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"Würde ich Ihnen sagen, dass mein Leben erst anfing, als ich in eine andere Welt entführt wurde, würden Sie mir dann glauben?" Das Leben der jungen Ilona wurde nach einer schicksalshaften Nacht auf den Kopf gestellt - ein Schicksal, das sie für ewig verfolgen wird. Aus ihrer Heimat entführt, muss sie schnell lernen, wo in der neuen Welt ihr Platz ist. Denn in Marobar kommt Schwäche einem Todesurteil gleich. Ihr neues Leben ist geprägt von Schmerz, Verlust und Verrat. Für Hoffnung und Liebe ist hier kein Platz. Oder doch?
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Widmung
Prolog
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Anerkennung
Impressum
Für die Liebe meines Lebens!
Träume sind Gedanken, doch die Fantasie ensteht in unseren Herzen ….
Was wäre, wenn ich Ihnen erzählen würde, dass mein Leben anfing, als ich in eine andere Welt entführt wurde? Tja, Sie würden mich wahrscheinlich in eine psychiatrische Anstalt einweisen! Aber warum sollte ich Sie belügen, wenn die Wahrheit doch so interessant ist?
Ich wurde in Chicago geboren als Tochter eines Großunternehmers und einer Designerin. Leider kann ich mich an die Zeit mit meinen Eltern nicht mehr so richtig erinnern, aber ich erinnere mich noch genau, was eine Woche vor meiner Entführung geschah. Damals war es unter reichen Familien modern, dass man seine Kinder, egal wie alt sie waren, über den Sommer hinweg in ein Ferienlager schickte, um Zeit für sich zu haben. Tja, meine Eltern folgten diesem Trend.
Seit meinem sechsten Lebensjahr war ich jeden Sommer in einem anderen Ferienlager gewesen. Sogar mit Fünfzehn steckten sie mich in ein Lager mit dem Namen „Camp Vicatoba“. Die erste Woche verlief toll. Ich lernte nette Kinder in meinem Alter kennen und hatte Spaß, jedoch fühlte ich mich nach kurzer Zeit, als würde ich nicht hierher gehören. Eigentlich hatte ich mich noch nie so richtig wohl gefühlt. Ich wusste nicht, woran es lag, aber was ich auch nicht wusste, als ich damals diese Gedanken hatte, war, dass sich alles in wenigen Tagen verändern würde …
Es war ein verregneter Tag in Camp Vicatoba. An solch seltenen Tagen war es, als würde die Zeit still stehen. Alle waren gelangweilt und aufgrund des wolkenbruchartigen Regens saßen wir in unseren Unterkünften fest. Ich blickte aus dem Fenster und musste feststellen, dass der starke Regenguss bereits das Lager unter Wasser gesetzt hatte. Der Erdboden war nicht mehr fest, sondern schien sich unter dem vielen Wasser immer mehr in eine matschige Brühe zu verwandeln. Innerlich stellte ich mir die verschiedenen Szenarien vor, was wohl passieren würde, wenn es tagelang so weiterregnen würde. Würden die Häuser von der Matschbrühe einfach verschluckt werden? Oder schlitterten sie irgendwann in den nahegelegenen See, wenn es keinen Halt mehr gab? Dieser Gedanke amüsierte mich, denn, auch wenn ich mich anfangs immer über meine Zeit in solchen Ferienlagern freute, spätestens nach einer Woche hatte ich die Nase voll.
Ich wohnte in einem Dreibettzimmer zusammen mit den Zwillingen Jessica und Jennifer McCarthy. Sie waren die zehnjährigen Töchter eines seit Jahrzehnten bestehenden Familienunternehmens. Das Vermögen ihrer Eltern ging in die Milliarden, was sich auch an den Zwillingen widerspiegelte. Immer hatten sie die beste Kleidung. Wenn es Zeit war für Neues, ging man nicht zu einem der vielen Modegeschäften, nein, es musste sich um richtige Markenkleidung handeln. Selbst eine simple Jogginghose trug dann einen großen Designernamen, wenn sie Jessica oder Jennifer gehörte, sei es nun Gucci oder Versage. Einmal entdeckte ich sogar Hausschuhe von Alexander McQueen unter ihren Betten. Darauf angesprochen erzählten sie stolz, dass diese Unikate seien und von McQueen nur für sie designt und produziert worden waren. Die Zwillinge waren die klassischen Püppchen, langes blondes, leicht gelocktes Haar, strahlend blaue Augen und ein makelloser Teint, wobei hier regelmäßig mit Besuchen bei den besten Schönheitsboutiquen nachgeholfen wurde. Der einzige Unterschied zwischen den beiden war, dass Jessica etwas größer war als Jennifer, aber ansonsten glichen sie einander wie ein Ei dem anderen. Im Grunde verstanden wir uns sehr gut, denn genau wie ich waren sie extrem verwöhnt. Doch hie und da wurde auch mir ihre Art zu viel.
In Camp Vicatoba war es üblich, dass in jedem Zimmer ein Mädchen oder ein Junge lagen, die um ein paar Jahre älter waren als die anderen. Fragt mich nicht, warum. Ich fand es irgendwie toll! Die beiden Mädchen umschwärmten mich andauernd und wollten von mir viele Dinge wissen, von denen ich mit meinen fünfzehn Jahren selbst noch keine Ahnung hatte. Wir waren eine richtige Clique und klebten andauernd beisammen. In dieser Zeit musste ich auch feststellen, dass Jessica und Jennifer eine Begabung dafür hatten, sich in prekäre Situationen hineinzumanövrieren. Ich fühlte mich oft für die beiden verantwortlich, mehr als für mich gut war, vor allem, weil sie bei jedem Problem, das auftrat, zuerst mich aufsuchten, bevor sie zu den Betreuern gingen. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hatte, doch ich bekam regelrecht schwesterliche Gefühle für die Zwillinge und hatte den Glauben, dass sie ohne mich schutzlos wären. Denn nicht nur einmal bewahrte ich eine der beiden vor Knochenbrüchen, Verbrennungen oder davor, gegen einen Baum zu laufen. Klingt witzig, wäre Jennifer aber fast passiert.
In der dritten Woche meines Aufenthaltes in Vicatoba fing ich jedoch an, mich immer wieder von den beiden zurückzuziehen. In mir keimte dieses Gefühl, nicht dazuzugehören, was dazu führte, dass ich eher abwesend wirkte und mich am liebsten irgendwo verkrochen hätte. Doch hie und da schafften es die Zwillinge trotzdem, mich aus diesem Tief herauszureißen und dazu zu animieren, etwas mit ihnen zu unternehmen. Vielleicht weniger aus Abenteuerlust oder Tatendrang als dass sie davor bewahrt werden, wieder in irgendeinen Schlamassel rein zu stolpern. Nie hatte ich Mädchen erlebt, die weltfremder waren als die zwei. Oft fragte ich mich, wie sie sich wohl zu Hause durch den Alltag schlugen, wenn sie hier schon so oft in Schwierigkeiten gerieten.
Ich hatte genug davon, den sintflutartigen Regen zu beobachten, und legte mich auf mein Bett, um damit zu beginnen, die Decke anzustarren, als mich Jessica plötzlich ansprach.
„Sag mal, Ilona, was ist eigentlich los mit dir? In der letzten Zeit bist du viel ruhiger und starrst nur blöd vor dich hin! Ist alles in Ordnung?“
Ich blickte sie an und für einen Moment wusste ich nicht, was ich ihr antworten sollte. Ich konnte ihr doch nicht erzählen, dass ich glaubte, nicht hierher zu gehören. Doch ich entgegnete, dass ich einfach mein Zuhause vermissen würde, was ich gar nicht tat.
„Ach so, wenn es nichts Schlimmeres ist, ist ja alles in Ordnung!“ Sie blickte kurz zum Fenster und sah dann zu Jennifer. „Jenni, Darling! Es hat aufgehört zu regnen!“
Die beiden hatten eine seltsame und amüsante Art sich zu unterhalten. Daran merkte man jedes Mal aufs Neue, dass sie verwöhnt und eingebildet waren.
Plötzlich klopfte es an der Tür und Serena trat ein. Sie war ein hochgewachsenes, junges Mädchen im Alter von vierzehn Jahren. Sie hatte blondes langes Haar, grüne Augen und war von etwas dicklicher Statur. „Hey Leute, kommt raus, die Jungs haben sich die Badehosen angezogen und veranstalten eine Schlammschlacht. Das müsst ihr sehen!“
Die Zwillinge sprangen sofort auf und rannten nach draußen, doch ich blieb in meinem Bett und starrte wieder auf die Decke. Wenn mir klar gewesen wäre, dass Jessica und Jennifer in diesem Augenblick auf Ärger aus waren, hätte ich vielleicht anders reagiert und hätte sie aufgehalten.
„Na toll! Da habt ihr uns aber schön mit reingeritten!“
Wütend sah ich die Zwillinge an, die neben mir durch den Wald trotteten, während ich den schweren Rucksack mit Zelt und Proviant für eine Nacht am Rücken trug.
