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Wenn heute ein Kunde einen Friseursalon betritt, weiß er oder sie überhaupt nicht, auf was wir uns da so einlassen. Kommt ein Trauerspiel auf uns zu oder eine Komödie? Was erwarten wir beim Friseur? Nur "Haare ab" oder auch Unterhaltung, Wellness, psychologische Betreuung? Eigentlich erwarten wir alles. Freundliche Zuwendung, ein mehr oder weniger tiefes Gespräch und, natürlich, ordentliches Handwerk. Deshalb sitzen die Vertreter des Berufsstandes heute oft zwischen zwei Stühlen. Entweder können sie das eine oder das andere nicht. Schade eigentlich, denn es könnte eine so schöne Aufgabe sein: Unterhaltsam, befriedigend und wohlriechend. Der Kunde aber sollte die Regel beachten: Augen auf beim Friseurbesuch! Denn dort kann viel falsch gemacht werden. Co-Autor Rolf Jaeger ist Friseurmeister, kennt die Tücken des Berufs und die Stärken oder Schwächen seiner Kollegen. DEshalb ist dieses Buch auch ein Ratgeber. Aber nicht nur. Auf unterhaltsame Weise werden Sie in die Psychologie, die Geschichte und die tiefschürfenden Hintergründe dieses Berufsstandes eingeführt. An den Haaren sollt ihr sie erkennen! Das behaupten wir doch jetzt einfach mal.
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Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Impressum:
Texte: © Copyright by Peter Vinzens Umschlag:© Copyright by Ursel Jaeger
Fotos:© Copyright by vtvfra.de
Verlag:vtvfra.de
Stettiner Str. 1861348 Bad [email protected]
Druck:epubli ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
ISBN Print 978-3-7450-9916-4
Printed in Germany
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Verehrte Leserin,
geneigter Leser,
mein Name ist Peter Vinzens und ich bin Journalist. Als Kind habe ich Friseure gefürchtet. Das hatte mehrere Gründe: Zum einen wurde ich, so habe ich es zumindest gefühlt, immer dann zum Haareschneiden geschickt, wenn ich mitten im Spiel war und überhaupt keine Lust hatte das Haus zu verlassen. „Deine Haare sehen ja furchtbar aus“, wurde dann gesagt, aber ich konnte dieses Urteil nie nachvollziehen. Außerdem war die lange Warterei zwischen all den schlau daherschwätzenden Erwachsenen furchtbar langweilig. Hinzu kam noch ein weiterer unangenehmer Umstand: Die Friseure der damaligen Zeit bekamen es nicht fertig jene winzig kleinen Haarschnipsel davon abzuhalten in den Spalt zwischen Haut und Kragen hineinzufallen. Dort saßen sie dann fest und erzeugten ein unerträgliches Jucken, das sich nur durch anschließendes heftiges Duschen abstellen ließ. Auch heute noch ist dieser Mangel an Komfort in den Salons zu beobachten, stößt jedoch auf wenig Verständnis durch deren Betreiber, denn die glauben, sie hätten alles Erdenkliche gemacht. Leider ist mein emotionales Verhältnis zu den Haarschneidekünstlern bis auf wenige Ausnahmen so geblieben, wie ich es als Kind empfunden habe. Nun denn, daran kann man nun nichts mehr ändern.
Ich selbst habe natürlich als Journalist keine Ahnung von Haaren, der Frisiererei im Ganzen und den psychologischen Hintergründen der hohen Kunst der Menschenverschönerung im Speziellen. Für Journalisten ist das normal. Dafür kenne ich aber einen Menschen, der nicht nur durch lockere Sprüche aufgefallen ist, sondern auch durch fundiertes Fachwissen in Sachen Haarpflege, Friseurkunst und Menschenseelen auf Friseurstühlen. Das ist Rolf Jaeger. Er ist seit über fünfzig Jahren im Beruf, hat seinen Meister erlangt, andere fortgebildet und arbeitet seit geraumer Zeit mehr oder weniger alleine in seinem eigenen, kleinen, exklusiven Salon in einer kleineren Stadt in der Nähe der Bankenmetropole Frankfurt. Die Anmeldezeit für Neukunden liegt übrigens im Moment bei rund drei Monaten. Jaeger ist einer, vielleicht einer der letzten seiner Zunft, der die Berufsehre der Friseure hochhalten will und die Flagge der vollkommenen Dienstleistung vor sich herträgt. Dabei versteht er keinen Spaß, ist in diesem Bereich völlig humorlos und hält zum Beispiel den sogenannten Pferdeschwanz nicht für eine Frisur, sondern für einen beklagenswerten Zustand. Ihn bekümmert, wenn er denn mal gezwungen wird über seine Kollegen nachzudenken, der schlechte Ausbildungsstand dieser Helfer der Menschheit, der leider keine Qualitätssicherung bei der Arbeit am Kunden garantiert. Von ihm also stammen die Sachinformationen, die Erfahrungsberichte und das Gefühl, wie sich ein guter Salon von innen anfühlt oder zumindest anfühlen sollte.
