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Als sich die junge Rose von London nach New York aufmacht, ahnt sie nicht, welche Schwierigkeiten sie überwinden muss, um ihren Platz im Leben zu finden. Während einer Indienreise lernt sie ihren Meister kennen. Shakhil, der Rosas Seele berührt, erweckt ihr höheres Selbst. Sie taucht mehr und mehr ein in ihre eigenen Wahrheiten für ein selbstbestimmtes Leben. Die große Liebe zu einem Mann namens Pepito jedoch lässt sie schwer zweifeln, und führt sie fast zur Selbstaufgabe... In drei Teilen erzählt der Roman im Stile eines 'Roadmovies' die bewegende Geschichte von Rose, die sich im Verlauf der Erzählung Rosa nennen wird. Erst der Weg zu ihrer inneren Mitte, also zu sich selbst, ermöglicht ihr Freiheit im Denken und Handeln. Ihre Persönlichkeit formt sich und in diesem Prozess der Selbstliebe öffnet sie sich für das Leben. Zwischen wechselnden Schauplätzen verändert die Tragödie um den 11. September Rosas Leben. Aber auch Erlebnisse in anderen Städten und Ländern wirken sich auf den Prozess der Selbstfindung Rosas aus.
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Seitenzahl: 439
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Elena Risso
In einer fernen Zeit
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Roses Welt
Teil I: Weg zur Mitte
Kapitel 1: Tanz auf dem Parkett
Kapitel 2: Aurora trägt die Liebe des Ostens in sich
Kapitel 3: Monica und eine neue Zukunft
Kapitel 4: Die einigen und innigen Schwestern
Kapitel 5: Familienglück
Kapitel 6: Von wahren und versteckten Gefühlen
Kapitel 7: Reise in eine neue Welt
Kapitel 8: Schwerer Anfang - eine Leichtigkeit
Kapitel 9: Versuchte Liebe zwischen zwei Welten
Kapitel 10: Wünsche formen und äußern
Kapitel 11: Wille zu Unabhängigkeit als Schlüssel
Kapitel 12: Der Weg zu innerer Gelassenheit und Stärke
Kapitel 13: Entdeckungsreise ins eigene Ich
Kapitel 14: Westen und Osten treffen sich in Rosas Seele
Kapitel 15: Shakhil zwischen Traum und Wirklichkeit, Teil 1 - Liebe
Kapitel 16: Noch ein wenig mehr Indien, Teil 2 - Luft
Kapitel 17: Weg der Erkenntnis und eigenen Stärke, Teil 3 - Wasser
Kapitel 18: Der Weg zurück in Rosas Welt
Kapitel 19: Ross und Rosa ohne eine Zukunft
Kapitel 20: Eine Nacht in Trance ohne eigenen Willen
Kapitel 21: Ein glockenheller Morgen
Kapitel 22: Ein neuer Anfang in Brooklyn, basics
Kapitel 23: Ein neuer Anfang in Brooklyn, für Fortgeschrittene
Kapitel 24: Begegnung mit der Vergangenheit
Kapitel 25: Die Wahrheit liegt in der Luft
Kapitel 26: Eine lange Nacht und lange Tage
Kapitel 27: Es einfach geschehen lassen
Kapitel 28: Vorbereitungen für einen Neuanfang
Kapitel 29: Ende und Anfang einer Zeit
Kapitel 30: Sonne im Herzen
Kapitel 31: Die Wege trennen sich
Kapitel 32: Abschied von Shakhil
Kapitel 33: Esperanza und ein bisschen mehr
Kapitel 34: Die Liebe ist nur die Liebe
Kapitel 35: Versinken in sanften Küssen
Kapitel 36: Alles ist offen - es bleibt spannend
Teil II: Weg in die Freiheit
Kapitel 1: Siegfrieds Klärung und Pepitos Konflikt
Kapitel 2: Labyrinth und ein vielsagendes Treffen
Kapitel 3: Plan für eine Rückkehr
Kapitel 4: Wiedersehen und erneuter Abschied
