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Level 13 Fehlermeldung 404 – toter Link Die Fernsehstory über eine "Abenteuer-Simulations-Anlage" auf einer Kirmes bringt Heinz Braun alias Perry Slot auf die Spur von merkwürdigen Geschäften internationaler Konzerne. Die sich gerade entwickelnde Computertechnik macht es möglich bisher noch nie gesehenes auf Leinwände und Fernsehapparate zu bringen. Die Entwicklung dient vordergründig der schnellen Befriedigung der aufkommenden "Angstlust", wurde aber in Wirklichkeit auf den Markt gebracht, um tief in das Unterbewusstsein der Besucher eingreifen zu können. Ein kleines friedliches Land Südamerikas wird vom Konzern zum Versuchsobjekt gemacht. Es soll geprüft werden, ob die Beeinflussung auch politisch funktioniert. Beim Dreh der Fernsehgeschichte gelingt es Heinz Braun alias Perry Slot zusammen mit international agierenden Computerhackern, in den Zentralrechner des Herstellers einzudringen. Dabei kommen sie hinter Geheimnisse, die selbst dem Chef des Konzerns unbekannt sind: Hoch umstrittene Wirtschaftsstrategien des Weltkonzerns basieren auf dem Zusammenwirken eines Programmierfehlers und einer geklauten Software; dem 13. Level.
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Impressum
Texte: © Copyright by Peter Vinzens Umschlag:© Copyright by Ursel Jaeger Verlag:Peter Vinzens, vtvfra.de
Gluckensteinweg 361350 Bad [email protected]
Druck:epubli ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
ISDN Print 978-3-7418-9617-0
ISDN eBook 978-3-7418-9618-7
Printed in Germany
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Heinz Braun sah aus seinem Fenster. Die Finca, in der er lebte, lag am oberen Ende der ‚Cala San Vicente‘ auf Ibiza. Braun war Schriftsteller, nannte sich als solcher aber nicht Braun, sondern Perry Slot. Der neue Name war das Ergebnis einer durchzechten Nacht. Erst hinterher war den Erfindern aufgefallen, dass sie ein wenig danebengegriffen hatten. Da aber war nichts mehr zu ändern gewesen.
Der Wohlstand des Autors beruhte lediglich zum kleineren Teil auf seinen schriftstellerischen Erfolgen. Er hatte im Rahmen seiner ersten größeren Aktion als Schreiber von Romanen ein wenig in fremde Taschen gegriffen und dabei, unbemerkt von anderen Beteiligten, sein weiteres Leben verbessert. Heute war Heinz Braun alias Perry Slot nicht alleine. Eine Dame hatte sich angesagt und war tatsächlich gekommen. Sie war Redakteurin einer großen Frauenzeitschrift, die, analog zu den sogenannten Herrenmagazinen, des Öfteren knackige junge Kerle auf den Titelblättern zeigte. Solcherart eingeführt war natürlich auch ein erfolgreicher Schriftsteller interessant, obwohl der das Verfallsdatum schon leicht überschritten hatte.
Perry Slot hatte der Redakteurin Kaffee und Tapas angeboten, die er, entgegen seiner Gewohnheit, bereits am frühen Morgen unten in der Bucht in Marias Kneipe geholt hatte. Die Dame zeigte sich entzückt, weniger von Slot selbst, mehr von der Aussicht aus seinem Haus hinüber zur Insel Tagomaro.
„Lieber Herr Braun, oder ist es Ihnen lieber, wenn ich Herr Slot sage, eine ganz entzückende Wohnung haben Sie hier, ich bin ja schon richtig neidisch, wenn ich nicht schon vergeben wäre, ich würde sofort bei Ihnen einziehen wollen, aber Sie haben sicherlich schon eine Begleitung, die mir das übelnehmen würde.“ Die Redakteurin sprach wie ein Wasserfall, ließ Slot kaum zu Wort kommen, was der Aufgabe ihres Berufes überhaupt nicht entsprach. Slot atmete tief durch.
Verbindungen zur schreibenden Presse sind für Schriftsteller hilfreich, denn es gab schon immer eine ganze Menge Menschen, die Journalisten fälschlicherweise aufs Wort glaubten und sich ihrer Meinung anschlossen. Ein guter, wohlwollender Artikel in einer überregionalen Illustrierten konnte schon ein paartausend verkaufte Bücher bedeuten. Deshalb atmete Slot tief durch.
„Es ist mir egal, ob Sie Braun oder Slot zu mir sagen. Ich habe mich an beides gewöhnt. Greifen Sie doch zu. Die Tapas sind ganz frisch. Ich hole sie immer bei Maria, unten in der Bucht. Ein hervorragendes kleines Lokal. Direkt neben Ihrem Hotel.“
„Wie, Herr Slot, kommen Sie auf die Ideen zu Ihren Büchern? Das ist eine Frage, die unsere Leserinnen immer wieder brennend interessiert. Wie kommt man auf solche Geschichten? Was ist die Motivation diese Geschichten zu schreiben?“
Eigentlich waren dies ja gleich zweieinhalb Fragen gleichzeitig. Slot beschloss ganz allgemein zu antworten, denn diese Fragen bekam er dauernd gestellt, und er hatte sie noch nie zu seiner eigenen Zufriedenheit beantworten können.
„Ach, wissen Sie, ich war ja früher Journalist. Wie Sie. Nur halt beim Fernsehen. Da erlebt man eine ganze Menge. Sie wissen ja, die besten Geschichten schreibt das Leben.“
Einen so blöden Gemeinplatz muss mir die Tussi doch gleich um die Ohren hauen, dachte Slot. Sein Gegenüber aber lächelte nur wissend. Boulevardjournalismus lebt von Gemeinplätzen und Worthülsen. Die verstehen die Leute wenigstens, und das entspricht wiederum dem Zeitgeist.
„Warum sind Sie beim Fernsehen ausgestiegen?“
Eine gute Frage, dachte Slot, soll ich jetzt die Wahrheit sagen oder ihr eine eingängige Geschichte vorlügen? Slot entschloss sich zur Wahrheit mit ein paar dekorativen Beimengungen.
„Wissen Sie, das kenne Sie ja bestimmt auch aus eigener Erfahrung, zum einen gestatten uns unsere Oberen bisweilen nicht die volle, die ungeschminkte Wahrheit zu verbreiten, andererseits wollen wir unsere Rezipienten ja auch nicht mit der brutalen Wirklichkeit erschrecken. Diesen Weg dazwischen zu finden ist nicht einfach, da stößt man schnell an Grenzen.“
„Sie sagen: ‚Man‘ stößt an Grenzen. Sie meinen aber, Sie persönlich sind an Grenzen gestoßen.“
Sieh mal an, Slot war ernsthaft überrascht, die Tussi konnte, entgegen seiner Erwartung, doch mitdenken und kritisch fragen.
„Sie haben völlig recht. ‚Ich‘ bin an Grenzen gestoßen. Schmerzhafte Grenzen, die ich nicht noch einmal erleben möchte…“
„Was war passiert?“
„Es war ein Beitrag über eine Abenteuersimulationsanlage, so was gab es früher mal. Ich sollte sie fürs Fernsehen, fürs Regionalprogramm machen. Das ist jetzt, lassen Sie mich überlegen, das ist jetzt fünfunddreißig Jahre her. Das Computerzeitalter war noch jung, die Steinzeit der elektronischen Datenverarbeitung quasi. Da konnten wir uns vieles, was uns heute völlig normal vorkommt, noch gar nicht vorstellen. Wenn es Sie interessiert, will Ihnen die Geschichte erzählen, aber Sie sollten sich bequem hinsetzen, denn es ist eine längere Geschichte.
