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Der Roman schildert die Liebe zwischen dem verschlossenen Gärtner Dirk Marks aus Düsseldorf und dem iranischen Studenten Rahim Mirdamadi, der mit seiner Familie im Pariser Exil lebt. Die Beziehung der beiden jungen Männer wird auf die Probe gestellt: Einerseits ist ihnen das starke Missfallen von Rahims Vater gewiss. Zudem ist Rahims Bruder Davood politischer Gefangener im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran und der iranische Geheimdienst ist der Familie auf den Fersen.
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Seitenzahl: 341
Veröffentlichungsjahr: 2021
Steffen Georg Beitz
In dieser Minute
Roman
© 2021 Steffen Georg Beitz
Titelbildgestaltung & Fotos: Steffen Georg Beitz, Lada Strelnikova
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-347-10876-9
Hardcover
978-3-347-10792-2
e-Book
978-3-347-10793-9
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie: http://dnd.d-nb.de
Für Cássio
1
Paris, 7. Januar 2011
Sie hatten alle Lichter gelöscht, um durch die Giebelfenster das Leuchten besser sehen zu können, das von der Welt da draußen ausging. Rahim stand hinter ihm, hielt ihn eng umschlungen und schmiegte seine Wange an Dirks Schulter. Dirk atmete tief ein. Der Winter hatte die ganze Stadt in Unschuld gekleidet. Paris erschien ihm wie die Kulisse eines riesigen Märchenparks. Die Dächer waren mit Zuckerguss aus Schnee überzogen, die Autos krochen in Zeitlupe, die Menschen auf den Bürgersteigen machten kurze, vorsichtige Schritte. Der Kälteeinbruch hatte Paris den Segen bedächtiger Langsamkeit geschenkt. So hatte Dirk die Stadt noch nie gesehen. Alles, was hinter den Mauern mit den weißen Hauben lag, kam ihm wie ein ungreifbares Rätsel vor. Jedes Haus schien ein Geheimnis zu wahren, das ein Unheil in sich trug, Augen hatte, um aus den Fenstern zu schauen, doch gleichzeitig unsichtbar blieb. Nur der Halbmond und der Große Wagen über dem verschneiten Hinterhof unten ihnen, der Frieden über der von der Straße abgekehrten Hausseite schienen einer anderen, heileren Welt anzugehören.
Plötzlich sagte Rahim in die Stille hinein: „Hast du heute schon Nachrichten gehört? Rohani hat zwei Lehrer hinrichten lassen.“ Nun flüsterte Rahim, doch es klang umso lauter: „Sie haben dem einen das Becken gebrochen, dem anderen die Füße mit siedendem Wasser verbrüht. Dann hatten sie die Geständnisse: Feindschaft gegen Allah und seinen Propheten und Propaganda gegen die Islamische Republik.“ Die letzten Worte stieß Rahim unter großem Druck hervor, als würde er gewürgt. Dirk drehte sich um und umschloss Rahims Gesicht mit beiden Händen. „Liebst du mich?“, fragte Rahim matt.
Rahims Zimmer unterm Dach bot gerade genug Platz für ein großes Bett und Bücher. Bücher in Regalen, auf dem Boden, zu Türmen gestapelt, wie ein Gebirge rings um das Notebook auf dem Schreibtisch, Bücher auf den Fensterbänken, sogar als Ständer für Lampen. Hunderte von stummen Zeugen dieses Augenblicks.
Anstelle von Worten küsste Dirk Rahim sanft. Er wollte Rahims Mund, der ihn schon immer an den violetten Flieder im Schrebergarten seiner Eltern erinnert hatte, frisches Leben einhauchen, seiner Seele die Last nehmen. Er griff nach Rahims Hand, zog ihn ins Bett und eine ebenfalls schneeweiße Decke über sie beide, drückte ihn fest an sich und schenkte ihm die ganze Hitze seines Körpers. Er wollte Rahim Mirdamadi aus den Fängen seiner Dämonen befreien. Doch würde er die Macht dazu haben?
Irgendwann wachte Dirk auf. Sofort schlug sein Herz schneller. Rahim stand wieder vor dem Fenster. Dieses Mal trat Dirk hinter ihn. Tauwetter hatte eingesetzt. Der Schnee war gewichen.
„Sie wissen immer, wo ich bin. Immer. Und sie kommen wieder. Wann sie wollen.“
Rahims Stimme klang rau und heiser. Dirk wurde bewusst, wie eng und finster Rahim die Welt vorkommen musste. Unwillkürlich suchten nun auch seine eigenen Augen hinter den dunklen Fensterscheiben der gegenüberliegenden Wohnungen nach gedungenen, berechnenden Knechten, Werkzeugen eines gnadenlosen Regimes, die herumschnüffelten, beschatteten, belauschten und möglicherweise gerade jetzt da unten aus der Deckung eines Müllcontainers zu ihnen hinaufstarrten. Dirk fuhr ein Schauer über den Rücken. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Was konnte er nennen, das die Macht hatte, Rahim trotz seiner schrecklichen Gewissheit zu trösten und mit der unaufhaltsamen Wucht eines nahenden Frühlings zu kommen, der Haseln selbst dann blühen ließ, wenn nachts noch tiefe Minusgrade herrschten? Statt etwas zu sagen, umarmte er Rahim nun heftiger und drückte ihn mit einer Mischung aus Hilflosigkeit und dem Versuch einer Kraftübertragung an sich. Ja, er wollte Teheran und der Zerbrechlichkeit ihres Glücks den Krieg erklären. Doch er war weder Befehlshaber einer Armee, noch verfügte er über eine schlagkräftige Waffe. Er wünschte, sie wären durch irgendeinen Zufall in einen schlicht gestrickten Agentenfilm geraten, an dessen Ende sich die Bedrängten als Helden entpuppten, die das Böse besiegten.
Rahim wand sich plötzlich aus der Umarmung und trat einen Schritt zurück. „Du hast großes Glück, weißt du das?“, sagte er, und es klang beinahe wie ein Vorwurf. Er schaute sich um und beschrieb mit der Hand einen großen Bogen, als könnte er mit dieser Geste durch die Wände seines Zimmers bis an den Rhein gelangen. „Düsseldorf, deine Gärten – das ist schön. Du bist so frei. Ich wünschte, ich könnte dein Leben haben.“
„Dann komm zu mir und bleib!“ Doch Rahim schüttelte nur den Kopf und drehte sich wieder zum Fenster. Dirk fasste ihn beim Arm, zog ihn zu sich, so dass er seinem Blick nicht ausweichen konnte, und wiederholte: „Dann komm und bleib!“ Er sagte es so eindringlich und beschwörend, dass er innerlich bebte. Noch nie zuvor war ihm etwas so ernst gewesen. Der Fliedermund öffnete sich, holte tief Luft und schloss sich wieder. In dieser Minute, die jetzt war, wollte Dirk nichts anderes als ein Leben an Rahims Seite. Mit allem, was dazu gehörte. In Düsseldorf, in Paris, anderswo, auf der Flucht. Es war ihm gleich. Solange sie nur zusammen waren.