„Wer hätte denn ahnen können dass der Campleiter so ein Drama daraus macht?“
Abrupt blieb ich stehen. „Jennifer, ihr habt das Haus von Mister Settler von oben bis unten mit Schlamm bespritzt und dann wunderst du dich über eine Bestrafung?!“
Jessica schüttelte den Kopf. „Aber wir waren das doch gar nicht, das waren die Jungs!“
Tadelnd sah ich die beiden an. „Nein, ihr wart das nicht, ihr habt die Jungs ja nur angefeuert, es zu tun!“
Jennifer zuckte mit den Schultern: „Na und, wir haben den Schlamm ja nicht geworfen, das heißt, uns trifft keine Schuld.“
Sie wollten es einfach nicht verstehen und jegliche Belehrungsversuche meinerseits verliefen ins Leere.
„Dieser Mister Settler soll selber im Wald schlafen, warum müssen wir für die Fehler der Jungs büßen?“
Wir waren endlich an einer geeigneten Lichtung angekommen und ich ließ zornig den Rucksack zu Boden fallen. „Das ganze Camp darf heute Nacht für diesen Schwachsinn im Wald schlafen! Wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen, den Jungs so etwas Dummes vorzuschlagen?“
Jessica grinste mich an. „Handyverbot!“
Ich war perplex: „Wie bitte?“
„Ja, wir wollten telefonieren und im Internet surfen, aber er wollte uns unsere Handys nicht geben!“, entgegnete Jennifer.
Ich musste mich beruhigen, ich war kurz vorm Platzen. „Uns wurden am ersten Tag die Handys abgenommen, damit wir uns auf die Natur besinnen und uns körperlich austoben. Das hat man euch auch gesagt, warum konntet ihr das nicht einfach akzeptieren?“
Wie aufs Stichwort zogen beide einen Schmollmund. „Keiner nimmt uns etwas weg!“
Diese Unterhaltung war eindeutig sinnlos.
Ich brauchte ewig für den Zeltaufbau und das Lagerfeuer, denn ganz unerwartet taten Jessica die Füße unglaublich weh und Jennifer hatte starke Kopfschmerzen. Schon jetzt war mir klar, dass die beiden Profis darin waren, sich vor Arbeit zu drücken.
Ich war froh über die dem Zelt beigelegte Betriebsanleitung, sonst hätte ich es wohl nicht geschafft - vor allem dank der unnötigen Hilfskommentare der beiden Nervensägen. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich es dann aber doch geschafft. Unsere Schlafsäcke lagen ausgerollt im Zelt und ein kleines Feuer prasselte innerhalb eines Steinkreises. Als ich die Packung mit Marshmallow aus dem Rucksack zog, schienen auch die Schmerzen der beiden wie geheilt.
Es war bereits ziemlich dunkel und die Mädchen hatten sich zusammengekuschelt, ich saß da und stach mit einem Stückchen Ast im Feuer herum. Ich fühlte, dass etwas nicht in Ordnung war, als ganz unerwartet Wind aufkam, obwohl wir an einer windgeschützten Stelle unser Lager aufgeschlagen hatten. Von einer Stelle weiter weg von uns erschien Licht und wir hörten jemanden sprechen. Mir war das Ganze nicht geheuer. Wir waren relativ weit weg vom Camp und in dieser Abgeschiedenheit konnte doch nicht plötzlich jemand auftauchen, hier stimmte etwas ganz und gar nicht.
Plötzlich hörte ich Schritte, die auf uns zu kamen, und bekam es mit der Angst zu tun. Schnell löschte ich das Feuer und stellte mich schützend vor die Zwillinge. Jessica und Jennifer fingen an, hinter mir zu schluchzen und zu zittern, als eine riesige Bestie aus dem Dickicht des Waldes hervortrat. Das Untier war pechschwarz wie die es umgebende Nacht, unter seinen Lefzen stachen die großen, weißen Fangzähne hervor und seine Augen schienen im Dunkel zu glühen.
„Lass uns zufrieden!“, erhob ich meine Stimme, doch das war ihm egal. Es kam immer näher. Ich befahl den Mädchen wegzulaufen, selber stellte ich mich in den Weg und wollte dieses Ungetüm aufhalten. Doch es stieß mich zur Seite, als wäre ich leicht wie eine Feder, dabei verpasste es mir mit den Krallen seiner Pranke regelrechte Schnittwunden am Oberarm. Ich brauchte einen Moment, um mich wieder zu sammeln, trotz der blutenden Wunde empfand ich jedoch keinen Schmerz aufgrund des Adrenalinschubs.
Ich wusste, dass ich eine Waffe brauchen würde, um mich gegen dieses Ding zur Wehr setzen zu können, also sah ich mich um. Auf dem Boden der Lichtung lagen viele scharfkantige Steine. Wenn ich nur einen finden würde, der groß genug war, könnte ich ihn als Dolch verwenden. Ich packte einen der größeren Steine und schnitt mir sogleich meine Handfläche auf. Ich konnte sehen, wie sich mein Blut auf dem Objekt meiner Wahl verteilte, und hoffte, eine geeignete Waffe gefunden zu haben, wenn ich mich so leicht an dem Stück Fels verletzen konnte.
Das Biest hatte die beiden Mädchen bereits eingeholt und stand nun bedrohlich vor ihnen.
Ich nahm all meinen Mut zusammen. „Hey, ich bin noch nicht fertig mit dir!“
Die Bestie hielt es nicht für nötig, sich umzudrehen, also lief ich los, so schnell meine Beine mich tragen konnten, sprang dem Ungetüm auf den Rücken und rammte ihm meine universelle Waffe in die Schulter. Das Wesen brüllte und stieß mich von sich. Langsam drehte es sich zu mir um, hob den Arm und zog den spitzen Stein aus seinen Rücken. Es sah sich meine Waffe kurz an und warf sie verächtlich zur Seite.
„Wenn du denkst, dass du mich mit so einem Stein verletzen könntest, dann irrst du dich aber!“ Es wollte wieder ausholen und mich zu schlagen doch ich wich seinem Arm aus und rammte ihm meinen Ellbogen mit voller Kraft in den Magen. Damit schien es nicht gerechnet zu haben und krümmte sich für einen kurzen Moment vor Schmerz. Ich lief zu den Zwillingen, nahm sie an der Hand und flüchtete mit ihnen, so schnell uns unsere Beine trugen. Jessica bemerkte sofort, wo ich hinlief.
„Ilona nicht! Dort könnten noch mehr von diesen Dingern sein!“
Ich wollte das Ungetüm zurück zu dem Ort locken, woher es gekommen war. Als wir plötzlich vor einem Portal standen, das anscheinend in eine andere Welt führte, stockte mir für einen Moment der Atem. Ich wusste, dass es nur eine Möglichkeit gab, zumindest die beiden Mädchen zu retten. Ich bat die Zwillinge, knapp neben diesem Tor stehen zu bleiben und sich nicht von der Stelle zu rühren, was sie auch nach kurzem Protest taten, nachdem ich ihnen mehrmals versichert hatte, dass ihnen nichts passieren würde. Dann verschwand ich hinter einem Gestrüpp in der Nähe und wartete.
Da war sie, die Bestie, und schritt nun langsam auf die Mädchen zu. Ich hörte Jessica laut schluchzen und meinen Namen wimmern. Ich musste den richtigen Moment abwarten, sonst würde das Ganze schief gehen. Als dieses Untier direkt vorm Tor stand, lief ich los, so schnell mich meine Beine tragen konnten. Das Wesen bemerkte mich erst, als es zu spät war. Zusammen mit ihm stürzte ich in die andere Welt.
Das Tor lag höher und steinerne Treppen führten hinab. Ich hatte meine Finger in das Fell der Bestie gekrallt, weil ich nicht wollte, dass sie noch einmal die Chance hatte, die Mädchen zu schnappen. Unten angekommen ließ ich los und rollte sogar noch ein Stück weiter. Ich krümmte mich vor Schmerz und war kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. Ich fühlte, dass ich an einigen Stellen blutete. In meiner rechten Hand hielt ich ein Büschel Fell der Bestie. Ich konnte noch hören, dass sich das Wesen mit Jemanden stritt.
„Nein, Seph! Ich schließe das Tor jetzt, hörst du! Die Hörner der Garde erklingen bereits! Flieh und nimm die Göre! Für sie bekommt Medo auch Geld!“
Mehr bekam ich nicht mehr mit.
Mein Kopf tat weh und ich konnte kaum meine Augen öffnen. Es war Nacht und ich schien mich in einer Art Käfig zu befinden. Ich zog mich an den Gittern hoch und versuchte etwas zu sehen. In der Dunkelheit konnte ich kaum etwas erkennen, doch ich hörte Stimmen: „Das ist zu gefährlich Medo! Wenn die Garde uns in der neuen Welt erwischt, dann landen wir im dunklen Exil oder Schlimmeres.“, jemand schien sich zu streiten: „Warum widersprichst du mir. Dort waren Zwillingskinder, weißt du wie viel Geld die uns bescheren können, darauf will ich nicht verzichten.“ Zwillinge? Sprachen sie etwa von Jessica und Jennifer: „Gut dann geh Medo, aber ich werde dich nicht begleiten, ich werde mein Glück bei Aren versuchen.“ Ein böses Lachen erklang: „Du wirst aufmüpfig mein Junge, aber gut, versuch dein Glück und ich versuch meines.“
Der Käfig setzte sich unerwartet in Bewegung, ich verlor den Halt und prallte mit dem Kopf gegen die Gitter, alles wurde wieder schwarz.
Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, befand ich mich noch immer in diesem Käfig, der von einem Pferd über eine holprige Straße gezogen wurde.
Nun, am helllichten Tag, erkannte ich die Bestie besser. Es schien sich um eine Art Wolfswesen zu handeln. Man konnte ihn mit einem aufrecht gehenden Wolf vergleichen, nur dass die Haltung wirklich gerade war, so wie bei uns Menschen. Sein ganzer Körper war von pechschwarzem Fell bedeckt, nur am Rücken zog sich ein weißer Streifen von der Stirn bis zum Ende seines Schweifes.
Als ich versuchte mich aufzusetzen, durchstach Schmerz meinen Körper und ich musste stöhnen. Der Wagen fuhr weiter, doch das Wesen trat an die Gitter des Käfigs und ging weiter neben dem Gespann her.
„Na, hast du starke Schmerzen? Gut! Du dumme Göre hättest dich vorgestern retten sollen und nicht deine Freundinnen. Die beiden wären tolle Ware gewesen. Jeder Herr hätte für sie viel bezahlt.“
Was er sagte, brachte mich zum Kochen. „Ware? Das sind die beiden für dich?“
Er zog die Lefzen hoch und schien zu lächeln. Oder sah das nur so aus?
„Vergiss nicht, mit wem du redest, Sklavin! Du bist für mich auch nur Ware, die ich verkaufe. Mehr seid ihr Menschen nicht wert.“
Für einen Moment dachte ich, mich verhört zu haben. Doch er hatte es ernst gemeint, also grub ich tiefer. „Anscheinend gibt es für so grässliche Dinger, wie du eines bist, keine bessere Art, Geld zu verdienen!“
Plötzlich stoppte das Gespann. So schnell konnte ich nicht reagieren, schon lag seine Pranke um meinen Hals. Er sah mir in die Augen. Das Wesen erkannte, dass ich vor Schreck starr war und nickte.
„Jetzt weißt du, warum ich ein Sklavenhändler bin!“
Seine linke Gesichtshälfte war von zwei riesigen Narben geprägt, die sich über das linke, blinde Auge zogen, das im Gegensatz zu seinem smaragdgrünen rechtem direkt beängstigend wirkte.
„Was bist du?“
Das Wesen schnaubte. „Ich bin ein Werwolf!“
Mit meinen Händen versuchte ich seinen Griff um meinen Hals zu lockern. „Blödsinn! So etwas gibt es nicht, das sind Fabelwesen!“
Der Werwolf zog seine Lefzen hoch und zeigte mir seine Reißzähne. „Und doch stehe ich vor dir!“
Ich bekam es mit der Angst zu tun. „Bitte lass mich gehen! Ich bin keine gute Sklavin. Ich bin eine verwöhnte Fünfzehnjährige aus Chicago, ich kann gar nichts!“
Er ließ von mir ab. „Weißt du, wie egal mir das ist? Der Herr, an den ich dich verkaufe, soll mit dir machen, was er will!“
Ich war den Tränen nahe, doch ich wollte es mir nicht anmerken lassen, deshalb schluckte ich meine Trauer runter. Doch der Kloß im Hals war noch eine ganze Weile zu spüren.
Tagelang waren wir nun schon unterwegs und mit jedem Tag wuchsen mein Hass und meine Verzweiflung. In dieser Zeit beobachtete ich diesen Werwolf ganz genau. Er hatte einen muskulösen und schlanken Körperbau und mit seinen zwei Metern Körpergröße wirkte er doch äußerst Respekt einflößend. Der Ausdruck in seinem rechten gesunden Auge wirkte oft traurig, doch kaum, dass er sich mir zuwandte, wich dieser einem ernsten und beängstigenden Blick. Mir fiel auf, dass er Schmuck am Körper trug. Unter anderem zwei silberne Armreifen mit Ornamenten, einen Ohrring im linken Ohr, sowie silberne Reifen um die Knöchel seiner Beine. Als er sich eines Abends dem Käfig zuwandte, konnte ich auch einen Blick auf das Piercing in seiner rechten Brustwarze erhaschen.
Er sprach kaum ein Wort mit mir und gab mir nur sporadisch zu essen oder zu trinken. Nächtelang traute ich mich kaum zu schlafen. Ich hatte große Angst davor, er könne mir im Schlaf etwas antun. Doch eines Nachts, es war eine sehr kalte Nacht und ich hatte mich zusammengekauert ins hinterste Eck des Käfigs zurückgezogen, schlief ich ein.
Der Käfig rumpelte über den Trampelpfad und ich erwachte aus meinem traumlosen Schlaf. Verschlafen sah ich mich um und musste feststellen, dass mich jemand mit einer Decke zugedeckt hatte. Sofort war ich hellwach und sah mich nach dem Werwolf um. Dieser ging diesmal hinter dem Karren nach. Als er bemerkte, dass ich meinen Kopf aus dem Gitter streckte, trat er neben den Käfig.
„Hast du mich zugedeckt?“
Seine Ohren zuckten unruhig, es schien regelrecht so, als würde er überlegen wie er ir antworten sollte: „Ja. Krank bringst du mir kein Geld.“
Vor den Gittern kniend sah ich ihn an. „Wie heißt du eigentlich?“
Überrascht blickte er mich an. „Meinst du diese Frage ernst?“
Nickend bestätigte ich.
„Seph.“
Er wollte wieder nach vorne zum Gespann gehen, als ich ihn in ein Gespräch verwickelte.
„Warte! Meine Eltern haben viel Geld, sie würden mich sicher freikaufen!“
Er fing lauthals an zu lachen. „Mit dem Geld aus deiner Welt fange ich nichts an.“
Zornig sah ich ihn an. „Hey, du Mistkerl, ich versuche nur wieder freizukommen!“
Mit einem lauten Knall verpasste er mir eine Ohrfeige und umfasste wieder meine Kehle. „Du hast deine Freiheit in dem Moment verloren, als du mit mir durch das Tor gekommen bist! Glaub mir, ich habe keine Hemmungen dich zu töten, aber du bringst mir nun mal Geld und das brauche ich nötiger als eine tote Sklavin!“ Er stieß mich zurück in die Mitte des Käfigs.
Tränen standen mir in den Augen. „Du mieses Schwein, wie kann man nur so herzlos sein?“
Wütend klopfte Seph gegen die Gitter des Käfigs. „Wenn man überleben will! Es läuft nicht alles nett im Leben, du dumme Göre. Es wächst nicht jeder mit einem goldenen Löffel im Maul auf so wie du. Ich danke den Göttern dafür, dass wir bald das Schloss erreichen, denn dann bin ich dich los!“
Ich wusste nicht, wie viele Stunden wir noch unterwegs gewesen waren, bis wir das Anwesen dieses Herren erreichten. Seph hatte die ganze Zeit kein Wort mehr mit mir gewechselt. Als ich ihn um Wasser gebeten hatte, hatte er mir wortlos eine Kelle gereicht. Ich war in Überlegung, ihn nochmals anzusprechen, aber mir war im Grunde klar, dass dies ein sinnloses Unterfangen sein würde.
Wir fuhren mit dem Gespann durch einen großen Torbogen und fanden uns in regem Treiben wieder. Überall auf dem Platz vor dem Schloss standen fahrende Händler, die von Obst und Gemüse bis Schmuck und Kleidung alles anboten, was das Herz begehrte. Anschließend ging es weiter durch ein zweites kleineres Tor und wir fanden uns schließlich auf dem Platz vor dem Schloss wieder. Es war ein großes, imposantes Bauwerk mit vier kleinen Türmen und einem großen Hauptturm. Die Fenster des Schlosses waren aus Buntglas mit kunstvollen Mustern, vor dem Portal standen zwei Wachposten. Es waren keine Menschen, denn beide sahen aus wie zu groß geratene Fledermäuse. Der Karren stoppte und Seph führte sein Pferd zur Tränke. Noch war mein Kampfgeist nicht gebrochen, ich musste es schaffen zu fliehen.
Als der Werwolf das Türschloss des Käfigs öffnete, sprang ich, trotz der Verzweiflung in meinem Herzen und der vor Angst weichen Knie, auf und rammte meinen Körper mit voller Wucht gegen die Tür. Seph wurde umgestoßen. Ich hastete los, doch plötzlich packte er mich an der Schulter und riss mich zu Boden. Der Aufprall war so stark, dass ich keine Luft bekam und vor Schmerz zusammenzucken musste. Ich merkte, dass auch er den Atem ausstieß, als würde er keine Luft kriegen. Dann jedoch hob er mich auf die Beine und legte mir eine Art Halsband aus Eisen um den Hals. Nicht nur, dass es schwer war und die Kanten scharf, es war mit einer Kette verbunden, die der Werwolf in der Hand hielt.
