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Was wäre, wenn dir ein plötzlich auftauchender Brief verraten würde, dass deine erste große Liebe dich niemals gehen lassen wollte und hinter der Trennung bloß ein dummes Missverständnis steckt? Vor allem, wie würdest du reagieren, wenn du in der Zwischenzeit deinen Traumprinzen bereits gefunden hättest und kurz davor stehen würdest, diesen zu heiraten? Ella ist genau in dieser Situation. Wie sie damit umgeht? Sie hört auf ihr Herz und lässt mit ihrem Versuch, offene Fragen aus der Vergangenheit zu beantworten, das Schicksal die Karten neu mischen. Blöd nur, dass sich ihre Jugendliebe nicht einmal im selben Land befindet und sich sein Leben nach all den Jahren ebenfalls weitergedreht hat. Ihr Verlobter hat von ihrer Reise hingegen keine Ahnung ... Hin- und hergerissen zwischen zwei Männern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, ist sie auf der Suche nach Antworten, aber auch nach sich selbst. Frech, sexy und unterhaltsam - eine Liebeskomödie, die dich nicht nur mit ihrer liebenswert chaotischen Hauptfigur zum Schmunzeln bringt, sondern dir zudem eine Überdosis Romantik verspricht!
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Seitenzahl: 529
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Dieses Buch widme ich all jenen,
die noch an die wahre Liebe glauben.
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Und so stehen wir beide da, auf der hölzernen Brücke, die ich schon gefühlte hundert Mal auf und ab gelaufen bin. Er sieht mich an, mit seinen intensiven blauen Augen, die mir bereits vor Jahren den Verstand geraubt haben und die es tatsächlich immer noch schaffen, mein Leben auf den Kopf zu stellen. Ich spüre den kalten Regen auf meiner Haut. Tropfen für Tropfen.
Bin ich vor Tagen noch voller Zuversicht auf die Insel gekommen, die mit ihrem Charme schon immer mein persönlich schönster Ort auf der Welt war, so gelingt es mir im Augenblick nicht, meine Gedanken zu ordnen. Ich bin nicht imstande, auch nur ein Wort herauszubringen, und das, obwohl ich ganz genau weiß, dass es nun an mir liegt, ihm eine Antwort zu geben.
Ich spule die letzten Tage und Wochen in meinem Kopf ab und es ist beinahe so, als würde ich einen Film abspielen. Ich habe jeden einzelnen Moment vor mir und bekomme eine Gänsehaut, wenn ich an gewisse Momente denke. An unsere Momente. Er starrt mich immer noch an und ich merke, wie mir eine Träne die Wange herunterkullert. Er will eine Antwort. Jetzt. Sofort.
Das ist viel leichter gesagt als getan. Vor allem, wenn der eigene Verlobte hinter einem steht und das Schauspiel beobachtet, das vor sich geht. Wenn ich in den letzten Tagen etwas gelernt habe, dann, dass Dreiecksbeziehungen alles andere als förderlich sind. Und das sage ich jetzt nicht nur, weil ich kurz vor den Flitterwochen stehe. Ich frage mich, ob mich das Schicksal zu jemand zurückführen möchte oder es mir einfach bloß einen Streich spielt. Aber vielleicht hat es auch gar nicht so viel mit Schicksal zu tun, sondern nur mit meiner eigenen Entscheidung, die ich jetzt treffen muss. Ich drehe mich um und sehe zu meinem Verlobten, mit dem ich eigentlich mein restliches Leben verbringen wollte. Unbewusst spiele ich mit meinem Verlobungsring und schon denke ich an mein Kleid, an die Torte und an uns. Ich glaube, ich habe mich entschieden.
Eine kleine Boutique mitten in der Innenstadt, die mit ihrer exklusiven Ware, dem hoch qualifizierten Personal und der liebevollen Einrichtung jeden Kunden verzaubert und somit ein einzigartiges Einkaufserlebnis ermöglicht. Zumindest habe ich das so vor einer Woche in der Tageszeitung gelesen, als der Laden eröffnet hat. Ganz hingerissen von der Beschreibung war ich davon überzeugt, hier für jeden Anlass das perfekte Outfit zu finden. Von der zauberhaften Atmosphäre, die mich in diese Boutique gelockt hat, ist leider im Moment nicht viel zu spüren. Denn wie ein kleines Häufchen Elend lungere ich bereits seit fünfundzwanzig Minuten in der Umkleide herum und kann mich einfach nicht entscheiden, welches Kleid ich nehmen soll. Von einem prickelnden Einkaufserlebnis bin ich gerade meilenweit entfernt. Und wenn ich mein verzweifeltes Spiegelbild so betrachte, dann könnte ein Außenstehender noch meinen, ich würde Kleidung für meine eigene Hinrichtung suchen. Ich werfe einen kurzen Blick auf die Uhr. Zu wissen, dass die Zeit so schnell verrinnt, ist alles andere als beruhigend. Ich fühle mich unter Druck und immer wieder stelle ich mir gedanklich ein und dieselbe Frage: Soll ich jetzt das blaue oder doch das graue Kleid nehmen?
Im Grunde nicht so gemeint, weil von meinen Emotionen mitgerissen, verfluche ich meine Schwester Marie, dass sie ausgerechnet heute zum Bikiniwachsen muss, und das, obwohl sie ganz genau weiß, wie wichtig der heutige Abend für mich ist. Als ob ihre Härchen um einige Zentimeter länger wären, wenn sie erst morgen zum Wachsen ginge. Aber natürlich ist sie da ganz anderer Meinung.
„Ich habe keine Lust, dass ich wie die haarige Kreatur aus Star Wars aussehe. Du hast ja keine Ahnung, wie es bei mir da unten aussieht. Das muss entfernt werden! Außerdem ist es der letztmögliche Termin, an dem ich noch meinen Gutschein einlösen kann“, hat sie gestern gekonnt versucht, sich aus der Verantwortung zu stehlen.
Das Gleiche gilt für meine beste Freundin Sonja. Sie muss zwar nicht zum Bikiniwachsen, Zeit für meine kleine Shopping-Tour hat sie trotzdem nicht.
Bereits seit Tagen versuche ich, das perfekte Outfit zu finden, das mich nicht nur ins beste Licht rückt, sondern auch einen kleinen Wow-Effekt mit sich bringt. Ich stehe nun also da, in einer supertollen, neuen Boutique, in die ich schon seit letzter Woche unbedingt hineingehen wollte, unfähig eine Entscheidung zu treffen, und fühle mich deshalb so richtig aufgeschmissen. Abgesehen davon mache ich mir Sorgen, dass die Verkäuferin den Polizeinotruf wählt, nachdem sie sich bereits drei Mal bei mir erkundigt hat, ob bei mir alles in Ordnung sei und was ich denn so lange in der Umkleide treibe. Die Anzahl an Kleidungsstücken, die ich in die Kabine mitgenommen habe, insgesamt zwölf Stück, hat sie ebenfalls genau abgezählt und dabei meine große Tasche streng im Auge behalten. Sie bereut es wahrscheinlich schon, Ja gesagt zu haben, als ich sie gefragt habe, ob ich so viele Kleider mitnehmen darf, wie ich mag. So hoch qualifiziert kann das Personal dann wohl doch nicht sein, wenn sie mich dermaßen offensichtlich des Diebstahls verdächtigt. Würde ich tatsächlich etwas klauen wollen, dann wäre ich schon längst mit der Ware zur Tür hinaus und würde nicht noch überlegen, welches Outfit mir besser steht.
Normalerweise bin ich nicht so gestresst und entscheidungsunfähig, wenn es ums Einkaufen geht, doch heute handelt es sich um eine kleine Modekrise, die ich anscheinend alleine nicht bewältigen kann. Ich hätte jetzt echt nichts gegen einen schwesterlichen Rat, ein paar gutgemeinte Worte von Sonja und ein Stückchen Schokolade zur Beruhigung. Am besten eine aus Vollmilch. Mit Erdbeerfüllung. Ich halte zum gefühlten tausendsten Mal das blaue Kleid an meinen Körper und sehe dann doch wieder zum grauen hin. Ich atme kurz durch, um nicht komplett die Nerven zu verlieren, und lächle mir beruhigend zu. Ganz ruhig, Ella! Hier geht es nicht um ein Kaffeekränzchen mit der Queen oder eine weitere Misswahl, an der ich schon vor ein paar Jahren mit Anfang zwanzig nicht hätte teilnehmen sollen. (Verdammt, war ich an diesem Abend betrunken! Meine Freundin Sonja meinte noch, dass der Schnaps mir dabei helfen solle, die Nerven zu beruhigen. Kein Wunder, dass ich den Bikini verkehrt rum anhatte. Und ich war noch verblüfft darüber, wie knapp das Höschen geschnitten war. Sie verwendet die Fotos seit damals als Druckmittel gegen mich. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Dass sie mich damit immer noch erpressen will oder sie damals tatsächlich mehr als ein Foto gemacht hat.)