„Du weißt, dass das nicht geht.“
Rahims Antwort klang in Dirks Ohren kategorisch, fast beiläufig.
„Warum nicht? Wo ist das Problem? Wenn ich Französisch lernen kann, kannst du Deutsch lernen. Ich helfe dir. Bei allem. Es gibt viele Iraner, die in Deutschland leben. Gut leben.“ Dirk musste kurz an Herrn Golschiri denken, den Arbeitskollegen seines Vaters, der unter dem Schah Rechtsanwalt gewesen war und nun Lkws fuhr. Und an seinen Nachbarn Reza, der früher als Chirurg gearbeitet hatte, ebenfalls fliehen musste und jetzt nachts am Bahnhof in einem Taxi, das ihm nicht gehörte, stundenlang auf Kunden wartete. Ob sie tatsächlich ein gutes Leben hatten, konnte Dirk natürlich nicht sagen, und er hätte die letzten beiden Wörter am liebsten zurückgenommen.
„Das ändert doch nichts. Ich werde auch dort immer auf der Flucht sein.“
„Dann komme ich eben nach Paris“, sagte Dirk.
„Du hast keine Ahnung, wovon du redest!“, entgegnete Rahim aufgebracht. „Willst du in einer Wohnung leben, die jederzeit aufgebrochen und auseinandergenommen werden kann? Willst du ständig in der Angst leben, dass sie uns irgendwo auflauern und ihre Knarren an die Schläfe halten?“ Für einen Moment hallte Rahims Frage nach wie ein abgefeuerter Schuss.
„Ja!“, sagte Dirk und schaute Rahim dabei fest in die Augen. Weil er davon überzeugt war, dass es für diese Liebe einen Preis zu entrichten galt. Und wenn dieser Preis einen Verlust an Sicherheit bedeutete, dann war er bereit, ihn zu zahlen.
Plötzlich stürzte Rahim zu einem Bücherregal, warf einen Arm voll Bücher herunter, griff nach einer Schublade, leerte sie auf den Boden, schleuderte die Kissen vom Bett aus durch die Zimmertür in den Korridor. „So, ja? So willst du leben?“, rief Rahim. Er war den Tränen nahe.
Dirk fiel ihm in den Arm, als Rahim wieder auf das Bücherregal zusteuerte. Sie rangen miteinander.
„Findest du…“, stieß Dirk hervor, während er versuchte, Rahims Unterarme unter Kontrolle zu bekommen. „Findest du, dass du Strafe verdient hast? Manchmal kommt es mir so vor. Ist doch so, oder? Ist doch so!“, rief er wütend, presste die Lippen aufeinander, schob Rahim mit dem Rücken zur Zimmertüre und stemmte sich dabei mit seiner ganzen Körperkraft gegen ihn. Rahim wehrte sich ächzend. Doch Dirk war stärker, und schließlich ging Rahim mit einem klagenden Schrei zu Boden. Dirk setzte sich auf seinen Brustkorb und hielt ihn an den Oberarmen fest. „Es sind nur Kissen und Bücher, verdammt!“
„Das sagst du nur, weil du keine Ahnung hast, wie es wirklich ist“, presste Rahim hervor. „Sie schaffen es, dass du dich nirgendwo mehr sicher fühlst, nicht einmal in deinen eigenen vier Wänden.“
„Aber bei dir fühle ich mich sicher. Und ist es nicht das, worauf es ankommt?“
„Ich will nicht die Verantwortung dafür tragen, dass dein Leben für immer verdorben ist. Du verdienst etwas Besseres. Du wirst zur Geisel. Das kannst du nicht wollen.“
„Lass mich für mich selbst entscheiden!“ Dirk ließ Rahim los und legte sich neben ihn auf den Boden. „Ich hatte als Kind auch Angst vor den anderen.“
„Ich rede nicht von einem Schulhof.“
„Ich weiß. Aber für mich war es mehr als das. Es war fast die ganze Welt. Bis auf den Garten meiner Eltern gab es keinen Ort, an dem ich mich sicher gefühlt habe.“ Dirk drehte sich zu Rahim und legte seinen Arm um ihn. „Rahim, bitte! Gib uns eine Chance!“
Der Morgen graute schon über Paris. Und während für die kommenden Fußballweltmeisterschaften in Russland Strafgefangene Stadien bauten und in Katar inzwischen bereits Hunderte Gastarbeiter auf den Baustellen umgekommen waren, kehrte Rahim Dirk langsam den Rücken zu und schwieg.
2
Paris, 2. April 2010
Er hatte den frühen Abendzug genommen. In Deutschland und Belgien herrschte tiefschwarze Nacht. Doch sobald der Zug die Vororte von Paris passierte, riss der Himmel auf und ein voller Mond leuchtete wie ein Scheinwerfer über der französischen Metropole. Licht für eine große Bühne. Dirk konnte es kaum erwarten. Er legte seine Stirn an die kalte Scheibe. Würde es wie in der Gauloises-Reklame sein, in der Männer mit Drei-Tage-Bart und nacktem Oberkörper lässig an der Reling lehnten und die Sonne auf dem Deck von Seine-Schiffen genossen oder im Pyjama mit ihrem Hund im Schatten des Eiffelturms Gassi gingen? Liberté toujours. Konnte es das geben, eine Stadt „frei von Konventionen und anderen Zusätzen“?