Ich war also noch Journalist, noch jung und auch noch nicht der Schriftsteller Perry Slot, sondern der unbedeutende Reporter Heinz Braun vom Regionalfernsehen…“
…und hatte den Auftrag einen vier- bis fünf Minuten langen Beitrag zu drehen. Es roch nach Grillwürstchen, verschüttetem Apfelwein und ein wenig nach Toilettenanlagen. Hauptsächlich eigentlich nach Toilettenanlagen.
Es ist nicht jedermanns Sache ‚Die Frau Rauscher, aus der Klappergass‘ laut und Original und aus der Nähe zu hören. Aber das war nur der Anfang. Sie waren von der Fernsehredaktion ihres Senders verdonnert worden einen Bericht über den ‚Wäldchestag‘ Frankfurts zu drehen. Drei, höchstens vier Minuten lang sollte er werden, hatte der Planungsredakteur gesagt. Mehr war die Story wohl auch nicht wert. ‚Wäldchestag‘, das ist ein traditionelles Fest der Frankfurter. Da geht man in das Wäldchen, daher auch der Name, um zu feiern und zu trinken. Früher war das so. Heute wird weniger gefeiert, eher mehr getrunken. Das Ganze ist für die Aussteller ein Bombengeschäft. Die Stellplätze im Wald sind auf Jahre hinaus vergeben, und die Wirte schlagen sich um die trinkfreudigen Gäste mit immer lautstärkerer Musik. Und die spielt kraftvoll und immer, immer wieder: „Die Frau Rauscher aus der Klappergass, die hat e' Beul am Ei...“, als sei dies die Frankfurter Nationalhymne. Das ist sie aber nicht, eher dann schon ‚Money, Money...‘ aus ‚Cabaret‘. Das Volk aber soll seine Freude haben.
Drei bis vier Minuten für das Regionalprogramm ist keine wilde Angelegenheit. Bilder von ein paar Fahrgeschäften und, wenn man keine große Lust hat sich anzustrengen, einen O- Ton, ein Interview, eine Aussage. Das schindet Zeit. Witziges war wenig zu finden. Kinder und Erwachsene fuhren Riesenrad. Ein paar tausend Mäuse turnten, gegen Entgelt zu besichtigen, in einer Landschaft aus Plastik herum. Das arme Viehzeug ähnelte ein wenig den Leuten draußen vor dem Wagen, nur, dass es draußen mehr zu fressen und zu saufen gab.
Im Grunde genommen war schon abgedreht. Das Team wollte sich noch ein Bier gönnen, um dann zurückzufahren, zum Schnitt, zur Sendung. Aber gegenüber dem Apfelweinzelt hatte sich ein dubioser Riesenladen breitgemacht, und der Besitzer äußerte sich euphorisch darüber, dass dies die einzige transportable Abenteuersimulationsanlage Europas sei. Das Projekt A.SI.AN war geboren und sollte noch viel Ärger bereiten.
1. Drehtag, Pfingstdienstag Frankfurt, Waldstück gegenüber dem Stadion: ‚Wäldchestag‘
„...und nicht die Wirklichkeit entspricht dem Zeitgeist, sondern die Simulation. Denn seit Hegel gilt als Definition: Zeitgeist ist die Summe der einer Zeitepoche eigentümlichen, sie beherrschenden Ideen. Heute simulieren wir alles: chemische Vorgänge, Mechanik, eheliche Beziehungen und auch
Katastrophen.
Sogar unsere Sucht wird simuliert. Geltungssucht, Gewinnsucht, Arbeitssucht und jetzt auch Angstsucht. Eine neue Form der Droge ist erfunden, und auch der Apparat dazu. Die Abenteuersimulationsanlage. Alkohol, Nikotin und harte Drogen können gesellschaftlich nicht akzeptiert werden. Sie hinterlassen Schäden bei der Arbeitskraft der Konsumenten. Da ist es dem Zeitgeist entsprechend Sucht zu simulieren. Ganz nach dem Lustprinzip, systemerhaltend, modern, und ein gutes Geschäft zudem. Steuerbegünstigt zur Not.“
Braun, der Reporter vor der Kamera entspannte sich wieder und verlor den wichtigen, den offiziellen Gesichtsausdruck. „War das brauchbar? Mein Gott, wir basteln uns wieder mal eine Story! Johannes? Warum sagst Du nichts, Du bist heute so richtig friedlich. Bist Du krank? Passt Dir was nicht?“
Johannes, der Kameramann kam missmutig hinter seinem Arbeitsgerät hervor:
„Heinz, glaubst Du wirklich was Du hier erzählst? Ist da wirklich was dran oder geht's nach der alten Leier: Große Wortblase versteckt mickerige Story?“
„Weiß ich selbst nicht! Aber nachher haben wir keine Zeit mehr für Aufsager. War der Kerl von der Anlage übrigens schon da? Nein? Dann lass uns einen trinken, aber keinen Apfelwein! Ich hasse heute Apfelwein. Klaus, auf zum Bierfassen!“
Der Tonmann grinste und packte das Gerät zusammen.
„Ich habe zwar nichts verstanden, aber es war brillant formuliert. PAUSE!“
Der Kameramann stand nachdenklich neben seiner Kamera. Zu trinken gab es am Wäldchestag genug, das aber war nicht das Problem, das ihn beschäftigte.
Der Knabe von der Firma kam noch zur rechten Zeit. Noch würden sie mit dem Schnitt nicht in Verzug geraten. Der Vertreter war ihnen allen ein wenig unangenehm. Ein young urban professional, ein Yuppi, ein typischer Vertreter des Zeitgeistes: Profitorientiert, leistungsbewusst, die Karriere im Sinn. Alles andere durfte ruhig ein wenig teurer sein. Restaurants, Mädchen und was sonst noch so Spaß macht. Ein erster Eindruck.
Aber sie wollten den Kerl ja nicht heiraten.
Gesprächspartner kann man sich nicht aussuchen. Außerdem unterscheiden sie sich in vielen Bereichen kaum. Die Feigen werden Zuhälter, die Dreisten gehen in die Industrie. Hier hatten sie einen aus der Industrie. Mit Sicherheit hatte er studiert. Betriebswirtschaft oder Jura schätzte Heinz Braun. Dann folgte dem Studium wohl ein Auslandsaufenthalt, und irgendwann war er dann das, was er heute war: Gehobener Vertreter auf Abruf. Entsprechend war auch sein erstes Statement.
