In Darkest Leipzig - Michael Schweßinger - E-Book

In Darkest Leipzig E-Book

Michael Schweßinger

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Beschreibung

“Als ich 2004 für ein studienbegleitendes Praktikum nach Afrika aufbrach, vermutete ich noch, dass Fremdartigkeit und Exotik notgedrungen in anderen Kulturen beheimatet wären und ich mit jedem Flugkilometer diesem Phänomen näher kommen könnte. Doch nicht in der Weite jenes Kontinents sollte ich auf das Gesuchte treffen, sondern die Fremde wartete, nach meiner Rückkehr, mit bizarren Gesichtern und unbekannten Sitten, direkt vor meiner Wohnungstür. In Leipzig-Lindenau.” Michael Schweßinger

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EPUB

Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2014

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„Listen to the silence, let it ring on

Eyes, dark grey lenses, frightened of the Sun

We would have a fine time living in the night

Left to blind destruction, waiting for our sight

Sight

We would go on as though nothing was wrong

Hide from these days, we remain all alone

Staying in the same place, just staying out the time

Touching from a distance, further all the time“

(Joy Division)

www.edition.subkultur.de

Michael Schweßinger

Michael Schweßinger wurde 1977 geboren, lebte in Tansania, Irland und vielen anderen Orten, aber meistens in seinem Kopf. Manchmal kommt er raus und schaut sich die Welt an, schreibt Geschichten darüber und liest diese dann vor. Daneben studierte er Afrikanistik und Ethnologie, buk als Bäcker unzählige Brote, verlegte Bücher und machte tausend andere Dinge, die man teilweise in seinen Büchern nachlesen kann.

Er ist Gründungsmitglied der Leipziger Lesebühne Schkeuditzer Kreuz, die sich monatlich im Kulturcafe Plan B trifft und er ist seit Sommer 2013 Autor bei Subkultur/ Periplaneta. Bisher sind hier von ihm folgende Kurzgeschichtensammlungen erschienen:

„Gedanken an die Dämmerung“,

„In Darkest Leipzig“,

„Von Seemännern und anderen Gestrandeten“,

„Vaterland ist abgebrannt“.

Michael Schweßinger

IN DARKEST LEIPZIG

Über die seltsamen Sitten
und Gebräuche der Lindenauer
inkl. Stadtapokalypsen
edition.subkultur

MICHAEL SCHWESSINGER: „In Darkest Leipzig“

Über die seltsamen Sitten und Gebräuche der Lindenauer inkl. Parklandschaften und Stadtapokalypsen

Redigierte & überarbeitete Auflage, März 2014, Edition Subkultur Berlin

© 2014 Periplaneta – Verlag und Mediengruppe / Edition Subkultur Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Straße 81a, 10439 Berlin, www.subkultur.de

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Projektassistenz: Sarah Strehle

Cover: Corwin von Kuhwede (www.vonkuhwede.de) Autorenbild: Christian Haubold (www.christianhaubold.com)

Satz & Layout: Thomas Manegold (www.manegold.de)

print ISBN: 978-3-943412-12-3 epub ISBN: 978-3-943412-61-1 E-Book-Version 1.3

Einflussgebende Literatur:

Anonymes Komitee: Der kommende Aufstand

Camus, Albert: Der Mensch in der Revolte

Jünger, Ernst: Der Waldgang

Pessoa, Fernando: Das Buch der Unruhe

Reuter, Jerome: Die Ästhetik der Herrschaftsfreiheit

Rilke, Rainer Maria: Duiniser Elegien

Thoreau, Henry David: Walden

Novalis: Hymnen an die Nacht

Lindenau überrollen!

Gestern las ich in einem Buch,

dass 36-jährige Männer,

wenn sie von ihren Frauen verlassen werden,

gerne mal aus dem Fenster springen.

Dass Frauen gleichen Alters

sich gerne einen anderen Mann nehmen

und dass es Orte auf dieser Welt gibt,

wo es still ist.

Wo der Herzschlag wie eine staubige Basssaite

zur Umkehr ruft – zur Innensicht,

zur Begegnung mit sich selbst.

Lindenau ist ganz bestimmt kein solcher Ort.

Lindenau ist laut und fies

und böse – in Lindenau tragen

die jungen Versager keine T-Shirts,

dafür Sixpacks und Tribal-Tattoos.

Sie sind ferngesteuert und ficken sich gegenseitig

für ein paar Gramm Heroin in den Arsch.

