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Wer frei sein will, muss aufbegehren.
Missstände aufdecken und die Menschen wachrütteln – dafür ist Juliane Journalistin geworden. Es ist 1971, und Missstände gibt es zuhauf, findet sie. Kaum hat etwa ihre beste Freundin Marianne einen Ring am Finger, ist all ihre Selbstständigkeit [SW1] [AS2] dahin. Auch Juliane träumt von der großen Liebe, aber auf Augenhöhe. Den Mann dafür hat sie noch nicht gefunden – bis Andreas auftaucht. Mit ihm kann sie sich vorstellen, dass eine gleichberechtigte Beziehung möglich ist. Wenn da nur nicht die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft wäre. Dann entbrennt die Debatte um den Paragraphen 218, und Juliane muss Stellung beziehen – als Redakteurin und als Frau ...
Hochaktuell und mit viel Feingefühl erzählt: eine außergewöhnliche Liebe und der Kampf der Frauen um das Recht, über den eigenen Körper entscheiden zu dürfen.
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Seitenzahl: 353
Veröffentlichungsjahr: 2026
Juliane arbeitet als Redakteurin für die Zeitschrift Brigitte und widmet sich mit Leidenschaft aktuellen Themen aus dem Alltag der Frau. Irgendwann möchte sie Chefredakteurin werden, privat sehnt sie sich nach einer liebevollen Beziehung, vor allem aber möchte sie eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Als sie sich in Andreas verliebt, ist da zum ersten Mal ein Mann, mit dem sie sich ein gemeinsames Leben vorstellen könnte. Wenn nur nicht die ständige Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft wäre, die sie einschränkt und davon abhält, ihre Liebe zu leben. Dann entbrennt die Debatte um die die Reform des Paragraphen 218, und Juliane steckt plötzlich mitten drin im Kampf um weibliche Selbstbestimmung – nicht nur als Journalistin, sondern auch als Frau.
Susanne Lieder ist in der Nähe von Bad Oeynhausen aufgewachsen und lebt mit ihrer Familie südlich von Bremen. Seit 2012 arbeitet sie hauptberuflich als Schriftstellerin und hat sich damit ihren Kindheitstraum erfüllt. Sie schreibt Unterhaltungsromane, historische Romane und Romanbiographien.Im Aufbau Taschenbuch liegen u. a. ihre Bestseller »Astrid Lindgren« und »Agatha Christie« vor.Alle lieferbaren Titel der Autorin sehen Sie unter aufbau-verlage.de.
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Susanne Lieder
In der Liebe wollen wir frei sein
Roman
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Widmung
Motto
Kapitel 1 — Hamburg im April 1971
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9 — Mai
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22 — Juli
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27 — August
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31 — September
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35 — November
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43 — Dezember
Kapitel 44
Kapitel 45
Ein kleines Nachwort
Impressum
Für meine Mutter
Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen – sie bekommen nichts.
– Simone de Beauvoir –
Hamburg im April 1971
Juliane hatte sich ihren Artikel ein weiteres Mal durchgelesen und über die beiden letzten Zeilen nachgedacht.
»Wie weit sind Sie?« Henny Voss, Redaktionsleiterin, stand in der offenen Tür ihres Büros, die Brille auf dem brünetten Scheitel.
»Ich bin gleich fertig.« Juliane war seit den Anfängen der Frauenzeitschrift Brigitte dabei und für ihre scharfzüngigen, sehr deutlichen Artikel bekannt. Sie zeigte immer »klare Kante«, wie Henny Voss es bezeichnete, und ließ niemals offen, was sie persönlich von dem Thema hielt, über das sie schrieb. Der Journalismus war eine hart umkämpfte Männerdomäne, das hatte sich schon auf der Journalistenschule gezeigt. Unter insgesamt zwanzig Schülern hatte es nur fünf Frauen gegeben.
Ein Lehrer hatte gemeint, Juliane gäbe eine gute investigative Journalistin ab, und noch während ihres anschließenden Volontariats bei der Hamburger Post hatte sie das tatsächlich ins Auge gefasst. Bis ihr klar geworden war, dass sie mit noch größerer Begeisterung ganz speziell für Frauen schrieb. Sie liebte es, sich in ein Thema reinzuknien, das auch sie selbst betraf, tief in eine Recherche einzutauchen und etwas hervorzuholen, das sich lohnte weiterzuverfolgen.
Als eine Stelle als Redakteurin bei der Brigitte ausgeschrieben wurde, hatte sie nicht gezögert. Und sie hatte das große Glück, mit Henny Voss eine Redaktionsleiterin zu haben, die sie stets in ihrer Leidenschaft unterstützte.
Die Redaktion bestand überwiegend aus Frauen und arbeitete verteilt auf mehrere Gebäude an der Außenalster. Gleich neben dem Büro, das Juliane sich mit Volontärin Bettina teilte, lag das von Heide und Gudrun, die sich das Mode- und Kosmetikressort teilten. Ihnen gegenüber befand sich Henny Voss’ Büro.
Tagsüber standen die Türen meistens offen, sie hatten sich an das Klingeln der Telefone, die Gespräche und das Geklapper der Schreibmaschinen gewöhnt.
Mit einem energischen »Ratsch« zog Juliane jetzt das Blatt aus der Schreibmaschine. Sie hatte sich zweimal verschrieben, knüllte das Papier zusammen und warf es in den Papierkorb. Darin hatte sie mittlerweile Übung, nur selten verfehlte eine Kugel ihr Ziel.
»Volltreffer.« Bettina stand auf, um das Fenster zu schließen. Im Raum war es kühl geworden. Draußen nieselte es, und ein unangenehmer Wind wehte. Typischer konnte das Aprilwetter kaum sein.
Juliane griff hinter sich, nahm ihre hellbraune Strickjacke von der Lehne und zog sie über. Ihre Tante hatte sie gestrickt und ihr zum letzten Geburtstag geschenkt.
Sie spannte ein neues Papier ein und schüttelte die Hände aus.
In ihrem Artikel ging es um Olympe de Gouges, eine Dramatikerin und politische Aktivistin zur Zeit der Französischen Revolution. Eher zufällig war sie über den Namen gestolpert, der ihr zunächst nichts gesagt hatte. Ein Zitat der interessanten Frau hatte schließlich das vertraute Feuer entfacht: Egal, welche Hindernisse Sie überwinden müssen, Sie haben die Macht, sich zu befreien. Sie müssen es nur wollen.
Mit Begeisterung hatte sie sich in die Recherche gestürzt und festgestellt, dass es noch etliche bekannte und weniger bekannte Frauen gab, über die es zu schreiben lohnte.
Sie schob sich den Bleistift zwischen die Zähne, eine Angewohnheit, um sich besser konzentrieren zu können.