Die Kombination von altgedientem Autor und Spezialisten in Sachen Haare hat den Vorteil, dass die Sachinformationen stimmen, vom Fachmann aber so formuliert werden müssen, dass der unwissende Journalist, der das Ganze in Worte kleiden soll, eben auch versteht.
Jetzt gehen wir mal von folgender Prämisse aus: Dieses Buch richtet sich an Fachleute an Schere und Chemiebaukasten, nicht jedoch an Professoren und Professorinnen der Fakultät „Ars Capillum“. Weiterhin sollen Menschen wie „Du und Ich“, bzw. wie „Sie und Ihr Nachbar“, angesprochen werden. Schließlich haben wir alle keine Ahnung von der Haarkunst im Speziellen, sondern höchstens eine gediegene Halbbildung von Menschen, die auf einem Stuhl in einem Friseursalon sitzen. Angeblich, so die Mitteilung aus den sogenannten Fachkreisen, trifft diese Unwissenheit sogar auf eine Vielzahl von gelernten Haare-Abschneidern, Kopf-Frisur-Chemie-Facharbeitern und Hobby-Seelenhelfern zu, die natürlich alle eine Prüfung vor entsprechenden Innungs-Gremien abgelegt haben. Das jedoch, träfe es denn tatsächlich zu, wäre eine traurig beschämende Angelegenheit.
Auf der anderen Seite soll man nicht alle Coiffeure mit dem Bade ausschütten, obwohl es in manchen Städten davon genug gibt. In dem Ort, in dem ich heute wohne zum Beispiel, gibt es einige Ecken, in denen sich drei oder mehr Friseure die Hand über die Straße reichen können. Zudem unterbieten sie sich gegenseitig dann auch noch in den Preisen und klagen hinterher über die schlechte Einkommenslage. Leider lässt sich die Wachstumsgeschwindigkeit von Haaren nur unwesentlich beeinflussen. Ein biologisches Faktum, das kapitalistischer Gewinnsucht natürlich im Wege steht. Die Konkurrenz ist groß und die Qualitätsunterschiede überschreiten häufig sogar die Größe dieser Konkurrenz. Es gibt Betriebe, die würden sich am liebsten die Kunden mit dem Lasso auf der Straße einfangen, so wenig haben sie zu tun. Und es gibt andere, die Wartezeiten von Monaten haben, bis der Strubbelkopf denselben überhaupt unter die Schere halten darf. Zugegeben die erste Kategorie überwiegt bei Weitem. Deshalb muss der Kunde höllisch aufpassen an wen er gerät, denn er liefert sich auf diesem Wege hernach friseurtechnisch dem Haarschneider gnadenlos und unerbittlich aus. Dies war eine Erfahrung die ich später, nach meiner Kindheit, immer wieder machen musste.
Es gibt nämlich nicht nur gute und schlechte Friseure, es gibt auch gute einfallsreiche und schlechte einfallsreiche. Die schlechten Einfallsreichen wollen zwar, können ihr Handwerk aber nicht. So ist das eben mit der Kunst: Kunst kommt von „Können“ und nicht von „Wollen“. Sonst hieße Kunst nämlich „Wunst“.
Die ganz Schlechten lassen wir zu Ehrenrettung des Berufsstandes jetzt in dieser Betrachtung besser mal weg. Denn der Beruf des Friseurs besteht eigentlich aus mehreren Berufszweigen. Nein, ich denke jetzt nicht an Dauerwelle, Haarverlängerung, Chemie und Schere, sondern an die grundlegenden Fähigkeiten die Friseure haben sollten und welche, an andere Stelle, unter anderen Namen, von hochbezahlten Spezialisten ausgefüllt werden.
Da ist, zum Beispiel der Künstler: Wie bei anderen Künstlern auch, erwarte ich von ihr oder ihm, neben der Kenntnis und dem Beherrschen des handwerklichen Teils, Kreativität im Umgang mit ihrem, resp. seinem Medium. Genauso, wie der Bildhauer nicht aus Versehen die Nase seiner Skulptur abschlagen darf, oder das Ohr, so muss der künstlerische Figaro wissen, ja sogar fühlen, welche der Locken abgeschnitten werden dürfen, welche aber, wenn abgeschnitten, ein großes Loch im Gesamtkunstwerk hinterlassen. Allein schon durch die Gewichtung dieses nicht unerheblichen handwerklichen Vorgangs, scheidet eine große Anzahl von Bewerbern bereits aus der engeren Auswahl an vertrauenserweckenden Mitgliedern des Gewerbes aus. Mangelnde Vorstellungskraft ist für anspruchsvolle Bewerber um den Titel „Friseur“ ein KO-Kriterium.