„Ausgangspunkt für unsere Investitionen war die sich verbreitende Angstlust. Sehen Sie mal: Immer mehr Videos mit schrecklichen, zum Teil auch ekelerregenden Szenen finden ihren Absatz. Der Markt, wenn ich so sagen darf, entwickelt sich ganz ungeheuer. Für ein Unternehmen in der Elektronik- bzw. der Unterhaltungsindustrie ist das natürlich eine Herausforderung. Wir wollen natürlich nicht in die Gewalt- und Pornoindustrie einsteigen. Das würde unserem internationalen Ansehen schaden. Aber die Nachfrage nach Nervenkitzel ist schon eine Marktmöglichkeit. Wir haben uns deshalb überlegt, wie wir da tätig werden könnten. Zuerst bauten wir stationäre Erlebnisparks. Die neuesten Entwicklungen in der Holographie kamen uns entgegen, und in der nächsten Ausbaustufe waren dann fahrbare Anlagen dran. Heute arbeiten Autoren, Psychologen und Techniker zusammen. Die Programme, gesteuert von sehr leistungsfähigen Computern, sind variabel. Wir können also die Anforderungen und die Umgebungen ganz einfach umprogrammieren. Der Anwender ruft ab was er will, also das, was er verkaufen kann. Selbstverständlich sind die stationären Anlagen wesentlich leistungsfähiger als die fahrbaren. Sie müssen berücksichtigen, dass Millionen von Einzeldaten in Echtzeit verarbeitet werden müssen. Da gibt es dann zwangsläufig Grenzen in der Computerleistungsfähigkeit.“
Wenn den Reporter Leute nicht interessieren fragt er erst hinterher nach dem Namen. Heute wurde der Name Rolf Meister ziemlich spät bekannt, obwohl er sich zu Beginn natürlich vorstellte. Aber wer hört bei Vorstellungen schon so genau hin? Der Kameramann schätzte ihn auf rund 32 Jahre. Auf der Visitenkarte, eine Formalität mit sozialwertigem Hintergrund, war zu lesen, dass er Verkaufsleiter für Europa der TEC.TO.N war. Aus dem Buch "Wer gehört Wem" einer großen deutschen Bank, wusste Braun, dass die TEC.TO.N zu einem japanischen Konzern gehörte. A.SI.AN, die Abenteuer-Simulations-Anlage stand in Europa für eine Untergruppierung des Konzerns. Mehr war zurzeit nicht bekannt. Das japanische "Wer gehört Wem" war gerade eben nicht greifbar. Warum auch?
Übrigens Visitenkarten: Sie sind eine Erfindung des mittleren Managements. Die Großen im Geschäft verteilen keine. Ihre Namen kennt man. Sie haben das nicht nötig. Ruft ein Pressemensch nämlich zum Beispiel die Telefonzentrale der Firma an, dann kennt die Telefonistin die Nummern der Chefs. Die ganz Kleinen bekommen überhaupt keine Visitenkarten, sie sind zu vernachlässigen, sie brauchen nicht bekannt zu sein. Nur das untere und mittlere Management braucht sie, sie müssen angerufen werden können. Sie brauchen Kontakte, besonders, wenn sich in der Firma noch nicht herumgesprochen hat wer sie sind. Das wollen sie ändern, wollen sich einen bekannten Namen machen. Deshalb also Visitenkarten. Meister hatte sie in Fülle. Ein Indiz gegen seinen Wert.
Er zeigte sich begeistert von dem Produkt seiner Firma, ohne eigentlich zu begreifen, um was es wirklich ging. Der Vertreter sah in seinen Projekten technische Phänomene und ein gigantisches Geschäft. Eines seiner liebsten Worte, wohl gelernt in Fortbildungskursen für Hilfsmanager, war ‚Innovation‘. Die Abenteuersimulationsanlage war ihm anscheinend die liebste Innovation seines Verkaufsprogramms. Klaus Mullmann, der Tontechniker, meinte denn auch treffend: „Als Kind hat der wohl kein Spielzeug gehabt, sonst würde der sich jetzt nicht so an der Anlage festhalten. Das Abenteuer des kleinen Mannes und morgens wieder pünktlich bei der Maloche. Hervorragende Aussichten.“ Und nach einer Pause: „Ob die auch Abenteuer mit Mädchen simulieren können?“ Klaus war einer der vielen Verbalerotiker im Sender. Ansonsten war er harmlos.
Natürlich bekamen sie die Anlage gezeigt. Ganz im Sinne der Verkaufsförderung versteht sich. Grundelement war ein Tieflader, auf dem die technischen Voraussetzungen für die hydraulischen Bewegungen des Publikumsraumes, die Laser und die Projektionseinrichtungen installiert waren. Darauf wurde ein zeltähnlicher Aufbau errichtet, dessen Innenwände weiß beschichtet waren, von außen aber kein Licht durchließen. Die ausklappbare Grundfläche ließ sich mit den Hydraulikpressen bewegen. Ein Container, angehoben auf die Höhe der Zeltdecke, enthielt, fest installiert, die gesamte Computertechnik.
„Mit der Hardware haben wir immer große Schwierigkeiten.“ Rolf Meister sah die große Chance, sich öffentlich und bei seiner Firma gut zu verkaufen. „Deshalb mussten wir den ganzen Computerkram auch klimatisiert in einen festen Container packen. Unsere Kunden verlangen von uns, dass der Rechner funktioniert. Stellen Sie sich mal den Ausfall vor, wenn die Anlage stehen bleibt. Oder noch viel schlimmer: Der Computer spinnt. Wenn das Programm abstürzt, ist das ja noch das geringere Übel, aber wenn es ein Eigenleben entwickelt und die greifbaren Programme durcheinanderwirft, dann verunsichern wir nicht nur das Publikum, wir machen die Mechanik kaputt. Das wären Millionenverluste, deshalb muss der Rechner als anfälligster, als empfindlichster Teil besonders geschützt werden. Vergessen dürfen wir auch nicht Einflüsse von außen. Schon jetzt werden wir von einigen Spinnern angefeindet. Die befürchten, wir wollten die Welt verändern, dabei haben wir überhaupt noch nicht angefangen die Möglichkeiten auszuschöpfen. Aber irgendwann werden wir auch das tun. Dann können wir entscheiden welche Programme die Leute sehen. Das erste Programm bereitet die Leute auf das nächste vor, und so geht das weiter. Die erste Genehmigung ist wie ein Ermächtigungsgesetz, und außerdem, es ist wie die Erlaubnis zum Gelddrucken. Ein tolles Geschäft.“
Er hatte völlig vergessen, dass die Kamera lief, hatte sich in Rage geredet, mehr von seinen Wünschen gesprochen als von Realitäten. Draußen aber lief bereits die andere Realität. Der Einlass für Erwachsene und Kinder hatte begonnen, Eintritt fünfzehn Mark, Kinder acht. Qualität hatte auch 1996 ihren Preis, Attraktionen besonders.
Während sich das Licht im Zelt verdunkelte, stiegen sie die Treppe zum Kontrollcontainer hinauf. Sie müssten sich nicht hetzten, meinte der Vertreter der TEC.TO.N, heute sei das Fernsehteam Hauptperson. Das war beruhigend, denn es braucht halt seine Zeit die Gerätschaft aufzubauen.
Im Rechner war ‚Katastrophe‘ programmiert. Bombenkrieg live. Im großen Raum unten, zwischen Sitzgelegenheiten, umgeben von Projektionswänden für computergesteuerte Videobilder, versammelte sich das abenteuerlustige Publikum. Erwachsene und Kinder, Reiche und Arme, Männer, Frauen. Noch war das Programm nicht in Gang gesetzt. Die Vorstellung hatte noch nicht begonnen. Oben, unter der Zeltdecke, abgeschlossen von schallschluckenden Fenstern, die Zentrale: „Dies hier ist quasi der Kommandostand des Schiffes. Von hier aus werden die Programme gesteuert. Außerdem müssen wir auch das Publikum beobachten, denn wir machen Katastrophen so lebensecht, dass bisweilen schon mal jemand umfällt. Das darf allerdings nicht zu häufig vorkommen, sonst bleiben uns die Leute weg.
