Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In der Bibel ist Jesus derjenige, der arm, gehorsam und ehelos lebt. Wer sich also entschließt, in seiner Nachfolge zu leben, sieht sich auch mit diesen Weisungen aus dem Evangelium konfrontiert. Die drei "Räte" werden beim Eintritt in den jeweiligen Orden gelobt, haben jedoch Bedeutung für alle Menschen. Die Autorin zeigt auf, dass es notwendig ist, die entsprechenden Verhaltensweisen einzuüben, um psychisch gesund und verantwortet leben zu können und somit Zeugnis zu geben von etwas, das über den Tod hinausgeht.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
ANNELIESE HERZIG
LEBEN NACH DEN EVANGELISCHEN RÄTEN
Band 5 der Reihe „Spiritualität und Seelsorge“, die von P. Martin Leitgöb und P. Hans Schalk im Auftrag der Ordensgemeinschaft der Redemptoristen herausgegeben wird.
Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“
Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
2012
© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung: stadthaus 38, Innsbruck
Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag
Druck und Bindung: Alcione, Lavis (I)
ISBN 978-3-7022-3203-0 (gedrucktes Buch)
ISBN 978-3-7022-3275-7 (E-Book)
E-Mail: [email protected]
Internet: www.tyrolia-verlag.at
EINFÜHRUNG
ORTSBESTIMMUNG
Die große Vision des Alfonst Maria von Liguori
Dem Beispiel des Erlösers folgen
Erlösung, die ins Gehen kommt
LEBENSGESTALT
Drei oder eins? Oder drei in eins? Oder eins in dreifacher Weise?
Inhalt, Form und Fragment
Eine Dynamik der Umkehr
Innen und außen
Wirkungsorte
IN FREIHEIT NACH DEM EVANGELIUM LEBEN
Armut: Befreit zum dankbaren Empfangen und zum Teilen
Befreiung von …
Befreiung zu …
Armut und Verkündigung der Erlösung
Befreit zum Teilen der Güter
Und dennoch: Fülle
Gehorsam: Befreit zum Hören und zum miteinander Handeln
Befreit zum Hören
Hören, das handeln lässt
Gehorsam und Phantasie
Gehorsam als Kultivierung menschlicher Macht
Gehorsam in Gemeinschaft
Sich mit dem beschäftigen, was ist (Michael Plattig)
Ehelosigkeit? Keuschheit? Jungfräulichkeit?
Ehelosigkeit oder Freiheit zum Lassen
Keuschheit: Frei zur Transparenz
Jungfräulichkeit: Befreit zur Hoffnung
Das Ziel: Fruchtbarkeit
„VIELFACHE RÄTE“ DES EVANGELIUMS
Gewaltfreiheit
Aufmerksam und berührbar
Vergebung
Gastfreundschaft
Freiheit des Geistes
Andere teilhaben lassen an der Sendung
EIN ALTES GEBET NEU GEDEUTET
Ein Blick auf Maria
Das Gebet des „Engel des Herrn“
SCHLUSS: IN DER SPUR JESU BLEIBEN
DANK
Literaturverzeichnis
Was ich in diesem Buch vorlegen möchte, ist aus vielen Erfahrungen und Gesprächen entstanden: in der eigenen Ordensgemeinschaft und bei vielen Fortbildungsveranstaltungen mit anderen Orden. Theologisch bereichert haben mich Lektüre und Studium sowie die reflektierte Auseinandersetzung in der „Arbeitsgruppe Ordenstheologie“ der Deutschen Ordensobernkonferenz. Für mein redemptoristisches Selbstverständnis war die Zeit von 2003 bis 2009 fruchtbar, in der ich dem Sekretariat für Spiritualität der Generalleitung der Redemptoristen angehörte. Im Laufe der Jahre hat sich mein Verständnis der evangelischen Räte angereichert und geweitet. Ich habe z. B. gelernt zu unterscheiden zwischen den evangelischen Räten und den Gelübden: Das eine ist der Inhalt, das andere die Form, die mein Leben geprägt hat. Viele leben die Räte sehr überzeugend, ohne je Gelübde abgelegt zu haben! Auch ist mir immer klarer geworden, wie sehr die drei „klassischen“ evangelischen Räte, also Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, zusammenhängen, einander explizieren und miteinander ein Symbol für entschiedene Christusnachfolge bilden. Einiges davon habe ich bereits an anderer Stelle veröffentlicht (siehe Literaturverzeichnis). Der Stil dieses Büchleins ist persönlicher. Es geht mir hier vor allem darum, das Leben nach den evangelischen Räten in der Spiritualität der Erlösung zu verankern (vgl. Herzig, „Das Beispiel unseres Erlösers Jesus Christus weiterführen“). Ich bin davon überzeugt, dass sie gerade so nicht nur Bedeutung für die Redemptoristen oder für die mit ihnen verbundenen Ordensgemeinschaften haben, sondern auch für alle, die sich dieser Spiritualität verbunden fühlen, ohne sich einem Orden anzuschließen, oder denen Erlösung und Befreiung ein Herzensanliegen sind.
