4,99 €
Zwischen den Schatten von Los Angeles beginnt eine Geschichte, die nie hätte erzählt werden sollen. In den Ruinen eines vergessenen Trailerparks kommen zwei Kinder zur Welt – geboren aus Verzweiflung, umgeben von Blut, Drogen und Tod. Niemand hätte gedacht, dass sie überleben würden. Doch ihr Schrei hallt durch das Valley – und mit ihm erwacht etwas, das seit Ewigkeiten schläft. Fran, eine junge Frau am Rand der Gesellschaft, wird zur unfreiwilligen Retterin der Zwillinge. Getrieben von Schuld, Zorn und einem längst verlorenen Glauben an das Gute, kämpft sie gegen Hunger, Gewalt und ihre eigene Vergangenheit. Doch die Kinder sind anders. Hinter ihren blauen Augen lauert etwas Unfassbares – eine Macht, die jenseits menschlicher Vorstellung existiert. Als Tod, Zufall und göttliche Fügung sich zu verweben scheinen, nimmt ein Schicksal seinen Lauf, das Himmel und Hölle berührt. Was als verzweifelter Überlebenskampf in der Wüste Kaliforniens beginnt, wird zu einer düsteren Offenbarung über Schuld, Erlösung – und die Frage, ob Licht und Finsternis je getrennt voneinander existieren können.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Wolfgang Paul
Impressum: Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Veröffentlicht bei Infinity Gaze Studios AB
1. Auflage, Oktober 2025, Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2025 Infinity Gaze Studios
Texte: © Copyright by Wolfgang Paul
Lektorat: Barbara Madeddu
Korrektorat: @kommakabinett
Cover & Buchsatz: V.Valmont @valmontbooks
Publiziert über: tolino media
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung von Infinity Gaze Studios AB unzulässig und wird strafrechtlich verfolgt.
Infinity Gaze Studios AB, Södra Vägen 37, 829 60 Gnarp
Schweden, www.infinitygaze.com
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:
Es wird aussehen, als wäre ich tot,
und das wird nicht wahr sein…
Und wenn du dich getröstet hast,
wirst du froh sein, mich gekannt zu haben.
Du wirst Lust haben, mit mir zu lachen.
Und du wirst manchmal dein Fenster öffnen,
gerade so zum Vergnügen …
Und deine Freunde werden sehr erstaunt sein,
wenn sie sehen,
dass du den Himmel anblickst und lachst.
(Antoine de Saint-Exupéry 1900 - 1944)
Anfang und Ende
Das Chaos auf dem Plaza de America war durch nichts vergleichbar. Im Hintergrund ragte das imposante 224 m hohe Bankgebäude der Bank of America steil in den Himmel. Der spanische Granit mit den vertikalen Linien vermittelte dem Gebäude eine gradlinige Struktur inmitten des höllischen Durcheinanders. Auf dem höchsten Punkt des Gebäudes war ein Hubschrauber gerade im Begriff zur Landung ansetzen. Ein weiterer, vermutlich eine Maschine des Nachrichtensenders Fox 11 KTTV, flog seine Runden über den „Plaza de America“. Die Reporter in der Kabine versuchten angestrengt dem Schauspiel unter ihnen zu folgen, um alles mit ihren Kameras peinlichst genau festzuhalten. Die Menschenmenge dort unter ihnen stand dicht zusammengedrängt vor einer Mauer aus bedrohlich, düster wirkenden Cops, die hier vor Kurzem Stellung bezogen hatten und sich regelrecht gegen die neugierigen Menschenmassen stemmten. Verpackt in eine Kampfuniform, bestehend aus Helm, Schussweste, Schlagstöcke im Anschlag, hielten sie ihre Hände an den Holstern, bereit, sofort ihre Waffen zu ziehen. Die Visiere waren schwarz getönt, was sie insgesamt noch bedrohlicher erscheinen ließ. Ungläubig folgten die vor ihnen stehenden Menschen den Geschehnissen, die sich hinter der schwarzen Mauer aus Beamten abspielten. Alles geschah gleichzeitig und doch in einzelnen Sequenzen, was dermaßen unnatürlich wirkte, als wollte man den Eindruck vermitteln, es handele sich um die Kulisse eines neuen, gigantischen Filmprojekts. In die Bedrohlichkeit der Situation mischte sich Angstschweiß der neugierigen Passanten. Auch ein weiterer, unbekannter, scheußlich penetranter Geruch war zu vernehmen. Überall standen Ambulanz- und LAPD Einsatzfahrzeuge herum. Wild blinkten die Lichter in den typisch kalt blauen Farben und reflektierten sich in der modernen Glasfront des Bankgebäudes. COP´s zielten mit gezogenen Waffen auf eine große Person, die aus dem Halbdunkel der „Bank of America“ trat und nun deutlich sichtbar für alle im Eingang stand. Der große breitschultrige Mann machte ruhig und gelassen einen Schritt nach vorne, bewegte sich auf die vor ihm liegende Treppe zu, so als interessiere ihn die drohende Gefahr, der auf ihn gerichteten, entsicherten Schusswaffen, nicht im Geringsten. Eine weitere, ebenso große Gestalt war zu erkennen, die mit weit ausgebreiteten Armen, wie in einer Geste des Willkommens, auf die Person vor ihm zutrat. Ein Einsatzleiter schrie ein paar unverständliche Worte, die vom Hubschrauberlärm der Rotoren überdeckt wurden. Der auf der Treppe stehende Mann erfasste ruhigen Blickes das Spektakel hinter der Kette der Einsatzkräfte. Sein abfälliger Blick erfasste die komplette Kulisse, die sich im nun bot, über die Einsatzfahrzeuge und Rettungswagen, Cops und einer großen Menschenmenge. Für einen kurzen Moment erschien es, als senkte er demütig den Kopf, so als sei er zur Kapitulation bereit. Nur an der vor ihm stehenden Person erkannte man, das irgendeine Gefahr von ihm selbst auszugehen schien. Von Weitem sah man, das sie Beschwichtigungsversuche zu unternehmen schien. Und doch kam jeglicher Versuch, das Unvermeidliche zu verhindern, anscheinend zu spät. Ohne weitere Vorwarnung, hob er seinen Kopf, fixierte dabei ein allerletztes Mal die große Bühne vor ihm. Er wußte, das endlich das würdige Finale vor ihm lag, das sein langer Weg ein Ende nehmen würde. Und dann, ohne jede weitere Vorwarnung, brach plötzlich die Hölle los.
Der Trailerpark - Beginn eines Qualvollen Lebens
Die Sonne stand an diesem Tag hoch am Himmel über Hidden Springs, das trostlos und vergessen nördlich von Los Angeles lag. Unerbittlich brannte sie auf die verdorrte Erde nieder. Wie Sirup floss sie hinab, ergoss sich über die weit ausladende, karge Landschaft – bestehend aus größeren Ansammlungen von vergammelten Trailern und Mobilheimen sowie stinkendem Abfall und Exkrementen in einer trostlosen Steppe.
Eingerahmt wurde das Bild von einigen Bergen, deren Silhouetten sich im Hintergrund deutlich abzeichneten. Der Himmel war wolkenlos, und auch in den nächsten Tagen würde sich das Wetter nicht ändern. Der von der Trockenheit aufgerissene Boden war längst übersättigt und nicht mehr in der Lage, weitere Wärme zu speichern. Flirrende Hitze stieg in heißen Schwaden empor und spiegelte sich über der gesamten Landschaft. Alles wirkte verzerrt und verdreht im Schleier der enormen Hitze.
Die wenigen, verdorrten Gräser raschelten bei jeder noch so kleinen Brise, die sich schwerfällig über das Land schob, bis sie am Ende die Trailer, deren verrottetes Mobiliar und den verstreuten Abfall erfasste. Wie zäher Honig spülte die Hitze ihre klebrige Wärme bis tief in die vergammelten Fahrzeuge und Behausungen, legte sich auf den verstreuten Müll, der überall zwischen den ausgedienten Fahrzeugen lag, und drang schließlich in alle umstehenden, abgewrackten Hinterlassenschaften dieser Gegend ein.
Eine große Fläche in dieser trostlosen, vergessenen Gegend war regelrecht übersät mit ausrangierten Redwood-, Rushmore- oder Continental-Coach-Wohnwagen sowie vielen heruntergekommenen, stark vergammelten Mobilheimen, die den Großteil der Wohnstätten ausmachten. Noch immer suchten Menschen in ihnen Zuflucht – Menschen, die sich keine Mietwohnung mehr leisten konnten.
Nur das Notwendigste, das sich von der dort lebenden Gemeinschaft pflegen ließ, verblieb am Ende: ein wenig Rasen, hier und da ein kleiner Spielplatz – das war alles, was von den einstigen Einrichtungen übrig geblieben war. Investitionen wurden auf das Nötigste beschränkt. Selbst Wasserleitungen wurden erst erneuert, wenn ein weiterer Aufschub nicht mehr zu rechtfertigen war. Lediglich bei den Gasanschlüssen erfolgte eine regelmäßige Wartung – man wusste schließlich, dass für jedes Menschenleben mindestens eine Million Dollar fällig würde, sollte man Wartungsversäumnisse nachweisen können.
Einige Trailer Parks fanden überhaupt keine Käufer mehr. Sie glichen alten, verlassenen Westernstädten, die brachlagen. Einer dieser vergessenen Orte war der Hidden Springs Park. Kein Investor sah in der abgelegenen Anlage, deren Versorgung schwierig und Wartung zu aufwendig war, noch Chancen auf Restaurierung.
