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Der Roman spielt in Berlin, einen Sommer lang. Über 500 Angestellten eines Berliner Kaufhauses sind zu immer neuen Zugeständnissen bereit, um das Kaufhaus zu erhalten. Eine heile Welt gerät ins Trudeln, als die "Wirtschaftskrise" ihren Schatten auf sie wirft. Zwei Frauen, beide etwa Mitte 40, erleben, jede auf ihre Weise, wie die Ereignisse sich auf ihr Leben auswirken. Kati ist verheiratet, zwei Kinder. Der Ehemann verliert nach einem Arbeitsunfall seinen Arbeitsplatz. Katis Nerven liegen blank. Die Schreckensmeldungen hatten sich in den vergangenen Monaten gehäuft. Der Sohn war in schlechte Gesellschaft geraten und nun musste sie auch noch um seine Gesundheit bangen. Ihr Arbeitsplatz im Kaufhaus, in dem sie als Verkäuferin arbeitet und sich als Betriebsrätin engagiert, ist in Gefahr. Die Doppelhaushälfte ist noch nicht ganz abbezahlt und das Auto auch nicht. Sie schafft sich eine private Heilewelt-Oase. Die freie Journalistin Christina, lebt allein hat aber einen festen Freund (Thomas). In der Beziehung kriselt es. Die Journalistin erfährt am eigenen Leibe was es heißt, hin und wieder auf "Staatsknete" angewiesen zu sein, weil die Honorare zu mager und die Aufträge zu unregelmäßig sind. Der Auftrag für eine Reportage führt sie in das Kaufhaus, in dem Kati arbeitet. Christina lernt dort den Betriebsratsvorsitzenden Alfons Ritter kennen und schätzen. In ihren politischen Ansichten sind sie sich einig, und beide lieben die Kunst. Christinas Gefühlsleben gerät durcheinander, als sie sich in ihn verliebt. Wird sie, die Entscheidungsneurotikerin, wie sie sich selbst nennt, für einen der beiden Männer entscheiden? Kann das Kaufhaus gerettet werden?
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Seitenzahl: 233
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Lena Simon
In diesen Tagen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
In diesen Tagen
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
XXI
XXII
XXIII
Impressum neobooks
Roman
von Lena Simon
Personen:
Christina Stratmann: Journalistin
Thomas: Christinas Freund
Alfons Ritter: Betriebsratsvorsitzender
Kati Welldorf: Verkäuferin, Betriebsrätin
Dirk Welldorf: Katis Ehemann
Jasmin: Katis und Dirks Tochter
Kevin: Katis und Dirks Sohn
Sie kann sich nicht entscheiden. In diesem Punkt muss Christina ihm Recht geben. Einmal mehr hatte Thomas gestern Abend davon gesprochen, eine gemeinsame Wohnung zu nehmen. Und einmal mehr war sie ihm eine eindeutige Antwort schuldig geblieben. Er war aufgestanden und ohne einen Abschiedsgruß gegangen. Seine Reaktion hatte sie traurig gestimmt und wütend auf sich selbst. Aber da ist dieses diffuse Gefühl von Panik.
Mitten in ihre trüben Gedanken hinein klingelt das Telefon.
„Guten Mooorgen! Liebe Christina, hast du gerade Zeit?“
So freundlich, da steckt doch was dahinter.
„Ich habe einen tollen Auftrag für dich. Es ist genau Dein Thema.“
„Die Redaktion am frühen Morgen! Wer auch sonst? Dann rück mal raus damit.“
„Wir müssen etwas bringen über das Weber-Kaufhaus, du weißt schon, es gibt Gerüchte über Zahlungsschwierigkeiten und Entlassungen. Ich habe einen Termin für dich ausgemacht. Für elf Uhr? Ist das in Ordnung?“
„Ja, ja. Mach ich.“
So richtig Lust auf diese Arbeit hat sie heute nicht, den Tag mit Hektik zu beginnen, ist nicht ihr Ding. Das Wetter lädt auch nicht dazu ein, aus dem Haus zu gehen. Andererseits ist sie froh, wenn sie außer der Reihe Aufträge bekommt. Und auf dem Konto zählt ohnehin jedes noch so kleine Honorar. Für die schreibende Zunft sind sie mickrig genug. Da muss sie sich schon mächtig sputen, um über die Runden zu kommen. Und wer weiß, manchmal entpuppt sich ein Auftrag, der zunächst völlig langweilig scheint, als absolut lohnend.
Sie spült noch ihre Teetasse ab, im Bad zieht sie die Lippen nach, geht mit der Bürste über ihr Haar. Auf dem Weg zum Schreibtisch im Wohnzimmer stolpert sie in der Eile über die Teppichkante, „Scheißding, das kommt demnächst weg“, kann gerade noch das Gleichgewicht halten. Sie überprüft den Akku im Fotoapparat, packt ihre Tasche und macht sich auf den Weg zur U-Bahn.