Alfons Maria von Liguori, der Gründer der Redemptoristen und Inspirator vieler weiblicher Ordensgemeinschaften, war kein Systematiker der so genannten evangelischen Räte. Am Anfang der Gemeinschaft der „Erlösermissionare“ stand kein Gelöbnis der evangelischen Räte. Die ersten Redemptoristen waren einfach Priester, die sich dazu verpflichteten, gemeinsam zu leben und zu wirken. Erst am 9. Mai 1743, also fast 11 Jahre nach der Gründung (9. November 1732), gelobten die ersten Redemptoristen in Ciorani, nach den drei evangelischen Räten von Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen zu leben. Dies geschah während des ersten Generalkapitels der neuen Gemeinschaft, bei dem der Gründer Alfons (im 4. Wahlgang!) zum „Rector maior“, zum Generaloberen gewählt wurde. Bis heute muss man auf der offiziellen Website der Redemptoristen [http://www.cssr.com (28.05.2012)] lange suchen, bis man eine Erwähnung der Gelübde findet. Im Vordergrund stand und steht für sie, „das Beispiel unseres Erlösers Jesus Christus weiterzuführen, indem sie den Armen das Evangelium verkünden (Lk 4, 14–21)“. Weshalb also in einer redemptoristischen Buchreihe ein eigener Beitrag zu den evangelischen Räten?
Zunächst ist schlicht festzuhalten, dass der Schritt zur Ablegung der Ordensgelübde für Alfons und die ersten Redemptoristen ein durchaus erwünschter und konsequenter Schritt auf dem eingeschlagenen Weg war (vgl. Raponi, 278–281). Alfons wollte der Kongregation in der Kirche einen Ort geben. Die Bindung in den Ordensgelübden sah er dazu als notwendig an. Außerdem – so Tannoia, der erste Biograf des heiligen Alfons – hatten die ersten Missionare den Geist der Räte ohnehin schon gelebt, ohne sich ausdrücklich daran gebunden zu haben. Nach dem begeisterten Anfang machten sich nun allerdings – nicht zuletzt bedingt durch das Anwachsen der Gruppe – Ermüdungserscheinungen bemerkbar, die das Ziel des Gründers, eine „heilige und apostolische Gemeinschaft“ zu formen, verdunkelten. Die ausdrückliche Bindung in den Gelübden sollte also das „Feuer“ des Anfangs wach halten. Viele Schriften und Briefe des heiligen Alfons bezeugen zudem, dass er den Gehorsam als unabdingbar für die Verwirklichung der gemeinsamen Sendung sah und sich die (auch materielle) Armut aus der entschlossenen Nähe zu den Armen ergab (vgl. Mendanha, Redemptorist Spirituality at the Origins of the Congregation).
Wir dürfen aber noch tiefer gehen: Das Stichwort „dem Beispiel des Erlösers Jesus Christus folgen“ gibt dabei die Richtung an. In der Tradition der Kirche, die Alfons schon vorgefunden hat, hat sich immer expliziter die Sicht durchgesetzt, dass ein Leben nach den evangelischen Räten die Lebensform Jesu Christi selbst nachahmt. Wenn Alfons sich mit den Seinen auf den Weg macht, dem Beispiel Jesu Christi zu folgen, dann kommt er an den evangelischen Räten nicht vorbei, auch wenn die Evangelien keine Systematik der drei Räte kennen, um das Leben Jesu zu beschreiben (vgl. Herzig, Lebenskultur, 74).
