Schonzeit für Zwerge - Peter Vinzens - E-Book

Schonzeit für Zwerge E-Book

Peter Vinzens

0,0

Beschreibung

Es sind sechs Geschichten. "Der Mann am Fluss" beschreibt einen großen Schiffsklau vor langer Zeit. "Vom Nichts" ist ein Streigespräch über das NICHTS. "Schonzeit für Zwerge" erklärt das dauerhafte Verschwinden der Heinzelmännchen. "Ein Hahn kräht" ist eine Gerichts- und Medienposse. "Nur ein kleiner Betrug" schildert ein Plagiat. Und "Adagio für Herbert" erzählt die Geschichte eines Mannes, der auf einen vorwitzigen Computer hereinfällt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Schonzeit für Zwerge und andere Geschichten

Titel: Schonzeit für ZwergeDer Mann am FlussVom NichtsSchonzeit für ZwergeEin Hahn krähtNur ein kleiner BetrugAdagio für HerbertÜber den Autor

Schonzeit für Zwerge

und andere Geschichten

Peter Vinzens

Impressum

Texte: © Copyright by Peter VinzensUmschlag:© Copyright by Ursel Jaeger

Verlag:vtvfra.de, Vinzens

Stettiner-Str. 1861348 Bad [email protected]

Druck:epubli - ein Service der

neopubli GmbH, Berlin

ISBN Print:978-3-7450-2416-6

ISBN eBook:

Inhalt:
Der Mann am Fluss
Vom „Nichts“
Schonzeit für Zwerge
Ein Hahn kräht
Nur ein kleiner Betrug
Adagio für Herbert
Über den Autor

Der Mann am Fluss

Der alte Mann sitzt im Liegestuhl und fühlt sich als Herr über ein Reich. Er hat einen Auftrag, und den füllt er aus. Seit vielen Jahren nun schon. Er bewacht einen Platz, den eigentlich niemand haben will. Ein gemütlicher Job. Sein Gehalt ist klein, dafür aber hat er auch kaum Kosten. Nur sein Essen muss er bezahlen.

Balken liegen umher, Bretter, Schrott. Weit entfernt tuckern Schlepper vorbei. Flach fällt das Ufer ab, eine ehemalige Werft. Schon lange aber werden hier keine Schiffe mehr gebaut. Hier könnten spannende Kinderfilme gedreht werden, Models könnten über verrostete Schrotteile flanieren, Fotografen könnten die besten Motive finden. Allein, der Platz ist noch unentdeckt. Nebenan, der Fluss. Hier rauschen Frachtschiffe und Jachten vorbei, aber sie fahren eben vorbei. Ein wunderbar ruhiger Platz.

Sein Name ist Rex Mailman, aber niemand glaubt, dass der Name auch stimmt. Angeblich war er früher Zauberkünstler, Arbeiter in einem Schlachthof, Kriegsteilnehmer und Sänger. Neben einem alten, verrosteten Gewehr hängt eine verstimmte Gitarre an der Wand, und in der Ecke ruht eine verstaubte Bassgeige. Hinter der Türe klirrt eine stattliche Versammlung leerer Schnapsflaschen, und draußen rostest ein alter Buik vor sich hin. Manchmal, so sagt er, käme sein Freund der Sheriff vorbei. Dann würden sie einen „Kleinen“ zu sich nehmen und von vergangenen Zeit erzählen. So zum Beispiel auch diese, natürlich völlig unglaubhafte Geschichte:

Da war nämlich dieser Samuel Langhorne Clemens. 1910 hat man ihn zu Grabe getragen. Der war, so behauptet Rex, ein langjähriger Freund seines Vaters gewesen. Und der habe ihm eine heute noch unbekannte Geschichte erzählt: Da ist also die Geschichte in der Geschichte, in der Geschichte. Da soll noch einer klarkommen, und ob sie der Wahrheit entspricht kann natürlich niemand nachprüfen. Aber warum auch?

