Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Dieser kleine "Klassiker" der Karmelspiritualität führt uns in ein Leben des Vertrauens auf Gottes Vorsehung.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 105
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Wilfrid Stinissen OCD
In dir bin ich geborgen
Vertrauen und Hingabe
in der Tradition des Karmel
Mein Vater,
ich überlasse mich dir.
Mach mit mir, was du willst.
Was du auch mit mir tun magst,
ich danke dir.
Zu allem bin ich bereit,
alles nehme ich an.
Wenn nur dein Wille sich an mir erfüllt
und an allen deinen Geschöpfen,
so ersehne ich weiter nichts, mein Gott.
In deine Hände lege ich meine Seele;
ich gebe sie dir, mein Gott,
mit der ganzen Liebe meines Herzens,
weil ich dich liebe
und weil diese Liebe mich treibt,
mich dir hinzugeben,
mich in deine Hände zu legen,
ohne Maß,
mit einem grenzenlosen Vertrauen;
denn du bist mein Vater.
(Charles de Foucauld, 1858–1916)
Vorwort
Im Evangelium – wie auch in jeder spirituellen Literatur – wird eine Menge von Dingen aufgezählt, die für den spirituellen Weg als wichtig erachtet werden. Man muss verzichten, sein Kreuz tragen, seinem Bruder vergeben, fasten, Opfer bringen, seinen Nächsten lieben, zum Frieden beitragen, in Gemeinschaft und privat beten … Alles hat seine Bedeutung, nichts darf vernachlässigt werden. Da erhebt sich manchmal die Frage: Wie soll man das alles gleichzeitig schaffen? Man hat das Gefühl, zersplittert zu werden. Die spirituelle Lesung handelt von der Askese, die Texte der Messe sprechen von der Wachsamkeit, der Exerzitienprediger betont eindringlich die Liebe zum Nächsten. Man ist hin- und hergerissen, und anstatt gelassen zu bleiben wird man immer unruhiger. So entsteht das Bedürfnis nach einer zentralen Idee, nach etwas Wesentlichem, Umfassendem, das den Rest einschließt.
Die Hingabe bzw. das Vertrauen ist meiner Meinung nach eine solche zentrale Wirklichkeit. Zweifellos würde man von einem Karmeliten erwarten, dass er das Gebet in den Mittelpunkt stellt. Das machten Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz. Aber Thérèse von Lisieux, eine weitere sehr bedeutende Persönlichkeit des Karmel, ist ganz fasziniert von der Hingabe: „Jetzt leitet mich nur noch die Hingabe, ich habe keinen anderen Kompass! Um nichts kann ich mehr mit Inbrunst bitten als darum, dass sich der Wille Gottes an meiner Seele vollkommen erfüllt.“1 „Jesus gefällt es, mir den einzigen Weg zu zeigen, der zu diesem göttlichen Glutofen führt, dieser Weg ist die Hingabe des kleinen Kindes, das angstlos in den Armen seines Vaters einschläft ...“2
Vor einigen Jahren hörten mein Bruder und ich anlässlich eines Besuches in der Zisterzienserabtei Bricquebec den Subprior über die spirituelle Entwicklung seines früheren verstorbenen Abtes Vital Léhodey sprechen. Am Anfang versenkte sich Dom Vital, wie es sich für einen Trappisten gehört, ganz in die Liturgie. Später entdeckte er das innere Gebet und schrieb sein bekanntes Buch „Les voies de l’oraison mentale“3, das in den meisten Klosterbibliotheken zu finden ist. Schließlich fand er einen noch einfacheren Weg und schrieb sein nicht weniger berühmtes Buch „Le saint abandon“4. Diese Entwicklung steht nicht im Widerspruch zur Lehre von Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz. Wenn man ihre Beschreibung der Vereinigung aufmerksam liest, sieht man, dass der wesentliche Inhalt dieser Vereinigung gerade in einer totalen Hingabe besteht.
Das Leben Jesu lässt ganz eindeutig erkennen, dass die Hingabe eine solche umfassende Idee – und Wirklichkeit – darstellt. Gemäß dem Brief an die Hebräer sagt er bei seinem Eintritt in die Welt: „Siehe, ich komme – so steht es über mich in der Schriftrolle –, um deinen Willen, Gott, zu tun“ (Brief an die Hebräer 10,7). Und er beendet sein Leben mit einem Akt absoluter Hingabe: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lukas-Evangelium 23,46). Die Hingabe ist wirklich der Kern seines Lebens.
