgeschoß zu vermessen. Wiederum fehlte eine Fläche. Da, wo die stahlverkleidete Wand war. Oder halt auf der anderen Seite zur Treppe. Aber auch da waren die Wände stabil und Klopfen blieb ohne Ergebnis. Trotzdem hätte hier ein Raum sein müssen, rund ein Meter tief und so breit wie der Geheimraum, wenn man mögliche Wände abrechnete. Er kletterte durch eine Luke zum flachen Dachboden des Bungalows, um eine Erklärung zu finden. Hier aber lagen lediglich zwei Stapel mit Dachziegeln. Ansonsten war die Decke durchgehend aus Beton, ohne Fugen, eine einzige, glatte Fläche. Auch hier also kein Hinweis.

Aber in einem schlichten Bungalow konnte doch eine solche Fläche nicht einfach ungenutzt und unentdeckt bleiben. Im Erdgeschoss und im Keller. Slot kletterte wieder herunter, öffnete wieder die Geheimtüre und schloss sich in dem Raum ein. Das fahle Licht der Neonröhren beleuchtete den Raum mit kaltem Licht. Auch den anderen Schalter, den mit dem kleinen roten Licht an der Decke, legte er um. Dann stand er in der Mitte des Raums und starrte die metallene Wand an. Hier musste des Rätsels Lösung liegen. Einen anderen Platz konnte er sich nicht vorstellen.

Und dann glaubte er an dieser glatten, glänzenden Wand Spuren erkennen zu können. Nicht Flecken von schmutzigen Fingern, von einem Menschen möglicherweise, der sich abgestützt haben könnte, weil Regale im Weg gestanden hatten, sondern ganze Handflächen. Mit den Fingern nach unten, zum Boden gerichtet. Von der halben Höhe des Raumes bis an die Decke. Als hätte jemand diese Wand nach unten verschoben. Ohne Griffe, ohne irgendein Gestänge, das ihm geholfen hätte.

Slot stellte sich vor die Wand, legte beide Hände auf die glatte Fläche, drückte dagegen und bewegte die Hände nach unten. Und die Wand gab nach. Federleicht. Als hätte sie kein eigenes Gewicht. Langsam glitt sie nach unten und gab einen kleinen Raum frei. Vielleicht einen Meter breit. Unverputzt. Roh vermauert. Mit einem breiten Loch im Boden. Slots Herz begann zu bis zum Hals zu pochen. Angst beschlich ihn. Sein Magen reagierte mit Unwohlsein. Einen halben Meter über dem Boden ließ sich die Wand nicht weiter absenken. Über diese kleine Hürde musste er hinwegsteigen, um an die Öffnung im Boden zu kommen. Dann blickte er hinab. Er hatte erwartet, einen kleinen Raum im Keller zu finden. Ein Versteck für kleine, wichtige, wertvolle Gegenstände oder Unterlagen. Dieser Raum aber reichte tiefer. Viel tiefer. Eine Leiter führte hinab. An der Decke baumelte ein elektrischer Kran. Tief unten, am Ende des Schachts, klein wie eine Postkarte, hellgrau gestrichener Beton. Die gleiche Farbe wie im Geheimraum. Anscheinend aber nicht verkratzt, beleuchtet von blinkendem Neonlicht.

I/10.

Flugzeug Typ Ju 290 A5, Kurs 210 Grad, 4 Mann Besatzung,2 Piloten, Navigator, Funker, 2 Passagiere, 4,1 Tonnen Fracht, im Anflug auf die Puerto de la Cruz, die Südwestspitze von Fuerteventura. Flughöhe rund 30 Meter, Marschgeschwindigkeit 340 Kilometer pro Stunde.