Den ganzen Tag schon benehme ich mich wie eine Irre, die gerade aus der Anstalt ausgebrochen ist. Und das nur, weil ich keinen blassen Schimmer habe, was ich heute Abend anziehen soll. Ich meine, es gibt viele Frauen, die oft nicht wissen, was sie tragen sollen, aber das, was ich gerade abziehe, übertrifft sie alle. (Selbst meine liebe Sonja, und die lief einmal in einem Schuhgeschäft fast Amok, nur weil es ein Paar Stiefel nicht mehr in ihrer Größe gab. Sie wollte die Schuhe unbedingt haben, doch es stand weder dieses Paar noch ein anderes Modell, das ihr gefallen hätte, zur Auswahl. Eine alte Frau schrie sogar: „Sie hat eine Waffe!“ Und das, obwohl sie nur ihr Handy aus der Tasche zog. Die Verkäuferin bemerkte diesen Irrtum aber leider etwas zu spät und hatte schon den Notalarmknopf an der Kassa gedrückt, sodass kurz darauf vier Polizeiautos mit Blaulicht vor dem Geschäft standen. Seit diesem Vorfall haben wir nicht nur in jenem Schuhgeschäft unserer Stadt Hausverbot, sondern in ganz Österreich. Wir dürfen kein Schuhgeschäft dieser Firma je wieder betreten. Ganz egal wo. Ich bin immer noch sauer, dass ich auch bestraft wurde, bloß weil Sonja so ein Theater gemacht hatte. Aber wie sagt meine Mutter immer: Besser ein wenig zu viel Drama im Leben als eines, das mehr an Friedhof erinnert. Mhm… Vielleicht sollte ich diese Geschichte ebenfalls als Druckmittel verwenden. Dann gibt mir Sonja wenigstens das peinliche Bikinibild zurück. Oder besser gesagt die Bilder. Irgendwo im Internet gibt es sicherlich ein Beweisfoto mit den vielen Polizisten, wie sie uns gegen die Polizeiautos drücken und uns abtasten. Die alte Frau soll auch irgendwo im Hintergrund umgekippt sein. Dieses Foto wäre sicherlich ein witziges Gesamtkunstwerk und perfekt für meine Wohnung. Im Wohnzimmer würde sich das Bild sicher super machen.)
So, zurück zum Einkauf! Ich bin ganz außer mir. Und das alles wegen eines dämlichen Outfits. Oh, Gott! Ich bin der Godzilla der Modewelt – Modzilla! Was Schlimmeres kann man sich nicht vorstellen. Aber ich verliere jetzt sicherlich nicht komplett die Nerven. Immerhin bin ich eine selbstbewusste erwachsene Frau, die in der Lage sein sollte, ein passendes Kleid zu kaufen.
Zu jedem gewöhnlichen Anlass wäre es auch keine größere Sache, aber heute handelt es sich um das Abendessen meines Lebens. Da muss ich einfach top aussehen. Tom, der Mann meiner Träume, mein Verlobter und zudem noch erfolgreicher Geschäftsmann aus gutem Hause, hat mich zu seiner Familie eingeladen, um gemeinsam unsere Verlobung zu feiern. Es ist nicht das erste Mal, dass wir bei seinen Eltern zum Essen eingeladen sind. Es ist nur so, dass seine Mutter nicht unbedingt mein größter Fan ist. Und dass wir zusammen mit ihr unsere Verlobung feiern, dürfte sie wahrscheinlich nicht gerade aus den Socken hauen. Ich weiß, dass sie kein besonders gutes Bild von mir hat. Und das alles bloß wegen eines klitzekleinen peinlichen Zwischenfalls…
Das erste Mal, als ich Klara gegenüberstand, war vor ein paar Monaten. Und diese Begegnung war alles andere als geplant. Tom und ich waren bereits eine Weile zusammen. Als er mich zu sich eingeladen hatte, dachte ich an einen heißen Nachmittag zu zweit und wollte ihn quasi schon im Stiegenhaus vernaschen. Ich trug ein kurzes, hautenges cremefarbenes Sommerkleid und darunter nichts. Keine Unterwäsche also. Mir war bewusst, dass man alles sehen konnte. Deswegen hatte ich es mir schließlich auch gekauft. Ich machte zu Hause sogar extra ein paar Dehnübungen fürs Kamasutra, um ja auf alles vorbereitet zu sein. Die Fahrt zu seinem Apartment verbrachte ich ausschließlich mit Gedanken an schmutzigen Sex. Ich stand dann also vor seiner Tür, war bereit für den heißesten Nachmittag aller Zeiten, begab mich in eine sexy Pose und klingelte.
Als dann die Wohnungstür aufging, hauchte ich bloß: „Hey, mein Hengst, lass es uns tun!“
Blöd nur, dass ich dabei die Augen geschlossen hielt und es ausgerechnet seine Mutter war, die mir die Tür öffnete und in diesem Moment vor mir stand. Verlegen und halbnackt vor ihr stehend, musterte sie mich von oben bis unten und sah mich noch entsetzter an, als ihr Blick an meiner Oberweite hängen blieb. Oh, Gott! Nippelalarm! Wie gesagt, ich hatte keine Unterwäsche an. Zum Glück hatte ich bei Tom wenigstens noch einen BH rumliegen, um den Besuch seiner Mutter halbwegs erträglich für mich zu machen. Ich wünschte, Tom hätte mich nach Hause geschickt. Mir war das so peinlich. Abgesehen davon war ich sauer auf ihn, denn er hätte mir ruhig sagen können, dass er seine Mutter ebenfalls eingeladen hatte. Schließlich hatte ich ja damit gerechnet, sie früher oder später kennenzulernen. Danach hatten wir deswegen auch Zoff und ich war enttäuscht, dass ich seine Mutter auf diese Weise kennenlernen musste.
Seit diesem unangenehmen Auftritt ist sie alles andere als gut auf mich zu sprechen. Tom meint zwar immer, dass ich mir das nur einbilde, aber ich denke, er nimmt ihre spitzen Kommentare einfach nicht wahr. Ich glaube, dass sie in mir bloß ein naives Püppchen sieht, das hinter Toms Geld her ist – was ein absoluter Schwachsinn ist. Daraufhin habe ich ihr eingeredet, selbst erfolgreich im Leben zu stehen, mich beruflich zu verwirklichen und auf keinen Mann der Welt angewiesen zu sein. Was ziemlich gelogen war, weil ich beruflich weit davon entfernt bin, mich selbst zu verwirklichen. Tom und seine Eltern glauben fälschlicherweise, dass ich erfolgreich im Consultinggeschäft tätig bin. Ich arbeite zwar in einer Consultingfirma, bin dort aber weder für irgendwelche Kunden zuständig noch habe ich etwas zu sagen. Ich bin lediglich eine von vielen Assistentinnen. Es war nicht meine Absicht, Tom zu belügen, doch irgendwie hat sich das schon bei unserem ersten Treffen so ergeben…
Ich lernte Tom in einem Buchladen kennen. Ich war gerade auf der Suche nach einem neuen Herzschmerz-Liebesroman, als zeitgleich ein Buchvortrag von irgendeinem Wirtschaftler abgehalten wurde, der irgendetwas über Konjunkturschwankungen, Finanzierungstechniken und die aktuelle Wirtschaftssituation in der EU laberte. Ich streifte in der Buchhandlung umher und nahm den Vortrag kaum wahr. Da rannte ich versehentlich in Tom hinein. In seinem schicken Anzug stand er vor mir, groß und schlank, sein dichtes braunes Haar nach hinten gekämmt, und lächelte mich dabei so süß an, dass es sofort um mich geschehen war. Sein attraktives markantes Gesicht und die schönen dunklen Augen fielen mir sofort auf. Ich entschuldigte mich bei ihm, was aber eher nach dümmlichem Stottern klang. Ich war zu sehr von seinem guten Aussehen abgelenkt. Er deutete zum Mann, der den Vortrag hielt, und fragte mich, ob ich ebenfalls wegen der Lesung hier sei. Erst dann merkte ich, dass er dazu ein Buchexemplar in der Hand hielt. Also gab ich natürlich vor, nur deshalb hierhergekommen zu sein.
„Ach, dann sind Sie in dieser Branche tätig?“, erkundigte er sich interessiert.
„Nicht ganz. Aber ich dachte mir, von solchen Vorträgen könne man nie genug hören“, log ich und zwinkerte ihm charmant zu.
Ohne lange zu überlegen, erzählte ich dann von der Consultingfirma, in der ich arbeite, und von den Projekten, die wir zu dieser Zeit behandelten, wobei ich alles Wissenswerte dazu von meinen Kollegen aufgeschnappt hatte. Dabei tat ich so, als ob ich von alldem eine Ahnung hätte. Tom war sichtlich beeindruckt. Ich lächelte nur schüchtern und hoffte, dass er nicht weiterbohre. Ich wollte einen guten Eindruck bei ihm machen und dachte mir, dass sicherlich jeder bei der ersten Begegnung ein wenig flunkere. Wir hörten uns gemeinsam den Rest des Vortrags an – er ganz Feuer und Flamme und ich in der Hoffnung, dass die öde Präsentation bald vorbei sei. Dennoch tat ich so, als ob ich ebenfalls begeistert davon wäre, und kaufte mir sogar das Buch, das mittlerweile irgendwo verstaubt in meinem Bücherregal liegt.
