In den Weiten der Zeit - Anja Rohde - E-Book

In den Weiten der Zeit E-Book

Anja Rohde

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Beschreibung

Fantastische Geschichten zum Träumen, Staunen, Gruseln.

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Seitenzahl: 135

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ungebunden flattere ich im Strom der Zeit schwimmend zwischen den Welten Suchend Weder Vogel noch Fisch

Wer bin ich?

Inhalt

Rowan

Der Sohn der Mondfrau

Schicksal

Ende und Anfang

Winter

UnTot

Die Eiche

Im Land der möglichen Götter

Rowan

Sie atmete tief ein und trat aus dem Stall. Die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen, aber Rowan war schon seit der frühen Dämmerung auf den Beinen und hatte die Jungen auf den Hof gejagt. Sie musste bald losgehen, wenn sie beizeiten wieder zurück sein wollte. Sie seufzte und sah über den Hof. Es war nicht immer leicht, die Dorfvorsteherin zu sein, schon gar nicht, wenn man neunzehn Jahre alt war, und am allerwenigsten, wenn der eigene Bruder der Grund der bevorstehenden Ärgernisse war.

Die Probleme hatten vorletzten Winter begonnen, als die Lawine neben dem Dorf niedergegangen war und ihr Vater, der Dorfvorsteher Leon, verschüttet wurde. Er hatte überlebt, aber der Baumstamm, der die Hütte getroffen hatte, hatte ihn so schwer verletzt, dass er nie wieder ohne Hilfe würde leben können. Trotzdem war es sehr verwunderlich gewesen, dass ihr Vater sie, Rowan, im folgenden Frühjahr als seine Nachfolgerin vorgeschlagen hatte. Die Dorfbewohner hatten ohne zu zögern zugestimmt. Zum einen, da alle die junge Frau mochten und ihren klugen Kopf zu schätzen wussten, zum anderen, da niemand aus den dreiundzwanzig Familien, aus denen das Dorf bestand, sonderlich große Lust hatte, diese Aufgabe zu übernehmen. Rowan war anfangs auch nicht sehr begeistert gewesen, aber nach vielem Hin und Her hatte sie schließlich eingewilligt. Inzwischen liebte sie ihr Aufgaben, meistens jedenfalls. Im Moment wäre sie aber viel lieber ein ganz normales Dorfmädchen gewesen.

Das Geräusch einer schlagenden Tür lenkte Rowans Aufmerksamkeit Richtung Haus. Zara, die Schwester von Ria, Rowans verstorbener Mutter, kam auf den Hof und schenkte dem Mädchen ein warmes Lächeln. Zara war die jüngere der beiden Schwester und sie war für Rowan immer eine Art Mutter gewesen. Als Leon verunglückt war, hatte Zara seine Pflege übernommen und war schließlich mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter ganz zu ihnen auf den Hof gezogen. Rowan wusste wirklich nicht, was sie ohne ihre Hilfe getan hätte.

Nun war es an der Zeit. Das Mädchen nahm sein Bündel und schnürte sich die Schuhe fester. Es führte kein leichter Weg ins Elfengebiet. Sie winkte Zara zu, die im kleinen Garten neben dem Haus stand.

„Ich gehe jetzt, Zara. Hab bitte ein Auge auf die zwei Bengel.“

Ihre Tante sah sie mitleidig an. „Armes Kind, hoffentlich nehmen die Elfen die Entschuldigung des Dorfes an.“

Es war ein sonniger Frühlingstag und der Himmel war voller weißer Schäfchenwolken. Es war ein Tag, wie Rowan ihn liebte. Sonnenkind, das war die Bedeutung ihres Namens und normalerweise wurde sie ihm mehr als gerecht, besonders bei solchem Wetter. Aber nicht heute.

Es war vor zwei Tagen geschehen, begonnen hatte es vermutlich jedoch schon viel früher. Sie liebte ihren Bruder Darren, trotz allem, doch dieses Mal war er zu weit gegangen.

