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»In ihrem Roman ›In einen Stern‹ findet Puk Qvortrup Worte für das Unbeschreibliche.« Literatursiden Wie weiterleben, wenn das Schlimmste eintritt? Puk ist schwanger und Sohn Elmer erst zwei, da erhält sie die Nachricht, ihr Mann Lasse ist beim Marathon tot umgefallen. Puk hat keine Wahl, sie muss weiterleben, im Kinderalltag funktionieren. Zwischen Tränen, Fragen, wo denn der Papa bleibt, Wäschebergen und angekauten Frühstücksresten wird Puks Jahr der Trauer zu einer existenziellen Erkenntnis: Der Tod, so brutal und plötzlich er daherkommt, ist nicht das Ende des Lebens, sondern Bestandteil. Puk Qvortrup erzählt knapp, schonungslos und mit großer Sogkraft von unserem größten Geschenk - dem Leben.
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Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2021
Puk Qvortrup
Roman
Puk steht unter Schock, ihr Mann Lasse konnte nach einem Herzstillstand nicht wiederbelebt werden, dabei war er erst Mitte Zwanzig genau wie sie selbst. Puk weiß nicht mit dem Tod ihrer großen Liebe umzugehen, sie weiß nur, dass sie kurz vor der Geburt des zweiten Kindes steht, und ihr 2-jähriger Sohn Elmer sie braucht. Also funktioniert Puk und erkennt an den Grenzen des Lebens, warum es sich lohnt, weiterzuleben.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Puk Qvortrup wurde 1986 geboren und hat Journalistik studiert, sie schreibt vor allem für die Kulturseiten verschiedener dänischer Zeitungen. »In einen Stern« ist ihr erster Roman. In Dänemark wurde der Roman zum Bestseller und von der Presse hochgelobt.
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Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel ›Ind i en stjerne‹ bei Forlaget Grif, Kopenhagen
© Puk Qvortrup 2019
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstraße 114, D- 60596 Frankfurt am Main
Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Text wurde vom deutschen Übersetzerfonds gefördert.
Covergestaltung: Schiller Design, Frankfurt, nach dem Originalumschlag von Alette B/Forlaget Grif, Kopenhagen
Coverabbildung: Roar Paaske
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-491234-9
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[Widmung]
[Motto]
Wir liegen zu dritt im Bett. [...]
1. Kapitel
2. Kapitel
Ich saß an einem Tisch [...]
Minuten. Nichts. Stunden. Etwas. [...]
Die Stunden verstrichen [...]
3. Kapitel
Das Leben ist voller Fenster [...]
Mein Mann, niemals wieder.
Er trat mir übel auf die Füße [...]
Drei Tage nach Lasses Tod [...]
In den Tagen bis zur Trauerfeier [...]
Meine EC-Karte wurde im Supermarkt abgewiesen [...]
Ich stand vor dem großen Spiegel [...]
Ich träumte, dass ich im Supermarkt war. [...]
4. Kapitel
Abends bettelte ich die Sterne an [...]
Es gab nichts zu essen [...]
Vormittag, und ich saß zu Hause [...]
Da war eine Biene [...]
Lasse war unter einem Baum zusammengeklappt. [...]
Die Freude war am schwersten zu tragen. [...]
Ich rief eine Trauergruppe in Aarhus an [...]
In einem Traum [...]
Ich saß mit einem roten Klumpen Knetgummi [...]
5. Kapitel
Was sollte aus mir werden? [...]
Lasses Schuhe standen noch immer [...]
Als Lasse und ich Anfang zwanzig waren [...]
Ich träumte [...]
Ich saß auf dem Sofa [...]
Eines Sonntags wusste ich nicht mehr [...]
Ich erwachte gegen Mitternacht [...]
Elmer und ich saßen auf der Rückbank [...]
An Lasses Sterbebett [...]
Lasse wurde ein Werk. [...]
Meine Routinen waren zur Überlebensstrategie geworden. [...]
Meine Haare begannen auszufallen [...]
Mitte November lag endlich ein Brief [...]