Es gab also eine Werft in einem kleinen Nest am Mississippi, und dieses Unternehmen stand kurz vor der Pleite. Da kam der Besitzer, ein gewisser John Alexander Krasnow, auf die Idee ein Rennschiff haben zu wollen. Also nicht so recht ein Rennboot, wie wir es heute kennen, sondern eher was Größeres. Und unter „größer“ verstand man im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert ein Dampfschiff, das Passagiere und Fracht befördern konnte und auf dem man um Geld spielen und beliebig viel trinken durfte.

So ein Schiff musste man natürlich erst einmal haben. Erst dann konnte man zahlende Gäste und schreibende Journalisten einladen. Damals war es nämlich üblich die Beobachter von Schiffsrennen an Bord zu haben. So konnten diese das Ereignis aus der Nähe genießen, dabei den einen oder anderen Drink nehmen und außerdem das überflüssige Geld auch noch im Spiel verjubeln. Gegebenenfalls, bei Interesse, konnte man schlicht an die Reling treten und den Weitergang des Rennens zur Kenntnis nehmen. Und wenn dann die eigene Mannschaft zu lahm war, dann brauchte man nur zu den Dollars langen, um ihre Motivation zu fördern. Schließlich hatte man ja auch in Wetten für die Rennfahrt investiert. Aber noch immer stand ein kleines Problem im Raum: Dazu brauchte man ein Schiff.

John Alexander Krasnow wollte seinen Laden und natürlich sich selbst sanieren. Dies aber war schwierig. Fahrten wollten schließlich viele gewinnen, viele hatten sogar eigene Schiffe, sie konnten sie sogar herzeigen, er aber hatte nur eine eigene, zugegebenermaßen abgewirtschaftete Werft, gute Leute und viele Ideen. Deshalb entwickelte er einen Plan, er gebrauchte seinen Verstand:

In einer kleinen Kneipe, dicht unten am Hafen sitzen Matrosen und andere Trunkenbolde, schließlich war die Zeit der Prohibition in den Staaten noch nicht erfunden. Hinter der Theke wurstelt ein missmutiger Wirt herum. Der Spiegel, Bestandteil eines jeden Westerns der heutigen Tage, ist nicht zu finden. Dafür aber wird Musik vom Feinsten gegeben, die keiner hören will. Alle reden wild durcheinander. Es ist also wie im richtigen Leben: Das Wahre, Edle, Gute, niemand will es zur Kenntnis nehmen.

Auf einmal geht draußen so richtig die Post ab. Irgendwelche Frauen kommen sich wegen irgendwelcher Probleme in die Wolle, streiten herum, reißen sich die Kleider vom Leibe und krakeelen, was das Zeug hält. Das ist natürlich richtig interessant. Alle rennen hin, gucken, feuern an, finden den Disput wunderbar. Endlich ist mal richtig was los in der Bude.

Auch die beiden Wachen auf der „Spirit of St. James“, einem edlen Schiff der Superklasse, kommen natürlich herunter. Wäre es doch ein Verbrechen sich das Schauspiel entgehen zu lassen. Deshalb hin und mitgemacht. Natürlich bilden sich sofort Parteien für und gegen die eine oder andere der Damen. Mit Fäusten und Worten, also eigentlich mehr mit Fäusten, wird die Angelegenheit geregelt. Endlich mal eine Abwechslung.

Am nächsten Morgen war in der Zeitung zu lesen, dass in der Nacht unter wundersamen Umständen, die berühmte „Spirit of St. James" abhandengekommen war. Sie war schlicht weg. Nur noch abgeschnittene Leinen erinnerten an das wunderbare Schiff. Auch die intensive Suche auf allen Teilen des näheren Flusses blieben ergebnislos. Die „Spirit of St. James“ gab es nicht mehr. Sie hatte sich in Luft aufgelöst. Irgendwie.

Kaum hatte nämlich die schöne Schlägerei begonnen, da schlenderten einige Herren herbei, durchschnitten die Taue und enterten den Kahn. Die Strömung, an dieser Stelle nicht unerheblich, tat ihr übriges und so entschwand diese wertvolle Investition der „Mississippi Steam Company“, das Juwel unter den Schiffen, sang und klanglos in der Dunkelheit.