Kapitel 5: Eine ungewisse Zeit
Kapitel 6: Ein neues Zuhause
Kapitel 7: Corazón a corazón
Kapitel 8: Der Keim der Liebe
Kapitel 9: Eine Tür öffnet sich
Kapitel 10: Aller Anfang ist schwer
Kapitel 11: Das Wunder des Lebens
Kapitel 12: Das dritte Auge oder wie der Glaube Berge versetzen kann
Kapitel 13: Was zusammengehört, lässt sich nicht trennen
Kapitel 14: Innere Verbundenheit
Kapitel 15: Pepitos Buch - Claridad oder fernes Leuchten
Kapitel 16: Dem Schicksal die Zügel in die Hand geben
Kapitel 17: In the name of love oder einfach Magie
Kapitel 18: Weg zur Freiheit, Teil 1 - Aufmerksamkeit
Kapitel 19: Weg zur Freiheit, Teil 2 - Geduld
Kapitel 20: Bitte um Windstille
Kapitel 21: Ankunft im Hier und Jetzt
Kapitel 22: Alles wird gut
Kapitel 23: Eine neue Chance
Kapitel 24: Lieben bedeutet Freiheit
Kapitel 25: Hoffnung keimt auf
Kapitel 26: Die Stadt der Liebe
Kapitel 27: Schmetterlinge im Bauch
Kapitel 28: Jahreswechsel mit Aussicht
Kapitel 29: Romantisches Candle-Light-Dinner
Kapitel 30: Wege zur Vereinigung
Kapitel 31: Neubeginn ohne Rosenquarz
Kapitel 32: Mut zu neuem Selbstvertrauen
Kapitel 33: Weihnachtliche Freude
Teil III: Weg zur Liebe
Kapitel 1: Abschied und einen entscheidenden Schritt weiter
Kapitel 2: Partyzone - oder die andere Art zu feiern
Kapitel 3: Aufbruch nach Westen in eine neue Zeit
Kapitel 4: Einlassen auf eine neue Situation
Kapitel 5: Aller Anfang ist schwer
Kapitel 6: Wieder Zuhause ankommen
Kapitel 7: Liebe ist unendliches Vertrauen
Kapitel 8: Nur die Ruhe - alles wird gut
Kapitel 9: Lieblicher Frühlingsduft
Kapitel 10: Ein neuer Lover
Kapitel 11: Glaube, der vom Herzen kommt, oder Rosa kann sich einlassen
Kapitel 12: Yoga Retreat und der Beginn bedingungsloser, aufrichtiger Liebe
Impressum
Roses Welt
„Ich bin Shakhil. Sha, das ist der Zauber in der Liebe, das Öffnen der wahren Gefühle und der inneren Sehnsucht. Sha heißt, das Leben zuzulassen. Khil, das ist das übersinnliche Ich, die göttliche Energie und bedeutet die Befreiung von Begierde und Erwartungen. Khil ermöglicht die eigene Unabhängigkeit. Khil ist die Vervollkommnung, mit der die wahre Erkenntnis über sich selbst kommt. Nur mit Sha und Khil kommt die Fähigkeit zur bedingungslosen, aufrichtigen Liebe. Suche mich!“ Immer wieder träumte Rose diesen Traum, ohne seine Bedeutung zu erahnen, noch nicht. Sie war ein kleines Mädchen mit großartigen Träumen von einer heilen Welt voller Liebe.
Rose war gerade mal neun Jahre und ihre Seele war sehr erfahren; sie fühlte viele Dinge, die von den Menschen ausgingen. Sie konnte sich in die Menschen hinein versetzen. Dabei lastete all das Schlechte um sie herum auf ihren schmalen Schultern. Rose kletterte auf Bäume, und oft wollte sie in eine andere Richtung gehen, als die, die ihr vorherbestimmt war. Ihre kleine Seele war in einem goldenen Käfig gefangen, und es vergingen viele Jahre, bis Rose sich befreien konnte. Von diesen verschlungenen Wegen durch ein Labyrinth manifestierter Vorstellungen wird erzählt sein, manchmal mit Distanz und oft mitten drin in diesem Chaos unserer Welt der unterschiedlichsten Vorstellungen von Leben, und was jeder einzelne daraus macht.