Bereits eine halbe Stunde später steht sie vor der Schaufensterfront des Kaufhauses Weber. „Heute Autogrammstunde mit Mark Medlock“, ist quer über ein überlebensgroßes Foto des Künstlers im Fenster geklebt. Darunter etwas kleiner: „Jede gekaufte CD wird signiert“.
Das Kaufhaus ist bekannt für seine publikumswirksamen Aktionen, die Käuferscharen magisch anziehen. Sie erinnert sich, dass es im vergangenen Monat eine Modenschau in der Abteilung für Damenoberbekleidung war, moderiert von einer aus der abendlichen TV-Regionalsendung bekannten Ansagerin. Mal ist es eine Kochshow in der Feinkostabteilung mit einem, der inzwischen so berühmten, Fernsehköche und mal eine Spielaktion in der Spielwarenabteilung, bei der es vom Fahrrad bis zu Buntstiften allerlei zu gewinnen gibt.
Die Veranstaltungen sind inzwischen so gefragt, dass sie in den Umsonstblättern des Bezirks beworben werden. Christina hatte vor einigen Wochen selbst an einer Autorenlesung in ihrer Lieblingsbuchhandlung teilgenommen. Sie ist überzeugt, dass diese Veranstaltungen nicht zuletzt auch deshalb so attraktiv sind, weil sie keinen Eintritt kosten. Und die Rechnung der Veranstalter scheint aufzugehen. Anschließend sind die Verkaufsstände immer von drängelnden Menschenmassen umlagert.
An der Kasse zwei in der Elektronikabteilung schlängelt sich Christina an einer schier endlosen Schlange von Käufern vorbei. Eine Verkäuferin verpackt fast ohne hinzusehen eine CD mit dem Konterfei des Künstlers und fragt ihre Kollegin, die neben ihr an der Kasse bedient: „Kommst du heute Abend zur Betriebsversammlung?“
„Nee, ich kann nicht, mein Mann hat Nachtschicht. Ich muss bei dem Kleinen bleiben. Außerdem was soll ich da noch? Die gehen ja sowieso nicht auf unsere Wünsche ein. Macht eins-fünfzig. Morgen komme ich übrigens später, muss zum Jobcenter.“
„Entschuldigung,“ fragt Christina die Verkäuferin, die die CDs verpackt, „sagen Sie mir bitte wie ich in das Büro des Geschäftsführers komme?“
„Eine Etage höher praktisch genau hier über uns.“
„Danke.“
Christina weicht einer schwer bepackten Kundin so eben noch aus. Neben ihr zieht eine junge Frau ein quengelndes Kind hinter sich her. Ein Mann, so um die fünfzig, steht gelangweilt schauend neben dem Ständer mit Winterjacken.
„Guck mal, wie findest du die?“ fragt ihn eine blond gefärbte Kurzhaarige und dreht sich hin und her vor dem Standspiegel.
„Is gut.“
Christina muss grinsen. Klingt ja nicht sehr begeistert. Die Rolltreppe hinauf. Christina folgt einem Hinweisschild mit der Aufschrift Verwaltung.
Hinter der Tür ein schmaler Flur, weiß gestrichen, schmucklos, fensterlos mit weiteren Türen rechts und links, welche ist die richtige? Ah hier - Geschäftsführung Herr Schmieding in der Zeile darunter Frau Feldkamp. Nach kurzem Klopfen ein leises: „Ja bitte herein.“ Eine Frau vielleicht Mitte dreißig, dunkles Haar mit blonder Tolle, dunkelblaues Kostüm, weiße Bluse, nach neuester Mode lackierte Fingernägel.
„Guten Morgen, mein Name ist Christina Stratmann ich komme von der Ost-West Abendpost, meine Redaktion hat einen Termin ausgemacht mit Herrn Schmieding.“
„Einen Moment, ich sage Bescheid.“
Frau Feldkamp, sie wirkt überraschend klein als sie aufgestanden ist, klopft an eine Tür zu ihrer Linken.
„Herr Schmieding, die Presse.“
Sie lächelt über ihre Schulter zurück und winkt Christina, näher zu treten. Ein großer, kräftiger Mann, ordentlich gescheiteltes blondes, leicht schütteres Haar, Christina schätzt ihn auf Ende dreißig, hellgrauer Maßanzug, erhebt sich hinter seinem riesigen modernen Schreibtisch und kommt auf sie zu. Kurzes Begrüßungsritual und gegenseitige Vorstellung.