Die tristen, kargen Vorgärten waren lieblos dekoriert. Überall lagen Schrottteile und ausrangierte Gegenstände herum. Der Lack war in all den Jahren durch Wettereinflüsse abgeplatzt. Roststellen, Brüche, verwittertes Holz und aufgerissene Karosserien prägten das Bild. Fenster waren mit Zeitungspapier oder Bettlaken verhangen. Vergilbte Vorhänge hingen lose herunter. Dreck und der süßliche Gestank von Verwesung waren allgegenwärtig.
Die verblasste Front einer alten, schäbigen Baracke stand etwas abseits der sonst säuberlich in Reihe stehenden Wohnwagen und Mobilheime. Die Eingangstür stand weit offen, als wäre jeder Besucher willkommen. Ausgediente Paletten dienten als Stufen vor dem Eingang. Der Fußboden im Inneren war völlig abgetreten, ganze Stücke eines einst hochwertigen Holzbelags fehlten.
Links vom Eingang erhob sich die Küche, einst stolz und zentraler Punkt der Baracke. Rechts führte ein kleiner Flur am ehemaligen Wohnzimmer vorbei bis zum angrenzenden Schlafraum. Überall lagen benutzte Wäsche, Abfall, Essensreste, verschmutztes Geschirr und Besteck. Beißender Uringeruch lag in der feuchten, fast tropisch geschwängerten Luft.
Die alte Verbindungstür zum Schlafraum war nur leicht geöffnet. Ein lautes, klagevolles Stöhnen einer Frau war zu hören. Eine männliche Stimme sprach monoton – fast beruhigend, meditativ. Als eine leichte Brise von außen durch die Baracke strich, öffnete sich die Tür einen Spalt weiter und gab den Blick auf den Raum dahinter frei.
Der Schlafraum war ebenso trostlos wie der Rest des Hauses. Eine Frau lag in verdreckter Kleidung auf der rechten Seite eines schmalen Doppelbetts. Sie trug ein verblichenes, gelblich geblümtes Kleid – offensichtlich aus einer Kleiderspende. Es passte nicht, die Nähte waren verdreht, der Stoff hochgeschoben. Dunkle Flecken bedeckten den zerrissenen Stoff. Zwischen ihren Beinen zeichnete sich ein blutiges Rinnsal auf dem schmutzigen Laken ab. Ihr Körper war schweißbedeckt, die fettigen Haare klebten an ihrer Haut. Ein weiteres Stöhnen entrang sich ihrer Kehle, eine neue Schmerzwelle ließ sie fast ohnmächtig werden.
Neben ihr lag ein Mann – in seinem eigenen Urin und Kot. Es war seine Stimme, die zuvor zu hören gewesen war. Nun war er beinahe bewusstlos. Um seinen Oberarm hing ein festgezurrtes Band, die Spritze steckte noch in der Vene. Er hatte sich billiges, verunreinigtes Heroin injiziert.
Beim näheren Hinhören konnte man Wortfetzen vernehmen, zusammenhangslos und wirr. Der Mann war bleich, krampfte plötzlich, griff nach Halt. Als er zufällig die Hand der Frau erwischte, bäumte sich sein Körper auf. Das Letzte, was er sah, war ein gewaltiges Farbenmeer, bevor ihn ein bunter Strudel in die Tiefe riss. Sein Körper sackte in sich zusammen. Die weit aufgerissenen Augen suchten einen letzten Fixpunkt. Dann fiel sein Kopf schlaff zur Seite – mit leerem, glasigem Blick starrte er die Frau an. Es war der Blick eines Toten. Als wolle er sie auffordern, ihm zu folgen.
Die Frau lag deutlich sichtbar in den Wehen. Eine neue Schmerzattacke kündigte sich an. Sie presste mit letzter Kraft und schrie auf, als das Kind das Licht dieser fragwürdigen Welt erblickte. Blut und Plazentareste lagen zwischen ihren Beinen. Mit dem Aufprall auf das Bett begann das Baby zu schreien. Blut lief weiterhin aus der Mutter, sammelte sich in großen Lachen, sickerte durch die Matratze und zog in feinen Rinnsalen über den Boden.
Die Frau spürte, dass ihre Überlebenschancen gering waren. Der Blutverlust machte sich deutlich bemerkbar. Sie wusste, dass ihr vergeudetes Leben, für das sie teuer bezahlt hatte, aus ihr wich – langsam, grausam. Ihre schwachen Atemzüge wurden zum Takt ihres Sterbeliedes. Sie war Hauptdarstellerin in einem Film über ihr gescheitertes Leben.
Kindliche Hoffnungen, jugendliche Träume, all die Männer, die sie einst ihrer Schönheit wegen liebten – später dafür bezahlten –, die Schläge, die Tritte, das Straucheln, das Scheitern. Lange hatte sie gegen dieses Leben angekämpft, vergeblich. Tränen rannen über ihre Wangen auf das, was einmal ein Kissen gewesen war.
In einem letzten inneren Bild sah sie sich in einem anderen Leben. In einem kleinen Haus, als liebende Mutter, mit einem fürsorglichen Mann, glücklichen Kindern. Sie sah sich als Großmutter, auf einer Veranda in der Abendsonne – lächelnd, voller Liebe, erfüllt vom Leben. Doch dunkle Wolken schoben sich über diesen Traum. Die Farben wichen, die Realität kehrte zurück. Die Dunkelheit nahm alles.
Mit dem letzten Atemzug entspannte sich ihr Körper. Etwas löste sich in ihr, glitt heraus, fiel zu Boden. Ein leises Wimmern war zu hören.
Das Kind zwischen ihren Beinen – und sein Bruder, der am Boden lag – hatten ihr Leben begonnen. Sie mussten ihren ersten, unfairen Kampf führen. In einer Welt, die für sie keinen Platz zu haben schien.
Ein Kampf ums Überleben – so hart, wie ihn einst ihre Eltern geführt hatten.
Ihre Eltern, deren tote Körper nun über ihnen lagen.
Die zwillinge - Der Beginn
Das breite, vor Blut triefende Bett war Teil einer grotesken Szene in einer blutroten, untergehenden Sonne. Die auf dem Bett liegenden Leichen mussten schon vor über zwölf Stunden ihren Tod gefunden haben. Und er – dieser Tod – hatte sie hier gefunden. Er hatte den jämmerlichen Todeskampf der verkommenen Gestalten beobachtet, war sofort zugegen gewesen. Und er hatte nicht gezögert, sich beider Eltern zu bemächtigen – Eltern, die nicht mehr mitbekamen, ob ihre Kinder überhaupt überleben würden.
Die Zwillinge ihrerseits kämpften verbissen weiterhin einen fast aussichtslosen Kampf. Vermutlich würden sie ihren Eltern folgen. Sie schrien sich seit Stunden heiser. Es schien, als nähmen sie die Herausforderung an, als sähen sie den Tod tatsächlich im Zimmer stehen.
Und selbst dieser Tod musste wohl Erbarmen haben mit dem Bild, das sich ihm hier bot. Das Blut, der Dreck, der beißende Gestank von Urin und der Geruch von Kot vermischten sich mit der Hitze, die tief in jede Ecke und Ritze des Containers gedrungen war. Beißend und durch die Wärme regelrecht aufgequollen, verbanden sie sich zu einer neuen Geruchskomposition.
Er – dieser Tod, der über all die unendlich vielen Jahre so manchen geholt hatte – verharrte ausgerechnet jetzt, zögernd. Er wusste, dass die Zeit ihren Einsatz längst gesetzt hatte. Die Neugeborenen dagegen hatten nur ihr nacktes, ungeschütztes Dasein – und damit verglichen einen jämmerlichen Einsatz.
Es konnte sich nur noch um wenige Stunden handeln. Danach würde höchstwahrscheinlich ein apathischer Zustand folgen, ein allerletztes Wimmern vielleicht, bis schließlich ihre letzten Kräfte aus ihren so jungen Körpern strömten und sie ermüdet einschliefen. Ihre kürzlich erworbenen Körper würden sie verlassen – dem auf sie wartenden Tod würden sie folgen müssen.
Die dunkle, gesichtslose Gestalt stand weiterhin regungslos da. Ihr Blick folgte langsam dem längst getrockneten Rinnsal, das aus der Mutter herausgeströmt war und in der Matratze versickert war. Die augenlosen Höhlen tasteten jeden Zentimeter dieser Szene ab, bis sie auf dem ersten Jungen kurz verweilten – als schätzte sie die Situation ab. Dann senkte sich der Kopf der Gestalt ein wenig, um den zweiten Jungen zu taxieren.
Der Junge verstummte für eine kurze Ewigkeit. Er schien Gefallen an der dunklen Gestalt zu finden. Während sein Bruder über ihm immer noch laut schrie, grinste der unter ihm liegende Zwilling den Tod verächtlich an.
Dieser löste sich langsam von der unwirklichen Kulisse, die sich ihm hier geboten hatte – jener Szene, in der er sich bereits zweier weiterer Körper sicher wähnte. Der erstgeborene Zwilling auf dem Bett wimmerte nun nur noch leise – ein sicheres Zeichen, dass seine Kräfte schwanden.
Durch das kleine Fenster im Raum sah man in der Ferne die ersten Umrisse der Hidden-Springs-Berge im Licht eines zaghaften Sonnenaufgangs.
Ein Fund - zwei Leben
Der Toyota-Hilux-Truck schnitt mit eingeschalteten Front- und Bügelscheinwerfern das kalte, schwarze Dunkel in mehrere Teile. Die Stille wurde jäh vom Grölen der auf der Ladefläche und im Wagen sitzenden Jugendlichen durchbrochen.