Sehen Sie hier auf den Kontrollmonitoren: An diesen Daten können Sie ersehen wie stark der Krieg gleich werden soll. Nachmittags und am frühen Abend, also, wenn Kinder und Familienväter da sind, fahren wir natürlich nur ein kleines Programm. Alles wird von uns ein bisschen harmloser gemacht. Außerdem schont das die Hydraulik unter dem Boden. Damit können wir die Besucher so richtig schön durchschütteln. Sie kennen das bestimmt von Flugsimulatoren: Das Programm ist ganz lebensecht. Abends geht natürlich die Post ab, da fahren wir unsere Möglichkeiten voll aus. Und jetzt passen Sie auf. Wir starten den Rechner!“
Auf den Monitoren waren zunächst nur Zahlen zu sehen. Der Operator lächelte sie milde an und meinte danach, „Mathematik ist fürs Fernsehen wohl zu abstrakt.“ Er könne auch Kurven liefern: Spannungskurven, Lautstärkekurven, Bewegungskurven der Hydraulik. Zum Nachmittagsprogramm läge die Einstellung zwischen 30 und 40 Prozent. Die harmlose Fassung.
Auch graphische Darstellungen des Geschehens waren in der Kontrolle zu finden. Auf extra Monitoren wurden immer die folgenden Bilder schematisch angezeigt. Die Kontrollinstrumente für Stromversorgung, Mechanik, Holographie und Laser waren übersichtlich in die Wand eingebaut. Vorausgesetzt, man kannte die Anlage. Das Kontrollpanel hätte auch in einem Kraftwerk stehen können oder in einem Raumfahrtzentrum. Technisch kühl, ergonomisch geordnet. In der Mitte der Notschalter, das ‚Sofortaus‘, Entsprechend den Vorschriften der technischen Überwachung.
Die Autoren des Schreckens hatten ihr Handwerk beherrscht.
Auf den Projektionswänden zeigen sich die Bilder einer großen Stadt. London ist es. Aber die Bilder sind bereits älter, zeigen die Metropole in den vierziger Jahren. 1943 schätzte der Kameramann, er war der Älteste im Team. Merkwürdig braun/ weiße Farbtöne, erinnerten an vergilbte Fotografien. Eine beruhigende Stimme rät den Besuchern in der Mitte Platz zu nehmen, weiche Polsterquader laden zum Sitzen ein. Dann, langsam gleitet die projizierte Umgebung in die Nacht, umgibt den inneren Raum ein abschwellendes Licht mit einem Käfig, Halluzination aus Licht, Holographie. Und die Besucher mitten drin. Die Szene gleicht jetzt der Fahrt mit einem Autobus durch das nächtliche London des zweiten Weltkrieges. Der Boden beginnt im Rhythmus der Fahrt zu holpern, Fahrgeräusche schwellen an, die Illusion wird perfekt. Ein leibhaftiger Schaffner geht durch den vermeintlichen Bus und fragt, wer noch Fahrkarten benötige. Auf Englisch, mit Cogny-Akzent. Er ruft Stationen aus. Der Bus hält, fährt wieder an. Oxford Circus, rechts gleitet die Hannover Street vorbei. Passanten huschen durch abgedunkelte Straßen, draußen, um den Bus herum. Maddox Street. Die Fahrt geht durch die Innenstadt, zum Piccadilly Circus. Die Stecke der Bakerloo-Line, einer Buslinie Londons. Vorne eine Verkehrsstockung, Taxis stehen quer, eine Bobby pfeift, Leute schimpfen draußen. Rechts die New Burlington Street. Links eine Kirche. Das Tor ist geöffnet. Gläubige strömen auf die Straße. Erst jetzt fällt auf, dass die Bilder farbig geworden sind, fahl im leichten Londoner Nebel. Dunst unter den Laternen, reflektiert im Scheinwerferlicht der Automobile. Links geht die Glasshouse Street ab zum feudalen Regent Palace Hotel. Jeder kann die vorfahrenden Taxen sehen, Menschen, die ein und aussteigen, uniformierte Portiers, die Wagenschläge aufreißen. Die Regent Street hat hier eine Biegung nach links, dann kommt der Piccadilly Circus, der aufregendste Ort Londons. Links auch die große, haushohe Coca-Cola Leuchtreklame. In der Mitte der Brunnen. Drumherum der Linksverkehr. U-Bahn Schilder.
Mit der Luftschutzsirene hatte keiner gerechnet. Sie heult unvermittelt los. Der Bus stoppt abrupt. Der Schaffner schreit Unverständliches und stürzt sich aus dem Wagen aus Holographie. Draußen rennen Menschen in U Bahnschächte, Hauseingänge. Das Sirenengeheul vermischt sich mit dem dumpfen, drohenden Brummen propellergetriebener Bomber. Niemandem ist aufgefallen, dass der Bus verschwunden ist. Oder sind alle ausgestiegen? Bomben fallen. Zuerst hört man nur ihr Pfeifen. Ein ekelhaftes, drohendes, zynisches Geräusch. „Wir kommen, wir kommen!“ Rechts und links Detonationen. Steinbrocken fliegen über die Köpfe. Schlagen irgendwo auf. Spritzen Schrapnells über das Pflaster. Leute schreien in Panik. Rufen um Hilfe. Zeigen Angst. Stimmen der Illusion oder die Eigene? Gegenüber ist ein Feuer ausgebrochen, die Hitze strahlt herüber, Brandbomben, es stinkt nach Qualm, nach Pulver, nach Phosphor. Die Erde erzittert unter Detonationen, die Luft ist erschüttert vom Krachen zusammenstürzender Mauern. Und die Luftschutzsirene zersägt das Inferno mit kreischendem Laut.
„Die perfekte Illusion.Teuer, aber perfekt.“
Was hatte der alerte Vertreter der Unterhaltungsfirma zu Beginn des Interviews doch gesagt? "
„Angstlust!“ „Ein Markt mit Zukunft!“ „Ein elektronisch- optisch- psychologisch zu meisterndes Phänomen!“
Krieg im Erlebnispark. Tötung als Massenschauspiel. Völkermord auf dem Abenteuerspielplatz. Freigegeben für Kinder und Erwachsene.
Aber wie war das doch? Braun denkt nach: „Senden wir, die wir Fernsehen machen, jedem Kind zwischen dem dritten und dem sechzehnten Lebensjahr nicht rund achtzigtausend Morde ins Wohnzimmer? Nur damit sich unsere Werbung besser verkauft? Ein Zyniker, der da wehklagend den Finger heben will.“ Sein Honorar, der monatliche Scheck ist abhängig auch vom Tod auf der Mattscheibe. Der Reporter ist sich seiner Rolle nicht mehr sicher. Und wie viele Kunden erreicht schon eine noch so perfekte Abenteuersimulationsanlage?
„Dreihundertsechzigtausend im Jahr, zumindest peilen wir dies mit dieser Anlage an. Aber sie ist erst der Prototyp. Später müssen es schon mehr sein. Allein wegen der Rendite.“
Der Verkaufsleiter lacht.
„Die Zielgruppe ist im Moment noch etwas diffus. Im Ausland, ja im Ausland sind wir da schon wesentlich weiter. In England, in Japan, in Südamerika. Da sind die Ressentiments gegen solche Erlebnisanlagen bei weitem nicht so groß.“
Die Leute stolpern aus dem Zelt. Fragen an die Besucher: Sie sind begeistert: Alles sei so realistisch, fast lebensecht. Wenn sie nicht gewusst hätten es sei nur ein Spiel, sie hätten tatsächlich Angst bekommen. Fragen an die Kinder: Hattet ihr Angst? Die Großmäuligen antworten mit „Nein“, spreizen stämmig die Beine, schielen zu ihren Eltern. Mutige Kinder. Viel besser als im Fernsehen sei es, wegen des Qualms und der Erschütterungen. Und wie fein die Bomben auf den Platz gekracht seien. So richtig stark, geil eben.