Bei der Hingabe kann man drei Phasen unterscheiden. Die erste Phase besteht darin, den Willen Gottes – soweit er sich in den Lebensumständen manifestiert – anzunehmen und uneingeschränkt zustimmend darauf zu reagieren. In der zweiten Phase geht es darum, den Willen Gottes aktiv zu erfüllen, indem man ihm bedingungslos folgt. In der dritten Phase angelangt, ist die Hingabe so vollkommen, dass man ein 100%iges Werkzeug Gottes geworden ist. Vorher war ich es, der den Willen Gottes erfüllte; jetzt, in dieser letzten Phase ist er selbst es, der seinen Willen durch mich wirkt. Um mit Thérèse zu sprechen: „Seit langem gehöre ich mir nicht mehr, ich bin Jesus völlig ausgeliefert, es steht ihm also frei, mit mir nach seinem Belieben zu tun.“ 5
Selbstbiographische Schriften, S. 183.
Ibid., S. 192.
Dom Vital LÉHODEY,Les voies de l’oraison mentale [Die Wege des inneren Gebetes], Librairie Lecoffre, Paris, 1906.
Dom Vital LÉHODEY,Le saint abandon [Die heilige Hingabe], Librairie Lecoffre, Paris, 1919.
Selbstbiographische Schriften, S. 228.
Das Problem des Menschen unserer Zeit ist es, dass er in dem, was sich ereignet, nicht mehr den Willen Gottes erkennt. Er glaubt nicht mehr an eine Vorsehung, die für jene, welche Gott lieben, alles zum Guten gereichen lässt (Brief an die Römer 8,28). Man sagt zu leicht und ohne genügend Nuancen: „Das ist aber nicht der Wille Gottes, dass Menschen krank werden, Hunger haben, verfolgt werden …“ Sicher ist es nicht Gottes Wille, dass die Menschen zueinander herzlos sind oder in Konflikten leben. Er will im Gegenteil, dass wir einander lieben. Aber selbst wenn es schlechte Menschen gibt, die – gegen den Willen Gottes – ungerecht zu ihren Mitmenschen sind, weiß Gott aus dieser Ungerechtigkeit einen Nutzen zugunsten dieser ungerecht behandelten Personen zu ziehen. Man muss unterscheiden zwischen einerseits der sündhaften Handlung, die gegen den Willen Gottes ist, und andererseits der Situation, die sich daraus für das Opfer dieser sündhaften Handlung ergibt. Gott will diese sündhafte Tat nicht, aber er rechnet seit ewigen Zeiten die Folgen dieser Tat im Leben des Betroffenen ein. Er will, dass alles, was uns passiert, uns wachsen und reifen lässt, sogar das Unrecht, das die anderen uns erleiden lassen.
Wir neigen dazu – und das ist tief in uns verwurzelt –, stets zu bemerken, was die anderen Böses tun. So verpassen wir das Wesentliche: den Willen Gottes anzunehmen und vollinhaltlich zu begrüßen – diesen Willen, der zu einem guten Teil aus dem von anderen Menschen gegen ihn geführten Kampf resultiert. Es genügt, an Jesus zu denken. Sicherlich war es nicht der Wille des Vaters, dass sein Sohn von den Menschen ermordet werden sollte, es war nicht der Vater, der sie dazu drängte. Dagegen wollte der Vater tatsächlich, dass Jesus das freiwillige und unschuldige Opfer der Bosheit der Menschen sei, er wollte, dass Jesus sich töten lasse. Und Jesus hat nicht – wie man es jetzt so oft hört – gesagt: „Das ist nicht Gottes Wille, Gott kann so etwas nicht wollen.“ Er hat gesagt: „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst“ (Markus-Evangelium 14,36). Für jeden von uns gibt es einen Kelch, den der Vater uns zu trinken gibt. Da sein Inhalt zu einem großen Teil von den Menschen herzurühren scheint, haben wir Mühe, darin den Kelch des Vaters zu erkennen. Dennoch ist es der Vater, der uns diesen bitteren Kelch reicht. So war es für Jesus, so ist es auch für uns.
Gott hält alles in seiner Hand. Nichts entgeht seinem Einfluss, nichts kann seine Pläne vereiteln. Augustinus hat sehr radikal formuliert: „Nichts geschieht, ohne dass der Allmächtige will, dass es geschieht, sei es, dass er es geschehen lässt, sei es, dass er es selbst tut.“1 Etwas geschehen zu lassen ist auch eine Willensentscheidung Gottes.
Dieses „Geschehen-Lassen“, diese Passivität Gottes ist für den Menschen unserer Zeit der Stolperstein schlechthin. Warum greift Gott nicht ein? Wie sind Auschwitz, die Folterkammern und die ständige Bedrohung durch einen unvorstellbaren nuklearen Konflikt möglich, wenn Gott wirklich um den Menschen bemüht ist? Entsetzliche Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind. Ich werde im zweiten Kapitel darauf zurückkommen und zu beweisen versuchen, warum Gott den Menschen mit Freiheit ausgestattet hat, obwohl er wusste, dass diese Freiheit auch den Weg zu furchtbaren Katastrophen eröffnet.