Dr. Herrmann Konrad, der hochrangige SS-Obergruppenführer und Vertrauensmann Adolf Hitlers, lehnte sich auf dem unbequemen Segeltuchsitz neben der Ladefläche zurück. Trotz der heftigen Bewegungen der Windböen in dieser niedrigen Fluglage wollte er sich nicht anschnallen. Bisweilen musste er sich festhalten, um nicht aus dem Sitz geschleudert zu werden. Konrad war schlecht gelaunt, die heftigen Bewegungen während der Flugreise machten ihm zu schaffen. Der Pilot hatte ihm aber versichert, dass so tief geflogen werden musste, denn Amerikaner und Engländer hatten hochentwickelte Funkmessgeräte entwickelt, die sie Radar nannten und mit denen sie Flugzeuge auf große Entfernungen orten konnten. Der Pilot hatte ihm nicht gesagt, dass es Geräte in Flugzeugen gab, die auch niedrige Objekte erkennen konnten. Deshalb hatte Konrad schließlich eingewilligt. Sein Gegenüber, ebenfalls ein hochrangiger nationalsozialistischer Funktionär, war erst gar nicht gefragt worden.

„Die Schaukelei ist zu Kotzen. So schlecht bin ich ja noch nie geflogen worden.“

„In Friedenszeiten und bei Lufthoheit ist es halt gemütlicher, Obergruppenführer. Die Zeiten sind aber vorbei.“

„Kamerad, jetzt brechen wieder Friedenszeiten über uns herein. Deshalb hauen wir ja auch alle ab. Aber immerhin. Wie sagte unser großartiger Reichsmarschall Göring: ‚Hauptsache, 10 Jahre gut gelebt!‘ Recht hat der Dickwanst. Aber sie werden ihn hängen, wenn sie ihn erwischen. Sie werden ihn hängen …“. Konrad lehnte sich wieder zurück und fühlte sich bei dem Gedanken, nicht erwischt zu werden, gleich wesentlich besser.

„Sie werden ihn nicht erwischen. Auch er wird die Flatter machen. Oder er geht zu den Amerikanern. Die Amis bringen doch keinen aus einer Regierung um. Das könnte ja sonst Schule machen und sie selbst treffen. Denken Sie an Kuba, an die Philippinen, den spanisch-amerikanischen Krieg bis 1902. Wie viele Menschen hat General Arthur MacArthur umbringen lassen? Die verbrennen sich doch nicht die Finger. Denken Sie an die Indianer im eigenen Land. Da kommt nichts.“

„Wie auch immer“, Konrad kam dicht an sein Gegenüber heran, sein Stimme wurde leise, „die Juden werden schon Krawall machen. Aber es wird wie immer sein“, seine Stimme wurde wieder lauter, siegessicherer, „die Kleinen wird man henken und die Großen lässt man laufen.“ Er lachte laut auf. „Und deshalb mein Lieber, wollen wir uns auf unsere Aufgabe konzentrieren und unseren Großen den Weg in ein unbehelligtes Dasein ebnen. Die Reichsautobahn erster Klasse bis nach Südamerika!“ Er begleitete seine Worte mit einer allumfassenden Geste. „Und über den Rest unserer Sache lässt sich nur sagen: Wer redet, weiß nichts, wer weiß, redet nicht. Darauf wollen wir uns erst einmal verlassen.“

Eine Weile schwiegen sie und starrten auf die endlose Wasserfläche wenige Meter unter ihnen.

„Wie gut hätte das alles werden können. Ein paar Monate noch und das Blatt hätte sich gewendet. Nur ein paar Monate noch.“ Konrad sah sein Gegenüber an und sinnierte weiter. „Was meinen Sie, was ich für Pläne dabei habe. Da drüben in den Kisten. Waffen, Waffen sage ich Ihnen, gegen die die Alliierten nichts dagegensetzen könnten. Überschnelle Flugzeuge. Bomben von unvorstellbarer Zerstörungskraft. Raketen von Berlin bis Washington. Aber wir kommen zu spät. Verrat sage ich Ihnen, es kann nur Verrat sein.“