Nach dem Buchvortrag gingen Tom und ich noch auf ein Getränk. Er erzählte mir von seiner Arbeit. Er ist in der Immobilienbranche tätig und war ganz aufgeregt, mir von seinem damaligen Projekt zu berichten, bei dem ein heruntergekommener Altbau in ein modernes Penthouse umgewandelt werden sollte. Wir haben uns auf Anhieb so gut verstanden und tauschten sofort unsere Handynummern aus. Wie verliebte Teenager telefonierten wir in den nächsten Tagen jede freie Minute miteinander oder schickten uns alberne SMS. Es dauerte nicht lange und wir waren offiziell zusammen. Bei jedem Treffen hatte ich vor, ihm zu sagen, dass ich – was meinen Beruf betrifft – gelogen hatte, doch immer verließ mich im letzten Moment der Mut. Als ich dann endlich so weit war, ihm die ganze Wahrheit zu beichten, wurde daraus leider wieder nichts, denn er hatte seinen Eltern bereits voller Stolz von mir erzählt, die auf das hin schon ganz neugierig waren, mich kennenzulernen. Na ja, das war, bevor ich halbnackt vor seiner Mutter stand.
Mir ist es verdammt wichtig, bei Toms Mutter einen guten Eindruck zu hinterlassen. Vor allem, nachdem unsere erste Begegnung alles andere als reibungslos abgelaufen ist. Allein daran zu denken, ist mir dermaßen peinlich, dass ich am liebsten im Erdboden versinken würde. Wie sie mich damals angesehen hat. Als wäre ich eine billige Prostituierte.
Seit dem Kennenlernen mit seiner Mutter waren Tom und ich schon ein paarmal bei seinen Eltern zu Besuch und jedes Mal versuche ich aufs Neue, sie mit Charme und bedeckter Kleidung für mich zu gewinnen. Toms Vater Henrich wirkt nämlich ebenfalls nicht so begeistert von mir. Mir liegt sehr viel an Tom, weshalb es mir auch so wichtig ist, dass seine Eltern ein gutes Bild von mir haben. Doch so wirklich funktioniert das bisweilen noch nicht. Klaras Kommentare mir gegenüber sind mittlerweile schon legendär und ihr finsterer Blick hätte mir als Kind sicherlich Angst gemacht. Tom ist so ein toller Mann und ich frage mich immer wieder, ob Klara tatsächlich seine Mutter ist.
Als Tom sie letztens angerufen hatte, um ihr von unserer Verlobung zu erzählen, musste sie am selben Abend ins Krankenhaus eingeliefert werden. Grund: Panikattacke. Die Arme war ganz fertig. Meine Schwester hat die Szene mittlerweile schon acht Mal nachgespielt, wie das kleine Schwiegermonster umkippt und dann eingeliefert wird. Knapp an der Psychoabteilung vorbei, wie Marie es gerne formuliert. Ach, meine Schwester! Sie hat richtige Schauspielqualitäten. Das Witzige daran ist, dass mir Tom erst vor drei Tagen den Antrag gemacht hat. Da sind acht Wie meine zukünftige Schwiegermama umkippt-Vorführungen regelrechter Rekord. Ach, ich liebe sie! Doch so amüsant es auch ist, wenn sich meine Schwester und ich darüber lustig machen, so bin ich ehrlich gesagt schon ein wenig gekränkt, dass ich einfach keinen guten Draht zu meiner zukünftigen Schwiegermutter habe. Ich habe mir immer vorgestellt, mit der Mutter meines Mannes beste Freundinnen zu werden, mit ihr shoppen zu gehen und Männergeschichten auszutauschen. Da ich mich mit Klara aber nicht einmal normal übers Wetter unterhalten kann, wäre es wahrscheinlich keine so gute Idee, sie über meine früheren Liebhaber aufzuklären.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragt mich die Verkäuferin freundlich und wirft einen verstohlenen Blick in die Umkleidekabine, um unauffällig die Kleidungsstücke abzuzählen. Ich ignoriere ihren Versuch, mich des Diebstahls zu verdächtigen, und lächle sie an.
„Sie kommen genau richtig. Ich bin mir einfach nicht sicher, ob ich das blaue oder das graue Kleid kaufen soll. Es ist nämlich so, heute steht das wichtigste Essen meines Lebens an. Ich bin seit Kurzem verlobt“, zeige ich ihr stolz meinen protzigen Verlobungsring. Die Verkäuferin schreit vor Freude auf. Ich kreische automatisch mit und wir fallen uns jubelnd in die Arme. Ganz egal, dass ich sie nicht kenne und sie mich davor noch verdächtigt hat, ihren Laden leerräumen zu wollen. „Und heute Abend feiern wir die Verlobung mit seiner Familie und da möchte ich einfach nur perfekt aussehen.“
Die Frau lässt mich endlich wieder los und mustert mich mit ernster Miene.
„Ich verstehe“, murmelt sie nachdenklich und ist dabei ganz fokussiert auf das Kleid, das ich im Moment anhabe. Sie verschränkt grüblerisch ihre Arme: „Hmm… also, wenn Sie mich fragen, ich persönlich finde ja, dass Ihnen dieses graue Kleid fantastisch steht.“
Ich drehe mich zum Spiegel und betrachte mich erneut in diesem Kleid. Eigentlich ist das graue Kleid nichts Besonderes. Es ist eher schlicht gehalten, knielang, hat fast keinen Ausschnitt und am Ende einen Bund mit schwarzer Spitze. Es ist wirklich hübsch. Aber fantastisch? Für Klara vielleicht, weil ich damit auf jeden Fall weniger Haut zeige als beim ersten Mal.
„Könnten Sie sonst auch mal das blaue Kleid für mich anziehen? Damit ich einen Vergleich habe“, bittet mich die Verkäuferin freundlich. Ich ziehe mich schnell um und stehe keine zwei Minuten später wieder vor ihr.
„Fabelhaft! Meine Liebe, ich muss Ihnen gestehen, beide Kleider passen Ihnen hervorragend“, staunt die Verkäuferin und wirft mit Komplimenten nur so um sich. Toll! Diese Beratung hilft mir sicherlich weiter. Das blaue Kleid ist ebenfalls schlicht gehalten, jedoch ein kleines bisschen eleganter als das graue und wäre für das Essen nicht minder gut geeignet. Ich merke, dass ich hier kein Stückchen weiterkomme. Ich kann mich einfach nicht entscheiden und die Verkäuferin ist auch keine große Hilfe. Ich werfe einen weiteren Blick auf meine Armbanduhr. Mir rinnt die Zeit davon. Ich muss mich jetzt entscheiden.
Ich drehe mich zur Verkäuferin und strahle sie selbstbewusst an: „Ich nehme beide!“
Anscheinend bin ich doch nicht so entscheidungsfähig. Aber bevor ich eine weitere Ewigkeit in der Boutique ausharre, nehme ich lieber alle zwei. Sie stehen mir ja beide richtig gut und ich kann mich später immer noch entscheiden, welches ich anziehen werde. Außerdem habe ich einen Rabatt gekriegt und mir zehn Prozent erspart. Das Ganze war also ein richtiges Schnäppchen!
Überglücklich mit meinem Einkauf mache ich mich auf den Weg nach Hause. Marie wartet bereits auf mich. Als sie mir die Türe öffnet, lächelt sie und deutet auf meine überdimensionale Einkaufstüte. Wahrscheinlich ahnt sie schon, dass ich groß zugeschlagen habe.
„Ich konnte nicht anders“, gestehe ich unschuldig und gehe mit ihr in unser überaus gemütliches Wohnzimmer, das nebenbei bemerkt mit seinen großzügigen Fenstern und den hohen Decken unser Lieblingszimmer in der Altbauwohnung ist. Es wirkt so harmonisch und gemütlich und ist mit Sicherheit das Herzstück unserer Wohnung.
Marie und ich haben damals viel Zeit investiert, um es nach unseren Vorstellungen einzurichten und zu dekorieren. So ziert ein großes Bücherregal aus dunklem Holz eine Wandseite, in dem, abgesehen von den vielen Büchern, auch unsere kleine Musikanlage samt CDs und Schallplatten sowie auch unser DVD-Player Platz finden. Eigentlich machen diese Sachen den Großteil vom Bücherregal aus. Davor steht eine große beigefarbene Couch und ein kleiner dunkler Holztisch, der farblich auf das Wandregal abgestimmt ist. Gegenüber vom Sofa hängen einige bunte Bilder, die dem Raum ein wenig Farbe verleihen. Zwischen den farbenfrohen Bildern befindet sich unser großer Flachbildfernseher. Ein alter Holzsessel mit einer samtüberzogenen grünen Sitzfläche, der so zerbrechlich wirkt, dass man nicht einmal darauf sitzen möchte, den Marie aber unbedingt haben wollte und am Flohmarkt erstanden hat, befindet sich neben einem kleinen Beistelltisch, auf dem eine blaue Vase mit rosa Rosen steht.
Da unsere Schwesternliebe so unendlich groß ist, haben wir vor ein paar Jahren beschlossen, zusammenzuziehen. (Eigentlich lag es vor allem daran, dass wir beide nicht genug Geld für eine eigene Wohnung hatten und keine von uns in irgendeine Wohngemeinschaft ziehen wollte.) Wir haben diese tolle große Wohnung damals zu einem Schnäppchenmietpreis ergattert, sodass, trotz mittlerweile gutem Einkommen, keine von uns die Wohnung mehr verlassen will. Ich wohne auch richtig gern mit meiner Schwester zusammen. Ich meine, wir sind ja miteinander aufgewachsen. (Auch wenn ich Marie immer noch einzureden versuche, dass sie adoptiert worden ist und ihr eigentlicher Vater genauso heißt und aussieht wie unser damaliger Postler Rudi, was natürlich totaler Quatsch ist. Denn Marie und ich ähneln uns wie Zwillinge – und das trotz eines Altersunterschieds von zwei Jahren und der Tatsache, dass sie braune und nicht so wie ich graugrüne Augen hat. Außerdem sind ihre dunklen Haare doch um einiges länger. Und solch kecke Stirnfransen wie sie habe ich ebenfalls nicht. Das würde meinem mittellangen Bob auch gar nicht stehen, wobei Marie eher der Ansicht ist, dass das mit meinem breiten Gesicht zu tun hat. Na ja, egal. Wir kennen uns einfach in- und auswendig und können somit richtig gut zusammenleben.)