Vor zwei Tagen also. Jener Tag hatte so schön begonnen wie dieser. Wie immer war Rowan schon früh auf den Beinen gewesen und hatte dieses und jenes erledigt, aufgeräumt und die Tiere versorgt. Außerdem war Waschtag gewesen und so war es ihr erst nicht weiter aufgefallen, dass sie Darren schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatte. Er rannte meist den ganzen Tag durch die Wiesen und Wälder, die das Dorf umgaben. Etwas anderes konnte man von einem Vierzehnjährigen ja auch nicht erwarten, aber normalerweise verabschiedete er sich morgens, bevor er zu seinen Abenteuern aufbrach. Rowan hatte sich also etwas beunruhigt auf die Suche gemacht. Die Gegend war eigentlich sehr friedlich, seit einiger Zeit jedoch machte die Nachricht über kriegerische Fremde aus dem Süden die Runde. Sie hatte also einige Zeit das Unterholz durchstreift und war sogar auf ein paar ‚geheime‘ Hütten ihres Bruders gestoßen. Den Besitzer aber hatte sie nicht finden können. Dann war ihre Aufmerksamkeit von Lärm erregt worden, der aus der Richtung des kleinen Sees gekommen war, welcher nicht weit vom Dorf entfernt lag. Mit einer bösen Vorahnung war sie losgerannt und dann erschrocken wieder stehen geblieben. Sie hatte einfach nicht glauben können, was sich vor ihren Augen abgespielte hatte. Es waren drei junge Kerle, die ein Mädchen umringt hatten. Zwei hatte sie sofort erkannt, es waren Darren und sein bester Freund Jano. Der dritte war ein anderer Junge aus dem Dorf, Cal, dem man deutlich anmerkte, dass das, was seine Gefährten taten, ihm nicht behagte. Die zwei Bengel hatten das Mädchen an einen Baum gedrängt und Rowan hatte plötzlich körperlich gespürt, dass etwas passieren würde, wenn sie der Sache nicht sofort ein Ende bereitete. Sie war von hinten an die Jungen herangetreten, die sie, erregt und aufgestachelt wie sie waren, nicht hatten kommen hören. Als sie ihren Bruder und dessen Freund am Kragen packte, hielt sie verblüfft inne. Für Sekunden hatten sie und das Elfenmädchen sich in die Augen gesehen, dann hatte die Elfe die Hand gesenkt, deren Fingerspitzen hell vor Magie geglüht hatten, und war lautlos im Wald verschwunden. Rowans Verwirrung und ihr Zorn hatten sich nun auf die Jungen entladen, die sehr kleinlaut geworden waren. Sie hatte sie zurück ins Dorf geschleift, wo sie sie dann im Beisein der Familien für ihre Untat bestraft hatte.

Rowan seufzte. Sie wusste, dass sie richtig gehandelt hatte, aber sie zerbrach sich den Kopf darüber, was mit Darren los sein könnte. Er hatte sonst nie auch nur in geringster Weise gewalttätige Züge gezeigt, genauso wenig wie Jano oder Cal. Um den machte sie sich auch nicht wirklich Gedanken, er war derjenige gewesen, der alles zugegeben hatte: Wie sie das Elfenmädchen beim Baden beobachtet hatten und sie eigentlich nur ein bisschen hatten erschrecken wollen. Dass er damit die Freundschaft auf Spiel setzte, zeigte, wie schrecklich das Ganze für ihn war. Nein, Sorgen bereiteten ihr ausschließlich Darren und Jano, vor allem Darren natürlich, da er ihr Bruder war und sie die Verantwortung für ihn trug. Hatte sie sich vielleicht zu wenig um ihn gekümmert?

Die beiden Jungen hatten nichts gesagt, als Rowan sie mit zwanzig Arbeitstagen auf dem Hof bestraft hatte. Sie waren nur mit gesenktem Kopf dagestanden und hatten hin und wieder Cal finstere Blicke zugeworfen. Jetzt, zwei Tagen später, war Rowans Zorn fast schon verflogen; was geblieben war, waren Fassungslosigkeit und Verwirrung, aber auch Erleichterung, dass das Elfenmädchen besonnener als die Jungen gewesen war. Hätte sie ihre Magie benutzt... Rowan hatte immer noch ihre erhobene Hand vor Augen, die hell geglüht hatte...