„Bitte nehmen Sie doch Platz Frau Stratmann“, Schmieding führt Christina zu einer eleganten Sitzgruppe aus edlem mausgrauen Leder. Ein modernes, offensichtlich originales Gemälde hängt an der Wand hinter ihr, das hatte Christina gerade noch wahrgenommen bevor sie sich setzte. Der Blick aus dem Fenster zu ihrer rechten Seite führt auf eine begrünte Dachterrasse. Vermutlich war die Verkäuferin, die nicht zur Betriebsversammlung kommen kann, weil niemand sonst auf ihr Kind aufpasst, noch nie hier oben, um vom stundenlangen Stehen die müden Beine auf der Terrasse auszuruhen.
„Tja, Frau Stratmann, ihre Redaktion hatte angedeutet, dass Sie über die derzeitig schwierige Lage in unserem Hause berichten wollen.“
„Ja richtig, es geistern Gerüchte durch die Stadt, dass ihr Haus Zahlungsschwierigkeiten hat und eventuell Personal entlassen muss. Unsere Leser würden eine Schließung sehr bedauern, das wissen wir. Unsere Pflicht ist es nun, die Leser über den Stand der Dinge zu informieren.“
„Und genau da liegt unser Problem. Wir haben, wie üblich, einen weiteren Kredit bei der Bank beantragt. Heute nun haben wir erfahren, dass die Bank, nicht wie bisher gewohnt, die Zusage erteilt hat, sondern die Angelegenheit erst prüfen will. Mit Zahlungsschwierigkeiten hat das nichts zu tun, das kann ich Ihnen versichern. Aber es ist für uns eine ganz neue Situation, die uns einige Kopfschmerzen bereitet. Deshalb hat der Vorstand vorhin beschlossen, dass wir vorerst nichts an die Presse weiter geben sollen. Es tut mir Leid, dass sie den Weg nun umsonst gemacht haben. Aber ich habe den Sachstand auch eben erst erfahren.“
So ein Mist, wie soll sie daraus einen Artikel zimmern?
„Das ist mehr als schade. Offenheit wäre doch in dieser Situation für alle besser. Es könnte in der Bevölkerung leicht der Verdacht entstehen, dass hier etwas verheimlicht werden soll.“
„So dürfen sie das nicht sehen Frau Stratmann. Wir wollen keine Informationen herausgeben, die sich dann später als revisionsbedürftig herausstellen. Das müssen sie doch verstehen. Sobald wir mehr wissen, werden Sie informiert. Das kann ich Ihnen zusagen.“
Ich kann das sehen wie ich das will und verstehen muss ich gar nichts. Gerade noch rechtzeitig schluckt sie ihre Gedanken zurück. Schmieding erhebt sich.
„Auf Wiedersehen Frau Stratmann, hoffentlich unter besseren Vorzeichen.“
Sie ergreift die dargebotene, für einen Mann ungewöhnlich kleine Hand. Hatte sie nicht mal gelernt, dass immer die Frau zuerst die Hand reicht? Schließlich ist Schmieding nicht ihr Vorgesetzter. Aufgeblasener Typ. Der kann auch nur in leeren Floskeln reden. Sie hasst Redewendungen, die Herrschaftsverlangen bestätigen. Ach, was soll's.
„Auf Wiedersehen.“
Vorhin war sie schon an der Tür des Betriebsratsvorsitzenden vorbei gelaufen. Das ist die nächste Station. 'Alfons Ritter' steht am Türschild. Alfons Ritter, so um die 40 Jahre alt, schlank, kurz geschnittenes dunkles Haar mit ersten grauen Strähnen. In seinem gut sitzenden dunkelblauen Anzug und dezenter, blaurot gestreifter Krawatte, wirkt er auf sie eher wie ein aufstrebender Bankangestellter, denn als kämpferischer Betriebsrat.
Er begrüßt sie freundlich, ist aber kurz angebunden. Für die Betriebsversammlung am Abend sei viel vorzubereiten und vorher sei noch ein längeres Gespräch mit dem Geschäftsführer geplant, erklärt er.
„Kommen Sie doch heute Abend dazu, dann haben Sie die Gelegenheit, mit unseren Angestellten selbst zu sprechen. Und vielleicht können wir uns anschließend bei einem Glas Wein zusammensetzen und die Fakten besprechen.“
Die Gelegenheit lässt sich Christina nicht entgehen.
Kati Welldorf deckt eilig den Abendbrottisch für die Familie.
„Mama, ich muss gleich los. Bringst du mich?“
„Ich kann nicht. Du weißt doch, dass ich zur Betriebsversammlung muss.“
„Und ich zum Training.“
Immer muss er unter der Eile der Erwachsenen leiden. Wie soll er jetzt so schnell zum Training kommen? Bis eben hatte er am Computer gesessen. Das blöde Spiel wollte einfach nicht aufgehen.