Beschränken wir uns für den Moment auf die Tatsache, dass der Vater den grausamen Tod seines einzigen Sohnes, seines Viel-Geliebten, nicht verhindert hat. Diese Tatsache ist eine Art „Archetypus“, der uns sehr klar zwei Dinge aufzeigt. Zuallererst, dass das Leid und sogar der Untergang niemals Zeichen für eine geringere Liebe des Vaters sind. Und dass infolgedessen das Leid nicht unnütz ist. Das Leid ist fruchtbringend, das Leid führt zu Erlösung, das Leid ist, seit Jesus es durchlitten hat, Heilswerkzeug. Das gilt nicht nur für Leid, das edelmütig und heroisch getragen wird. Wer weiß, wie er in der Folterkammer reagieren würde? Es genügt, dass jeder entsprechend seinen eigenen Kräften versucht , das Leid anzunehmen oder auch nur geschehen zu lassen, was geschehen muss. Die Kirche hat stets die „Unschuldigen Kinder“ als Märtyrer geehrt, obwohl diese ihren gewaltsamen Tod nie bewusst angenommen haben.
Gott bedient sich des Bösen und spielt damit so souverän und mit solcher Virtuosität, dass er ein besseres Resultat erzielt, als wenn es das Böse nie gegeben hätte. Für uns, die wir mitten darin stecken, scheint das schwer verdaulich. Wir finden den Preis, der für diese guten Ergebnisse zu zahlen ist, zu hoch. Doch der hl. Paulus jubelt über das „Geheimnis“, den großartigen Plan Gottes, „der von Ewigkeit her in Gott verborgen war“ (Brief an die Epheser 3,9) und in dem das Böse und die Sünde auch ihren Platz haben. „Denn Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen“ (Brief an die Römer 11,32). In diesem lapidaren und kühnen Text, der aus streng theologischer Sicht fragwürdig ist, weil er scheinbar Gott die Initiative zur Sünde zuschiebt, versichert uns Paulus, dass selbst die größte Katastrophe, die Sünde, dazu beiträgt, dass die Liebe offenbar wird. Nichts entgeht Gottes Heilsplan, deshalb ist die Tragik dieser Welt trotz all ihrer Abscheulichkeit niemals endgültig. All das Absurde, zu dem die Dummheit und die Blindheit des Menschen führen können, wird wieder aufgefangen von der allmächtigen Liebe Gottes, der fähig ist, sogar das Absurde in seinen Heilsplan hineinzunehmen und ihm so Sinn zu verleihen.
In seinen Erzählungen über die Chassidim schreibt Martin Buber: „Rabbi Sussja hörte einmal im Bethaus am Vorabend des Versöhnungstags einen Vorsänger die Worte: ‚Und es ist vergeben‘ auf wunderbare Weise singen. Da rief er Gott an: ‚Herr der Welt, hätte Israel nicht gesündigt, wie wäre vor dir solch ein Gesang erklungen?‘“ 2
„Es ist wahr, dass die Bösen“ – so schreibt der hl. Augustinus – „oft gegen den Willen Gottes handeln, aber seine Weisheit und seine Macht sind so groß, dass alles, was gegen seinen Willen zu sein scheint, tatsächlich zu guten Ergebnissen oder Zielen beiträgt, die er im Voraus bestimmt hat.“3 Oder mit anderen Worten: „Gott erfüllt seinen guten Willen durch den schlechten Willen der Bösen. Auf diese Weise ist der Plan der Liebe des Vaters durch die Juden verwirklicht worden und Jesus für uns in den Tod gegangen.“4
Zerbrechen wir uns also nicht den Kopf damit, dass wir einen genauen Unterschied zwischen dem festlegen, was Gott will, und dem, womit er sich begnügt, es zuzulassen. Was er zulässt, ist auch Teil seines globalen, universellen Planes. Er hat es von Beginn an vorausgesehen und entschieden, was er damit machen würde. Jedes Ereignis hat seinen Platz in Gottes Plan. Gott ist so gut, dass in gewissem Sinn alles, was mit ihm in Kontakt kommt, gut wird. Die Güte Gottes ist sozusagen ansteckend und infiziert sogar das Böse. „Gott ist so gut“, sagt der hl. Augustinus, „dass in seiner Hand sogar das Böse das Gute fördert. Er hätte niemals das Böse geschehen lassen, wenn er es nicht aufgrund seiner vollkommenen Güte nützen hätte können.“5 Wer wird da noch von Zufall sprechen? „Nichts in unserem Leben ist zufällig … Wisse, dass alles, was gegen unseren Willen geschieht, nur vom Willen Gottes her kommen kann, von seiner Vorsehung, von der Ordnung, die er geschaffen hat, der Erlaubnis, die er gibt, und den Gesetzen, die er erlassen hat.“6