Und das gilt bis heute: Wer sich auf den Weg der Nachfolge macht – und zwar noch vor einer Entscheidung für eine bestimmte Lebensform wie das Ordensleben oder die christliche Ehe –, der kann die „evangelischen Räte“ nicht einfach „links liegen“ lassen. Die konkreten Formen der Umsetzung richten sich dabei nach der gewählten Lebensform. Allen gemeinsam ist, dass aus einer inneren Grundhaltung ein konkretes Handeln erwächst. Zu den drei „traditionellen“ Räten, die normalerweise mit dem Ordensleben verbunden werden, kommen noch andere hinzu, die aus der Lektüre des Evangeliums erwachsen – so schlage ich im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils vor, das von den „vielfachen Räten des Evangeliums“ redet (LG 42). Evangelische Räte sind Orientierungen, die aus dem Evangelium kommen und zu einer Option herausfordern. Allerdings sind sie heute weitgehend „entzaubert“. Früher waren Jungfräulichkeit, Gehorsam und Armut im Sinne der Sparsamkeit anstrebenswerte „Tugenden“. Heute gilt oft das Gegenteil. Ein Leben nach den evangelischen Räten ist mehr und mehr zu einem kulturellen Gegenentwurf geworden. Deshalb benötigen wir eine „Relecture“ der evangelischen Räte und der ihnen entsprechenden Ordensgelübde, damit sie als Weisen menschlicher Selbstverwirklichung und Ausdruck der Jesus-Nachfolge erkennbar bleiben und in ihrer Bedeutung aufscheinen können (vgl. Casala, 95). Diese „Relecture“ geschieht in diesem Buch vor allem in der Perspektive der Erlösung.
Wenn man Alfons Maria von Liguori in den deutschsprachigen Ländern überhaupt kennt, wird er mit Moraltheologie, mit der traditionellen Volksmission und vielleicht noch mit dem Stichwort Erlösung verbunden. Das Letztere gilt allerdings nur mehr für ausdrückliche „Insider“. All das ist richtig. Aber welche Vision hat Alfons dazu bewegt? In vielem blieb er zunächst Kind seiner Zeit und verwendete die theologischen Konzepte seiner Zeit. An einigen entscheidenden Stellen geht er jedoch darüber hinaus. So wusste er zwar um das damals geläufige Verständnis von Erlösung als „Genugtuung“, die Jesus Christus stellvertretend für die in Schuld gefallene Menschheit Gott gegenüber leistet. Sie stand aber nicht im Mittelpunkt seines Denkens. Fasziniert war Alfons von einem Gott, der „verrückt vor Liebe“ nach dem Menschen ist und der nur deswegen das Drama von Menschwerdung, Tod und Auferstehung „inszeniert“. Gott will und kann nicht ohne den Menschen sein, deshalb macht er sich im Menschgewordenen selbst auf den Weg zu dem Geliebten, der ihm davongelaufen ist. Wie ein über beide Ohren verliebter Mensch, der alles für den, für die Geliebte unternimmt, ist Gott nichts zu „dumm“ oder zu gefährlich, um die Liebe des Menschen zu gewinnen. Auch wenn die Sprache der Weihnachtsbetrachtungen des heiligen Alfons uns heute fremd sein mag – es bleibt faszinierend, mit welchen Worten und ausdrucksstarken Bildern Alfons diese verrückte Liebe Gottes beschreibt, die im nackten Kind, das in einem nasskalten Stall, gewickelt in „ärmliche Windeln“ auf schlechtem Stroh liegt, aufscheint. Genauso nehmen ihn das Leiden des Gekreuzigten und die Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie in Bann. In einer Weihnachtsbetrachtung schreibt er: „Ehre sei der Liebe, die einen Gott dahin gebracht hat, ein armes, kleines Kind zu werden, und hierauf ein hartes Leben zu führen und einen schmachvollen Tod zu erdulden und das bloß deshalb, um dem Menschen seine Liebe zu zeigen und seine Gegenliebe zu gewinnen“ (Alfons, Die Menschwerdung, 10. Erwägung über das große Geheimnis).
Alfons tritt gleichsam selbst in die große Sehnsucht Gottes ein: Auch sein großes Anliegen wurde, dass alle Menschen Gott loben und lieben. Er schreibt: „Wer den Herrn sehr liebt, wird sich nicht damit zufriedengeben, ihn zu lieben. Er wird alle zu dieser Liebe bringen wollen.“ Wie so oft zitiert er einen Gewährsmann, dieses Mal den Kirchenlehrer Augustinus, der in einem Kommentar zu Psalm 34,4 schreibt: „Wenn ihr Gott liebt, dann reißt alle zur Liebe Gottes mit!“ (beide Zitate bei Catalá, Notes on Our Missionary Spirituality). Im menschlichen Bereich kennen wir diese Sehnsucht durchaus auch: Wer verliebt ist, wünscht sich normalerweise, dass der Freund, die Freundin auch von der Familie geliebt wird.