„Nimm doch das Rad“, ruft Kati zu ihm hoch.
„Kaputt.“
„Und warum reparierst du es dann nicht?“
Kevin stürmt die Treppe hinunter in die Küche zu seiner Mutter.
„Kann ich nicht allein, da muss der Papa mir helfen. Du weißt ganz genau, dass der seit Wochen nie Zeit hat.“
Der Vorschlag seiner Mutter, die U-Bahn zu nehmen, kann ihn ganz und gar nicht begeistern. Außerdem würde er dann garantiert zu spät kommen.
„Warum hast du dir nicht eher überlegt, dass du mehr Zeit einplanen musst?“
Er braucht endlich ein neues Fahrrad. Seines besteht fast nur noch aus Ersatzteilen. Der Gunnar hatte zum Geburtstag ein nigelnagelneues Rad bekommen. Das war gar nicht teuer. In gut drei Monaten wird er 13.
„Zum Geburtstag wünsche ich mir ein neues Rad mit 21 Gangschaltung.“
„Mal sehen was sich machen lässt“, sagt die Mutter.
„Mama hörst du mir überhaupt zu?“
„Ja natürlich, du wünschst dir zum Geburtstag ein neues Fahrrad. Und ich hab gesagt mal sehen, weil nicht sicher ist, wie sich die Dinge entwickeln. Wenn ich meinen Job verliere, sieht es nicht gut aus. Das weißt du.“
„Kann ich nicht wenigstens in den Ferien jobben gehen? Dann verdiene ich einen Teil dazu.“
Darüber hatten sie schon öfter gestritten. Immer wieder brachte er das Argument vor, dass einige Kinder aus seiner Klasse sich mit Zeitungs- und Prospekte austragen ihr Taschengeld verdienten.
„Kommt überhaupt nicht in Frage.“
Er schaut zu wie seine Mutter hastig im Stehen ein belegtes Brot mit Jagdwurst kaut und noch ein Stück Tomate hinterher schiebt. Sie räumt ihre Sachen zusammen, packt einen Apfel hinzu.
„So, ich muss jetzt wirklich los. Für euch steht alles bereit wie du siehst. Papa und Jasmin werden gleich kommen.“
Kevin kann es nicht fassen, hatte seine Mutter schon wieder vergessen, dass er zum Training wollte? Warum musste die Mutter ausgerechnet heute zur Betriebsversammlung? Seit sie sich in den Betriebsrat hatte wählen lassen, hatte sie noch weniger Zeit als vorher für ihn.
„Ich wünschte, du wärst nie Betriebsrätin geworden.“
„Jetzt hör aber mal auf Kevin.“
Als die Betriebsratswahlen anstanden und die Kollegen sie gefragt hatten, ob sie sich aufstellen lassen würde, hatte sie geantwortet, dass sie das erst mit ihrer Familie absprechen müsste. Es war nicht so leicht gewesen, Mann und Kinder zu überzeugen.
„Und mein Training? Kannst du mich nicht wenigstens bis zur U-Bahn mitnehmen?“
„Na los, dann komm, aber dalli und nimm wenigstens noch einen Apfel mit, wenn du schon nichts isst.“
Christina Stratmann leert den Inhalt ihres Portemonnaies in ihre Hand. 'Geht gerade noch. In fünf Tagen ist wieder Geld auf dem Konto.' Für Brot und Käse wird es reichen. Und ein paar einsame Euro werden dann noch übrig sein. So kurz vor Monatsende muss sie mit jedem Cent rechnen, viel ist dieses Mal nicht übrig. Sie hatte sich einen Kinobesuch gegönnt und war mit einer Freundin lecker essen gewesen. Bei ihrem bescheidenen Einkommen sind solche Unternehmungen der reine Luxus. Andererseits will sie ihr Leben genießen, einen zweiten Versuch wird es nicht geben. Und manchmal muss man dann eben finanziell über die Stränge schlagen und dazu am Ende des Monats besonders sparsam sein.
Bevor sie gleich zu der Betriebsversammlung geht, will sie sich etwas ausruhen. Sie hatte sich vorgenommen, Thomas anzurufen wegen des verkorksten gestrigen Abend. Könnte sie aber doch auch machen, kurz bevor sie losgeht, wahrscheinlich ist er jetzt gar nicht zu Hause. Wenn sie ehrlich mit sich selbst ist, weiß sie, dass ihr schlechtes Gewissen sie blockiert und genau das sie dazu bringt, unangenehme Entscheidungen bis zum 'Geht-nicht-mehr' zu verschieben.
