In Deeper Waters - F. T. Lukens - E-Book
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F. T. Lukens

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Beschreibung

Prinz Tal ist hinter den verschlossenen Palastmauern seines Königreichs aufgewachsen. Er hat gelernt, seine verbotene Magie vor dem Volk zu verbergen. Nun ist er bereit, endlich die Welt zu bereisen. Doch schon kurz nach Aufbruch entdeckt seine Crew ein Schiffswrack, aus dem sie einen mysteriösen Fremden bergen. Tal, der ihn im Auge behalten soll, fühlt sofort eine intensive Verbindung zu dem schurkenhaften, charmanten Athlen. Bevor sich zwischen den beiden tiefere Gefühle entwickeln können, verschwindet Athlen jedoch spurlos, und Tal wird von Piraten verschleppt, die damit drohen, seine magischen Kräfte zu enthüllen. Wird es ihm gelingen zu fliehen? Und wird er Athlen jemals wiedersehen?

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Seitenzahl: 438

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Cover

Titel

Widmung

1

2

3

4

5

6

7

8

9

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Danksagung

Impressum

Übersetzung aus dem amerikanischen Englischvon Michael Krug

Für alle, die sich auf dem Meer verloren fühlen.Mögt ihr einen sicheren Hafen finden.

1  

Tal schloss die Augen, während er über den Bug gebeugt stand und alle Willenskraft aufbot, um sich nicht zu übergeben. Das Deck wogte unter seinen Stiefeln, und ihm drehte sich der Magen um. Seine Hände umklammerten das glänzende Holz der Reling so krampfhaft, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Nicht übergeben. Nicht übergeben. Nicht übergeben.

Tal hasste das Meer. Und diese Reise. Und dass sein älterer Bruder ihn endlos aufziehen würde, wenn er ihn dabei ertappte, wie er sich über die Seite erbrach.

Er atmete tief ein, bevor er erneut würgen musste. Der beißende Gestank des brennenden Wracks, das neben ihrem Kriegsschiff trieb, stieg ihm in die Nase. Tal verstärkte den Griff um die Reling, als Galle in seiner Speiseröhre brodelte.

Die Reise war bereits eine komplette Katastrophe. Er hatte seine Familie davor gewarnt, wie gefährlich es wäre, wenn er das Schloss verließe und durch das Königreich streifte. Niemand hatte auf ihn gehört.

Schließlich öffnete er die Augen und wischte sich mit dem Ärmel die Gischt aus dem blassen Gesicht. Der Stoff fühlte sich weich an seinen Wangen an. Tal hakte einen Finger unter seinen Kragen, zog daran und hoffte, so den Druck des gerafften Materials auf seinem Hals zu verringern. Doch vergebens.

Vielleicht sollte er unter Deck zu den Mannschaftsunterkünften gehen und sich in seiner Koje verstecken, bis sie den Hafen erreichten. Er könnte der Königin einen Brief schreiben und darin alles schildern, was bisher schiefgegangen war. Womöglich würde sie ihn dann nach Hause kommen lassen. Ihm war aufgefallen, dass sie zögerlich gewirkt hatte, als sie am Vortag von den Docks aufgebrochen waren. Ihre sonst so stählerne Entschlossenheit hatte für einen kurzen Moment Risse bekommen, als er ihr vom Heck zugewunken hatte.

»Tally!«

Abrupt schaute Tal auf und ließ schwankend von der Reling ab. Die hochstehende Sonne brachte das Wasser zum Funkeln. Tal blinzelte und hob die Hand, um seine Augen gegen das grelle Licht abzuschirmen, während er nach der Quelle des Rufs suchte. Das dunkle Haar fiel ihm in die Augen, und er strich es zur Seite. Der Wind wehte es prompt zurück.

»Ich habe dich gebeten, mich nicht so zu nennen.«

Sein Bruder Garrett schlenderte auf ihn zu, die Schnüre seines Hemds offen, sodass der Kragen weit offenhing. Garrett bewegte sich mit dem natürlichen Rhythmus des Schiffs, fühlte sich auf dem Deck genauso zu Hause wie in dem Schloss ihrer Familie. Er klopfte Tal herzhaft auf den Rücken. »Alte Gewohnheit.«

Tal richtete sich auf. Garrett mochte sieben Jahre älter sein, trotzdem waren sie fast gleich groß.

»Schon gut«, sagte Garrett und legte Tal den Arm um die Schultern. »Jetzt schau nicht so mürrisch drein. Ich verstehe das schon. Du bist sechzehn und willst nicht von deinen älteren Geschwistern bevormundet werden.«

Als viertes von fünf Kindern war Tal an die Sticheleien seiner Geschwister gewöhnt. Doch inzwischen ließ ihn der Gedanke nicht los, dass sie ihn wohl auf ewig verhätscheln würden. Die drei hatten sich in ihren königlichen Rollen längst eingefunden, während Tals Zukunft vorerst ungewiss blieb. Seine Schwester Isa war die Älteste und somit die Erste in der Thronfolge. Garrett leitete die Marine des Königreichs. Tals anderer Bruder Kest hatte sich einen Ruf als Gelehrter erarbeitet.

Tal hingegen war seit seiner Kindheit im Schloss abgekapselt worden und hatte im Schatten seiner Geschwister gelebt. Seine Coming-of-Age-Reise war nun die Gelegenheit, sich zu behaupten. Nur würde sich das schwierig gestalten, wenn es ihm nicht mal gelänge, den Hafen zu erreichen, an dem seine Reise losgehen sollte. Tal war sowohl besorgt als auch ungeduldig. Besorgt, weil alles Mögliche schiefgehen konnte, und ungeduldig, weil er es hinter sich bringen wollte. Doch natürlich hatte Garrett unbedingt anhalten müssen, um ein brennendes Schiff unter die Lupe zu nehmen.

Tal reckte den Hals, um einen Blick auf das schwelende Wrack zu werfen, das sie zufällig gesichtet hatten. Mit einer Holzplanke und mehreren Seilen hatten sie es an ihrem Schiff befestigt, und so trieb es an der Backbordseite neben ihnen her. Die Brände waren größtenteils gelöscht. Die Segel hingen schlaff, zerrissen und versengt von den Masten – ein einsames Geisterschiff, das unbemannt in der Bucht herumspukte, bis ein Sturm es am felsigen Ufer zerschmettern oder es Wasser fassen und langsam in den Tiefen des Meeres versinken würde. Tal wusste nicht, warum sein Bruder zu dem Schiff wollte, als der Matrose im Ausguck es gesichtet hatte. Wohl aus Pflichtgefühl. Denn trotz aller Geselligkeit war Garrett unerschütterlich loyal und befolgte die Anordnungen seiner Mutter penibel.

Das Wrack neigte sich gefährlich, und von Garretts Besatzung erhob sich Gebrüll. Seine Stellvertreterin kam herüber. Die Absätze ihrer Stiefel klackten über das Deck, ihr braunes Haar schwang in einem hohen Pferdeschwanz hin und her.

»Kommandant«, wandte sie sich an Garrett, »wir haben etwas Interessantes gefunden.« Shay hielt zwischen den Fingern eine Münze hoch. Der Blick ihrer dunklen Augen wanderte zu Tal. »Hoheit.« Sie neigte das Haupt.

Garrett zog eine Augenbraue hoch, als er ihr die Münze aus den Fingern nahm. Er schnippte sie in die Luft, fing sie mit der Handfläche auf und betrachtete sie eingehend. Nach einem Brummen reichte er sie an Tal weiter. »Was siehst du?«

»Das ist keine von uns«, sagte Tal, während er die Münze in den Fingern drehte. »Die Prägung ist aus Ossetia. Ist nicht weiter ungewöhnlich, Währungen aus Nachbarländern so nah zum Grenzgebiet anzutreffen.« Tal kniff die Augen zusammen und fuhr mit den Fingern über die erhabenen Konturen des Gesichts auf der Münze. »Sie ist nicht abgenutzt, trotzdem schon älter. Die Prägung zeigt das Konterfei des vorherigen Königs.«

»Gutes Auge. Du hast gelernt.«

Nicht freiwillig. Isa sollte nach Tals und Garretts Rückkehr mit dem Prinzen von Ossetia vermählt werden. Um einen Zwischenfall zu vermeiden, hatte Tals Lehrer ihn ständig mit der Geschichte und Kultur Ossetias bedrängt. Sehr zu Tals Verdruss, weil es Wichtigeres und erst recht Interessanteres zu lernen gab.