Eine Krankheit, von der man nicht weiß, dass man sie hat, bevor man daran stirbt.
Abend um Abend [...]
Ich träumte, dass ich Sex hatte. [...]
Erst durch seine Trauer [...]
Einen Monat vor der bevorstehenden Entbindung [...]
6. Kapitel
Was sie zusammen gehabt hätten.
Ich blieb noch ein paar Tage [...]
Während der letzten Monate [...]
Wie konnte ich so unglücklich sein [...]
Am Tag, als Kaj und ich [...]
Das Schlimmste am ersten Weihnachtsabend [...]
Silvester, es gab Champagner [...]
7. Kapitel
Ich träumte [...]
Das Bild von Emma [...]
Meine Freunde schlugen vor [...]
Vom Weinen wach werden, immer.
Eines Morgens trottete ich [...]
8. Kapitel
Ich lag mit beiden Kindern [...]
Drei Monate nach Kajs Geburt [...]
Im Februar feierte ich allein unseren Hochzeitstag. [...]
Liebe gegen Stärke einwechseln.
Ich zog die Schiebetür des Kleiderschranks auf [...]
Der Winter war ungewöhnlich harsch [...]
Eines Nachmittags stand ich [...]
Jedes Mal, wenn ich die drei Namensschildchen [...]
Wir bekamen einen Alltag [...]
Elmer bekam ein orangefarbenes Fahrrad [...]
Zwei liegen auf einem Sofa. [...]
[Danksagung]
Für unsere Kinder
Die Nacht bringt alle Dinge näher.
Es ist klingend
leer in der Fern’.
– – Wir gehen Hand in Hand
in einen Stern.
Morten Nielsen, 1943.
Wir liegen zu dritt im Bett. Einer ist noch nicht geboren, einer ist tot, ich aber bin am Leben.
Wir teilen ein Laken. Jemand hat elektrische Teelichter um uns herum aufgestellt. Zwei Männer stehen am Fußende und weinen, sie sagen Bruder. So haben sie einander noch nie genannt. An unserem Kopfteil sitzt ein Elternpaar. Sie sind grau geworden im Laufe der Nacht. Sie sagt etwas, weint. Dann sind sie nicht mehr da.
Ich liege ihm zugewandt auf der Seite, das Laken gleitet von meiner Hüfte, ruht jedoch glatt über ihm. So auf den Rücken legt er sich nie, es ist ganz verkehrt, jemand hat ihn auf diese Weise arrangiert, ihn bereit gemacht. Für mich, für das hier.
Seine Arme liegen schlaff neben dem Körper, die Stirn blauweiß. Abgesehen von einer schlabbrigen weißen Krankenhausunterhose ist er nackt. Es muss mühsam gewesen sein, sie ihm anzuziehen.
Die Plastikmatratze knarzt unter mir. Ich versuche, ihn im Arm zu halten, wie wir es immer getan haben, mein Arm und mein Bein um ihn geschlungen, doch ich kann ihn nicht näher zu mir ziehen, er ist so schwer, mein Bauch ist auch im Weg.
Unter dem Laken stinkt es. Nach Kapitulation, Exkrementen, nach Seife, nach Desinfektionsmittel.
Sein Gesicht ist geschwollen, das Sauerstoffgerät hat eine trockene Spur im linken Mundwinkel hinterlassen, die ockerfarbenen Sommersprossen auf seiner Schulter zeichnen sich deutlich von der wachsbleichen Haut ab. In seinen Nasenlöchern ahne ich ein bröckeliges Dunkel von eingetrocknetem Blut. Davon abgesehen gibt es keine Spuren des viel zu roten Rotes, das aus allen Körperöffnungen und Nadelstichen gesickert ist.
Ich schließe die Augen und flüstere an seine Schulter, dass wir uns bloß vorzustellen brauchen, wir wären zu Hause in unserem Schlafzimmer. Bald wacht unser Sohn in seinem Gitterbettchen auf, hör mal, wie die Möwen hinter dem Haus schreien. Weißt du noch, dieser Sommermorgen, als ein Mann auf seinen Balkon trat und ihnen hinterherschrie, sie sollten die Schnäbel halten? Da lagen wir mit noch geschlossenen Augen in unserem Doppelbett und lachten gemeinsam.