Wie üblich hatte sie binnen kürzester Zeit sämtliche Hintergrundgeräusche ausgeblendet.
Seit dem ersten Tag hatte Juliane das geschäftige Treiben, das Sirren und Flirren in den Büros und die konzentrierten Gesichter ihrer Kolleginnen geliebt, das hier war genau das, was sie wollte. Die Stelle bei der Brigitte zu ergattern war für sie noch immer wie ein Sechser im Lotto.
Juliane hatten Steine, die ihr in den Weg gelegt wurden – und sei es nur, weil sie eine Frau war –, noch nie etwas ausgemacht. Im Gegenteil, es hatte sie nur noch mehr angestachelt und befeuert. Sie wollte ihr Leben so leben, wie sie es sich wünschte: unabhängig und selbstbestimmt. Und sie würde sich von keinem Mann den Mund verbieten lassen.
Henny Voss kam wieder aus ihrem Büro und blickte sich suchend um. »Hat jemand meine Brille gesehen?«
»Wie wär’s mit der, die auf deinem Scheitel steckt«, riet Gudrun mit einem Lachen.
Die Redaktionsleiterin schüttelte den Kopf und machte kehrt.
Juliane hatte nur kurz aufgeblickt.
Nachdem sie das letzte Wort getippt hatte, lehnte sie sich zurück.
Fertig? Zufrieden?
Ein weiteres Mal las sie den Artikel und nickte schließlich.
»Hast du eine Minute, Juli?«, fragte Bettina.
Die Volontärin sollte einen Artikel über die Senkung der Promillegrenze für Autofahrer schreiben. »Wie findest du das?« Sie las vor: »Gönnen Sie sich Ihr Feierabendbier, meine Herren, und lassen Sie danach den Wagen stehen. Nehmen Sie den Bus oder die Straßenbahn. Verantwortung steht jedem Mann.«
Juliane nickte. »Sehr gut.«
Bettina strahlte über das Lob. »Ich dachte, es kann nicht schaden, wenn ich die Männer ganz direkt anspreche. So hättest du es auch gemacht, oder?«
»Stimmt.«
»Du findest es wirklich gut, nicht zu direkt?«
»Überhaupt nicht.«
Im Büro nebenan wurde das Kofferradio, das auf Gudruns Schreibtisch stand, lauter gedreht. Chris Roberts schmetterte Ich bin verliebt in die Liebe. Sie ist okay-hey für mich. Ich bin verliebt in die Liebe und vielleicht auch in dich.
Bettina verdrehte die Augen, und Juliane lachte schulterzuckend. Sie machte sich auch nichts aus Schlagern.
Sie zog das Papier aus der Schreibmaschine, überflog den Text ein letztes Mal und brachte ihn Henny Voss.
Die Redaktionsleiterin las und nickte immer wieder zustimmend. Henny Voss war eine sympathische Frau, meistens gut aufgelegt, immer taktvoll und in den richtigen Momenten antreibend. Juliane hatte sie vom ersten Tag an nicht nur respektiert, sondern auch sehr geschätzt.
Wenn sie etwas sagte, hatte es Hand und Fuß, äußerte sie Kritik, durfte man davon ausgehen, dass sie gut überlegt war, und lobte sie, war es aufrichtig gemeint.
Juliane bewunderte sie auch für ihren Modegeschmack und stilsicheren Kleidungsstil. Heute trug sie ein geblümtes Kleid – Blümchenkleider waren in diesem Frühjahr sehr angesagt –, der Rock kurz, aber nicht zu kurz, das Oberteil körperbetont, aber nicht zu gewagt. Sie liebte auch Hosenanzüge, die sie dennoch feminin aussehen ließen.
»Eine hochinteressante Frau, über die man unbedingt etwas erfahren sollte«, sagte sie und legte den Artikel zu den anderen fertigen auf ihren Tisch. »Wie sieht es mit dem anderen Artikel aus?«
Eine eigene Rente für Frauen. Wieder ein Thema, das Juliane fesselte und das sie selbst vorgeschlagen hatte. »Ich bin dran.«
»Montagmittag hätte ich ihn gern. Kriegen Sie das hin?«
Sie nickte. »Kein Problem. Dann mache ich jetzt Feierabend. Schönes Wochenende, Frau Voss.«
»Ihnen auch.«
Gut gelaunt räumte sie ihren Schreibtisch auf. »Was machst du am Wochenende?«, fragte sie Bettina.
»Ich glaube, ich gehe mal wieder ins Cleopatra. Und du?«
»Ich gehe mit einer Freundin in die Fabrik.« Sie hatte einen Artikel über das neue Kulturzentrum geschrieben und den beiden Gründern versprochen, zur Eröffnung zu kommen. Es sollte ein Kultur- und Kommunikationszentrum für Alt und Jung, arm und reich werden; mit Lesungen, Theater, Diskussionen und Live-Musik. Kunst für alle, das wünschten sich die Gründer.
»Vielleicht komme ich später auch noch vorbei.«
»Ich nehme an, dass es sehr voll werden wird.« Juliane ging zur Tür. »Tschüss zusammen. Bis Montag!«
Juliane hatte vor zwei Jahren den Führerschein gemacht und sich einen grauen Citroën 2CV gekauft. Gebraucht, aber sehr gepflegt und mit etlichen Kilometern auf dem Buckel.
Sie liebte die Ente, und sie schätzte die Unabhängigkeit, die damit verbunden war.
»Dein Auto braucht einen Namen«, hatte Marianne gemeint, Julianes Freundin seit Kindertagen, als sie sie das erste Mal damit abgeholt hatte.
Nicht mal die Zeit in München auf der Journalistenschule hatte ihrer Freundschaft etwas anhaben können. Das hatte erst Helmut geschafft, mit dem Marianne seit über einem Jahr liiert war. Er hatte sie von Anfang an in Beschlag genommen, und Juliane fühlte sich mehr und mehr ausgebootet. Sie mochte Helmut nicht besonders und hatte sich schon gefragt, ob es daran lag, dass er ihr die beste Freundin »weggenommen« hatte.
Sie war aus allen Wolken gefallen, als die beiden sich letztes Weihnachten verlobt hatten. »Ich wusste gar nicht, dass man sich heutzutage noch verlobt«, hatte sie verblüfft gemeint. »Noch dazu so schnell. Ihr kennt euch doch erst seit ein paar Monaten.«
»Es war Liebe auf den ersten Blick, Juli«, hatte Marianne erwidert. »Helmut ist der Richtige, ich weiß es einfach.«
Juliane wusste nicht, ob sie an Liebe auf den ersten Blick glaubte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihr ein Mann über den Weg lief, der von jetzt auf gleich alles veränderte. Musste Liebe nicht erst wachsen?