Gare du Nord. Überall hohe Häuser. Die vielen Schornsteine wirkten wie Nasen, durch die die Wohnungen atmen. Und während eine afghanische Polizeibeamtin, die gegen Gewaltverbrechen an Frauen ermittelte, in Kandahar brutal ermordet wurde, streifte Dirk seinen Rucksack über, stieg aus und sog die Bahnhofsluft tief ein. Es roch nach einer Mischung aus verrostendem Metall, Dieselabgasen, Frittierfett. Und da war noch ein Duft, den vielleicht auch andere wahrnahmen, aber vermutlich nur er identifizieren konnte – der Geruch von im Straßenstaub zertretenen Kastanienblüten. Herb und süß zugleich nahm er Dirk für einen Augenblick die Orientierung. Er konnte nicht anders, und es war schon immer so gewesen. Alles, was ihn aus dem Reich der Botanik anflog, nahm ihn umgehend ganz ein. Keine Blüte, kein Blatt, keine Rinde konnten sich der genauen Bestimmung durch ihn entziehen. Den Duft von Hyazinthen und Narzissen, Sellerie- und Liebstöckelblättern konnte er mit geschlossenen Augen genauso zuordnen wie die glatte oder rissige Oberfläche von Baumstämmen.
Ringsum schwarze Menschen. Der Bahnhof von Paris schien in afrikanischer Hand zu sein. Ein orthodoxer Jude mit Kippa und Schläfenlocken schnupperte hingebungsvoll an Parfümfläschchen in einer grell ausgeleuchteten Drogerie. Asiatische Reisegruppen mit Atemschutzmasken zwängten sich mit schwerem Gepäck durch das Gewühl. Jugendliche ohne Fahrkarten schwangen sich wie Geräteturner über die Absperrungen zu den Bahnsteigen der Metro. Alles machte auf Dirk den Eindruck einer monumentalen Theateraufführung. Da, der Metroplan. Rahim schien ganz in der Nähe zu wohnen. Mal sehen. Eine Station mit der 4, dann in die 2, von der 2 in die 13. Die Untergrundbahn war schnell, voll und ohrenbetäubend laut. Die Türen schlugen ruckartig und scheppernd auf und zu. Schon raste der Zug in den nächsten Tunnel, während der ganze Wagen rappelte und zitterte. In der 2 zupfte ein Mann an einem Saiteninstrument und sang dazu melancholische arabische Lieder, als könnte er den Lärm und das ständige Rein und Raus der Fahrgäste ausblenden.
Dirk ging plötzlich durch den Kopf, dass er eigentlich gar nicht wusste, worauf er sich eingelassen hatte. Vielleicht war er auf dem Weg zu einer richtig coolen Party, möglicherweise aber auch zu einer steifen Familienfeier mit strenger Sitzordnung. Wo würde sein Platz sein – schon neben Rahim oder noch am Ende der Tafel? Würden sie sich zur Begrüßung küssen oder wieder von vorne anfangen? Was wusste er schon von Rahim? Fast nichts. Als er sich heute Morgen rasiert hatte, spielte das Radio Your Song von Elton John. Wie oft hatte er dieses Lied schon gehört. Doch erst heute kam ihm der Gedanke, dass hier ein Mann einem Mann seine Liebe erklärte.
Die Türen der Metro öffneten sich und gaben den Blick frei auf ein Plakat, das für eine Ausstellung warb. Das Foto eines Mannes, der einen anderen an einem Strand auf seinen Schultern trug. Würde es so sein oder gab es das nur in der märchenhaften Bilderwelt von Annie Leibovitz, in der Schauspieler und Popsänger wie Sagengestalten wirkten und Augenblicke wie die zwei Männer am Strand wie eine Ewigkeit inszeniert waren? Und was, wenn Rahim mit nüchternem Blick keinen Gefallen mehr an seinen roten Haaren und seinen Segelohren fand?
Guy Môquet. Hier war es. In der Metrostation ein Obstladen mit halbierten Kokosnüssen, Ananas, Bananen, Trauben, Datteln. Oben ein siebenstöckiges, klotziges Hausmann’sches Eckhaus aus Sandstein. Davor ein weiteres Geschäft mit Früchten und Gemüse, das auch noch geöffnet war und seine üppigen Auslagen auf beiden Seiten des engen Bürgersteigs feilbot. Und das um 22.00 Uhr. Daneben ein schlauchähnliches Café, vor dem drei Bistrotische standen. Einer davon war noch frei und zog Dirk magisch an. Er lehnte seinen Rucksack an die Hauswand, setzte sich und bestellte einen petit noir. In dichter Folge fuhren Autos vorbei, aus denen Gelächter, erregte Stimmen von Jugendlichen und die tiefen Bässe von House-Musik drangen, die bis in seine Magengrube vibrierten. Auf dem Weg ins zerstreuende Vergnügen schienen alle von dem Fieber der Samstagnacht übermannt worden zu sein. An dem einen Nachbartisch saßen zwei junge, rauchende Frauen, die munter schnatterten. Die eine präsentierte der anderen stolz ihre grün lackierten Fingernägel. Zu dem anderen Tisch, an dem ein dunkelhaariger Typ mittleren Alters ein Glas Rotwein trank, trat nun der Kellner. Beide redeten eine Sprache, die Dirk nicht einzuordnen vermochte. Armenisch, Georgisch, Kirgisisch… keine Ahnung. Er nippte an der bitteren, belebenden schwarzen Brühe und wusste selbst nicht, warum er so kurz vor dem Ziel noch einmal durchatmen musste. Sein erster Eindruck von Paris war grell, farbig und laut. Greller, farbiger und lauter als Düsseldorf jemals sein würde. Paris erschien ihm wie ein Strudel, der ihn erfasste und ins Unbekannte trug. Als ihm ein junger Mann aus einem vorbeifahrenden Wagen zuzwinkerte, leerte er die Tasse, bezahlte, lud seinen taubengrauen Rucksack, dem seit der letzten Trekkingtour eine Schnalle fehlte, wieder auf, ging zurück zu dem Eckhaus mit dem Obst- und Gemüsegeschäft, trat zur Haustür und gab den Code ein, den Rahim ihm geschickt hatte. Die Tür sprang auf. Im Flur waren Olivenbäume in bunten marokkanischen Töpfen an die Wände gemalt. Es roch nach Chlor wie in einem Hallenbad. Eine Flügeltür. Links zum Hinterhaus B. Dirk überflog die Klingelschilder. Nguyen/Bâ/Mirdamadi. Voilà! Die abgetretenen Holzstufen quietschten. Mit jeder Etage wurde der Tumult aus Stimmen, Gelächter und Musik lauter. In Dirks Vorstellung wartete Rahim schon ungeduldig und freudestrahlend an der Türe.