„Komm jetzt, mir reicht es mit dir! Du bist die Erste, die bei mir versucht hat zu fliehen. Das Halsband hast du dir jetzt selbst zuzuschreiben. Ich hätte dich vor Aren gebracht, ohne dir dieses Ding umzulegen, aber das hast du dir jetzt selbst eingebrockt. Ich werde ihm auch raten, es nicht abzunehmen, sonst kommst du vielleicht auf den Gedanken wegzulaufen!“
Ich sträubte mich gegen sein Zerren an der Kette und vergrub meine Füße, so gut das mit nur einem Schuh ging, im Boden. Plötzlich riss er am Halsband und ich stürzte ihm direkt in die Arme. Ich versuchte mich aus dem festen Griff seiner Pranken um meine Schultern zu lösen, doch es gelang mir nicht. Er stand ganz ruhig da, nur ich sträubte mich. Als ich aufsah, blickte er mir direkt in die Augen.
„Hör mir gut zu! Ich würde dir dieses Halsband sofort abnehmen, wenn ich wüsste, dass du nicht wegläufst. Diese Welt ist zu gefährlich, wenn man sie nicht kennt.“
Ich verstand die Welt nicht mehr, machte er sich etwa Sorgen? Für mich war das unverständlich, er war ein Sklavenhändler. Etwas war doch faul an dieser Sache, oder? War diese Welt wirklich so gefährlich? Damals hatte ich ja noch keine Ahnung! Er löste seinen festen Griff um meine Schultern.
„Komm jetzt!“
Ich gehorchte.
Wir kamen in einen großen Saal. Menschlich aussehende Diener und seltsame Wesen standen rechts und links vor den Wänden, die mit Zeichnungen von Göttern und Fabelwesen verziert waren. Es war ein prunkvoller großer Saal, kaum zu beschreiben, man hätte sich Wochen, ja Monate, in diesem Raum aufhalten müssen, um sich die vielen detaillierten Zeichnungen einprägen zu können. Die Diener trugen helle, grüne Anzüge, die mich an die Kleidung der indischen Männer und Frauen erinnerte. Die Krieger waren schwer bewaffnet und trugen dunkle Kleidung mit einem feuerroten Emblem, einem großen „A“. Je nach Art des Wesens war der Stoff fest anliegend oder etwas weiter geschnitten. Mir lief es eiskalt über den Rücken, als ich sah, dass sich um den Thron des Königs herum zehn halb nackte Konkubinen rekelten. Eine war schöner als die andere. Manche sahen dämonisch aus, andere wieder menschlich, was mich beunruhigte. Wie konnte er nur seine Konkubinen so neben sich sitzen lassen, während auf dem Thron neben ihm seine Frau oder Tochter saß?
Aren stand auf und Seph verbeugte sich. Ich blieb aufrecht stehen, doch dann riss er an der Kette meines Halsreifens und ich ging in die Knie.
„Lass ja den Kopf zu Boden gesenkt, sonst lebst du nicht mehr lange“, hörte ich ihn sagen und gehorchte.
„Seph! Schön dich zu sehen. Du warst schon lange nicht mehr hier und schon gar nicht ohne deinem Meister Medo. Wie ich sehe, hast du mir etwas mitgebracht.“
Seph stand auf. Als ich mich erheben wollte, merkte ich, dass er leicht den Kopf schüttelte und verstand.
„Mein Herr! Ihr wisst, wir leben in einer Zeit, wo ein Dämon schwer arbeiten muss, um zu leben. Ich habe euch eine junge Frau aus der neuen Welt mitgebracht.“
Flüstern ging durch die Reihen der Diener und Krieger.
„Seph, ich hoffe, ich habe mich verhört. Weißt du, wie viele Sklavenhändler schon von der Garde der Königin getötet wurden, weil sie durch eines der Tore gegangen sind?“
Seph lächelte verschmitzt. „Man muss nur die richtigen Verbindungen haben, Herr.“
Aren begann laut zu lachen, er kam die Treppe hinunter und das Mädchen folgte ihm.
„Das liebe ich an dir, Seph, skrupellos und hinterhältig. Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, was ich mit dieser Göre anfangen soll.“
Er kniete sich nieder und hob meinen Kopf, um mir ins Gesicht zu sehen. Mit hochgezogener Braue beäugte er mich. Sein zur Perfektion gekämmte lockiges Haar umspielte eine regelrecht jugendliches Gesicht mit hohen Wangenknochen und Grübchen. Nur die feinen Falten um seine Augen, verrieten dass er nicht mehr der Jüngste war. Im Gegensatz zu den anderen Wesen hier im Raum, wirkte er menschlich, ja abgesehen von seinem königlichen Auftreten, regelrecht normal: „Hm, sie hat etwas Unbändiges in ihren Augen. Fast so wie du Seph!“, brutal drückte er mein Kinn wieder von sich weg.
„Ich brauche keine weitere Konkubine und Diener habe ich auch genügend, von Sklaven gar nicht zu reden.“
Ich begann zu zittern und versuchte, die Verzweiflung, die in mir brodelte, nicht durch meine Augen widerzuspiegeln. Plötzlich erklang eine helle, kaum hörbare Stimme.
„Vater! Wenn ich so nachdenke, glaube ich, dass ich einen Nutzen für dieses Mädchen hätte.“
Aren und Seph sahen das junge Mädchen erstaunt an.
„Welchen Nutzen soll diese Sklavin für dich haben, Sadra?“
Das Mädchen neigte den Kopf und spielte mit ihren Fingern, dann sah sie ihren Vater mit einem engelsgleichen Lächeln an: „Nun, ich hätte dann eine leibeigene Dienerin. Sie wäre für meinen Schutz, für meine Unterhaltung und für meine Pflege verantwortlich. Außerdem könnte sie mir etwas über die neue Welt berichten.“
Einen Moment lang lag Schweigen in der Luft, dann antwortete Aren. „Na gut, wenn du das willst, Sadra, dann soll es so sein.“
Seph gab einem Krieger, der schützend neben der Prinzessin stand, die Kette in die Hand.
„Aber lasst sie an der Kette, Herrin Sadra, sie ist störrisch.“
Aren hob die Hand und zwei Krieger kamen auf mich zu. Einer nahm mich am linken Arm, der andere am rechten.
„Bringt sie zu Nodra, er weiß, was zu tun ist.“
Die beiden Krieger hatten mich fest im Griff, als sie mich über den großen Platz vor dem Schloss zu einer Schmiede führten.
„Nodra, hier habe ich eine neue Sklavin!“
Das grässliche Wesen drehte sich zu uns um. Mir stockte der Atem. Er war eine fledermausartige Bestie mit einem Gesicht ähnlich einem Wasserspeier. Über seine ganze Fratze zogen sich entstellende Narben.
„Oh, sieh einer an, was für ein junges Ding! Wohl wieder eine Konkubine für unseren Herrn?“
Der fuchsartige Krieger schüttelte den Kopf. „Nein, sie soll Herrin Sadras persönliche Dienerin werden.“
Nodra riss die Augen auf: „Das wundert mich jetzt aber, normalerweise lässt sich unser Herr solch eine exotische Schönheit nicht entgehen.“
Der eher schmächtige, ebenfalls fledermausartige Krieger schnaubte. „Er hat jetzt bereits zwanzig Konkubinen, wie viele soll er denn noch brauchen?“
Nodra zwinkerte dem Schmächtigen zu. „Hast wohl Angst, dass dir eine Sklavin für schöne Stunden entgeht?“
Ich fühlte mich wie ein Vieh auf der Schlachtbank und versuchte mich aus den festen Griffen der beiden Wesen zu lösen, doch dann riss der Fuchsartige an der Kette meines Halsbandes. Schmerz durchfuhr meinen gesamten Körper und ich spürte, dass ich blutete.
„Wirst du dich wohl benehmen, du kleines Miststück!“
Nodra ging in den hintersten Winkel der Scheune und kam mit einem Brandzeichen in der Hand zurück, anschließend legte er dieses ins Feuer. Ich konnte dabei zusehen, wie in einander verwobenen Kreise zu glühen anfingen, und bekam Panik. Wieder versuchte ich mich aus meiner misslichen Lage zu befreien, doch die Chancen standen mehr als schlecht.
„Wenn das kleine Ding so zappelt, solltet ihr sie vielleicht besser an den Pfahl binden, dann habt ihr auch weniger Arbeit mit ihr.“
Der Fuchsartige nickte und sie zogen mich zu einem Pfahl, an dem eiserne Schellen hingen. Ich wehrte mich aus Leibeskräften, als sie meine Hände mit den Schellen fixierten, doch ich war nicht stark genug. Als dem Schmächtigen der Geduldsfaden riss, rammte er mir seine Faust in die Seite. Ich schrie auf vor Schmerz und mir stockte der Atem.