Rose wuchs in einem wohl situierten Haus im Süden von England auf. Die Blumen blühten, der Zaun war weiß gestrichen und die Wäsche im Garten flatterte im Wind. Roses Eltern Peter und Susan und ihr kleiner Bruder Ben nahmen gemeinsam die Mahlzeiten ein und diskutierten viel von der Welt da draußen. Meinungen wurden vom Vater geprägt. Wie ein großer Mahner erzählte er von den letzten Jahren der Menschheit und ihrem baldigen Ende. Rose nahm diese ganzen Schlechtigkeiten in sich auf wie ein Schwamm und versuchte doch immer wieder das Gute in den Menschen zu sehen. Peter war oft im Hyde-Park an der Corners Ecke. Jeden Sonntag schwang er dort seine Reden vom Untergang. Abends dann beim gemeinsamen Dinner erzählte er sie wieder seiner Familie. Ben ließ sich davon nicht beeindrucken. Rose versuchte immer dagegen zu halten. Das kostete ihre ganze Kraft. Sie war oft krank; ihre Mutter päppelte sie dann wieder auf und pflegte sie fürsorglich. Diese Zeit genoss Rose, weil sie dann nichts tun musste, sich treiben lassen und träumen konnte. Von ihrem Prinzen, ihrem Retter. Sie wusste noch nicht, das nur sie selbst sich retten konnte. Denn sie war stark.
Die Jahre in Poole gingen dahin. Ein kleiner Junge aus der Nachbarschaft - Malcom - nahm Rose oft in sein Baumhaus mit, in dem sie beide die Realität vergaßen. Malcom war ein Zigeunerkind. Er konnte aus der Hand lesen und hatte feuerrote Haare. Oft spielten sie mysteriöse Spiele, in denen Rose eine neue Rolle bekam. Die Pflanzen, die um das Baumhaus wucherten, fingen dann zu blühen an in allen Rotschattierungen. Das Baumhaus bewegte sich und sie reisten in kurzen Abständen durch Raum und Zeit.
Einmal waren sie an einem Lagerfeuer eines Trecks, der gen Westen zog. Die Menschen lachten und unterhielten sich über ihre Erlebnisse, die der Tag mit sich brachte. Ein anderes Mal saßen sie bei einer Familie im Keller und die Wände wackelten. Draußen wütete ein unerbittlicher Krieg, aber die Menschen im Keller halfen zusammen. Wieder ein anderes Mal feierten die beiden bei einem Erntedankfest mit. Alle waren glücklich. Malcom und Rose mischten sich darunter und lauschten den Klängen des Lebens. Rose mit ihrem haselnussfarbenen Haar und den sprechenden Katzenaugen war sehr zurückhaltend, aber das Feuer in ihren Augen war schon zu spüren. Sie sah bei diesen Reisen Malcom aufmerksam an. Er wählte die Reisen aus. Er sprach mit den Menschen. Als sie sich in Calcutta einem Wanderzirkus anschlossen, suchte Malcom den Kontakt zu einem Feuerschlucker namens Balbou. Balbou war sehr weise und Rose sog seine Erfahrungen in sich hinein. Balbou sprach vom Erleben im Jetzt, von Gerüchen und Sinnen und davon, das Leben zu spüren, wenn du nichts erwartest und dich auf jede Situation einlässt.