Es war erst eine Woche her, dass er ihm zum ersten Mal begegnet war. In einem Klub in Köln. Dumpfes, monotones Stampfen vermischte sich mit Sirenengeheul und einem Knattern wie von Presslufthämmern. Es war der Tag, an dem ein schweres Erdbeben die chinesische Provinz Sichuan erschütterte. Dirk hatte es am Morgen im Radio gehört. Er nippte an seinem Glas Wodka Lemon. Zuckende Lichtblitze blendeten ihn und gaben der tanzenden Menge etwas Mystisches. Die tiefen Bässe grollten in seinem Bauch. Gleichzeitig bebte die Erde in Sichuan weiter und weiter. Tausende Rettungskräfte räumten schon seit dem Vortag die verschütteten Straßen mit Baggern und Dynamit. Eine Amateuraufnahme auf Youtube hielt fest, wie ein dunkelgrünes Militärfahrzeug mit Soldaten einen schlammigen Abhang hinunterrutschte, sich überschlug und in den Fluten eines reißenden Flusses versank. Der Film brach hier ab. Dirk hatte sich das Video wieder und wieder angesehen und jedes Mal gehofft, dass es doch noch zeigen würde, wie sich die Soldaten befreiten und ans Ufer schwammen. Aber es endete immer an derselben Stelle.
Trotzdem: lachen, alles vergessen. Haben Menschen nicht immer schon aus diesem Grund getanzt? Der Mann neben ihm grinste anzüglich. Dirk lehnte sich an die Theke, schloss die Augen und ließ seine Gedanken zu der hypnotischen Musik treiben.
„Bock auf 'ne Nummer?“, brüllte ihm der Grinsende ins Ohr, um die Musik zu übertönen.
Dirk wandte sich ab und bahnte sich einen Weg bis zu der Stelle, wo die Theke sich krümmte. Hier hinten war weniger los, sogar noch ein Hocker frei. Er setzte sich. Der Club war ein vollständig schwarz gestrichenes, riesiges Rechteck. Dahinter Toiletten und schmale Korridore, die zu dunklen Räumen ohne Türen führten und einen schnellen, wortlosen Quickie ermöglichten. Dirk beobachtete, wie Männer dorthin schlenderten und nach einiger Zeit wieder auf der Tanzfläche auftauchten. Wer schwul und unter dreißig war und wen das Schicksal irgendwo zwischen Niederrhein, Ruhrgebiet und Bergisches Land verbannt hatte, pilgerte Samstagnacht hierhin. Selbst aus der Diaspora der Voreifel und jenseits der belgischen Grenze nahmen junge Männer den letzten Zug nach Köln und verbrachten die Nacht in diesem finsteren Schuhkarton. Nicht Dirks Welt. Sein Element war Tageslicht, Frischluft, gleich welches Wetter, gleich welche Jahreszeit, der schwere Geruch von Erde. Doch manchmal, besonders in der Nacht, wollte er fremdes Terrain betreten, die Seiten wechseln, vor allem, wenn er nicht wissen konnte, was dieser Ausflug mit sich brachte. Er war sechsundzwanzig. Vielleicht zu jung, um genau zu wissen, wonach er suchte.
Gekonnt mischte der DJ zwei alte Stücke von Jimmy Somerville und Depeche Mode, um sie dann wieder in schweren Synthesizer-Beats aufzulösen. Dirk war wach, seine Sinne geschärft. Er schaute sich aufmerksam um. Die Nebelmaschinen arbeiteten auf Hochtouren um die Tanzenden und schafften mit ihren süßlichen, nach Bonbons riechenden Schwaden den Eindruck eines nächtlichen Sumpfs, aus dem sich Geister erhoben. Ein Asiat auf dem benachbarten Stuhl malte dem Barkeeper immer wieder vergeblich ein Rechteck in die Luft.
„Die Cocktail-Karte!“, rief Dirk.
Der Mann hinter dem Tresen legte den Zeigefinger an die Stirn und tat so, als hätte er einen Geistesblitz.
Der Nachbar drehte seinen Kopf zur Seite. Sein Gesicht, das etwas Leidgeprüftes hatte, passte gar nicht zu seinem Teenager-Körper. Er lächelte: „Merci!“
„De rien.“
„Du sprichst Französisch?“
Dirk nickte. Ja, dank einer stotternden Lehrerin, die Piaf und Camus geliebt und in den Pausen nicht mit den Kollegen, sondern mit den Schülern auf dem Hof um die Wette gepafft hatte, sprach er Französisch. Als die Getränke kamen, stieß der Nachbar mit ihm an und sagte: „Ich heiße Minh.”
„Dirk.“
Und dann schnellte eine weitere Hand hinter Minh hervor, gefolgt von schwarzen Locken, die große, dunkle Schlafzimmeraugen und violette Lippen einrahmten. Ein Bild von einem Mann.
„Und ich bin Rahim.“
Dirk schlug ein. Rahims Griff war fest und warm. Er strahlte, schürzte die Lippen, hob sein Glas, trank und hielt dabei den Blickkontakt, ohne ein einziges Mal mit den Wimpern zu zucken. Diese Lippen. Ein Ton zwischen dem Rot des Feuers und dem Blau des Himmels.
Dann stand Rahim auf und machte einen Schritt auf die Tanzfläche. Er trug Jeans, ein schwarzes T-Shirt mit V-Kragen und Turnschuhe. Die Art, wie er die Hüften kreisen ließ und seine Arme dazu hob, wie er sein Shirt ein wenig hochschob und sich über den sandelholzfarbenen Bauch strich – hier war jemand, der genau wusste, wie er wirkte. Eigentlich ein Typ, bei dem sich Dirk keine großen Chancen ausrechnen würde. Denn er hatte selbst diese rotblonden Haare und eben diese abstehenden Ohren. Da stand nicht jeder drauf. Doch dann besaß er auch ziemlich symmetrische Gesichtszüge. Und die waren eine Augenweide, an der sich Blicke von Männern und Frauen verfingen.
Weiter tanzend, kam Rahim langsam auf Dirk zu. Seine Reize rasten wie ein Hochgeschwindigkeitszug durch Dirks Blutlaufbahn. Woher nahm Rahim die Sicherheit, dass er willkommen war? Dirk könnte das nicht. Im Gegenteil. Es kam immer wieder vor, dass seinem Gegenüber völlig verborgen blieb, dass er ihm gefiel. Als gälte es, sein Verlangen wie einen Schatz zu hüten. Und tatsächlich genügte ihm manchmal die bloße Gewissheit, einen Mann zu wollen, ohne sein Interesse auch zu bekunden und das Bild zu gefährden, das er sich aus der Distanz von ihm gemacht hatte. So konnte es passieren, dass er unberührt und allein nach Hause fuhr, ohne zu bereuen. Er ging, wie er gekommen war und doch nahm er etwas mit – die Vorstellung von der bestmöglichen Begegnung mit einem Mann. Vermutlich musste man so werden, wenn man sich wie Dirk schon sein ganzes Leben lang in die stumme Einsamkeit von Gärten zurückgezogen hatte und dabei doch tief beglückt war angesichts der Vollkommenheit, die ihn umgab.