Der Rest der Nacht war sehr „busy“, das heißt viele Leute mussten hart arbeiten. Aber gegen Geld konnte man schon in den „goldenen Zeiten" der Vereinigten Staaten, jederzeit schweigsame Leute bekommen. Denn kaum war das schöne Schiff in der Dunkelheit untergetaucht, da kam ein kleiner Schlepper der uns bereits bekannten Werft, und nahm den großen Bruder an den Haken.

Niemand soll nun meinen, amerikanische Bürger seien besonders kriminell veranlagt. Das ist natürlich grundfalsch. Sie besitzen nur bisweilen einen besonderen Geschäftssinn. Besonders, wenn ihnen das Wasser bis zum Halse steht.

Auf jeden Fall lief das schöne Schiff in den kleinen Seitenarm ein und wurde von vielen fleißigen Händen erwartet. Zuerst verschwand natürlich die wunderschöne Holzverkleidung mit dem Namen. Die konnte man nun wirklich nicht gebrauchen. Den hölzernen Rumpf und die wertvolle Dampfmaschine konnte und wolle man natürlich nicht verändern. Dazu wäre der Aufwand nun wirklich zu groß gewesen. Die Ingenieure der Werft, es waren zwei, und sie hießen Paul Newton und Sergjev Gnüth, hatten sich das alles genau ausgerechnet. Schließlich wollten sie ein „Rennpferd“ bauen. Da es für ein komplettes, also ein neues, finanziell nicht reichte, hatten sie sich deshalb einfach einen Rumpf „ausgeborgt". Extraschichten wurden geschoben, Zulage gab es, und der Chef selbst verteilte Alkoholika, Kaffee und Sandwichs.

Am Morgen lag ein etwas klappriges Schiff im Seitenarm, nur wenig Aufbauten, die Maschine teilweise offen, das gigantische Schaufelrad von Lumpen verborgen. Träge schlichen einige faule Arbeiter herum, der Chef, betrunken in der Hütte, und aus so einem Betrieb konnte selbst nach der Meinung der Sheriffs nichts werden. Pinkerton- Detektive kamen später und alle fanden, dass dies ein Pleiteunternehmen war. Zu viel Schrott auf dem Platz. Unaufgeräumt. Berge von Holz. Niemand machte sich die Mühe die Schriften auf den Brettern zu erkennen. Das allerdings wäre auch peinlich gewesen.

Ein paar Wochen später, wiederum in der Zeitung zu finden, gab die Werftleitung bekannt, dass nun doch ein Schiff fertiggestellt sei. Niemand hatte es erwartet, niemand nahm es ernsthaft zur Kenntnis. Bis an den Tag, an dem die erste Geschwindigkeitsmessung des neuen Kahns bekannt wurde. Das Unternehmen hatte einen „big deal“ gelandet. Die Kiste war ungeheuer schnell. Und das war natürlich wieder eine Meldung wert. Woran man wieder einmal ermessen kann, wo die Interessen und Vorlieben einer freien Presse liegen. Aber das hat sich ja bis heute nicht geändert.

Da war zudem die Sache mit einem gewissen Herrn Hearst. Wir alle kennen ihn, denn er war, und sein Konzern ist es noch heute, Zeitungskönig der USA. Damals. Heute beherrscht die Firma immer noch den Nachrichtenmarkt, auch wenn sich der verändert hat. Dieser Herr Hearst war ursprünglich ein fauler Kerl. Als er aber die Zeitung seines Vaters geerbt hatte, da fand er den Weg zur Arbeit und sein Interesse für publikumswirksame Vermarktung. Ihm verdanken wir auch den Begriff „Yellow Press“. Und das kam so:

Amerika, also der „Amerikaner als Solcher“, fühlte sich zum Ende des vorvergangenen Jahrhunderts von den Chinesen bedroht. Die wollten nämlich nicht das, was die amerikanische Regierung wollte und damit hatten die Amerikaner - zwangsläufig - ein Problem. Schließlich hatten sie gerade begriffen wie Kapitalismus funktioniert. Sie begannen sich gerade dem Rest der Welt zu öffnen und da stellten sich doch diese arroganten Chinesen quer. Das war natürlich eine ernste Bedrohung für den „Amerikaner als Solchen“, für die freie Welt, und deshalb war das natürlich auch ein Thema für die Zeitung.