Das Mädchen schüttelte den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. Das alles nützte nun überhaupt nichts, sie war die Dorfvorsteherin und es war nun einmal ihre Aufgabe, Unangenehmes zu erledigen. Sie hatte aber nicht die geringste Ahnung, was sie erwarten würde.

Der Wald wurde nun immer dichter. Rowan wusste, dass sie den Weg zu den Elfengebieten nur finden würde, wenn die Elfen es so wollten. Sie duckte sich unter einem großen Ast durch und blieb dann erstaunt stehen. Der Pfad vor ihr war überraschenderweise wieder recht breit und wurde von Weißdornbüschen gesäumt, die über und über mit Blüten bedeckt waren, so dass es fast wie Schnee aussah. Es war ein herrlicher Anblick. Fröhlich betrat das Mädchen den Pfad, der sich wand und schlängelte. Die Blüten dufteten, die Sonne schien...

Rowan hob den Kopf. Irgendetwas war plötzlich anders. Sie drehte sich langsam ein Mal um sich selbst. Nichts, nur Blüten, Blüten, Blüten. Und doch, sie war nicht mehr allein, das spürte sie.

Ein Rabe flog über sie hinweg und verschwand hinter der nächsten Biegung des Pfades. Sie schüttelte irritiert den Kopf und meinte im Gehen laut zu sich selbst: „Mädchen, du siehst Gespenster!“ Aber ein Rabe, zu dieser Jahreszeit, der einen Waldweg entlang flog?

Es war kein Rabe.

So unvermutet, wie der Pfand angefangen hatte, hörte er auch wieder auf. Rowan stand nun auf einer Lichtung, die in grünlich-goldenes Licht getaucht war. Und vor ihr, nur wenige Schritte entfernt – ein junger Mann. Verblüfft sah sie ihn an. Ja, es war ohne Zweifel ein Mann, aber er war auf eine schwer zu fassende Weise anders als jeder Mann, den sie kannte.

Der Elf lächelte. Ein zaghaftes Lächeln, ganz so als wüsste er nicht, wie er sich verhalten sollte. Es war dieses so jungenhafte Lächeln, das Rowan ihr Erstaunen vergessen ließ. Er konnte – in Elfenmaßstäben gerechnet – nicht viel älter als sie selbst sein. Das lange, dunkle Haar, das einen leichten Grünschimmer hatte, war zu einem Zopf geflochten, aber einige Strähnen hatten sich gelöst und auch seine nach Elfenart geschnittene Kleidung, Hose und Hemd, wirkte etwas unordentlich.

Rowan trat einen Schritt vor. „Erlaubt Ihr mir, dass ich diese Lichtung überquere?“

„Ihr seid Rowan, nicht wahr?“ Seine Frage kam unvermutet und klang eigentlich auch nicht wie eine richtige Frage.

Nun wurde Rowan doch misstrauisch. Was tat dieser Kerl hier? Zu den Gebieten der Elfen sollte es doch eigentlich noch ein gutes Stück dauern! Ihre Antwort kam zögernd und sie überlegte jedes Wort sehr genau. „Ja, das bin ich. Dann ist Euch auch der Grund meines Kommens bekannt, nehme ich an?“

Der Elf sah sie erst fragend an und meinte dann: „Ihr meint wohl den Vorfall mit den Kindern aus Eurem Dorf?“ Er sah verlegen zu Boden. „Deswegen bin ich nicht hier.“

Am liebsten wäre sie sofort umgedreht und davon gerannt, doch sie war die Dorfvorsteherin und so bemühte sie sich, nichts von ihrem Schreck zu zeigen. Mit fester Stimme, in der ein Hauch Zorn mitschwang, meinte sie: „Was wollt Ihr?“

Etwas von ihrer Aufgewühltheit sah man ihr anscheinend doch an, denn der Elf wurde noch verlegener, fasste sich dann aber wieder. „Bitte, habt keine Angst.“

Er machte einen kleinen, schnellen Schritt auf sie zu und Rowans Kopfhaut begann zu prickeln. Sie wusste, dass es zu spät war; er hatte sie mit seiner Magie erreicht. Sie würde sich von jetzt an nur von ihm entfernen können, wenn er es zuließ. Zorn und Panik kochten erneut in ihr hoch und sie warf beides mit ganzer Kraft gegen den Elfen.