Aber da sind auch Erschreckte, Erschütterte, die, die Angst hatten, die, die nicht mehr unterscheiden konnten zwischen Spiel und Wirklichkeit. Und dann noch die alte Frau, die den tatsächlichen Krieg mitgemacht hatte, in stickigen Bunkern, feuchten Kellern, in Gräben, draußen auf dem Feld. Differenziert ist ihre Meinung, gut für die Story. Vielleicht könnten die jungen Leute, also die, die keinen Krieg erleben mussten, den Schrecken von damals jetzt ermessen, vielleicht könnten sie weitere Kriege verhindern. Möglicherweise könne man Schrecken ja erlernen, Angst davor aufbauen. Oder würden sie allein Lust dabei empfinden? Die Frau dreht sich von der Kamera ab.
Was sagte noch der Firmenvertreter? Angstlust als Verkaufsargument. Angstlust zur Gewinnmaximierung. Die alte Frau wird schlechte Karten haben mit ihrer Hoffnung.
Das Team ist erschreckt vom Erlebten, fasziniert von der Technik, begeistert von den gedrehten Bildern. Nur schade, dass das Erlebnis auf dem Bildschirm nicht so richtig rüberkommt. Dreidimensionales Fernsehen müsste man haben. 16 Kanal Ton sollte man übertragen können. Die Illusion wäre perfekt. Hatte nicht auch so der Firmenvertreter gesprochen? Sicher, er kommt aus der gleichen Branche. Unterhaltung für Alle.
Er hat zum Essen gebeten. PR Gespräche nennt man das. Kommt so eine Pilotanlage nämlich ins falsche Licht, dann kann die Firma mit diesem Produkt auf Jahre hinaus einpacken. Die Macht des Fernsehens beschränkt sich zwar im Wesentlichen auf Unwesentliches, für einen schlechten Ruf aber ist sie allemal gut genug. Rippchen, Spießbraten und der unvermeidliche Apfelwein, und ja natürlich: „Die Frau Rauscher aus der Klappergass...“
„Natürlich könnten wir auch positive Programme eingeben!“ Er betont es als etwas Besonders. „Aber dann haben wir Schwierigkeiten am Markt. Vielleicht kennen Sie den Film ‚Soylent Green‘ von Richard Fleischer. Die Geschichte eines Polizisten und seines personifizierten Gedächtnisses in einer zukünftigen Welt. Alles ist hinüber, die Umwelt ist umgekippt, die Nahrungsmittelkette zusammengebrochen. Da werden Leichen zu Lebensmitteln verarbeitet, eben ‚Soylent Green‘. Und um den Alten und Kranken das Sterben attraktiver zu machen, bekommen sie Bilder einer heilen, für sie völlig unbekannten Welt vorgespielt. Aufgenommen in besonderen, geschützten, abgesperrten Reservaten. Sehen Sie, solche Bilder können auch wir machen, aber dazu brauchen wir kein Reservat, keinen abgesperrten Bereich. Wir können das elektronisch, artifiziell, wenn Sie so wollen. Wenn wir dieses Programm aber herausbrächten, dann machten wir uns ebenso angreifbar wie mit unseren Kriegsprogrammen. Beides entspricht nicht unserer unmittelbaren, erlebten Umwelt. Immer, wenn wir unseren direkten Erlebnisbereich verlassen machen wir uns verdächtig. Ob schöne Bilder oder hässliche, ob allein Vorstellbares oder Fiktives, es ist verdächtig. Natürlich ist es auch interessant. Nervenkitzel, verstehen Sie?
Unsere Psychologen haben die Informationstheorie genau begriffen. Sie machen als Fernsehmann doch genau das Gleiche, vorausgesetzt Sie beherrschen Ihren Job. Sie erzeugen bei Ihrem Zuschauer Spannung, unabhängig, ob Sie Unterhaltung machen oder Dokumentationen. Das Volk will gekitzelt sein. Ob der Krieg gespielt wird oder Sie realen Krieg zeigen, interessiert doch eigentlich keine Sau. Im Wohnzimmer hat Ruhe zu herrschen, also ist jeder Krieg gespielt. Gleichgültig welcher. Der echte Krieg aber beginnt im Schlafzimmer, oder auf dem Klo, wenn Sie so wollen. Wir, und zwar wir alle hier am Tisch, haben unsere Unschuld doch schon lange verloren.
Kennen Sie Platon? Das Höhlengleichnis? Natürlich kennen Sie es! Da sitzt ein Mensch in einer Höhle und sieht die Schatten von Menschen und Gegenständen an der Höhlenwand im Lichte eines Feuers. Weit weg von ihm ist der Eingang, die wirkliche Welt draußen. Er glaubt, der Schatten allein sei bereits Wirklichkeit. Wenn er allerdings aufstünde, hinausginge, zu sehen, was da draußen wirklich los ist, dann könnte er die Wahrheit, oder was auch immer er dafür hielte, erkennen. Und was würde er dann machen? Der arme Tropf? Er rennt natürlich wieder in die Höhle zurück und erzählt seinen Genossen, dass alles, was bisher für sie Wahrheit war allein eine Illusion ist. Ein Stück Dreck, ohne Inhalt und Sinn. Das war's dann. Pause. Ende der Fahnenstange. Er allein weiß natürlich jetzt was die wahre Wahrheit ist. Ein hervorragendes Gefühl für ihn. Und die anderen? Und dann?
Was meinen Sie, was dann passiert? Totschlagen werden sie ihn. Er stört nämlich die öffentliche Ordnung. Keiner will eine x- beliebige Wahrheit hören, wenn er von seiner eigenen überzeugt ist. Keiner will eine fremde hören. Mit einer glaubhaften Lüge lebt sich's halt kommoder, als mit einer belastenden Wahrheit.
Nun mal Hand aufs Herz: Was machen Sie als der Journalist Heinz Braun? Sie reduzieren die Wahrheit doch auch nur auf ein erträgliches Maß, und nennen dann das Ergebnis ‚Nachrichten‘ oder ‚Dokumentation‘ oder sonst noch was. Wahrheit, Gerechtigkeit, Realität, den Überblick über die Zusammenhänge, die mögen Sie als Reporter vielleicht erkennen, dem gemeinen Volk verraten werden Sie ihr Wissen allerdings nicht. Oder Sie sind schlicht verrückt. Ein Weltverbesserer! Die aber leben nicht lange.“
Er machte eine Pause, eine lange Pause. Mit steigendem Alkoholkonsum entpuppte sich der alerte Vertreter als ein Mensch, der über Dinge nachdachte. Er konnte richtig sympathisch sein, wenn er nicht an seine Karriere dachte und sich so selbst der Beschränktheit aussetzte.
„Wissen Sie, vor Jahren, damals war ich noch jung, na ja, so alt bin ich jetzt auch wieder nicht, aber damals wollte ich mal Journalist werden. Einer, der aus der Höhle herauskommt. Aber, na ja, egal.
Sie können selbstverständlich die Anlage zur Sau machen. Sie können auch sagen ‚hier werden Aggressionen abgebaut‘, ‚hier können Schrecken erfahren werden‘, ‚daraus kann jeder lernen!‘ Das wäre uns natürlich viel lieber.