Einlassen auf etwas - für Rose kein einfaches Vorhaben. Sie hatte so viele Ideen im Kopf, so dass sie sich nicht festlegen mochte, nichts entscheiden, alles offen lassen wollte. Wenn sie nicht mit Malcom im Baumhaus kauerte und sich mit ihm durch das Leben träumte, saß sie zuhause und schaute ihrer Mutter zu. Susan war eine sehr attraktive Frau, angesehen in der Gesellschaft als eine Frau, die flexibel und einfühlsam war und ihren Mann liebte und schätzte. Oft war Susan schwach. So aus der Sicht von Rose. Wenn Susan mit ihrem Mann stritt, und das kam sehr oft vor, hatte Rose immer das Gefühl, sie müsse helfen. Und sie tat es. Rose hielt zu ihrer Mutter in dieser Zeit und sehr lange, bis es Rose fast zerriss. Eines Nachmittags kam Susan erschöpft von einem Einkauf. Die Tüten standen noch in der Mitte des Flurs. Ein sehr langer Flur war das - mit vielen Türen, die alle geschlossen waren. Hinter jeder Tür war ein Raum mit einem anderen Geruch. Kleine Lichter schienen von oben durch das Treppenhaus auf den Flur, so dass er nicht ganz dunkel war. Die Stimmung im Haus war sehr ruhig. Nun saß da Susan zwischen ihren Tüten. Sie wollte weg aus Poole, wieder in die Stadt. Peter stand im Treppenhaus und war ungehalten. Er wartete den halben Nachmittag auf Susan und das kleine Auto und fuhr sie an. Susan tat Rose leid. Sie beschwichtigte ihren Vater. Nachdem er fort war, saßen die beiden noch lange zusammen und Rose tröstete ihre Mutter. Vielleicht würden sie bald wegziehen, so Rose. Das Licht im Treppenhaus loderte kurz auf. Rose ging in ihr Lieblingszimmer; es war in Aprikose getaucht mit vielen Kissen auf Korbmöbeln. Es duftete ein wenig nach Rosen, wenn das Fenster aufstand. Rose legte sich auf das Bett und dachte nach. Was wird die Zukunft bringen? Wird sie auch einmal eine Familie haben? Mit Kindern, die schokoladenverschmierte Münder haben? Mit einem Haushund und einem Garten? Rose hatte so ihre Vorstellungen von der heilen Welt - voller Träume, von einem Prinzen in hellblauem Tuch gekleidet, der sie mitnehmen würde, fort von dieser Zeit, die so starr ist. Aber Rose machte sich immer viel vor.
Teil I: Weg zur Mitte
Kapitel 1: Tanz auf dem Parkett
Nun hieß es Abschied nehmen von Malcom. Wann würden sie sich wiedersehen? Er gab Rose so viel Wärme und Halt. Die gemeinsamen Reisen, waren sie nun vorüber? Wir hatten Sommer 1978. Rose war 13 geworden. Etwas in ihr wirkte gebrochen. Ihre Familie würde nach London ziehen. Eine neue Schule, neue Kameraden. Susan freute sich auf das Stadtleben. Sie wollte auch mal an sich denken. Peter freute sich auch; er konnte neue Reden vorbereiten, hatte nicht die lange Anfahrt. Und der kleine Ben war ganz unbedarft und freute sich auf die Ballettschule, die er in London besuchen würde. Also schlossen Rose und Malcom ihren ersten Pakt: Den Pakt, sich immer an diese Reisen zu erinnern und dass es eine Zeit geben würde, da fänden sie sich wieder. Dann würde Ruhe auch in Roses Leben eintreten. Eine neue Ruhe und eine neue Gelassenheit dem Leben gegenüber - auch wenn es nicht leicht sein würde. Malcom war der wilde Teil in Rose, er konnte alles tun, was er wollte, sich alles vorstellen, mit jedem reden, jeden lieben. Alles geben und alles nehmen. Malcom war frei und verschmitzt und flirtete mit dem Leben. Malcom war immer da, wenn Rose ihn brauchte. Nur irgendwann hatte sie ihn verlernt und musste ihn wieder finden.
Es war ein milder Herbsttag, als Familie Plymoth von Poole nach London zog. Ein frischer Wind kam vom Meer her und Rose stand noch einmal am Baumhaus, um von Malcom Abschied zu nehmen. Er kam vom Strand und sah sehr verwegen aus. Er lächelte aufmunternd und hob von weitem seinen Arm zum Gruß. Wie konnte es nur sein, dass sie sich vielleicht nie wieder sehen würde? Malcom reichte ihr einen Apfel, in den Rose herzhaft hinein biss. Sie drückten sich fest.