Als ich die ersten paar Male bei Tom übernachtet habe, ist mir Marie richtig abgegangen. Es war schon merkwürdig. Es ist ja nicht so, als ob ich Tom wegen seiner überordentlichen Art kritisieren möchte, bloß mit meiner Schwester ist es halt gemütlicher. Chaotischer, aber gemütlicher.
Während ich meine Einkaufstüte auf die Seite lege, setzt sich Marie auf die Couch, direkt neben ihren kitschigen, von Bollywood inspirierten gelb-orangen Meditations- und Entspannungspolster, der voller Chipsbrösel ist, was letztlich nicht nur darauf hinweist, dass Marie wieder mal keinen Unterteller benutzt hat, sondern dass anscheinend auch ihre Yoga-Phase schon wieder vorüber ist. Ursprünglich hat sie nämlich diesen für ihre Yogaübungen verwendet – zumindest die paarmal, als sie noch motiviert war.
Sie sieht mich vorwurfsvoll an: „Ich verstehe immer noch nicht, wieso du so einen Aufstand wegen seiner Familie machst. Ich meine, wenn sie dich nicht mögen, wie du bist, dann haben sie ohnehin einen Knall.“
Meine Schwester lächelt mir aufmunternd zu und ich gestehe: „Ehrlich gesagt bemühe ich mich mit aller Kraft, es zu vermeiden, so zu sein, wie ich sonst bin. Klara würde andernfalls sicherlich ausrasten. Vergiss nicht meine erste Begegnung mit ihr! Da war ich zu hundert Prozent ich selbst und du siehst ja, wie sehr ich seither schuften muss, um das wiedergutzumachen.“ Marie und ich müssen lachen.
„Aber da bist du auch halbnackt vor ihr gestanden. Du konntest doch nicht wissen, dass ausgerechnet sie vor dir die Tür aufmacht“, erinnert sie mich.
Sie hat recht. Wenn ich gewusst hätte, dass seine Mutter auf Besuch ist, dann hätte ich mich von einer ganz anderen Seite gezeigt.
„Ja, aber gerade deshalb sieht sie in mir nicht die Frau, die an Toms Seite stehen soll.“
Tom holt mich um Punkt halb sieben Uhr ab. Keine Minute später. Ich weiß bis heute nicht, wie ihm das gelingt, immer so extrem pünktlich zu sein. Ich habe dabei ja eher meine Schwierigkeiten. Pünktlichkeit gehört so überhaupt nicht zu meinen Stärken, was Tom auch schon das eine oder andere Mal kritisiert hat. Deswegen versuche ich, sehr daran zu arbeiten, was mich ehrlich gesagt immer ein wenig stresst. Ich meine, fünf Minuten zu spät zu kommen, das kann ja nicht so schlimm sein, oder?
Tom steht vor seinem Wagen und hat ein breites Lächeln im Gesicht, als er mich erblickt.
„Du siehst heute besonders hübsch aus. Da werden sich meine Eltern ja richtig geehrt fühlen“, strahlt mich Tom charmant an und gibt mir einen Handkuss.
„Ach was, ich habe mir ja nur mal schnell was drübergeworfen“, flunkere ich und lächle ihn an. Er hält mir die Wagentür auf und ich steige ein. Die Fahrt zu seinen Eltern macht mich ein wenig nervös. Ich versuche zwar, nach außen hin entspannt zu wirken, aber innerlich halte ich es kaum aus.
Toms Eltern wohnen außerhalb Wiens, irgendwo in der Pampa. Ich will mir den Namen von diesem Kaff einfach nicht merken.
„Spätestens dann, wenn wir jedes zweite Wochenende mit unseren Kleinen Oma und Opa Stromburg besuchen fahren, wirst du dieses Fleckchen Erde nicht mehr vergessen.“
Ich ignoriere seine Anspielung auf unseren zukünftigen Nachwuchs, schließlich weiß er, dass ich mit meinen sechsundzwanzig Jahren noch keine Kinder möchte. Und genauso die Aussage, dass er jedes zweite Wochenende seine Eltern besuchen will.
Wir fahren ziemlich lange, bis Tom in einer abgelegenen Wohngegend in eine Straße einbiegt. Es folgt eine lange Einfahrt, die zum Haus seiner Eltern führt. Das Haus, eine riesengroße, alte cremefarbene Villa im Jugendstil mit opulentem Eingangsbereich und großen Fenstern mit weißen Fensterrahmen, wirkt jedes Mal um einiges gruseliger. Vor allem nachts. Abgesehen von dem riesigen Anwesen ist nur Grünfläche zu sehen. Das perfekt gepflegte Grundstück ist so groß, dass locker ein zweites Haus darauf gebaut werden könnte. Hoffentlich kommt Tom auf keine dummen Ideen.
Vor der Tür wartet bereits James, der Butler, auf uns. Mit seinem leicht gräulichen Haar und seinen dunklen Knopfaugen erinnert er mich ein bisschen an meinen Onkel. Er trägt wie immer seinen schwarzen Anzug und seine schwarze Fliege zum faltenfrei gebügelten weißen Hemd und winkt schon aus der Ferne, als er uns sieht. Er kommt uns entgegen und hält mir die Türe vom Wagen auf.
„Frau Liner, es freut mich sehr, Sie wiederzusehen! Wenn ich es mir erlauben darf, möchte ich Ihnen ganz herzlich zu Ihrer Verlobung gratulieren.“ James gibt mir höflich die Hand und lächelt mich an. Mit seinem freundlichen Lächeln war er mir schon von Anfang an sympathisch.
„Ach, James! Sie sind süß. Vielen Dank! Ich würde mich sehr freuen, Sie zu unserer Hochzeit einladen zu dürfen.“ James strahlt, bis plötzlich der Hausdrache hinter ihm auftaucht.
„Ella, du wirst doch kein Hauspersonal zu deiner Hochzeit einladen?“, fragt Klara blasiert und gibt mir pflichtbewusst die Hand. Ihr blonder Pagenkopf ist wie immer zu einem perfekten Seitenscheitel frisiert, wodurch ihre teuren goldenen Ohrstecker noch mehr hervorstechen. Genauso wie ihre spitze Nase.
„Wie es aussieht, ist es dir doch noch gelungen, Tom an dich zu binden. Gratulation zur Verlobung!“ Klara lächelt herablassend und ich weiß nicht, was beziehungsweise ob ich darauf antworten soll. Deswegen murmle ich nur ein kleinlautes Danke und versuche, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Sie wendet sich von mir ab und drückt Tom an sich. Sie unterhalten sich und ich sehe zu, wie sie ihm die Wange tätschelt.
Wir gehen alle gemeinsam zum Haus. Im Eingangsbereich wartet Henrich und bittet uns, hereinzukommen. Genau wie seine Frau ist er sehr adrett gekleidet. Zusammen wirken die beiden wie ein adeliges Vorzeigepaar, das ich aus den Klatschzeitschriften meiner Oma kenne. Er begrüßt mich und gratuliert mir ebenfalls zur Verlobung. Er sagt das in solch einem monotonen Ton, dass ich nicht weiß, was er wirklich davon hält. Ich denke aber, Begeisterung sieht anders aus. Während er seinen Sohn begrüßt, der ihm überaus ähnlichsieht, nur in einer jüngeren Version, drehe ich mich um und werfe James einen leicht verzweifelten Blick zu. Dieser lächelt bloß freundlich und hält mir seine gedrückten Daumen entgegen. Wünscht er mir etwa viel Glück? Ach Gott, mittlerweile hat also auch James schon begriffen, dass ich hier so was von fehl am Platz bin.
„Lasst uns doch gleich ins Esszimmer gehen“, schlägt Klara vor. Tja, lasset die Spiele beginnen!
Tom hat mir bereits erklärt, dass es ein Vier-Gänge-Menü geben soll, was ich ganz gut finde, weil ich so den Aufenthalt in vier Etappen einteilen kann. Ist der letzte Gang serviert, weiß ich, dass wir bald wieder abhauen können. Ich denke nämlich nicht, dass seine Eltern nach dem Dessert auch noch auf Kaffee und Kuchen bestehen. Zufrieden mit meiner Logik und dem Wissen, dass der Abend nicht allzu lange dauern kann, freue ich mich schon auf das Dinner. James bereitet das Essen zu, das normalerweise immer herrlich schmeckt. Im Esszimmer riecht es bereits ganz köstlich und ich merke, wie mein Magen knurrt.