„Was soll das? Wollt Ihr mich für das strafen, was die Kinder aus meinem Dorf getan haben? Ist Euch Elfen meine aufrichtige Entschuldigung nicht genug?“ Sie musste sich mühsam beherrschen, ihn nicht anzuschreien, was in dieser Situation vermutlich überhaupt nichts genutzt hätte.

„Ihr wisst nur zu gut, dass ich gegen Eure Magie nicht ankomme! Ist es das, was Ihr wollt?“

„Nein, bitte. Ihr versteht nicht. Niemand weiß, dass ich hier bin.“ Die Stimme des Elfen klang fast verzweifelt und das verwirrt Rowan nun endgültig. Die ganze Situation war so, wie sie es auf gar keinen Fall hätte sein sollen! Was um alles in der Welt bedeutete dies alles?

Bevor sie etwas erwidern konnte, hatte der Elf ihre Wange berührt.

„Ich wollte Euch nicht erschrecken. Es war nur die einzige Möglichkeit, Euch allein zu treffen. Bitte seid nicht so zornig.“

„Dann wurdet Ihr nicht von Eurem Rat hierher geschickt?“

„Nein.“

Die Welt begann sich um Rowan zu drehen. Die Magie des Elfen und seine Worte umnebelten ihre Sinne. Sie musste sich konzentrieren, um überhaupt noch irgendetwas zu sagen.

„Aber ich kann doch nicht einfach...“

Er erstickte ihren schwachen Protest mit einem Kuss und alles war mit einem Mal egal.

„Ich werde dir niemals weh tun“, sagte er leise und atemlos. Dann nahm er sie in seine Arme.

Das war das letzte, was Rowan noch mitbekam, dann war es endgültig um sie geschehen und sie ertrank in einem Meer aus Lust und Verlangen.

Der Boden war weich und das Grün umgab sie wie ein schützendes Zelt. Sie liebten sich mehrere Male, hingebungsvoll und leidenschaftlich. Er entdeckte jeden Zentimeter ihres Körpers, mal sanft liebkosend, dann wieder stürmisch fordernd. Und ihr Körper antwortete ihm auf eine Weise, wie sie es nie für möglich gehalten hatte.

Die Zeit schien stehen geblieben zu sein und fand erst wieder ihren gewohnten Gang, als Rowan und der Elf erschöpft und atemlos zur Ruhe kamen, beide immer noch bebend. Rowan wusste, sie sollte sich nach diesem unschicklichen und unerwarteten Stelldichein eigentlich nicht so gut fühlen, aber im Gegenteil, sie fühlte sich großartig. Sie drehte sich auf die Seite und musterte ihren unverhofften Liebhaber. Zum ersten Mal sah sie ihn nun richtig, ohne einen Schleier aus Überraschung und Magie, der ihren Blick trübte.

Er ließ ihre forschenden Blicke über sich ergehen und beobachtete, wie sie ihn beobachtete.

„Gefällt dir, was du siehst?“ Seine grünen Augen blitzten.

Sie lachte und meinte: „Nun, mein schöner Jüngling, willst du mir nicht endlich deinen Namen verraten? Das gebietet eigentlich die Höflichkeit, bevor man einer Dame den Hof macht!“

Er sah sie etwas verlegen an, was ihm, wie Rowan fand, sehr gut zu Gesicht stand. „Du hast ja Recht, entschuldige. Mein Name ist Mandarimanis-von-den-Weiden, so lautet mein Name in eurer Sprache.“ Er strich ihr leicht über das Haar, bevor er zögerlich fort fuhr: „Ich habe dich vor einiger Zeit beim See gesehen und... du bist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Als das dann mit den Kindern passiert ist, habe ich darauf gehofft, dich hier zu treffen. Ich weiß, es war unschicklich...“

