In dunklen Gegenden - Thomas Ballhausen - E-Book

In dunklen Gegenden E-Book

Thomas Ballhausen

4,9

Beschreibung

Erzählungen aus einer fantastischen Welt am Rande des Abgrunds, in der sich vor einem apokalyptischen Hintergrund die intimen Dramen der Verzweifelten, der Verachteten und der Verliebten entfalten. »Mit seinem Ansatz, anspruchsvolles Schreiben in klassische Unterhaltungsgenres zu schmuggeln, reiht Thomas Ballhausen sich unter ebenso große wie verdienstvolle Namen." (Hanno Millesi)

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Thomas Ballhausen

In dunklenGegenden

I. Sommerquartier

»Wer im begrenzten Bereich lebt, verlangt inbrünstig nach Besitz, nach Zugang zum Absoluten.«

E. M. Cioran

»Menschliche Angelegenheiten sind im Grunde tragikomisch, sie sind es stets gewesen.«

George Steiner

 

Natürlich erinnere ich mich an den letzten Sommer vor dem Ende des Kriegs mit den Eisenmännern. Es war ein Sommer der finalen großen Schlachten, der Sommer des letzten Jahres der alten Zeitrechnung, es war ein Sommer, der diese Bezeichnung nachträglich gesehen tatsächlich auch verdient hat. Es war also während dieses magischen, überdurchschnittlich heißen und hektischen Sommers vor etlichen Jahren, als wir das leer stehende Haus am Ende der Straße endlich für uns entdeckten. Es erscheint zum jetzigen Zeitpunkt etwas eigenartig, doch ich erinnere mich auf eine Art und Weise an diese Ereignisse, als hätte man sie mir bei einem Glas Bier oder einer Tasse Kaffee erzählt, als wären es Erlebnisse aus der Jugend anderer Leute, die ich gekapert, die ich mir angeeignet habe. Ich träume immer noch von diesen Ereignissen, die ich hier bloß kursorisch, nur in Form eines Überblicks wiedergeben kann. Würdest Du mit jemand anderem sprechen, der damals dabei war, würdest Du wahrscheinlich eine ganz andere Sicht der Dinge, eine gänzlich andere Geschichte erzählt bekommen. Vielleicht findet sich noch jemand aus unserer Bande, dann kannst Du die Darstellung der Ereignisse ja vergleichen. Ich sage ganz bewusst Bande, denn nichts anderes waren wir: eine Bande aus Kindern, die es nicht zur Band gebracht hatten, dafür waren wir einfach zu unmusikalisch gewesen. So entschieden wir uns eben für das Nächstliegende, für eine Bande und für eine Zeit der aufgeklebten Schnurrbärte, der falsch verstandenen Songtexte, während vor unser aller Augen die Wirklichkeit endgültig verloren ging. Eine Bande war damals gar keine große Sache, schließlich kümmerte sich im Durcheinander jener Tage niemand wirklich um uns. Alle hatten andere, vorgeblich ernsthaftere Probleme. Wir spürten, gefangen im Übergang zwischen Kindheit und Jugend, nur die Ewigkeit – nichts, so machte es den Anschein, würde jemals enden. Und trotzdem verhielt sich der Großteil der Stadtbewohner so, als wären ihre Tage bereits abgezählt worden.

Wie also betritt man eine Zeit, die man angeblich hinter sich gelassen hat? Die Erfahrungen dieses Sommers kann ich nur auf Umwegen wiederherstellen. Was kann ich also anderes tun, als einen Text zu schreiben, der den eigentlichen Ereignissen nicht nahekommt? Könnte ich eine Karte dieser Tage zeichnen? Erst vor Kurzem habe ich mit Notizen zu einer für mich notwendig gewordenen Erklärung begonnen, habe Skizzen angelegt, weil es kaum noch Material gibt, auf das ich zurückgreifen kann. Ich schreibe, sammle und sortiere, um zu verstehen, was ich vergessen habe. Der offiziellen Geschichtsschreibung vertraue ich nicht, ich will die Vergangenheit lieber in einer anderen, vielleicht verlässlicheren Form herstellen. Aus den geträumten Fragmenten und zusammengetragenen Trümmern werde ich nach und nach ein solides Fundament fertigen, auf dem ich stehen kann. Aber ich werde in dieser individuellen Historie darauf verzichten, über die Stadt und ihre Türme zu schreiben. Alle relevanten Dinge über sie sind schon gesagt worden, es erscheint mir deshalb sinnlos, diese ohnehin bekannten Umstände zu wiederholen oder ihnen unbestätigte Gerüchte hinzuzufügen. Ich belasse es bei dem Hinweis, dass wir beide doch ohnehin wissen, was passierte und warum ich, wie viele andere auch, danach lange Zeit nicht richtig schlafen konnte.