»Ach, Anne«, sagte sie laut und trat auf die Bremse, weil die Ampel auf Rot gesprungen war. »Ich vermisse dich.«
Sie vermisste die Zeit, in der es noch keinen Helmut gegeben hatte. Als sie noch Backfische gewesen waren und über ihr künftiges Leben nachgedacht hatten. Wie sollte es aussehen? Wie wünschten sie es sich? Juliane wollte beruflich Karriere machen, eine angesehene Journalistin und irgendwann vielleicht Chefredakteurin werden. Sie wollte reisen, Fremdsprachen lernen und interessante Menschen kennenlernen. Sie wollte ausgehen, wann es ihr passte und wohin es sie zog. Und ja, sie wollte auch irgendwann eine Beziehung eingehen, die große Liebe finden. Einen Mann, der ihre Unabhängigkeit und Selbstständigkeit schätzte, sie nicht einengte und zu ihr stand. Auf Augenhöhe. Wie ihr dieser Spagat gelingen könnte, wusste sie beim besten Willen nicht, aber sie wollte daran glauben. Einen sicheren, geborgenen Hafen finden und sich im Leben und in der Liebe frei fühlen, das wäre perfekt.
Marianne dagegen hatte von Heirat und Familiengründung geträumt und schon mit siebzehn mit leuchtenden Augen vor dem Schaufenster eines Brautmodengeschäfts gestanden. »Ich will später eins mit Rüschen haben. Und einen langen Schleier will ich auch. Und niedliche Blumenkinder, die rote und weiße Blütenblätter streuen.« Konkrete Vorstellungen, die sie vermutlich bald realisieren würde.
Die Ampel zeigte Grün, und sie fuhr im zweiten Gang an, was die Ente einige Mühe kostete. Der Wagen hatte so seine Tücken, der erste Gang hakte gern mal, deshalb hatte sie das Spiel mit Kupplung und Gas perfektioniert und fuhr fast immer im zweiten an.
Kurz darauf hielt Juliane vor dem roten Klinkerbau, in dem sie seit anderthalb Jahren eine kleine Wohnung hatte, ein weiteres Stück Freiheit. Nur an die Stille und das Alleinsein hatte sie sich gewöhnen müssen. »Vielleicht lege ich mir auch einen Wellensittich zu«, hatte sie zu ihrer Tante gesagt.
Doch bis heute hatte sie keinen, genau wie ihre Ente noch immer keinen Namen hatte.
In dieser Nacht hatte Juliane einen verwirrenden Traum von Jürgen. Sie waren damals nur ein paarmal ausgegangen, bis Juliane begriffen hatte, dass sich nichts Ernsteres entwickeln würde.
Vor ihm hatte es Michael und Heiner gegeben. Mit Heiner war sie ein Dreivierteljahr gegangen, und mit ihm hätte sie sich sogar fast eine Zukunft vorstellen können. Doch dann war er mit einer anderen ins Bett gestiegen und hatte auch noch Verständnis erwartet. »Du nimmst das viel zu ernst. Es war nur Sex, meine Güte.«
Seinen Betrug nahm sie definitiv ernst. Und nur Sex? Das konnte nur ein Mann sagen, der sich nicht den Kopf über Verhütung zerbrach, weil er fand, das sei Sache der Frau.
Aber wie sollte eine Frau Sex genießen und sich fallen lassen, wenn ständig die Angst da war, schwanger zu werden? Wenn die Gedanken nicht um Zärtlichkeit und Lust kreisten, sondern um sichere Verhütung und ungefährliche Zeiträume im Monatszyklus.
Juliane brauchte ein bisschen, um den Traum abzuschütteln. Samstags schlief sie für gewöhnlich aus und genoss es, noch eine Weile im Bett liegen zu bleiben und zu überlegen, was sie mit dem Tag anstellen sollte.
So auch heute. Sie würde nachher ein paar Lebensmittel einkaufen und zum Mittagessen zu ihrer Tante fahren. Vielleicht sollte sie sich auch nach einer neuen Bluse umsehen. In einem Schaufenster am Jungfernstieg hatte sie neulich eine gesehen, die ihr gefiel und die wunderbar zu all ihren Hosen passte. Sie liebte diese weiten, sogenannte Marlene-Hosen, sie waren für sie einfach die perfekte Bürobekleidung.
Das Telefon im Flur klingelte. Kurz zog sich Juliane die Decke über den Kopf. Sollte sie es einfach klingeln lassen?
Es war noch nicht mal zehn. Aber es könnte ihre Tante sein.
Seufzend stand Juliane auf und lief barfuß hin.
»Ich bin’s, Juli.« Marianne. Sie klang etwas atemlos. »Du, kleine Planänderung, wir wollen heute Nachmittag ins Kino und anschließend ins Cleopatra.«
»Wie schade. Dann gehe ich allein zur Eröffnung. Ich hab’s Herrn Dietrich versprochen.«
»Vielleicht kommen wir später nach. Du – und noch was …« Marianne räusperte sich und druckste herum. »Wegen der Hochzeit … Ich hätte dich ja wahnsinnig gern als Trauzeugin, aber meine Mutter sagt, das müsse in der Familie bleiben.« Sie machte eine Pause, wahrscheinlich wartete sie, ob Juliane etwas dazu sagen würde. »Also ich hätte es richtig schön gefunden, aber jetzt macht es Helmuts jüngere Schwester.«
Trauzeugin sein hätte ein neues, ziemlich teures Kleid bedeutet, das sie hinterher nie wieder tragen würde, dazu passende Schuhe und ein extra Friseurbesuch. Außerdem hatten die Trauzeugen eine Menge zu organisieren, wie beispielsweise Trinkspiele für den späten Abend.
»Ich verstehe.«
»Du bist nicht sauer?«
»Ach was, kein bisschen.«
»Gott sei Dank. Mensch, bin ich erleichtert.«
Und ich erst, dachte sie, als sie auflegte.
Außer der hellen Bluse aus dem Schaufenster erstand Juliane eine weitere in einem zarten Grün, ihrer Lieblingsfarbe, und eine Jeans mit weitem Schlag. So weit, dass nur die Spitzen ihrer Stiefel zu sehen waren. An den harten, kratzigen Stoff der Jeans musste sie sich erst wieder gewöhnen. Schön bequem wurden diese Hosen erst, nachdem sie einige Male gewaschen waren. Manchmal bearbeitete sie sie zusätzlich mit einer Wurzelbürste.
Vor dem Haus ihrer Tante in Schenefeld, nördlich von Hamburg und eine gute halbe Autostunde entfernt, war keine Parklücke frei, und sie drehte zwei Extrarunden, bis sie in einer Nebenstraße parken konnte.