Die Wände schreien Talkshowszenen auf die Straßen.

Die Fenster haben dieses grauweiße, schlierige Schimmern,

das trotz wöchentlicher Reinigung

von familiären Katastrophen erzählt.

Hier schlägt man sich

und hier vögelt man sich die Langeweile in die Nächte.

Wer hier lebt, trägt Trauer,

erfährt sehr früh, was es heißt,

zur vergessenen Generation zu gehören.

Lindenau ist ein moosgrüner Haufen Kotze

kurz neben dem Herzen der Stadt.

Eine 24-stündige TV-Beschallung

aus der Discounterecke: Friss, was du bekommst

und halt die Schnauze – schau weg.

Wenn die Bierflaschen fliegen

und der NPD-Wähler seine Kamera

für die Josephstraße neu justiert.

Hier hat keiner mehr ein eigenes Leben,

aber jeder einen Hund zu Hause.

Gestern hörte ich im Radio,

dass Bomben auf Kinder geworfen werden

weil sie das verfickte Pech hatten,

im falschen Land geboren zu sein.

Ich schaue aus meinem Fenster

und warte auf die Flugzeuge!

Volly Tanner

Vorwort

Die folgenden Aufzeichnungen beruhen auf einer zwölfmonatigen Feldforschung in Leipzig-Lindenau. Ermöglicht wurde diese Arbeit größtenteils durch die finanziellen Zuwendungen des BAföG-Amtes der Universität Leipzig, an der ich zu dieser Zeit als Student der Afrikanistik und Ethnologie eingeschrieben war. Der geneigte Leser wird sich vielleicht fragen, was denn diese Studiengänge mit einem Leipziger Stadtteil zu tun haben und ich darf vorwegnehmen: jede Menge.

Zumindest trifft dies auf die Ethnologie zu, die es sich ja zur Aufgabe gemacht hat, das Fremde und Exotische unter die Lupe zu nehmen, um es in die eigene Kultur zu transkribieren.

Als ich im Herbst 2004 von einem längeren Afrikaaufenthalt aus Tansania zurückkehrte, beschlossen meine Freundin und ich – aus Gründen, die uns später in vielerlei Hinsicht schleierhaft erschienen – unsere damalige Wohnung im Leipziger Süden aufzugeben und nach Lindenau zu ziehen. Als wir dieses Vorhaben wenig später in die Tat umsetzten, ahnte ich noch nicht, dass hinter den Pforten dieses Viertels eine ethnologische Goldgrube auf mich wartete, die sich mir schon bald wie Ali Babas Sesam öffnen und in ihren schillernden Farben und Formen entgegenfunkeln sollte. Hatte ich lange Zeit geglaubt, dass die kulturelle Ferne auch etwas mit geographischer Entfernung zu tun haben müsse und sich erst nach tausenden Flugkilometern an meine Seite gesellen würde, so musste ich nach meiner Rückkehr erstaunt feststellen, dass ich in Afrika nur das Präludium erlebt hatte, denn die Lindenauer erschienen mir schon bei meinen ersten, zaghaften Vorstößen noch viel exotischer als die vermuteten Fremden im tiefsten Afrika.

Heute, nachdem ich schon über ein Jahr hier wohne, erscheint es mir sogar, als wären die Wilden, für die Afrikaner von Außenstehenden gerne mal gehalten werden, eher in den Straßen Lindenaus anzutreffen als in der Weite des schwarzen Kontinents. Erstaunt und überrascht von der Tatsache, dass die Fremde im wahrsten Sinne des Wortes vor meiner Haustür begann, machte ich mich daran, diese verschiedenen Spezies näher zu beobachten und ihre fremden Bräuche und Sitten niederzuschreiben. Unsere neue Dachgeschosswohnung in Altlindenau erwies sich als idealer Ausgangspunkt für die Expeditionen ins Herz der Leipziger Finsternis.

Lange Zeit war ich mir nicht im Klaren darüber, wie ich die einzelnen Beobachtungen, bedingt durch ihre und meine Heterogenität, literarisch wiedergeben sollte. Ich habe mich letztlich dafür entschieden, nach einigen allgemeinen Betrachtungen, im zweiten Teil die markantesten Begebenheiten anekdotenhaft niederzuschreiben und erhebe dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Des Weiteren bitte ich zu entschuldigen, dass ich auf kleinere Splittergruppen wie Studenten, Intellektuelle, Antialkoholiker oder Besserverdiener nicht einzeln eingehen werde. Diejenigen, die darüber enttäuscht sind und sich diesen Gruppierungen verpflichtet fühlen, können sich dennoch auf eine andere Weise geehrt fühlen, denn sie bilden hier eine mutige Minderheit.