Nachdem wir alle am großen Esstisch Platz genommen haben, serviert uns James die Getränke. Er wirft mir einen verschwörerischen Blick zu, als er das Martiniglas vor mich hinstellt. Schließlich serviert er mir immer etwas Hochprozentiges vor dem Abendessen. (Das Getränk dabei als Aperitif zu tarnen, war übrigens seine Idee. Bei dem ersten offiziellen Zusammentreffen mit den Stromburgs war ich nämlich noch aufgeregter, weshalb mir meine Schwester geraten hatte, einen Flachmann mitzunehmen. Dafür musste sogar meine größere Clutch herhalten, die zwar nicht wirklich zu meinem restlichen Outfit passte, dafür aber den Flachmann perfekt tarnte. James hat das allerdings an diesem Abend mitbekommen, wie ich in der Garderobe still und heimlich einen kräftigen Schluck daraus machte, und bot mir deswegen an, in Zukunft einen Aperitif zu servieren, um meine Nervosität stilvoller in den Griff zu bekommen. Von da an waren wir die besten Freunde.)
Es wird die Vorspeise serviert: Garnelenspieß auf Blattsalat. Lecker!
„Wir gratulieren euch nicht nur zur Verlobung, die zwar voreilig und ein wenig unüberlegt scheint, sondern freuen uns natürlich auch, eine zukünftige Stromburg in unserer Familie begrüßen zu dürfen“, sagt Klara und erhebt das Glas. Wir tun es ihr nach und stoßen alle zusammen an. Den Kommentar, dass die Verlobung voreilig ist, versuche ich wieder einmal zu ignorieren. Es hätte mich auch gewundert, wenn sie diesbezüglich keine Bemerkung gemacht hätte. Tom hingegen hält meine Hand und strahlt mich stolz an. Anscheinend hat er die Aussage seiner Mutter nicht mitbekommen.
„Lasst euch das Essen schmecken!“, ist Henrichs Beitrag, was mich weniger stört, denn mittlerweile habe ich echt schon Kohldampf.
Zu Beginn wird während des Essens kaum gesprochen. Anscheinend bin ich nicht die Einzige, die Hunger hat.
Es dauert jedoch nicht lange, bis Klara mit der Hochzeit anfängt: „Wir sollten uns bald auf einen Termin einigen, um eine offizielle Verlobungsparty zu geben. Die Feier nächsten Freitag soll bloß ein kleiner Vorgeschmack sein.“
Dass Klara nächste Woche schon feiern möchte, hat Tom bereits letztens einmal erwähnt. Ich habe das nicht wirklich ernst genommen. Schließlich ist es dafür noch zu früh.
„Aber wir haben jetzt erst Anfang September. Bis zur Hochzeit ist ja noch ein wenig Zeit. Außerdem braucht keine Braut der Welt zwei Verlobungsfeiern“, falle ich Klara schmunzelnd ins Wort, was ich im selben Moment auch schon wieder bereue.
„Erst Anfang September?“, wiederholt sie argwöhnisch. „Wir gehen davon aus, dass ihr im November heiraten werdet, so wie es bisher alle Stromburgs getan haben. Außerdem sind zwei Verlobungsfeiern in unserer Familie Tradition.“
November? Hat sie etwa gerade November gesagt? Welche Braut heiratet denn schon freiwillig im November? Und was soll das überhaupt mit den zwei Verlobungsfeiern?
„Also, ich habe eigentlich eher an Mai oder Juni gedacht, wenn das Wetter auch mitspielt. Schließlich möchte sich keine Braut der Welt den Hintern abfrieren“, argumentiere ich, doch finde ich mit dieser Ansicht offensichtlich wenig Gehör.
„Ich habe Henriette bereits angerufen. Am besten setzen wir uns nächste Woche zusammen, um alle Einzelheiten zu besprechen“, fährt Klara fort, als ob ich soeben nichts gesagt hätte. Darüber hinaus verstehe ich gerade nur Bahnhof. Wer zum Teufel ist Henriette und wieso sollen wir uns zusammensetzen? Die Stimmung ist bereits angespannt und mir fällt auf, wie Tom ein wenig unruhig wird. Er setzt seinen typischen Lass es bitte gut sein-Blick auf, doch ich kann nicht anders und bohre nach.
„Henriette ist eine langjährige Freundin von Mum und zudem noch Eventplanerin. Sie wird unsere Hochzeit organisieren. Aber das wirst du dann mit Mum alleine besprechen“, erklärt mir Tom zwar ruhig, doch seinem Gesichtsausdruck zufolge hofft er wahrscheinlich, dass jemand das Thema wechselt.
„Und was ist mit dir?“, frage ich leicht panisch. Will er mich etwa allen Ernstes allein mit seiner Mutter lassen? Wieso tut er mir denn so etwas an?
„Ach, die Hochzeit ist ja eher so ein Frauending. Da sollte schon alles so sein, wie es sich die Braut vorstellt. Da bin ich bloß im Weg. Ihr schafft das sicher auch ganz gut ohne mich.“
Tom küsst mich auf die Wange.
„Moment!“, stammle ich ganz perplex. „Heißt das etwa, du kümmerst dich um gar nichts? Aber das ist doch unsereHochzeit!“ Wie es aussieht, will sich mein Verlobter gekonnt aus dem Staub machen.
„Wir haben ja Henriette. Die kümmert sich um alles“, lächelt mich Tom schelmisch an. Sein dümmliches Grinsen kann er sich jetzt sparen. Er macht sich einfach so vom Acker. Interessiert ihn die Hochzeit denn gar nicht? Und wieso haben wir eine Hochzeitsplanerin? Ich wollte doch immer die Hochzeit selbst organisieren, und zwar mit der Unterstützung meines zukünftigen Ehemannes und nicht mit irgendeiner Tussi, die ich nicht mal kenne und auch noch eng mit seiner Mutter befreundet ist. Da sind doch die Streitereien bereits vorprogrammiert.
Leicht gekränkt widme ich mich wieder den Garnelen, die nun gar nicht mehr so gut schmecken wie zuvor. Klara schwärmt weiter von ihrer Henriette, wie fantastisch sie doch sei und wie viele Hochzeiten sie in ihrem Leben bereits organisiert habe. Sie hat mit ihr auch schon einen Termin festgelegt, wann wir uns das erste Mal treffen, um alle Details zu besprechen. Dafür hat sie ausgerechnet nächsten Freitag aussuchen müssen, und das, ohne mich zu fragen, ob das für mich überhaupt in Ordnung geht.
„Dann haben wir genug Zeit, um alles durchzugehen, und stehen auch nicht unter Zeitdruck“, stellt sie in ihrer unnachahmlichen Art fest. Na toll!
Als der Hauptgang serviert wird, Lammkeule mit Salzkartoffeln, kann ich es bereits kaum erwarten, dass der Abend endlich vorbei ist und ich mich zu Hause auf die Couch lümmeln kann, um eine meiner Lieblingsserien zu schauen. Seit dem Gespräch über die Hochzeitsvorbereitungen bin ich ziemlich wortkarg. Desinteressiert stochere ich in meinem Essen und überlege, wie ich Tom dazu bringen kann, dass er sich doch noch an den Hochzeitsvorbereitungen beteiligt. Ich sehe zu Klara, die mich anscheinend die ganze Zeit über im Auge behält. Es würde mich nicht wundern, wenn diese Hexe Gedanken lesen könnte.
Klara nimmt einen Schluck vom Rotwein und beteiligt sich am Gespräch von Tom und Henrich. James bringt mir einen weiteren Martini. Den vierten mittlerweile. Dass das immer noch mein Aperitif sein soll, kauft mir ohnehin keiner mehr ab. Unbewusst zucke ich mit den Schultern und nehme das Glas.
„Ich habe ihm schon vor Jahren geraten, er solle sein Geld wohlüberlegt anlegen. Aber auf mich wollte er ja nicht hören. Und nun ist alles weg! Jetzt ist er pleite, der Arme. Seine Firma ist ruiniert und er total am Ende. Nicht einmal die Sanierungsabteilung glaubt mehr daran, dass er es schaffen wird.“ Henrich erzählt von einem Bekannten, der in kurzer Zeit heftige Schulden gemacht hat und es nicht mehr schafft, diesen Schuldenberg abzubauen. Ich habe den Anfang nicht ganz mitbekommen, weshalb ich auch nicht wirklich sagen kann, was genau vorgefallen ist. Wirtschaftsthemen sind mir nicht unbedingt die liebsten. Schon gar nicht beim Essen.
„Ella, was denkst du denn, wie der Mann aus dieser prekären Situation wieder herauskommen kann? Als Expertin auf diesem Gebiet kannst du uns da sicherlich weiterhelfen. Vielleicht könntest du dich sogar einmal mit ihm zusammensetzen. Ich bin mir sicher, Herr Sojak würde das sehr zu schätzen wissen.“ Henrich sieht mich hoffnungsvoll an, während Klara mir lediglich einen abfälligen Blick zuwirft.
„Ich bin mir sicher, dass meine Ella einen guten Rat für uns hat“, schmeichelt mir Tom und klopft mir sanft auf die Schulter. Hätte ich Tom doch bloß über meinen beruflichen Werdegang von Anfang an die Wahrheit gesagt…
Eigentlich hatte ich früher davon geträumt, ein Hotel zu eröffnen. Nachdem ich aber gewisse Erinnerungen, die in Verbindung mit einem Auslandsaufenthalt in England standen, vergessen wollte, hatte ich mir in den Kopf gesetzt, alles zu vermeiden, was mich auch nur ansatzweise an diese Zeit erinnern könnte. Ich überlegte daher, was ich sonst noch studieren könnte, das nichts mit Tourismus zu tun hatte. Im Endeffekt war es also eine reine Trotzentscheidung und aus heutiger Sicht ziemlich dumm.