In letzter Zeit war ihr aufgefallen, dass es bei ihren Treffen immer um dasselbe geht: um Thomas, um seine Befindlichkeit, seinen Stress mit seinen Eltern, mit denen er schon lange nicht mehr zusammenwohnt, um den Ärger mit seiner früheren Freundin und den Unterhalt für seine Tochter aus der Beziehung. Eigentlich fragt er nie von selbst wie es ihr geht.
Wenn sie sich beschwert, meint er immer nur: „Wieso, du sagst mir doch auch so was los ist“.
Was ist eigentlich passiert? War Thomas immer schon so ichbezogen oder ist ihr das erst jetzt aufgefallen? Gut, er ist immer schon so und es ist ihr erst jetzt aufgefallen. Aber warum nervt sie das seit Kurzem so sehr, dass sie manchmal gar keine Lust hat auf ihn? Auch nicht auf den Sex mit ihm, den sie doch sonst so umwerfend gut findet. Stimmt mit ihr selbst was nicht? Kommt daher ihre Angst vor zuviel Nähe zu ihm? Sie müsste eine Kiste haben in der einfache Antworten auf komplizierte Fragen aufbewahrt sind.
„Jetzt nicht“, sagt sie laut und meint die Grübelei über ihre Beziehung, greift sich ein Decke und ein Kissen und macht es sich in ihrem Lieblingssessel bequem. Sie will versuchen abzuschalten, um für die Betriebsversammlung heute Abend einigermaßen aufnahmefähig zu sein. Am Nachmittag hatte sich der Himmel wieder bezogen und nun schneite es auch noch, da wird es schon Überwindung genug kosten, sich noch einmal aufzuraffen.
„Was meinst du, wie viele werden kommen?“ fragt Alfons Ritter, seine Kollegin Mia Olfen, während beide Papiere auf die bereit gestellten Stühle im großen Besprechungsraum legen.
„Meinst du, wir haben genug Kopien?“
Mia Olfen zuckt die Schultern.
„Ich weiß nicht. Steffi M. und Martina kommen jedenfalls nicht und Gönül und Simone sowieso nicht. Die Männer wollen das nicht. Steffi muss heute beim Kind bleiben, der Mann hat Nachtschicht und ich glaube, Martina kapiert noch nicht was uns demnächst bevorsteht.“
Das kennt man ja, manche werden erst wach, wenn das Haus lichterloh in Flammen steht und es bereits am eigenen Hemd züngelt.
„Wo Kati nur bleibt?“
Sie hatte sich bereit erklärt, bei den Vorbereitungen zu helfen. Da kommt sie angerannt.
„Tut mit Leid, dass ich so spät bin“, sagt sie lachend und nach Luft ringend. „Musste erst meinen Jungen zur U-Bahn bringen und bei dem Wetter bin ich vorsichtig gefahren. Es hat doch tatsächlich wieder angefangen zu schneien.“
Der Winter will in diesem Jahr kein Ende nehmen.
„Ich hol schon mal die Getränke.“
„Sind noch im Abstellraum, denk auch an die Gläser. Und draußen müssen Aschenbecher aufgestellt werden“, ruft Ritter ihr hinterher.
Noch eine viertel Stunde, dann würden hoffentlich viele der Belegschaftsmitglieder zur Versammlung kommen. Alfons Ritter hastet noch zur Toilette. Ein Blick in den Spiegel. Sitzen Frisur und Krawatte? Jetzt noch ins Büro eilen und die Unterlagen einstecken, die er auf seinem Schreibtisch bereit gelegt hatte. Ein Blick in die Notizen geworfen, hoffentlich denkt er an alles, und kann wenigstens einen großen Teil der Fragen der Kollegen zufriedenstellend beantworten. So eine Scheiß-Situation. Hätte nicht endlich mal Ruhe einkehren und alle ganz normal ihrer Arbeit nachgehen können?
Im Hintergrund hört er, wie Frauen mit ihren hohen Hacken durch den Flur klappern.
„Hallo Alfons.“
„Hallo, schön, dass du heute auch dabei bist.“
„Na, hör mal geht doch um unsere Existenz.“
„Stimmt. Ich muss rein. Bis später dann.“
Alfons betritt durch einen Seiteneingang den Besprechungsraum und atmet erleichtert aus als er sieht, dass inzwischen ziemlich viele der Kolleginnen und Kollegen eingetroffen sind. Er stellt sich so auf das kleine Podest, dass alle ihn gut sehen können. Ganz schnell verstummen die Gespräche und die Blicke sind auf ihn gerichtet.
„Guten Abend Kolleginnen und Kollegen. Ich muss euch nicht erst erklären, warum der Betriebsrat euch heute gebeten hat, zusätzliche Zeit für die Firma zu opfern, statt mit euren Lieben zu Hause gemütlich vorm Fernseher zu sitzen. Die Infos habt ihr alle bekommen und sicher aufmerksam gelesen.“
Geraune und Gemurmel in den Reihen, die vor allem mit Frauen aus allen Abteilungen besetzt sind. Auch von den Frauen, die in den Büros arbeiten, und die sich sonst selten mit den Verkäuferinnen zusammentun, sind viele dabei.