Die Worte werden zu Speichel an seiner Haut. Ich verstumme. Wünschte, ich könnte einfach hier zusammen mit ihm einschlummern und ewig schlafen, doch es ist unmöglich wegen der Kälte, die von ihm ausgeht.
Das Baby ist aufgewacht und wogt unter meiner Bauchdecke. Er tritt und stupst spielerisch durch meine Haut gegen den Körper seines Vaters. Seine Lebendigkeit wirkt unangebracht.
Ich streichle zögernd über die Brust mit dem Dreieck aus Haaren, wie ich es eine Million Mal zuvor getan habe, doch sie fühlt sich fremd an. Ich werde aus der Kälte unter dem Laken gedrückt, das Baby hilft mit, und ich gleite vom Bett. Meine Füße stehen unter mir auf dem Boden, meine Socken rutschen, ich schaue ihn wieder an, auf seiner Brust sind kreisförmige Saugabdrücke vom EKG, Kornkreise nach Ufolandungen.
Ich beuge mich über ihn, seine Lippen sind leicht geöffnet, unser Kuss ist nur mein Kuss, ich kenne diesen Körper nicht mehr, er ist nicht hier.
Er ist nicht hier.
Die Straße lag im Schatten. Ich war fast zu Hause, konnte jedoch nicht das letzte Stück ins Treppenhaus gelangen. Wir waren ausgesperrt, ansonsten war es ein schöner Septembermorgen. Fortan war alles ansonsten.
Die Bäume hatten begonnen, das Jahr loszulassen. Dunkelrot, gelb, knisternd braun, die dramatischen Herbstfarben lagen verstreut auf dem Boden, die Sonne hing geisterbleich am Himmel. Ein Windstoß hob die Blätter, die mit einem raspelnden Laut den Asphalt fegten. Die Luft schmeckte salzig. Autos fuhren schlaftrunken an uns vorbei, Fahrräder sausten. Es war diese Stunde. Alles befand sich wie gewöhnlich in Bewegung, doch ich war festgefroren. Die Steintreppe vor dem Hauseingang war eisig kalt nach der Nacht, die Kühle kroch durch meine dünnen Leggins.
Meine Mutter, meine Schwiegereltern und meine Freundin Helene warfen sich über meinen Kopf hinweg kurze, verzweifelte Fragen zu.
Lag sein Schlüsselbund zusammen mit den Schuhen und der Kleidung in der Plastiktüte aus dem Krankenhaus? Könnten wir bei einem Nachbarn klingeln? Wer würde es tun?
Mein Vater hatte meine Schlüssel mitgenommen, als er Elmer in die Krippe brachte, er sollte das hier nicht mitbekommen.
Helene hatte plötzlich im Krankenhaus gestanden. Sie nahm mich am Arm und zog mich durch die labyrinthischen Gänge nach draußen. Wir waren mit ihren entschiedenen Schritten gegangen, ich ließ mich führen. Jetzt legte sie mir ihre Daunenweste um, obwohl ich sie nicht anhaben wollte. Es spielte keine Rolle, ob mir kalt oder warm war.
Helle und Hans hatten gerade einen Sohn verloren, gaben jedoch nicht auf, mich zu fragen, ob ich fröre. Ich wollte sie nicht dahaben. Sie sollten nicht mit mir sprechen, mich nicht anfassen. Das erinnerte mich daran, dass ich immer noch existierte, und ich wollte nichts anderes als verschwinden.
Ich vergrub mein Gesicht in den Händen, die Wangenknochen wurden von den Handflächen gestützt, der Pony klebte salzig im Gesicht. Ich spreizte die Finger, so dass die Tränen herauslaufen konnten. Die Steinchen vom Bürgersteig stiegen zu mir hoch. Meine Ellbogen gruben sich in die Oberschenkel, mein schwangerer Bauch machte es unmöglich, richtig zu sitzen.