Mir gefiel zunächst die Idee, eine taffe Anwältin zu werden, die sich für andere einsetzt und im schicken Kostüm mit ihrer Schlagfertigkeit alle vom Hocker haut. Zu dieser Zeit war ich übrigens ein absoluter Ally McBeal-Fan, was mich bei meiner Studienwahl vielleicht doch ein wenig zu sehr beeinflusste. Denn leider bemerkte ich bereits im ersten Semester, dass ich bei Jus komplett fehl am Platz war und entschied mich deshalb, das Studium zu wechseln.
Da ich als Kind ein Fan der Sailor Moon-Comics gewesen war und mir später auch der Film Die Geisha so gut gefallen hatte, dachte ich mir: Japanologie, das ist es! Nur leider war es doch nichts, denn die ganzen Hiraganas, Kanjis und was weiß ich noch alles zu lernen, war doch schwieriger, als ich gedacht hatte.
Ich startete dann also meinen dritten und letzten Versuch mit dem Studiengang Astronomie. Ich konnte mich schon von jeher für Sterne und Planeten begeistern, was das Studium sehr einfach für mich machte, und ich sah es als eine tolle Alternative zu meinem eigentlichen Plan. Der Nachteil aus heutiger Sicht ist nur, dass man damit absolut nichts anfangen kann.
Um nun intellektueller vor Tom und seiner Familie dazustehen, habe ich ihnen erzählt, ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen zu haben. Das habe ich ja auch fast – nämlich einen Kurs als Wahlfach. (Ich war zwar nie anwesend und habe die Prüfung lediglich mit Abschreiben bestanden, aber das ist meiner Meinung nach völlig irrelevant. Jedenfalls kann ich behaupten, einen Wirtschaftskurs besucht zu haben, und das ist letztendlich alles, was zählt.) Bei den Stromburgs habe ich einfach mein eigentliches Studium mit einem Wahlfach getauscht. Was ist denn schon dabei? Ich bin sicherlich nicht die Einzige, die flunkert, wenn es ums Studium geht. Außerdem zählt ohnehin bloß der Titel.
Tom und seine Eltern warten immer noch auf eine Antwort und ich habe keine Ahnung, was ich ihnen sagen soll. Um Zeit zu gewinnen, nehme ich einen Schluck vom Martini.
„Was ich ihm raten würde? Nun ja... ahm... wenn die Sanierungsabteilung bereits der Meinung ist, dass man nichts mehr für ihn tun kann…“, versuche ich auszuweichen, doch Tom unterbricht mich.
„Aber es muss eine Lösung geben. Denk doch mal nach! Es kann nicht sein, dass er sich damit abfinden muss.“ Er sieht mich so hoffnungsvoll an, dass ich mich in diesem Augenblick völlig unter Druck gesetzt fühle. Normalerweise würde ich Toms Einsatz zu schätzen wissen, doch in diesem Fall wünschte ich mir, er würde einfach nur die Klappe halten. Ich greife unbewusst ein weiteres Mal zum Glas und leere es in einem Zug. Bestimmt bin ich nach diesem Abend hagelvoll. Tom, Henrich und Hexe Klara sehen mich dabei leicht irritiert an.
„Der schmeckt aber auch besonders gut“, mache ich eine Anspielung auf mein leeres Glas und versuche, die Situation mit einem Lächeln zu überspielen. Die drei starren mich an. Es wird langsam Zeit, dass mir etwas Passendes einfällt. Vielleicht hilft mir ja mein Bachelorabschluss in Astronomie weiter. „Nun ja, die Sterne stehen nicht besonders günstig, jedoch liegt Saturn im richtigen Winkel, um ihm die nötige Kraft zu geben, die Situation zu meistern“, höre ich mich überzeugt sagen und bin gleichzeitig richtig stolz auf meinen kreativen Einfall. Nur blöd, dass mit dieser Aussage niemand etwas anfangen kann.
„Kannst du dich etwas präziser ausdrücken?“, bittet mich Henrich zögernd. So verdutzt hat er mich bisher noch nie angesehen.
„Er soll sich seine Finanzen noch einmal genau durchsehen und dann einen Plan entwickeln, wie er in Zukunft vorgehen will. Aber das ist viel zu vertraulich und sollte mit ihm persönlich besprochen werden.“ Ich hoffe, mein Ausweichmanöver besänftigt sie ein wenig, nachdem meine Aussage zuvor komplett in die Hose gegangen ist. „Ich würde vorschlagen, dass ihr zwei euch mal zusammensetzt, um den Plan detaillierter zu besprechen. Herr Sojak weiß es sicher zu schätzen, wenn ihm jemand zu Hilfe kommt, der sich auf diesem Gebiet gut auskennt“, höre ich meinen Verlobten sagen und mir bleibt in diesem Moment nichts anderes übrig, als gezwungen zu lächeln.
„Natürlich!“ Ich schlucke. „Das ist doch überhaupt kein Problem.“
Ach, du lieber Himmel! Wie soll ich da bloß wieder rauskommen?
Beim Dessert merke ich, wie meine Konzentration immer mehr nachlässt und ich mich am Gespräch kaum mehr beteilige. Noch weniger als zuvor. Dass Henrich mit seinem Bekannten bereits einen Termin für uns ausgemacht hat, versuche ich zu ignorieren. Gedankenversunken stochere ich in der Schokoladenmousse herum, das verführerisch auf meinem Glasteller liegt. Dieses Zeug schmeckt aber auch gut! So cremig und luftig und so herrlich süß, dass ich im Moment nichts anderes lieber essen würde. Ganz fasziniert von dem unglaublichen Geschmack feinster Schokolade steige ich gedanklich dann doch wieder in die Unterhaltung ein. Genau zum richtigen Zeitpunkt, wie es den Anschein macht.
„Am Sonntag können wir uns ja noch genauer über die Verlobungsparty unterhalten. Aber morgen fahren wir zuerst einmal zur Weinverkostung ins Waldviertel. Da kannst du uns dann deine Weinkenntnisse vor Augen führen. Nicht wahr, Liebling?“, meint Tom stolz und klopft mir erneut auf die Schulter.
Moment! Habe ich das etwa richtig gehört? Sonntag? Heute ist doch Freitag! Wieso spricht er dann von Sonntag? Da ist noch ein ganzer Tag dazwischen.
„Schatz, ich kann dir nicht ganz folgen“, gestehe ich leicht angespannt und hoffe auf eine Kurzfassung, damit meine gedankliche Abwesenheit nicht allzu sehr auffällt.
„Meine Eltern haben uns das ganze Wochenende zu sich eingeladen. Ist das nicht fantastisch! Ich habe dir extra nichts davon erzählt, weil ich dich damit überraschen wollte.“
Ja, die Überraschung ist ihm gelungen! Ich habe das Gefühl, dass mir die soeben noch gelobte Schokoladenmousse wieder raufkommt, während mir der kalte Angstschweiß über den Rücken läuft. Ein ganzes Wochenende mit Toms Eltern, und das unter einem Dach. Ich gehe einmal davon aus, dass es keine Pyjamaparty geben wird. „Aber Schatz, ich habe doch nichts eingepackt. Tut mir leid, ich hätte das wissen müssen. Das nächste Mal können wir jedenfalls gerne…“, versuche ich, mich aus dieser Situation herauszureden, ehe mich Tom kurzerhand unterbricht.
„Liebling, du brauchst dir diesbezüglich keine Sorgen zu machen. Ich habe dir schon ein kleines Wochenendköfferchen zusammengestellt. Mit Inhalt natürlich.“ Tom lacht über seinen eigenen Witz und zwinkert mir zu. Seine Eltern stimmen ebenfalls in sein Gelächter ein. Einzig mir ist nicht zum Lachen zumute.
Ich dachte eigentlich, dass wir diesen einen Abend hier gemeinsam unsere Verlobung feiern und bei der ersten sich bietenden Gelegenheit wieder nach Hause fahren, und nicht, dass wir ein ganzes Wochenende im Haus seiner Eltern versauern. Stellt er mich jetzt etwa auf die Probe? Und dass er einfach so Klamotten für mich einpackt? Mist! Jetzt fällt mir auch noch ein, dass ich ihm einmal gesagt habe, Größe 34 zu haben, was freilich gelogen war. Aus dem Koffer passt mir sicher nichts.
„Und was sagst du zu unserem geplanten Ausflug? Zur Weinverkostung? Ist das nicht toll?“ Tom strahlt mich an wie ein Honigkuchenpferd.
„Toll!“, stammle ich und lächle gezwungen. Mir wird ganz schlecht. Das alles ist ein absoluter Albtraum. Tom tätschelt mich schon wieder.