Das Allradfahrzeug erreichte schlitternd die verrottete und heruntergekommene Siedlung des Hidden Springs Trailer Parks. Sie war zum seltenen Treffpunkt einiger weniger Jugendlicher, Kiffer und Drogendealer geworden. Immer weniger verirrte sich hierher. Der angetrunkene Fahrer hielt den Wagen vor einem der vergammelten Rushmore-Trailer an. Die Türen des Hilux öffneten sich knarzend, als ein junges Mädchen stolpernd in das verdorrte Gras fiel und sich dort – halb liegend – sofort übergab. Die vier Mitfahrer lachten abfällig über sie.
Gemächlich stiegen sie nun von der Ladefläche. Niemand von ihnen war in der Lage, aufrecht zu stehen, ohne sich am Truck festzuhalten. Einer der Jungen, vermutlich der Anführer der Truppe, ging torkelnd auf das am Boden liegende Mädchen zu. Er schwankte ebenso wie die übrigen. Als er sich über sie beugte und ihr an den Hintern fasste, schob das auf Knien hockende Mädchen ihn sofort weg.
„Lass den Scheiß, Joe, du siehst doch, dass ich kotzen muss.“
Der immer noch hinter ihr stehende Jugendliche, den sie Joe nannte, rülpste laut und lachte.
„… bleib ’ma locker, Heather“, entgegnete er so gut er konnte.
Die anderen drei waren inzwischen ebenfalls ausgestiegen. Sie schwankten ebenso – ein deutliches Zeichen ihrer Alkoholisierung. Fran, das zweite Mädchen in der Gruppe, zog einen der Jungen, Hank, nah an sich heran und küsste ihn lange. Der abseits stehende Jugendliche grölte kindisch und zeigte auf das Paar.
„Hey Joe, schau mal, die Alte ist notgeil. Ich glaube, ich werde es ihr gleich mal besorgen.“
Joe, inzwischen zu benommen, um richtig zu reagieren, nickte nur schwerfällig, setzte sich auf den Boden und starrte teilnahmslos in Richtung der Berge. Der andere Junge interpretierte das Nicken als Aufforderung und näherte sich dem Paar. Er presste seinen Körper von hinten an Fran, rieb sich zögerlich an ihr. Fran schien das zu gefallen, Hank hingegen gar nicht, als er die Hände seines Kumpels bemerkte. Er stieß Fran weg, die gegen den anderen taumelte. Dieser verlor das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Wütend stürzte sich Hank auf ihn und schlug zu. Doch der Schlag traf nur die Schulter – mit weniger Kraft, als der Angreifer sich gewünscht hatte.
„Du Drecksau!“, lallte Hank, „wenn du sie noch mal anpackst, töte ich dich, du Arschloch!“
Der am Boden liegende Junge lachte sein bekannt dümmliches Lachen, was Hank nur noch wütender machte. Fran ging dazwischen, versuchte, die Situation zu beruhigen. Doch just in diesem Moment ertönte aus einem nahen Wohnwagen ein erbärmlicher Schrei eines Babys.
Fran und Heather reagierten sofort alarmiert.
„Scheiße, ich dachte, wir wären allein. Hier ist doch sonst nie jemand.“
Ein weiterer, langgezogener Schrei durchbrach die Stille. Das zweite Mädchen wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab und versuchte, aufzustehen.
„Offensichtlich ist da jemand, du Schlaumeier. Beweg deinen verfickten Arsch, Fran! Nimm diese Vollidioten mit und schau nach, wer da hinten ist“, wies Heather sie schroff an.
Joe, ebenfalls neugierig geworden, stand auf. Gemeinsam versuchten sie, den Ursprung der Schreie zu orten. Calvin, der durch seinen Alkoholkonsum kaum noch gehen konnte, stolperte mehr, als dass er lief. Fran und Hank stützten sich gegenseitig und gingen ebenso auf einen der alten Container zu. Calvin stand bereits im Eingang, als sie eintrafen.
„Cal, du Arsch, du versperrst den Eingang!“
Calvin trat zur Seite, und Fran und Hank betraten den Trailer.
„Scheiße! Schaut euch diese Scheiße an“, sagte Fran und hielt sich die Nase zu.
Hank trat gerade nach Calvin, als Fran erneut dazwischen ging.
„Sagt mal, ihr Wichser, was soll das denn werden? Lasst uns nachsehen, woher die Schreie kommen. Das sind doch Kinderschreie.“
Alle drei gingen neugierig in Richtung Schlafraum. Fast gleichzeitig traten sie ein und sahen das Szenario: getrocknetes Blut, die tote Mutter, ein toter Mann mit Spritze im Arm. Und dazwischen zwei wimmernde Babys – ihre Schreie nun leiser.
Hank und Fran begannen zu würgen. Calvin hingegen begann teilnahmslos, die Taschen des Toten zu durchsuchen.
„Hey, schaut mal her, der hat noch Stoff in der Hose gehabt“, rief er.
„Fran schrie auf: „Geht’s noch? Schau dir die Scheiße an! Kriegst du überhaupt noch was mit, Cal? Hier liegen zwei Tote und zwei kleine Babys. Was machen wir mit den Blagen?“
Calvin zuckte mit den Schultern und untersuchte weiter die Leichen. Hank hielt sich im Hintergrund, sichtlich überfordert. Fran wurde hysterisch.
„Bin ich denn die Einzige, die das sehen kann? Hier liegen zwei beschissene kleine Kinder!“
Hank drehte sich weg, unfähig, den Anblick zu ertragen.
„Wir könnten sie irgendwo verscharren“, antwortete Calvin.
Hank stolperte nach draußen, traf auf Heather und Joe.
„Was’n los, Hank?“, fragte Joe lallend.
Hank zeigte wortlos in Richtung des Trailers. Heather verdrehte die Augen und trat ein. Als sie das Szenario sah, fragte sie:
„Fran, was sind das für Kinder?“
Auch sie war ratlos. Sie waren hier, um sich zu besaufen, Drogen zu nehmen – um Spaß zu haben. Um dem Leben zu entfliehen. Jetzt lagen zwei leblose Körper vor ihnen. Zwei Neugeborene versperrten ihnen den Notausgang.
„Das siehst du doch – hier liegen zwei Leichen und zwei beschissen verfickte Babys!“, rief Fran.
„Alte, das sehe ich“, erwiderte Heather. Doch bevor sie weitersprechen konnte, mischte sich Calvin erneut ein.
„Wir töten sie, dann verbuddeln wir sie. Kriegt keiner mit.“
Er lachte sein höhnisches Grinsen.
„Wir könnten sie auch verbrennen.“
„Cal, du bescheuerter Vollidiot“, schrie Fran. „Glaubst du, das wäre die Lösung?“
Heather griff ein.
„Raus. Alle. Wir besprechen das draußen. Gemeinsam.“
Draußen begann Fran langsam zu sprechen.
„Wir… wir können sie nicht töten. Wir sollten…“
„Was sollten wir?“, unterbrach Heather. „Uns um sie kümmern? Wir? Schaut euch doch mal an. Wir sind selbst am Arsch. Außer Drogen, Diebstahl und Überleben auf der Straße haben wir nichts.“
Sie wandte sich an Fran:
„Du willst die große Wohltäterin spielen? Dann mach das. Aber ohne uns. Viel Spaß. Du hast ja schon ein nettes Zuhause gefunden.“ Sie deutete auf den Rushmore.
Calvin: „Lass uns die Kleinen abmurksen. Dann zieh’n wir uns was rein…“
Heather ging drei Schritte zum Toyota, dann blieb sie stehen.
„Fran, lass alles, wie es ist. Überlass sie ihrem Schicksal. Lasst uns Spaß haben.“
„Wer meiner Meinung ist, kommt mit. Die, die Papi und Mami spielen wollen, bleiben bei Fran.“
Joe, Hank und Calvin folgten ihr. Als Joe an Fran vorbeiging, säuselte er:
„Lass gut sein, Fran. Mutterrolle steht dir nicht. Die Rolle der Schlampe viel besser. Lass uns ficken – darauf stehst du doch.“
„Fick dich selbst, Joe“, erwiderte Fran.
Sie sah ihnen hinterher, wie sie zum Hilux gingen. Ihre wenigen Sachen lagen auf der Ladefläche. Doch als sie sich umdrehte, hörte sie, wie Cal lachte.
„Lass die Alte hier. Sollen die Bälger hier draußen krepieren. Ist eh alles Scheiße hier.“
Heather entschied:
„Schmeiß den Mist von der Alten runter. Dann hauen wir ab. Die Bitch ging mir schon lange auf den Sack.“
Kurz darauf startete der Wagen und fuhr mit durchdrehenden Reifen davon.
Fran ging fassungslos zu dem Bündel. Es war nur eine alte Decke. Ihre anderen Sachen hatten sie mitgenommen. Sie schrie in den Nachthimmel – aus Wut und Enttäuschung. Aber die Fronten waren geklärt.
Am klaren Himmel standen Sterne. Die Luft war abgekühlt. Die Zwillinge wimmerten kaum hörbar. Kein Essen, kein Trinken. Zurück in die Stadt bedeutete ein Marsch über Berge, Meilen weit. Welches Schicksal erwartete sie hier draußen – mit den Zwillingen, für die sie sich entschieden hatte?
Sie sackte weinend zusammen. In ihrer Verzweiflung keimte Zorn. Und Hoffnung, dass dieser Zorn ihr Kraft zum Überleben geben würde. Ein leichter Wind kam aus Osten und strich über die vergessene Landschaft.
Etwas abseits im Dunkeln, kaum wahrnehmbar, stand eine beängstigend gesichtslose Gestalt. Und ihr Blick war starr auf Fran gerichtet.