„Aber warum bist du nicht einfach ins Dorf gekommen? Warum hast du mich hier in aller Heimlichkeit verführt, ohne vorher je mit mir gesprochen zu haben?“ Sein zerknirschtes Gesicht brachte Rowan erneut zum Lachen. „Ich habe den Verdacht, dass deine Leute nicht sehr glücklich wären, wenn sie davon erfuhren. Habe ich Recht?“

Er schüttelte den Kopf. „Und deine auch nicht. Deswegen bin ich auch nicht ins Dorf gekommen. Es...es tut mir Leid.“

Seine Worte erschreckten sie. Er hatte vollkommen Recht. Sie, die Dorfvorsteherin, eine Liebesaffäre mit einem Elfen! Er berührte abermals ihre Wange, doch sie wich ihm aus.

„Können Menschen und Elfen miteinander Kinder zeugen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich nicht. Ich bin noch zu jung dafür.“

Das ernüchterte sie vollends. Der Zauber, der sie eben noch in ihrem Bann gehalten hatte, war verflogen. Sie, Rowan, hatte sich von einem Kind verführen lassen! Und sie hatte es genossen und dabei völlig ihre Pflicht vergessen!

Rowan sammelte ihre Kleider zusammen. „Es ist jetzt wohl besser, wenn ich gehe. Ich habe eine Aufgabe zu erfüllen.“

Ohne sich noch ein Mal um zu drehen verließ sie die Lichtung und betrat nun endgültig das Gebiet der Elfen. In ihren Augen glitzerten Tränen.

Sie erwachte unverhofft. Jede Nacht träumte sie nun von dem Elfen und es erschien ihr wie ein Fluch. Nach ihrem Stelldichein war sie unbehelligt an die Grenzen des Elfengebietes gestoßen, wo sie dann gewartet hatte. Kurz darauf war sie zu einem Ratsmitglied geführt worden, das sie schon einmal gesehen zu haben glaubte, damals, als ihr Vater sie mit zu den Elfen genommen hatte. Ihre aufrichtige Entschuldigung war angenommen worden, danach hatte man sie wieder an die Grenze gebracht. Nichts war geschehen, die Elfen hatten keine Gefühlsregung gezeigt, die schmalen Gesichter waren wie immer reglos und undurchschaubar gewesen. Hatte Mandarimanis doch die Wahrheit gesagt?

Erbost schüttelte Rowan den Kopf und stand auf. Sie sollte sich anziehen und endlich auf andere Gedanken kommen.

Doch das war gar nicht so einfach, denn das erste, worüber sie stolperte, als sie die Tür zum Hof öffnete, war ein zusammen gefalteter Zettel, auf dem ‚Rowan‘ stand. Es wäre nun nichts Ungewöhnliches gewesen, denn Timon, Janos großer Bruder, tat dies hin und wieder, seit jenem Tag vor vier Jahren, als sie ihn in einem schwachen Moment geküsst hatte. Für Rowan hatte es bis heute keine große Bedeutung gehabt, es war einfach nur aufregend gewesen, einen Jungen zu küssen, aber bei Timon hatte es wohl Spuren hinterlassen. Er wusste zwar, dass es für Rowan nie mehr als Freundschaft gewesen war, was ihn jedoch nicht davon abhielt, ihr ab und an kleine Aufmerksamkeiten zukommen zu lassen.

Nein, was ihr Herz für einen Augenblick aussetzen ließ, war die Schrift, mit der ihr Name geschrieben war. Mit zitternden Händen faltete sie den Zettel auseinander und las die beiden Zeilen: ‚Heute Abend am See. Falls du mich sehen willst.‘

Rowan stand da und ihr Kopf fühlte sich wie leergebrannt an. Der Brief löste sich nicht einfach in Luft auf, er war keine Einbildung. Wo war nur ihre Wut geblieben? Wieder und wieder las sie die Sätze, bis Zara kam.