Malcom würde auch bald Poole verlassen. Ein reicher Verwandter an der Ostküste hatte ihn adoptiert, so dass seine Odyssee durch die Kinderheime im Süden Englands ein Ende haben würde. Malcom war ein Waisenkind. Er wusste von seinen Eltern nur, dass sie Zigeuner waren. Sein Onkel in New York hätte Nachrichten für ihn, auf die er sehr neugierig war. Weil Malcom noch keine Adresse hatte, gab ihm Rosa ihre neue Anschrift in London. Ansonsten vertrauten sie auf die Zukunft, wann sie sich wo und wie wiedersehen würden.
Mit einem voll bepackten Bus fuhren die Plymoth in ihr neues Zuhause in Hamden. Dort bezogen sie ein kleines Reihenhaus mit einem langgestreckten Garten. Rose war sehr skeptisch. Ihre Eltern und ihr kleiner Bruder scherzten. Rose bekam das Zimmer zur Straße raus. Von dort blickte sie auf die gegenüberliegenden Häuser und auf eine Bushaltestelle. Dort war viel Betrieb. Die Buslinie von hier fuhr geradewegs ins Zentrum von London, Oxfordstreet. Die schwarze Katze, die Rose beim Einzug im Garten fand und blieb, räkelte sich auf ihrem Bett. In diesem Zimmer war es sehr anheimelnd. Draußen war Betrieb. Susan räumte und schlichtete und sorgte sich um alles. In der Küche dampfte es aus den Töpfen; Rose bereitete ein deftiges Essen. Peter scheuchte die Helfer herum und war sehr nervös. Alles musste bei ihm funktionieren. Die Hektik von London griff bereits auf ihn über. Malcom war weit weg.
Rose erkundete die Gegend. Die Menschen hatten ihr Ziel, und jeder ging seines Weges. In einer Querstraße traf Rose auf einen alten Mann mit einem verwahrlosten Mädchen. Rose hatte Angst - sie hatten den wir-haben-schon-alles-gesehen-Blick. Rose kam mit ihnen ins Gespräch. Der Mann meinte, sie seien auf der Durchreise nach Irland und wollten von dort nach New York einschiffen. Der Mann hieß Friedrich, er war auf der Flucht und wollte Auskunft von Rose. Rose war nicht sehr gesprächig. Sie war müde und in Gedanken noch gar nicht in Hamden. Friedrich jammerte viel, wie übel ihm das Leben mitspielte und er doch nur immer das Beste wollte. Er hatte in seiner Not eine kleine Tankstelle überfallen. doch in Kürze wieder alles verloren. Der Mann wirkte auf Rose nicht sehr vertrauenerweckend. Sie bekam das Gefühl nicht los, er würde lügen. Lüge war für Rose nicht denkbar. Lüge ist feige und kleinlich. Das kleine Mädchen tat ihr leid, so bot Rose an, etwas zu essen zu bringen.
Als Rose mit dem Hühnchen zurückkam, schlang es Friedrich schnell in sich herein. Er war komplett ausgehungert und sehr gierig. Penelope knabberte an der Keule. Sie wollte mit Rose Kontakt aufzunehmen, aber sie traute sich nicht. Sie war etwa sieben Jahre alt und sehr verschüchtert. Als Friedrich weitergehen wollte, fasste sie sich ein Herz und steckte Rose in Windeseile einen Zettel zu; dann waren sie auch schon um die nächste Ecke verschwunden. Der Zettel zeigte eine Zeichnung. Es war eine Art Burg am Meer abgebildet mit einem Wappen, das einen Löwen und einen Wolf zeigte. Rose stand noch länger da und betrachtete die Zeichnung. Sie würde jetzt gerne mit Malcom darüber reden. Dann bekämen sie das Rätsel schon heraus. Aber ohne Malcom steckte sie den Zettel erst einmal weg. Heute Abend wurde ein Schulball für alle Neulinge ausgerichtet, für den sich Rose noch umziehen musste.