Selbstverständlich auch für die Zeitung eines gewissen Herrn Hearst. Das Blatt beschäftigte Reporter und Politiker, Wissenschaftler und Karikaturisten und letztere waren es, die den Begriff prägten: „Yellow Press“. Da war das Bild zu sehen wie ein Chinese, die „Gelbe Gefahr an sich“ eben, das arme Amerika beutelte. Und nebenan stand ein gewisser Herr Hearst und trotzte der „Gelben Gefahr“. Nur mit seiner Zeitung in der Hand. Ein Held, der sich nichts gefallen ließ.

Emotional, publikumswirksam, polemisch, und sehr dicht an „Volkes Stimme“. Und damit war die „Gelbe Presse“, „the yellow press“ erfunden, und wir haben sie immer noch am Hals.

Und warum erzählen wir das? Nur um zu sagen: Die Yellow Press war bereits vorhanden und vollendete nun das Werk von Mr. Krasnow, denn ohne diese Presse hätte die Nummer mit dem Schiff nie funktioniert. Nie wäre Krasnow reich geworden und ob er es geblieben ist, war für die „Presse“ natürlich erst einmal völlig uninteressant. Krasnow hatte ja gerade erst angefangen.

In der schmutzigen Baracke sitzt er, und ein Mensch mit Hut ist bei ihm. Getränke sind da, Kaffee und Scharfes, zu essen und zu trinken gibt es auch. Was aber viel wichtiger ist: Krasnow kennt seinen Gast, ein Kumpel, der von Anfang an dabei war, ein Journalist. Der soll ihm nun helfen, sollte sein PR- Manager sein, denn nun ging es ums Geldverdienen.

Schließlich entsteht ein Schiffsrennen nicht einfach so aus dem Hut heraus. Da gilt es Sponsoren zu finden, Pressearbeit ist zu bringen und wettfähige, zahlungskräftige Kunden sind aufzutreiben. Ohne die Zeitungen geht da eben nichts. Woran man wieder mal erkennen kann: Es hat sich nichts geändert in der langen Entwicklungszeit dieses Mediums. Daran muss man sich einfach gewöhnen.

Der Herr Clemens, der aufmerksame Leser kann sich erinnern, saß also seinem Freund Krasnow gegenüber und baldowerte mit ihm eine große Nummer aus. Clemens war übrigens auch in der „Nacht der Entführung“ dabei, denn damals litt er gerade wieder einmal unter chronischem Geldmangel. Das aber war für ihn nichts Neues, das hatte er schon an anderen Orten erfolgreich hinter sich gebracht. Nun aber brauchte er eine gute Story, die möglichst US-weit vermarktet werden sollte.

Schon damals, aber so lange ist das nun auch wieder nicht her, verbreiteten bereits Nachrichtenagenturen gute, fetzige Storys über das ganze Land. Telegrafenleitungen erreichten schließlich selbst die verschlafenste Redaktion. Und die Meldung von weit weg, vermittelt über die Agentur, war zudem billiger als der eigene Reporter. Und, es kommt noch was: Die Provinzzeitung war ohne jede Konkurrenz. Niemand konnte ermessen, ob der Reporter ein eigener, ein wildfremder oder ein erfundener war. Hauptsache die Story war gut.

So wurde die Geschichte von langer Hand vorbereitet.

Es entstanden Reportagen über die Versuchsfahrten. Das Schiff war kleiner geworden. Den Rumpf konnten sie, man bedenke die Kürze der Zeit, leider nicht beeinflussen. Die Größe der Maschine auch nicht. Nur die Aufbauten wurden verändert. Auf den Ponton wurde ein neues Gerüst gestellt. Ein Stockwerk niedriger. Anders sollte das Schiff aussehen. Das war wichtig. Außerdem sollte es gewinnen im Wettkampf Der aber war nur interessant, wenn die Quoten ungünstig sind. Der Spitzenreiter bringt schlechte Quoten, der Außenseiter abenteuerliche. Es galt also ein Schiff zu haben, das schnell war, weit laufen konnte, ohne dass ihm dies irgendwer zutraute.