„Das war nur ein leichter Schlag, du Göre! Hör lieber auf dich zu wehren, sonst zeige ich dir, wie es ist, einen richtigen Fausthieb verpasst zu bekommen.“
Ich gehorchte, während mir Tränen über die Wangen liefen und ich anfing zu schluchzen. Ich hatte panische Angst und zitterte am ganzen Körper, während die beiden Krieger mit Nodra scherzten und über Alltägliches sprachen.
„Perfekt, das Brandzeichen ist heiß genug!“
Der fuchsartige Krieger trat hinter mich und riss mein T-Shirt auf, während sich der Schmächtige auf der anderen Seite des Pfahls positionierte, mit seinen Pranken meine Taille umfasste und mich brutal gegen diesen drückte, um mich zu fixieren.
„Dieses komische Ding um ihren Brustkorb muss auch weg.“
Zwei gezielte Klingenschnitte und mein BH fiel in Teilen zu Boden.
Ich wimmerte und flehte die drei an, es nicht zu tun. Nodra trat an mich heran und streichelte mir mit seiner Klauenpranke über die Wange.
„Keine Angst meine Kleine, in wenigen Sekunden ist es geschafft.“
Ich brüllte vor Schmerz, als er das glühende Brandmal auf mein rechtes Schulterblatt presste. Ich roch die verbrennende Haut und hatte das Gefühl, das Brandmal würde sich durch meinen Körper brennen. Tränen liefen mir über die Wangen und ich flehte, nein, bettelte regelrecht, er möge damit aufhören. Doch er blieb unnachgiebig. Als er endlich das noch immer glühende Brandzeichen von meiner Schulter löste, war ich einer Ohnmacht nahe und zitterte am ganzen Körper.
„So, geschafft. Jetzt könnt ihr sie über Nacht in den Kerker bringen.“
Sie lösten die Schellen um meine Handgelenke, sofort ging ich in die Knie und sackte zu Boden. Der fuchsartige Krieger half mir mit grobem Griff wieder auf die Beine.
„Netter Anblick!“, entgegnete der fledermausartige Krieger und leckte sich lustvoll über seine Lippen während er mich mit seinem Blick fixierte.
Erst jetzt bemerkte ich, dass das T-Shirt zu Boden gefallen war und ich mit nacktem Oberkörper dastand. Dem Fuchskrieger schien aufzufallen, wie sehr es mir Unbehagen bereitete. Er hob das zerfetzte T-Shirt vom Boden auf und drückte es mir in die Hand, sodass ich meine Brüste verbergen konnte.
„Hier, nimm das! Kedo, ich werde sie in den Kerker bringen, du gehst zurück ins Schloss“, sprach er mit dem Schmächtigen.
Kedo verzog bei diesem Befehl das Gesicht, beäugte mich nochmals von oben bis unten und fasste mir mit seiner prankenartigen Hand an den Hintern.
„Wird gemacht, Nerek! Zu schade, wäre ein Spaß geworden!“
Dann verließ er die Schmiede in Richtung Schloss.
Ich war ein gebrochener Mensch, als ich die Schmiede verließ. Nerek führte mich über den Platz vor dem Schloss, um mich in den Kerker zu bringen. Er hatte mich fest im Griff.
„Die ersten Nächte wirst du im Kerker verbringen, bis wir uns sicher sein können, dass du gehorchst. Danach wird man dich in deine Aufgaben einweisen und dir ein Gemach zuteilen.“
Man führte mich in das Verlies. Die einzelnen Zellen waren vollgestopft mit finsteren Gesellen, nur eine einzige war frei. Nerek ließ sie von einem Wärter, einem koboldartigen Wesen, öffnen und stieß mich hinein.
Ich saß seit zwei Tagen in der hintersten Ecke des Verlieses und weinte immer wieder bitterlich. Womit hatte ich das nur verdient? Es stank nach Urin und Kot. Um mich herum waren grimmige Bestien in die einzelnen Zellen eingepfercht, ein Untier grässlicher als das andere. Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mich wieder nach Hause zu meinen Eltern.
Der Riegel wurde entsperrt. Die Tür ging auf und vor mir stand ein katzenartiges Wesen. Vorsichtig schritt es auf mich zu, als würde es sich einem wilden Tier nähern, während ich versuchte, mich noch tiefer in die Ecke zu verkriechen.
„Hab keine Angst, bitte! Ich will dir nichts tun. Ich bin hier, um mich um deine Wunde zu kümmern.“
Es reichte mir seine Pranke und sah mich mit zuckenden Ohren und leicht wedelnden Schweif an. Zaghaft fasste ich nach ihr.
„Na siehst du, ich bin wirklich ganz nett! Mein Name ist Nele. Wie heißt du?“
Mit Tränen in den Augen sah ich sie an. „Ilona!“
Nele half mir beim Aufstehen, dann nahm sie mich an der Hand und führte mich aus dem Verlies hinaus auf den Hof des Schlosses. Langsam brachte sie mich zu einem kleinen Eingang mitten in der Schlossmauer, danach folgten mehrere Treppen abwärts. Unten angekommen fanden wir uns in einem großen Schlafsaal für Diener wieder. Überall lagen Kleiderstücke, es roch nach Schweiß und der gesamte Saal war muffig und feucht.
„So jetzt werden wir zuerst deine Wunde versorgen und dann kannst du dich etwas ausruhen.“
Nele wollte mir das T-Shirt abnehmen, das ich noch immer krampfhaft gegen meinen Brustkorb presste. Als sie merkte, dass ich mich wehrte, fasste sie mir sanft an den Oberarm.
„Ich bin hier, um dir zu helfen, Ilona. Ich will dir wirklich nichts Böses.“
Ich ließ das T-Shirt los und Nele warf es ins Feuer: „Ich werde mir jetzt dein Brandmal ansehen und es versorgen. Ich werde es mit einem speziellen Extrakt beträufeln, dann heilt die Wunde schneller. Doch zuvor werden wir dich noch waschen.“
Sie führte mich zu einem großen Fass voll mit lauwarmen Wasser. Behutsam half sie mir hinein, dann fing Nele an, mich mit einem Schwamm zu waschen.
„Das ist seltsam.“, endlich brach ich mein Schweigen.
Neles Ohren zuckten: „Was meinst du Ilona?“
Mein Blick hatte sich im Raum verloren und abermals verschleierten Tränen meinen Blick: „Ich wünsche mir die ganze Zeit, dass dies nur ein Albtraum ist, aus dem ich jeden Moment erwache aber es passiert einfach nicht und ich weiß nicht wie ich damit umgehen soll.“
Sanft ließ sie den Schwamm über meinen Arm gleiten.
„Verhalte dich ganz normal. Zumindest vor mir. Vor unserem Herrn und Sadra solltest du unterwürfig sein, aber sonst bist du unter Gleichgesinnten. Wir alle wären lieber woanders als hier.“
Ich stand auf und Nele reichte mir ein Tuch, in das sie mich einwickelte.
„Was bist du eigentlich für ein Wesen?“
Sanft wedelte sie mit ihrem Schweif: „Ich? Ich bin eine Nachtwächterin. Wir sind sehr verbreitet in Marobar und eigentlich ein sehr stolzes Geschlecht.“
Jetzt sah ich mir Nele genauer an. Sie hatte viele Züge einer Katze, erinnerte mich sogar an einen Luchs, ging aber so wie Seph gerade stehend auf den Hinterbeinen.
Sie nahm einen kleinen Tiegel zur Hand und fing an, meine Schulter mit dem Extrakt einzureiben. Zuerst war es sehr schmerzhaft, doch dann spürte ich, dass der Schmerz langsam verebbte.
„Da hat es Nodra wieder einmal übertrieben. Das ist eine sehr tiefe Brandwunde. Das wird lange dauern, bis es vollständig verheilt sein wird.“
Vorsichtig bandagierte sie meine Schulter, dann verschwand sie aus dem Zimmer und kam mit Kleidungsstücken auf dem Arm zurück.
„Ich hoffe, wir haben hier etwas dabei, das dir passt. Es kommt nicht oft vor, dass wir hier Menschen haben. Zuletzt kam Caroline, aber sie ist schon sehr lange bei uns.“
Es war ein sehr schlichtes und farbloses Gewand, geprägt mit dem Emblem von Aren. Egal, was ich probierte, es war entweder zu groß oder zu klein. Schließlich riss Nele der Geduldsfaden und sie ließ mich eine der etwas größeren Dienstuniformen anziehen.
„Bald bekommst du deine eigene. Einstweilen trägst du diese hier.“
Anschließend ging sie zusammen mit mir zu den Stockbetten. Es waren immer vier übereinander und der Begriff Bett war hier fehl am Platz. Es waren kleine Kojen, in denen man sich kaum ausstrecken konnte.
„Das ist mein Bett, du schläfst in dem unter mir. Ich denke, du solltest dich ausruhen. Die Nächte im Verlies waren sicher nicht die besten.“
Widerstandslos und ohne weiteren Kommentar ging ich auf das Bett zu und legte mich hinein. Sofort spürte ich, wie sich meine Wirbelsäule zusammenstauchte, denn ich lag auf einer harten Matratze aus Stroh. Eigentlich hätte ich unter solchen Umständen nie schlafen können, aber die Müdigkeit übermannte mich innerhalb von Sekunden. Ich fiel in einen tiefen, traumlosen Erschöpfungsschlaf.