Bevor ich aber zu den merkwürdigen Sitten mancher Bewohner komme, seien mir zunächst einige allgemeine Bemerkungen erlaubt, um demjenigen Leser, der sich noch nie in der Lindenauer Wildnis verirrt hat, eine Vorstellung davon zu geben, was ihn erwartet.

Einige ethnographische Bemerkungen

Man könnte sagen, Lindenau ist reich an Vergangenheit und arm an Zukunft. Wobei erstere Aussage ein Fakt ist und zweitere eine verstärkte Ahnung. Gewiss ist jedoch, dass Lindenau in seiner nun fast tausendjährigen Geschichte schon prominentere Gestalten beherbergt hat als diejenigen, die heute an den Straßenrändern herumlungern. Selbst der große Napoleon soll bei seinem Rückzug im Jahre 1813 in der Lindenauer Mühle genächtigt haben und ich habe meine Zweifel, ob es wirklich strategische Gründe waren, die Mister Bonaparte im Anschluss fluchtartig das Weite suchen haben lassen und nicht etwa ein morgendlicher Spaziergang, der ihn im aufsteigenden Elsternebel unversehens in die Straßen von Lindenau geführt hat. Aber das bleibt wohl für immer Spekulation. Kommen wir zu den harten Fakten.

Lindenau liegt geographisch gesehen im Leipziger Westen und unterteilt sich in die drei Bereiche: Lindenau, Alt- und Neulindenau. Doch muss man sich im Klaren darüber sein, dass diese Unterscheidung nur verwaltungstechnisch zu sehen ist. Und es ist mir noch nie passiert, dass sich ein Lindenauer mit dem Präfix Alt- oder Neu- bezeichnet hätte. So gesehen spielt diese Unterkategorisierung für die Bewohner keine Rolle und die indigene Bevölkerung sieht sich selbst einfach als Lindenauer. Dennoch mag diese Unterscheidung für meine Untersuchung ihre Berechtigung haben, da ich dadurch das unübersichtliche Forschungsfeld einengen kann. Ich habe mich bei meinen Beobachtungen größtenteils auf Altlindenau beschränkt, da allein dieser Part schon eine mannigfaltige Anzahl von Ethnien, Clans und Subclans beherbergt. Dieses bunte Völkergemisch, mit seinen fremdartigen Riten, verschiedenen sozialen Organisationsformen und Traditionen, wäre allein schon dazu imstande, den Rahmen dieser Forschung zu sprengen. Ich musste mich bemühen, marginale Punkte vorerst beiseitezulassen und hoffe, diese in einem Ergänzungsband den ethnologisch interessierten Lesern in naher Zukunft zur Verfügung stellen zu können. Ein weiterer Faktor, der mich bewogen hat, die Beobachtungen nicht über die Grenzen Altlindenaus auszudehnen, war der, dass sich hier meine Wohnung und mein unmittelbares Lebensumfeld befinden und weitere Reisen nicht ohne Gefahr für Leib und Seele unternommen werden können. Die Auswahl der Betrachtungen im zweiten Teil erfolgte weitestgehend ebenso nach diesem Kriterium. Nur wenn es mir nicht möglich war, wie zum Beispiel bei meinen Erlebnissen in der Straßenbahn, habe ich mir erlaubt, die Grenzen etwas weiter zu stecken.

Altlindenau erstreckt sich über eine Fläche von 2,4 Quadratkilometern und weist, bis auf die Kothaufen, keine nennenswerten Erhebungen oder Gebirgsketten auf. Dennoch ist die Landschaft und die Bebauung nicht eintönig und das Viertel versprüht durch das ungeschützte Aufeinandertreffen von Verfall und Sanierung einen rauen, unharmonischen Charme. Blutende Schnittstellen und frisch vernarbte Wunden, die man anderswo vergeblich sucht, sind hier keine Seltenheit. Hinzu kommen die angrenzenden Parklandschaften mit ihren Pavillons und kleinen Seen sowie die Flussauen, die zum Verweilen einladen und von den verschiedenen Ethnien auch gerne für ihre Zwecke in Beschlag genommen werden.