Die Presse ist dafür ein wunderbarer Nachrichtenträger.

Am 18. Juli 1895 ist die erste „Erprobungsfahrt“ des neuen Schiffes. Kurz vorher war es auf den unbedeutenden Namen „Adventure“ getauft worden. Das aber sollte nur eine pressewirksame Veranstaltung sein. Eine Vorstellung, sonst nichts. Eigentlich war die „Adventure“ ein hässlicher Kahn geworden.

Sie hatte nur drei Stockwerke vorne und flachte sich hinten auf zwei Etagen ab. Der Bug lag weit über dem Wasserspiegel und das Kommandohaus war, völlig neu in der Entwicklung, als Bestandteil des obersten Stockwerks in die dritte Etage eingebaut. Die Brückenrocks ragten weit nach außen. Zwei gewaltige Schornsteine beherrschten das Heck.

Bei andern Schiffen lag das Schaufelrad offen. Die „Adventure“ vermochte so etwas nicht zu zeigen. Der Rumpfaufbau ragte weit nach hinten über, verbarg das Rad, die Technik und seine Geheimnisse.

Wer nun glaubt, Krasnowas Ingenieure seien Dummbeutel gewesen, der irrt. Neuste technische Entwicklung hatte Eingang gefunden, die aber sollte nicht in der Öffentlichkeit stattfinden. Deshalb auch die Verkleidung des Aufbaus.

Hätte nämlich irgendwer, irgendwann, irgendwie unter die Verkleidung geschaut, er hätte sich gewundert. Die Breite des Schaufelrades hatte sich zwar -zwangsläufig- nicht geändert. Das Rad an sich aber war völlig ausgewechselt worden. In Europa machten sich Techniker bereits Gedanken über Turbinen, über Schiffsschrauben, über veränderte Formen der Rümpfe. In Amerika wurde noch wenig verändert. Anders die Techniker des Herrn Krasnow.

Waren an der „Spirit of St. James“ noch einfache Bretter als Antriebselemente am Schaufelrad, so bauten Krasnows Techniker nun gebogene Elemente ein. Ein Fachbuch aus Europa hatte ihnen den Weg offenbart. Und die Truppe hatte sich als lernfähig erwiesen. Das Rad war größer geworden. Aus der Maschine hatten sie, mit verschiedenen Kniffen, noch einiges mehr an Kraft herausgekitzelt. Die technischen Voraussetzungen waren also bestens. Die aber waren ein „Dreck“ gegen die Strategien der Vermarktung.

Der 12. August 1895.

Die Presse ist dabei. Die Herren werden mit Getränken, einem kalten Buffet und aktuellsten „News“ traktiert. Öffentliche Versuchsfahrt ist angesetzt. Stromauf gegen den Widerstand des Flusses. Das Schiff nimmt normale Fahrt auf. Unten im Rumpf schuften ein paar Schwarze unter dem Kommando des Ingenieurs. Der ist am Gewinn beteiligt. Die Schwarzen nicht. Sie sind austauschbar. Jederzeit.

Die Fahrt wird schneller. Sie erreicht die Grenze der Konkurrenten. Sie überschreitet sie. Die Meute hat das Buffet verlassen. Getränke hat sie mitgenommen. Gebannt schauen sie aufs Log. Schätzen die Fließgeschwindigkeit des Fußes. Errechnen die Fahrt über Grund. Einige haben Karten dabei. Schauen auf ihre Taschenuhren. Bestimmen Geschwindigkeit. Die Fahrt wird phänomenal. Weißer Rauch hüllt sie ein. Schlote speien Qualm. Als sei dies das Schönste der Welt.

Niemand machte sich später Gedanken darüber, warum der Kutter gerade an dieser Stelle lag, warum der Unfall ausgerechnet hier passierte, warum die „Rettung“ der Passagiere so einfach war. Sie wurden von Bord evakuiert. Alle, bis auf einen. Mr. Clemens blieb da und ging gelangweilt in den Salon. Da aber war er sehr einsam. Getränke waren noch genug da.