„Obergruppenführer, konzentrieren Sie sich jetzt auf Ihre Aufgabe. Der Führer selbst hat Sie beauftragt. Unser Chef, Heinrich Himmler selbst hat Sie beschworen, Erfolg zu haben. Sie müssen die Linie aufbauen: Deutschland, Italien, Rotes Kreuz, katholische Kirche, Spanien, Südamerika. Retten Sie an Kameraden, was zu retten ist. Bevor sie vom Iwan gefressen werden oder die Amis sie auf ihre Seite ziehen. Das sind Sie Ihrem Heimatland schuldig.“

„Heimatland und schuldig?“ Konrad zeigte ein hässliches Grinsen. „Wissen Sie, was Himmler, der treue, der mutige Heinrich von mir verlangt hat? Ein Flugzeug wollte er von mir. Abhauen wollte er. Mit den Amis verhandeln wollte er. Ich bin ihm nichts schuldig. Er, er allein hätte uns verraten!“

„Was haben Sie ihm gesagt?“

„Ich habe Herrn Himmler am Telefon gesagt, dass ich kein Flugzeug für ihn freimachen könne. Alle Flugzeuge seien im Auftrag des Führers in der Luft. Alle verteidigten das Heimatland, das Großdeutsche Reich also.“

„Alle, außer denen, die wegen Spritmangels am Boden bleiben mussten.“

„Alle, außer denen, die wegen Spritmangels am Boden bleiben mussten!“

Beide grinsten sich an. Sie wussten genau, dass die meisten am Boden standen und keinen Sprit hatten. Außer dem einen, in dem sie saßen. Für dieses Flugzeug war genug Sprit vorhanden gewesen.

„Wir nähern uns jetzt der Insel und erkunden die Landebahn. Wenn die Herren sich jetzt anschnallen wollen. Die Piste soll nicht besonders glatt sein.“ Der Funker hatte nur kurz seinen Kopf aus der Führerkanzel herausgestreckt. Die beiden Herren waren ihm unheimlich.

I/11.

Slot hatte Angst. Dieser Bau überschritt alles, was er sich vorgestellt hatte. Alles, was er sich wagte vorzustellen. Er fühlte ein merkwürdiges Ziehen in der Magengegend. Unwohlsein und Hunger zugleich. Er sah auf die Uhr. 20 Uhr 43. Mehr als zwölf Stunden war er nun schon in diesem Haus. Zwölf Stunden, ohne etwas zu essen oder zu trinken. Wie ein reißender Wolf fiel der Hunger über ihn her. Betäubte seine Sinne und lähmte seinen Willen. Der einzige Gedanke in ihm: Raus hier, schnell an die frische Luft, weg von diesem schrecklichen Ort.

Am nächsten Morgen konnte er sich nur vage daran erinnern, dass er alle Türen geschlossen, das Licht auf allen Ebenen gelöscht und sogar den Stecker der Stehlampe gezogen hatte, mit der die Geheimtüre zu öffnen war. Der Weg aus dem Kellerschacht hinaus war ihm nicht mehr bewusst. Wie aber hätte er sonst hinausgelangen können. Slot überlegte, was zu tun war. Wie konnte es kommen, dass unter diesem lächerlichen Bungalow ein so großer Keller sein konnte. Unerklärlich.

Nach reiflicher Überlegung beschloss er, dieser Sache nachzugehen. Im Internet hatte er nichts Wesentliches über das Haus gefunden, also musste er andere Quellen anzapfen. Deshalb begab er sich nach einem ausgedehnten Frühstück, die Teller und Schalen ließ er wieder mal vorerst stehen, in die Garage und holte seinen betagten Mercedes heraus. Der hatte, wie sein Besitzer, auch schon bessere Tage gesehen. Er wollte in die Stadt fahren. Denn er hatte ein Ziel.

„Jungfernpfad 14, sachten Se. Dat is doch draußen in – in --, na wie heißt dat da, in, ähh, in Ingelborn. Dat Dorf da draußen. Wat interessiert Sie denn dat Dorf? Da is doch nix los? Da draußen.“ Der dicke Mann vom Katasteramt konnte sich keine Beweggründe vorstellen.

