In den kleinen Dingen - Bruno Schonig - E-Book

In den kleinen Dingen E-Book

Bruno Schonig

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Beschreibung

Bruno Schonig hatte die Gewohnheit, angeregt durch japanische Gedichte, täglich kurze Texte aufzuschreiben. Sie sollten ihm, wie er sagte, seine Lebenszeit spiegeln, »die kleinen Augenblicke, über die nicht einfach zu reden ist, die wir jeder für sich und manchmal gemeinsam erleben«. Auch in der Zeit seiner vierjährigen Krankheit, er verstarb 2001 im Alter von 64 Jahren, hat er diese Art des schreibenden Nachdenkens über das Leben und den Tod beibehalten und sogar intensiviert. Es gab so gut wie keinen Tag, an dem er nicht geschrieben hat. Das hielt ihn eine Zeitlang am Leben. Das vorliegende Textbuch »In den kleinen Dingen« ist eine Auswahl dieser gesammelten Tagebucheintragungen und umfasst den Zeitraum seines letzten Lebensjahres. Die Texte spiegeln die fortschreitende Krankheit, aber auch die Wachheit des Schreibers für das Lebendigsein wider. Der Titel lenkt den Blick auf Dinge, die wir im gesunden und beschäftigten Leben leicht übersehen können. Die Beachtung der sogenannten kleinen Dinge scheint so etwas wie eine Lektion zu sein, die einem die Krankheit als Grundhaltung aufzwingt. Worin besteht das Glück?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 21

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Mit vier oder fünf

eine große Muschel am Ohr.

Wie es rauscht.

Wie kam sie nach Kaschaunen,

ein Dorf im Wald?

Und wie der rauscht.

26.8.2000

Die graue Schnecke

trägt ihr Gehäuse

über meinen Weg.

Und zeigt mir,

wie sie sich Zeit nimmt

zum Leben.

27.8.2000

Ein Jahr lang

auf das Blaugrau im Schlick

und die gelbgrünen Salzwiesen gewartet.

Geh jetzt schlafen

und sieh dir das Meer an unter den Augenlidern.

21.10.2000

Was auf den Steinen geschrieben steht,

die Botschaft des Meeres.

Nicht lesbar für uns,

leicht zu verstehen.

23.10.2000

Der Stein,

der den Wind einatmet,

hat die Luft angehalten

für immer

liegt er nun bei mir.

23.10.2000

Noch einmal das versunkende Boot im Watt:

ein schwarzer, dicker Strich

unter das Leben,

von Weitem gesehen.

30.10.2000

In die Knesebeckstraße

und in die Wintersonne gehen,

tief hinein,

nichts mehr zu sehen vom Mobiliar der Straße.

Die Augen voll Gold,

das Blut voll Chemie.

5.12.2000

Heut beginnt ein Jahr.

Schreibtisch, Pinsel und Papier

wie im alten Jahr. (nach Bashō)

31.12.2000

Mit Fisch und Wein im Bauch,

der Bibel in der Hand

ins neue Jahr –

wo führt das hin?

4.1.2001

Die Krankheit, dieser Krebs

bringt mich mir selber nahe

und auch den Stimmen

der Amseln, Meisen und wilden Gänse,

der Krähen und dem Klopfen des Spechts.

9.1.2001

Sie kommen mit mir mit, die Kiefern

begleiten mich durchs Leben.

Sah sie in Kaschaunen stehen

vor mehr als 60 Jahren

und jeden Tag am Weg

bis heute.

16.1.2001

Im Traum bei einer Geburt,

es dauerte lange,

war ungewiß,

wer da geboren würde.

Vielleicht ich selbst.

21.1.2001

Draußen hell

und drinnen dunkel.

Meist ist es umgekehrt

zum Glück.

25.1.2001

Durcheinander und ineinander

die Stimmen in der Krebsambulanz,

interpunktiert vom Computerpfeifen,

nichts zu verstehen,

warten.

30.1.2001

Moos, weißgrün,

gelbes Gras.

Ein Stückchen braune Erde,

Schnee darüber.

Da liegt die Kindheit.

3.2.2001

Heut gab’s grünen Tee

in der Krebsambulanz,

wenig Computergepiepe.

Die letzten Seiten aus Julien Greens Tagebuch:

»Die Ereignisse sind im Innern.«

6.2.2001

Im Morgengrauen

ein langes Lied der Amsel im Hof.

So begrüßt sie den Tag,

sagt Abschied der Nacht.

8.2.2001

Blau, blau, Himmelsblau,

da wohnen die Seelen.

Und ich möchte auch dort hin,

aber nicht gleich

und nur mit dir.

10.2.2001

Der riesige runde Stein

liegt auf dem Savigny-Platz,

nicht weit von mir weg

liegt und liegt,

hat die Kriege über dort gelegen

und während Menschen und Tiere sterben,

liegt auch dort nach meinem Tod.

12.2.2001

Die Schneeglöckchen

blühen auf dem Hof.

Jedes Jahr

kommen sie aus dem Dunkeln,

stehen an ihrem Platz