Betrachten wir eine weitere, unbedingt erforderliche Fähigkeit: Die des Psychologen. „Haben Sie keinen Friseur?“ Dieser Verzweiflungssatz gestresster Mitmenschen entfleucht ihnen immer dann, wenn ein anderer, oder eine andere, ihnen mit ihren Seelenergüssen völlig den Nerv raubt. Der Friseur hingegen ist solche Geständnisse seiner Mandanten gewöhnt, sie sind ihm vertraut, sie sich anzuhören gehört zu seinem Berufsbild. Und wie jeder gute Psychologe wird er sich die Sorgen und Nöte anhören ohne Stellung zu beziehen. Nur selten wird er Kommentare abgeben, höchstens mal unverständliche Laute der Zustimmung oder der Verwunderung, und nie, wirklich niemals, wird er zugeben, dass das Gegenüber des aktuell Klagenden ebenfalls zu seinen Kunden gehört, und er die Zusammenhänge bereits durch andere Schilderungen kennt. Seine Rolle gleicht an dieser Stelle dem des Pfarrers oder des Arztes. Und dies, obwohl er oder sie nicht an Beichtgeheimnis oder Verschwiegenheitsgebot gebunden ist. Diskretion ist hier trotzdem dreiviertel der Miete, wie man so sagt. Es ist deshalb verwunderlich, dass unter Friseurinnen und Friseuren so wenige Schriftsteller zu finden sind, die Krimis, Liebesromane und andere Schauergeschichten schreiben. Vorlagen, zu anonymisierende Beispielgeschichten, hätten sie doch wahrlich genug.
Umso unverständlicher sind solche Betriebe, die ihre Kunden mit schlechter Laune, Geschwätz mit den Kollegen während der Arbeit am Haarschopf und mangelnden handwerklichen Fähigkeiten traktieren. Der Spiegel für die Endkontrolle der verborgenen Rückseite des eben Behandelten findet heute oftmals nur noch im Vorbeigehen statt, der kleine Stoß hochalkoholischen Parfüms zu Schluss auf die gelungene Locke ist dem Rotstift zum Opfer gefallen, und das dekorativ knallende Ausschütteln des Umhangs ist schnödem Wäschewechsel gewichen. Dabei könnte der Beruf doch so schön sein: Künstlerisch, kommunikativ und wohlriechend.
Wo aber wird der Kunde heute – nach dem kleinen Umweg an der Kasse vorbei – vom Meister noch persönlich zum Laden hinausgebürstet, um die letzten Reste der Behandlung von Mantel und Jackett zu entfernen. Diesem Missstand des Gewerbes wollen wir an dieser Stelle entgegentreten. Zu diesem Zweck wurde dieses Buch geschrieben. Zu Wohle des Friseurhandwerks und seiner unverstandenen Kunden. Das Werk soll dienen der erneuten Aufrichtung der anscheinend vergessenen Haar-schneide-legen-und-föhnen-Kultur.
Und wenn alle Leute, die noch Haare haben oder anderen dieselben abschneiden, dieses Buch kaufen, dann hat sich die Arbeit auch für die Autoren gelohnt.
Es gibt Menschen, die haben auf ihrem Haupte überhaupt keine Haare. Diese nennt man Glatzköpfe. Die bekanntesten Vertreter der Neuzeit sind Telly Savalas, alias Kojak und Jul Brunner. Beide waren Schauspieler, Amerikaner und in der Lage aus ihrem Mangel einen Kult zu machen. Zu ihren Gunsten versteht sich. Hinzu kommt natürlich als Aspirant heute der Politiker Peter Altmeier. Aspirant deshalb, weil Peter Altmeier noch Reste seiner Haupthaare als Kränzchen trägt. Bald aber schon wird er sich in die Reihe der genannten Berühmtheiten einreihen können. Das lassen zumindest die Gesetze der Biologie vermuten.
Nun mag es befremdlich, ja widersinnig erscheinen ein Traktat über Haare ausgerechnet mit Glatzköpfen zu beginnen. Ein Blick zurück in die Geschichte des Haupthaares allerdings lässt diesen Beginn in ganz anderem Licht erscheinen.
Da war zum Beispiel Simson, auch Samson genannt, der bekanntlich (Altes Testament, Richter 13 – 16) übermenschliche Kraft aus seinen Haaren bezog. Aus Liebe zu der Philisterin Delila verriet er dieser sein Geheimnis und dann, der wallenden Pracht beraubt, wurde er versklavt und geblendet. Schließlich kam er um. So geht es einem, wenn die Haare weg sind.
Ähnlich die Informationen über Absalom. Der arme Kerl verheddert sich bei der Flucht vor seinen Häschern mit seiner prachtvollen Mähne in einem Baum, wird gefangen und umgebracht. Mit kurzen Haaren wäre das nicht passiert. Mit den langen Haaren hatte es also schon vor langer Zeit seine besondere Bewandtnis. Hätten die Gegner der Beatles-Behaarung dieses Argument früher vertreten, wer kann ermessen, wie die Pop-Geschichte ausgegangen wäre. Aber das ist jetzt eine unzulässige Spekulation.