Im Osten bildet die Weiße Elster seit jeher eine natürliche Grenze, die dafür sorgt, dass es zwischen den Ethnien des Leipziger Zentrums und den Lindenauern nur wenige kulturelle Gemeinsamkeiten gibt und modernere Auffassungen wie „Die Welt zu Gast bei Freunden“ den Weg über den Strom noch nicht gefunden haben. Anders gestaltet sich die Situation im Norden, wo die einzelnen Gruppen ineinander überfließen und infolgedessen die kulturellen Überschneidungen zwischen Leutzschern und der hiesigen Bevölkerung ungemein größer sind, auch wenn sich die Jugend versucht, durch Slogans und markante Sprüche voneinander abzugrenzen, und beide Ethnien auf ihre eigene Herkunftsmythen bestehen. Im Westen und Süden wird Altlindenau durch die Hauptverkehrsadern Merseburger und Lützner Straße begrenzt. Hier gibt es weitaus weniger soziale Spannungen als im Norden, da, wie gesagt, diese Grenzen nur theoretischer Natur sind und sich Alt- und Neulindenauer auf denselben Stammbaum beziehen, und keine ethnischen Aversionen gegeneinander hegen.

Historisch gesehen war der Stadtteil noch im 19. Jahrhundert eine eigenständige Gemeinde und wurde erst 1891 in das Gebiet der Stadt Leipzig eingegliedert. Damals gab es diese bürokratische Unterteilung noch nicht, die erst durch die politische Neustrukturierung nach der Wende geschaffen wurde. Durch die industrielle Revolution und die vielen sprießenden Fabriken in der nahen Umgebung erlebten Lindenau und der Leipziger Westen in der Mitte des 19. Jahrhunderts einen regelrechten wirtschaftlichen Boom, was den Bewohnern zu Wohlstand verhalf. Auch heute noch kann man den damaligen Reichtum an den vielen pittoresken und stuckverzierten Gründerzeitfassaden der Häuser erkennen, die leider nun in vielen Straßen ziemlich heruntergekommen sind und ein trostloses Dasein fristen. Ebenso ergeht es vielen der industriellen Klinkersteinbauten, von denen die ehemalige Baumwollspinnerei im nahegelegenen Grenzland zu Plagwitz die beachtlichsten Ausmaße annimmt und heute überwiegend von Künstlern und für zeitgenössische Tanzveranstaltungen genutzt wird. Infolge des wirtschaftlichen Niedergangs der einstmals stolzen Industriebranche stehen auch hier die Spinnräder still und die Arbeitslosenquote liegt in Lindenau bei über 20 Prozent; und steigt zusammen mit der Zahl der Sozialhilfe- beziehungsweise Hartz IV-Empfängern sogar auf weit über dreißig Prozent an. Hinzu kommt noch ein großer Anteil an geringverdienenden Rentnern, so dass Lindenau heute zu den sozialen Problemvierteln Leipzigs gezählt wird.

Während in anderen Bundesländern mit Problembären kurzer Prozess gemacht wird, tut man sich in Leipzig bei der Beseitigung von Problemvierteln deutlich schwerer. So quält sich die Bevölkerung durch das dunkle Zeitalter von Hartz IV und Ein-Euro-Jobs und mehr und mehr steigt die Verbitterung über den größten Gehaltsgeber Staat, der nun wieder seine Vorliebe für mittelalterliche Gepflogenheiten entdeckt hat und seine zahlreichen Bittsteller vermehrt zu Hand- und Spanndiensten antreibt. Diese, mit blau-gelben Leipzig-Jäckchen Bekleideten, die von ihrem Arbeitgeber liebvoll „Gelbe Engel“ getauft wurden, gehören mittlerweile schon zum gewohnten Straßenbild und reinigen Gehwege und Parks von den Abfällen, die ihre Stammesgenossen achtlos zurückgelassen haben. Bis jetzt sind sie noch in der glücklichen Situation, dass Hundekot in Leipzig als Sondermüll angesehen wird und von ihnen ignoriert werden darf. Aber der neoliberale Wind frischt spürbar auf und wird zunehmend rauer. So ist es sicherlich nur eine Frage der Zeit, bis jeder Hund von seinem persönlichen Ein-Euro-Jobber begleitet wird.