Zum Beispiel Magie.

»Nicht neu geprägt, aber nicht im Umlauf.« Garrett warf die Münze zurück zu Shay.

»Was bedeutet das?«, fragte sie.

»Weiß ich noch nicht.«

»Wir haben eine ganze Truhe davon.«

Garretts Augenbrauen schossen hoch. »Eine Truhe voller Gold? Zurückgelassen? Nun, das ist interessant.«

»Da ist noch mehr«, sagte Shay und trat unbehaglich von einem Bein aufs andere. Shay galt als wackerste Soldatin des königlichen Hofs. Sie war Garrett in Gefechte und Stürme gefolgt, hatte Tal als Kind beschützt und sich mit ihrer unbeirrbaren Tapferkeit einen Platz an der königlichen Tafel verdient. Sie so beunruhigt zu sehen krampfte Tals Magen zusätzlich zusammen. »Da ist etwas, das solltet Ihr Euch ansehen.« Als ihr Blick auf Tal fiel, verstummte sie abrupt und verengte die Augen leicht zu Schlitzen. »Ihr solltet auch mitkommen, Hoheit.«

Garrett lachte. »Tally hat sich gerade über die Reling übergeben. Findest du wirklich, er sollte an Bord eines stampfenden Schiffs gehen? Ich nicht.«

Shay straffte die Schultern und legte die Hand auf den Kn‍auf des Schwerts an ihrer Seite. »Natürlich, Kommandant. Bei genauerer Überlegung ist er vermutlich zu empfindlich dafür, zu sehen, was wir gefunden haben.«

Ihre Worte schürten Tals Interesse mehr als eine Münze aus makellosem Gold. Er schüttelte Garretts schweren Arm ab und trat einen Schritt vor. »Ich bin nicht empfindlich. Ich bin wie Garrett ein Prinz von Harth und entscheide selbst, was ich mir ansehe und was nicht.«

»Natürlich, Hoheit«, sagte Shay und verbeugte sich knapp. Ihre rosa Lippen verzogen sich dabei zu einem Lächeln. »Ihr kennt Eure Grenzen. Ich entschuldige mich dafür, dass ich sie in Frage gestellt habe.«

Garrett lachte. »Ach Shay, wie förmlich. Es ist nur Tally. Du kennst ihn schon, seit er ein quengelndes Kleinkind war.«

»Ich glaube, er hat Euch gebeten, ihn nicht so zu nennen. Mehrmals. Seit wir den Hafen verlassen haben ... gestern.« Shays Lächeln brach breit und verspielt aus ihr hervor.

Tal runzelte die Stirn, schob sich an ihnen vorbei und ging zur Planke zwischen den Schiffen. Die anderen an Deck herumwuselnden Besatzungsmitglieder beschrieben einen großen Bogen um ihn. Garrett respektierten sie. Er war seit Jahren ihr Befehlshaber, nachdem er als Halbwüchsiger mit den meisten von ihnen die Ausbildung durchlaufen hatte. Tal hingegen war ihnen fremd, und sie wussten deshalb nicht recht, wie sie mit ihm umgehen sollten. Sie sahen ihn an, als wögen sie seinen Wert sowohl an Bord ihres Schiffs als auch als ihr möglicher zukünftiger Herrscher ab. Höchstwahrscheinlich hatten auch sie die Gerüchte gehört. Und obwohl sich Tal mittlerweile an Argwohn ihm gegenüber gewöhnt hatte, schmeckte er ihm nach wie vor nicht.

Kränklich und verwöhnt. Jung, unerprobt, seekrank, leichtgläubig, hochmütig, magisch. All diese Dinge hatte er schon gehört, seit er vor einem Tag an Garretts Seite an Bord gegangen war und Isa ihm bei der Abfahrt vom Kai zugewinkt hatte. Sollten sie ruhig so über ihn denken. Er würde ihnen beweisen, dass sie sich irrten. Tal würde es allen beweisen, auch seinen Geschwistern. Und was das letzte – verbotene – Wort betraf: Das ging allein seine Familie und ihn etwas an.

Er trat auf die Planke und ergriff das Seil, das sich von ihrem Hauptmast zu dem des Wracks spannte. Er wollte gerade den ersten Schritt machen, da packte Shay ihn am Arm und hielt ihn auf.

»Ich gehe als Erste«, verkündete sie mit leiser Stimme. »Ich habe der Königin versprochen, Euch zu beschützen. Und das kann ich nicht, wenn Ihr ohne mich loseilt.« Anmutig und mit schwingenden Hüften trat sie auf der schmalen Planke und um ihn herum. »Folgt mir, junger Prinz.«

Tal war über die Anrede nicht erfreut, unterdrückte jedoch eine Erwiderung. Sie schritten langsam über die Planke, und er kniff die Augen zusammen, als er nach unten schaute und Wrackteile unter ihnen in der rauen See wogen sah. In diesem Moment empfand er Garretts Hand auf seiner Schulter nicht als unerwünscht.

»Geh weiter«, sagte sein Bruder leise. »Nicht nach unten schauen. So ist's gut.«

Langsam rückte Tal weiter vor, und Erleichterung durchflutete ihn, als er aufs Deck des anderen Schiffs hinabstieg, obwohl es plötzlich entschieden heftiger unter seinen Füßen schlingerte als auf Garretts Kriegsschiff. Das flaue Gefühl von zuvor kehrte zurück. Mit zusammengebissenen Zähnen widerstand er dem Drang, sich die Hand auf den Mund zu klatschen. Stattdessen schluckte er mehrmals, um die Übelkeit im Zaum zu halten. Er wollte Garrett keinen weiteren Anlass bieten, ihn aufzuziehen – oder gar einen Grund, ihn zurückzuschicken.

Mit seinem Bruder an der Seite folgte er Shay zur Kapitänsunterkunft am Heck unter dem Achterdeck. Das Glas der Fenster war zerbrochen. Die Scherben knirschten unter Tals Stiefeln.

»Endlich! Jemand, der etwas zu sagen hat.« Als Tal die Kapitänsunterkunft betrat, sah er sich einem jungen Mann gegenüber. »Nicht du«, sagte er an Tal gewandt. »Du da.« Er deutete mit dem Kopf auf Garrett, der hinter Tal stand. »Bist du der Befehlshaber? Ich verlange, freigelassen zu werden.«

Garrett strich sich über seinen rötlichen Bart. »Du hattest recht, Shay«, sagte er. »Das hier ist auf jeden Fall interessant.«

Der Junge tippelte ungeduldig mit dem Fuß und verschränkte seine Arme vor der nackten Brust. Er war groß, breitschultrig und hatte rötlich-braunes Haar, das ihm in die Stirn fiel. Das durch die zerbrochenen Fenster einfallende Licht warf schillernde Farben auf sein blasses Gesicht. Gleichzeitig betonte es das Honigbraun seiner Augen und die seltsam gemusterten Zeichen, die seinen Oberkörper zierten. Seine Hose war zu kurz für die langen Beine und endete bereits an den Waden. Seine Fußgelenke waren knochig, und er hatte bleiche nackte Füße mit knubbeligen Zehen. Um eins seiner Gelenke schlang sich eine enganliegende Eisenschelle, die an einer Kette am Boden gesichert war.

»Bist du dann fertig?«, fragte der junge Mann nun unverfroren und streckte die Arme seitlich aus. Er hatte Tals schamloses Starren natürlich bemerkt. »Wie ihr seht, bin ich keine Bedrohung.«

»Das beurteilen wir selbst«, sagte Shay, trat vor und versperrte Tal die Sicht auf den Burschen. »Was ist hier passiert?«

Er wich vor ihr zurück und zog die Schultern fast bis zu den Ohren hoch. »Was würdet ihr denn glauben?«

»Das ist kein vielversprechender Beginn«, merkte Garrett an. Er nickte den Seeleuten aus seiner Crew zu, die sich mit in der Kabine befanden. »Alle raus. Besorgt ihm ein Hemd und Stiefel.« Dann wandte er sich an den Jungen: »Weißt du, wo der Schlüssel ist?«

Der Gefangene schüttelte den Kopf. »Zuletzt habe ich ihn beim Kapitän gesehen.«

»Und der ist wo?«, fragte Garrett. Der Junge presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. Garrett nickte. »Dachte ich mir. Tja, ihr habt mich gehört«, wandte er sich an die umstehenden Matrosen. »Hemd, Stiefel und eine Axt. Wir können ihn zumindest vom Boden befreien, bevor das Wrack untergeht. Shay, du auch. Tally, bleib hier.«

Tal trat aus dem Weg, als die Seeleute Garretts Befehl folgten. Er lehnte sich an einen großen Schreibtisch in der Ecke und schluckte seinen Ärger darüber hinunter, dass man ihn wie ein Haustier behandelte. Unwillkürlich klammerte er sich an dem Möbelstück fest, während sich das Schiff weiter beunruhigend unter ihnen bewegte, mehr und mehr Wasser fasste und seinen langsamen Abstieg in die Tiefe begann.