Tiefer Fall
Fran stand einfach nur da. Inmitten eines verlassenen Containerparks. Ohne Essen. Ohne Trinken. Ihre sogenannten Freunde hatten sie einfach hier zurückgelassen – hier, in dieser Bergwüste. Allein. Auch nach einer gefühlten Ewigkeit des Wartens tauchten sie nicht wieder auf. Das waren also ihre Freunde. Ihre Familie, mit der sie seit Jahren herumzog.
Und diesmal war es keines ihrer sonst so ausgeklügelten Spiele, wie die Gruppe sie schon öfters praktiziert hatte. Damals mit Cal, als er besoffen und vollkommen bekifft in einen der Silos gefallen war, weil er dort fette Beute vermutete. Alle hatten sich damals nicht mehr eingekriegt, lachten sich über den Volltrottel Cal kaputt, hielten sich die Bäuche vor Lachen. Wie auf Kommando beschloss man, Cal seinem Schicksal zu überlassen – zumindest vorübergehend. Sie fuhren einfach in die nächste Stadt, betranken sich, zogen sich jeden Stoff rein, den sie in die Finger bekamen. Erst später erinnerte Heather daran, dass Cal ja immer noch im Silo steckte. Wieder lachten sie laut über den Idioten. Am Ende entschieden sie, dass man Cal vielleicht doch noch für irgendetwas brauchen könnte – und retteten ihn schließlich.
Fran dachte an die Zwillinge, die dort drüben gottverlassen bei ihren toten Eltern im Dreck und Unrat lagen. Wenn sie schon glaubte, ihre eigene Lage sei fatal, dann war die der Zwillinge noch viel schlimmer.
Fran schrie erneut ihre maßlose Wut in das Tal hinaus und heulte gleichzeitig. Unschlüssig, ob sie die Retterin sein oder sich doch lieber um sich selbst kümmern sollte. Ihre Schreie hallten verzögert wider. Tränen liefen ihr über die Wangen, hinterließen Spuren am verschmutzten Hals und wurden vom Kragen ihres T-Shirts aufgesogen. Fieberhaft suchte sie nach einer Lösung.
Langsam ging sie auf einen der ersten verlassenen Wagen zu. Sie zögerte – als ahne sie, dass sich das schreckliche Bild der Zwillinge und ihrer toten Eltern erneut zeigen könnte. Dann gab sie sich einen Ruck und betrat den Container. In der langsam untergehenden Sonne sah sie ein paar kleinere Tiere, die schnell unter den morschen Möbeln Schutz suchten. Auch sie schienen überrascht vom plötzlich zurückgekehrten Besucher dieser Einöde.
Fran zwang sich dazu, in allen Schränken und Ablagen nach Ess- und Trinkbarem zu suchen. Nach über einer halben Stunde erfolgloser Suche war sie nahe dran, aufzugeben. Das schwache Wimmern eines Zwillings ermutigte sie jedoch, weiterzumachen. Sie hatte nun beinahe alle Wracks durchsucht, als sie in der aufkommenden Dämmerung eine Kühlbox unter einem verlassenen Rushmore entdeckte. Mit fahrigen Fingern öffnete sie die Box und fand mehrere Dosen Bier, Limonade, alte verpackte Lebensmittel.
Ermutigt von diesem Fund suchte sie auch an abgelegeneren Stellen weiter. Einige alte Feuerstellen deuteten auf frühere Aufenthalte hin. Sie fand verstreut weitere Kisten – doch sie waren leer. Hoffnung schlug erneut in Verzweiflung um. Dann entdeckte sie durch Zufall in einer Senke eine halb eingegrabene Kiste – vielleicht zur Kühlung oder zum Schutz vor Tieren versteckt. Als sie sie öffnete, fand sie weitere Getränke, Wasser, sogar ein paar abgelaufene Joghurts.
Sie überlegte und wägte ab, ob sie es schaffen könnte, den Zwillingen – wenigstens für heute – das Überleben zu sichern. Es musste funktionieren. Sie hatte keine andere Wahl. Entschlossen, die Kinder zu retten, trank sie zunächst selbst ein Bier, das sie gefunden hatte – gierig, ohne abzusetzen. Dann befreite sie die Lebensmittel vom gröbsten Schimmel.
Als sie sich wieder ihrer Situation bewusst wurde, verfiel sie in hemmungsloses Selbstmitleid. Ihr Weinen schlug in Hysterie um, dann erneut in maßlose Wut. Sie trat nach allem, was in ihrer Nähe war, schlug auf morsche Bretter ein. Ihre Faust durchbrach mühelos eine alte Wand. In Gedanken stellte sie sich vor, es wären die Gesichter ihrer verhassten Freunde.
Nach einer Weile beruhigte sie sich wieder, sackte erschöpft und kraftlos zu Boden. Sie betrachtete ihre verletzte Hand. Es dauerte lange, bis sie versuchte, über ihr Leben nachzudenken, es neu zu ordnen, sich Chancen auf ein Überleben auszurechnen – für sich und diese Babys?
Sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als sie erneut das klägliche Wimmern eines der Zwillinge hörte.
„Sie leben immer noch, diese kleinen zähen Mistkröten“, murmelte sie leise.
„Die haben mich doch überhaupt erst in diese Lage gebracht“, stellte sie ernüchtert fest.
„Cal hatte vielleicht doch recht. Wir hätten diese Bälger sofort töten und vergraben sollen. Dann wäre alles anders gekommen.“
Zweifel kamen in ihr auf. Mit einem Schrei versuchte sie, den aufgestauten Zorn loszuwerden. Doch sie war keine Mörderin. Auch wenn es ihr leicht über die Lippen kam – sie war nicht bereit, den Kindern etwas anzutun.
Sie dachte zurück, wie sehr sie sich immer selbst eine Mutter gewünscht hatte. Ein paar liebe Worte. Zuneigung. Doch sie hatte nur Geld bekommen. Geld als Ersatz für Liebe. Ihre stets überforderte Mutter erkaufte sich Bequemlichkeit mit Geld. Fran wiederum kaufte sich damit ihre Freunde. Bestach sie mit Süßigkeiten – bezahlt vom Schweigegeld ihrer Mutter.
Freunde, wie die, die sie nun hier allein zurückgelassen hatten.
Freunde, die nie welche gewesen waren.
Aber diese Erkenntnis kam zu spät.
„Ich scheiße auf euch alle, ihr verfluchten Arschlöcher! Ich wünsche euch, dass ihr in der Hölle krepiert!“
Sie blieb eine Weile draußen stehen, vor den Baracken, die sich im Hintergrund konturreich abzeichneten. Fran schaute in die Ferne, sah den klaren Himmel und eine untergehende Sonne, die einen weiteren Tag beendete. Am Horizont bahnte sich die Nacht an. Bald würde die Kälte der Berge ins Tal sinken.
Vielleicht aber würde diese Nacht auch für einen symbolischen Neuanfang stehen. Einen neuen Weg. Ein neues Kapitel, das nun geschrieben werden musste. Die Klarheit ihrer Gedanken schob langsam, aber bestimmt, alle negativen Gedanken ein Stück beiseite. Und an deren Stelle trat eine neue Idee.
Sie würde den kleinen „Bälgern“ eine Überlebenschance geben. Entweder sie überlebten gemeinsam – oder sie starben gemeinsam. Aber sie würden es gemeinsam versuchen.
Fran stand auf und ging langsam zum alten Rushmore hinüber. Sie hatte endlich zu ihrer alten Stärke zurückgefunden.
Von den Zwillingen war inzwischen kein Laut mehr zu hören.
Der Start ins Leben
Als Fran den Rushmore betrat, stieg ihr – wie schon beim ersten Mal – der beißende Geruch von Urin sofort in die Nase. Dieser überlagerte sogar den schweren, üblen Gestank von Kot. Sie zog sich das Hemd aus, das sie über ihrer Unterwäsche trug, und atmete sichtlich erleichtert durch diesen provisorischen Filter. Der leichte Duft ihres Parfums drang durch den Stoff und verstärkte ihre Erleichterung. Sie hatte es sich noch vor ein paar Tagen gegönnt – irgendeine billige Marke, die ihrem Anspruch aber noch einigermaßen gerecht wurde.
Als sie in den Schlafraum des Wagens trat, erschrak sie so heftig, dass sie vergaß zu atmen. Die Leichen lagen starr und verkrampft da. Der Mann mit der Nadel im Arm lag grotesk verdreht auf der linken Seite des Bettes. Sein Blick richtete sich gespenstisch klar und offen auf die Frau in der Blutlache neben ihm. Er hinterließ ein Joker-Grinsen, das etwas Diabolisches, Angsteinflößendes an sich hatte. Die Augen der Frau hingegen fixierten die Decke des Schlafraums. Beide Leichen waren aschfahl und wirkten eingefallen. Das Bild war gespenstisch und hinterließ einen surrealen Eindruck – es glich der Darstellung eines Künstlers, der damit etwas sehr Bestimmtes zum Ausdruck bringen wollte. Eine dieser Szenen, wie man sie aus den Körperwelten kannte.
Überall waren bereits Fliegen zu sehen, die sich auf den Leichen, an den Fenstern und allen anderen Flächen niederließen – die ersten Begleiter der Toten auf dem Bett. Nur schwer konnte sie ihren Blick von diesem grotesken Schauplatz lösen. Nun sah sie die beiden Zwillinge an. Der auf dem Bett liegende schien bereits apathisch, weggetreten. Sie beugte sich zu ihm hinunter, um zu prüfen, ob das Kind noch lebte. Erleichtert spürte sie seinen Puls. Sie nahm ihr Hemd und legte es zum Schutz über den kleinen Körper.