Noch heute können wir dieses Phänomen allerdings nachvollziehen. Man stelle sich eine Wagner-Oper vor: Gewichtige Klänge aus dem Orchestergraben, blaues Licht von hinten, dunkle Dekoration, gewaltige Stimmen berichten von drohendem Untergang und dann tritt einer der Hauptprotagonisten, natürlich ein Bass, mit Glatze auf. Unmöglich! sagen da die Theaterkritiker, und natürlich, der Regisseur verstünde sein Handwerk nicht. Recht hätten sie, diese Besserwisser der schreibenden Zunft, gleichgültig wie stimmgewaltig der Sänger auch sein möge. Schließlich schleppen wir eine Jahrtausende alte Kultur der Haartracht mit uns herum. Die kann man nicht so einfach von heute auf morgen in den künstlerischen Orkus werfen.
Kelten und Germanen trugen ihr Haar lang, vorausgesetzt sie waren Freie. Knechten und Leibeigenen wurden die Haupthaare geschoren, auf dass jeder erkennen konnte, wo wer in der Hierarchie hingehörte. Auch noch viel später wurden Menschen die Haare abgeschnitten, um sie zu demütigen, um sie quasi öffentlich unfrei zu machen. Das hat sich in einigen Köpfen sogar bis heute noch gehalten, auch in Glatzköpfen. Woraus man ersehen kann: Die Haartracht ist eine durchaus politische Angelegenheit.
Nun galten Kelten und Germanen bei den Machthabern im mediterranen Raum durchaus als Barbaren. Irgendwie bedeutet Barbaren ja auch „die Bärtigen“, die Ungepflegten, die Kulturlosen. Und da hatten die Römer wohl auch recht. Auf die Barbaren wurde deshalb – zumindest solange sie das Römische Reich noch nicht erobert hatten – einfach herabgesehen. Ihre lange Haartracht galt als unappetitlich und abstoßend.
Trotz dieser kulturellen Erfahrung: Diese Unterschiede in der Betrachtungsweise der Haarlänge sollten auch unter statistischen Gesichtspunkten gesehen werden:
Der Mensch als Solcher hat im Schnitt zwischen 300-Tausend und 500-Tausend Haare am ganzen Körper. Glatzköpfe ausgenommen. Davon entfallen rund 25% auf die Kopfbehaarung, also maximal 125-Tausend Haare. Jedes dieser winzigen Haarkleid-Teile wächst jeden Tag zwischen 0,25 und 0,40 Millimeter. Rechnet man diesen Wert hoch, dann kommt der Beobachter auf erstaunliche Werte, statistisch gesehen versteht sich: Somit wächst das Haar jedes Jahr um 118 Millimeter. Bei einer statistischen Lebenserwartung von 70 Jahren wächst jedes Haar also gut 8 Meter, vorausgesetzt sie fallen dem statistisch Berechneten nicht vorher aus. Bei 125- Tausend Haaren auf dem Kopf ergibt das eine Gesamtlänge von rund 1.000 Kilometern. Die Strecke von Oslo nach Frankfurt am Main, knapp. Aus dieser Länge müsste sich doch im Prinzip was machen lassen.
Aber, treiben wir – um der kulturhistorischen Betrachtung willen – die Rechnerei noch weiter: Die mittlere Temperatur im Januar des kühlen Nordens liegt im Mittel rund 15 Grad Celsius unter den Temperaturen Italiens. Da sollte es doch niemanden verwundern, dass die Barbaren des Nordens ihr Haarkleid länger wachsen ließen als die Schöngeister in den warmen Gefilden des Mittelmeeres. Deshalb bestand weder bei Römern noch bei Griechen, die Notwendigkeit, sich vermittels langer Haupthaare gegen die Kälte zu schützen. Die störten in der Hitze des Mittelmeers nur. Insofern müssen wir heute die Barbaren des kalten Nordens in Schutz nehmen.
Somit bleibt festzuhalten, dass das Haar eine besondere Aufgabe besitzt und nur sekundär Modeerscheinungen untertan gemacht wird. Die Natur hat vorgesehen, dass Haare wärmen, dass sie vor Sonne schützen, dass sie – je nach Beschaffenheit- die Transpiration fördern oder unterbinden sollen. Weiter nichts.
Was aber wäre der Mensch, hätte er nicht seine Eitelkeiten und besonderen Vorstellungen. „An den Haaren sollt ihr sie erkennen...“, hat, aus welchen Gründen auch immer, keiner jener weltberühmten Dichter niedergeschrieben und damit der Nachwelt eine Weisheit hinterlassen. Verwunderlich eigentlich, hat sich die Gestaltung des Haupthaares doch zu einem in der Geschichte besonderen Merkmal der gegenseitigen Einschätzung entwickelt. Als erstes galt es doch (und gilt wohl noch immer) säuberlich zu unterscheiden zwischen Reichen und Armen, Besitzenden und Besitzlosen, Einflussreichen und Null- Nummern.