Klingeln musste sie nicht, ihren Wohnungsschlüssel hatte sie behalten. Juliane war bei ihrer Tante Magda aufgewachsen, der älteren Schwester ihrer Mutter. Die war bei ihrer Geburt im Winter 1946, der später den grausigen Namen Hungerwinter erhalten hatte, erst achtzehn gewesen. Wenige Wochen später war sie plötzlich verschwunden, wie so viele. Niemand wusste, ob sie noch lebte.
Julianes Tante hatte nie versucht, sich als ihre Mutter auszugeben. »Mit so einer gewaltigen Lüge könnte ich nicht leben«, hatte sie gemeint.
Sie hatte Theo geheiratet, der Juliane adoptierte und wie ein Vater für sie gewesen war. Nur sechs Jahre nach der Hochzeit war er gestorben, und Magda hatte lange gebraucht, um darüber hinwegzukommen.
»Ich bin’s«, rief Juliane, als sie im Flur stand und ihre Tasche an die Garderobe hängte. Sie rümpfte die Nase. Magda war starke Raucherin, und der Geruch nach kaltem Rauch vermischt mit Essensdunst schlug ihr auf den Magen.
In der Wohnung rührte sich nichts, nur das vergnügte Trällern von Wellensittich Fiete war zu hören.
»Tante Magda?«
Aus dem Bad war ein Rumpeln zu hören, und sie ging hin und klopfte an die Tür. »Alles in Ordnung?«
»Ach, Julchen, verflixt und zugenäht …«
Sie öffnete die Tür und sah ihre Tante auf dem Wannenrand sitzen; blass, das grau melierte Haar, das früher hellbraun gewesen war, zerzaust. »Der Kreislauf. Hilfst du mir hoch?«
Zu ihren Füßen lag das kleine Körbchen, in dem sie den Fichtennadel-Badezusatz und ein paar Lockenwickler samt Kamm und Bürste aufbewahrte. Alles lag verstreut auf den Fliesen, und Juliane hockte sich hin, um es aufzusammeln.
Dann hakte sie Magda unter und brachte sie zum Sofa.
»Ich weiß gar nicht, was los ist, Julchen. Mir war ganz plötzlich so blümerant.«
»Leg dich hin. Ich hole dir eine Decke.«
»Keine Decke. Mir ist warm. Und liegen will ich auch nicht.«
»Soll ich dir ein Glas Wasser bringen?«
»Das wäre schön.«
Juliane ging in die kleine Küche, ließ Leitungswasser in ein Glas laufen und sah, dass der große Suppentopf auf dem Herd stand. Sie nahm den Deckel ab und schnupperte. Hühnersuppe! Sie stellte den Herd an, und als sie ins Wohnzimmer zurückkam, hatte Magda die Augen geschlossen. »Ich hab die Suppe schon angestellt.«
»Ach ja, das hätte ich glatt vergessen.« Ihre Tante klang müde. »Bis vor einer Stunde ging’s mir gut. Es ist wie verhext.« Sie war erst Anfang fünfzig, aber an einem Tag wie diesem kam sie Juliane älter vor. »Setz dich ein bisschen zu mir, ja?«
»Ich hab dir die neue Brigitte mitgebracht.« Juliane holte ihre Umhängetasche und legte die Zeitschrift auf den gekachelten Couchtisch. Der Aschenbecher darauf quoll über, und sie trug ihn angewidert in die Küche, wo sie ihn leerte und ausspülte.
»Du rauchst zu viel, Tantchen.«
»Ich weiß. Aber wenn man erst mal damit angefangen hat … Gut, dass du die Finger davonlässt.« Magda fischte nach der Zigarettenschachtel auf dem Tisch und zog eine Zigarette heraus. »Und teuer ist es auch«, fügte sie hinzu, als sie einen langen Zug nahm.
Kopfschüttelnd legte Juliane ihr die Brigitte in den Schoß.
Magda blätterte bis zu den Modeseiten. Auf einer Doppelseite präsentierte ein blondes Modell die neuen Hot Pants. »Wie klapperdürr sie ist. Wieso trägt sie nicht gleich nur einen breiteren Gürtel? Man kann ja praktisch alles sehen. Und das hier …« Sie schnalzte mit der Zunge. »Auf einen Büstenhalter verzichtet sie auch.« Die Sommermode waren hauchdünne, fast durchsichtige Blusen. »Du wirst hoffentlich nicht mit so einem weißen Hauch von Nichts rumlaufen und deinen Busen zur Schau stellen, Julchen.«
»Mit zur Schau stellen hat das nichts zu tun.« Juliane verzichtete gern auf den BH, auch wenn sie die Blicke der Männer störten. Beschränken lassen wollte sie sich dadurch nicht.
»Jaja.«
Sie liebte die Diskussionen und Schlagabtausche mit ihrer Tante, weil sie jedes Mal ein bisschen klüger daraus hervorging. Magda hatte ihr beigebracht, dass es sich lohne, einen anderen Standpunkt anzuhören, und sie keine Scheu haben solle, von ihrer Meinung abzurücken, wenn sie sie neu durchdacht hatte. Und jemanden um Verzeihung zu bitten seien keine Schande oder ein Schuldeingeständnis, sondern Weitsicht und Klugheit. Ihre Tante hatte sie auch darin unterstützt, Journalistin zu werden.
»Wusstest du, dass eine Frau den Büstenhalter erfunden hat«, sagte sie jetzt. »Sie hieß Christine Hardt und war Lehrerin für Heilgymnastik. Sie war die grässlichen Korsetts leid.«
Juliane nickte. »Und vor dem Ersten Weltkrieg gingen sie in Serienproduktion. Aber nicht, damit die Frauen es leichter hatten. Sondern damit sie besser arbeiten konnten, während die Männer an der Front waren. Im Korsett am Fließband – unvorstellbar. Viele sind damals in Ohnmacht gefallen oder wurden krank, weil die Dinger so eng waren und alles abgeschnürt haben.«
»Ja, sie waren grässlich. Man konnte kaum Luft holen. Du wirst lachen, aber ich war wirklich froh, als es die ersten BHs gab. Und ich gebe zu, dass ich einigermaßen fassungslos war, als in den Sechzigern die Frauen ihre BHs verbrannten. Der Büstenhalter als Symbol für Unterdrückung. So hab ich das noch nie gesehen.«
»Andere Frauen schon.«
»Ich weiß«, sagte sie und drückte die Zigarette aus. »Ich finde es ja gut, dass Mode inzwischen viel freier ist. Bequemer, praktischer, vielseitiger.«
»Huch, die Hühnersuppe!« Juliane sprang auf und lief in die Küche.
Die Suppe blubberte, und sie stellte den Herd aus und nahm zwei Teller aus dem Hängeschrank.