Alfons sah, dass die Menschen seiner Zeit durch vielerlei Faktoren gehindert waren, die Liebe Gottes zu erwidern und in das Lob Gottes einzustimmen. Da waren zum einen die religiösen Nöte seiner Zeit – z. B. die Angst vor einem strafenden Gott, der mehr gefürchtet als geliebt wird, oder die Vernachlässigung der Seelsorge an den armen Leuten vom Land, die deswegen auch religiös unwissend blieben. Der aus adeliger Familie stammende Alfons bekam gleichzeitig einen Blick für die materielle Not der kleinen Leute. Er sah und erkannte, dass die Armen bei den Mächtigen und manchmal auch in der Kirche nicht viel zählten. Was ihn beschäftigte, war, wie diese Menschen einen Gott erfahren sollen, bei dem sie willkommen sind, wenn sie nicht erfahren, dass sie bei anderen willkommen sind und Unterstützung und Solidarität erfahren. Denn dies war für ihn ganz klar: Die Türen Gottes stehen für jeden jederzeit offen. Auch das meditiert Alfons beim Blick auf die Krippe:
„Die Könige wohnen in Schlössern, welche von Soldaten bewacht werden, und es ist nicht gar leicht, mit einem Fürsten zu reden; wer mit ihm sprechen will, muss sich Mühe geben, muss sich oft mit dem Bescheid entfernen: Kommt ein anderes Mal, jetzt ist keine gelegene Zeit zur Audienz. Ganz anders ist es bei Jesus Christus. Er ist in dieser Höhle zugegen, er ist daselbst als ein kleines Kind zugegen, und lädt alle ein, ihn zu besuchen. Die Höhle ist offen, ohne Wachen und ohne Tore, sodass jeder hineintreten kann, wenn er nur will, um diesen kleinen König zu besuchen, mit ihm zu sprechen, ihn sogar zu umarmen, wenn er ihn liebt und nach ihm verlangt.“
Alfons, Die Menschwerdung,10. Erwägung über das große Geheimnis
Auch wenn uns das heute naiv vorkommen mag, war Alfons überzeugt: Wer mit der Liebe Gottes, die sich in Jesus Christus zeigt, in Berührung kommt, der kann gar nicht anders, als mit Gegenliebe und mit Lob zu antworten. Die Aufgabe der Erlösermissionare besteht darin, durch ihr Leben und Wort diese Begegnung mit der Liebe Gottes zu ermöglichen. Deshalb wurde Alfons nicht müde, seine Mitbrüder zu einem überzeugenden Leben der Nachfolge aufzufordern, um den Raum dafür zu eröffnen.
„Erlösung“ ist so gesehen für Alfons kein Ziel, sondern ein Mittel, ein Weg – ein Weg hin zu der großen Vision, dass alle Menschen Gott loben und lieben. Dazu gehört auch, dass untereinander Liebe und Annahme herrschen. Dass Alfons damit nicht eine gleichgültige „Kuschel-Liebe“ meinte, wird an vielen Schriften und Briefen offenbar, in denen er solchen, die seiner Meinung nach nicht auf dem rechten Weg waren, mit deutlichen Worten die Leviten liest. Liebe braucht zuweilen auch ein deutliches Wort, das aber durch das eigene Leben gedeckt sein muss.
Obwohl der Blick des Gründers der Redemptoristen seiner Zeit entsprechend auf dem „Seelenheil“ des Einzelnen lag, tritt mit der großen Vision des „Alle sollen Gott loben und lieben“ auch eine gemeinschaftliche Größe in das Blickfeld. Eine gemeinschaftliche Größe, die in den Evangelien „Reich Gottes“ oder „Reich der Himmel“ genannt wird. Oder man mag an die großen Lobgesänge des letzten Buches des Neuen Testaments, der Offenbarung des Johannes, denken (vgl. Offb 19,1–10). Am Ende steht eben nicht „bloß“ das erfüllte Leben des Einzelnen, sondern eine Gemeinschaft – untereinander und mit Gott.