Nun bückte sie sich tiefer, um nach dem zweiten Kind auf dem Boden zu sehen. Das Baby war in weitaus besserem Zustand, als sie zunächst vermutet hatte. Fran war irritiert. Die Kinder waren statuarisch gleich, es gab keine Unterschiede – sie hatten das Gleiche durchgemacht. Sie waren in dieses dreckige, nutzlose Leben hineingeboren worden, hier draußen im Nirgendwo. Ohne eine Chance.
Ohne eine Chance?
Fran begriff, dass sie selbst diese Chance für die Zwillinge war. Sie war ihr Schicksal. Sie war der schmale Grat, der den Kindern das Überleben sichern konnte. Fran griff auch diesen kleinen Jungen, hob ihn hoch und packte ihn ebenfalls in ihr großes Flanellhemd. Der Junge schlug die Augen auf. Sie sah in seine azurblauen, kalten Augen – und ein Frösteln durchzog ihren Körper. Der Blick schien sie regelrecht zu durchbohren, wirkte suggestiv. Beinahe hätte sie vor Schreck das Kind fallen lassen. Schnell legte sie es zu seinem Bruder, um sich von dem Kleinen zu lösen. Dabei ermahnte sie sich selbst, sich keinen Hirngespinsten hinzugeben. Sie presste beide Kinder fest gegen ihre Brust, ging zu einem der hinteren Container, der ihr noch halbwegs wohnlich erschien und in dem sie ihre Nahrungsmittelschätze aufbewahrte.
Die Zwillinge, immer noch in ihr Hemd gewickelt, legte sie vorsichtig auf das schmale Bett ihres neuen Domizils im verwahrlosten Wohncontainer. Sie zog ihre „Schatzkiste“ mit einigen noch brauchbaren Lebensmitteln zu sich heran. Eine halbwegs saubere, kleinere Flasche sollte nun als Trinkgefäß herhalten. Aus der Hosentasche zog sie eine Packung Kondome, die sie immer dabeihatte. Sie riss die Packung auf und stülpte ein Gummi über den Flaschenhals. Dabei musste sie unwillkürlich lächeln – es erinnerte sie an all die Schwänze und ihre unbeholfenen Besitzer, denen sie geübt geholfen hatte, die Kondome überzustreifen.
Mit den Zähnen biss sie einen kleinen Teil des Gummis ab, groß genug, um den Zwillingen das Trinken zu ermöglichen. Vor dem Wagen hatte sie bereits eine kleine Feuerstelle entdeckt. Sie legte etwas Kleinholz, das sich überall finden ließ, darauf und entzündete es mit einem Feuerzeug, das sie bei der Nahrungssuche entdeckt hatte. Das Gummi nahm sie nun wieder ab, goss den Joghurt in die Flasche und fügte etwas Wasser hinzu – aus einem Bottich, der wohl zum Sammeln von Regenwasser gedacht war. Sie konnte nicht sagen, wie alt das Wasser war; es war trüb, roch aber nicht faulig. Wenn sie es nur ausreichend erhitzte, würde es wohl genießbar sein, dachte sie. Auch wenn ihre Schulbildung bei Weitem nicht ausreichte, um in diesem Land ein akzeptables Leben zu führen, machte ihre praktische Erfahrung das wieder wett.
Sie hatte früh geahnt, dass allein ihr hübsches Aussehen nicht für alle Zeiten reichen würde. An die Stelle mangelnder Bildung war eine schnelle Auffassungsgabe getreten – und die hatte ihr mehr genutzt als diese beschissene Schule, grübelte sie, während der Milchersatz langsam köchelte.
Als die Flüssigkeit im Inneren blubberte, nahm sie die Flasche von der Feuerstelle, verbrannte sich leicht die Finger und fluchte erneut über ihre Lebensumstände.
„Verdammte Scheiße, warum mache ich das überhaupt? Und was soll das bringen?“, entfuhr es ihr lautstark. Sie ließ einen kurzen, heftigen Wutschrei los. Doch irgendwie fühlte sie sich moralisch verpflichtet, den kleinen Bälgern helfen zu wollen.
Als die Temperatur des Fläschchens trinkbar schien, zog sie erneut das Gummi über den Flaschenhals und nahm den ersten Zwilling auf ihre Knie. Als sie die Flasche ansetzte, saugte der Kleine instinktiv daran und sog die warme Flüssigkeit in sich auf. Sie teilte die Menge gewissenhaft, stoppte bei der Hälfte und nahm nun den zweiten Zwilling auf ihre Knie. Auch er saugte gierig an der Flasche. Dann drehte er das kleine Köpfchen und öffnete die Augen. Er schien dabei Frans Blick aufzufangen – seine blauen Augen wirkten unnachgiebig.
„Was ist das bloß mit dir, du beschissener kleiner Bastard? Was willst du mir sagen? Ich sollte dich lieber hier verrecken lassen.“
Als hätte der Kleine sie verstanden, strampelte er trotzig und traf sie hart an der Brust.
„Du widerspenstige, undankbare kleine Mistkröte!“, schrie sie ihn an und setzte die Flasche abrupt ab.
„So, das wollen wir doch mal sehen, wer hier das Sagen hat.“
Doch schon nach ein paar Sekunden kam sie sich dumm vor, einem Neugeborenen die Stirn bieten zu wollen.
Fran sah den ersten Zwilling an, der zufrieden im Schlaf schmatzte. Ruhig und sanftmütig schien er zu sein. Und dieser hier – mit den undurchdringlichen Augen – trat sie. Woher hatten diese kleinen Missgeburten bloß ihre Kraft, ihren Überlebenswillen? Noch vor weniger als einer Stunde lagen sie fast apathisch da, wären vielleicht in kurzer Zeit gestorben. Und nun, mit ein wenig altem Joghurt und brackigem Wasser, erholten sie sich so schnell?
Was waren das bloß für Kinder, die von zwei abgewrackten Junkies in diese Scheißwelt gesetzt wurden und sich so rasch anpassen konnten?
Da Fran keine große Ahnung von Kindern hatte, verwarf sie die aufkommenden Gedanken. Sie musste sich schließlich auch auf ihr eigenes Überleben konzentrieren.
Fran begann, die wenigen wertvollen Lebensmittel einzuteilen. Sie wog genau ab, was für die Bälger einigermaßen geeignet war und was für sie selbst noch verwertbar blieb. Als sie eine vorsichtige Schätzung vornahm, stellte sie fest, dass der Vorrat höchstens für zwei Tage reichen würde – wenn ihr nicht bald ein besserer Plan einfiel.
In der Ferne hallte ein leichter Donner – ein Vorbote des kommenden Gewitters, schätzte Fran.
Eine zweite Chance
Das Donnern in den Bergen glich vielmehr einem Grollen. Es kam schnell näher und wirbelte viel Staub auf. Fran kam das Geräusch, das noch ein wenig entfernt war, seltsam vertraut vor – bis ihr klar wurde, dass es sich nicht um ein aufziehendes Gewitter handelte, sondern vielmehr um den Motor eines Toyota Hilux. Die 400 Newtonmeter des kleinen Allradtrucks gruben sich beständig ihren Weg die Bergstraße hinunter zu dem verlassenen Trailerpark, der aus einer anderen Zeit zu stammen schien.
Fran kannte den Klang des Motors nur zu gut – zu oft hatten sie ihre Touren mit dem Truck unternommen. Allzu oft hatte das Fahrzeug für ihre Sauftouren bis in die Berge herhalten müssen.
Fran war sich nun sicher: Sie kamen zurück. Um sie zu holen? Heather, die Schlampe, die einmal ihre sogenannte Freundin war und sie hier in der Einöde einfach zurückgelassen hatte? Ebenso wie Joe, Hank und der in ihren Augen geistig zurückgebliebene Cal?
Fran erinnerte sich an ihre Ausflüge zurück und schätzte die Lage neu ein. Fieberhaft suchte sie nach einer Erklärung, warum die vier sie aus diesem verschissenen Loch holen sollten. Vielleicht – so mutmaßte sie – wollten sie ihr gar nicht helfen. Vielleicht hatte Cal sie überredet, sie alle zu töten. Denn Fran kannte diese Gruppe. Sie schreckten nicht vor Gewalt zurück – zumindest nicht, wenn Drogen und Alkohol im Spiel waren, die die Stimmung schnell kippen ließen.
Dann waren sie extrem gefährlich, wie ungezähmte Raubtiere. Wenn alle ihren Pegel erreicht hatten, hätte Fran niemals die Hand für sie ins Feuer gelegt – nicht für einen von ihnen. Nicht einmal für sich selbst.
Die Drogen setzten etwas in ihr frei. Etwas Wildes, nicht mehr Zähmbares. Sie nahmen damals alles, was sie in die Finger bekamen: Crack, Crystal Meth, Opium, Heroin oder einfach nur Shit. Aber die Drogen forderten einen hohen Preis – physisch und psychisch. Heather auf Crack war ohnehin eine tickende Zeitbombe. Bei ihrer Explosion sollte niemand in der Nähe sein. Sie überschritt dann einen Punkt, an dem etwas Unbeschreibliches von ihr Besitz ergriff – etwas, das ein Opfer verlangte.
Fran hörte das Allradgetriebe aufheulen. Der Wagen war nur noch eine Meile vom Trailerpark entfernt. Fran wusste, dass sie schnell handeln musste. Sie rannte zu den hinteren, ausgedienten Modellen, in der Hoffnung, irgendwo dort noch eine alte, aber funktionsfähige Waffe zu finden.
Der Wagen näherte sich den letzten Steilkurven. Nichts. Sie spurtete zu einem weiteren Trailer, stolperte und schlug mit der Stirn gegen einen Schrank. Sie tastete nach der Verletzung und fühlte etwas Feuchtes. Fluchend riss sie Schränke und Schubladen auf. Der Hilux befand sich nun in der letzten Kurve, bevor die lange Gerade ihn ins Trailerdorf führen würde.