Wie die gesamte Einrichtung stammte auch die Küche aus den frühen Fünfzigern. Auf das wuchtige Büffet mit den vielen Schubladen war ihre Tante ungeheuer stolz. Inzwischen klemmten ein paar der Schubladen, andere bogen sich durch, und das Holz war verkratzt. Damals hatte sie am liebsten in der Küche Hausaufgaben gemacht, obwohl ihre Tante ihr einen Schreibtisch gekauft hatte.
»Nachtisch steht im Kühlschrank, Julchen! Waldmeister- Wackelpudding, den magst du doch so gerne.«
Juliane lächelte, nahm die beiden Glasschälchen aus dem Kühlschrank und stellte alles zusammen auf ein Tablett. Auch das hatte schon bessere Tage gesehen, einer der Henkel war brüchig, und es war nur eine Frage der Zeit, wann er abbrechen würde.
Nächste Woche kaufe ich dir ein neues, dachte sie, während sie alles auf dem Wohnzimmertisch abstellte.
»Pass auf, einer der Griffe ist ganz wacklig.«
»Ist mir schon aufgefallen.« Juliane deckte den Kacheltisch, und während sie aßen, plauderten sie über ihre Arbeit.
»Olympe de Gouges war eine interessante Frau. Manche Frauen hätte ich gern kennengelernt.«
»Ich auch.« Magda nickte.
»Wen zum Beispiel?«
Magda musste nicht lange überlegen. »Katharina von Medici oder Hildegard von Bingen. Was schreibst du als Nächstes?«
»Über eine Rente für alle Frauen.«
»Donnerwetter! Das wäre ja was.«
»Ja, allerhöchste Eisenbahn.«
»Genau.«
Sie sahen sich an und lächelten.
Nachdem sie ihren Nachtisch gegessen hatten – ihre Tante hatte kaum die Hälfte geschafft –, stand Juliane auf, um abzuräumen.
»Lass den Abwasch stehen. Das mach ich später.«
»Kommt nicht infrage. Du legst dich jetzt hin und ruhst dich aus.« Sie nahm die Decke von der Sessellehne und breitete sie ihrer Tante über die Beine.
»Du findest meine Ansichten manchmal fürchterlich antiquiert, habe ich recht?«
»Manchmal schon. Dann wieder bist du mir geradezu unheimlich mit deinem modernen Denken.«
Magda gähnte. »Weißt du, was mir nicht behagt, ist diese Freizügigkeit. Frauen machen es den Männern viel zu leicht, wenn du mich fragst. Sie sollten sich nicht so zur Schau stellen, weil sie sich am Ende noch anhören müssen, dass sie selbst schuld sind, wenn ein Mann die Beherrschung verliert.« Die letzten Worte hatte sie ironisch betont.
»Stimmt.« Juliane nickte. »Und sie scheinen zu glauben, dass wir es genießen, wenn sie uns an den Hintern grabschen und unseren Busen anstieren, als stünde dort drauf Auch dreimal Hinsehen ist erlaubt. Als würde uns gefallen, dass sie meinen, uns die Welt erklären zu müssen. Weil wir ihrer Meinung nach nicht fähig sind, unseren Kopf zum Nachdenken zu benutzen. Manche Männer glauben ja sogar, sie könnten besser Auto fahren als wir, bloß weil sie Männer sind.« Sie hatte sich in Rage geredet, wie meistens, wenn es um diese Themen ging. Auch in der Redaktion passierte ihr das immer wieder, und mindestens zweimal hatte sie schon einen Rüffel von Kurt, ihrem Chefredakteur, kassiert. »Sie gehen davon aus, dass sie alles besser können. Wir wollen endlich ernst genommen werden! Wir machen es den Männern nicht leicht, wir haben es nur satt, nach ihrer Pfeife zu tanzen und bei allem, was wir tun oder sagen, vorher nachdenken zu müssen, ob wir das dürfen und ob sie es gutheißen!« Sie war immer lauter geworden.
Magda streckte die Hand nach ihrer aus. »Schon gut, Julchen, vor mir musst du dich doch nicht rechtfertigen. Du gehst immer gleich in die Luft. Deine Mutter war auch so.«
Juliane hielt mitten in der Bewegung inne. »Das ist das erste Mal, dass du das sagst.«
»Ich wollte dich nicht traurig machen. Es ist nur … Du bist ihr so ähnlich.« Magda strich ihr übers Haar. »Diese Locken und die Sommersprossen …«
»Ich würde so gern mehr über sie wissen.«
»Ein andermal, ja? Ich werde ein Schläfchen machen, und dann bin ich wieder ganz die Alte.«
Juliane ging zur Tür und drehte sich noch mal um, als ihre Tante sagte: »Vielleicht habe ich es dir länger nicht gesagt, aber ich bin furchtbar stolz auf dich. Du bist so eine kluge junge Frau.«
»Ich finde, du bist auch eine kluge Frau.«
»Danke für die Blumen.« Mit einem Seufzen fügte Magda hinzu: »Aber leider nicht mehr jung.«
Das Kulturzentrum lag im Stadtteil Altona, ein ehemaliges Fabrikgebäude aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert. Die große Halle war kirchenschiffartig mit einer Holzträgerkonstruktion und einer umlaufenden Galerie.
Horst Dietrich, einer der beiden Gründer, hatte Juliane erzählt, dass die Fabrik tagsüber für Kinder da sein sollte. »Sie können basteln, malen, kochen, Sport machen, herumtoben. Und selbstverständlich bieten wir Hilfe bei den Hausaufgaben an und stehen auch in anderen Belangen mit Rat und Tat zur Seite. Na, was sagen Sie?« Er hatte sie interessiert angesehen.
»Ich bin beeindruckt, Herr Dietrich«, hatte sie erwidert. Das war sie wirklich gewesen.
Und war es auch jetzt, als sie oben auf der Galerie stand und nach unten schaute. Die Halle war brechend voll. »Platz ist genug da«, hatte Dietrich mit einer ausladenden Handbewegung gemeint. Nun stand er dort unten mit einem kleinen Fernsehteam und redete gestikulierend.
Juliane kramte in ihrer Umhängetasche nach dem Portemonnaie, sie wollte sich einen kleinen Imbiss kaufen. Die Schnittchen hatten einladend ausgesehen, als sie vorhin daran vorbeispaziert war.
Jemand stieß sie von der Seite an, und ihr fiel die Tasche herunter. Kamm, ein Lippenpflegestift ohne Deckel, Notizblock und mehrere Stifte fielen heraus und blieben verstreut liegen.
»Oh, Entschuldigung.« Ein Mann, etwa in ihrem Alter, hatte sich gleichzeitig mit ihr danach gebückt. »Tut mir leid, wirklich. Das war keine Absicht.« Er sammelte Block und zwei Stifte ein und reichte sie ihr.