Rahim steuerte eindeutig und ausschließlich auf Dirk zu, während dieser regungslos auf dem Hocker saß und seine Hände ein Glas umklammerten. Es war der fünfzehnte Todestag von Octavio Paz. Die heiße Nachmittagssonne wärmte sein Grab auf dem Friedhof in Chihuahua. Um Mitternacht war in Fukushima der letzte Atomreaktor abgeschaltet worden. Und hier schwebte dieser Fliedermund wie ein Magnet auf Dirk zu, kam näher und näher. Wie eine Verheißung. Wie ein Versprechen.
„Du bist süß!“, raunte Rahim ihm ins Ohr und strahlte siegesgewiss.
Dirk spürte, wie das Blut in seinem Hals pochte. Dann zog Rahim ihn auf die Tanzfläche. Die Musik war wie ein Sturm, die ausgelassene Menge um sie herum dicht gedrängt. Es gab auch neidische Blicke, denn schließlich war insgeheim jeder für eine solche Begegnung hier, besonders diejenigen, die dies am Vehementesten abstreiten würden. Doch Dirk war blind dafür. Er sah nichts und niemanden außer Rahim. Seine wippenden Locken. Jedes Zucken seiner violetten Lippen. Jedes Zwinkern seiner Augen. Und es schien, als wenn genau dies Rahims Absicht war. Denn er ließ keinen Abstand zwischen ihnen entstehen. Und im Spiegel von Rahims Augen gab es nur noch sie beide. Dafür ist die Nacht gemacht, dachte Dirk. Um von Glück durchströmt zu taumeln, zu fliegen, um allem anderen in der Welt da draußen zu entkommen, wie dem Video über die Soldaten, die den Auftrag erhalten hatten zu helfen und selbst zu Opfern wurden.
Dann tat Rahim etwas, was noch nie jemand vor ihm für Dirk getan hatte – er hielt inne, nahm Dirks Hände, küsste sie und sah ihm dabei tief in die Augen. Dirk musste unwillkürlich lachen, doch gleichzeitig spürte er einen Druck auf seinen Tränendrüsen. Dann kam Rahim dicht an sein Ohr und rief gegen das Getöse, das aus den Boxen kam: „Ich mag dich. Sehr.“
Und als wäre dies Teil einer Inszenierung, die Rahim veranlasst hatte, brach die Musik in diesem Augenblick plötzlich ab, und sie standen blinzelnd und verdutzt in gleißend weißem Licht.
„Wir haben eine Rauchentwicklung im zweiten Stock. Bitte geht alle ruhig zum Ausgang auf die Straße. Es besteht kein Grund zur Panik“, rief der DJ durch ein Mikrofon.
Sofort setzte ein hundertfaches Stimmengewirr wie das Summen in einem Bienenstock ein und alle drängten in dieselbe Richtung. Dirk übersetzte, worauf sich Rahims große Augen noch mehr weiteten. Er gab Minh, der nach wie vor an der Theke saß, ein eindeutiges Handzeichen, griff nach Dirks Arm und zwängte sich in einem Zickzackkurs seitlich an der sich gegenseitig vorwärts schiebenden Menschenmenge vorbei und zog dabei Dirk hinter sich her. Der vergaß fast den Ernst der Lage und starrte stattdessen wie gebannt auf Rahims braune Hand, von der seine helle Hand umschlungen war. Und da war er, dieser Moment, der nur wenige Sekunden dauerte, in dem Dirk sich jedoch großzügig beschenkt fühlte. Wie in der vergangenen Woche, als er vor dem Haus seines Kunden Kenji Nemoto den frisch austreibenden, alten Ginkgo gesehen hatte und vor seinem geistigen Auge das Bild des japanischen Gartens entstand, den er um diesen Baum anlegen würde. Es bedurfte nur eines einzigen Augenblicks, um ihm die Vision zu schenken, wie er als Nemotos Gärtner das verwahrloste Grundstück vor dessen Haus verwandeln würde. Genau so wollte er mit Pflanzen umgehen und sein Geld verdienen. Mit Intuition. Es war eine innerliche Bereicherung, zu erleben, wie dies auch gelang. Dieser Gingko biloba, dieses erdgeschichtlich lebendige Fossil mit seinem tief gefurchten Stamm, seinen waagerecht schwebenden Ästen und den hellgrünen, abgerundeten Fächerblättern verlangte nach einem eleganten Rahmen, der seiner ostasiatischen Herkunft entsprach. Den künftigen Garten mit seinen Kiefern und Steinformationen konnte Dirk bis in die kleinste Einzelheit vor sich sehen. Daran musste er nun denken, als er seinen Blick auf Rahims Griff um seine Hand heftete, ein Griff, der ihn auch mehr sehen ließ als das, was er in diesem Augenblick zu bedeuten schien.
Mit dem Sirenengeheul eintreffender Löschfahrzeuge stolperten sie auf die Straße, auf deren Pflaster sich schon das Licht von Flammen spiegelte. Aus der zweiten und dritten Büroetage über dem Klub loderte offenes Feuer. Polizisten lotsten sie auf die Verkehrsinsel in der Mitte der schon gesperrten dreispurigen Fahrbahn. Dort standen sie alle und stierten auf den Qualm und das Geflacker, dessen Hitze sich selbst in dieser Entfernung noch auf ihre Gesichter legte. Um sie herum setzte eine Diskussion ein, ob man sein Eintrittsgeld zurückverlangen sollte und ob die Versicherung des Klubbetreibers dafür nicht aufkommen müsste.
Rahim hielt immer noch Dirks Hand. Als der Griff fester wurde, wandte sich Dirk ihm zu. Rahims Brauen waren zusammengezogen, seine Züge hatten etwas Gequältes und im Schein der Flammen schienen sich seine Lippen in das Dunkelblau eines Erfrierenden zu verfärben. Er murmelte Minh kurz etwas zu und drehte sich dann wieder zu Dirk: „Wir müssen zum Hotel. Unsere Sachen holen. Unser Zug fährt bald.“
Und während in Kabul der Mutter der ermordeten Polizistin ein abgetrennter Finger mit einem Ring zur Identifikation vorlegt wurde und ihre Knie plötzlich nachgaben, nickte Dirk nur widerwillig. In ihm jagten gleichzeitig Warum-, Wann- und Wo-Fragen und die Angst, Rahim könnte sich belanglos mit einem „War schön“ oder „Vielleicht sieht man sich ja wieder“ verabschieden.