Ich versuche es also mit diesem Text, auch wenn schon jetzt, mit den ersten Zeilen, klar ist, dass ich hinter dieser eigenartigen, dieser schrecklichen und wunderbaren Zeit nur zurückbleiben kann, dass die Worte nur einen Abglanz von dem bieten können, was ich glaube damals empfunden zu haben. In diesen letzten, in diesen verletzten Kindertagen sind wir auf das Zwielicht eines neuen Alters zugestolpert, näherten wir uns unbekannten Fallstricken, dem ohnehin unvermeidlichen Verlust. Hinter manche Punkte kann man nicht zurückgehen, aber es gibt noch ein herrliches letztes Aufbäumen, bevor alles vergeht. Die erschreckende Endgültigkeit dieses Umstands ist uns schlicht nicht immer sofort bewusst. Ich war jünger damals, viel jünger, wirklich jung sogar, und ich hatte es geschafft, vom allgegenwärtigen Krieg möglichst unbeeindruckt zu bleiben. Die letzte Phase eines Konflikts, die, was wir nicht wissen konnten, nur wenige Wochen andauern sollte, brachte mit einer kaum zu verstehenden Geschwindigkeit Umwälzungen mit sich, die wir nicht erahnten. Es waren andere Tage, eine Zeit, in der ich ein gänzlich anderer Mensch war, niemand, in dem Du mich wiedererkennen würdest. Natürlich war ich vorbelastet, ich war in diesen Breitengraden des Pflichtbewusstseins und der Willfährigkeit geboren worden. Es waren Zustände, über die sich nicht mehr – wie es so schön verschleiernd heißt – vernünftig sprechen lässt.

Das alte Haus am Ende der Straße, das Van-Doren-Anwesen, war in meiner Erinnerung immer schon unbewohnt gewesen. Als wir in das Gebäude einbrachen, fanden wir es beinahe leer vor. Einbauschränke und eine stehen gebliebene Wanduhr waren noch da, in manchen Ecken standen vom Regen aufgeweichte Zeitungsstapel herum. Die Tapeten waren stellenweise aufgeplatzt, und man konnte die darunterliegenden alten Ziegel sehen. Umrisse an den Wänden zeigten an, wo die Bilder gehangen, hellere Flächen auf dem hölzernen Boden, wo die Möbel gestanden hatten. In den ersten Tagen unserer Besetzung, unserer Inbesitznahme, hatten wir uns kaum getraut, über diese deutlich sichtbaren Grenzen zu treten. Es war so, als wären die Gegenstände noch dort, als könnte man noch auf einem bequemen Sofa Platz nehmen, ein teures Gemälde betrachten, sich an einen reich gedeckten Tisch setzen oder sich in einem viel zu großen Bett wälzen. Das Gebäude erwies sich als Gehäuse für uns, das eben durch seine Begrenztheit eine unerwartete Sicherheit und Freiheit gewährte. In diesem rechtsfreien Raum abseits aller gesellschaftlichen Ordnungen konnten wir etwas verlangen, etwas bekommen. Die Gerüchte über die letzten Besitzer reichten uns als Erklärungen, das Minimum ungesicherter Informationen und getuschelter Geheimnisse war uns genug. Wir versteckten dort, was wir auf den Straßen fanden, was wir in den Läden stahlen oder aus den vergleichsweise ärmlichen Häusern unserer Eltern schmuggelten. In diesem Sommer des Übergangs bevölkerten wir das Haus und trugen in der durch die Hitze bedingten Langsamkeit die Objekte unserer gar nicht so unschuldigen Begierden zusammen. Dieses alte Haus wurde unser Projekt, unsere Aufgabe und Ablenkung. Ich bin mir nicht sicher, ob wir sie gesucht hatten, wichtiger war bestimmt, dass wir sie gefunden hatten. Mit diesen Räumen ging eine Spielfreude abseits aller Normen, aller Abzählreime und der Anzahl gewürfelter Augen einher. Alles was wir uns vorstellen konnten, wurde Bestandteil dieser neuen Welt. Wir tranken Feuer, als gäbe es kein Morgen, und waren so furchtlos gebieterisch wie möglich. Manche der zahlreichen Räume durften nur auf bestimmten Pfaden durchschritten werden. Es war eine morsche Welt. Wohin wir uns auch wandten, wir wurden ständig vom knarrenden Geräusch des nachgebenden Bodens begleitet. Ein neues Regime entstand innerhalb dieser Mauern, die leeren Zimmer wurden zu den Projektionsflächen unserer Wünsche. Die neue Wirklichkeit verstreuten wir wie Farbe auf den uns umgebenden Wänden, wir brachten die Spuren einer neuen Herrschaft, unserer Herrschaft, an. Wir verwandelten uns in die Helden der damals so populären TV-Serien, der als Schundhefte verschrienen Abenteuerromane und der billigen Comichefte, deren Druckerschwärze an unseren Händen klebte. Mit dem Betreten des Gebäudes schlüpften wir in unsere Rollen, in neue Verkleidungen und Verbindlichkeiten. Es war fast schon überraschend, wie gut alles funktionierte, wie wenig Worte notwendig waren, um neue Familien zu erschaffen. Besucher waren in der gemeinsamen Fiktion nicht willkommen, in unserem Verständnis war das Haus schon voll. Niemand sonst hätte sich, so unsere unausgesprochene Überzeugung, in unser System eingefügt, in all die gestohlenen Gegenstände, die entlehnten Erzählungen, die kleinen wesentlichen Regeln und die verbotenen Lektüren. Diese neue, uns eigene Beschäftigung erfüllte uns. Angesichts der täglichen Zumutungen hatten wir keine andere Wahl, als eine gänzlich andere Wahrheit und Wirklichkeit zu erschaffen. Was ist Geschichte, was ist Realität? In diesen Tagen lernten wir der Gesellschaft zu misstrauen, wir eigneten uns an, mit den grausamen Kräften in uns zu jonglieren, ohne wirklich kriminell zu werden. Auf das Ungestüme und das Unerwartete konnten wir immer setzen. Für die flirrenden Unschärfen unserer diffusen Umwelt, diesen Zustand andauernder Verwirrung, konnten wir einfach kein Interesse aufbringen. Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, dass das heute anders wäre. Ich spiele immer noch ernste Spiele, höre immer noch ähnliche Musik. Das Haus, so wurde uns klar, konnten wir niemals aufgeben. Bestenfalls hätten wir es wie eine Insel, auf der man Zuflucht gefunden hat, an andere Gestrandete weitergeben können. Aber erst, wenn der Zeitpunkt richtig war. Zu schön war es, nachts auf dem Dach zu sitzen, die Wärme, die auch in den Nachtstunden nicht vergehen wollte, zu genießen, Bier aus Dosen zu trinken und die Explosionen über der Stadt zu beobachten, die das Dunkel wie ein Feuerwerk erhellten. Wir machten uns angesichts der Ereignisse, die wir vom Rand beobachteten, alle möglichen Vorstellungen, aber eben keine, die man sich von uns erwartet hätte.