Juliane hob die anderen Sachen auf. »Schon gut, macht nichts. Es ist ja auch ziemlich voll hier drin.« Sie hob den Kopf.
Er lächelte, und sie erwiderte es. Er sah gut aus, hatte dunkelblondes, längeres und leicht gewelltes Haar und gepflegte Koteletten.
Als sie sich beide aufrichteten, stellte Juliane fest, dass er sie um fast einen Kopf überragte und ziemlich schlaksig war. Er trug eine hellbraune Lederjacke, ähnlich der von Dietrich, verwaschene Jeans und braune, etwas abgewetzte Lederschuhe.
»Ja, dann …« Wieder lächelte er. Ein jungenhaftes Lächeln, das seine Augen blitzen ließ. Graugrüne Augen. »Tut mir wirklich leid, dass ich Sie angerempelt hab. Viel Spaß noch.« Damit schlenderte er davon.
Juliane blickte ihm nach und stellte verwundert fest, dass sie enttäuscht war. Sie schüttelte den Kopf und vergewisserte sich, dass sie alles eingesammelt hatte. Ihr Magen knurrte, sie hatte seit der Hühnersuppe nichts gegessen.
Horst Dietrich stand plötzlich vor ihr. »Na? Und – was sagen Sie?«
»Sie hatten recht, es ist beeindruckend voll geworden.«
»Das Fernsehen ist auch da.«
»Das hab ich gesehen. Sind Sie zufrieden?«
»Durchaus.« Er schaute sich um, eine Hand in der Tasche seiner ausgebeulten Cordhose. »Ich wünsche noch viel Vergnügen.« Er ging weiter, dann fiel ihm noch etwas ein. »Ach, falls Sie Hunger haben – unten gibt’s Schnittchen, für Sie gratis. Als kleines Dankeschön für Ihren netten Artikel. Sagen Sie einfach Gunther und Heidrun Ihren Namen.«
Als sie sich auf den Weg nach unten machte, lief sie beinahe in Elsa hinein, die als freie Fotografin auch hin und wieder für die Brigitte arbeitete.
»Juli, wie schön, dich hier zu sehen.«
Juliane musste entgegenkommenden Menschen ausweichen, damit sie nicht weitergeschoben wurde, und zog Elsa am Ärmel an die Seite. Sie drückten sich an die Wand und ließen die anderen vorbeiziehen.
Elsa war bildhübsch, eine Elfe nannte Juliane sie insgeheim; sie war zierlich, mit langem dunklem und seidigem Haar, das sie meistens offen trug, strahlend blauen Augen und zwei Grübchen rechts und links am Mundwinkel. Juliane hatte sie noch nie in etwas anderem als in Jeans und langen, weiten Blusen gesehen.
Sie waren sich vom ersten Tag an sympathisch gewesen, und wann immer sie sich begegneten, plauderten sie ein paar Sätze.
»Du siehst wieder toll aus, Elsa.«
»Oh, besten Dank auch. Ein Kompliment von einer Frau ist immer was ganz Besonderes.« Die Fotografin lächelte. »Eins würde mich interessieren, Juli: Wie lange musst du für diese Locken beim Friseur sitzen?«
»Sie wachsen so aus meinem Kopf, ob du’s glaubst oder nicht.«
»Tatsächlich? Darf ich?« Elsa griff in Julianes rotblonde Lockenmähne und seufzte. »Beneidenswert.«
»Das würdest du nicht behaupten, wenn es deine wären.«
Elsa blickte sich um. »Hast du Herrn Dietrich irgendwo gesehen? Er wollte mich rumführen. Ich will eine kleine Fotoreportage über ihn und die Fabrik machen.«
»Ich habe eben noch mit ihm gesprochen.«
»Na, hoffentlich finde ich ihn in diesem Gewusel. Bis dann, Juli, und noch viel Spaß.« Sie verschwand irgendwo in der Menschenmenge.
Juliane bahnte sich einen Weg durch die Grüppchen, wich umherrennenden und kreischenden Kindern aus, die Fangen spielten, und war froh, als sie unten bei den langen Tischen ankam. Sie würde sich zwei Lachs- und Forellenbrötchen gönnen, dazu eine Cola und sich draußen irgendwo hinsetzen und in Ruhe essen.
»Aal oder Forelle?«, fragte jemand hinter ihr, und sie fuhr zusammen.
Sie drehte sich um und sah den Mann von vorhin vor sich.
»’tschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken.« Er deutete auf das Brötchen in ihrer Hand. »Aal?«
»Forelle.« Sie steckte sich den letzten Bissen in den Mund und wischte sich die Hände an ihrer Jeans ab.
»Mögen Sie auch Aal?« Er bot ihr sein Brötchen an. »Ich hab eins mit Forelle bestellt, aber offenbar Aal gekriegt.«
»Ich mag leider auch keinen Aal.«
»Tja …« Er schaute sich um, als überlege er, das Brötchen irgendwo abzulegen oder jemand anderem anzubieten. »Darf ich mich zu Ihnen setzen?«
»Klar.«
»Was trinken Sie da?«
Sie drehte die Bluna in ihrer Hand um, sodass er das Etikett lesen konnte. »Eigentlich wollte ich eine Cola.«
Er grinste.
»Es gibt aber auch Bier. Mit ein bisschen Glück kriegen Sie sogar das, was Sie bestellt haben.«
»Kein Bier. Ich bin mit dem Auto da.«
Sie lächelte. Ein Mann mit Prinzipien, wie schön.
Er betrachtete sein Brötchen und biss zaghaft ab. Er hob die Augenbrauen. »Nicht so übel, wie ich dachte. Ich heiße übrigens Andreas. Und Sie?«
»Juliane.«
»Darf ich raten, was Sie beruflich machen?« Er zuckte die Schultern. »Eine kleine Macke von mir.« Er sah sie an und dachte nach. »Sie machen irgendwas mit Mode.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Hm … Moment, Sie haben einen Block und eine Menge Stifte dabei … Sie sind Schriftstellerin.«
»Nein.« Sie amüsierte sich. Ein nettes Spiel.
»Künstlerin, Malerin.«
»Auch nicht.«
»Tja, dann muss ich passen.« Er aß sein Brötchen auf.