Ich legte den Kopf in den Nacken. Ein wimmernder Laut drang aus mir heraus. Der Laut wanderte nach hinten und die Kehle hinunter und wurde zu einem tiefen Stöhnen. Ah! Ah! Aaha-Aaha-Aaha!
Zwischen jedem Ah sagte ich seinen Namen.
Unser Nachbar aus der Wohnung über uns radelte mit seiner Tochter im Fahrradsitz an uns vorbei. Was ist hier los, fragte sein Blick.
Mir wurde klar, welch ein verrücktes Bild wir abgeben mussten, ich, wie ich da mit meinem Bauch saß, und die Leute im Halbkreis um die Treppenstufe herum. Es hatte keinerlei Bedeutung.
Ich erlebte alles von einem Heliumballon aus, der fünf Meter über der Erde schwebte. Die Wirklichkeit war irgendwo dort unten, ich konnte mich selber weinen hören, und auf einer abstrakten Ebene wusste ich, dass mein Mann tot war, denn ich hatte gerade im Krankenhaus neben seiner Leiche gelegen, doch diese Erkenntnis war noch nicht richtig durchgedrungen.
Ich konnte das Schicksal immer noch wenden, wenn ich mich nur zusammenriss und die richtigen Argumente vorbrachte.
Die Stimme meiner Mutter war wie ein gedämpftes Murmeln in der Ferne.
Jemand musste uns die Wohnung aufgeschlossen haben, denn sie saß am Fußende unseres beigen IKEA-Sofas, ich selbst lag unter einer Decke.
Sie sagte zu jemandem, dass ich eingeschlafen sei. Sie sagte, ich hätte Videos von meinem Mann auf dem Handy angeschaut. Sie sagte, ich müsse etwas essen.
Pukkimaus, sagte sie, kleine Pukkimaus.
Das Sofakissen war nass von Tränen und Speichel, Haare hingen in dem groben Stoff. Ich hatte also geschlafen. Ich setzte mich auf, sie sollten mir keine Brote schmieren. Mein Vater reichte mir dennoch ein Stück des Kuchenmannes, den ich gestern für den Geburtstag gebacken hatte. Ich probierte einen Happen, die Glasur mischte sich mit dem Schleim in meinem Mund, und die Kuchenmasse wuchs, so dass ich kaum schlucken konnte.
Ein Polizist rief an und entschuldigte sich dafür, dass er anrief, aber er wolle fragen, ob es sein könne, dass mein Mann euphorisierende Mittel genommen hatte?
Ich fragte schrill, ob er EPO meine? Also wie Bjarne Riis, um die Leistung zu steigern, meine er wirklich das?
Das tat er.
Er wollte auch wissen, ob ich meine Einwilligung für die Obduktion geben würde. Ich gab meine Einwilligung. Dann fügte ich hinzu, dass mein Mann gern Organspender sein wollte, aber dass sie wohl besser nicht seine Hornhäute nehmen sollten. Er hatte so schlechte Augen.
Über meine Stimme legte sich etwas Weiches, und einen kurzen Moment fühlte ich Stolz, weil ich mich in dieser Situation so verständig zeigte.
Der Polizist am anderen Ende räusperte sich. Aufgrund seiner Verfassung eigne sich mein Mann bedauerlicherweise nicht als Organspender, es tue ihm leid.
Am Tag zuvor hatte er das Laufrad zusammengebaut, das wir Elmer zum Geburtstag schenkten. Nun würde er selbst auseinandergenommen werden.
Ich ließ mich zurück in die Deckenhöhle sinken. Die Luft war feucht, mein warmer Atem lockte den Duft nach Waschmittel in den Fasern hervor. Meine Eltern hatten den Fernseher eingeschaltet, machten ihn aber aus, als mein Handy erneut klingelte.
Diesmal war es der Krisenpsychologe. Das System funktionierte, die Gesellschaft sprang bei.
Er fragte, ob mir fünf Uhr recht sei. Als ob ich noch irgendwelche Pläne hätte.