Machen Sie einfach eine spannende Story daraus. Seien Sie das, was Sie sind. Seien Sie Reporter. Berichten Sie über die Möglichkeiten von Abenteuersimulationsanlagen. Nennen Sie sie A.SI.AN, Abenteuersimulationsanlagen. Die Verbindungen kann ich Ihnen machen. Gehen Sie in unsere Zentrale. Gehen Sie nach Japan. Ein kleines Land mit vielen Menschen. Lernen Sie dort, wie Aggressionen abgebaut werden können. Lernen, nein, zeigen Sie wie der Schrecken, das persönliche Erleben der Katastrophe Katastrophen verhindern kann. Gehen Sie nach Japan.“
Es war schon merkwürdig, sie redeten von Computertechnik, von Japan, und es roch nach Grillwürstchen, verschüttetem Apfelwein und ein wenig nach Toilettenanlagen. Hauptsächlich eigentlich nach Toilettenanlagen.
„Du glaubst doch selbst nicht, dass daraus ein längerer Film werden könnte. 45 Minuten sind wirklich ein bisschen lang. Außerdem müssen wir sparen, kein Mensch wird Dir die Reisekosten bezahlen, erst recht nicht die Hierarchen. Also, fürs Regionale sehe ich da sowieso nichts. Klar, das Thema könnte interessant sein, aber dann ist es ein Feature, Dokumentation Ausland, verstehst Du? Im Regionalen hast Du keine Chance.“
Vom Planungsredakteur der Aktuellen war also nichts zu erwarten und er hatte recht. Die Story spielte im Ausland, wurde länger als üblich und käme dem Sender zudem noch ziemlich teuer. Es galt also Fakten zu sammeln, Informationen zusammenzutragen, die eine Redaktion dazu brächten das Geld und die Produktionskapazität locker zu machen. Es stellte sich auch die Frage, ob das Projekt tatsächlich den zu erwartenden Knüller ergeben konnte. Außerdem, wollte der Zuschauer, dieses unbekannte Wesen, überhaupt mit dieser Geschichte konfrontiert werden? Sollte man nicht besser Schlichtunterhaltung produzieren und nicht den Weltverbesserer spielen wollen?
Wenn hinter dem Projekt A.SI.AN, von dem der betrunkene Verkaufsleiter erschreckt und der nüchterne so begeistert war, allerdings eine spannende Geschichte, vielleicht sogar ein Skandal steckte, eine große Geschäftemacherei oder ein psychologisch übler Trick, dann müsste der Sender die Geschichte produzieren. Aber wie war das noch? Die Macht des Fernsehens beschränkt sich im Wesentlichen auf Unwesentliches. Beschränkung als Selbstschutz. Deshalb funktionierte das System. Ganz von alleine.
Manchmal ist es günstiger auf Nebenkriegsschauplätze auszuweichen. Die Redaktionen waren unlustig an das Thema heranzugehen. Die Verwaltung scheute die Kosten. Möglicherweise hatte die Hierarchie Angst vor Ärger. Aber der Programmdirektor hatte sich noch nicht entschieden. Es bestand immer noch eine Hoffnung. Also hieß es zumindest einen scheinbaren Knüller nachzuschieben.
Die Informationsquellen standen offen. Die japanische TEC.TO.N, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, an der Börse unter der Mutter Aktiengesellschaft NIPPON-SAN Enterprises gehandelt, musste europäische Töchter haben. Braun setzte sich an den Archivcomputer. Es war schon merkwürdig wie weit diese Dinger Einzug in das alltägliche Leben gehalten hatten. Im Branchenregister war überhaupt nichts zu finden. Nippon-San war nirgends verzeichnet. Also galt es auf anderem Wege weiterzukommen. Das Zeitschriftenarchiv war schon eine bessere Adresse. Zwar waren im Computer nur Schlagworte verzeichnet, aber auch Quellen waren zu finden. Die Zeitungen und Zeitschriften standen alle, säuberlich geordnet nach Datum und Themen im Zeitschriftenarchiv. Zuerst gab es natürlich auch da Schwierigkeiten. Eingabe: Nippon-San. Ergebnis: Lediglich ein Dokument. Zu finden in einer Zeitschrift für Geldinvestitionen. Er ging rüber ins Zeitschriftenarchiv. Um die dauernde Rennerei nicht zu haben, bat er das Mädchen von der Registratur um einen der Plätze an den Terminals. Ohne von der Arbeit aufzusehen murmelte sie ihre Zustimmung. Heute war nicht viel los.
Die Ausgabe der Zeitschrift war schnell gefunden. Es war nur ein kleiner Artikel. Wenige Zeilen. Aber nicht uninteressant: „… hat der japanische Nippon-San Konzern erwogen in der Bundesrepublik eine Zweigfirma zu eröffnen. Der Mischkonzern wird sich mit der neuzugründenden Tochter auf dem Elektronikmarkt vertreten lassen. Die Geschäftsleitung...“
Leider war kein Firmenname genannt, unter dem die neue Tochter aufzutreiben gewesen wäre. Weiter unten wurde aber angedeutet, dass internationale Banken daran interessiert sein könnten, von Hongkong nach Frankfurt umzusiedeln. Auch die Nippon-Saneigene Bank, ein Institut mit dem phantasievollen Namen ‚Trade Bank of Tokio‘, dächte bereits über Frankfurt nach. Braun wagte nun den verwegenen Schluss, dass, quasi als Vorausunternehmen, auch die Tochter nach Frankfurt kommen könnte. Oder in die Umgebung von Frankfurt. Wie aber sollte man eine Firma finden, deren Namen man nicht kannte?
Hier konnte vielleicht das Jahrbuch der Frankfurter Industrie und Handelskammer hilfreich sein. Leider war der Band des vergangenen Jahres noch nicht im Rechner. Das hätte vieles vereinfacht. In der Kammer selbst anzurufen wagte der Autor nicht, denn man soll keine schlafenden Hunde wecken. Also hieß es blättern. Es ist schon schlimm, wenn man etwas sucht und nicht weiß, was.
Im Anhang standen die Neuzugänge. Es waren über vierhundert. Zu viele. Im Buch lag noch das kleine Heftchen mit der Aufstellung der Pressestellen der Firmen. Es war schon ein Wunder, dass bisher noch keine Redaktion die Blätter geklaut hatte. Er unterdrückte die Regung sie einzustecken und fing an zu blättern. Nippon-San existierte nicht. Elektronikunternehmen waren zuhauf da. Es war schon ein blödes Spiel.
Er holte sich einen Kaffee in der Kantine, einen transportablen im Plastikbecher, dazu einen sogenannten ‚Stresskolben‘, ein belegtes Baguette. Die normale Speise arbeitender Reporter, die vom Telefon nicht wegkamen. Mit Kaffee und Brot konnte er allerdings nicht ins Archiv zurück, fiel ihm im Aufzug ein. Also fuhr er wieder eine Etage höher und ging ins Reporterzimmer. Dort stellte er fest, dass er das Heft mit der Aufstellung der Pressestellen doch mitgenommen hatte. Aus Versehen versteht sich. Mit dem innerlichen Versprechen, es baldmöglichst wieder zurückzubringen, griff er zum Telefon. Man soll Konkurrenz nicht unterschätzen und Futterneid kann sehr nützlich sein. Seinen Gesprächspartner kannte er von vielen Berichten und einigen Dienstbesäufnissen. Es war der Pressechef eines großen deutschen Elektronikkonzerns, Regionalverwaltung Frankfurt:
„Wie war denn die Pressekonferenz Ihrer Firma gestern Abend? Ich konnte leider nicht kommen.“ „Macht nichts, Sie haben nichts versäumt, Meiritz war da, hat die üblichen Fragen gestellt, und gelaufen ist bei Ihnen natürlich nichts.“
Es war das übliche Vorgeplänkel, die Spielregeln kannten beide. Nach der allgemein gültigen Vorlaufzeit kamen sie dann zur Sache: „Wie groß wird die japanische Konkurrenz? Wer ist schon da?“ Der Pressechef stöhnte auf. Die Ausländer und da besonders die Japaner, lagen ihm wohl schwer auf der Seele. Das Leben sei schon schwer, meinte er und zündete sich lautstark eine Zigarette an. Und es werde immer schwerer. Dann zählte er verschiedene Firmen auf, die Braun schon kannte und von denen er wusste, dass die Nippon-San nicht dahinterstecken konnte. Also galt es vorsichtig nachzuhelfen.