Zuerst hatte es einen lauten „Bums“ gegeben. Dann stand die Maschine. Dann läutete die Schiffsglocke ohne Unterlass. Dann waren die Getränke uninteressant. Dann wurde der Qualm der Schlote schwarz. Und danach ging die Presse von Bord. Hinein in den Kutter, der sie Eilens zurückbrachte. Die Herren wollten schnell zurück. „Explosion auf dem Herausforderer-Schiff“. Das war doch schließlich eine Meldung, und morgen sollten die Menschen das auch in der Zeitung lesen.

Clemens schrieb nichts, obwohl es doch eine so feine Geschichte gewesen wäre. Clemens saß im Salon und trank. Ob er auch vom verlassenen, noch immer üppigen Buffet gegessen hat, ist nicht überliefert. Auch Chronisten haben Aussetzer.

Die Zeitungen überschlugen sich.

„Schiff explodiert!“ - „Herausforderer ohne Chance!“. So oder so ähnlich sollen die Überschriften gelautet haben, und eigentlich müssten sie heute noch nachzulesen sein. Auf jeden Fall aber waren die Quoten der Wetten für die „Adventure“ tief im Keller. Und genau das hatten die Schiffer gewollt.

Rex Mailman, der Mann, der heute an dem kleinen Seitenarm des Flusses sitzt, erzählt seine Geschichte mit großer Freude. Nicht etwa, dass er diese kriminellen Machenschaften ausdrücklich billigt, er amüsiert sich darüber. Und zum Beweis schleppt er ein Brett herbei, auf dem noch heute die Reste des Namens „Spirit of St. James“ zu entziffern sind. Der berühmte Schiffsklau wurde natürlich auch von der Filmindustrie verwurstet. Davon aber will Rex nichts wissen. Die Story sei doch völlig entstellt worden, und das Pfiffige, das mit den Wetten, käme überhaupt nicht mehr vor. „Müll“, sagt er, „Nichts als Müll“. Und dann kramt er noch in alten, verstaubten Kisten und zaubert einen Zeitungsausschnitt hervor. Ein gewisser M.T. berichtet in diesem Artikel, dass das große Rennen bevorstünde, dass allerdings dem Herausforderer „Adventure“, gegen die scharfe Konkurrenz von mehreren anderen Schiffen, wahren Wunderwerken der Ingenieurkunst, kaum Chancen eingeräumt würde. Außerdem, stellt der Artikel bedauernd fest, einen Kapitän habe das Unternehmen auch noch nicht gewinnen können. Eine traurige Story. „Adventure“ im Abseits.

Rex kann sich noch heute halb totlachen, obwohl er doch gar nicht dabei gewesen war, denn schließlich hat er ja alles nur von seinem Vater erfahren. Vielleicht auch von seiner Mutter. Von der hängt nämlich ein altes Foto an der Wand, und der Besucher glaubt sofort, dass sie zu Hause das Sagen hatte. Eine stattliche, strenge Person, die aber wohl auch den Schalk im Nacken hatte. Das aber ist eine andere Geschichte. Also zurück zum Schiffsklau und dem breit angelegten „Wettbetrug“, an dem die amerikanische Presse, natürlich völlig unbewusst, versteht sich, breiten Anteil hatte. Die Reise sollte von Vicksburg zu den Kais von Lake Providence gehen. Luftlinie rund 35 Meilen. Durch die vielen Schleifen des Flusses wird aber die Strecke wesentlich länger. Außerdem ist der Fluss hier sehr flach. Dauernd verändern die Sandbänke ihre Lage, und der Lotse muss scharf aufpassen. Das sollte die Wettfahrt natürlich spannender machen.

Die Anteilnahme der Bevölkerung war überwältigend. Tausende, ach was sage ich, Zehntausende säumten das Ufer, erwarteten ein bedeutendes Ereignis und nahmen die Abwechslung im eintönigen Alltag des Südens mit Freude an. Ganze Familien lagerten auf den Hängen, wohlversehen mit Gebratenem und Gesottenem, mit Broten und gewaltigen Käsestücken und auch der berühmte Apfelkuchen durfte natürlich nicht fehlen. Das Wetter war hervorragend, und in den Kneipen, unten an den Kais, war der Teufel los. Irgendwo waren auch die beiden Damen dabei, die wir ja schon kennenlernen durften, und sie vertrugen sich hervorragend. Wie immer eigentlich. Niemand würde je einen Zusammenhang zwischen ihnen und dem Wettbewerb finden, und die paar Dollar, die sie für die „Show“ bekommen hatten, die waren natürlich längst weg.