Der junge Mann schaute stirnrunzelnd zwischen Tal und Garrett hin und her.

Garrett seufzte und strich sich mit einer Hand über das kurze Haar. »Wie heißt du, Junge?« Er benutzte dabei denselben Ton wie bei ihrer jüngeren Schwester, wenn sie aufgebracht war, und wie früher bei Tal, wenn er sich gefürchtet hatte.

Der Bursche legte den Kopf schief. »Athlen.«

»Athlen«, wiederholte Garrett, als wollte er ausprobieren, wie sich der ungewöhnliche Name auf der Zunge anfühlte. »Brauchst du irgendetwas?«

Athlen schaute erneut zu Tal, dann zu Garrett, die Verwirrung stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Wie bitte?«

»Wasser? Essen? Verbände? Offensichtlich ein Hemd ...«

»Wollt ihr etwa nett zu mir sein?«

Was für eine seltsame Frage. »Waren die hier« – Garrett deutete mit einer ausladenden Geste durch die Kabine, – »denn nett zu dir?«

Athlen zerrte an der Fußfessel. »Nicht besonders, nein.«

»Wir werden dir nicht wehtun«, platzte Tal heraus. Die offensichtliche Ungerechtigkeit nagte an ihm. Das Metall um sein Gelenk sah schmerzhaft aus. Athlens Fuß wies Blutergüsse auf, und die Kette, die ihn in der Kabine festhielt, war nicht sehr lang. Garrett beäugte den jungen Mann, als würde eine Gefahr von ihm ausgehen. Nachdenklich schweigend wog er die Lage mit militärischem Blick ab, doch Tal ließ nicht locker. »Wirklich nicht! Ich verspreche es.«

»Kannst du das überhaupt?«, fragte Athlen. »Oder« – er zeigte auf Garrett –, »sind das Entscheidungen, die er trifft?«

Verlegen und empört errötete Tal. Seine ohnehin schon bröckelnde Selbstbeherrschung ließ ihn im Stich. »Ich verspreche es.« Im nächsten Moment fegte ein heißer Windstoß durch die kleine Kabine, wirbelte den Dreck auf, verdichtete die Luft wie vor dem Grollen eines aufziehenden Sturms und verlieh Tals Worten Gewicht. Funken sprühten zwischen Tals Fingerspitzen. Hastig ballte er die Hände zu Fäusten. Aber der Schaden war bereits angerichtet.

Athlens Kopf schnellte herum. Als er Tal anstarrte, verzog sich sein Mund zu einem verhaltenen, zufriedenen Grinsen. Grübchen zeichneten sich an seinen Wangen ab. »Magie«, sagte er leise.

Tal erstarrte, entsetzt über seinen Ausrutscher.

Verwundert hob Athlen den Arm und betrachtete die feinen Härchen daran, die sich durch Tals knisternde Magie aufgerichtet hatten. Ehrfürchtig und ohne Angst trat er einen Schritt auf Tal zu. Die Kette schlitterte hinter ihm über den Boden. »Du bist magisch.« Er sprach es mit solcher Gewissheit aus, dass Leugnen wenig Sinn hatte. Trotzdem wagte Tal einen Versuch.

»Nein.« Er leckte sich über die Lippen. »Ich bin nicht ...«

»Wirklich nicht?« Athlen kniff die Augen zusammen. »Bist du sicher?« Mit schiefgelegtem Kopf näherte er sich unbeirrt mit einem weiteren Schritt.

Hilfesuchend schaute Tal zu Garrett.

»Das ist nah genug.« Garretts Befehlston bremste zwar Athlens Vormarsch, befreite Tal jedoch nicht vom eindringlichen Blick des Jungen. Athlen starrte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an, wirkte eher neugierig als ängstlich.

Garrett kniff sich in den Nasenrücken und seufzte.

»Mein Bruder hat recht. Wir werden dir nichts tun. Aber wir lassen dich erst frei, wenn wir wissen, was mit diesem Schiff passiert ist und« – Garrett hielt die Münze hoch und lenkte das Gespräch in eine andere Richtung –, »woher das hier stammt.«

Athlen wandte sich von Tal ab, schritt auf Garrett zu und hielt erst inne, als sich die Kette mit einem Ruck spannte. »He! Das gehört mir. Ich habe es gefunden.«

Garrett zog die Brauen hoch. Seine blauen Augen funkelten. »Du hast es gefunden?«

»Ja. Und du hast kein Recht, es dir zu nehmen. Es glänzt, und es gehört mir.«

»Es glänzt?«, murmelte Garrett mit gerunzelter Stirn. »Woher ist es? Von einem Schiffswrack? Oder hat es dem Kapitän gehört, und du hast ihn über Bord geworfen, um Anspruch darauf zu erheben?«

Athlen schnaubte höhnisch. »Ich habe niemandem etwas getan. Und ich habe die Truhe in der Bucht gefunden. Also gehört sie mir.«

»Ich fürchte, so läuft das bei Truhen voller königlich geprägtem Gold nicht. Warum bist du angekettet?«

»War ja klar«, brummelte Athlen. Er verschränkte wieder die Arme vor der Brust, wandte sich ab und verweigerte die Antwort.

Obwohl Garrett weiter nachbohrte, erfuhren sie von dem Jungen nichts weiter. Die Minuten zogen sich, bis Shay mit einem Hemd und einer Axt zurückkehrte. Sie warf Athlen das Hemd zu. Er starrte es an, bevor er es sich über den Kopf zog.

»Befrei ihn, Shay. Danach bringst du ihn an Bord der War Bird. Tally, komm mit.«

Tal brachte es nicht über sich, zu widersprechen. Er hatte vor einem Gefangenen ein Versprechen mit Magie besiegelt. Damit hatte er sich verraten. Schon am ersten Tag seiner Reise hatte er den Fehler begangen, vor dem seine Mutter ihn gewarnt hatte.

Shay brachte die Axt in Anschlag, während Tal mit hängendem Kopf hinter Garrett her durch die Tür hinausschlurfte. Wieder legte Garrett ihm die Hand auf die Schulter, als sie zur Planke zurückkehrten. Das Deck schlingerte bedrohlich.

Garrett zeigte auf einen dürren Matrosen mit langem Haar. »Sorg dafür, dass die Truhe auf unser Schiff kommt, bevor das Wrack untergeht. Sobald alle wieder an Bord sind, machen wir uns davon los.«

»Aye, Kommandant.«

»Du wirst die Verantwortung für ihn übernehmen«, entschied Garrett, als sie sich wieder auf der War Bird befanden. Tal öffnete den Mund, um zu protestieren, doch Garrett kam ihm zuvor. »Er ist verängstigt. Also braucht er jemanden um sich, den er als ebenbürtig betrachtet, nicht als Bedrohung. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Vielleicht kannst du ja herausfinden, was.«

»Wäre Shay dafür nicht die bessere Wahl?«

»Nein, ich vertraue darauf, dass du es schaffst.«

Tal schluckte. Er senkte die Stimme. »Tut mir leid wegen der Magie.«

»Schon gut, Tally. Mutter hat mich davor gewarnt, dass sie unberechenbar sein könnte, aber« – er schaute auf und sah sich auf dem Deck um –, »halte sie geheim. Du weißt, was passieren kann, wenn du es nicht tust.«

Tal nickte. »Ich weiß.« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und zupfte an den Spitzen. »Unter den Leuten der Besatzung kursieren schon Gerüchte. Sie sehen mich komisch an.«

»Gerüchte gibt es überall in den Königreichen. Das macht sie noch lange nicht zur Wahrheit, vor allem, wenn du keine Beweise dafür lieferst. Verstanden?«

Verlegen nickte Tal und starrte auf seine Füße. »Ja.«

»Tut mir leid, dass deine Coming-of-Age-Reise so begonnen hat. Wir machen es wieder gut, wenn wir den Hafen erreichen. Und wenn wir zu Isas Vermählung ins Schloss zurückkehren, haben wir einen Haufen derber Geschichten, die wir Kest erzählen können.«

Tal rang sich ein Lächeln ab, was ihm einen herzhaften Klaps auf die Schulter einbrachte. Sein Magen brodelte, als er zur Reling ging und beobachtete, wie Shay den jungen Mann über die Planke und anschließend hinunter in den Frachtraum führte. Die Fußfessel mitsamt der Kette war noch immer an ihn gebunden. Schließlich lösten sie die Verbindung zum Wrack und stießen es von ihrer Seite weg. Garretts Besatzung rollte die Segel ihres Schiffs auf, und kurz darauf setzte sich die War Bird mit einem Ruck in Bewegung, während sie den schwelenden Kahn zum Sinken hinter sich zurückließen.