Im Flur standen meine kleine Schwester Andrea und ihr Freund eng umschlungen, ich musste an ihnen vorbei, um meine Schuhe zu holen. Sie lösten sich aus ihrer Umarmung und schauten mich verlegen an. Ich erwiderte ihren Blick.
»Ihr müsst heiraten, ihr müsst Kinder kriegen«, verkündete ich, während ich unaufhörlich meinen Ehering drehte.
Sie nickten.
Ich drehte.
Mein Vater klimperte vorsichtig mit den Autoschlüsseln, wir waren spät dran.
Ich teilte dieselbe Verkündigung mit dem Krisenpsychologen, den ich unmittelbar als homosexuell einstufte. Der Gedanke, weshalb ich ausgerechnet jetzt überhaupt auf so etwas achtete, zog an mir vorbei, dann war er fort, registriert.
Wir saßen uns in olivfarbenen Sesseln gegenüber, in einem Zimmer, das nach frischer Farbe roch und neben den beiden Sesseln mit zwei identischen Leselampen, einem Couchtisch mit einer geöffneten Packung Kleenex und einem leeren Schreibtisch möbliert war. Eine Laptoptasche mit aufgezogenem Reißverschluss lehnte an einem der Tischbeine.
»Man muss heiraten«, sagte ich, und der Psychologe nickte tief und langsam, er legte die Handflächen vor dem Gesicht zusammen, schüttelte sie leicht und blickte gen Himmel, als wolle er einen Dank hinaufsenden. Er trug selbst einen Ehering an der linken Hand.
»Und man muss Kinder kriegen«, fügte ich hinzu.
Er verzog das Gesicht zu einer leicht abwehrenden Grimasse und ließ die Hände in den Schoß fallen, diesmal hatte ich nicht so genau getroffen.
Ich schnäuzte mich und rieb mir die Augen. Sie brannten, doch die Tränen liefen immer weiter.
Das Taschentuch in meiner Hand war so nass, dass ich es zu einer kleinen Schale formen konnte. Ich glättete sie zwischen den Fingern und gab mir Mühe, sie vollkommen perfekt zu gestalten. Ich drückte ihren Boden in die Rundung meiner Handfläche, und wenn eine dünne Lage verrutschte, fixierte ich sie wieder mit Tränen und Rotz. Meine Fingerspitzen waren schrumpelig.
Der Psychologe schaute auf meine Hände.
Ich überlegte, ob die Schale etwas über mich aussagte. Ob er mit deren Hilfe etwas sehen konnte, was ich selbst nicht über mich wusste.
»Ich verstehe nicht, warum ich so wenig fühle«, sagte ich mit dünner Stimme.
»Sie befinden sich in einem Schockzustand«, antwortete er. »Sie weisen alle Zeichen auf. Achten Sie nur mal darauf, wie Sie atmen. Sie hyperventilieren.«
Erst jetzt merkte ich, wie sich meine Brust in kleinen, flachen Stößen hob und senkte.
»Erzählen Sie mir, was passiert ist«, sagte er, und ich schluchzte und stammelte mich durch den Verlauf des Geschehens, Stück für Stück.
Ich hatte ja keine Ahnung, was eigentlich passiert war, ich hatte einen Anruf bekommen, und dann war ich im Skejby Krankenhaus neben meinem Mann, und erst war er am Leben, aber dann lebte er doch nicht mehr, und dann hatten sie mir Broschüren mit erloschenen Kerzen auf dem Cover gegeben.
»Also ist er jetzt tot«, sagte er und hielt meinen Blick fest.
»Ja?«, flüsterte ich.
Da sagte er es wieder.
»Ihr Mann ist tot.«
Er hatte nur die eine Absicht: mich aus dem Schock zu holen, und ich wusste es ganz genau, aber ich begriff es nicht, ich kämpfte weder mit noch dagegen. Wir waren dabei, eine Notoperation ohne Betäubung durchzuführen. Das Skalpell des Psychologen war der Name meines Mannes.
Lasse.
»Lasse ist tot.«
Da hörte ich ein leises Plop vom Ballon über mir, und auf einmal trat alles mit unerträglicher Klarheit zutage. Ich krümmte mich zusammen.