Sie ging in ihrer Schuluniform - blau mit weißer Bluse - und sah für ihre 13 sehr adrett aus. Da sie aber auch verschüchtert wirkte, blieb sie den Abend über eher am Rande der Gesellschaft. Mit zwei Klassenkameradinnen konnte sie sich ein wenig anfreunden, Monica aus Polen und Aurora aus Pakistan waren auch Außenseiterinnen. Sie steckten ihre Köpfe zusammen und erzählten von sich. Aurora war erst seit einer Woche in London und Great Britain und sprach schlecht Englisch. Aurora mit Schokohaut, schwarzen großen Augen und schwarzem, seidigem Haar erzählte von einer komplett anderen Welt mit einer sehr großen Familie und vielen Schwestern. Sie wohnten im Norden der Stadt in einem kleinen Apartment. Ihre Eltern wollten bei ihrem Verwandten im Gemüse- und Obstladen helfen. Monica war sehr zierlich mit aschblondem Haar, eisfarbigen Augen und schon länger in der Stadt. Für eine bessere Zukunft gingen ihre Eltern aus Polen weg. Sie arbeiteten beide in einer Hemdenfabrik. Da standen sie alle drei im Saal. Alle Kinder lärmten und tanzten, und sie standen nur da und schauten sich an - ihr unterschiedliches Aussehen, ihre faszinierenden Geschichten und mit dem Wissen, dass sie die Zeit hier in London gemeinsam verbringen würden.
Vielleicht war das die Zeit, den Zettel zu zeigen, überlegte Rose, aber sie traute sich noch nicht. Sie wartete noch ein wenig, vielleicht bis morgen. Warum war nur Malcom weg? Mit ihm hätte sie längst den netten Jungen vom Buffet angelächelt. So aber fasste sie nicht genug Mut. Der Junge war gleich groß und hatte braunes Haar mit einem so netten Lächeln. Andere Mädchen umschwärmten ihn. Rose faltete unruhig den Zettel in ihrer Tasche. Am Buffet, das mit Hunderten von kunterbunten Luftballons in Purpurrot, Lachsrosa, Giftgrün und Himmelblau geschmückt war, spielten sich ganze Schlachten ab. Jeder wollte an die achtstöckige Torte. Da nicht alle gleichzeitig herankommen konnten, drückten sich die Massen der Kinder gegenseitig weg. Eine Aufsicht „...lasst mich sofort die Torte anschneiden ..., hey, ihr Flegel, hört sofort auf ...“ kam nicht recht durch. Der smarte Junge machte kurzen Prozess: „John Lennon kommt.“ Und schon sprengten alle Kinder auseinander, Kurze, Teenies, Blonde, alles rannte wild durcheinander über den Parkettboden, schlitternd und kreischend; ein lustiger Anblick. Rose, Monica und Aurora standen staunend mit offenen Mündern da. Der Jüngling namens Roy brachte ihnen die ersten Tortenstücke. So kam es, dass Rose doch noch ein erster Blickkontakt gelang: etwas durchdringende, blaue Augen musterten sie aufmerksam. Rose schaute zu Boden. Wie peinlich, dachte sie. Okay, der Zettel, jetzt oder nie. Alle acht Augenpaare betrachteten nun neugierig die Zeichnung. Roy fasste in präzisem Englisch zusammen „... ist wohl eine Burg irgendwo an einer Küste. Das Wappen habe ich schon einmal bei einer Urlaubsreise durch Irland gesehen, am besten ihr studiert alle Wappen in der Bibliothek...“ Rose war von ihm fasziniert. Wie er doch gleich kombinierte. Roy wurde von einem anderen Jungen gerufen und verließ die Mädchen, die sich für morgen verabredeten. Dann wurden sie von ihren Eltern abgeholt.