Die Brise zerzauste Tals Haare, während das Schiff den südlichsten Hafen ihres Königreichs ansteuerte. Der erste Tag seiner Reise war unerwartet ereignisreich verlaufen. Auf einmal sollte er sich um das Wohlergehen eines fremden Jungen kümmern und ihn über eine Truhe voller Gold und ein Geisterschiff ausfragen. Und nicht zuletzt war seine Magie aufgeflammt – trotz all der Ausbildung, die er in den vergangenen Jahren hinter sich gebracht hatte, um sie geheim zu halten. Seufzend beugte und streckte er seine Finger.

Wie sollte er sich vor seiner Familie beweisen, wenn er seine Gabe nicht mal in Situationen im Griff hatte, in denen er eigentlich gar keine Anspannung verspüren sollte? Wie sollte Garrett ihm vertrauen?

Tal atmete tief durch, froh über die saubere, rauchfreie Meeresluft. Es wäre ein Anfang, einfach zu tun, was Garrett verlangte. Sein Bruder würde ihm keine Aufgabe zumuten, die er nicht bewältigen könnte. Darauf vertraute Tal. Und seine Anweisungen zu befolgen, wäre ein guter erster Schritt. Tal stählte sich, stieß sich entschlossen von der Reling ab und überquerte das Deck. Er würde nach seinem Schützling sehen.

»Ich brauche Wasser«, sagte Athlen, der abrupt den Kopf hob, als Tal zu ihm in den Frachtraum hinunterstieg.

Tal runzelte die Stirn über die Forderung und das Fehlen einer anständigen Begrüßung. Instinktiv wollte er seinen Rang als Mitglied der königlichen Familie behaupten, hielt sich dann aber zurück. Es fühlte sich seltsam erleichternd an, nicht erkannt zu werden, vor allem an Bord des Schiffs seines Bruders. Obwohl sie erst einen Tag unterwegs waren, lasteten das Gewicht der Blicke und das Getuschel der Crew bereits schwer auf seinen Schultern. Vielleicht würde Athlen ihn normal behandeln, wenn er nichts von Tals bedeutender Herkunft wusste.

»Ich bin Tal«, stellte er sich vor. Nicht Prinz Taliesin von Harth. Nicht Tally, jüngster Sohn der Königin. Nicht Tal, letzter Magier der königlichen Linie. »Ich werde mich um dich kümmern.«

Athlen schnaubte. »Als Gefangenen?«

»Als Gast.«

Athlen verzog das Gesicht und deutete auf die Umgebung. »Schönen Dank auch für die Gastfreundschaft.«

Tal sah sich um. Athlen hatte nicht unrecht. Shay hatte den Jungen in den Frachtraum unter den Besatzungsquartieren gebracht, tief in den Bauch des Schiffs. Das Holz knarrte, kaum ein Sonnenstrahl drang durch die drei Decks über ihnen, und nasse Flecken auf dem Boden und an den Wänden zeugten davon, wie feucht es in dem geschlossenen Raum war. Auch wenn man Athlen nicht gefesselt hatte, sollte er offenbar an diesem Ort bleiben.

»Ich besorgte dir eine Decke«, sagte Tal. »Und eine Hängematte. Und Essen.«

Athlen erwiderte nichts. Er saß auf dem Boden gegen eine kleine Truhe gelehnt, die Knie an die Brust gezogen. Seine knubbeligen Finger bohrten sich in den Wadenmuskel des Beins, an dem er immer noch die Eisenschelle trug. Er zuckte zusammen und verzog gequält das Gesicht. Mit argwöhnischer Miene schaute er zu Tal auf.

»Werdet ihr mich so hierbehalten, wie es die anderen getan haben? Zwingt ihr mich, Dinge zu tun?«

Tal taumelte entsetzt einen Schritt zurück. »Nein!«, antwortete er sofort. Er hob beschwichtigend die Hände. »Nein, wir wollen nur Auskünfte von dir. Wir ... wir sind keine Piraten.«

Athlen zog eine Augenbraue hoch. »Lasst ihr mich gehen?«

»Ja.«

»Wann?«

»Wenn wir im Hafen sind und du uns von dem Gold und dem Schiff erzählt hast.« Athlen verengte die Augen zu Schlitzen. »Hier.« Tal bot ihm einen Wasserschlauch an. Vielleicht würde sich Athlen durch eine freundliche Geste entspannen können. »Bist du verletzt?«

Zögerlich nahm Athlen das Wasser entgegen. Er zog den Korken heraus und trank einen ausgiebigen Schluck. Sein Adamsapfel hüpfte auf und ab, und sein blasser Hals wölbte sich vor. Als er sich die Resttropfen vom Mund wischte, verzog er das Gesicht zu einer Grimasse. »Schmeckt abgestanden.«

Tals Mundwinkel krümmten sich. »Wir sind erst gestern in See gestochen.«

»Ich bin nicht verletzt.« Athlen wechselte das Thema. Das spärliche Licht fing sich in seinen großen Augen und betonte deren Honigfarbe. »Nur Muskelkater plagt mich. Ich bin es nicht gewohnt, so lange auf den Beinen zu sein.« Er wackelte mit den Zehen. Die Kette klirrte auf dem Boden. »Du bist magisch.«

»Pst!«, zischte Tal. Obwohl er wusste, dass sich außer ihnen niemand im Frachtraum aufhielt, sah er sich unwillkürlich um. Dann beugte er sich näher zu dem Jungen. »Nicht.«

Athlen stand auf und wirkte dabei seltsam anmutig. Als er sich streckte, krümmte sich seine Wirbelsäule, wie Tal es nur von Akrobaten kannte, wenn sie im Palast auftraten. Er kam Tal näher, als ihm lieb war. Dabei bewegte er sich eigenartig, als würden seine Gliedmaßen nicht ganz zum Körper passen. In einem Augenblick wirkte er unbeholfen und unsicher und im nächsten flink und wendig. Aus der Nähe roch Athlen nach Seetang, Salz und frischem Meereswind. Der Duft erinnerte Tal an tiefes Blau, kühles, rauschendes Wasser, an die Strände in der Nähe des Palasts, an glatte Steine und wirbelnde Strudel und den groben Sand unter den Sohlen seiner nackten Füße.

»Warum?« Athlen legte den Kopf in den Nacken, schaute an die Decke und deutete mit dem Kinn in Richtung der Besatzung. »Wissen sie es nicht?«

»Nein.«

Er kam noch näher und stupste Tal in die Schulter. »Fürchten sie sich?« Seine Lippen verzogen sich zu einem schelmischen Grinsen, während sein Blick über Tals Körper wanderte. »Vor dir?«

Tal spürte, wie er errötete. Hitze stieg ihm in die Wangen, sein Herz flatterte. »Nein. Ich bin nicht ...«

»Dann wohl vor der Magie, richtig?«

Ein Kloß bildete sich in Tals Hals. Ja, wollte er sagen. Ja, sie haben Angst vor Magie. Vor mir.

Was überraschenderweise auf Athlen nicht zutraf. Während die Besatzung einen großen Bogen um Tal machte, bedrängte Athlen ihn förmlich, ohne Rücksicht auf mögliche Gefahr oder persönlichen Freiraum. Schon auf dem Wrack hatte sich Athlen ihm zugewandt gezeigt, anstatt ihn zu meiden. Er wirkte vor allem neugierig, und das fühlte sich ... anders an. Ein Kribbeln breitete sich in Tals Bauch aus, und diesmal hatte es nichts mit seiner Seekrankheit zu tun.