Zusammengekauert lag ich am späteren Abend auf meinem Bett. All diese seltsamen Wesen machten mir Angst und ich wollte nur zurück nach Hause. Nele, die sich gerade mit zwei fuchsartigen weiblichen Wesen unterhielt, bemerkte, dass ich bei jeder Bewegung der fremden Wesen zusammenzuckte, also kam sie auf mich zu.
„Ilona, was hast du?“
Tränen standen mir in den Augen. „Ich will nach Hause!“
Vorsichtig setzte sie sich zu mir aufs Bett. „Ich verstehe das! Es ist sicher schrecklich für dich. Aber du brauchst vor uns keine Angst zu haben.“
Woher wusste sie nur, dass ich Angst hatte?
„Sei unbesorgt, hier sind wir alle eine Familie. Keiner von uns würde dir etwas tun, es sind einige hier, die durch ähnliche Umstände zu Dienern wurden.“
Ich setzte mich auf und sofort hielt Nele mich im Arm.
„Ich bin doch deine Freundin, das habe ich dir gesagt.“
Ich nickte und wischte mir die Tränen aus den Augen.
„So! Und jetzt steh auf und komm mit. Ich möchte dir die anderen vorstellen.“
Überraschenderweise entwickelte sich der Abend schließlich noch zu einem positiven Erlebnis. All diese seltsamen Wesen, die zum Teil erschreckend aussahen, stellten sich entgegen ihrem Äußeren sogar als sehr freundlich heraus. Nele hielt die ganze Zeit über meine Hand, was mir ein sicheres Gefühl gab. Ich wurde immer entspannter und konnte zum Schluss sogar wieder ein wenig lächeln.
„Siehst du! Ich sagte doch, du bist hier unter Freunden.“
Plötzlich wurde meine Stimmung getrübt, als die Tür aufgestoßen wurde und Nerek gefolgt von Kedo eintrat. Sofort fixierte mich der schmierige fledermausartige Dämon - ein Urdämon, wie ich von Nele erfahren hatte. Ich wollte mich kleinlaut davonstehlen, doch Nele hielt meine Hand fest und auch die beiden Fuchsdämoninnen Katka und Medova stellten sich schützend an meine linke und rechte Seite.
„Na sieh sich einer diese ausgelassene Stimmung an“, entgegnete Kedo. „Feiert ihr etwa euren Neuzugang?“
Nele stellte sich nun schützend vor mich. „Verschwindet! Ihr habt in unseren Gemächern nichts verloren.“
Meine Augen konnten kaum mit Kedos Geschwindigkeit mithalten, da stand er auch schon vor Nele und hantierte mit einem Messer vor ihrem Gesicht.
„Du bist ganz schön frech, Kätzchen. Vielleicht sollte ich dir einmal Manieren beibringen.“
Nerek hatte sich neben ihn gesellt und nahm ihm in einer blitzschnellen Bewegung das Messer weg.
„Lass‘ den Scheiß!“ Entschuldigend senkte Nerek sein Haupt und blickte in die Runde: „Wir wurden gebeten nach dem Rechten zu sehen. Der Herr machte sich etwas Sorgen, weil der Sklavenhändler meinte, sie wäre schwierig.“ Nerek nickte in meine Richtung.
In diesem Moment wäre ich am liebsten klein wie eine Maus gewesen.
„Hier ist alles in bester Ordnung, wie du selbst sehen kannst“, entgegnete Nele schroff.
„Warum denn so biestig, meine Liebe, wir sind doch nur zu eurem Schutze hier.“
Nerek machte eine besänftigende Handbewegung. Ich hatte das Gefühl, dass die Spannung im Raum die Luft jeden Augenblick zum Knistern bringen würde.
„Ilona ist eine von uns. Wieso sollte sie uns also schaden?“, entgegnete meine katzenartige Beschützerin.
„Zu schade“, flötete Kedo, drehte sich um und verließ den Raum. Nerek blieb noch einen Augenblick nachdenklich stehen, doch dann machte auch er kehrt. „Ich wünsche den Anwesenden noch einen schönen Abend.“ Er ging.
Eine Woche nach meiner Ankunft im Schloss wurde ich vorübergehend bei der Konkubine Caroline einquartiert. Caroline hatte langes, blondes Haar und war eher von kleiner, schmächtiger Statur. Sie schien kaum größer als 1,55 Meter, ihre braunen Augen wirkten aufgrund des schmalen, stark geschminkten Gesichts sehr groß und ihre Kleidung schien so ausgesucht zu sein, dass man sie im Nu ablegen konnte. Caroline war ebenfalls aus der neuen Welt, unserer Welt, und eine Dienerin Arens. Sie sollte mir alles zeigen und erklären und mich den richtigen Umgang mit den hochrangigen Familienmitgliedern lehren.
Caroline war eine gute Lehrerin. Nicht nur, dass sie mir viele Dinge über Marobar, der Welt, in der ich mich nun befand, beibrachte, sie schenkte mir auch ein völlig neues Bild von dieser Dimension. Mir wurde langsam, aber sicher klar, woher all unsere Mythen und Fabelwesen zu stammen schienen. Denn die Tore zwischen Marobar und unserer Welt gab es schon, wie Caroline es zu sagen pflegte, seit dem Erwachen der Götter.
„Wie alt bist du?“, fragte ich sie an einem ruhigen Abend, nachdem wir die verschiedenen Arten von Dämonen besprochen hatten.
„Zuhause oder hier in Marobar?“
Verwundert sah ich sie an.
„Ilona, wir altern nicht nach der Zeit von dieser Welt, wir altern nach der Zeit unserer Dimension.“
Noch immer verstand ich nur Bahnhof.
„Wir sind nun mal nicht aus Marobar, Ilona, und deswegen passt sich unser Körper auch nicht dem Alterungsprozess hier an. Wenn du aus dieser Welt stammen würdest, wärst du innerhalb weniger Jahre erwachsen. Und dann altert man nur mehr sehr langsam. Wir allerdings altern nach der Zeit in unserer Dimension und somit bleiben wir hier ewig jung. Denn zehn Jahre in dieser Welt sind nicht ganz ein Jahr in unserer.“
Nun verstand ich, was sie meinte. „Und wie lange bist du jetzt schon in Marobar?“
Caroline fing zu lachen an. „Hier bin ich bereits 40 Jahre alt. In Washington wäre ich gerade 23 geworden.“
Schockiert sah ich sie an. „Das heißt also, du bist bereits seit 40 Jahren die Konkubine des Herrn?“
Bestätigend nickte Caroline: „Ich war schon die Konkubine von Arens Vater, Goudak!“ Ich musste schlucken. Ewig ein fünfzehnjähriges Mädchen zu bleiben und noch dazu hier, in dieser mittelalterlichen brutalen Welt, konnte es noch schlimmer kommen? Ich war beunruhigt und wollte mir gar nicht ausmalen, wie es wohl sein würde, fünfzig Jahre hier zu leben, bevor ich volljährig sein würde.
Als Caroline und ich am nächsten Tag mit dem Unterricht fortfahren wollten, versuchte ich mir meine Verunsicherung über das Altern nicht anmerken zu lassen, doch als sie mich sah, wirkte sie verdutzt.
„Du bist gewachsen!“
Überrascht sah ich sie an. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich Caroline auf einmal um einen halben Kopf überragte. Gestern standen wir uns noch auf Augenhöhe gegenüber.
„Seltsam, wie kann das sein?“
Caroline zuckte die Schultern. Wir beließen es dabei und fingen an, wieder über alle möglichen wichtigen Dinge zu sprechen, die ich wissen musste. Ich hatte Caroline über die Königin gefragt. Ich konnte mich erinnern, dass Aren sie Seph gegenüber erwähnt hatte. Sie war die absolute Herrscherin von Marobar. Die Königin wurde von der großen Veganca auserwählt, um das Volk von Marobar zu einen. Ihr unterstand ein zwölfköpfiges Kolloquium, das ihr in beratender Funktion zur Seite stand. Veganca wiederum war eine große Kriegerin gewesen, die auch vor mehr als einem Jahrhundert, nach der Zeit von Marobar gemessen, in der neuen Welt für die Dämonen gekämpft hatte. Doch von ihr konnte mir selbst Caroline nicht allzu viel erzählen. Sie wusste nur, dass Veganca einst einen großen Krieg verhindert und die Völker Marobars vereint hatte.
All die Informationen, mit denen mich Caroline tagtäglich zuschüttete, machten mir immer mehr bewusst, dass ich anfangen sollte, mein jetziges Leben hier zu akzeptieren und mich dieser Situation zu fügen, bis mir die Flucht gelingen würde.
In der ersten Zeit war Nele zu einer geschätzten Freundin geworden. Noch immer kümmerte sie sich fürsorglich um mein Brandmal und versuchte mir die verschiedenen Dämonengattungen noch genauer zu beschreiben. Oft fühlte ich mich, als würde mir der Kopf platzen. Caroline und Nele wollten alles daran setzen, mir jegliche Informationen, die ich brauchte, einzutrichtern.