„Die Trade Bank of Tokio soll ja jetzt auch in den deutschen Elektronikmarkt investieren. Tangiert das Ihren Konzern?“
Der Pressechef war verunsichert, mit der Information konnte er im Moment nichts anfangen. Was wollte der Kerl damit sagen?
„Hab ich aus der Fachpresse, steht in einer der letzten Nummern. Da kann man sich natürlich denken wer dahintersteckt, die wollen euch jetzt kräftig einheizen.“ Der Pressemann des Konzerns kannte den Artikel auch nicht, deshalb verstand er den Reporter immer noch nicht:
„Na ja, einheizen wollen die uns alle. Aber wir werden uns zu wehren wissen!“
Mein Gott, dachte Braun, der Kerl kapiert aber auch gar nichts, oder wollte er nichts kapieren. Also musste er zum Frontalangriff ansetzen. Auch wenn die Presseabteilung des Konzerns misstrauisch werden sollte.
„Übrigens, was ganz Anderes. Es ist zwar nur ein Gerücht, aber ich habe im Presseclub gehört, dass Ihr Konzern auf dem deutschen Markt mit Nippon-San fusionieren will. Wehren Sie sich jetzt mit Fusionen und Kartellen?“
Die Behauptung war völlig schwachsinnig, weder Nippon-San, noch der deutsche Konzern hatten jemals irgendwelche gemeinsamen Pläne gehabt. Aber ihm war nichts Besseres eingefallen. Der Pressechef fing an zu lachen.
„Lieber Herr Braun! Wenn Ihre Kollegen von Hochzeiten reden, dann müssen sie aber schon sehr besoffen sein. Sie sollten nicht auch noch unter die Kuppler gehen. Es ist richtig, Nippon-San steigt in den europäischen Elektronikmarkt ein. In Walldorf sitzt seit ungefähr sechs Monaten die ‚Versuchs Audio Video‘. Die ist Nippon-San. Aber das ist doch nur eine Bonsaifirma. Außerdem arbeiten die nur für den militärischen Markt, oder, sie wollen das zumindest. Das ist keine Konkurrenz. Die Aufträge vergeben die Amerikaner und ob diese kleine Firma da reinkommt? Wir auf jeden Fall sind im Markt....“ Das Gespräch dauerte einige Zeit. Braun hatte seine Information. Beiläufig, empfunden als Dementi auf eine unvernünftige Behauptung. Damit es beiläufig blieb, musste halt noch ein wenig geredet werde. So einfach ist das.
Auf dem deutschen Markt rangierte sie also unter dem unauffälligen Namen ‚Versuchs Audio Video KG‘. Der Hauptsitz fand sich in einem kleinen Ort bei Frankfurt, Walldorf-Mörfelden, Ausgangspunkt der Demonstrationen gegen den Neubau der Startbahn West des Frankfurter Flughafens. Im Handelsregister war die Firma natürlich eingetragen. Geschäftsgegenstand laut telefonischer Auskunft beim Amtsgericht Frankfurt, Abteilung Register: Herstellung und Vertrieb von Hard und Software. Kapitaleigner: Zu 100% Nippon-San, Tokio. Weitergereicht von der Industrie und Handelskammer Frankfurt an die Deutsch- Japanische Handelskammer, ebenfalls Frankfurt, versicherte ihm die Dame am Telefon: Selbstverständlich hätten sie Unterlagen über die Versuchs Audio Video. Schließlich sei dies die Tochter der mächtigen Nippo-San-Gesellschaft. Braun stöhnte. Auf die Idee mit der Deutsch Japanischen Handelskammer hätte er auch früher kommen können. Jetzt wäre er schon zu Hause. Ob er die Unterlagen heute schon brauche, fragte die Dame, oder ob sie geschickt werden sollten? Das Mädchen war wirklich sehr bemüht. Der Spätfahrer des Senders bekam den Auftrag bei der Kammer vorbeizufahren. Braun ging solange in die Kantine. Das Mittagessen war nachzuholen.
Als die Kollegin von der Produktionsabteilung mit den Unterlagen heraufkam, hatte er gerade den Pudding vor sich stehen. Und dann vergaß er ihn aufzuessen.
Die Versuchs Audio Video KG, Sitz Mörfelden Walldorf bei Frankfurt, Geschäftskapital rund neunhunderttausend Mark, Eigentümer Japans Nippon-San Enterprises, verkauft computergesteuerte Simulationsanlagen der TEC.TO.N international für den militärischen und semimilitärischen Bedarf. Fachwissen und Material werden bezogen von TEC.TO.N Japan und TEC.TO.N USA. Auf Informationen großer Industriestaaten und verschiedener Armeen könne ebenfalls zurückgegriffen werden. Die Anlagen entsprächen den neusten Innovationen, seien die ideale Ergänzung der modernen Waffen, die die Waffenabteilung der 'United Arms', ebenfalls einer Firma der Nippon-San, lieferte. Zu Gesprächen, vertraulich versteht sich, stünde die Firma selbstverständlich zur Verfügung.
In dieser Nacht schlief Braun schlecht. Am nächsten Morgen: Anruf bei der Versuchs Audio Video. Von zu Hause, denn was er machte, war ein wenig außerhalb der Legalität. Aber es hatte ihn gepackt. Der Vertreter war sehr freundlich und glaubte ihm auf Anhieb, dass er ein größeres Bewachungsunternehmen leite. Selbstverständlich hätten sie auch für solche Bedürfnisse Anlagen: Personenschutz, Industrieschutz, Schutz von Sachwerten. Darauf seien sie in ihren Programmen spezialisiert. Die Ausbildung des Personals sei schließlich das Wichtigste bei großen Bewachungsunternehmen. Er, Braun, sei ja nicht ein Opa von der Wach und Schließgesellschaft. Der Verkäufer lachte, es musste ein verkaufsfördernder Witz gewesen sein. Unterlagen und Reverenzen hätten sie natürlich auch. Nur erste Kundschaft, darunter auch Bundeswehr, Bundeskriminalamt Querstrich Sicherungsgruppe Bonn und natürlich der Bundesgrenzschutz. Eine besonders interessante Truppe.
2. Drehtag irgendwo in Nordhessen
Das Bundeskriminalamt zeigte sich zugeknöpft. Der Bundesgrenzschutz, Kommando Mitte in Kassel, ließ sich nach langen Telefongesprächen, viel Bettelei, Bluff und Hochstapelei, herab, Sachverhalte zu klären. Natürlich nicht ohne Hintergedanken, denn im Rahmen der Schadensbegrenzung war es günstiger Weniges zu verraten und dafür Wichtiges zu verschleiern.