Durch ein kleines Fenster sah sie bereits den aufgewirbelten Staub. Sie sprang auf und hastete voller Verzweiflung in den nächsten Container. Wieder sah sie zuerst in die Schränke, bis ihr Blick auf eine Schrotflinte fiel, die über einem alten Sofa hing. Mit beiden Händen griff sie die doppelläufige Flinte.
Der Hilux hielt nur zwei Container weiter entfernt. Fran lief ein Rinnsal Schweiß an den Schläfen entlang, vermischte sich mit dem Blut aus der Wunde. Sie hörte die Zwillinge wimmern. Dann vernahm sie die Stimmen der Gruppe. Die vier Personen sprangen grölend aus dem Truck.
„Frähännn“, rief Cal, der Vollidiot. „Wir sind zurühück!“ Dabei dehnte er die Silben unangenehm lang. Fran erinnerte sich an ein Versteckspiel in einem Horrorfilm, bei dem ein ähnlicher Singsang den Slasher ankündigte.
Sie zog vorsichtig eine der Schubladen auf – eines dieser kleinen Fächer, in denen gut Munition versteckt sein konnte. Erleichtert entdeckte sie eine Schachtel mit wenigen Patronen. Sie betete, dass alles noch funktionierte.
Draußen hörte sie Heathers Stimme. Daran erkannte sie, wie zugedröhnt sie sein musste.
„Los, sucht sie und holt die Brut endlich aus dem Rushmore. Dann können wir Mutti und ihre Kinder zusammenbringen – für immer.“
Fran bog sich leicht zur Seite, um Sicht auf die Gruppe zu bekommen. Nur wenige Meter entfernt sah sie die Waffe in Heathers Hand: die Glock, die sie nach einem ihrer Hinterhofabenteuer einem liebeshungrigen Cop abgenommen hatte. Cal hatte ihm damals mit einem Baseballschläger einen heftigen Schlag verpasst, als der Cop mit heruntergelassenen Hosen in einer Seitengasse mit Heather beschäftigt war.
Heather hatte dem Cop die Glock 17 und die Ersatzmagazine aus dem Halfter genommen, während Cal sein Idiotengrinsen aufgesetzt hatte. Fran wusste, wie durchtrieben und manipulativ Heather sein konnte. Sie war ein Miststück. Und Cal hätte alles für sie getan. Auch töten.
Und Joe? Ein nichtssagender Mitläufer. Farblos.
Bleibt Hank. Sie kannte ihn nicht gut, aber er schien als Einziger so etwas wie ein Gewissen zu besitzen.
Vorsichtig entriegelte Fran den Doppellauf, knickte ihn nach unten und sah, dass noch zwei Patronen in den Kammern steckten.
„Da hatte wohl jemand vorgesorgt“, dachte sie, ging mit der Schrotflinte vorsichtig zur Tür hinaus – ein schwerwiegender Fehler. Ein harter Schlag mit dem Baseballschläger traf sie an der Hand. Die Flinte entglitt ihr, Fran schrie vor Schmerz.
„Heather, ich hab sie! Kommt alle her!“, rief Cal mit erhobenem Schläger wie eine Trophäe.
Fran sah die Glock 17 in Heathers Hand. Hinter ihr Joe – mit der Decke, in die unverkennbar die Zwillinge gewickelt waren. Ihre Hand schmerzte, vielleicht war sie gebrochen. Die Flinte lag fast greifbar vor ihr, Cal hatte nur Augen für die heranstampfende Heather. In seinem Blick lag der Wunsch, von Fran für seine Tat gelobt zu werden. Er war wie ein Köter, der seinen Knochen ausgegraben hatte.
Und genau diesen Moment der Unaufmerksamkeit nutzte Fran. Trotz Schmerzen griff sie mit der gesunden Hand nach der Flinte und betätigte den Abzug. Ein ohrenbetäubender Schuss hallte durch das Tal. Alle erstarrten. Niemand wusste, was geschehen war.
Heather hob die Glock, wankte, zielte auf Fran – und fiel rücklings zu Boden.
Das Adrenalin rauschte durch Frans Körper. Sie wusste: Der Schuss hatte Heather getroffen. Cal brüllte auf wie ein verletztes Tier. Er hob den Baseballschläger – er wollte Fran töten.
Doch Fran hatte die Flinte längst neu geladen, sie stützte sie auf ihre Knie, brachte sie in Position – und drückte ab. Der Schuss traf Cal in die Brust, schleuderte ihn zurück.
Während er blutend auf dem Boden lag, öffnete Fran den Lauf, griff in die Tasche, lud nach.
Noch bevor Joe einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte sich Fran aufgestützt, war wieder auf den Beinen, richtete die Waffe nun auf ihn und Hank.
„Gib die Kinder ganz vorsichtig Hank. Eine Dummheit, Joe, und die nächste Ladung ist für dich.“
Hank stand erstarrt da. Er konnte seinen Blick nicht von den toten Heather und Cal abwenden.
„Hank“, rief Fran, „nimm die Bälger und geh zum Truck. Joe – ab in den Rushmore. Verriegle die Tür.“
„Aber Fran, ich… ich…“
„Halt einfach die Schnauze, Joe. Dir würde ich sowieso nicht trauen. Du mir ebenso wenig. Also beweg deinen Arsch. Du findest ein paar abgelaufene Lebensmittel. Damit hast du exakt die gleiche Chance, die ihr mir gegeben habt. Fair, oder nicht? Viel Spaß, Joe, im Tal der Vergessenen. Oder soll ich sagen: im Tal der Toten?“
„Hank, sieh zu, dass du die kleinen Scheißer in den Truck bringst. Du fährst.“
Hank nahm die Decke mit den Kindern, legte sie vorsichtig in den Fußraum der hinteren Sitzreihe. Dann setzte er sich ans Steuer, ließ den Motor an. Fran musste ihm vertrauen – ob sie wollte oder nicht. Sie hatte keine Wahl mehr.
Als sie über Heather stieg, nahm sie ihr die Glock 17 ab, steckte sie in den Hosenbund und ging zum Wagen. Ein letzter Blick zurück auf die Toten. Ihr wurde klar, was sie angerichtet hatte.
Joe würde die Cops informieren. Kurz überlegte sie, ihn zu töten – dann verwarf sie den Gedanken. Was würde sie mit Hank tun? Er war ebenfalls Zeuge. Ein weiterer Mord?
Doch die zwei Toten waren Notwehr – oder nicht?
Sie versuchte sich zu beruhigen. Langsam ließ das Adrenalin nach. Ihre rechte Hand pochte höllisch. Sie legte die Flinte auf den Rücksitz, behielt die Glock in der linken Hand, nahm auf dem Beifahrersitz Platz.
Der Allrad-Truck setzte sich langsam in Bewegung und entfernte sich mit demselben grollenden Lärm, mit dem er gekommen war. Nur eine Meile später verschluckte ihn der aufwirbelnde Staub der Straße – und eine unwirkliche Stille trat ein.
Aufgespürt
Der Angeles National Forest ist ein Gebiet, das 2.700 km² groß ist. Im Nordwesten lag das Granite-Mountain-Revier, weiter nördlich der Pacifico und der Bare Mountain.
Chief Park Ranger Wesley Millans Aufgabe war es, das Gebiet im Auge zu behalten und Vorkommnisse gemäß den Richtlinien zu melden. Die Fahrt über die Pässe der Second Division bis ins Gebirge war wie immer recht beschwerlich. Wie an jedem Tag fuhr er die geplanten Strecken gemeinsam mit seinem langjährigen Kollegen Miguel Fernandez. Miguel und er waren nicht nur Kollegen, sondern hatten über die Jahre hinweg eine echte Freundschaft entwickelt. Sie hatten bereits einige heikle Einsätze hinter sich – denn die Gegend in den Bergen war unberechenbar. Die Winter dort waren rau, im Gegensatz zum gemäßigten Klima in Los Angeles. Die unbefestigten Straßen forderten höchste Aufmerksamkeit.
Beide arbeiteten für das LAPD, das Los Angeles Police Department. Ihre Aufgabe umfasste alle Vorkommnisse wie Gewalt, Unruhen, illegale Sportaktivitäten und Beobachtungen in den Bereichen rund um Los Angeles. Sie wohnten beide in West Covina, besaßen dort ihre Häuser und waren auch an diesem Morgen mit dem Fahrzeug des Departments unterwegs – einem älteren Chevrolet Tahoe – auf der Interstate 210.
Wie es das Protokoll verlangte, hatte Miguel den Funk sofort zu Beginn der Fahrt eingeschaltet. Später würden sie den Brookside Golf & Country Club passieren und an der Kreuzung „La Cañada Flintridge“ auf den Highway 2 einbiegen, der über den Dark Canyon führen sollte. Nach einigen Meilen würde die Fahrt über die N3 weitergehen, über Hidden Springs – eine der besser befahrbaren Straßen, die als Angeles Forest Highway mitten durchs Gebirge führte.
Die Straßen, nicht immer im besten Zustand, forderten den Tahoe stark heraus, besonders auf den Passstraßen. Doch weder der alte V8 mit seinem mächtigen 5,3-Liter-Motor noch die Stoßdämpfer oder das Allradgetriebe hatten je versagt – der Wagen war in tadellosem Zustand. Aus dem Radio tönte leise Unterhaltungsmusik vom Sender KXLU 88.9 FM.
Die Männer kannten sich gefühlt seit Ewigkeiten, doch ein Thema ließ sie nicht los – wie fast alle Amerikaner: Baseball. Miguel war glühender Lakers-Fan, während Wesleys Herz für die Dodgers schlug. Hitzige Diskussionen über Sport gehörten bei ihnen zum Alltag, vor allem während solcher Fahrten.