Doch Rahim schien zu erkennen, dass er ihm eine aufrichtige Erklärung schuldig war. Er wies kurz mit der Hand zu dem brennenden Haus, sah dann Dirk fest an und sagte: „Ein Teil meiner Familie ist in einem Kino ums Leben gekommen. Es ist auf Anweisung von Chomeini in Brand gesteckt worden. Weil dort Frauen und Männer mit ihren Kindern gemeinsam im Dunkeln saßen. Das war 1978. Acht Jahre, bevor ich geboren wurde. Trotzdem habe ich immer wieder Alpträume davon.“ Er machte eine kurze Pause und fügte hinzu: „Ich kann das nicht sehen.“
Dirk nickte. Dieses Mal, weil er verstand. „Ich will dich wiedersehen“, sagte er, erstaunt über sich selbst und gleichzeitig stolz, dass ihm dieser Satz rechtzeitig über die Lippen gekommen war. Denn oft fiel ihm erst im Nachhinein ein, was er am liebsten gesagt hätte, als er geschwiegen hatte.
Es entstand eine weitere Pause, in der Minh erwartungsvoll zu Rahim hochsah und als der zögerte, selbst die Initiative ergriff: „Rahim hat nächsten Samstag Geburtstag.“
„Kommst du?“, fügte Rahim hinzu, seinen Blick starr auf Dirk geheftet.
„Ja, sehr gerne."
Sie tauschten Telefonnummern aus, eine Umarmung für Minh und einen Kuss für Rahim. Und als er ihnen hinterher sah, stand für Dirk fest, dass er die Einladung nach Paris annehmen würde. Es war unmöglich, an Rahim vorbeizugehen. So unmöglich, wie wenn er sich zwingen würde, eine Blüte nicht zu beachten, die ihn förmlich hypnotisierte, die ganz von alleine seinen Kopf in ihre Richtung bewegen ließ und ihm nicht anderes erlaubte, als dass er seine Augen schloss, um von ihrem Geruch zu kosten. Rahim nicht zu wollen, wäre, als wenn er vor einem Feld aus Thymian stünde, ohne darüber zu streichen und einen Strom aus würzigem Duft freizusetzen, den er tief einsaugen musste. Er wollte Rahim, ihm die Kleider vom Körper streifen, die Gärten auf seiner Haut, die im Neonlicht der Tanzfläche wie Tannenhonig geschimmert hatte, entdecken, sie mit seinem Speichel bewässern, Wurzeln in ihnen schlagen. Denn Rahim vermochte etwas, was noch nie jemandem vor ihm gelungen war. Er löste aus, dass etwas in Dirk zu blühen begann.
Doch im Türrahmen zu der Wohnung unterm Dach stand nun nicht Rahim, sondern Minh mit seinen traurigen Augen. „Dirk! Du bist es! Ich hatte wirklich gehofft, dass du kommst. Schön! Komm rein!“, strahlte er und schloss die Tür hinter ihm.
„Ist er das? Der Deutsche? Ja?“
Ein quirliger schwarzer Mann mit einem kreisrunden Gesicht und hochgezogenen Brauen ließ zappelnd ein Glas von der einen in die andere Hand wandern. Er war also schon der bunte Hund. Gerade noch hatte ihn die wohltuende Einsamkeit seiner Pflegegärten umgeben, nun blendete ihn grelles Rampenlicht. So kam es ihm zumindest vor.
„Ja, das ist Dirk!“
„Eh bien. Bonsoir, bonsoir! Ich heiße Amadou. Amadou Papa Bâ. Willkommen, willkommen bei uns! Ich trink' zwar keinen Alkohol, aber ich mach' trotzdem hier den Barkeeper.“ Während Minh Dirk den Rucksack abnahm, gab Amadou ihm gestikulierend zu verstehen, dass er ihm folgen solle. Wie ein Fluglotse, der eine Maschine auf dem Rollfeld anwies, riss er die Arme nach oben und bahnte sich und Dirk einen Weg in die Küche. Was für ein Energiebündel! „Mesdames, Messieurs, hoher Besuch aus Deutschland! Das ist Dik.“ Amadous Zeigefinger deutete nun auf verschiedene Köpfe. „Dik, das ist André. Fatima. Djamel. Manon. Jade. Louis. Camille. Zoé.“ Die Aufgerufenen nickten ihm zu, Dirk nickte zurück. „Also, was bekommst du?“
„Habt ihr Gin Lemon?“
„Sicher! Mit Eis?“
„Ja.“
Amadou mixte in Windeseile alles zusammen. Dann klingelte sein Handy. Auf dem Bildschirm lächelte Barack Obama. Bevor Amadou dran ging, konnte sich Dirk die Frage nicht verkneifen: „Wo ist Rahim?“
Amadou reichte ihm sein Glas und antwortete: „Irgendwo im Getümmel. Ich sag' ihm Bescheid, okay?“ und bahnte sich schon seinen Weg durch die Menge.
Amadou war also weg, Minh auch nicht zu sehen, geschweige denn Rahim. Um ihn herum nur fremde Gesichter. Eine junge Frau, deren Namen er vergessen hatte, wandte sich der Arbeitsplatte mit den Salatschüsseln und Baguettes zu. Sie schnitt sich ein Stück Käse ab, streifte ihn flüchtig mit ihrem Blick, konzentrierte sich kauend wieder auf das Buffet und fragte beiläufig: „Also du bist Dik. Are you American?“
„Nein, Deutscher.“
„Ah ja?“
Es klang wenig interessiert.
„Und woher kennst du Rahim?“
„Ich kenne ihn nicht gut. Auch noch nicht lange.“
„Du musst unbedingt das Taboulé von Fatima probieren. Echt gut!“ Damit kehrte sie ihm den Rücken zu.