Die Einladung erfolgte für den 25. Juni, Zeitpunkt 21 Uhr. Es war die Verpflichtung abgenommen worden, den Ort der Begegnung nicht zu veröffentlichen. Treffpunkt sollte Schlitz in der Nähe von Bad Hersfeld sein. Dort sollte das Team von einem Hubschrauber abgeholt werden. Am Ortseingang von Schlitz, auf dem freien Platz neben dem ehemaligen Bahnhof, standen zwei Hubschrauber und mehrere Wagen des Bundesgrenzschutzes. Zwar konnte das Team sofort einsteigen, doch der Abflug verzögerte sich. Es fehle noch eine wichtige Führungskraft. Der Kameramann äußerte als erster den Verdacht, die Verzögerung sei inszeniert. Die heraufkommende Dunkelheit solle den Weg verschleiern. Er hatte recht, es wurde ein Nachtflug mit vielen Kreisen und Bögen. Zuletzt fing es noch an zu regnen und selbst eine ungefähre Vorstellung der Richtung, in der sie flogen, war nicht mehr möglich. Sie hatten die Orientierung verlieren sollen und sie hatten sie verloren.
Irgendwann wurden sie umgeladen. Das Einzige, was sie von ihrer Umgebung erfuhren, war die Pfütze in der sie standen. Das Wasser lief ihnen in die Schuhe und die knatschten fortan fröhlich bei jedem Schritt vor sich hin. Was tut man nicht alles für die Kunst. Danach ging es mit einem Lastwagen weiter. Der hatte den großen Vorteil, dass niemand durch die Plane hinausschauen konnte und außerdem wurden sie so durchgeschüttelt, dass sie mit sich und der Ausrüstung beschäftigt waren und keine Gelegenheit hatten irgendetwas von draußen mitzubekommen. Ohnehin war tiefste Nacht. Der Planer dieses Treffens musste einen Kalender haben, auf dem die Mondkonstellation eingetragen war. So dunkel konnte es in Mitteleuropa normalerweise überhaupt nicht sein.
In der Dunkelheit hatten sie den Tunnel gar nicht bemerkt. Sie fuhren aus der Dunkelheit der Nacht in die Dunkelheit des Gewölbes. Nur die sich verändernden Geräusche verrieten den neuen Ort.
Die Kaverne hatte eine Größe, die das Team an den Stollen des Kraftwerkes Affoldern 2 der Preußenelektra erinnerte. Als dort, unterhalb der Edertalsperre, Transformatoren und Turbinen noch nicht eingebaut waren, hatte die Höhle noch Ähnlichkeit mit einer Kathedrale. Auch dieses unterirdische Bauwerk wies solche Dimensionen auf. Von der Hauptkaverne gingen rechts und links Stollen ab, geschäftiger Verkehr überall, Durchsagen über die Kommandoanlage, kleine Elektrowagen in hektischer Tätigkeit.
„Mann oh Mann,“ Johannes Müller, der Kameramann, stöhnte nicht nur unter dem Gewicht der Ausrüstung, „ganz schön konspirativ sind wir geworden. Gleich kommt James Bond um die Ecke!“ „Hoffentlich hat der auch seine Miezen dabei!“ Wie gesagt, der Tontechniker war einer der vielen Verbalerotiker.
Braun fühlte sich unwohl, die Schaukelei im Lastwagen war ihm nicht bekommen, außerdem hatte er Hunger und Durst. Nach Sprüchen stand ihm nicht der Sinn. Zudem machte die Story Schwierigkeiten, sie wuchs ihm langsam über den Kopf. Eine Nummer zu groß war ja in Ordnung, aber zwei Nummern? Außerdem hatte Heinz überall den Anschein erweckt, er habe großes Fachwissen, Insiderwissen über militärische Belange. Hoffentlich platzte die Seifenblase nicht.
„Wir bemühen uns natürlich diesen Ort geheim zu halten, aber das ist ebenso unsinnig wie überflüssig. Der anderen Seite, oder besser, den anderen Seiten ist selbstverständlich bekannt, dass es ihn gibt. Sie wissen halt nur nicht so genau wo er ist, aber das ist ja auch nicht so wichtig.
Meine Herren, ich begrüße Sie in unserem bescheidenen Unterrichtsstand. Alles, was wir Ihnen heute vorführen, können Sie selbstverständlich filmen. Wir zeigen Ihnen natürlich nicht alles, denn es wäre dumm von uns alle Karten auf den Tisch zu legen. Dummheit können Sie von uns ja wohl kaum erwarten.“ Der in Zivil gekleidete Mann stellte sich nicht vor, nannte keinen Namen, keine Funktion und dennoch war zu bemerken, dass er hier der Chef war. Er führte sie in einen großen Saal, der einem Kino ohne Bestuhlung glich. Der Raum war oval, maß auf der breiten Seite rund fünfzig Meter, unter der kuppelförmigen Decke mehrere schwach erleuchtete Fenster, anscheinend der Kontrollraum.
„Wir wollen Ihnen eine Demonstration unseres Trainingsangebotes zeigen. Sie haben ja vor Kurzem einen Bericht im Programm gehabt, der quasi den kleinen Bruder unserer Anlage zeigte. Übrigens, sehr pfiffig von Ihnen die Querverbindung zu uns gefunden zu haben. International gesehen sind wir aber noch ein kleines Licht. Ich weiß auch gar nicht wieso Sie in diesen Anlagen etwas Besonderes sehen. Jede bessere Fluggesellschaft unterhält Flugsimulatoren. Es ist nämlich wesentlich billiger, die Piloten in die Halle zu setzen, als sie wirklich da oben rumkurven zu lassen. Nein, Simulatoren sind für alle möglichen Bereiche etwas völlig Normales. In der Forschung laufen massenweise Computerprogramme als Simulationen: Biologie, Mechanik, Chemie. Ohne Simulation geht da nichts mehr. Aber da haben wir es auch mit Naturwissenschaften zu tun. Also festgesetzten Axiomen. Bei uns ist das anders. Wir können nicht davon ausgehen, dass unsere Leute alle gleich reagieren. Wir können noch nicht einmal davon ausgehen, dass sie überlegt, also logisch, oder wenn Sie so wollen vernünftig reagieren. Vorausgesetzt sie reagieren überhaupt. Es gab in den vierziger Jahren ein Ausbildungsprogramm des amerikanischen FBI. Die haben ihre Leute über ein Trainingsfeld gejagt, das vollgestopft war mit Verbrechern, Kindern, alten Leuten, Fallen und so weiter. Alles natürlich aus Pappmasche. Ein Modell halt. Der Beamte musste blitzschnell entscheiden: Schießen oder nicht schießen. Hat auch prima funktioniert.“
Braun hatte das mal in alten Filmen gesehen. Da rannten Leute durch eine Landschaft, die ein Bühnenbildner der amerikanischen Traumfabrik erstellt haben könnte und schossen auf Pappkameraden. Wenn sie allerdings den armen, alten Herren von Gegenüber, oder den lieben Kleinen von Nebenan trafen, bekamen sie einen Anschiss vom Trainingsleiter. Offiziell und vor der Kamera, im Originalton. Dann wies der Sprecher noch auf die große Verantwortung der FBI- Beamten hin, die doch alle dem Wohle des amerikanischen Volkes dienten. ‚March of Time‘ hießen die Filmwerke, mit Durchhaltemusik und Durchhalteparolen. Gegen den Feind, der zuerst Japanisch, dann nationalsozialistisch und später kommunistisch war und der die Welt verändern wollte. So sagte der Sprecher. Die Filme waren alt. Inzwischen hatten sich zwar die Zeiten geändert, der Feind aber wohl nicht, allen Ansprachen und Sonntagsreden der Politiker zum Trotz.