Ich höre Henrich davon reden, wie sehr er sich auf meine Weinkenntnisse freue, und er erzählt von seinem Lieblingswein, wobei ich den Namen noch nie gehört habe, geschweige denn weiß, wie man ihn schreibt, um ihn googeln zu können. Verdammt! Wie konnte ich das bloß vergessen? Das mit dem Wein ist nämlich auch so eine Sache…
Ich wollte wieder einmal einen guten Eindruck hinterlassen und protzte deshalb damit, eine exzellente Weinkennerin zu sein. Ich schwärmte davon, dass ich mich bei sämtlichen Weinsorten auskennen und heimlich von einem eigenen Weingut träumen würde. Das Ganze ging dann so weit, dass ich mir selbst ein Zertifikat als Weinsommelier zusammenstellte und ausdruckte. Anschließend ließ ich meine Schwester das gefälschte Dokument unterzeichnen. Als ich dann Klara beim nächsten Besuch das selbstgemachte Zertifikat präsentierte, war ich richtig stolz darauf. Immerhin saß ich den ganzen Tag dabei, um es zu entwerfen, und das Designprogramm war wahrlich nicht einfach zu bedienen. Darüber hinaus rieb ich ihr noch unter die Nase, dass das Weinseminar in der Provence stattfand.
Daraufhin war ihre nächste Frage gleich: „Ach, du sprichst Französisch?“ Meine einzige Antwort darauf war lediglich ein gestammeltes „Oui.“ Natürlich kann ich kein bisschen Französisch, abgesehen von ein paar Grundbegriffen wie: Guten Tag oder danke und bitte – und das auch nur, wenn es mir im richtigen Moment einfällt.
Henrich bohrte dann ebenfalls nach, wieso denn das Zertifikat auf Deutsch sei. Ich räusperte mich, um ein wenig Zeit zu gewinnen. An dieses kleine Detail hatte ich schlichtweg nicht gedacht.
Glücklicherweise fand ich schnell eine passende Erklärung: „Ahm… also, das Weingut ist sehr international ausgerichtet. Könnte ich Arabisch, dann hätte ich die Prüfung genauso gut auf Arabisch ablegen können.“ Ich lächelte dabei noch charmant, als ob es quasi selbstverständlich wäre, dass mein fiktives Weingut auch internationale Weinseminare anbietet.
„Das klingt ja sehr interessant. Haben die eine Website, die ich mir ansehen könnte?“, konnte es Henrich einfach nicht lassen.
Aber selbst dafür war mir keine Ausrede blöd genug: „Ja, doch nicht jeder hat einen Zugang dazu. Nur ausgewählte Mitglieder des internationalen Weinclubs erfahren, wie man auf diese Website gelangt. Alles sehr geheim und viel zu kompliziert. Eigentlich verrate ich jetzt schon mehr, als ich sollte. Ich hoffe, wir werden nicht abgehört.“
„Abgehört?“, wiederholte Henrich stutzig und sah sich paranoid in allen Ecken um.
„Ja, wie gesagt… ist alles streng geheim. Allein die Sicherheitsbestimmungen. Die sind wirklich nicht ohne.“ Skeptisch hob er auf diese Aussage hin seine Augenbraue.
Ich kann immer noch nicht sagen, ob er mir die Geschichte abgekauft hat oder nicht. Aber immerhin hat er von da an keine dummen Fragen mehr dazu gestellt. Und manchmal ertappe ich ihn lustigerweise dabei, wie er misstrauisch über seine eigene Schulter schaut.
Am nächsten Tag habe ich mir umgehend einen Französisch-Schnellkurs mit Buch, CD und allem Drum und Dran zugelegt, um mir einen Überblick über die wichtigsten Basics zu verschaffen. Zum Glück kann in Toms Familie niemand Französisch. Tom selbst beherrscht nämlich lediglich Englisch, Spanisch, Italienisch und Russisch. Was habe ich also für ein Glück, dass Französisch nicht zu seinen Fremdsprachkenntnissen zählt. Trotzdem habe ich angefangen, ein paar Phrasen auswendig zu lernen, um auf jeden Angriff vorbereitet zu sein. Abgesehen davon ist Tom völlig hin und weg von meinem französischen Accent und erzählt immer wieder von seinem Kurzaufenthalt in Paris. Jedes Mal sieht er mich dabei ganz verliebt an, vor allem, wenn ich daraufhin eine meiner einstudierten Floskeln von mir gebe. Ich hingegen hoffe nur, dass er nicht bemerkt, dass diese Sätze eigentlich keine tiefere Bedeutung haben.
Nachdem Henrich bezüglich des Weingutes dermaßen nachgebohrt hatte, beschloss ich, eine eigene Website dafür zu gestalten. Mit WordPress ging das auch relativ schnell und sollte mir für den Fall, dass er wirklich darauf bestand, die Website sehen zu wollen, als Beweisstück für das Weingut dienen.
Das eigentliche Problem neben meinen fehlenden Französisch- und Weinkenntnissen ist allerdings die Tatsache, dass ich gar keinen Wein trinke. Am liebsten trinke ich Bier – und das aus der Flasche. Ich rülpse dabei auch gerne, aber natürlich niemals in der Gegenwart eines Stromburgs.
Ich weiß jetzt schon, dass diese Weinverkostung ein absoluter Albtraum wird. Ich muss heute Nacht unbedingt noch meine Schwester anrufen. Die kann mir sicherlich weiterhelfen. Irgendwie muss es doch möglich sein, aus diesem Schlamassel wieder unbeschadet herauszukommen.
Am Abend schleiche ich mich aus dem Haus, um mit meiner Schwester ungestört telefonieren zu können. Ich fühle mich dabei wie ein Schwerstverbrecher.
„Marie? Ich brauche deine Hilfe!“, jammere ich meiner Schwester sofort verzweifelt ins Handy. Ich erzähle ihr kurz vom geplanten Ausflug ins Waldviertel zur Weinverkostung und ihre einzige Antwort darauf ist: herzhaftes Lachen.
„Hast du dich jetzt wieder beruhigt?“, frage ich sie genervt. Ich sitze in der Klemme und sie lacht einfach nur blöd.
„Das ist wie damals, als du ihnen erzählt hattest, einen Hund namens Chapper zu haben, und mich dann um Hilfe gebeten hast, eine geeignete Hunderasse zu googeln“, scherzt sie.
Gut, dass sie mich an den erfundenen Hund erinnert, der vor fünf Jahren quasi verstorben ist. Das hatte ich längst vergessen. Ich habe nämlich einmal gelesen, dass Tierliebhaber die besseren Menschen seien und auch von anderen Menschen als liebenswerter eingeschätzt werden. Deshalb die Hundegeschichte. Ich hatte noch nie einen Hund. Schon gar nicht, weil ich nicht einmal in der Lage war, auf meinen Goldfisch aufzupassen. (Der arme Fisch kam bereits nach drei Tagen ums Leben. Ich bin jedoch immer noch davon überzeugt, dass es nicht meine Schuld war und er schon vor unserer Bekanntschaft an irgendeiner unheilbaren Fischkrankheit gelitten hatte.) Richtig knifflig wurde es, als Klara zu einer Hundeausstellung wollte, woraufhin ich in Panik geriet, weil ich von Hunden überhaupt keine Ahnung hatte. Marie informierte sich dann für mich und machte mich mit ein paar Hunderassen vertraut. Das geschah alles in letzter Minute. Ich musste ihr dann hoch und heilig versprechen, dass so etwas nie wieder vorkommt. Tja, wie sagt man so schön: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.
„Ich habe keinen Laptop dabei und mit dem Internet am Handy komme ich hier auch nicht weit. Du musst dich bitte für mich schlaumachen und mir dann alle wichtigen Infos per SMS senden.“
„Natürlich mache ich das für dich. Ich frage mich bloß, wann du endlich mal du selbst bist. Ewig kannst du so nicht weitermachen.“
„Marie, halte mir jetzt bitte keine Predigt! Hilf mir einfach, das Wochenende zu überstehen.“ Ich seufze und bedanke mich schon mal im Voraus bei ihr. Ohne meine Schwester wäre ich echt aufgeschmissen. Und das Gleiche gilt fürs Internet. Marie versichert mir, sich darum zu kümmern, und legt auf.
„Schaaatz“, quieke ich, als Tom plötzlich hinter mir steht und seine Arme um mich schlingt. Er drückt mich fest.
„Alles in Ordnung?“, fragt er beunruhigt und redet gleich weiter, ohne auch nur auf eine Antwort zu warten. „Ich hoffe, du bist mir nicht böse, dass wir übers Wochenende bleiben. Meine Eltern haben praktisch darauf bestanden und sich schon so gefreut. Sie wollen dich besser kennenlernen. Und wenn ich dich im Vorhinein gefragt hätte, dann hättest du wahrscheinlich Nein gesagt.“ Klaras Vorfreude kann ich mir richtig vorstellen.
„Ach was“, widerspreche ich ihm lächelnd, doch er kauft es mir nicht ab.
„Wenn du meine Eltern besser kennst, dann wirst du sie genauso ins Herz schließen wie mich. Es bedeutet mir wahnsinnig viel, dass ihr noch vor der Hochzeit miteinander warm werdet.“ Sanft küsst er meine Wange.
Die Hochzeit hätte ich beinahe vergessen.
„Dass du dich so gekonnt aus dem Staub machst, was unsere Hochzeitsplanung betrifft, gefällt mir aber weniger“, sage ich direkt heraus.
„Ich mache mich doch nicht aus dem Staub, nur denke ich, dass du mit Henriette besser aufgehoben bist als mit mir“, meint er schmunzelnd und küsst mich weiter.
„Um ehrlich zu sein, habe ich immer davon geträumt, meine eigene Hochzeit zu organisieren“, gestehe ich und merke wie Tom grinst.