Dirk hatte keinen Appetit. Sein Magen flatterte. Er leerte sein Glas, wartete noch einen Augenblick. Dann begab er sich auf die Suche. Die Wohnung war brechend voll mit Menschen, scheinbar ausweglos wie ein Labyrinth-Garten. Er zwängte sich vorbei an gefühlt hundert Leuten. „Pardon. Pardon.“ Ganz hinten, am anderen Ende des Apartments, hielt Rahim Hof, umringt von Gästen, die er mit einer Geschichte von der Uni amüsierte. Aus den Sprachfetzen, die zu Dirk gelangten, schloss er, dass es um einen Prof ging, was der gesagt hatte, worauf Rahim geantwortet hatte und so weiter. Dirk lehnte sich an die Wand. Alle lachten mit Rahim. Faszinierend. Dirk hörte nicht wirklich zu. Doch er verfolgte wie gebannt die Bewegungen der violetten Lippen, sah, wie Rahims Zunge über die weißen Zähne glitt, wie seine Hand über die eigene Brust streifte, er sich immer wieder die Locken aus der Stirn strich, wie sehr er es genoss, im Mittelpunkt zu stehen. Und er sah blendend aus – hellblaues Hemd, die oberen Knöpfe offen, die Ärmel lässig hochgekrempelt, eine enge schwarze Hose, nackte Füße in braunen Ledersandalen.
Plötzlich löste sich Rahim aus dem Kreis und machte vier Schritte in seine Richtung. Er erkannte Dirk, stutzte und rief: „Salut! Alles klar? Hast du was zu trinken?“
Ein kumpelhafter Klaps auf die Schulter für Dirk und schon ging es weiter – Küsse für eine Frau, eine herzliche Umarmung für einen Mann. Das war alles. Was für eine Enttäuschung! Doch was konnte er schon erwarten? Rahim hatte nichts versprochen. Dirks Gedanken rasten zu einem Bett aus Pressspan und mit ranzigem Kopfkissen in einem heruntergekommenen Bahnhofshotel. Dort konnte er auch die Nacht verbringen. Und morgen früh gleich mit dem ersten Zug zurück. Vielleicht hatten ihn die arabischen Liebeslieder und der Mann, der seinen Freund auf den Schultern trug, tatsächlich auf die falsche Fährte in einen Irrgarten im Schatten des Tour Eiffel gelockt.
Jemand legte den Arm um seine Schultern. Dirks Stimme war belegt. Er musste sich räuspern. „Ich brauche jetzt etwas Starkes. Whisky oder so.“
„Nur zu. Nur zu. Viens, mon ami!“, lachte Amadou.
Die Musik wurde lauter gedreht. Einige Gäste tanzten. Im Flur wurde Dirk plötzlich am Arm gepackt und in einen dunklen Raum gezogen, in dem es nach frischer Farbe roch.
„Hé! Du hast mich heute noch gar nicht geküsst! Dabei habe ich Geburtstag…“, flüsterte Rahim tadelnd. Er schob Dirks T-Shirt hoch bis über die Brust und legte seinen warmen Mund stöhnend auf die linke Brustwarze. Seine Hände massierten Dirks Ohren, glitten dann über Rücken, Pobacken, die Schenkel hoch zu seinem Schritt. „Wenn alle gegangen sind, bist du der Einzige, der bleibt. Okay? Ich freu' mich auf dich“, schnaufte Rahim. „Warte einen Moment, bevor du rausgehst, ja?“
Rahim öffnete die Tür und schloss sie hinter sich. Dirk sah sich um. Das helle Mondlicht, das durch die Fenster fiel, legte die Umrisse von mehreren Staffeleien frei. Er tastete vergeblich nach dem Lichtschalter und drückte die Klinke herunter. Draußen, an der gegenüberliegenden Wand des Korridors, stand Minh, dessen Züge sich nicht zwischen Freundlichkeit und Schwermut entscheiden konnten. Seine müden Augen wurden durch ein Buddha-Lächeln abgemildert.
„Ist das Rahims Zimmer?“
„Nein. Es ist meins.“
„Ah, Entschuldigung!“ Dirk zog die Tür rasch zu.
„Kein Problem. Hier!“ Minh reichte ihm den bestellten Whisky. „Es wird nicht leicht mit ihm. Aber vielleicht klappt's ja", mutmaßte Minh unverblümt.
„Wie meinst du das? Warum wird es nicht leicht?“, fragte Dirk zurück und schmiegte sich auch an die Wand.
Minh schien einen Augenblick zu überlegen. Dann hob er den Kopf. „Du lebst, wo du geboren bist, richtig?“
„Mehr oder weniger, ja.“
„Rahim ist im Exil. Er ist ein Baum ohne Wurzeln. Bäume ohne Wurzeln fallen schnell um.“
Amadou rief aus der Küche nach Minh. Dieser entschuldigte sich und verschwand im Meer der Gäste. Dirk fand einen freien Sessel im Wohnzimmer, das nun als Tanzfläche diente. Der scharfe Alkohol zerging auf seiner Zunge. Rahim – ein umfallender Baum? Er wirkte so stark, so selbstbewusst. Dirk stürzte den Rest seines Drinks herunter und beobachtete dabei Rahim, der am anderen Ende des Raumes mit einer dunkelhaarigen Frau tanzte, die so attraktiv war wie er. Er führte sie gekonnt, die eine Hand hielt ihre, die andere ruhte oberhalb ihres Gesäßes. Seine Nase streifte ihre Wange. Dirk wollte an ihrer Stelle sein. Sie strahlten sich an, lachten. Was für ein Paar, was für ein Mann! Ein Körper, der in sich wohnte, prall gefüllt mit Sinnlichkeit und Lebensfreude. Einen Wurzellosen stellte sich Dirk anders vor.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass nur Frauen mit Männern tanzten. Er blickte um sich. Überhaupt war es schwer, irgendeinen anderen Schwulen in der Wohnung auszumachen.
Dann erklang eine fremde Musik, die von einem einheizenden Dudelsack bestimmt wurde. Rahim öffnete einen weiteren Knopf seines Hemdes und winkte Dirk zu sich vor die geöffneten Fenster, die einen unverbauten Blick auf die vom weißen Mondlicht beschienene Stadt freigaben. Wie ein begehbares Gemälde breitete sich die Landschaft aus Dächern und Schornsteinen aus. Mit Dirk drängten sich immer mehr Gäste um Rahim, so dass er selbst wieder an den Rand des Raumes geschoben wurde, während Rahim mit von Schweiß triefenden Locken wie ein Derwisch durch den ausgelassenen Pulk fegte und aus Gläsern trank, die ihm bereitwillig gereicht wurden. Rahims klatschnasses Hemd klebte nun an seinem Körper und legte die Wölbungen seiner Schultern und seines Rückens bloß. Dirk wollte am liebsten mit ihm einen Satz aus dem Fenster in den Park aus Schornsteinen machen und wie die Brautleute von Chagall mit musizierenden Ziegen und fliegenden Heringen in den nächtlichen Himmel entschwinden.