Was hat dies alles nun mit den „evangelischen Räten“ zu tun? Ich meine, auch bei ihnen geht es nicht nur um das Leben des Individuums, noch weniger um sein „Seelenheil“ und schon gar nicht um eine eigentlich nicht notwendige „Hochleistungssportart“ Gott gegenüber, sondern um den Aufbau von heilsamen Strukturen, die es Menschen ermöglichen, mit der liebenden Präsenz Gottes in Kontakt zu kommen. Der Zusatz „um des Himmelreiches willen“, der in Anlehnung an Mt 19,12 ausdrücklich an das Wort „Ehelosigkeit“ angehängt wird, kann allen evangelischen Räten an die Seite gestellt werden. Auch Armut und Gehorsam zielen darauf hin, „Gottesreich“, „Himmelreich“ aufzubauen, Gottes liebevoller und heilender Herrschaft Raum zu verschaffen. Genauso ist z. B. gelungene Gastfreundschaft ein Vorgeschmack des Himmels, und Vergebung ist Vorbedingung und Vorausentwurf einer versöhnten Gemeinschaft. So gilt für die „klassischen“ drei wie für die vielfachen anderen Räte des Evangeliums, dass sie den entscheidenden Impuls aus der Reich-Gottes-Botschaft Jesu Christi bekommen und der anfanghaften Verwirklichung dieser Gottesherrschaft im Hier und Heute dienen. Die Vollendung wird Gott selbst schenken.
„Das Beispiel unseres Erlösers Jesus Christus weiterführen, indem sie den Armen das Evangelium verkünden (Lk 4, 14–21)“ (vgl. die Regelvorlage aus dem Jahr 1748 im Blick auf die päpstliche Approbation der Regel sowie Konst. 1) – darin bestand für Alfons der Kern der von ihm gegründeten Gemeinschaft. Die Rolle der Nachfolger Christi und im Besonderen der Erlösermissionare sah er darin, dem Erlöser ein Gesicht zu geben, ihm Hände und Füße, Mund und Lippen zu schenken. Dies geschieht im Mitgehen, im Nachgehen, in der Leidenschaft des Suchens der „Verlorenen“ (vgl. Lk 15, 1–32), in der Leidenschaft für die, die am Rande stehen. Alfons sah „Nachfolge“ und konkrete „Sendung“ nicht als zwei voneinander getrennte Lebensbereiche an, sie sind vielmehr eng miteinander verzahnt, eines bedingt das andere. Spätere Generationen haben das nicht mehr so verstanden, sondern statt „indem“ ein „und“ gesetzt: Christus nachfolgen und das Evangelium den Armen verkündigen. Das ist aber nicht die ursprüngliche Intention von Alfons. Für ihn verwirklichte sich die Nachfolge präzise in der Verkündigung des Evangeliums – nicht nur im Wort, sondern durch und im ganzen Leben. Viele Jahre später wird Charles de Foucauld (1858–1916) in seiner Regel für die „Fraternität“ – eine Vereinigung von Frauen und Männern, Priestern und Ordensleuten mit dem Ziel der Evangelisierung – formulieren: „Die Brüder und Schwestern sollen ein lebendiges Evangelium sein; die Menschen … sollen das Evangelium nicht durch Bücher und Worte, sondern im Blick auf ihr Leben kennen lernen.“ Er wünscht sich, „Geistliche und Laien, die nicht kommen, um zu predigen, sondern die durch ihr ‚Dasein‘ etwas von ihrem christlichen Leben durchscheinen lassen“ (beide Zitate bei Six 61.69). Alfons von Liguori würde diesen Wunsch bereitwillig unterschreiben.
Das „Wie“ der Verkündigung war für Alfons ebenso wichtig wie das „Was“. In diesem „Wie“ haben auch die evangelischen Räte ihren Platz. Das zeigt sich besonders daran, dass die Erlösermissionare alles vermeiden sollen, was die Armen hindert, die Frohe Botschaft zu hören – sie verzichten auf hochgelehrte Worte, die niemand versteht (der Predigtstil in Süditalien zur Zeit des heiligen Alfons war bestrebt, möglichst kunstvoll, ja „gedrechselt“ zu sein!), und kommen auch äußerlich als Arme zu den Armen. Alfons stellt den Gehorsam in die Mitte – damit will er sichern, dass der Missionar nicht (bloß) sich selbst bringt, sondern in allem, was er tut oder nicht tut, Gott sichtbar wird, der in diese Freiheit hineinführt. Zu diesem Thema finden sich einige heute schwer verständliche und noch schwerer zu vermittelnde Ermahnungen in seiner Schrift „Der wahre Redemptorist“. Zu starke Bindungen – etwa an die Familie – sah Alfons als hinderlich an, die Sendung zu leben und sich auf den Weg zu den Armen zu machen.