»Ich bin Journalistin.«
Er kaute schnell zu Ende. »Oh, für wen schreiben Sie?«
»Für die Brigitte.«
»Ah.«
»Lesen Sie die hin und wieder?«
»Nein.« Wieder ein jungenhaftes Grinsen. »Aber ich würde es zugeben.«
Juliane lachte. »Und was machen Sie beruflich? Wollen wir nicht Du sagen, ich mag niemanden siezen, der ungefähr in meinem Alter ist.«
»Gern. Aber vielleicht bin ich ja viel älter als du und hab mich nur wahnsinnig gut gehalten.« Er wischte sich die Hände an einer Serviette ab und schob sie in die vordere Tasche seiner Jeans. »Ich hab Deutsch und Geschichte studiert und bin gerade im Referendariat.«
»An welcher Schule?«
»Gymnasium Altona.«
»Ich hab auch mal kurz darüber nachgedacht, Lehrerin zu werden.«
»Bevor das Journalistenfieber dich gepackt hat?«
»Genau.«
»Du hast doch bestimmt auch einen Nachnamen. Falls ich auf die Idee komme und mir demnächst doch mal eine Brigitte kaufe und wissen will, welcher Artikel von dir ist.«
»Meinekat.«
»Sandmann, Andreas Sandmann. Du darfst ruhig lachen, das tun die meisten, wenn ich meinen Namen nenne.«
»Ich finde Andreas Sandmann sehr schön.« Sie musste tatsächlich lachen, riss sich aber zusammen. »Nennt dich manchmal jemand Sandmännchen?«
Er streckte die langen Beine aus. »Das kommt schon vor.«
Jetzt konnte sie sich doch nicht mehr beherrschen, und seine graugrünen Augen blitzten amüsiert.
»Bist du hier aufgewachsen?«
»Nein, ich komme aus Lüneburg.«
»Und – gefällt dir das Referendariat?«, fragte sie ihn.
»Ja, ich habe eine sehr nette Klasse mit wohlerzogenen Schülern.«
Drei Kinder kamen angesaust und sprangen um sie herum.
»Fang mich doch!«, brüllte ein kleiner Junge mit strohblondem Haar. »Kriegst mich eh nicht!«
»Wetten doch?«
Abwechselnd und laut kichernd griffen sie nacheinander.
Als sie weiterliefen, raunte Andreas: »Gut, dass meine Schüler älter sind.« Er zog ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche seiner Lederjacke und hielt es ihr hin.
»Ich rauche nicht.«
»Ich bin dabei, es mir abzugewöhnen.« Er seufzte, als er sich eine Zigarette ansteckte. »Aber an manchen Tagen fällt es mir sehr schwer.« Er deutete auf die kleine Menschengruppe rechts von ihnen, die gerade eine Zigarettenpackung herumgehen ließ. »Heute zum Beispiel. Wollen wir uns gleich zusammen noch ein bisschen umschauen, oder hast du schon alles gesehen?«
Das hatte sie, doch sie wollte noch bleiben. Seinetwegen.
»Gerne.«
Nachdem sie durch die Räumlichkeiten spaziert waren und einer Live-Band zugehört hatten, die Stücke von den Stones und den Beatles spielten, waren sie wieder nach draußen gegangen und hatten sich auf eine niedrige Mauer gesetzt, aus der Löwenzahn spross.
Juliane erzählte von der Journalistenschule und Andreas von seinem Studium. Danach sprachen sie über Musik und Politik und irgendwann über Kino- und Fernsehfilme, die sie beide gesehen hatten.
»Ich mochte Airport.«
»Ich auch. Hast du Das Bildnis des Dorian Gray gesehen?«
»O ja, ein fantastischer Film. Magst du Komödien?«
»Wenn sie von Billy Wilder sind.«
»Was ist mit Hitchcock?«
»Kennst du jemanden, der Hitchcock nicht mag?«
»Welcher gefällt dir am besten?«
Sie musste nicht lange überlegen. »Das Fenster zum Hof.«
»Oh, das ist überhaupt einer meiner Lieblingsfilme.«
Juliane freute sich über diese weitere Gemeinsamkeit. Im Laufe ihrer Unterhaltung hatte sie schon festgestellt, dass sie viel gemeinsam hatten. Sie mochten beide die Rolling Stones und die Bücher von Graham Greene, Ernest Hemingway und Oscar Wilde.
»Hast du einen festen Freund?«, wollte er dann nach kurzem Zögern wissen.
»Nein. Was ist mit dir?«
»Ich bin auch solo, schon seit ein paar Jahren. Ich wollte mich voll und ganz auf mein Studium konzentrieren. Für eine Freundin will ich Zeit haben und keine Beziehung führen, in der man nichts voneinander hat. Ich nehme beides sehr ernst: Beruf und Beziehung.«
Das gefiel ihr, eine schöne und sehr klare Aussage. Sie überlegte, ob sie genauso geantwortet hätte, und musste zugeben: Nein. Ihr war schon immer ihre Karriere wichtiger gewesen. Aber sie würde gern versuchen, beides unter einen Hut zu bringen.
Verstohlen betrachtete sie den attraktiven Mann neben sich. Noch nie war ihr ein Mann begegnet, der so schnell etwas in ihr berührte, auslöste. Andreas brachte sie zum Lächeln und öffnete ihr Herz, das sie seit Heiner eisern verschlossen gehalten hatte. Ihr wurde ein wenig mulmig zumute, es traf sie völlig unvorbereitet.
Noch ist es nicht zu spät, dachte sie mit einem Anflug purer Panik. Noch kann ich aufstehen, verschwinden und ihn vergessen.
Einerseits wollte sie wirklich davonlaufen, andererseits liebend gern noch viel mehr über ihn erfahren und bis in alle Ewigkeit hier neben ihm sitzen bleiben.
»Sehen wir uns wieder?«, fragte Andreas, als sie sich voneinander verabschiedeten.
Sie hatten Telefonnummern ausgetauscht.
Juliane zögerte keine Sekunde. »Gern.«
»Ich rufe dich an«, sagte er und schlenderte über die Straße zu seinem Wagen. Dann drehte er sich um und sah zu ihr herüber.
Ein Blick, der wie ein Sog war.
Laut singend fuhr sie nach Hause, legte die neue Stones-LP auf und tanzte zu Brown Sugar durchs Zimmer.
Zu Locomotive Breath von Jethro Tull putzte sie sich die Zähne und kuschelte sich unter die Bettdecke. Noch immer hatte sie sein Gesicht, sein Lächeln vor Augen und seine Stimme im Ohr.
»Und ob wir uns wiedersehen«, sagte sie laut und mit einem breiten Lächeln. »Du gefällst mir, Andreas Sandmann.«
Lange lag sie wach, und als sie endlich in den Schlaf fand, war ihr letzter Gedanke, dass sie nicht warten würde, bis er sie anrief.
An diesem Vormittag war Redaktionskonferenz, und die Mitarbeiterinnen saßen um einen großen ovalen Tisch, auf dem Getränke und zwei Teller mit belegten Brötchen standen. Sie hatten über Julianes letzten Artikel Rente für alle Frauen gesprochen, der in der aktuellen Ausgabe erscheinen würde.
Bevor Heide und Gudrun mit dem Modeteil an der Reihe waren, legte Henny Voss eine französische Zeitschrift auf den Tisch, Le Nouvel Observateur.