Die einseitige finanzielle Abhängigkeit führt auch noch zu weitgreifenden logistischen Problemen, denn am Monatsersten bilden sich endlose Schlangen an den Geldautomaten. Wartezeiten, wie sie eigentlich seit dem Mauerfall passé waren, sind an den Schaltern keine Seltenheit. Im Minimarkt an der Ecke schaut es in diesen Tagen aus, als wäre ein Schwarm alkoholsüchtiger Heuschrecken eingefallen. Selbst hochwertigere und somit preisintensivere Spirituosen finden an diesen glücklichen Tagen, dankbare Kehlen. Ich begegne dieser allmonatlichen Völkerwanderung mit stoischer Ruhe, da BAföG einen Tag vor Hartz IV und Arbeitslosengeld auf das Konto überwiesen wird, und werde von den Bankangestellten als einziger Tageskunde noch mit Handschlag begrüßt.

In Altlindenau wohnen etwa 10.000 Menschen und damit mehr als in Neulindenau oder Lindenau. Im Vergleich mit den Platten-Ethnien der Grünauer gehören die Altlindenauer aber zu den kleineren Gesellschaften, was vielleicht die Wagenburgmentalität erklärt, die bei vielen Bewohnern vorherrscht.

Der Lindenauer an sich ist von Natur aus ein sesshaftes Wesen und im Gegensatz zu den Ethnien des Leipziger Südens, wo doch eher migrationswillige Völkerschaften leben, sieht man hier selten Möbelwagen an den Straßenrändern und viele Lindenauer leben schon seit Jahrzehnten in ihrem vertrauten Umfeld. In neuerer Zeit finden sich aber auch Anzeichen dafür, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung wieder zur Lebensweise der Jäger und Sammler zurückkehrt.

Das Jagen ist hierbei keine indigene Eigenschaft, sondern wurde meines Erachtens durch gezielte Werbekampagnen von außen in diese doch eher zurückgezogen und traditionell lebenden Gesellschaften hineingetragen. Perfide Slogans wie „Geiz ist geil!“ oder „Ich bin doch nicht blöd!“ mögen für diese schleichende Unterwanderung als Beispiel dienen, denn es ist vor allem die Schnäppchenjagd, der die Bewohner zunehmend huldigen. Jeder giert nach möglichst billig. Beliebte Ziele sind die großen Lagerstätten an der Ecke Merseburger-Lützner-Straße, wo abgelaufenes Fleisch und Milchprodukte in riesigen Mengen feilgeboten werden und bei der Bevölkerung reißenden Absatz finden. Für die verweichlichten Mägen von anderen, weiter entfernt lebenden Gruppen, die gleich aus jeder Lappalie einen Gammelfleischskandal machen, hat der hartgesottene Lindenauer, mit seinen von Alkohol und billigen Zigaretten gegerbten Magenwänden nur ein müdes Lächeln übrig.

Durch die Huldigung der Schnäppchenjagd lässt sich auch die hohe Anzahl von Ein-Euro-Shops erklären, die neben allerlei unsinnigem Zeug den passenden Dresscode für das Viertel im Angebot haben. An dieser Stelle noch ein Geheimtipp für etwaige Touristen, die das ein oder andere Souvenir nach Hause mitnehmen wollen: In den Billigmodemärkten stößt man auf ein reichhaltiges Sortiment an traditioneller Lindenauer Bekleidung.

Ein weiterer Punkt, der hier zu nennen ist, betrifft das doch recht einseitige Einkaufsverhalten in den Discountern. Exquisite Einzelhändler und Bioläden sucht man hier nämlich vergebens und in manchen Supermärkten, die sich auf wunderbare Weise innerhalb weniger Wochen vom Saulus zum Paulus gewandelt und ihre belasteten Lebensmittel durch Bio- und Fair-Trade-Produkte ersetzt haben, empfiehlt sich ein Staubtuch, um die bei den Eingeborenen eher unbeliebten Produkte aus dem fairen Handel überhaupt erst zu entdecken.

Durch meine eigenen Beobachtungen kann ich bestätigen, dass der Lindenauer ein ausgesprochener Carnivore ist, und Fleisch – neben Alkohol – zu seinen täglichen Grundnahrungsmitteln gehört. Die Supermärkte haben sich auf das Kaufverhalten der ansässigen Bevölkerung eingestellt. Man findet in den Regalen heute eine typische Dreiteilung vor: ein Drittel Fleisch und Tiefkühlprodukte, welche keine Qualitätsstandards benötigen, sondern nur billig sein müssen; ein weiteres Drittel Alkohol, der die gleichen Kriterien aufzuweisen hat und natürlich jede Menge Süßigkeiten, um die quengelnden Kinder ruhig zu stellen und den Abend vor dem Fernsehgerät zu versüßen.