»Du nicht?«

»Sollte ich denn?«, fragte Athlen aufrichtig und voller Neugier.

Tal öffnete den Mund, schloss ihn dann aber wieder, weil er nicht wusste, was er darauf erwidern sollte. Er rieb sich mit der Hand übers Gesicht. »Es ist nicht ...« Tal verschränkte die Arme vor der Brust. Der Junge hatte ihn auf dem falschen Fuß erwischt. »Ich bin nicht ... es gibt keine ...«

»Oh.« Athlen lächelte traurig. »Also bist du der Einzige?«

Tal holte tief Luft und starrte aufs Deck. Sein Herz schlug so schnell wie die Flügel eines Kolibris, und seine Handflächen wurden feucht vor Schweiß. Mit gerunzelter Stirn presste er die Worte durch seine Kehle, die sich plötzlich wie zugeschnürt anfühlte. »Bestimmt weißt du, dass es lange keine echte Magie mehr gegeben hat. Und der letzte Magier hat ... Unaussprechliches getan.« Tals Magen zog sich zusammen. Seine Familie und sein Lehrmeister hatten ihn eindringlich davor gewarnt, irgendjemandem zu verraten, was er war. Und doch war es diesem fremden Jungen mit seinen großen Augen gelungen, es Tal mit wenigen Sätzen zu entlocken. »Ich will nicht weiter darüber reden. Es ist jetzt an der Zeit, dass du redest.« Athlen entfernte sich mit hängenden Schultern, wirkte plötzlich verletzlich. »Was ist mit dem anderen Schiff passiert?«

Athlen nestelte nervös und mit flinken Fingern an den Knöpfen seines Hemds. »Sturmböe«, antwortete er nach einer langen Pause. »Ich habe versucht, sie zu warnen. Aber sie haben nicht auf mich gehört. Sie waren keine Seeleute wie« – er schwenkte die Hände –, »deine Leute. Ein Blitz ist in den Mast eingeschlagen, und sie sind in den Beibooten geflohen.«

»Sie haben dich zum Sterben zurückgelassen?«

Athlen zuckte mit den Schultern. »Ich hatte meinen Zweck erfüllt.«

»Wie lange bist du mit dem Schiff getrieben?«

»Drei Sonnenaufgänge.« Er hob den Fuß an. »Ich kriege das hier nicht ab. Auf Metall verstehe ich mich nicht gut.«

Ein Bluterguss umschloss Athlens Fußgelenk und erstreckte sich bis zum Fußrücken. An mehreren Stellen hatte das Eisen die Haut wundgescheuert. Tal ballte die Hände zu Fäusten. Drei Tage. Drei Tage gefangen an Bord eines schwelenden Wracks, während es Wasser fasste und umhertrieb, ständig in Gefahr, zu verdursten und zu ertrinken, ganz zu schweigen davon, zu verbrennen. Tal konnte es sich gar nicht vorstellen. Wollte es auch nicht. Es kam einem Wunder gleich, dass Athlen überlebt hatte.

»Warum warst du auf dem Schiff? Was hattest du vor?«

Athlens Züge verfinsterten sich. Er wandte sich von Tal ab. »Sag dem Befehlshaber, dass ich freigelassen werden will. Ich habe nichts Unrechtes getan.«

Der Stimmungswechsel von argwöhnisch über liebenswert zu wütend überrumpelte Tal. Er zupfte an seinen Ärmeln und tat so, als würde er sie zurechtrücken, um seine Überraschung zu verbergen. »Ich richte es ihm aus.« Als sich Tal zum Gehen wandte, packte Athlen ihn am Arm. Starke Finger schlangen sich um Tals Ellbogen.

»Warte.« Tal hielt inne. Athlen leckte sich über die Lippen. »Kannst du sie mir abnehmen? Mit deiner Magie?«

Tals Augenbrauen schossen in die Höhe. »Ich soll nicht ...«

»Bitte.« Sein Blick schnellte von Tal zu den Stufen, die an Deck führten. Ein Windstoß zerzauste sein kupferfarbenes Haar. »Wenn du mich befreist, erzähle ich dir alles. Du weißt, dass ich nicht zu ihnen gehört habe, und sie hatten mich wochenlang in ihrer Gewalt. Ich weiß, was sie vorhatten. Und ich weiß, woher sie das Gold hatten.« Er schaute zu Tal auf, die Augen feucht vor unvergossenen Tränen. »Bitte.«

Tal legte die Hand auf Athlens Finger und löste sie von seinem Arm. Er sollte es nicht tun. Seine Magie war nicht für Belanglosigkeiten gedacht. Aber Garrett hatte recht. Athlen war verängstigt. Und wütend. Ein Opfer, und das Eisen um sein Fußgelenk erinnerte ihn ständig daran. Tal konnte ihn davon befreien. Er sollte ihn davon befreien. Bei dieser Reise ging es darum zu lernen, eigene Entscheidungen zu treffen, und das würde seine erste sein. Er würde seine Magie für eine gute Tat einsetzen.

»Du hast versprochen, ihr würdet mir nicht wehtun. Das hier« – Athlen deutete auf die Eisenschelle –, »tut aber weh.«

Die Magie brodelte unter Tals Haut, als Athlen auf das Versprechen pochte. »Setz dich«, forderte Tal ihn schroff auf.

Athlen eilte zurück zur Truhe und stützte vertrauensvoll den Fuß auf den Deckel. Beim Anblick der gebückten Haltung des jungen Mannes flammte Tals Beschützerinstinkt auf. Er schluckte nervös, als er die Hand ausstreckte und seine Finger spreizte. Dann holte er einmal tief Luft und beschwor die Magie in seine Hand. Er bündelte die gesamte Aufmerksamkeit auf die Metallschelle und konzentrierte sich darauf, sie zu zerbrechen, während die Magie durch seinen Körper wirbelte. Hitze sammelte sich in seiner Mitte und raste durch seine Wirbelsäule bis in die Fingerspitzen. Dann richtete er die Hand auf das Metall, von dem ein geballtes Gewirr aus Funken schoss.

Die Fußfessel färbte sich kirschrot, leuchtete greller und greller, bis sie schließlich zerbarst. Splitter spritzten mit so einer Wucht davon, dass sie sich ins Deck bohrten.

Athlen starrte ihn mit großen, dankbaren Augen an. Dann breitete sich ein Lächeln über seine Züge aus, ein Anblick wie die Sonne, die durch die Wolkendecke hervorbrach. Und auch die Grübchen auf seinen Wangen zeigten sich erneut. Wieder wirbelte in Tals Bauch etwas völlig anderes als Seekrankheit.

»Das war unglaublich!«

»Habe ich dir wehgetan?«

»Nein.« Athlen beugte den Fuß, streckte die Zehen durch und rieb mit der Hand über die nackte Haut. »Danke. Danke, Tal.«

Zum ersten Mal seit der Abreise am Vortag stahl sich ein Grinsen auf Tals Gesicht. »Gern geschehen.«

Athlen sprang auf und ergriff mit beiden Händen Tals Hand. Tal unterdrückte den Drang, zurückzuzucken. Stattdessen erstarrte er mit angespannten Muskeln, während der junge Mann seine Handfläche umdrehte und sie eindringlich und ernst betrachtete. Stirnrunzelnd strich er mit schwieligen Fingerspitzen erst über die glatte Haut zwischen Tals Fingern, dann an der Unterseite des Handgelenks entlang. Seine Berührung fühlte sich ungewöhnlich kühl an. Noch nie zuvor hatte jemand Tal auf eine solche Weise berührt, so unangemessen und staunend. Nicht mal seine Familie. Sein Herzschlag donnerte durch seine Ohren. Athlen hob sich Tals Hand näher vors Gesicht. Sein Atem hauchte warm und rhythmisch auf die Haut, bevor er einen Kuss auf die Handfläche drückte. Seine Wimpern flatterten dabei gegen Tals Finger, der daraufhin abgehackt den Atem ausstieß.

»Deine Magie ist wundervoll«, flüsterte Athlen. »Ich werde dich nicht vergessen.«

Tal brachte kein Wort heraus, doch er war überzeugt davon, dass Athlen seinen rasenden Puls unter der dünnen Haut des Handgelenks sehen konnte.