Unter Ludwig dem XIV, um nur ein Beispiel zu nennen, gelangte das Erkennungszeichen „Haartracht“ zu einem seiner vielen Hoch-Zeiten. Vor seiner Regentschaft waren die französischen Edelleute renitent, nur schwer dem Einfluss des Königshauses zu unterziehen und selbständig. Mit Ludwig 14 sollte sich das ändern: An seinem Hofe herrschte eine rigide Kleiderordnung. Wertvolle Stoffe und aufwendige Schnitte waren gefordert. Je prachtvoller das Gewand, je teurer, desto höher die Aufmerksamkeit. Bei den Damen ebenso wie bei den Herren. Ludwig immer vorneweg in der Mode, denn der konnte sich das finanziell leisten. Da das natürliche Wachstum der Haare allerdings schnell Grenzen aufzeigte, wurde die Perücke modern. Auch hier: Je verrückter, desto besser. Zwar tummelten sich ganze Heerscharen kleiner Tierchen in den prachtvollen Gebilden. Sogar Flohfallen mussten in die Haarpracht eingebaut werden. Besondere Stäbchen zum Kratzen wurden entwickelt. All dies aber tat dem Diktat der Mode keinen Abbruch. Man muss sich das mal vorstellen: Ludwig 14 hält Audienz, niemand außer dem König darf sich kratzen und alle warten darauf, dass sich der Monarch endlich abwendet, um diesem drängenden Bedürfnis nachzukommen. Eine schreckliche Vorstellung, die Politiker auch heutzutage noch plagt.
Immerhin schaffte Ludwig der XIV es auf diesen Dreh den Adel des Landes an sich zu binden, ihn in Schulden zu treiben und so seinen Einfluss auf ihn durchzusetzen. Da sage noch einer, Mode hätte nichts Politisches an sich. Auf jeden Fall war es alsbald aber nicht nur dem Adel, sondern auch dem gehobenen Bürgertum klar, dass Aussehen in Form von Gewand und Haartracht etwas mit der sozialen Stellung zu tun hatte. Später wurden sogar gesetzliche Regeln aufgestellt, wer was, zu welchem Anlass tragen durfte und welche Frisur dazu notwendig war. Da könnte ja sonst jeder kommen, nur weil er Geld in Verkleidung und Haare investiert. Wo kommen wir da denn hin? Nicht umsonst tragen deshalb Dirigenten heute noch Frack, Politiker Stresemänner, Richter Roben und Pfarrer Talare. Ein bisschen Unterschied zum Normalvolk muss schon sein. Aber nur noch Richter in einigen Staaten haben auch heute die Pflicht Perücken zu tragen. Ein Relikt aus der Zeit, als die Haare noch den Stand vermittelten.
Wer allerdings meint, diese Zeit sei endgültig vorbei, der irrt oder schaut nicht so genau hin: Als in den 60ger-Jahren die „Beatles“ als Pilzköpfe ihr „All you need is Love...“ sangen, war dies mehr als ein Lied. Es war eine neue Weltanschauung. Der Protest richtete sich gegen ein verkrustetes, festgefahrenes und als spießig angesehenes europäisches Gesellschaftssystem. Die Haare hatten dort gefälligst kurz zu sein, Fasson-Schnitt war angesagt. Ein Überbleibsel aus den Erfordernissen der Weltkriege. Unter den Einheitsstahlhelm gleich welcher Nation passte kein Langhaar. Obere des Militärs hatten Langes verboten, weil es unpraktisch war, und all die, die patriotisch zu Hause bleiben durften, wollten sich von der kämpfenden Truppe nicht durch nachlässiges Aussehen absetzen. Eine ganze Generation verlor ihre Jugend, und das, was sie nach den Kriegshandlungen dafür hielt, war zwangsläufig militärisch geprägt. So schnell bekam man halt den Drill der Obrigkeit nicht aus den Knochen der Untergebenden hinaus.
Dann aber kommen diese Beatles und all die anderen Taugenichtse daher und lassen sich die Haare wachsen. Im Nachhinein gesehen waren die Pilzköpfe noch harmlos im Vergleich zu dem, was noch kommen sollte. Damals aber verfuhren sie wie Eisbrecher in der Arktis und setzten neben ihr aufmüpfiges Geschrei auch noch schulterlange Haare. Ungepflegt seien sie, schrieb die konservative Presse damals, sie sähen aus wie Weiber, zwangsweise müssten ihnen die Haare geschnitten werden. Wie es damals im sogenannten „Tausendjährigen Reich“ gemacht wurde, das Gott sei Dank dreizehn Jahre später untergegangen war. Die Freiheit die Haartracht zu gestalten, wurde auf einmal ein gesellschaftliches Problem. Krach in vielen Familien Europas, Beschimpfungen von und gegen Friseure, weil die einen dafür und andere dagegen waren. Dabei war die Auseinandersetzung um das Aussehen lediglich die Spitze des Eisberges einer gesellschaftlichen Wandlung. Den wenigsten der Langhaarigen wird es damals bewusstgeworden sein: Hier fand europaweit eine kleine „Revolution“ statt, hinter der weit mehr als nur das Haar stand. Unterscheiden wollten sie sich von ihren Eltern, frei sein vom Einfluss des Vergangenen, anders sollte es werden. Lange Zeit war es nicht so ganz klarwieanders, aber anders musste es schon sein.