„Ach, Liebling! Du wirst doch nicht allen Ernstes alleine eine Hochzeit für zweihundert Gäste organisieren?“
„Zweihundert? Aber so viele Leute kenne ich doch gar nicht. Ich habe eher an eine kleine, familiäre Trauung gedacht und nicht daran, ein Riesen-Event daraus zu machen“, stammle ich enttäuscht. Ich spüre jetzt schon, dass die Hochzeit nicht das wird, was ich mir immer vorgestellt habe.
„In unserer Familie sind Hochzeiten ein wichtiges Ereignis, das dementsprechend gefeiert werden soll. Es werden Verwandte, Freunde und Bekannte eingeladen, darunter auch ein paar wichtige Geschäftsleute.“ Geschäftsleute? Auf meiner Hochzeit? Ich glaube, ich höre nicht richtig.
„Warte einfach die nächste Woche mal ab. Dann kannst du alles in Ruhe mit Henriette besprechen“, murmelt er, ohne aufzusehen, und küsst mich zärtlich weiter. Tom gibt mir damit gar keine Möglichkeit, noch länger an die bevorstehende Hochzeit zu denken. Noch vor einer Minute voller Sorge bezüglich unserer Hochzeitsfeier bin ich mittlerweile gedanklich ganz woanders. Ja, so schnell geht das. Tom weiß halt, was er tun muss, um mich auf andere Gedanken zu bringen.
Leidenschaftlich küsst er meinen Mund. Während die Küsse anfangs noch zärtlich und sanft waren, werden sie nun immer lustvoller und wilder. Er streichelt meinen Rücken, meine Brüste und ich merke, dass auch er es vor lauter Erregung kaum mehr aushält.
„Vielleicht sollten wir ins Schlafzimmer gehen, bevor wir es wild auf dem Rasen tun“, flüstere ich ganz ungeniert und grinse ihm zu. Er nimmt daraufhin gierig meine Hand, um sich mit mir schnell auf den Weg ins Haus zu machen. Nun ja, schnell ist vielleicht ein wenig übertrieben. Bis wir vom Garten ins Haus kommen, dauert es bereits eine gefühlte Ewigkeit. Und dann auch noch in den ersten Stock, in den Westflügel, wie ich es gerne übertrieben nenne, um dort endlich ins Schlafzimmer zu gelangen. Das nächste Mal bleiben wir vielleicht doch lieber im Garten, denke ich mir und muss dabei unanständig grinsen. Wie Klara bloß reagieren würde, wenn sie uns in ihrem Vorzeigegarten beim schmutzigen Sex erwischen würde? Das wäre mit Sicherheit ein weiteres Highlight zwischen ihr und mir.
Kurz vor unserem Ziel, dem Schlafzimmer, läuft uns dann noch Henrich über den Weg. Auch das noch! Als ob der lange Weg nicht schon gereicht hätte. Er bleibt stehen und fängt mit Tom tatsächlich ein Gespräch über die Wirtschaftskrise an. Na toll, was für ein Stimmungskiller! Tom und ich bleiben ungeduldig stehen, um uns kurz mit ihm zu unterhalten. Am liebsten hätte ich ihn einfach stehen lassen und wäre mit Tom sofort in sein Zimmer verschwunden. Hoffentlich wird Tom ihn rasch wieder los.
Ich bekomme kaum etwas vom Gespräch mit, bin gedanklich einen Stock tiefer. Ach Gott, bin ich vielleicht scharf! Länger halte ich es echt nicht mehr aus!
„Vater, wir sind schon ziemlich müde. Lass uns morgen weiterreden“, wimmelt Tom seinen Herrn Papa ab und wünscht ihm eine gute Nacht. Na endlich, geht doch!
Im Schlafzimmer angekommen, fallen wir übereinander her, als gäbe es kein Morgen. Tom reißt mir dabei fast die Kleider vom Leib. (Ach, bin ich froh, dass er nicht zu fest am Kleid gezogen hat, sonst wäre das neue Ding bereits am ersten Abend ruiniert worden.) Er zieht mich lustvoll aufs Bett, küsst mich leidenschaftlich am Hals und wandert langsam nach unten. Ich stöhne auf, genieße jeden Moment. Er verwöhnt mich, lässt mich zunächst gar nicht an sein bestes Stück.
„Nein, meine Süße, zuerst du“, flüstert er nur und liebkost mich weiter, während ich es kaum mehr aushalte, bis er dann doch endlich in mich eindringt.
„Also, das Bett ist wirklich bequem. Daran kann man echt nichts aussetzen“, lächle ich Tom nach dem Sex unschuldig entgegen und kuschle mich sanft an ihn. Er küsst mich auf die Wange und lächelt ebenfalls. Liebevoll streichelt er meinen Rücken. Ach, ich schmelze dahin! Da wird mir noch einer widersprechen wollen, dass Tom kein absoluter Traummann ist! Ich meine, abgesehen von seinem Aussehen, seiner charmanten Art und seinem Vermögen ist er nebenbei ein wahrer Sexgott.
Zufrieden schließe ich meine Augen. Vielleicht wird das Wochenende doch nicht so schlimm. Wichtig ist nur, dass ich mit Tom zusammen bin. Die Weinverkostung werde ich auch irgendwie überstehen und im schlimmsten Fall versuche ich mich einfach, aus diesem Schlamassel wieder herauszureden. Tom liebt mich so, wie ich bin, und wir werden heiraten. Ich bezweifle, dass er es sich ausgerechnet an diesem Wochenende anders überlegt. Ich muss daran denken, wie er mir den Antrag gemacht hat, und spüre, wie gerade eine Million Schmetterlinge in meinem Bauch losflattern…
Es war an einem Samstagabend. Wir gingen in unser Lieblingsrestaurant in der Wiener Innenstadt, ließen uns kulinarisch verwöhnen, unterhielten uns blendend und lachten viel. Als der Nachtisch serviert wurde, war ich schon ganz gespannt. Schließlich hatte Tom fest darauf bestanden, das Dessert für mich auszusuchen. Dass das ein Teil seines Plans war, wusste ich zuerst nicht. Es wurde eine kleine Schokoladentorte in der Form eines Herzens serviert, auf der Ich liebe dich stand. Ich freute mich dermaßen über den Schriftzug auf der Torte, dass ich im ersten Moment gar nicht mitbekam, wie Tom zu Boden ging und sich vor mich niederkniete.
„Tom…“, bekam ich vor lauter Aufregung gerade einmal heraus. Langsam begriff auch ich, was er vorhatte. Ich hauchte noch ein aufgeregtes „O mein Gott!“, das ich so gut aus den romantischen Liebesfilmen kenne, die ich mir so gerne anschaue, und ließ ihn dann endlich zu Wort kommen.
„Meine süße Ella, als ich dir das erste Mal begegnet bin, da war ich ganz hin und weg von deiner charmanten und leicht verrückten Art. Dein entzückendes Lächeln und deine strahlenden Augen haben mich gleich in den Bann gezogen. Die vergangenen Monate waren die schönsten meines Lebens und ich weiß, du bist die Richtige. Ella, ich liebe dich und möchte mein restliches Leben mit dir verbringen. Deswegen frage ich dich nun: Willst du mich heiraten?“ Leicht nervös, aber dennoch selbstsicher zugleich kniete er vor mir und hielt mir eine kleine Schachtel entgegen. Als er sie öffnete, war ich ganz baff. War der Ring etwa von Tiffany?
Ganz abgelenkt von dem funkelnden Ring, der mir protzig entgegenstrahlte, hätte ich fast vergessen, Tom eine Antwort zu geben. Er räusperte sich kurz und bekam daraufhin sofort wieder meine volle Aufmerksamkeit.
„Verzeihung…“, kicherte ich. „Und ja, JA, ICH WILL!!!“ Ich war ganz aufgeregt und hatte überhaupt nicht damit gerechnet. Ich meine, irgendwie hatte ich ja schon daran gedacht, ob Tom womöglich der Mann meines Lebens sei und wie es sich wohl anfühlen würde, von ihm einen Antrag zu bekommen. Aber ich hatte auf keinen Fall damit gerechnet, dass er nun tatsächlich vor mir auf seine Knie ging und in so kurzer Zeit um meine Hand anhielt. Immerhin waren wir erst neun Monate zusammen. Es war also wirklich eine Überraschung.
Er steckte mir den Ring an den Finger, stand wieder auf und küsste mich. Im Hintergrund hörte ich Applaus und jemanden pfeifen. Da wurde mir erst wieder bewusst, dass wir ja in einem Restaurant waren. Der Moment war so innig, dass ich die anderen Gäste komplett vergessen hatte. Wir strahlten uns an und ich fühlte mich wie in einem kitschigen Liebesroman.
Anschließend aßen wir zusammen die Torte. Die ganze Zeit über hielt er dabei meine Hand und blickte mich glücklich an. Nach dem Essen wartete dann auch noch eine weiße Kutsche mit einem wunderschönen Schimmel vor dem Restaurant, die er extra für mich bestellt hatte, und so fuhren wir durch die bezaubernde nächtliche Wiener Innenstadt. Es war wirklich so romantisch!
Als ich in der Früh aufwache, habe ich für einen Augenblick fast vergessen, dass wir in Toms Elternhaus sind. Tom küsst mich auf die Wange. Anscheinend bin nicht nur ich gerade erst munter geworden.