Nebeneinander, mitten im Fluss lagen die Schiffe. Gewaltige Wolken entschwebten den Schloten. An den Kesseln wurde gefeuert was das Zeug hielt. Schließlich wollten alle gewinnen, viele hatten gewettet, jeder wollte Geld machen. Die Betuchten hatten sich frühmorgens bereits eingeschifft, schließlich musste man dabei sein, wenn man wer war, und die Spannung wuchs ins schier Unerträgliche. Der Alkoholkonsum auch.

Zuerst sehen alle die weiße Wolke, die aus der alten Kanone herausschießt, erst dann ist der Knall zu vernehmen. Das Startzeichen. Los geht die Reise. Dem Ziel entgegen. Die Räder peitschen das Wasser. Die Rümpfe bedrängen sich. Kommandos werden gebrüllt. Telegrafen klingeln. Schiffsglocken werden geschlagen. Das weite Feld der Ruderboote und der kleinen Kähne bricht auf. Jeder sieht zu, dass er wegkommt, denn nun wird keine Rücksicht mehr genommen, keine der Maschinen wird die Leistung zurücknehmen. Bis zum Ziel nicht. Da kentert der eine oder andere Kahn in den gewaltigen Heckwellen, und so mancher Trunkenbold im Ruderboot erfährt plötzliche Ernüchterung. Das aber tut der Stimmung keinen Abbruch.

Die Reporter der bedeutenden Provinzzeitungen sind natürlich alle an Bord. Geschäftig eilen sie auf den Schiffen umher, mal auf der Brücke, mal in den Maschinenräumen. Sie tragen den Schmutz und die Ölspuren auf den feinen Anzügen wie Orden im Kampf um die beste Story. Heldentaten also. Am Ziel sind Telegrafenleitungen ins weite Land geschaltet, schließlich müssen die Meldungen ja auch verbreitet werden, die Druckpressen bleiben gestoppt bis der Sieger feststeht.

Ein Wettrennen zwischen Schiffen ist natürlich eine interessante Sache. Das Ganze gleicht ein wenig einem Duell mit Schiffsgeschützen. Die hat ja nun auch nicht jeder. Nur ein bisschen friedlicher ist es. So glaubt man. Dieser Glaube ist aber völlig falsch. Schiffswettbewerbe sind eine harte Sache, weniger wegen des zu erwartenden Gewinnverlustes durch ausbleibende Fahrgäste, mehr eigentlich durch ausbleibende Wettgewinne. Die sind immens, der Verdienst geht aber oft an findige Wettbüros und die Kombattanten gehen leer aus. Diesem kapitalistischen Trend ist natürlich entgegenzuwirken. Unter der Hand, das Geschäft ist schließlich diskret, hatte der Werftinhaber, die Journalisten der Provinzzeitungen lassen wir zur Ehrenrettung dieses Berufsstandes jetzt mal weg, eine gutgehende Wechselstube eingerichtet. Dollar gegen Wettschein. Hier wurde, dem Trend des Geldverdienens entsprechend, die „Adventure“ ganz klein gehandelt. Das hatte natürlich auch seinen guten Grund, denn „die Bank gewinnt immer“. Woraus zu schließen ist, dass Mr. Krasnow sehr wohl klar war, wie der Hase so läuft. Egal, wie es ausgegangen wäre, verloren hätte er nie. Aber wollen wir dem Gewinnstreben erst einmal entsagen und uns wieder der Geschichte widmen.