Aber wie das nun mal so ist im menschlichen Leben: Eine Reihe von denen, die damals protestierend und langmähnig auf die Straße gingen, haben sich inzwischen angepasst, tragen Designer-Klamotten, lassen sich in schweren Limousinen chauffieren und haben – wen wunderts - kurze Haare. Und sollte tatsächlich mal einer gegen sie aufmucken, dann reagieren sie brüskiert. Wie vergesslich doch Macht macht.
Aber bleiben wir bei den Haaren und bei den Vorbildern: Cäsar war einer, Ludwig der XIV, die deutschen Kaiser, Stalin, Hitler, die Beatles, all die, von denen die Zeitgenossen meinten sie seien die ganz Großen, sie wurden nachgeäfft. Im Kleineren trifft das auch heute noch zu, allerdings in veränderter Qualität. Altkanzler Kohl gab sich eher konservativ unauffällig und war deshalb als Vorbild ungeeignet. Altkanzler Schröder gab zwar in der Affäre „gefärbt“ oder „nicht gefärbt“ Anlass zu Presseberichten, ist aber als Vorbild für die Gestaltung der Haarpracht auch nicht geeignet. Besser geht’s da den Damen und Herren, die durch Film und Fernsehen bekannt gemacht wurden.
Dieter Bohlen mit Sicherheit nicht, der muss Bücher über sich schreiben lassen, aber seine ExEx Feldbusch/Poth ist da schon pfiffiger. Als das „Dummchen der Nation“ (...hier werden Sie geholfen...) konnte sie nicht nur viel Geld verdienen und ihren Marktwert festigen, sie hatte auch dem „Fräulein-Wunder“ der 50ger Jahre ein aktuelles, ein neues Gesicht verpasst. Ihrer „Intimfeindin“, der Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer, war dies nicht vergönnt. Diese hatte sich auf eine modisch äußerliche Vorbildfunktion aber auch nie kapriziert. Gottlob, denn das wäre auch schiefgegangen.
Die langjährige Kanzlerin Angela Merkel taugt auch nicht als visuelles Vorbild, dazu sind ihre Kostümberater zu konservativ. Der junge europäische Adel indes befriedigte und befriedigt wiederum die Vorstellungen des Marktes. Angefangen von Lady Di, der ehemaligen britischen Nachfolgeadeligen, über ihre Söhne, bis hin zu deren Angetrauten und noch demnächst Anzutrauenden, sie alle dienen den Medien als Stilikonen, selbst wenn sie an Magersucht leiden.
Von Zeitungskiosken, im Internet und den Filmplakaten lächelt es uns immer wieder entgegen: Das „neue“, alte Frauenbild des angebrochenen Jahrtausends: Blond, langhaarig, schmal, hochbeinig ist wieder mal angesagt. Neu ist‘s eigentlich nicht. Barbie lässt grüßen. War halt alles schon mal da.
Was die Körpergröße betrifft, treten - gewissermaßen natürliche – Grenzen auf, die das Idealbild beeinträchtigen. Aber egal, ob dick oder dünn, ob zu klein oder zu groß, an der Haarfarbe lässt sich arbeiten und an der Haarlänge neuerdings auch. Die Industrie und der Künstler im Salon werden es schon richten.
Damit sind wir bei den fachlich hochqualifizierten Spezialisten in Sachen Haartracht. Den Friseuren, den Coiffeuren, den Haarkünstlern. In Krisenzeiten und als es lediglich um das „kurz machen“ ging, war der Job ein Einfacher. Zu Zeiten, bei denen die Kunden sich für die Gestaltung Zeit und Geld nehmen können, wird die Angelegenheit dagegen viel schwieriger.
So stellt sich die Frage, woher der Beruf des Friseurs eigentlich kommt. Geschichtlich bildeten sie zusammen mit den Badern eine Zunft. Ihre Aufgabe umfasste die Haarpflege, die Pflege von Händen, Füßen und Haut, die Herstellung von Perücken und Haarersatz, sowie die den Badern zugedachte Betreuung bestimmter Krankheiten. Im Mittelalter waren diese Aufgaben gemischt. Der kranke Mensch unterlag, besonders wenn er arm, nicht adelig und ohne Hilfe der Hierarchie war, der Betreuung von Heilkundigen und Badern. Zwar gab es bereits seit langem Mediziner, das Mittelalter aber war keine besonders günstige Zeit für die medizinische Ausbildung. Der „Herr hat‘s gegeben, der Herr hat‘s genommen...“ und die allmächtige Kirche musste alles absegnen. Da war es bisweilen besser, man kam an einen halbwegs gut ausgebildeten Bader, der am Rande der Legalität und leicht außerhalb der Kontrolle der Inquisition, Kranken helfen konnte. Beim Frisieren indes, einem der Berufsfelder der Bader, konnte nur wenig passieren. Mittelalterliche Gemälde zeigen Herren mit wallendem, vielleicht auch ungepflegtem Haupthaar. Die Damen wirken allerdings wohl hergerichtet. Wenn wir den Malern nicht unterstellen alle Damen schöner dargestellt zu haben als sie waren, dann begründeten die Friseure des Mittelalters den Ruf der Haarkünstler heute. Die Spezialisten in Sachen Haare bei den Griechen, den Römern, den Ägyptern und anderen Hochkulturen wollen wir erst einmal unberücksichtigt lassen.