„Tolles Match gestern – die Lakers haben die Denver Nuggets mit 105 zu 96 geschlagen. Davis und James haben das Ding wieder gut geschaukelt. Fast alle Punkte im Alleingang gemacht. Da haben sich die Transfers doch gelohnt, was, Wes?“
„Hör doch auf, Miguel. Nur weil die Lakers mal einen guten Lauf haben, heißt das noch lange nicht, dass sie die ganze Saison durchhalten.“
„Na klar – wie die Dodgers, die rutschen ab und fallen ganz nach hinten. Waren das nicht deine Favoriten, Wes?“
„Miguel, Sarkasmus steht dir nicht. Aber ja – die Dodgers würden deinen Lakers gehörig den Allerwertesten aufreißen, wenn sie aufeinandertreffen würden.“
„Hahaha, Wes – warte mal, ich muss kurz anhalten, ich hab mich vor Lachen eingenässt! Du bist ein besserer Komiker als Ranger. Hast du schon mal über einen Berufswechsel nachgedacht?“
„Um ehrlich zu sein – erst seit ich dir zugeteilt wurde.“
Wes drehte den Kopf zu seinem Beifahrer. Miguel sah ihm in die Augen, erkannte das verräterische Zucken in seinem Gesicht – dann prusteten beide los.
„Du musst gleich auf die Tujunga Road, Wes. Da hinten ist schon die Abfahrt.“
„Aber mal ehrlich“, nahm Wes den Faden wieder auf, „ich habe das Gefühl, dass die Dodgers diese Saison das Rennen machen. Die sind in Topform.“
Miguel zog demonstrativ ein Taschentuch, wischte sich theatralisch die Tränen aus den Augen und griff zum Funkgerät.
„Wes, ich werde mal Smith, unseren Chef, kontaktieren. Vielleicht kennt er ein paar gute Comedy-Clubs. Du gehörst auf die Bühne!“
„Jaja, Miguel. Du wirst schon sehen, wohin dich deine Lakers führen…“
Der Allrad-Tahoe nahm den Anstieg problemlos – nur der Spritverbrauch jenseits der 18 Liter zeigte, wie anspruchsvoll die Fahrt war. Rechts von ihnen verlief tief im Canyon der Mill Creek, ein kleiner Fluss, der östlich in den Big Tujunga mündete.
Sie befanden sich auf einer schmalen Rechtskurve gegenüber der Canyon Road, als ein lauter Schuss in den Bergen widerhallte. Wes hatte das Fenster leicht geöffnet und wandte sich an Miguel.
„Mig, hast du das auch gehört? War das nicht ein Schuss?“
Beide kannten sich mit Waffen aus. Ihre Laufbahn bei der Polizei hatte ihnen nicht nur Waffenkunde beigebracht, sondern auch das Verhalten in kritischen Situationen. Sie hatten stets Lösungen gefunden, die keine Opfer forderten – auch das war Teil ihrer Ausbildung gewesen. Doch Theorie und Praxis klafften oft weit auseinander.
„Halt mal an, Wes – dort drüben ist eine kleine Bucht.“
Miguel zeigte auf eine unmarkierte Haltebucht. Gerade als sie den Wagen parkten, fiel ein weiterer Schuss. Beide stiegen aus. Miguel griff zum Fernglas, Wesley zur Schrotflinte aus der Wagenhalterung. Er reichte Miguel eine kugelsichere Weste.
„Zieh die an. Siehst du etwas?“
„Nur die Wohnparkanlage dort unten. Aber nichts Auffälliges. Wir müssten näher ran.“
„Okay. In einer Meile kommt eine Abzweigung zur alten Traileranlage. Die Schüsse könnten von dort gekommen sein.“
Wortlos stiegen sie ein und fuhren weiter. Miguel schätzte an Wes, dass er nie übereilt handelte und sich immer um seinen Partner sorgte.
Auf halber Strecke kam ihnen ein schwarzer Toyota Hilux entgegen – ebenfalls mit einer riesigen Staubwolke. Miguel griff reflexartig zur Waffe.
„Ruhig, Mig. Wir greifen nicht ein. Vielleicht haben nur ein paar Kids herumgeballert. Merk dir einfach das Nummernschild.“
Wes zog den Wagen auf die Gegenspur, zwang den Hilux, langsamer zu fahren. Miguel erfasste das Nummernschild: 5DFZ963 – oder vielleicht 5DFZ968?
„Ich bin mir nicht sicher, Wes – das Letzte könnte eine 3 oder 8 gewesen sein.“
„Gib beide an die Zentrale. Vielleicht gehört der Wagen jemandem – oder ist gemeldet.“
Die Antwort kam schnell: Der Hilux war auf Miles Dakowski registriert – als gestohlen gemeldet.
Sie fuhren weiter, näherten sich dem verlassenen Hidden Spring Trailer Park. Langsam öffneten sie die Türen, wie sie es unzählige Male zuvor getan hatten. Mit einem Blick verständigten sie sich – Zeit zum Handeln.
Verfallene Trailer, verlassene Spielplätze, ein rostender Airstream – Relikte aus besseren Tagen. Miguel ging mit gezogener Waffe voran, Wesley mit dem Gewehr. Sie wollten keinen Schusswechsel riskieren.
„Mig, kein Risiko. Beim kleinsten Anzeichen von Gefahr holen wir Verstärkung!“
In einer Gabelung sahen sie zwei am Boden liegende Personen.
„Wes, da vorne.“
„Halte die Fenster im Blick. Ich will nicht im Leichensack enden – und du auch nicht.“
Sie näherten sich.
„Junge Frau, keine 30, kein Puls, noch warm – Schrotladung“, sagte Wesley.
„Der hier auch. Nah dran gewesen. Die Wunde ist riesig“, ergänzte Miguel.
„Also kein Jugendstreich. Das ist Mord.“
„Ruf den Leichenbestatter – und gib eine Fahndung raus.“
Einige Meter weiter beobachtete Joe die Ranger durch die zerfetzten Jalousien. Leise zog er sich zurück. Er hatte seine Entscheidung getroffen: Er musste verschwinden. So schnell wie möglich. Bevor man ihn für ein Verbrechen zur Rechenschaft zog, das er nicht begangen hatte.
Der Beginn eines langen Weges
Fran hielt Hank die ganze Zeit über mit der Glock 17 im Anschlag unter Kontrolle. Die Waffe lag schwer in ihrer rechten Hand. Ihre Rechte schmerzte noch immer, schien aber nicht gebrochen zu sein. Teilnahmslos starrte sie durch die verdreckte Frontscheibe des Hilux. Sie sah den Himmel, die dahinziehenden Wolken, das Aufklaren eines Tages, das so verheißungsvoll war, dass es ihr weh tat. Denn dort unten hatte sie ihre Geschichte neu geschrieben. Dort unten war sie zur Mörderin geworden. Hatte zwei Menschen getötet – Heather, das Miststück, und Cal, den ewig grinsenden Vollidioten.
Sie dachte zurück an die Zeit, als sie in die Verbindung dieser Gruppe eintrat. An die Highschool am Olympic Boulevard, wo sie Heather zum ersten Mal begegnete. Heather, die immer genau wusste, was sie wollte, und bereit war, alle Mittel einzusetzen, um es zu bekommen. Die schon früh mit Drogen in Kontakt gekommen war. Heather, die sie anfangs keines Blickes würdigte – in ihren Augen war Fran ein Nichts.
Fran erinnerte sich, wie sie versucht hatte, Heather zu kopieren – ein Stück dieser Unnahbarkeit zu übernehmen, dieser Kälte. Heather hatte sie zum ersten Mal wahrgenommen, als Fran aus Frust nicht nur ein paar Stühle aus dem Fenster warf, sondern auch einen Lehrer attackierte. Danach kam es irgendwann zu einer direkten Konfrontation. Zwei Rivalinnen, die sich wie läufige Hündinnen beschnupperten.
Heather war bissig – scharf und tödlich wie eine Schlange. Sie ließ nichts unversucht, um Fran zu demütigen. Solange, bis Fran ihr eines Tages einfach ins Gesicht schlug. Eine Situation, die Heather möglicherweise bewusst provoziert hatte – ein Test. Ein Mittel zur Rekrutierung ihrer „Soldaten“.
Die Schlägerei war hässlich und endete erst, als Jason, der muskulöse, ehemalige Footballspieler und Hausmeister der Schule, eingriff. Mit eiserner Miene und ohne ein Wort beendete er das Spektakel. Heather, die wusste, dass sie gegen den „Berg“ keine Chance hatte, zog sich zurück.
Später umgarnte Heather Fran in einer Bar, nahm sie in ihr „Team“ auf. So lernte Fran Joe, Cal und auch Hank kennen. Sie starteten gemeinsam kleinere Raubzüge, die Heather als „Kreuzzüge“ bezeichnete. Heather war durchtrieben, skrupellos, und Cal – den sie wohl einmal rangelassen hatte – wurde zu ihrem gefügigen Helfer. Er tat alles, was sie sagte. Wie ein abgerichteter Hund.
Während Fran diesen Gedanken nachhing, war Hank anzusehen, wie sehr ihn die Anspannung zermürbte. Er schien sich auszumalen, ob Fran ihn nicht doch noch irgendwo in den Bergen beseitigen würde. Schweigend erklomm der Hilux den Pass, bis Hank die Stille durchbrach:
„Fran, du musst mir sagen, wohin es gehen soll. Wie soll das alles enden?“
Fran schwieg, nachdenklich. Sie wusste, dass man ihnen nun auf den Fersen war. Den Wagen musste sie bald loswerden. Ihr Blick verlor sich in der Ferne. Hank erkannte eine Gelegenheit. Er könnte sich die Waffe schnappen, Fran überwältigen. Aber was dann? Wohin sollte er – mit oder ohne die Zwillinge?