Lasse war tot.
Noch nie hatte ich die Ewigkeit so physisch gespürt. Zerschmetternd. Lasse war auf ewig fort, er war jetzt, in dieser Sekunde, ebenso fort wie in der vorherigen und wie er es in alle Zukunft sein würde. In meinen Gedanken über das Leben war Lasse immer da gewesen. Alles war offen, alles war verschlossen.
»Haben Sie Ihrem Sohn schon etwas gesagt?«, fragte der Psychologe.
Ich schüttelte den Kopf, konnte nicht antworten, Elmers Vater war tot, der Vater des Babys war tot.
Ich hatte Elmer bei meiner Mutter und meinen Schwestern zu Hause in der Wohnung gelassen und sie streng ermahnt, ihm nichts zu sagen.
Ich konnte mich nicht mal daran erinnern, wie er von der Krippe nach Hause gekommen war. Jemand musste ihn die Treppe hinaufgetragen, ihm aus dem Anorak und den grauen Schnürschuhen geholfen, ihm etwas zu essen gegeben haben. Ich hatte in der Dusche gesessen, während mir das Wasser auf den Nacken und ins Gesicht hagelte. Ich hatte keine Ahnung, wie man mit einem Zweijährigen über den Tod sprach.
Es waren nur noch fünfzehn Minuten vom Termin übrig, ich wollte heim, ich wollte bleiben.
Ich konnte mich nicht an den Namen des Mannes im Sessel mir gegenüber erinnern, doch mit ihm gemeinsam sollte ich zur wichtigsten Geschichte finden, die ich jemals erzählt hatte. Einer Geschichte, die ich sogar meinem eigenen Kind erzählen würde.
Und die Zeit dränge, sagte der Psychologe. Elmer wisse mit Sicherheit bereits jetzt, dass etwas ganz und gar nicht stimme.
Aber ein Zweijähriger kann den Begriff Tod nicht verstehen, fuhr er fort. Er ist zu abstrakt. Dafür versteht er sehr wohl, wenn man ihm sagt, dass sein Papa nicht mehr nach Hause kommt. Und dann muss er wissen, wo der Papa jetzt ist.
Nehmen wir den Himmel? Können wir ihn auf eine Wolke setzen? Begraben wir ihn in der Erde, oder verbrennen wir ihn in einem großen Ofen? Glauben wir an Gott? Kann er nicht morgen sterben, damit ich mich erst mal sammeln kann?
Aber der Himmel ist weit, Wolken treiben davon, die Erde ist kalt und gefährlich, in Öfen backt man Pizza, Gott ist niemand, die Zeit läuft, Papa ist weggelaufen.
Lasses Tod roch nach Kardamom. Der Tod roch nach vielen verschiedenen Dingen, aber die erste Erinnerung war verknüpft mit Kardamom und süßen Hefebrötchen.
Ich buk zum ersten Mal in meinem Leben einen Kuchenmann, und es sah aus, als würde er gelingen. Wir feierten den Kindergeburtstag zwei Tage im Voraus. Sonntag war besser als Dienstag, auf diese Weise hätten wir den ganzen Tag, und das Geburtstagskind war ohnehin zu klein, um den Unterschied zu bemerken.
Die Gäste befanden sich irgendwo auf der Autobahn zwischen Vojens und Aarhus. Lasse kam verspätet von seinem Lauf zurück, das glich ihm, und heute würde ich nicht sauer werden. Alles war unter Kontrolle.
Im Wohnzimmer hingen Geburtstagsgirlanden an der Decke.
Wir hatten Luftballons an unseren Pullis gerieben, um sie statisch aufzuladen, und sie auf diese Weise an den Wänden zum Haften gebracht.
Diese Ballons würde ich weniger als einen Tag später im Gitterbett finden, wenn ich von der Intensivstation zurückkam. Die Kinderdecke würde über ihnen schweben wie ein fliegender Teppich, jetzt war sie um Elmer gewickelt, er machte Mittagsschlaf.
Das neue Laufrad stand an der Wand. Es war still.