Alfons Ritter hatte seinen Kolleginnen und Kollegen bereits in einem Rundschreiben mitgeteilt, dass der Vorstand vor drei Tagen endlich, nachdem wochenlang ein Gerücht das nächste abgelöst und die Belegschaft verunsichert und erbost hatte, dem Betriebsrat gegenüber zugegeben, dass die wirtschaftliche Situation des Kaufhauses kritisch sei. Der Vorstand wolle aber alles daransetzen die Lage zu klären und keiner der Angestellten müsse Sorgen haben, seinen Arbeitsplatz zu verlieren.
Die Schließung des Hauses hatte der Geschäftsführer nicht explizit angesprochen, sie war aber in dem Gespräch gelegentlich durchgeklungen. Alfons Ritter hatte sehr mit sich gerungen, ob er das den Kollegen weiter geben sollte und sich schließlich dagegen entschieden. Er wollte Panik vermeiden. Der Geschäftsführer hatte ihm, mit einem versteckten Angebot, ihm Vorteile zu verschaffen, unmissverständlich klar gemacht, dass er Alfons Ritter dafür zu sorgen habe, dass die Gerüchteküche aufhöre zu brodeln. Schließlich sei dies ja auch in seinem Ritters Interesse und des Hauses selbst, hatte Schmieding hinzugefügt. Ritter ist erfahren genug, um auf solche Rattenfängersprüche nichts zu geben.
„Kolleginnen und Kollegen, bevor wir anfangen. Wir haben heute noch einen Gast, wie ihr inzwischen bemerkt haben dürftet. Frau Christina Stratmann von der Ost-West-Abendpost wird über unsere Probleme in ihrer Zeitung schreiben.“
Christina steht kurz auf, nickt und lächelt von ihrem Platz am äußeren Rande in der letzten Reihe den versammelten Kaufhausangestellten zu.
„Dann berichten Sie aber auch genau wie es überhaupt dazu kommen konnte“, ruft eine ältere Frau, deutlich aufgebracht in die Runde.
„Keine Sorge, das klären wir noch Helga“, erwidert Ritter.
Er fährt fort, dass Schmieding ihm vor etwa einer Stunde gesagt hatte, dass die Bank nicht, wie bisher üblich, den Kredit verlängert hat.
„Wofür brauchen wir einen Kredit? Der Laden läuft doch hervorragend. Trotz Wirtschaftskrise“, ruft eine Frau aus der Porzellanabteilung in den Saal.
Zustimmendes „Genau“ und „eben“ aus den Reihen.
„Wir haben immer schon regelmäßig Kredite aufgenommen für die Gehaltszahlungen und Lieferanten-Rechnungen. Und sie wurden ebenso regelmäßig pünktlich zurückgezahlt“, Ritter muss lauter sprechen, um den Geräuschpegel zu übertönen.
Das sei heute durchaus so üblich und habe bisher nie Schwierigkeiten bereitet. Durch die Wirtschaftskrise und die Probleme, die die Banken selber hätten, seien die Banken vorsichtiger geworden. Ritter versucht, durch Sachlichkeit und eine ruhige Stimme die Wogen zu glätten.
„Das ham wa gerne“, meint Abteilungsleiter Schmitt von Sportzubehör. „Erst setzen die Banken die Karre in den Dreck und jetzt solln wir darunter leiden, nee, nee, nich mit mir.“
„Und was willste dagegen tun?“, fragt seine Nebensitzerin.
„Ja, nix, kannste tun. Die machen doch sowieso was sie wolln, glaubste vielleicht, die interessiert, ob bei uns die Arbeitsplätze deshalb flöten gehen?“ ruft eine Frau, die weiter vorne sitzt, über die Schulter zurück.
„Kollegen darf ich noch mal um Ruhe bitten.“
Alfons Ritter versucht, sich Gehör zu verschaffen bei den aufgebrachten Kollegen. Kati Welldorf pfeift einmal kräftig auf den Fingern. Völlig perplex schrecken die Köpfe der Angestellten hoch.