Die Mentalität des Sammelns kommt hingegen vor allem bei der Subspezies der Straßen-Lindenauer zum Vorschein, die hier in hehren Mengen tagein, tagaus durchs Viertel wankt. Grundsätzlich wird alles gesammelt, was irgendwie Kohle bringt: Altpapier, nicht abgeschlossene Fahrräder, Flaschen und bewegliche Eisenteile. Im Gegensatz zu den sesshaften Lindenauern kennt diese Untergruppierung den Geiz nicht, sondern die ersammelten Reichtümer werden sofort wieder in Alkohol umgesetzt. Rituelles Betrinken stellt eines der Hauptcharakteristika dar und begleitet alle Formen des gemeinsamen Zusammenkommens. Die Straßen-Lindenauer sieht man daher selten allein und meistens sind sie in Horden von zwei bis fünf Personen unterwegs. Vor Supermärkten kann die Anzahl aber auch leicht auf über 20 ansteigen. Wie auch immer, es gibt eine Mordssauferei.

Herrscht innerhalb der Horde ein zumeist libertäres Klima, so grenzen sich die einzelnen Kleingruppen stark voneinander ab und oftmals hört man im Vorübergehen verächtliches Gerede über Clans, die sich vor anderen Supermärkten postiert haben. Es scheint auch, dass einige Supermarktketten beliebter sind als andere, denn vor dem Discounter direkt in unserer Straße sieht man sehr selten Straßen-Lindenauer.

Allgemein haben sich die Aral-Tankstelle, einige Eingänge von Kaufhallen und Abbruchhäusern oder eine der florierenden Bierpinten als gute Beobachtungspunkte erwiesen. Mit etwas Geduld und Glück bekommt man hier prächtige Exemplare dieser Gattung zu sehen, die auf den ersten Blick für den Neuling einen doch recht gruseligen Eindruck machen. Sollte sich doch einmal unerwarteterweise keiner zeigen, so kann man ihren Standpunkt bei guten Windverhältnissen auch erriechen. Die Beobachtung gestaltet sich allgemein recht unproblematisch, da diese Gruppierung kein aggressives Verhalten an den Tag legt und sich wenig um Passanten kümmert. Wenn es doch einmal Probleme gibt, lässt sich fast jeder Straßen-Lindenauer durch gutes Zureden und eine Flasche Sternburg-Export besänftigen. Wie andere Naturvölker auch, so hat sich diese Spezies bestmöglich an ihre Umwelt angepasst und benutzt, um bei ihrem Alkoholkonsum nicht unnötig gestört zu werden mit der Mimese, eine auch im Tierreich sehr beliebte Form der Tarnung. So ist es manchmal selbst für einen Experten schwierig, die grauen, eingefallenen Gesichter mit ihrem ruinösen Zahnwerk von den maroden Häuserfassaden, vor denen sie sich gerne aufhalten, zu unterscheiden. Aber nicht nur die Straßenlindenauer sind mit dieser Form der Tarnung vertraut, sondern auch andere Bewohner nutzen die Mimese für ihre Zwecke. Ein Meister der Täuschung ist unbestritten ein älterer Herr, der von mir „Porno-Krücke“ getauft wurde. Dieser auf den ersten Blick schwächliche Alte nutzt seine vorgetäuschte Gebrechlichkeit für seine sexuelle Lustbefriedigung. Meistens sieht man ihn in der Linie 15 oder an der Angerbrücke und er macht tatsächlich den Eindruck, als würde er auf den nächsten Metern zusammenbrechen und nie wieder aufstehen. Will man ihm helfen und ist zufällig noch weiblich, dann wandelt sich der senile Alte innerhalb von Sekunden in einen notgeilen Jungspund und greift ungeniert nach den Brüsten oder Pobacken der Hilfeleistenden. Auch meine Freundin musste Bekanntschaft mit diesem sexistischen Chamäleon machen, oder besser, er mit ihr. Als er nämlich versuchte, sie nach bekannter Manier anzugrapschen, fand er sich wenig später neben seiner Krücke auf dem Boden der Straßenbahn wieder. Thai-Boxen in Anwendung eben und ich begriff, dass der von mir oft belächelte Besuch eines Fitnessstudios durchaus im täglichen Lindenauer Leben von Nutzen sein konnte.