„Ja wissen Sie Herr“, --- jetzt hatte er doch den Namen vergessen, der draußen neben der Tür stand. „Kleinschmitt de Name, Klaus Kleinschmitt, mit zwei Ke und zwei Te.“ Kleinschnitt mit zwei Ke und zwei Te lachte fröhlich ob seines Witzes. Der Gag war zwar nicht besonders lustig, aber nicht jeder konnte „Pfeiffer“ heißen mit drei F, eins vor dem Ei, zwei hinter dem Ei.

Slot lachte trotzdem. „Ja wissen Sie Herr Kleinschmitt, das ist eine Sache, die dem Oberbürgermeister sehr am Herzen liegt. Es wird eine Festschrift geben über Ingelborn und deshalb brauche ich ein paar Informationen. Es liegt dem Oberbürgermeister wirklich sehr am Herzen. Sie können ihn auch gerne anrufen.“

„Nää, nää, mit Oberbürgermeisters will ich nix am Hut hahm. Dat brauchen wir nich hier. Dat kriegen wir schon so hin. Ich bin getz fünfundreißich, nä – sechundreißich Jahre hier in dat Katasteramt, ich kenn hier allet. Wirklich allet. Da brauchen wir kein Oberbürgermeister zu. Also wat is interessant für Ihne Ihre Festschrift. Sie können allet haben, wat Sie wolln.“

Kleinschmitt öffnete wirklich interessante Quellen. Er hatte, auch aus eigenem Interesse, versteht sich, denn er war im Angelverein Vorsitzender, Zugang zu allen möglich Unterlagen. Auch solchen, die schon vor geraumer Zeit entstanden waren. Sie mussten lediglich im städtischen Computernetz zu finden sein.

„Jungfernpfad 14, dat ham wer doch jeleich. Getz is dat hier so ne Sache. Dä Jungfernpfad jibets ers seit 1952. Ers da wurde dat Gelände bebaut. Wat is datt denn?“ Kleinschmitt beugte sich tief über seinen Monitor. In Schwarzweiß waren viele Striche, Schraffuren und Schriften zu sehen. Anscheinend ein Plan, aber viel komplizierter. „Mommentde mal! Da muss ich watt gucken.“ Kleinschmitt ging an einen anderen Computer, ließ sich unter Schnaufen und Gestöhne auf dem Bürostuhl nieder und hackte auf der Tastatur herum. So viel körperliche Behändigkeit hatte Slot ihm gar nicht zugetraut.

Irgendwann, Slots Gedanken waren bereits weit abgeschweift, kam er zurück. „Vielleicht interessiert Sie dat ja. Getz is dat viel komlizierter als ich dat jedacht hab. Dä Jungfernpfad hieß früher nich Jungfernpfad, sondern hatte jar kein Name. Dat war nur son Feldweg. Wissen Se, aufm Acker en Wech, mehr nich. Un da ist einjezeichnet, dat dat da 1944 ne Flack jejeben hat, also gegen die Fluchzeuche zu schießen, die vonne Feinde. Un dann war daen Bunker jeplant. Aber et is nich klar, ob dat Ding auch jebaut wurde. Damals. Denn irjendwann konnt ja jeder machen, wat e wollte.“

Slot fiel fast vom Stuhl, als er das hörte. Ein Bunker im Jungfernpfad. Vielleicht.

„Können Sie“, er musste sich erst räuspern, „können Sie feststellen, wo der Bunker gelegen haben könnte, wenn es ihn denn tatsächlich gegeben hat?“ Slots Hände schwitzen.

„Aber sischer dat. Ich brauch blos die beiden Karten übernanderzulejen, un dann seh ich dat. Mit Elektronik is dat heute jar kein Problem mehr. Früher hätt ich gez in dat Archiv im Keller jemusst, un Sie hätten in ner Woche wiederkommen können. Muss ma gucken. So, gez hab ich dat. Dat wäre an die Stelle jewesen, wo heute dat Haus Nummer 14 steht. Jungfernpfad Nummer vierzehn, janz sischer.“

Slot hielt die Luft an. „Was ist denn mit den Bunkerplänen passiert?“

„Dat kann isch Ihnen nit sagen. Da hab ich nix. Aba dat bedeutet au nix. Viernvierzich fünfnvierzich hat keiner an das Katasteramt jedacht. Da hat ma annen Keller jedacht, wenn die Fliejer kamen un Bomben schmissen.“

Er sah weiterhin interessiert auf seinen Monitor.