Als Rahim die Wohnungstür hinter dem letzten Besucher schloss, begann es gerade zu dämmern. Er lehnte sich an die Tür, um sich von ihr abzustoßen, torkelte auf Dirk zu, warf beide Arme um dessen Hals und wies matt mit dem Kopf auf eine geschlossene Zimmertür. „Kein Licht!“, murmelte er, während sie auf ein großes Bett zustolperten.
Zwei Fenster gingen zum stillen Hinterhof hinaus. Von unten drang bläuliches Licht nach oben, als sei der Mond in den Hof gefallen.
„Was ist das?“, fragte Dirk und spähte nach unten.
„Das ist Monsieur Hachoud in seiner Schlachterei. Er schlitzt gerade den Hammeln die Bäuche auf“, kicherte Rahim.
Die Vorstellung von nackten, rosigen Tierleibern stieß Dirk nicht ab. Sie erregte ihn. Er drehte sich um. Rahim stand dicht hinter ihm. Sie umklammerten sich, klopften sich lüstern ab und verschlangen sich mit einer Intensität, die etwas Verzweifeltes hatte.
„Warte!“, ächzte Rahim und begann damit, seine feuchte Kleidung abzustreifen. Trotz seines benommenen Zustands war er einen Moment schneller als Dirk, warf sich aufs Bett, atmete tief und begann genau in dem Augenblick zu schnarchen, als Dirk sich zu ihm legte. Dirks Augen glitten nun über jeden Zentimeter von Rahims unbekleidetem Körper, die Oberarme, die muskulösen Schenkel und Waden. Im Zentrum seiner Brust und unterhalb des Bauchnabels kräuselten sich einige schwarze Haare. Seine Haut schimmerte im frühen Morgenlicht wie eine Decke aus mattem Samt. Sein Glied war dunkel, groß, ohne Vorhaut, immer noch halb aufgerichtet. Die Eichel, die breiten Brustwarzen genauso fliederfarben wie der Mund. Sein Kopf lag seitlich, Dirk zugewandt. Locken fielen über Stirn und Augen.
Dirk rutschte ganz dicht an Rahim heran. Er spürte seine warme Atemluft. „Wohin geht unsere Reise?“, flüsterte er.
Stunden später befand er sich auf einem Abenteuerspielplatz. Als er unter eine Holzbrücke trat, seilte sich ein Mann in Camouflage ab. Er warf sich mit seinem ganzen Gewicht auf Dirk, legte seinen Arm halb klemmend, halb stützend unter seinen Kopf, seine Hand umfasste liebkosend Dirks Wange. Die Lippen des Soldaten waren dicht über Dirks Mund. Er flüsterte: „Das hier ist kein Spiel. Wir sind Tschetschenen.“ Dirk nickte. Er wollte diese Lippen küssen. „Es geht um Grosny. Verstehst du?“
Dirk nickte wieder. „Ja, was soll ich tun?“
Der Soldat küsste ihn zärtlich. „Du rufst noch heute Putin an!“
„Was soll ich sagen?“
Der Soldat drückte seine Lippen wieder sanft auf Dirks Mund. „Du weißt, was zu tun ist.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Wir töten dich – so oder so.“ Dann lief der Soldat davon.
Dirk musste mit einer Bewegung wach geworden sein, denn Rahim öffnete nun auch die Augen. Sofort verbissen sie sich wieder ineinander. Es war wie bei einer Fahrt mit einem Kettenkarussell, beide in derselben Gondel, höher und höher, die Zimmerdecke öffnete sich, sie flogen davon. Auf und davon, weit, weit weg.
Im Tageslicht stand Rahim in einem anthrazitfarbenen Anzug mit weißem Hemd, frisch geduscht und rasiert vor dem Bett. „Ich muss los. Essen mit der Familie. Bis später! Ciao.“
Sie küssten sich. Erst fiel die Zimmer-, dann die Wohnungstür ins Schloss. Dirk fand keinen Schlaf mehr. Er döste nur noch. Dann richtete er sich auf. Ein Blick aufs Handy: 12.30 Uhr. Mein Gott, das ganze Zimmer bestand aus Büchern! Dirk betrachtete einige der Rücken – arabische, wahrscheinlich persische Titel, französische, englische. Enzyklopädien. Moderne persische Dichtung. Geschichte der russischen Lyrik. Und alle Schwestern und Brüder: Wilde, Woolf, Sontag, De Beauvoir, Gogol, Kavafis, sogar Klaus Mann. „Das Bildnis des Dorian Grey“ hatte er selbst gelesen. „Mrs. Dalloway“ und „Die Mandarins von Paris“ kamen ihm auch bekannt vor. Alle anderen Titel sagten ihm nichts. In einem der Regale ein Foto in einem schwarzen Rahmen von einem Jungen, der Rahim ähnlich sah. Dirk hörte Geschirr klappern und trat aus dem Zimmer.
„Bonjour, Dirk!“
Dirk nickte und lächelte. Minh stand vor der Spüle in der Küche und beseitigte den Schmutz der Nacht.
„Kann ich dir helfen?“
Minh schüttelte energisch den Kopf. „Nein, das mach ich schon. Mein Geburtstagsgeschenk. Du duschst. Dann solltest du rausgehen und einen Kaffee trinken. Es ist schön heute.“ Minhs Kinn wies zum Fenster. „Und lass dir Zeit! Rahim kommt nicht vor vier zurück.“ Dirk zeigte mit der Hand auf die Tür gegenüber. „Ja! Ein Handtuch liegt schon da für dich.“
Minhs Art hatte etwas Strenges und Sanftes zugleich. Sie reizte nicht zum Widerspruch. Während warmes Wasser die Spuren der vergangenen Nacht an ihm abwusch, stand für Dirk fest, dass er befolgen würde, was Minh empfahl.
Es war tatsächlich wunderbar draußen, warm, mit einer lauen Brise. Die Avenue war voller Leben. Leute kauften ein, Fisch, Kebab, chinesische Billigtextilien. In einer Reinigung, groß wie ein Garagentor, standen asiatische Männer im Dunst dampfender Bügeleisen und hantierten mit weißer Wäsche. Bestimmt jedes fünfte Ladenlokal ein Bistro. Überall dieselben mit Kreide notierten, deftigen Speiseangebote: Rindertartar mit rohem Ei, Gänseleber, Jakobsmuscheln, Riesengarnelen, Seewolf, Lammspieß, Ente. Männer standen an Tresen und schauten ernst auf die Straße. Vor ihnen Gläser mit Bier, Wein, Ricard.