Juliane sprang die Schlagzeile auf dem schwarzen Titelbild sofort ins Auge. In gelben, orangefarbenen und roten Buchstaben stand dort: Die Liste der 343 Französinnen, die den Mut haben, das Manifest Ich habe abgetrieben zu unterschreiben.
»Simone de Beauvoir hat die Petition verfasst«, erklärte Henny Voss, als Juliane die Zeitschrift aufschlug und zu lesen begann.
Mit jedem Satz schlug ihr Herz schneller. Das war unglaublich, absolut nicht zu fassen! 343 Frauen, darunter sehr prominente, bekannten sich öffentlich dazu, eine Schwangerschaft abgebrochen zu haben.
»Lies laut vor«, bat Bettina. »Dein Französisch ist viel besser als meins.«
Die anderen hörten zu, es war mucksmäuschenstill im Raum geworden. In der Petition hieß es, dass ungefähr eine Million Frauen pro Jahr in Frankreich eine Abtreibung durchführen ließen. Unter gefährlichen Bedingungen, weil es in aller Heimlichkeit passieren musste, da es unter Strafe stand. Simone de Beauvoir wollte dieses Schweigen endlich aufbrechen. Sie forderte den freien Zugang zu Verhütungsmitteln und das Recht auf Abtreibung.
Als Juliane geendet hatte, lehnte sie sich zurück und atmete aus. »Diese Frauen setzen sich mit ihrem Bekenntnis der Gefahr einer Strafverfolgung aus. Sie riskieren, ins Gefängnis zu gehen.« Sie reichte die Zeitschrift an Gudrun weiter, die neben ihr saß.
»Simone de Beauvoir hat mal gesagt, dass Frauen nicht von Natur aus unselbstständig und hilflos sind. Sie werden dazu erzogen«, meinte Heide.
»Es ist nicht allein die Erziehung.« Juliane schüttelte den Kopf. »Es ist das Umfeld. Männer halten uns Frauen gern klein.« Die anderen nickten zustimmend.
»In anderen Ländern sind die Frauen schon auf die Straße gegangen und haben ihre Büstenhalter verbrannt. Sie erheben ihre Stimme. Warum passiert das hier nicht?«, fragte Henny Voss. »Woran liegt das? Was meint ihr?«
Juliane zuckte die Schultern. »Vielleicht sind die deutschen Frauen einfach nicht so …« Sie suchte nach dem passenden Wort. »… wütend? Ja, vielleicht braucht es mehr Zorn, mehr Wut.«
Wieder nickten die Kolleginnen.
»Sie müssen einfach aus ihrem stillen Kämmerlein kommen. Sie schweigen, sitzen alles aus. Ich verstehe das nicht«, fuhr sie leidenschaftlich fort. »In anderen Ländern, vor allem in Frankreich, waren die Frauen immer schon zorniger und auch mutiger. Sie haben aufbegehrt, waren rebellisch.«
»Denkt nur an die Französische Revolution«, warf Gudrun ein. »Nicht nur Männer waren daran beteiligt, auch Frauen sind zur Bastille gestürmt.«
»Und lange vorher saßen sie in den Cafés und haben gemeinsam Pläne geschmiedet«, fügte Henny Voss hinzu.
»Das Aufbegehren der Französinnen fing schon viel früher an«, sagte Juliane, die sich mit dem Thema intensiv befasst hatte. »Ist euch Christine de Pizan ein Begriff? Sie lebte im 14. Jahrhundert und hat damals ein Buch geschrieben, in dem die weiblichen Figuren politische Macht besaßen.«
»Interessant«, meinte Gudrun. »Nie von ihr gehört.«
»Sie war eine der ersten Feministinnen«, sagte Juliane weiter. »Im neunzehnten Jahrhundert – ich weiß nicht mehr, wann genau – gab es dann eine richtige Feminismus-Welle. Frauen gründeten Gewerkschaften, stritten um Lohngleichheit und das Recht auf Bildung. Seltsam, es sind immer die Französinnen, die etwas anstoßen.«
»Vielleicht empfinden deutsche Frauen ihre Freiheit nicht als eingeschränkt«, warf Gudrun in den Raum und schob Heide die Zeitschrift zu.
»Das kann ich mir nicht vorstellen«, meinte Bettina.
»Ich auch nicht«, sagte Juliane nachdenklich. »Sie werden auch unzufrieden sein, nur scheinen sie nicht so viel Wut zu haben. Und Wut ist das, was uns weiterbringt. Weil man dann etwas verändern will.«
Henny Voss sah zu ihr rüber. »Vielleicht muss man die Wut aus ihnen rauskitzeln.«
Juliane drehte eine Haarsträhne um ihren Finger und nickte, noch immer nachdenklich. »Ja, vielleicht.«
Sie schob sich die Haarsträhne hinters Ohr, weil sie ihre Hände nicht stillhalten konnte. Wie so oft, wenn sie kribbelig wurde und diese Unruhe sich nur mühsam beherrschen ließ. »Ich würde gern einen Artikel darüber schreiben und genau das machen; die Wut rauskitzeln, die Frauen auffordern, in sich zu horchen. Wo ist ihre Wut, ihr Ärger über all die Ungerechtigkeiten, die sie tagtäglich erleben?«
Henny Voss nickte. »Sehr einverstanden. Wir müssen uns mit den französischen Frauen solidarisieren und klar Stellung beziehen. Der Paragraf 218 gehört abgeschafft. Fordern Sie die Frauen heraus, aus der Deckung zu kommen, Juliane.«
Wenig später saß Juliane an der Schreibmaschine.
Sie wollte die französische Petition erwähnen und hoffte, damit die Frauen aufzurütteln.
»Aufzuwecken«, murmelte sie, während sie weitertippte, den Bleistift zwischen den Zähnen.
Wehren wir uns!, tippte sie. Kommen wir aus der Deckung und stehen auf! Wir haben eine Stimme, die gehört werden muss.
Wenn niemand den ersten Schritt macht, wird sich nie etwas ändern. Aber wenn eine Frau diesen Schritt macht, wird sich eine zweite finden und eine dritte und dann immer mehr.
»Irgendwann zerbeißt du ihn.« Bettina grinste.
»Wen?«, fragte sie verwirrt.
»Den Bleistift. Darf ich als Erste lesen, wenn du fertig bist?«
Sie nickte geistesabwesend und schrieb weiter.
Eine Stunde später war sie die Letzte im Büro, die Kolleginnen hatten bereits Feierabend gemacht. Sie wusste, dass sie keine Ruhe finden würde, bevor sie den Artikel fertig geschrieben hätte.
Also blieb sie am Schreibtisch und lehnte sich zurück. Sie stand auf und ging durch den Raum und schließlich zum Fenster.