„Wat is datt dann? November 1945, direkt nachem Krich, wurde datt erste Haus jebaut. Lang vor de Währungsreform 48. Wer konnt dat dann da bezahlen, damals? Da muss isch doch ma gucken. Wie ging denn dat? Dat is jaen Ding! Da hat doch wer 45, direkt nachem Krich dat Haus jebaut. Mittn aufn Acker. Aufn Platz, wo später dat Haus Nummer 14 steht. Für achthundert Reichsmark jekauft dat Jrundstück. Vonne Stadt. Bar jezahlt. Donnerwetter. Un jebaut mit de Jenemijung vonne Stadt. De muss aba jute Beziehungen jehabt haben. Vitamin B. musse eben haben.“

Kleinschmitt lachte über seinen Witz. Kleinschmitt schien sowieso gerne über seine eigenen Witze zu lachen.

„Ist bekannt, wer das Grundstück gekauft und wer das Haus gebaut hat?“

„Sischer dat! Steht alles hier drin! Dat is preussische Jründlichkeit. Jekauft hat dat Grundstück vonne Stadt eine jewisse Gerlinde Konrad, jeborene Schneider. Jeboren am 25. Februar 1918 in Berlin. Wann se jestorben is, steht hier nit drin. Aba wenn se hier bei uns jestorben is, dann kann ma dat rauskriejen. Wollnse dat wissen?“

„Nein danke, muss nicht sein, das ist schon genug. Wer hat denn aber das Anwesen später übernommen? Kann man das rausbekommen?“

„Sischer dat. Dat steht alles hier drin. Dafür sin wa ja dat Katasteramt. Jeerbt hat dat Anwesen, also Jrundstück un Jebäude, Juann Jarzia, dat mussn Verwandter jewesen sein. 1986. Dat hört sich an wien spanische Verwandter. De konnte de Erschaftssteuer wohl auch bar bezahlen, denn et jibt keinen Eintrach über ne Hypothek. 1995 jibet dann hier nochn Eintrach, dat dat Haus umjebaut wurde, mit Baujenehmijung vonne Stadt. Auch da au noch kein Eintrach vonne Hypothek. Mann, dat müssen reiche Leut jewesen sein die Jarzias. Alle Penunse bar ausse Tasche! Wer kann dat schon?“

Slot verabschiedete sich überschwänglich von Klaus Kleinschnitt mit zwei Ke und zwei Te, nicht ohne darauf hingewiesen zu haben, den Herrn Oberbürgermeister der Stadt von seinem zuvorkommenden Mitarbeiter im Katasteramt Kenntnis zu geben.

„Dat brauchen Se nit. Isch geh in drei Wochen in Rente, angeln un so. Da brauch isch so wat nit mehr. Aber trotzdem: Nix für unjut. Bisie Tage!“

I/12.

Langsam schwebte die Maschine dicht über das Wasser. Heftige Windböen ließen das Flugzeug taumeln. Dann kam urplötzlich das Land näher, rechts, vom Fenster aus, zuerst kaum zu sehen, ein qualmendes Ölfass und dann unmittelbar darauf ein heftiger Aufprall, Steine wurden von den Rädern hochgeschleudert, schlugen gegen die metallene Außenwand. Das ganze Flugzeug wurde heftig durchgeschüttelt. Obergruppenführer Dr. Herrmann Konrad, im Auftrag des Führers unterwegs, hielt sich krampfhaft am Sitz fest, obwohl er stramm angeschnallt war. Landungen auf Feldflugplätzen hatte er zwar schon oft erlebt, eine so schlechte Piste war ihm allerding noch nicht begegnet. Rumpelnd kam die Maschine zum Stehen.