„Das ist ja schlimmer als in der Schule!“ Entnervt vergrub ich mein Gesicht in meinen Händen.
Neles Schweif zuckte: „Was bitte ist ein Schule?“
Mit müden und geröteten Augen blickte ich Nele an. „Ist nicht so wichtig, aber dort werden uns auch Dinge beigebracht, die fürs Leben wichtig sind.“
Ihre Ohren zuckten und sie verzog die Lefzen zu einer Art Lächeln: „Dann bin ich jetzt deine Schule!“
Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Nele war eine wunderschöne Nachtwächterin. Sie wirkte stets glücklich. Und auch wenn sie eine einfache Dienerin war, schien sie ihr Leben zu genießen.
„Dann lassen wir es für heute. Du siehst schon sehr müde aus.“
Plötzlich machte Nele einen Satz auf mich zu und nahm mir gegenüber Platz. „Ich muss dir etwas erzählen, Ilona!“
Neugierig sah ich sie an.
„Ich habe jemanden kennengelernt. Er arbeitet in den Stallungen und er ist ein Nachtwächter, wie ich. Er heißt Zeki und scheint Gefallen an mir gefunden zu haben.“ Neles Augen strahlten und ihre Ohren zitterten vor Begeisterung.
„Das ist schön.“
Begeistert nickte sie. „Nicht wahr? Wer weiß, vielleicht wird er ja mein Gemahl. Die Dämonen, die in den Stallungen arbeiten, verdienen nicht schlecht. Da hätten wir ein viel besseres Leben und könnten uns eine eigene Hütte leisten.“
Ich war von Neles raschen Zukunftsplänen überrascht. „Wie lange kennst du Zeki denn schon?“
Sie gab ein Jauchzen von sich und griff nach meinen Händen. „Wir haben uns gestern kennengelernt! Ich glaube, er wird mich schon bald zu seiner Gemahlin machen.“
Diese Euphorie verstand ich nicht. Sie hatten sich doch erst einmal getroffen und doch wusste sie schon, dass er der Richtige sein würde? Wie war das möglich?
„Ach, ich rede nur über mich!“, wechselte Nele plötzlich das Thema. „Meine Urgroßmutter war einst in der neuen Welt. Kannst du mir etwas über darüber erzählen? Ihre Geschichten haben mich immer so fasziniert.“
Also fing ich an über meine Welt zu erzählen, während Nele mir die Bandage um mein Brandmal wechselte und die Wunde mit Lilibac-Extrakt versorgte. Oft fing sie an, vor Begeisterung zu quieken, als ihr bewusst wurde, dass ihre Bembu, so wurde ihre Urgroßmutter immer liebevoll von Nele genannt, von ähnlichen Dingen gesprochen hatte. Wir vergaßen die Welt um uns und ich fühlte mich in meine zurückversetzt. Wie leicht war doch das Leben dort gewesen …
Es dämmerte gerade, als ich mich von Nele verabschiedete und auf den Rückweg zu Caroline machte. Die ganze Zeit über hatte ich das komische Gefühl, verfolgt zu werden. Unauffällig drehte ich mich um und bemerkte, dass tatsächlich jemand hinter mir her war, also beschleunigte ich mein Tempo. Ich versuchte mich unter die vielen Dämonen zu mischen, um meinen Verfolger abzuhängen, doch er blieb hartnäckig und an mir dran. Wie ein Kaninchen auf der Flucht vor einem Fuchs schlug ich regelrechte Haken, um ihn zu entkommen. Als ich mich unbeobachtet und in Sicherheit wähnte, flüchtete ich mich in eine der Seitengassen. Erleichtert schloss ich meine Augen und atmete tief durch.
Eine Pranke presste sich gegen meinen Mund. „Hab ich dich du Miststück!“
Ich riss die Augen auf und erkannte in meinem Verfolger: Kedo. Ich versuchte mich von ihm loszureißen, doch er drückte mich fest gegen die kalte Mauer.
„Ach, was soll das? Du entkommst mir nicht.“ Er leckte über meinen Hals.
Ich fing zu zittern und zu wimmern an. Immer noch versuchte ich mich aus seinem Griff zu lösen.
„Mach nur weiter so! Ich liebe es, wenn sie sich wehren.“
Er fing an, meine Brust mit der freien Pranke zu streicheln. Währenddessen griff er sich immer wieder in den Schritt. Ich weinte und trat um mich.
„Lass diesen Unsinn!“
Kedo rammte mir seine Faust in den Magen. Ich musste mich krümmen vor Schmerz.
„Einmal eine Sklavin, die keine Konkubine des Herren ist, und dann muss es gerade eine so wehrhafte sein!“
Wieder fing Kedo an meine Brüste zu streicheln und mir den Hals zu lecken, dann fasste er mir unter mein Oberteil. Ich spürte die raue Haut seiner Pranke auf meiner Brust und erschauderte. Ich wimmerte und betete innerlich um Rettung.
Kedo biss mir in den Hals und ich musste stöhnen vor Schmerz.
„Ja, so mag ich es!“
Dann ließ er seine Pranke langsam meinen Oberkörper hinabgleiten bis zu meiner Hüfte. Er griff nach meiner Hand und streichelte mit ihr über seinen Schritt.
„Fühlst du das? Gleich wirst du mich tief in dir spüren.“
Ich wimmerte wieder und schaffte es, Kedo in die Pranke zu beißen.
„Verdammt noch mal!“
Er ließ mich los und ich wollte fliehen, aber er schlug mir mit der Faust gegen den Rücken. Ich fiel hart zu Boden. Kriechend versuchte ich von ihm wegzukommen, doch plötzlich stand er über mir und drückte mich zu Boden.
„Du bist so wehrhaft, das macht direkt noch mehr Spaß!“
Er zog mir die Hose aus und fing an, mein Gesäß zu streicheln.
„So jung, so unschuldig! Es ist lange her, dass ich solch einen Leckerbissen wie dich vernascht habe.“
Leise flehte ich ihn an, es nicht zu tun, während er mir genüsslich über das Gesäß leckte.
„Du kannst flehen, so lange du willst, ich werde heute meinen Spaß mit dir ha….“
Plötzlich wurde Kedo von mir weggestoßen.
„Was soll dieser Unsinn?“, herrschte ihn ein Mann mit großen Fledermausflügeln an.
„Stellt euch nicht so an, Kommandant Tobas, wir wollten nur etwas Spaß haben“, antwortete Kedo beschwichtigend.
„Ich kenne deine Art von Spaß, Kedo! Lass das Mädchen in Ruhe und verschwinde, sonst verfrachte ich dich für eine Nacht in den Kerker.“
Meinen Blick auf Kedo gerichtet erhob ich mich und zog die Hose wieder hoch.
„Komm zu mir, Mädchen!“
Ich ging auf Tobas zu und er legte schützend seinen Flügel um meine Schulter.
Kedo grinste ihn an. „Wir könnten auch beide unseren Spaß haben, Kommandant.“
Tobas ließ eine Art Speer erscheinen und hielt die Spitze gegen Kedos Kehle. „Ich musste oft genug hinter dir aufräumen. Ich bin froh, dass ich dieses Mal schneller war. Ich warne dich, lass die Finger von diesem Mädchen oder ich hacke sie dir einzeln ab“, herrschte er den Dämon an.
Kedo klopfte sich den Staub von der Hose. „Schon gut, schon gut! Ich verschwinde.“
Ich fing an bitterlich zu weinen, als er fort war. Daraufhin drehte sich der Kommandant zu mir um und legte auch seinen zweiten Flügel schützend um mich.
„Ganz ruhig, mein Kind. Alles ist in Ordnung.“ Sanft streichelte er mein Haar. „Keine Angst, er wird es nie wieder wagen, dir zu nahe zu kommen.“ Tobas legte seinen Arm um meine Schulter. „Komm mit, ich glaube, du brauchst jetzt etwas zu trinken.“
Er führte mich in eines der kleinen Häuser, die entlang der Marktstraße standen. Doch zu meiner Überraschung war es keine der vielen Spelunken. Es war eine Art Wohnung.
„Wo sind wir?“
Tobas hatte begonnen die Kerzen zu entzünden. „Das ist meine Hütte. Ich glaube, etwas Ruhe ist besser, als dich diesen Saufbolden auszuliefern.“
Erst jetzt, wo ich mich wieder etwas beruhigt hatte, konnte ich einen genaueren Blick auf ihn werfen. Er wirkte noch sehr jung, doch seine Augen verrieten, dass dieser Schein trog, denn sie strahlten Weisheit und etwas Altes aus. Sein Haar war strahlend weiß, was dazu führte, dass seine haselnussfarbenen Augen besonders zur Geltung kamen. Tobas war ein großgewachsener Mann mit muskulösem Körper und auffälligen Narben an den Oberarmen. Seine großen schwarzen Flügel, die er eingezogen hatte, streiften am Boden, während er durch den Raum zu einem großen Regal ging.