Aufgrund der vorliegenden Informationen waren Kämme, Brennscheren und Haarteile den damaligen Spezialisten am Haar durchaus bekannt. Was im Dunkel der Zeit allerdings unklar bleibt, ist, ob die Friseure männlichen oder weiblichen Geschlechts waren. Wahrscheinlich ist, dass die Damen von Rang von ihren Mägden und Dienerinnen frisiert wurden. Dem überwiegenden Teil der Herren war es anscheinend egal, wie sie aussahen. Mittelalterliche Modefrisuren der Männer sind heute nur noch schwer festzustellen. Aber vielleicht liegt es auch nur daran, dass der edle Ritter – wenn überhaupt – nur in Harnisch und Helm abgebildet wurde. Da ist die Haartracht schwer zu erkennen.
Mit dem ausgehenden Mittelalter scheinen die Friseure ausschließlich männlichen Geschlechts zu sein; so die Überlieferung. Eine Geschichtsschreibung über dieses Problem, die diesen Namen verdienen würde, gibt es allerdings nicht. Es ist anzunehmen, dass die Mehrzahl der Menschen sich entweder selbst zu frisieren wusste, oder sensible Kräfte beiderlei Geschlechts ihnen zu schönem Aussehen verhalfen. Kämme, Scheren und Messer, die sich für diesen Zweck eignen, sind in jedem besseren Museum zu finden.
Die hohe Zeit der Coiffeure kam erst danach. Überliefert sind ausschließlich Männer, was aber eigentlich nichts sagt, denn die Aufgaben von Frauen wurden viele Jahre schlicht unterschlagen. Wer also wollte sich da festlegen, insbesondere, da unsere Geschichtsschreibung ja auch lediglich die Herrschenden betrachtet, und die hatten einen Bevölkerungsanteil von weit unter 5 Prozent.
Betrachten wir also das 19te Jahrhundert: Der Bund deutscher Friseure wurde 1871 gegründet. Ein reiner Männerbund, der pingelig darauf achtete, dass nur Herren in diesem Handwerk zu Meisterehren kamen. 1876 kam dann auch das erste Presse-Organ heraus: Die „Offizielle Haarformer-Zeitung“. Hier war nachzulesen, was, wie und warum der Friseur seine Arbeit zu tun und zu lassen hatte. Diesem Blatt war auch zu entnehmen, was „Mode“ war und wie „der Herr von Welt“ und „die gesittete Dame“ – man beachte den Unterschied - auszusehen hatten. Die Anweisungen waren zwar nicht bindend, aber prägend, wie vieles im 19ten Jahrhundert.
Nur zur Information: Zu dieser Zeit wurde die Photographie in ihrer ersten Form erfunden, erste motorgetriebene Fahrzeuge verpesteten die Luft, der Krieg gegen Frankreich war gerade eben erst gewonnen worden und die ersten Automobile entstanden auf den Reißbrettern. Über eine allgemeine Sozialversicherung wurde von Bismarck nachgedacht. Die industrielle Revolution begann und 1888, im Drei- Kaiser- Jahr wurden die verschiedenen Länder-Eisenbahnen zur Deutschen Reichsbahn zusammengelegt. Wir beginnen gerade die sogenannten „Gründerjahre“. Das Reich nimmt Aufschwung. Gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich. Die Friseure erfinden keine neuen Frisuren, es herrscht gerade deutschnationaler Gleich-Schnitt. Offiziere und Gemeine verstecken ihre Haartracht unter Helmen, Normalmenschen tragen Hut, Mütze oder Tuch. Haartechnisch gesehen eine Hausse.
1914/18 verkommt der Haarkünstler zum Frontsoldaten. Der Erste Weltkrieg ist ausgebrochen und die Haartracht ist wieder einmal kurz. Passend zum Einheits-Stahlhelm, denn die Helme mit Pickel oder Federbusch erweisen sich in diesem modernen Vernichtungskrieg als hinderlich. Zwei Zentimeter Haarlänge fordern auch den besten Friseur nicht mehr zu kreativem Handeln heraus. Das kriegführende Volk an der Front hat nun anderes zu tun und die hungernde Bevölkerung zu Hause auch. Haareschneiden im künstlerischen Sinne ist nur noch für einen winzig kleinen Teil von Kriegsgewinnlern und dem Adel von Bedeutung.