„Maschine sichern, auftanken und tarnen. Wollen doch nicht, dass der Tommy entdeckt, wer hier zu Besuch ist.“ Befehle gingen Konrad schon immer glatt von den Lippen. „Außerdem: Wer ist zuständig für die Piste? Muss geglättet werden. Aber flott. Ist ja ein Saustall. Wer soll denn hier landen?“

Draußen war ein Kübelwagen vorgefahren, der Navigator hatte die Türe geöffnet und eine kleine Leiter herausgeklappt. Das Empfangskomitee, vier Mann hoch, war angekommen. Konrad ordnete seine Kleidung, rückte Pistole und Mütze gerade und trat hinaus. Draußen ein warmer, heftiger Wind. „Passatwinde“ ging es ihm durch den Kopf.

„Heil!“ Das Empfangskomitee hob stramm den Arm zum gerade noch aktuellen „deutschen Gruß“, der schon bald nicht mehr aktuell und danach überhaupt nicht mehr gefragt sein würde. Konrad grüßte lässig zurück, sein Begleiter war im Denkprozess schon um Wochen weiter und nickte nur noch.

„Nachrichten von XQH?“

„Keine Obergruppenführer! Willkommen in Puerto de la Cruz.“

„Nachrichten aus Berlin?“

„Es sollen noch weitere Herren unterwegs sein. Wer, wissen wir noch nicht.“

„Probleme mit feindlicher Aufklärung?“

„Ab und zu fliegen sie über uns hinweg. Sie vermeiden aber den direkten Kontakt. Spanien ist neutral und der Caudillo empfindlich, was die Souveränität betrifft.“

Inzwischen zerrten mehrere Männer ein großes Tarnnetz mit einem wüstenähnlichen Muster über das Flugzeug. Die Leute fluchten, weil der Wind das große Teil immer wieder von der Maschine abhob.

„Obergruppenführer, wir haben ein Frühstück im Dorf vorbereitet. Empfehle, wir fahren hinüber, dann fällt Ihr Besuch hier nicht so auf und für Sie ist es bequemer.“

Konrad und sein Begleiter stiegen sofort in den Kübelwagen, um hier wegzukommen. Es wurde heiß, der Wind nahm zu und der Dreck flog ihnen in die Augen. Das Dorf lag unten am Wasser, nur ein kurzes Stück entfernt vor dem Leuchtturm. Es war weitgehend leer, denn die Bewohner waren aus diesem Teil der Insel schon vor Jahren weggejagt worden. Jetzt gab es hier nur noch deutsche Soldaten und SS.

Das Dorf Puerto de la Cruz lag nur ein paar hundert Meter westlich der Landebahn auf der Halbinsel Jandia. Ein winziges Dorf. Ein paar Hütten nur. Doch die deutschen Soldaten hatten sich gemütlich eingerichtet. Es gab Wohnhütten und eine Kantine. Die Wehrmacht des Deutschen Reiches lief hier aber nicht in Uniformen herum, sondern in Zivilkleidung mit nur ganz wenigen militärischen Erkennungszeichen. Eigentlich war Spanien neutral und wollte diesen Schein auch weiter nach außen tragen. Andererseits aber war der spanische Diktator Franko, nach seinem Sieg über die republikanischen Truppen Spaniens und ihre Verbündeten, dem deutschen „Führer“ und dem italienischen „Duce“ zu Dank verpflichtet. Innerlich war er den beiden Diktatoren ohnehin verbunden, weshalb er sich, eine gewisse Gleichheit unter Diktatoren muss wohl sein, ebenfalls „Führer“, eben „Caudillo“ nennen ließ. Deshalb, das ging wohl auf eine Verabredung mit dem Chef der deutschen Auslandsabwehr Admiral Canaris zurück, sah er bei dem deutschen Engagement auf Fuerteventura einfach weg und ignorierte offiziell die Aktivitäten.