Die mechanische Bombe schlug in einer Nacht ein, die wir, ich kann nicht mehr sagen warum, nicht im Anwesen verbracht hatten. Der Einschlag war für die Allgemeinheit ein zu unbedeutendes Ereignis gewesen, als dass es sich in den historischen Zeitungsbeständen heute finden lassen würde, doch für uns änderte sich damals schlagartig alles. Die abgeschossene Maschine, ein Blindgänger, dessen Zweck auf den ersten Blick nicht zu erkennen war, erwartete uns bei der Rückkehr in unser abgestecktes Reich. Sie hatte das Dach und die Decke zwischen Dachgeschoss und dem darunterliegenden Stockwerk durchschlagen und war im Fußboden einer der großen Wohnräume im ersten Stock stecken geblieben. Wir besahen sie neugierig von allen Seiten, auch vom Erdgeschoss aus, vorsichtig nach oben blickend und das matte Grau der stählernen Konstruktion bestaunend. Wir hatten Maschinen wie diese bislang nur in den Nachrichten gesehen. Risse durchzogen die Decke um sie herum, doch offensichtlich bestand keine Gefahr, dass die Maschine der Eisenmänner, denn nichts anderes war sie, weiter nach unten fallen würde. Die Versuche, diesen stummen Gast in unsere bestehenden Spiele und Rituale zu integrieren, schlugen fehl. Nach nur wenigen unbefriedigenden Tagen der Ungeduld begannen wir neue Formen zu entwickeln und uns im Verlauf der Bewegungen im Haus immer weiter an die Maschine heranzuwagen. Es wurde zu einer unvermeidlichen Mutprobe, sie schließlich zu berühren, ihre Aktivierung zu riskieren. Wir wollten wissen, wie die Gefahr oder das, was wir dafür hielten, schmeckte. Wir wollten die Tauschgeschäfte der Jugend auskosten, den Einsatz höhertreiben. Im Kreis um die Maschine stehend reizten wir uns mit Worten, schubsten uns. Beleidigungen folgten, und eines der Mädchen in unserer Gruppe bot mir, kaum dass sie mich einen Feigling genannt hatte, großspurig einen Kuss an, wenn ich die metallene Oberfläche als erster berühren wollte. Schwerwiegende Entscheidungen fielen mir niemals wieder so leicht wie damals. Ich trug, als wir da standen, eine schwarze Maske und trotz der Temperaturen eine viel zu große Lederjacke über meiner verwaschenen Kleidung. Ich berührte die Maschine, nahm die Hand aber nicht gleich wieder weg, wie es sich vielleicht empfohlen hätte. Ich wartete zu, wunderte mich, was da unverständlicherweise in meinem Brustkorb pumpte und scheuerte. Die schlafende Drohne, dieses stählerne Insekt, entfaltete sich nicht unter meiner Berührung, kein Zauber stellte sich ein. Ich wartete. Dann zog ich die Hand zurück und verließ wortlos das Haus, in das ich nie mehr zurückkehrte. Doch der Bauschutt dieser Welt hat mich nie verlassen, in meiner Empfindung ist dieser Sommer, mit all seinen großen Fragen, nie zu Ende gegangen. Das Mädchen hat mich nie geküsst.

II. Fabelhafte Verhältnisse

»Aber eine Armee von Gespenstern beansprucht seine Schuhe.«