„Lasst uns doch erst mal dem Alfons zuhören was er weiter dazu zu sagen hat. Noch sind nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft.“
„Kati hat recht“, sagt Alfons Ritter in die plötzliche Ruhe. „Ich habe heute mit unserem Gewerkschaftssekretär an seinem Urlaubsort gesprochen. Er bedauert übrigens, dass er heute nicht hier sein kann. Also, Friedhelm Niemitz meint, wir sollten ein Gespräch mit dem Senat suchen. Schließlich hat der Senat damals einige Millionen Zuschüsse gezahlt, weil 1000 zusätzliche Arbeitsplätze versprochen wurden. Die sind bis heute nicht komplett.“
„Weiß man doch, die lügen doch sowieso alle, siehste ja. Die hatten doch nie vor, 1000 Leute einzustellen. Aber das Geld kassieren, dass könnense. Und sich selbst dicke Gehälter zahlen.“
„Also bitte, Kollegen, Ruhe jetzt. Hört doch erst mal unsere Vorschläge an. Als erstes werden wir mit der zuständigen Senatorin sprechen. Die sollen mal Druck machen auf die Firma. Die können nämlich, wenn die Auflagen nicht erfüllt werden, ihren Zuschuss zurückfordern“.
In der kommenden Woche wolle man mithilfe des Gewerkschaftssekretärs einen Termin vereinbaren. Dem Management wolle man den Vorschlag unterbreiten, eine Staatsbürgschaft zu beantragen.
„Wir werden schon eine Lösung finden. Wir müssen aber zusammenhalten“, meint Ritter.
Alfons Ritter hatte Christina vorgeschlagen, nach der Versammlung zu seinem Lieblings-Italiener zu gehen. Da sei die Küche sehr zu empfehlen und die Atmosphäre am Abend angenehm ruhig. Jetzt sitzen beide mit einem Glas Rotwein vor sich, mit Blick auf den, auch zu später Stunde noch belebten, Kurfürstendamm und warten auf ihr Essen.
Ritter hat sich ein Spaghettigericht mit Meeresfrüchten bestellt und Christina mit einem Lächeln und leichten Schulterzucken erklärt, dass er an diesem Tag noch keine Zeit gehabt hatte für eine warme Mahlzeit.
„Ich lade Sie natürlich heute Abend ein. Worauf hätten Sie denn Appetit?“
Sie habe schon zu Abend gegessen antwortet sie, aber wenn er so frage, einen kleinen Salat könne sie wohl noch vertragen. Sie könne doch eine kleine Portion bestellen, versucht er sie zu überreden. Und Christina kann dann doch nicht widerstehen. Ob das auf Spesen ginge, fügt sie mit einem etwas flapsigen Grinsen hinzu.
„Nein natürlich nicht. Wir wollen den Konzern besser nicht schädigen wo der doch schon im finanziellen Koma liegt.“
Ritters Sarkasmus ist nicht zu überhören. 'Auch er wird Angst haben um seinen Job', denkt Christina.
„Steht es wirklich so schlimm? Oder ist das Ganze jetzt nur eine Masche, um die Belegschaft zu finanziellen Zugeständnissen zu bewegen?“ Christina spricht aus, was ihr den ganzen Abend immer wieder durch den Kopf gegangen ist.
„Nichts Genaues weiß man nicht. Aber wenn es hart auf hart kommt, kann es durchaus sein, dass wir uns auf Kürzungen einlassen müssen. Keine Kollegin und kein Kollege will seinen Arbeitsplatz verlieren.“
Für viele von den Frauen wäre es der kürzeste Weg in die Armut. Darin fühle sich aber keine wirklich wohl.
„Mit ihrem Gerede, dass die Leute lieber Hartz IV in Anspruch nehmen, statt zu arbeiten, liefern unsere Politiker doch nur den Stammtisch-Intellektuellen Stoff.“
Ritters Stimme klingt aufgebracht. Er wisse von einigen, vor allem von den älteren Frauen, deren Kinder schon aus dem Haus sind, dass sie froh sind, Arbeit zu haben und Kollegen.
„Die meisten von uns haben den Beruf doch auch gewählt, weil es uns Spaß macht, mit Menschen zu tun zu haben. Zu Hause sitzen und bestenfalls das Unkraut im Garten zu rupfen, der Gedanke ist schrecklich. Und auf einen neuen Job brauchen wir nicht zu hoffen. Vielleicht die ganz jungen noch. Sie wissen ja selbst, Arbeitsplätze sind rar.“
„Ja klar. Vorhin habe ich noch mit einer Frau gesprochen, die dringend auf ihren Hinzuverdienst angewiesen ist. Die erzählte, dass sie gebaut hätten und die Raten nicht bezahlen könnten wenn sie nicht mit verdiene.“
Man müsse sich nur vorstellen, wenn in einer solchen Familie auch der Partner noch ausfalle. Das eigene Häuschen war ja auch als Alterssicherung gedacht, bei Arbeitslosengeld II könnten sie das vergessen, ergänzt Ritter.