Das Geräusch von Schritten, die sich der Treppe näherten, unterbrach den Moment, und die beiden jungen Männer sprangen auseinander. Tals Wangen wurden so rot wie die untergehende Sonne und fühlten sich genauso heiß an.

»Du bist schon eine ganze Weile hier unten, Tally«, sagte Garrett, als er den Frachtraum betrat. »Ist alles in Ordnung?«

»Ja.« Das Wort drang zittrig und atemlos heraus. Am liebsten hätte sich Tal in die Bilge verkrochen.

»Tal hat mich befreit«, meldete sich Athlen zu Wort und zeigte auf sein Bein.

Garretts Augenbrauen zuckten angesichts der vertraulichen Verwendung des Namens. Hastig setzte Tal zu einer Erklärung an.

»Ich habe die Eisenfessel zerbrochen. Er hat gesagt, dass er uns von dem Gold und dem Schiff erzählt, wenn wir ihn befreien. Dafür hat er mir geschildert, wie das Schiff zerstört worden ist.« Garretts Gesichtsausdruck blieb unverändert. »Er ist drei Tage lang umhergetrieben«, fuhr Tal fort, der das überwältigende Bedürfnis verspürte, sich zu rechtfertigen und Garrett davon zu überzeugen, dass es richtig gewesen war, seine Magie zu wirken. »Er braucht Essen und Wasser und ...«

»Licht«, fügte Athlen hinzu. Er zeigte nach oben. »Licht und Luft bitte.«

Mit in die Hüften gestemmten Händen schaute Garrett zwischen den beiden hin und her. Belustigung funkelte in seinen Augen. Schließlich zeigte er mit dem Finger auf Athlen. »Ein paar Minuten frische Luft, dann Wasser und Essen in meiner Unterkunft, wo du reden wirst.«

Athlen nickte schnell, und nachdem Garrett in Richtung Ausgang deutete, huschte er zur Treppe. »Tal, hm?«, wandte sich Garrett nun an seinen jüngeren Bruder.

Tal vergrub das Gesicht in den Händen. »Könntest du das bitte sein lassen?«

Garretts Lachen dröhnte durch den geschlossenen Raum, und er schmunzelte, als sie hinauf zum Oberdeck gingen. Tal folgte ihm mit hochrotem Gesicht, während sich ihm der Magen zu gleichen Teilen vor Verlegenheit und Aufregung umdrehte.

Als Tal oben ankam, erblickte er Athlen neben dem Hauptmast. Der junge Mann warf den Kopf zurück und atmete tief die frische Meeresbrise ein. Die Sonne schien so auf seine freiliegende Haut, dass er geradezu übernatürlich wirkte, wie eine schimmernde Marmorstatue an der Einfahrt zu einer Bucht, mit dem Himmel als Hintergrund und dem Meer zu seinen Füßen. Und einen Moment lang hätte Tal schwören können, dass er einen roten Schimmer über Athlens Körper huschen sah, als würde sich der Sonnenuntergang auf seiner Haut spiegeln.

Athlen drehte sich ihnen zu. Er lächelte breit und glücklich. Wieder zeigten sich die Grübchen auf seinen Wangen, und seine Augen funkelten.

»Danke, Tal«, sagte er. Dann rannte er los.

Tal zögerte keine Sekunde und preschte hinter ihm her, streckte sich nach ihm aus, verfehlte jedoch Athlens Hemdzipfel knapp.

Garrett brüllte seiner Besatzung Befehle zu, aber Athlen erwies sich als schnell und beweglich. Er wich den ausgestreckten Armen aus und riss sich geschickt los, wenn ihn doch ein Seemann zu fassen bekam. So schaffte er es bis zum Heck, sprang über die Reling und balancierte am äußeren Rand der War Bird.

»Athlen! Nicht!« Tal drängte sich mit ausgestreckter Hand durch die Menge.

Athlen zog sein Hemd aus und warf es zurück aufs Deck. Er schenkte Tal einen letzten Blick und zwinkerte ihm zu. Dann sprang er in die Tiefe.

»Mann über Bord!«, rief einer der Matrosen.

Tal rannte zur Reling und wollte hinterherspringen, doch Garrett packte ihn um die Mitte und hielt ihn zurück. »Nein, Tal, nicht«, sagte er, als sich sein Bruder mit aller Kraft wehrte.

»Aber er ist gesprungen. Er ...« Tal spähte hinab in das aufgewühlte blaue Wasser. Sein Blick suchte das schäumende Nass ab, doch er entdeckte keine Spur von Athlen. Kein Aufblitzen von Stoff oder Haut. Er tauchte nicht wieder auf.

»Lasst die Boote!«, rief Garrett. »Er ist weg.« Garrett ließ von Tals Mitte ab, behielt jedoch eine Hand an seinem Arm.

»Er ... warum? Was ...« Tal drehte den Kopf und sah Garrett in die Augen. Der Kummer und das Mitgefühl, die er darin entdeckte, ließen ihn zusammenzucken. »Ich verstehe das nicht.«

Garrett schüttelte traurig den Kopf. »Ich hoffe, das wirst du auch nie.«

Tal schluckte und blickte wieder aufs Meer. Da der Wind die Segel blähte, lag die Stelle, an der Athlen gelandet war, bereits ein gutes Stück hinter ihnen und wurde vom Kielwasser der War Bird geglättet. Tal kniff die Augen zusammen. Hatte er dort gerade etwas Rotes unter der Oberfläche aufblitzen sehen? Nein. Vermutlich handelte es sich nur um die Brechung des Lichts, das auf das Wasser schien, während die Sonne ihren Abstieg zum gekrümmten Horizont begann.

Betrübt blieb er an der Reling stehen, noch lange, nachdem sein Bruder längst an die Arbeit zurückgekehrt war. So lange, bis auch das letzte Tageslicht der Dämmerung wich.

2  

Tal wischte sich mit dem Ärmel die Feuchtigkeit von der Wange. Er war ein Prinz von Harth. Als solcher brauchte er nicht wegen merkwürdiger junger Männer zu weinen, die ihn erst zum Lächeln brachten und dann verschwanden. Es würde andere geben. Und andere Menschen, die durch seine Entscheidungen als Mitglied der königlichen Familie leben oder sterben würden. Athlen war nur der Erste.

Das gehörte zu den Lektionen, die seine Mutter ihn bei dieser Reise lernen lassen wollte, bei seinem Übertritt ins Erwachsenenalter.

Wenn Isa von ihrer Reise erzählte, prahlte sie stets mit dem Schabernack, den sie mit ihren Zofen getrieben hatte. Garrett schilderte die seine immer laut und ungestüm. Seine Geschichten kannte man im gesamten Schloss als die unanständigsten. Kest äußerte sich über seine Erlebnisse eher zurückhaltend, aber liebevoll. Das Nesthäkchen Corrie war drei Jahre jünger als Tal und wartete bereits ungeduldig darauf, selbst Erfahrungen zu sammeln.

Warum musste ausgerechnet Tal derjenige sein, bei dem die Coming-of-Age-Reise mit einer Tragödie begann?

Er starrte auf den Brief an seine Mutter, den er geschrieben hatte. Darin nahm er über die bisherige Reise kein Blatt vor den Mund. Seit der Begegnung mit Athlen langweilte Tal sich. Die letzten zwei Tage hatte er sich damit abgelenkt, unter Deck ein Buch über Magie zu lesen, doch er war froh, dass sie innerhalb der nächsten Stunde in den Hafen einlaufen würden. Garrett hatte ihm versprochen, dass es anders werden würde, sobald sie an Land gingen.

Seufzend hielt Tal die Hand über das Pergament. Er beschwor seine Magie herauf, und die Buchstaben begannen, golden zu leuchten. Tal murmelte eine vertraute Formel. Mit einem Funkenwirbel verschwanden die Worte und ließen die Seite wie neu zurück.