Die westliche Hälfte der Insel, Jandia, war kurzerhand zum militärischen Sperrgebiet erklärt worden. Der eigentliche deutsche Stützpunkt lag indes auf der nördlichen Seite des Gebirges von Jandia und unterlag strenger Geheimhaltung. Hier durften sich lediglich Angehörige der SS aufhalten, nachdem die Bauarbeiter wieder abgezogen waren und die Insel verlassen mussten. Die nördliche Seite des Gebirges hatte aber den Nachteil, dass hier für Überwasserschiffe kein Hafen gebaut werden konnte. Entweder waren die Felsen zu schroff oder der Sandstand war zu flach. Fahrrinnen auszubaggern wäre zu auffällig gewesen und die wären, bedingt durch die starke Meeresströmung, auch schnell wieder verschüttet worden. Deshalb wurde auf der südlichen Seite der vorhandene kleine Hafen Morro Jable genutzt, um Material und Arbeitskräfte heranzubringen.

„Gibt’s hier Ratten?“ Der Obergruppenführer schnüffelte bedenklich durch die Nase.

„Nicht mehr, Obergruppenführer. Die haben wir ausgerottet. Die Küche ist sauber.“ Der Chef des Empfangskomitees hatte einen Heidenrespekt vor seinem neuen Gast. Er wusste, ein falsches Wort und es gab richtig Ärger mit der obersten Führungsspitze.

„Wir haben Bohnenkaffee, Eier mit Speck und frischgebackenes Brot vorbereitet. Natürlich auch Wurst und Käse. Bitte auftragen zu dürfen.“

Konrad nickte nur. Er war müde, durchgeschüttelt und schlecht gelaunt. Die plötzliche Wärme, der Wind, der Dreck, alles war ihm zuwider. Vielleicht konnte ja der Kaffee helfen.

I/13.

Vorsichtig näherte sich Slot dem Haus Nummer 14. Man konnte ja nie wissen, ob nicht ein vorwitziger Erbe oder die Polizei sich in das Haus drängelte und seine Erkundungen störte.

„Guten Tag, Perry!“ Slot zuckte zusammen. Die alte Frau Schneider, die von der Nummer 12, kannte ihn natürlich schon von klein auf als Perry. Musste die alte Frau denn tatsächlich ausgerechnet jetzt in ihrem Garten herumfuhrwerken und ihn daran hindern, ins Haus seiner Begierde hineinzukommen.

„Guten Tag, Frau Schneider, alles in Ordnung?“

„Wie man‘s nimmt, der Rücken macht nicht mehr so mit. Aber ich bin ja auch nicht mehr neu.“ Sie lachte. „Ist das nicht furchtbar, das mit dem Herrn García. Ich habe es in der Zeitung gelesen. Geschossen haben sie auf ihn und dann ist er gestorben. Aber, das muss man schon sagen, er war immer ein verschlossener Mensch. Ganz anders als seine Tante, die Frau Konrad. Die war immer sehr lustig. Manchmal aber auch ein bisschen ordinär. Aber bei der hat sich ja keiner getraut, was zu sagen. Der Mann muss früher ein hohes Tier gewesen sein. Ist aber im Krieg geblieben. Wurde erschossen, so wurde gesagt. 1945, als der Krieg schon fast vorbei war. Schrecklich für die Frau. Sie ist dann später auch weggezogen. Niemand wusste wohin. Ach ja, aber das ist so lange her.

„Wissen Sie noch, was der Mann gewesen war?“

„Ach weißt du, das waren so Sachen, wo man nicht gefragt hat. Irgendwas in der Partei. Ich habe nicht gefragt. Es ging mich ja auch gar nichts an.“ Sie stützte sich auf ihren Rechen und versuchte sich aufzurichten. „Ja der Rücken! Ich glaube, ich muss mich mal hinlegen. Es wird mir jetzt auch zu warm. Mach‘s gut mein Junge. Schön, mal wieder mit dir gesprochen zu haben.“ Sie drehte sich um und ging in Richtung ihres Kellereingangs. Als sie hinter der Türe verschwunden war, sprang Slot behände über den niedrigen Zaun der Nummer 14 und verschwand hinter der Hausecke.