Als der schreckliche Krieg endlich vorbei ist bleibt’s bei kurzem Haar. In den Zwanzigern – die später die Goldenen genannt werden – kommt der Bubikopf. Der Kurzschnitt auch für die Damen. Die Emanzipation der Frauen gewinnt Gestalt.
In den Rüstungsfabriken, in der Landwirtschaft, in den Büros hatten Frauen die Aufgaben der Männer an der Front übernehmen müssen. Nun, nach Kriegsende, wehrten sie sich dagegen, dass sie diese Aufgaben auf einmal beenden sollten. Aufs Neue eine kleine, gesellschaftliche Revolution. Ein Nebenprodukt des Krieges. Warum sollten sie nun, verloren die Auseinandersetzung der Männer, ihren Beruf, ihre Aufgaben in Kontoren und Fabriken wieder aufgeben und zum Herd zurückkehren?
Ein Teil dieser Frauen, zugegeben ein kleinerer Teil, protestierte durch Aussehen. Die Haare wurden abgeschnitten, die Röcke wurden kürzer, modebewusst wurden wieder die Damen. Sie wollten auffallen und einige unter ihnen sahen diese Auffälligkeit auch als Protest an, dass sie erneut zurücktreten sollten in die Unselbständigkeit. Zurück zu Heim, Herd, Bett und finanzieller Abhängigkeit.
Friseurinnen hatten, wie Schaffnerinnen in Bahnen und Arbeiterinnen in Fabriken, während des Krieges die Aufgaben der Männer übernommen. Vorher waren sie in diesem Handwerk, in den Theatern und Salons, noch die Ausnahmen gewesen. Jetzt hatten sie einen starken Anteil am Berufsleben. Den sollten und wollten sie nie mehr aufgeben.
Inzwischen war der Farbfilm erfunden worden. Jetzt waren im Kino nicht nur die Formen der Frisuren erkennbar, sondern auch die Farbgebung. Zwar wurden in erster Linie Schinken a’ la „Der Kongress tanzt“ gedreht, aber diese Ausstattungsorgien waren genau das, was das Publikum nach der schweren Zeit sehen wollte. Die großen Vorbilder fanden jetzt auf der Leinwand statt. Im Prinzip hat sich bis heute also nicht viel geändert.
Den nächsten diktatorischen Machthabern sollte dies recht sein. Da die Nazis ohnehin ein eigenes Konzept für „Kultur und Propaganda“ hatten, bereitete es ihnen kein Problem ihre Vertreter auf die Leinwand zu bringen. Da war der Führer, sie bezeichneten ihn auch gerne als GröFaZ, als den „größten Feldherren aller Zeiten“, und der hatte - wieder mal ein Vorbild – einen langweiligen, schmalen Oberlippenbart und den üblichen Fasson-Schnitt. Wieder mal passend für den Einheits-Stahlhelm. Es fanden sich viele, aus Opportunismus und bei manchen vielleicht sogar aus Überzeugung, die ihm nachäfften. Das Hitler-Aussehen wurde zum Vorbild, später zum Sinnbild. Einfach nur, weil er Macht hatte. Nicht, weil die Haartracht allen gefiel.
Das ist übrigens überhaupt nicht die Fragestellung beim Nachmachen, beim Kopieren eines Vorbildes. Die Ausgangsposition des Kopierens ist eine ganz andere: Da ist jemand, der Macht, Ansehen, Reputation hat, und jedermann glaubt – flach gesehen – diese Reputation läge allein am Äußeren. Kopiere nun ein jeder das Aussehen, dann – so die fälschliche Meinung – überträgt sich die Reputation, die Macht, der Einfluss auch auf die Kopisten. Das ist natürlich Blödsinn, aber so funktioniert auch das, was wir heute FAN-Kultur nennen. Und was heute – aufgeklärt wie wir nun mal sind – funktioniert, hat schon immer geklappt und wird auch immer weiter klappen. Dabei ist der Kopist nicht einmal von eingeschränkter Intelligenz, das wäre zu einfach. Der Kopist ist einfach nur unkreativ und meint, was einmal funktioniert hat, wird immer wieder funktionieren. Ob das Haare, Gesang, Verhalten, Auftritte, Aussehen oder was auch immer betrifft, ist völlig gleichgültig. Das Vorbild hatte Erfolg, also muss das Abbild auch Erfolg haben, so die einfache Meinung. Leider falsch. Unikate funktionieren nur einmal. Dann sind sie zerschlissen. Aber, das muss man erst einmal begreifen.
Beim GröFaZ war es auch nicht anders und seine Protagonisten waren die Ersten, die sich – draußen fielen noch die letzten Bomben – den schmalen Oberlippenbart schnell abrasieren ließen, um sich der aktuellen Veränderung anzupassen. Natürlich hatten sie hinterher von nichts gewusst, aber das kennen wir ja. Ein paar, wenn man so will, „Dumme“, kamen wieder mal zu spät und begriffen erst was passiert war, als alles schon vorbei war. Sie wurden dann aber als „Mitläufer“ eingestuft, und dies erwies sich langfristig als überhaupt nicht hinderlich.