„Dann war alle Mühe, aller Verzicht in den Jahren vorher umsonst und man kann nur noch auf die Altersarmut warten.“
Christina hat mehr und mehr den Eindruck, dass der Betriebsratsvorsitzende auch von seinen eigenen Sorgen spricht. Ihr geht durch den Kopf was sie bisher über Hartz-IV Familien gelesen hatte. Das Geld reicht kaum zum Leben, das weiß sie aus eigener Erfahrung. Ganz sicher reicht es nicht um Kindern den Sportverein oder die Musikschule zu bezahlen. Sie spricht aus was sie denkt:
„Familien mit Kindern geraten dann in genau den Sog, den der unsägliche Herr S. so gerne beschwört. Keine gute Ausbildung, kein Job, abhängen im sogenannten 'sozialen Netz'“.
„Genau so ist das und es ist nicht die Schuld der Arbeitnehmer, wie ihnen so oft eingeredet wird. Dafür gibt es Beispiele genug. Manchmal kann man schon eine heilige Wut kriegen.“
„Kann ich das jetzt auch alles so schreiben, Herr Ritter?“
„Na ja, den letzten Satz vielleicht besser nicht.“
„Gut“.
Das Essen wird serviert und Ritter schenkt von dem Rotwein nach.
„So, jetzt sollten wir uns um unsere Mahlzeit kümmern, die kochen hier nämlich sehr gut. Das lassen wir uns nicht vermiesen durch Gespräche über gruselige Zukunftsaussichten.“
„In Ordnung.“
Die Spaghetti duften köstlich nach Meer und frischem Basilikum und sehen höchst appetitlich aus. Beide lächeln sich an. Die Atmosphäre entspannt sich beim wohligen Genießen. Das Gespräch kommt auf die neuesten Ausstellungen im Martin-Gropius-Bau. Christina Stratmann will sich unbedingt die Frida-Kahlo-Ausstellung ansehen, Alfons Ritter interessiert sich eher für die Kunst von Olafur Eliasson, die im selben Haus gezeigt wird.
„Vielleicht treffen wir uns ja beim Anstehen in der Warteschlange“, Alfons Ritter grinst Christina Stratmann an.
Sie lächelt zurück.
„Wer weiß“.
Es ist später als geplant, als Christina nach Hause kommt. Am nächsten Morgen muss sie früh raus, wenn sie ihren Artikel über das Kaufhaus rechtzeitig in die Redaktion mailen will. Sofort einschlafen kann sie trotzdem nicht. Einiges von dem was sie gehört hat, ist doch sehr bedrückend.
Im ganzen Land kommt es immer wieder zur Schließung von Betrieben, selbst solche, die für die Ewigkeit zu bestehen schienen, geraten wegen finanzieller Schwierigkeiten in die Schlagzeilen auch schon vor der großen Wirtschaftskrise. Aber was zurzeit passiert, ist geradezu unheimlich, ob diese Betriebe tatsächlich durch die Wirtschaftskrise, wie das Desaster überall beschönigend genannt wird, ins Schlingern geraten sind oder ob nicht doch die einen oder anderen Unternehmen Trittbrettfahrer sind, um so Löhne zu drücken und Arbeitsbedingungen auf ein Mindestmaß zurück zu schrauben und staatliche Zuschüsse zu ergaunern? Und so wie es aussieht, werden die Banken, die mit beinahe krimineller Energie die Probleme verursacht haben, nicht wirklich zur Rechenschaft gezogen. Es heißt sogar, dass für einige Banken Staatsbürgschaften übernommen werden sollen, damit Versicherungen und Renten nicht in Gefahr geraten. Dass Abfindungen und Einkommen der Bankenmanager, sozusagen zur Strafe gedeckelt werden sollen, wie gelegentlich verlautbart wird, daran glaubt Christina nicht.
Den Zorn und die Enttäuschung der Kaufhausangestellten kann sie nur zu gut verstehen. So manche Verkäuferin und so mancher Verkäufer strampeln sich seit Jahrzehnten für 'ihr Haus' ab. Das Einkommen war noch nie üppig und die Anerkennung durch die Geschäftsleitung ebenso wenig, nur wenn von ihnen Sonderarbeiten erwartet werden, bekommen sie Honig ums Maul geschmiert, wie sich einer der Teilnehmer an der Betriebsversammlung ausgedrückt hatte. Aber auf den beinahe familiären Zusammenhalt der Kolleginnen und Kollegen, die Feiern zu Geburtstagen und Jubiläen, die sie privat organisieren, wollen sie nicht verzichten. Früher, so wussten die Älteren unter ihnen zu berichten, gab es einen Ruheraum und eine Sportgruppe. Soviel Fürsorgebereitschaft für die Belegschaft, die immerhin dafür geradesteht, dass jeden Tag die Kasse stimmt, ist schon lange nicht mehr eingeplant. In Christinas Kopf drehen sich die Gedanken.