Der Weg durch den Keller war ihm inzwischen vertraut. Er steckte den Stecker der Bodenlampe in die richtige Steckdose und öffnete die Geheimtür. Erst jetzt fiel ihm ein, dass er überall seine Fingerabdrücke und seine Spuren hinterlassen hatte. Fußspuren, Haare, Schuppen, Hautpartikel. Sollte dies die Polizei einmal untersuchen, dann würden sie eindeutige Hinweise haben, um ihn zu finden. Dafür aber war es jetzt zu spät. Seine Spuren waren überall, er konnte sie nicht mehr verwischen. Er schloss die Geheimtüre von innen und öffnete die Metallwand. Unten, da wo der Bunker sein musste, war es stockdunkel. Er erinnerte sich an das kleine rote Licht an der Decke und drehte den Schalter um. Unten flammten flackernd Neonröhren auf. Der Raum wurde von kaltem Licht erleuchtet.

Die Leiter war aus Eisen und machte einen stabilen Eindruck. Sie war an der Wand festgeschraubt und in regelmäßigen Abständen mit Bügeln versehen, die ein Abstürzen des Kletterers verhindern sollten. Es war eine sehr lange Leiter. Sie führte durch den Keller des Hauses hindurch, weit in die Tiefe.

Slot bekam in einem sehr hohen Raum wieder festen Boden unter die Füße. Der Raum war klein und hatte zwei Stahltüren, die mit jeweils zwei großen Hebeln verschlossen werden mussten. Solche Türen hatte Slot bisher nur in Fernsehberichten über Bunker gesehen, gasdicht und explosionssicher. Vorsichtig näherte sich Slot der rechten Türe und versuchte den oberen Hebel umzulegen. Es ging spielend leicht, so als sei die schwere Türe eben erst gewartet worden. Er öffnete auch den unteren Verschluss und drücke die Türfüllung auf. Auch jetzt war keine Kraft nötig. Dahinter ein dunkler Raum. Die Taschenlampen hatte er zu Hause vergessen und seine tastenden Hände fanden keinen Lichtschalter in der Nähe des Einlasses.

Die linke Türe bot ebenfalls keinen Widerstand und führte in einen kleineren Raum, in dem anscheinend eine Maschine stand. Das Licht des Vorraums ließ erahnen, dass möglicherweise hier ein Verbrennungsmotor eine Lichtmaschine antreiben konnte. Mehr war aber nicht zu erkennen.

Slot verließ den Bunker und das Haus, denn ohne Taschenlampe war hier nichts zu machen. Er wollte bis zum späten Abend warten, dann aber fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, die Geheimtüre wieder zu schließen. Wenn jetzt jemand käme und das Haus beträte, dann würde nicht nur sein Besuch auffallen, der Geheimraum wäre verraten und der weitere Zugang zu den geheimnisumwitterten Räumen bliebe ihm damit zukünftig verwehrt. Also musste er zurück, um zumindest den geheimen Zugang zu verschließen. Er hatte Angst. Doch dann siegte die Neugier. Er zog sich einen dicken, dunklen Pullover an, denn dort unten im Bunker war es doch empfindlich kalt gewesen. Dann steckte er sich seine beiden Lampen ein und begab sich auf den Weg.

„Guten Tag, Herr Slot.“ Sein immer gut gelaunter Nachbar, der erst vor knapp einem Jahr sein Haus renoviert hatte, schickte sich an, mit ihm ein längeres Gespräch zu führen. Er saß auf einem selbstfahrenden Rasenmäher wie weiland Rudolf Caracciola, oder heute besser, Fernando Alonso Diaz.

„Heute so warm angezogen. Sind Sie erkältet. Es ist doch schön warm. Da schwitzt man doch. Ja, ja: Es frieret selbst im dicksten Rock der Säufer und … na ja und der andere. Nichts für ungut Herr Nachbar. Für einen guten Witz muss man auch mal eine Freundschaft riskieren. Ha ha ha.“