„Fahr zum Huntington Hospital am Colorado Boulevard. Halte dich an die Geschwindigkeit. Wir geben die Brut dort ab – wenn sie noch leben. Danach kannst du hingehen, wohin du willst. Ich bin dann auch weg.“
Sie dachte an Joe. Vielleicht würde er es schaffen, zu Fuß zurück in die Zivilisation zu kommen – per Anhalter, mit etwas Glück. Vielleicht würde er zur Polizei gehen, das Verbrechen melden. Aber Fran zweifelte an Joes Fähigkeit, eine glaubwürdige Geschichte zu erzählen. Dasselbe galt für Hank.
Zuerst musste sie die Schrotflinte loswerden. Sie war registriert, ihre Fingerabdrücke waren drauf. Auch auf der Glock – aber um die würde sie sich später kümmern.
„Halt an, Hank!“, forderte sie schroff.
Hank sah sie unschlüssig an. Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben.
„Ich sagte: Halt sofort die beschissene Karre an!“, wiederholte sie und richtete die Glock auf seinen Bauch.
Hank trat abrupt auf die Bremse. Der Gurt schnitt Fran ins Fleisch.
„Zieh die Schlüssel ab – und gib sie mir!“
Hank gehorchte. Fran stieg aus, ging ein paar Meter ins Gelände, und Hank beobachtete sie. Jetzt wäre seine Chance zur Flucht – aber wohin? Es waren zu viele Meilen zurück, und Fran war unberechenbar. Er sah, wie sie die Schrotflinte einen steilen Abhang hinunterwarf. Ein leises Geräusch verriet, dass sie aufschlug. Dann kehrte Fran zurück, die Glock nun im Gürtel. Bevor sie einstieg, zog sie die Waffe wieder hervor und legte sie sich in den Schoß.
„Willst du hier Wurzeln schlagen – oder endlich losfahren?“
Der Wagen setzte sich erneut in Bewegung. Kurz bevor sie das Gebirge verließen, forderte Fran Hank auf, erneut irgendwo abseits zu halten. Die Zwillinge lagen apathisch im hinteren Fußraum. Ihr Atem war kaum noch zu hören. Wenn sie das Krankenhaus nicht bald erreichten, würde es für die Kleinen zu spät sein.
Fran dachte an ihre Familie – an ihren Vater, der nie zu Hause war, an ihre Mutter, die ihre Liebhaber mitbrachte und ihnen den „Onkel“ vorspielen ließ. Als hätte Fran nicht früh gecheckt, was da lief. Nach der Trennung griff die Mutter zur Flasche. Fran musste oft Prügel einstecken. Der Vater meldete sich nicht mehr, seit er eine neue Familie mit einer Anwältin gegründet hatte – zwei halbwüchsige Kinder inklusive. Eine Familie, in die sie nie passte.
Er schickte Geld, das ihre Mutter versoff – nur wenig kam bei Fran an. Es sei denn, sie bediente sich heimlich an der Börse.
Fran schreckte aus dem Halbschlaf, als sie draußen ein Geräusch vernahm. Als sie zur Glock greifen wollte, stellte sie fest, dass Hank sie in der Hand hielt und sie von draußen bedrohte.
Der Abstand zur Beifahrertür war gering – zu gering, wie Hank feststellen musste, als Fran sie mit voller Wucht gegen ihn stieß. Er verlor das Gleichgewicht, die Glock fiel zu Boden. Schnell griff Fran mit der gesunden Hand zur Waffe. Hank, benommen, konnte nicht mehr reagieren. Sie trat ihm wütend zwischen die Beine – er stöhnte auf und erbrach sich. Dann ließ sie die Glock auf seinen Kopf niedersausen – der Griff traf ihn hart. Hank verlor das Bewusstsein.
Fran stieg seelenruhig in den Hilux, startete den Motor und fuhr Richtung Colorado Boulevard. Sie hielt die Straße und den Eingang des Krankenhauses lange im Auge. Niemand durfte sie sehen – die Zeit drängte, man würde bald nach dem Hilux fahnden.
Sie wickelte sich gemeinsam mit den Zwillingen in eine Decke, um ihr Gesicht zu verbergen. Dann trug sie die Kinder zielstrebig zum Eingang. Die Babyklappe war von Weitem zu sehen. Sie legte beide hinein, drückte den Knopf und rannte zurück.
Nervös blickte sie sich um, sah Passanten. Sie rannte zum Hilux, ließ den Motor aufheulen, fuhr mit quietschenden Reifen davon. Sie wusste genau, wo sie den Hilux loswerden konnte – ein wenig Geld würde auch noch dabei herausspringen.
Am Eingang des Krankenhauses ging ein Licht an. Eine Schwester trat aus dem Halbdunkel und entdeckte die Zwillinge. Als sie deren Zustand erkannte, drückte sie sofort den internen Notrufknopf. Mit den Babys auf dem Arm eilte sie der Bereitschaftsärztin entgegen.
Die Kinder gaben nur noch schwache Lebenszeichen von sich.
Ob sie die Nacht überleben würden, war ungewiss.
Die Pflegefamilie
Schnell fanden die Schwestern Namen für ihre neuen Schützlinge. Die kleinen Schilder an ihren Fußgelenken zeigten, dass es sich um Michael und seinen Bruder Nathan handelte. Beide erholten sich ungewöhnlich schnell. Die Klinik hatte alles in ihrer Macht Stehende getan, um den Kindern das Überleben zu ermöglichen – und es gelang ihr. Schon bald war klar: Sie würden es schaffen. Der Überlebenswille der Zwillinge überraschte selbst die erfahrensten Ärzte.
Judith Myre, die leitende Stationsärztin, hatte sich alle Mühe gegeben, die beiden wieder aufzupäppeln. An diesem Morgen fand wie üblich die Zimmervisite statt, die sie mit den Assistenzärzten abhielt. Sie forderte einen der jungen Anwärter auf, den Zustand der Patienten zu schildern – ein Standardtest, um ihre Merkfähigkeit und Auffassungsgabe zu prüfen.
„Joseph“, wandte sie sich an den dunkelhaarigen Assistenzarzt, „was finden wir hier vor?“
„Äh, also ...“, begann er nervös, während seine Hand durch das zerzauste Haar fuhr – ein deutliches Zeichen dafür, dass er wohl in letzter Minute im Hospital erschienen war.
„Haben Sie außer Ihrem Herumgestammele noch etwas beizutragen, Joseph?“ Die Ärztin klang streng. Die anderen Assistenzärzte kicherten verhalten.
„Ja, natürlich. Hier liegen die Zwillingsbrüder, die von den Schwestern Michael und Nathan genannt wurden. Die Babys wurden gestern abgegeben. Einige kleinere Hämatome, jedoch keine äußeren Anzeichen von Gewalt. Kein Hinweis auf Obstipation. Die Kinder waren stark dehydriert und unterernährt.“
„Ist das alles, Dr. Hayworth? Oder haben Sie noch weitere relevante Informationen zur Anamnese der Zwillinge?“
Joseph spürte die unangenehme Aufmerksamkeit und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Miss Martinez, können Sie Ihrem Kollegen weiterhelfen und die Anamnese vervollständigen?“
Doris Martinez trat souverän vor. „Keine Frakturen, kein stumpfes Trauma, keine Pneumonie. Atemwege frei. CT ohne Befund. Zur Vorsicht wurde eine 1%ige Kochsalzlösung und ein Antibiotikum verabreicht. Eine Impfung gegen Diphtherie, Mumps und Masern ist für nächste Woche angesetzt.“
„Haben Sie gehört, Joseph? Das ist eine vollständige Anamnese“, kommentierte Judith kühl.
Dann wandte sie sich an die ganze Gruppe. „Ich bitte Sie nicht, ich fordere Sie auf: Lernen Sie, Patientendaten exakt und schnell zu erfassen. Was wir hier in Ruhe üben, wird in der Notaufnahme unter Zeitdruck von Ihnen erwartet werden. Sie müssen wissen, wen Sie vor sich haben, was verabreicht wird, was bereits unternommen wurde. Willkommen in der Welt der Ärzte – willkommen in der Welt des Schlafentzugs und der schlechten Bezahlung.“
Judith kontrollierte kurz den Tropf, warf der Gruppe einen schulmäßig strengen Blick zu und ging weiter. Dabei zog sie Doris beiseite.
„Miss Martinez, Sie sind fähig. Setzen Sie sich bitte mit dem Jugendamt in Verbindung. Die Zwillinge müssen Ende nächster Woche übergeben werden.“
Doris nickte. „Ich hoffe, sie kommen in gute Hände. Körperlich sind sie stabil – aber was sie erlebt haben, lässt sich schwer abschätzen.“
Ohne weiter auf Doris einzugehen, verschwand Judith im Stationszimmer.
Doris wusste, was nun folgte: Die Suche nach einer liebevollen Pflegefamilie. Das Krankenhaus stand in direktem Kontakt mit dem Jugendamt an der Ecke 4th East und South Breed.
„Spreche ich mit dem Jugendamt?“
„LA Jugendamt. Eva Hayworth am Apparat“, meldete sich eine rau klingende Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Doris Martinez, Assistenzärztin im Afarat Hospital. Wir haben zwei Säuglinge zur Vermittlung, Entlassung ist für Ende nächster Woche vorgesehen.“
Die Stimme forderte routiniert die Daten der Kinder an – emotionslos, fast wie eine Computerstimme.
„Seien Sie unbekümmert, Miss Mortimer ...“