»Praktisch«, meinte Garrett, der am Eingang stand. »Wo landen sie?«

Tal gelang es, nicht vor Schreck zusammenzuzucken. Er strich das Pergament mit den Handflächen glatt. »In Mutters Arbeitszimmer. Auf ihrem Schreibtisch liegt ein leeres Pergament, das die Buchstaben aufnimmt.«

Garrett nickte. »Ich bin froh, dass du die Gabe empfangen hast«, sagte er. »Wenn sie schon nach Urgroßvater wieder in unserer Linie landen musste, dann am besten bei dir.«

Tal schürzte seine Lippen. »Weil ich der Vierte bin. Wenn irgendetwas schiefgeht, dann trifft es wenigstens nicht den Thronerben.«

Sichtlich empört trat Garrett ganz in den Raum ein und schloss die Tür. »Das also denkst du?« Vorwurfsvoll zeigte er mit dem Finger auf Tal. Der drehte sich nur schulterzuckend auf der Sitzbank seinem Bruder zu. »Tally.« Garrett ließ sich auf der Koje ihm gegenüber nieder und sprach mit leiser Stimme. »Ich bin deshalb froh, dass du sie hast, weil du nach zwei Tagen immer noch um diesen Jungen trauerst.«

Tal versteifte den Körper. »Tu ich nicht.«

»Das ist aber völlig in Ordnung. Es ist nicht schlimm, traurig zu sein.«

Tal zupfte an einem Faden seiner Hose. »Du bist es nicht.«

Garrett seufzte. »Ich habe schon mehr gesehen als du. Aber das heißt nicht, dass ich nicht aufgewühlt bin. Ich verberge es bloß besser.« Sonnenstrahlen drangen durch die Fensterläden herein und tauchten Garrett in Streifen aus Licht und Schatten. »Ich bin froh, dass du die Gabe hast, weil du ein guter Mensch bist. Manchmal kannst du eine kleine Nervensäge sein, aber von uns fünf hast du das weichste Herz. Das ist eine gute Eigenschaft, wenn man so viel Macht besitzt.«

Tal öffnete eine Hand und ließ eine kleine Flamme darauf entstehen. »Nicht besonders viel Macht. Ich beherrsche nicht mal annähernd genug, um Isa nützlich zu sein, wenn sie Königin wird.« Er beugte die Finger und löschte das Feuer. »Das heißt, falls sie mich überhaupt braucht.«

»Du bist jung. Du hast noch reichlich Zeit zum Lernen.« Garrett schmunzelte. »Weißt du noch? Kest konnte seine Verwandlungen jahrelang nicht kontrollieren. Wenn wir in der Stadt unterwegs waren und er ein hübsches Mädchen gesehen hat, waren plötzlich überall Federn, und ich hatte einen krächzenden Vogel statt meines Bruders neben mir.«

Ihr Bruder Kest besaß die seltene Fähigkeit, sich in ein Tier zu verwandeln. Sie beruhte ebenfalls auf Magie, unterschied sich jedoch von Tals Gabe. Während Tal seine angeborene Macht vielseitig einsetzen konnte, beherrschte Kest nur diese eine Spielart. Viele königliche Höfe betrachteten sie als billigen Trick, andere als Fluch. Kest hingegen schätzte sie als Geschenk, seit er sie gemeistert hatte.

Tals Mundwinkel krümmten sich zu einem verhaltenen Lächeln. »Ich erinnere mich etliche Fasanenwitze beim Abendessen.«

Garrett prustete los und schlug Tal spielerisch aufs Knie. »Oh, darüber ist er immer so wütend geworden. Und Isa hat dann noch gemeint, er soll sich nicht so aufplustern.«

Tal rutschte ein lautes Lachen heraus. Prompt schlug er sich die Hand auf den Mund. Die Brüder schmunzelten zusammen, und Tal genoss den Augenblick. Wegen ihres Altersunterschieds hatte Tal nie Gelegenheit gehabt, viel Zeit mit Garrett zu verbringen. Als Tal noch klein war, hatte Garrett bereits mit den Rittern trainiert, und als Tal heranwuchs, hatte sich Garrett bereits viel auf See herumgetrieben.

»Mach dir keine Sorgen um Isa«, sagte Garrett nun. »Unsere Mutter ist schon seit vielen Jahren eine Königin ohne Magier und ohne König.« Tal rieb sich mit der Hand über die Stirn. Ihr Vater war gestorben, als Tal noch ein Kleinkind war. Seine einzigen Erinnerungen an ihn waren flüchtige Eindrücke einer warmherzigen Stimme und freundlicher Augen. »Isa wird ja ihren Verlobten haben. Außerdem Kest und mich. Und auch dich, wenn deine Fähigkeiten gebraucht werden. Aber erst, wenn du bereit bist. Sonst läuft alles weiter wie bisher.«

Tal zuckte zusammen. »Also ist das mein Los?«, fragte er mit leiser Stimme. »Entweder versteckt oder benutzt zu werden?«

»Nein, so habe ich das nicht gemeint.«

»Ach nein?« Tal legte die Stirn in Falten und drehte den Siegelring an seinem Finger. »Wir dürfen nicht riskieren, dass die anderen Königreiche erfahren, was ich bin. Also muss ich vorsichtig sein. Und das ist man am besten, indem man nicht gesehen wird. Trotzdem muss ich verfügbar bleiben, falls Mutter oder Isa nach mir rufen, um mich der Welt zu offenbaren. Wahrscheinlich als Drohung, als jemanden, den es zu fürchten gilt. Als Werkzeug der Zerstörung.«

»Wenn Frieden herrscht ...«

»Allein meine Existenz bedroht den Frieden!« Tal ließ die Hand auf den Tisch niedersausen. Garrett schaute weg. »Selbst wenn ich Hofmagier werde, will ich nicht tun müssen, was er getan hat. Das werde ich nicht. Noch nicht mal für Isa.«

»Ich würde ja gern sagen, dass sie es nicht von dir verlangen wird. Aber bei den derzeitigen politischen Spannungen weiß ich beim besten Willen nicht, was passieren wird.«

Damit verflog der unbeschwerte Augenblick zwischen ihnen, und Tal starrte auf seine Hände. Mit einem Stechen im Herzen entschied er, niemals zuzulassen, dass seine Magie zu einer Waffe werden würde, auch nicht für die eigene Familie. Er würde sich eher in einen Turm einsperren oder verbannen lassen, als zu dem Monster zu werden, das sein Erbe angeblich für ihn vorsah.

»Tally ...«

In dem Moment steckte Shay den Kopf in die Kabine herein. »Wir legen bald an, Kommandant.«

Garrett stand auf. Er zerzauste Tal das dunkle Haar, als er ging. »Mach dir keine Sorgen, Tal. Schieb diese Gedanken erst mal weg. Wir sind auf deiner Coming-of-Age-Reise, und ich verspreche dir, sie wird genauso ausgelassen wie meine, solange ich etwas zu sagen habe. Man wird sich Geschichten darüber erzählen. Barden werden Epen darüber verfassen.«

Tal bedachte ihn mit einem matten Lächeln. Wenigstens würde Tal in Garretts Geschichten der Held sein, nicht der Schurke, wie es alle befürchteten.

Im Hafen der Stadt Bayton dümpelten reihenweise große Schiffe. Ihre Masten schienen das Blau des Himmels zu streifen.

Aber Tal schaute nicht auf, als er den Steg entlanglief. Mürrisch trat er mit der Stiefelspitze gegen eine Muschel. »Im Hafen wird es so lustig«, ahmte er spöttisch Garretts Stimme nach. »Jetzt geh den Markt erkundigen, während ich wichtige Marinesachen erledige.«

Shay folgte knapp hinter ihm und bewachte ihn wie üblich. Er wusste, dass sie ihn hören konnte, aber es war ihm egal. An einem heißen Tag nach drei endlosen Seetagen über den Markt zu schlendern entsprach nicht seiner Vorstellung von den epischen Abenteuern, die Garrett ihm versprochen hatte. Auch wenn er ursprünglich gar nicht zu dieser Reise hatte aufbrechen wollen, mittlerweile freute er sich darauf, Dinge wie Architektur und alte Ruinen zu erkunden – oder sogar magische Artefakte, wenn es ihm gelänge, unbemerkt danach zu suchen. Er hätte nichts gegen ein kleines Abenteuer gehabt. Aber durch einen nach Austern stinkenden Markt am Meer zu schlendern, auf dem Verkäufer lauthals ihre Ware anpriesen, das hätte er auch zu Hause gekonnt. Das Schloss lag ja nicht weit vom Meer entfernt. Corrie und er hatten sich oft vor ihren Lehrern versteckt und waren ausgebüxt, um die Stadt zu erkunden, natürlich immer dicht gefolgt von Shay.

Das war, bevor sich seine Magie gezeigt hatte. Bevor man ihn im Schloss weggesperrt und ihm verboten hatte, es zu verlassen. Bevor Vergeltung von anderen Königreichen gedroht hatte, falls sie herausfänden, dass er das Erbe seines Urgroßvaters in sich trug.