Die Kanone hatte also geknallt. Die Jungs an den Kesseln hatten alle Ventile geöffnet. Der Jubel am Ufer war planmäßig ausgebrochen. Und die Gäste waren in den diversen Bars entschwunden. Die Jagd hatte also begonnen. So etwas nennt man „Show“, und sie war gut gemacht. Heute bezeichnet man dieses Phänomen, aber das war damals natürlich noch nicht bekannt, als Medienarbeit. Woraus man erkennen kann, „Medien“-Arbeit ist nur dann Medienarbeit, wenn die Medien auch tatsächlich dabei sind. Dafür war aber diesmal gesorgt. Die Jungs hatten genug zu trinken, Damen waren damals noch nicht im Geschäft. Man war also noch „unter sich“. Einer Bewertung darüber werden wir uns jetzt enthalten.

Auf den Schiffen war die Arbeit verteilt. Unten mussten sie Dampf machen und oben mussten sie zusehen wie sie durchkamen. Sehr amerikanisch, ganz nach dem Geschmack der anwesenden Bürger und so richtig spannend. Vorausgesetzt es wurde fein geschildert. Dafür aber hatten ja die Spezialisten die besten Plätze in der ersten Reihe besetzt.

Aber wir haben ja noch gar nicht die Kontrahenten aufgeführt. Dies sollte jetzt natürlich nachgeholt werden:

Eigentlich waren es nur zwei, die anderen konnte man vergessen, aber die Vielzahl macht halt das Geschäft. Verlierer muss es geben, wenn Gewinner ausgeguckt werden. Placebos für Wettinteressierte und Staffage für das Bühnenbild. Da ist nun also, nur die eingeschränkte Aufzählung: Die „Adventure“, aber die kennen wir ja schon. Daneben, unschlagbar, die absolute, die ultimative Vertretung amerikanischer Ingenieurkunst, die „Samos del Rio de la Marca". Die Gesellschaft saß in New Orleans und das Schiff war allein den Spielern gewidmet. Transportiert wurden Chips, Croupiers, Freudenmädchen und Drinks. Angehalten wurde nach Bedarf, der Fahrplan, mehr eigentlich die Gewinnmaximierung, war oberstes Gesetz. Technisch war das Ding Spitze.

Daneben stand noch die „Prince", ein gutes Schiff, schnell, fix, präzise das Team. Zwar nicht mehr so ganz neu, aber technisch eingefahren und ohne Probleme. Die anderen, wie gesagt, sie waren zu vergessen. Placebos eben.

Jetzt wollen wir uns doch mal den Kräften, also den Fachkräften zuwenden, die den Gewinn sichern sollten. Da waren die Kapitäne und die vergessen wir auch gleich wieder. Denn die sollten zwar die Chefs sein, waren aber, in aller Regel versteht sich, nur die Verwaltungsangestellten der Linien. Sie hatten zu repräsentieren und das war's.

Dann waren da Offiziere und Ingenieure, die hatten das Sagen und das Machen. Die hatten auch Ahnung. Und dann, ja dann gab es noch den Lotsen. Das war der Mann an Bord, der überhaupt wusste wohin die Reise ging, und nur er konnte den Kahn weiterbringen. Weil aber auch der mal irgendwann schlafen musste, irgendwann mal an der Bar seinen Drink nehmen wollte, hatte er normalerweise einen Helfer. Lotsenjunge genannt. Auch wenn er schon älter war.

Konzentrieren wir uns nun aber auf ein Schiff allein: Die „Adventure“ natürlich. Welches sonst. Schließlich haben wir ja die ganze Geschichte nur wegen ihr angefangen. Außerdem wäre die Story ja auch einfach zu lang, würden wir uns hier und jetzt verzetteln. Das wollen wir natürlich nicht. Im Interesse des Lesers versteht sich. Das sollten wir an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich sagen, in Ihrem Interesse also.

Die Sandbank lag nur ganz unauffällig im Weg herum. Nur leise kräuselte sich das Wasser darüber. So was muss man sehen können. Auf diesem Wege ereilte das erste Schiff ein kleines Missgeschick, kaum hatten die ersten ihre paar Meter Vorsprung errungen. Gestern war die Sandbank noch ganz anders gewesen. Schade eigentlich. Die „Sagotora“, ein kleines Schiff, brauchte rund dreißig Minuten um wieder frei zu kommen. Das entzerrte das Gesamtbild ein wenig.