„Ich habe leider nicht sehr viel zu Hause, aber die Flasche mit dem Taurusbeerenlikör muss sowieso geleert werden.“
Lächelnd kam er zurück zum Tisch inmitten des Raumes und setzte sich auf einen mit Pelzen tapezierten Stuhl.
„Komm, nimm Platz!“
Ich stand noch immer beim Eingang und wollte mich nicht bewegen. Der Schreck saß mir doch noch immer tief in den Knochen.
Tobas merkte, dass die Situation mir Unbehagen bereitete, also stand er auf, verschwand in einer der dunklen Ecken seiner Behausung und kam mit einer löchrigen Wolldecke zurück. Langsam, als hätte er Angst, ich würde jeden Augenblick die Flucht ergreifen, kam er auf mich zu und legte mir die Decke über die Schultern.
„Sie ist zwar schon sehr alt und hat ihre besten Tage hinter sich, aber ich glaube, du kannst sie im Moment sehr gut gebrauchen. Komm, nimm Platz.“
Behutsam schob er mich in Richtung des Tisches und deutete auf den Sessel rechts von seinem Stuhl.
Nachdem ich Platz genommen und er es sich auch wieder gemütlich gemacht hatte, schenkte er mir ein großes Glas von dem tiefroten Likör ein. Ein Duft von Jasmin, Heidelbeeren und hochprozentigem Alkohol schwängerte die Luft. Er reichte mir das Glas und während er mich anlächelte, tauchten tiefe Grübchen auf seinen Wangen auf.
„Der wird dir helfen, auf andere Gedanken zu kommen.“
Zaghaft nahm ich einen Schluck und musste sofort husten.
„Ich muss mich entschuldigen. Ich hätte dir sagen sollen, dass es sich um einen sehr hochprozentigen Likör handelt!“, lächelte er mich an, dann griff er in seine Manteltasche und holte ein kleines Metalletui hervor. Als er es öffnete, kamen eine kleine Pfeife und ein Beutel mit Tabak zum Vorschein.
„Ich hoffe, es stört dich nicht“, fragte er, während er sich die Pfeife in den Mund steckte, „wenn ich meiner Sucht fröne?“
Ich schüttelte den Kopf und er zwinkerte mir zu.
„Wie heißt du?“
Nach einer langen erdrückenden Stille ergriff Tobas wieder das Wort. Ich war verunsichert und wusste nicht, ob ich ihm überhaupt antworten durfte.
„Hier in meinem Haus bist du Gast. Das heißt, du darfst auch mit mir sprechen.“
Also antwortete ich. „Ilona.“
Sein Lächeln wurde breiter. „Na siehst du, Ilona, was für ein schöner Name! Aber jetzt sag mir, was verschlägt dich in dieses Höllennest?“
Tränen schossen mir in die Augen und ich fing wieder zu weinen an. Tobas blieb ruhig und sprach kein Wort, er ließ meiner Trauer freien Lauf. Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, reichte er mir ein Stofftaschentuch.
„Tut mir leid, ich wollte dir nicht zu nahe treten mit meiner Frage. Ich bin einfach neugierig“, lächelte er mich an.
„Ich komme aus der neuen Welt und wurde von einem Sklavenhändler an Aren verkauft.“
Verständnisvoll nickte der Kommandant. „Und dann landest du ausgerechnet hier, in diesem Drecksloch. Das ist echt harter Tobak!“
Behutsam streichelte er mir über die Wange. Ich blickte ihm tief in die Augen und erkannte einen besorgten und eindringlichen Blick. Dieser trieb mir die Schamesröte ins Gesicht.
„Wenn ich nicht gerade Dienst habe, kannst du gerne jederzeit vorbeikommen, Ilona. Besser, du bist in deiner Freizeit an einem sicheren Ort als in der Nähe von diesen Unholden.“
Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Es schien so, als würde sich Tobas ernsthaft Sorgen um mich machen.
„Ich danke Euch, Kommandant!“
Wieder lächelte er mich an und schüttelte den Kopf. „Bitte, Ilona, hier, in diesen vier Wänden, bin ich Tobas.“
Ich konnte mir ein sanftes Lächeln nicht verkneifen. Wieder fasste er mir an die Wange.
„So siehst du viel hübscher aus. Ein trauriges Gesicht passt nicht zu dir.“
Überrascht blickte ich mich um: „Habt ihr etwa eure Waffe in der Seitenstraße vergessen?“ Tobas lachte lautstark: „Diesen Speer kann ich nicht verlieren, er ist ein Teil von mir.“
Fragend blickte ich ihn an: „Wie meint ihr das? Ein Teil von Euch?“, Tobas streckte seinen Arm aus und ließ wie aus dem Nichts seinen Speer erscheinen: „Diese Waffe mit mir verbunden. Ich habe volle Kontrolle über sie. Will man sie mir entreißen, lasse ich sie verschwinden, brauche ich meinen Speer, muss ich nur an ihn denken und er erscheint. Ich habe ihn mir vor Jahren bei meinem Initiationsritus in das Dasein eines Erwachsenen verdient.“, erstaunt blickte ich die Waffe an: „Aber wie ist so etwas denn möglich?“
Tobas ließ den Speer wieder verschwinden und deutete auf die Schriftzeichen die auf seinem Arm auftauchten: „Wenn du bei dem Initiationsritual, das von einem Ältesten durchgeführt wird, beweist, dass du würdig bist deine Eigene zu besitzen, dann erhältst du die dir vorbestimmte Waffe.“
Neugierig hörte ich Tobas zu: „Und wie funktioniert dieses Ritual?“, ein weiteres Lächeln huschte über seine Lippen: „Es ist eher unangenehm, du wirst in eine Art Trance versetzt und hast starke Schmerzen wenn sich die Waffe mit deinem Körper verbindet, aber danach, bist du stärker, mächtiger und unabhängiger.“
„Hat jeder so etwas?“, Tobas schüttelte den Kopf: „Nein, manche sind ihr ganzes Leben lang nicht würdig eine solche Waffe zu führen, Andere wiederum haben schon von Geburt an ihre eigene Waffe in sich, diese wird beim Initiationsritual nur erweckt, was definitiv weniger schmerzhaft ist, wie ich hörte.“
Wir saßen noch bis spät in die Nacht zusammen und unterhielten uns. Er ließ mich all das Leid der letzten Tage und Stunden vergessen. Tobas Geschichten über seine Abenteuer waren aufregend und meine Geschichten über die neue Welt faszinierten ihn. Als es schließlich Zeit wurde zu gehen, begleitete er mich zu meiner Herberge.
„Es war ein wundervoller Abend, Ilona. Ich danke dir für diese angenehme Abwechslung.“
Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. „Dieses Dankeschön kann ich nur erwidern. Es war wirklich ...“
Plötzlich berührten seine Lippen sanft die meinen. So schnell und überraschend dieser Moment gekommen war, war er auch schon wieder vorbei.
„Ich muss leider gehen. Gute Nacht, Ilona!“
Tobas machte auf dem Absatz kehrt und schlenderte davon. Mich ließ er mit knallroten, heißen Wangen vor dem Eingang zu den Gemächern zurück.
Am folgenden Tag fiel Caroline sofort auf, dass etwas anders war. Zuerst beobachtete sie mich nur skeptisch, doch dann obsiegte ihre Neugierde.
„Was ist los mit dir?“
Ich grinste sie an. „Ich wurde gestern von einem Ritter in schillernder Rüstung gerettet.“
Fragend sah sie mich an. „Ilona, bist du auf den Kopf gefallen?“
Ich lachte und schüttelte den Kopf. „Nein, Caroline, aber ich wurde gestern von diesem Kedo überfallen und wurde gerettet, bevor er mir etwas antun konnte.“
Plötzlich spiegelte sich in ihren Augen Sorge wider. „Was ist passiert? Was wollte er mit dir machen?“
Meine Stimmung verfinsterte sich ein wenig. „Er wollte mir an die Wäsche!“
Caroline wurde rot vor Zorn. „Dieser Mistkerl, ich kastriere ihn eigenhändig.“ Sie stürmte auf mich zu und umarmte mich. „Süße, lass dich trösten. wie kann ich dir helfen?“
Ich löste mich aus ihrer festen Umarmung und lächelte sie an. „Ich sagte doch, mir wurde geholfen. Es ist alles in Ordnung Caroline.“
Caroline hob die linke Braue: „Wer hat dir geholfen?“
Es trieb mir wieder die Schamesröte ins Gesicht. „Kommandant Tobas!“
Plötzlich machte sie große Augen: „Tobas?! Nicht dein Ernst!“
Ihre Reaktion war mir ein Rätsel. „Wieso überrascht dich das so?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Naja, er ist nicht der geselligste Typ. Normalerweise ist er alleine unterwegs und unterhält sich mit niemandem.“
Ich war ein wenig verwirrt. Tobas war gestern ein wahrer Gentleman gewesen und ich hatte keinen Augenblick das Gefühl, als würde ihm meine Gesellschaft Unbehagen bereiten oder ihn gar stören. Ich nahm mir vor, ihn auf dieses Gerücht beim nächsten Mal anzusprechen, sollte sich diese Möglichkeit ergeben.