Tal schob die Hände tiefer in die Hosentaschen. Seine Weste und sein Halstuch hatte er in seiner Truhe an Bord des Schiffes gelassen. Wie Garrett es oft tat, wollte er weniger wie ein Prinz und mehr wie ein Seemann aussehen. Sein schwarzes Haar kräuselte sich um die Ohren und fiel ihm in die Augen. Bei jedem Tritt gegen eine Muschel oder einen Stein schrammten seine Stiefel über den Boden.

Mit hängenden Schultern spürte er Shays missbilligenden Blick als ein Kribbeln im Nacken.

Tal horchte erst auf, als eine klare Stimme aus dem allgemeinen Lärm auf dem Markt herausstach. Sofort schien seine üble Laune wie verflogen. »Ich verstehe das nicht! Das sollte doch reichen. Warum ist es nicht genug?«

Er hob den Kopf und sah sich suchend um. In der Nähe eines Stands mit medizinischen Waren – Kräuter, Tränke und verschiedene Heilmittel waren dort zu finden – gab es einen Tumult. Tal kannte diese Stimme. Sie spukte ihm seit drei Tagen jedes Mal durch den Kopf, wenn er an die leichtsinnige Entscheidung dachte, seine Magie für eine Fußfessel aus Eisen einzusetzen. Nur konnte das nicht sein. Athlen war ertrunken. Und selbst wenn er irgendwie überlebt hatte, gab es keine vernünftige Möglichkeit, wie er den Hafen vor der War Bird hätte erreichen können. Niemand konnte so lange schwimmen. Zweifellos hätte ihn unterwegs Erschöpfung übermannt. Tals unangebrachter Kummer musste seinen Sinnen einen Streich spielen.

Unabhängig davon schien irgendetwas nicht in Ordnung zu sein, und er betrachtete es als seine Pflicht, der Sache auf den Grund zu gehen.

»Tut mir leid, Junge. Wenn du die Medizin willst, musst du mir etwas mit einem Wert bringen.«

»Die hier haben einen Wert. Das weiß ich genau. Stimmt's etwa nicht?«

Tal trat näher und tat so, als würde er die Waren eines Schmuckhändlers begutachten, während er mit verstohlenen Blicken zu beobachten versuchte, was sich an dem anderen Stand abspielte. Dabei kam ihm eine Menschenmenge in die Quere, die sich um den Tumult herum versammelte. Tal schnaubte frustriert und verdrehte die Augen. Schließlich schob er sich an einem größeren Mann vorbei – und erstarrte.

Er war es tatsächlich.

Tals Herz zog sich zusammen. Bei Athlens Anblick rangen in ihm Wut und Erleichterung unter der Krempe seines zu großen Huts miteinander. Er stand an der Theke, fuchtelte lebhaft mit den schwieligen Händen und diskutierte mit dem Händler. Er trug eine Hose, die ihm nicht ganz passte, aber wenigstens lang genug war. Unten lugten nackte Füße hervor. Sein weißes, wallendes Hemd erinnerte Tal an ein Segel. Sein lächerlicher Hut flatterte ihm ins Gesicht, verbarg jedoch nicht die grellroten Flecken auf seinen Wangen. Als er den Kopf hob, erhaschte Tal einen Blick auf zerknirscht nach unten gezogene Mundwinkel und hängende Schultern. Athlen wirkte niedergeschlagen.

Der kleine Händler hatte schütteres Haar und einen geradezu peinlichen Schnurrbart. Mit einer makellosen rosa Perle zwischen zwei Fingern beugte er sich vor. »Die ist wertlos«, behauptete er.

Tal zog eine Augenbraue hoch und trat noch näher. Die Perle war mehr wert als alles an dem Stand. Was führte der Händler im Schilde?

»Bitte«, flehte Athlen mit verzweifeltem Unterton in der Stimme. »Die Mutter meiner Freundin ist krank. Sie braucht die Medizin zum Atmen. Das ist alles, was ich habe.«

Der Händler strich sich über den Schnurrbart. »Tut mir leid, Freundchen.«

Athlen stieß einen frustrierten Laut aus und ballte die Hände zu Fäusten. »Ich kann mehr beschaffen«, sagte er. »So viel wie nötig.«

Ein gieriger Ausdruck trat in die Augen des Händlers.

Darum also ging es. Tal drängte sich nach vorn. Er kehrte hervor, was er an königlicher Überheblichkeit und Arroganz besaß, reckte das Kinn vor und setzte eine strenge Miene auf.

»Was ist hier los?«

Athlen erschrak und drehte sich zu Tal. Sein Gesichtsausdruck wandelte sich innerhalb eines Wimpernschlags von Verblüffung in Dankbarkeit. Trotz des Gedrängels rund um den Stand des Händlers nahm Tal aus dieser Entfernung Athlens unverkennbaren Geruch wahr. Er roch nach Meer – nach Salz, Gischt und Schaum.

»Der Junge hier stiftet Unruhe.«

»Unruhe?«, hakte Tal nach. Über Athlens Schulter erspähte er eine Vielzahl von ausgebreiteten Dingen – eine Handvoll Goldmünzen mit einer für Tal unbekannten Prägung, drei makellos runde Perlen, bunte Meerglassplitter, Haifischzähne, einen kleinen verrosteten Dolch. »Ich sehe keine Unruhe. Aber ein Problem«, fügte Tal hinzu und bedachte den Händler mit einem finsteren Blick.

Der Mann räusperte sich und änderte den Ton. »Nein, schon gut. Es gibt kein Problem.« Dann legte er schnell die Perle beiseite.

Tal sah Athlen an. »Gibt es hier ein Problem?«, fragte er, nun deutlich milder.

»Die Mutter meiner Freundin ist krank«, antwortete Athlen. Er fuhr sich mit dem Ärmel übers Gesicht. »Sie hört einfach nicht auf zu husten. Meine Freundin sagt, sie braucht Medizin. Sie können sie sich nicht leisten, deshalb versuche ich, sie zu kaufen, aber ...« Matt deutete er auf die Fülle der Gegenstände.

Tal nickte und betrachtete das Chaos vor sich.

Dann wählte er eine Perle aus und legte sie vor den Händler.

»Gib ihm alles, was er verlangt.«

»Na ja, Herr, diese Perle reicht nicht für die Sachen, die er will, vor allem nicht für die Wurzel. Um diese Jahreszeit ist sie rar und ...«

Mit finsterer Miene wischte Tal die Einwände weg, und der Händler verstummte abrupt. Tal griff in den kleinen Beutel an seiner Seite und holte ein Stück Familiengold heraus, geprägt mit den königlichen Insignien. Er legte es neben die Perle. Dann tippte er mit jenem Finger darauf, an dem unübersehbar sein Siegelring prangte.

»Königlich«, stieß der Händler atemlos hervor.

»Prinz Taliesin«, stellte Tal klar. »Jüngster Sohn von Königin Carys.«

Die Augen des Mannes wurden groß. Gleichzeitig breitete sich durch die Menge der Umstehenden ein leises Gemurmel aus, wie ringförmige Wellen in einem Teich. Shay würde davon nichts halten. Garrett zweifellos schon.

Der Händler verneigte sich. »Hoheit, es ist mir eine Ehre, dass Ihr meinen bescheidenen Stand besucht.«

»Gib dem Jungen, was er will.«

»Ja, natürlich.« Er eilte davon und packte die gewünschte Ware in einen Beutel.

Athlens Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Prinz?«

Tal zuckte mit den Schultern. »Ist nichts Besonderes.«

»Doch, ist es wohl.« Athlen lächelte mit funkelnden Augen. »Damit hast du mich schon zweimal gerettet. Ich sollte dir danken.«

»Bitte nicht.«

Athlen legte den Kopf schief. Während seine sanften braunen Augen Tal musterten, tippte er sich mit den Fingerspitzen an den Mund. »Ich weiß was«, sagte er schließlich und schnippte mit den Fingern. Er durchwühlte seine Sammlung und fischte einen gezackten Haifischzahn heraus. Als er Tals Hand ergriff, jagte das Gefühl von Athlens kühler Haut an seiner einen kribbelnden Schauder durch Tal. Athlen legte behutsam den Zahn in die Handfläche und schloss die Finger um ihn. »So.«