Roses Vater tat die Geschichte mit einem unwirschen Achselzucken ab. „Was kümmert uns diese Arme-Leute-Story?!“ Warum musste Rose auch immer alles erzählen? War doch ihr Ding. Etwas entmutigt ging sie in ihr kleines Zimmer und betrachtete wieder die Zeichnung. Das Mädchen hatte so einen ängstlichen Blick gehabt, vielleicht war sie in Gefahr. Sie würde Penelope gerne finden, um mehr über sie zu erfahren. Die Nacht über träumte sie sehr wild - sie flog über ein wütendes Meer mit einem Schwarm von Flamingos, die sich rosarot aus der Nacht abhoben. Das Gefieder des Flamingos neben ihr war in feuerrot getaucht und führte den Schwarm an. Rose folgte so gut es ging, aber immer wieder musste sie ins Meer sehen und dann verlor sie an Höhe. Der rote Flamingo drehte sich immer wieder um und rief „es ist nicht mehr weit“, aber Rose konnte nicht mehr und klatschte ins Wasser. Schließlich wurde sie wach, triefend nass und schnell atmend orientierte sie sich. „Ich bin daheim.“
Aus der Küche kam Toastgeruch. Verlorene Ritter - Roses Lieblingsfrühstück - brutzelten in der Pfanne. Peter versteckte sich hinter seiner Zeitung und unterhielt mit den neuesten Nachrichten: „... die sollen sich doch alle umbringen, es geht alles kaputt, das Ende ist nahe, ihr werdet sehen, die Menschen, die Gesellschaft sind es nicht mehr wert. Früher hatten wir noch Werte, da gab es einen Zusammenhalt, und jetzt geht jeder für sich, jeder ein kleiner Egoist...“. Rose schlang ihre Toasts hinunter und versuchte vergebens, ihren Vater von der Liebe der Menschen zu überzeugen. Daran würde sie fast zerbrechen. Das kostete sie alles so viel Energie, die sie für Penelope, für die Schule, für die neuen Freundinnen, für ihr kleines Leben brauchte. Die Diskussion artete in einen Disput aus. Und die Stimmen von beiden wurden lauter und lauter. „... das stimmt so nicht, nein, du bist mein Kind, ich habe dir alles zu sagen, du willst, wie ich will, wie ich will...“, tönte Peter immer stärker. Rose wollte flüchten, saß aber wie angewurzelt und sah die verzweifelten Blicke ihrer Mutter. Susan war schon wieder den Tränen nahe. Rose gab nach, gab nach wie ein viel zu lasches Gummiband, das schon etwas porös ist.
Endlich im Bus, weg von zu Hause, weg von diesem Druck, der dort verbreitet wurde. Warum musste sie sich auch immer alles zu Herzen nehmen? Sie war ihrem Vater so ähnlich. Sie sagte das, was sie dachte, sprach alles offen aus, aber innerlich verglühte sie. Das tat ihr nicht gut. Im Bus war Roy: Gekämmt und mit viel Pomade saß er da und stierte in die Luft. Roy war sehr arrogant; er dachte, er sei etwas Besonders, weil ihm alle Mädchen nachrannten. Rose sah nur seine Stärke, und sie wollte davon etwas abhaben, aber sie sah nicht, dass Roy ihr nur wehtun würde. Rose ging auf ihn zu, da bremste der Busfahrer stark und Rose wurde durch den halben Bus katapultiert; aus ihrer Tasche fiel der Zettel mit der Zeichnung. Sie griff noch danach, doch er verlor sich in dem Getümmel. Da ging ein Traum dahin. Jetzt ging Rose noch für drei Jahre zur Schule. Roy rannte sie jeden Tag hinterher, vergeblich. Das schwächte Rose zusätzlich, schränkte sie ein, auch zu Lasten ihres Selbstvertrauens. Aurora und Monica stiegen zu. Ihr Lachen war sehr versöhnlich. Sie halfen die Schulbücher einzusammeln, die mit Londoner Staub und kindlichen Fußabdrücken beschmutzt waren. Die Luft war stickig wie grüner Schlamm; atmen kaum möglich. So begann also Roses erster Schultag in einem Moloch von einer Stadt - mit allen Möglichkeiten, aber auch allen Ängsten.
Die ersten Schulstunden zogen an Rose vorüber; sie nahm nur ihre eigenen Geräusche war und ihr Herzklopfen. Rose wollte nicht mehr in der Historie oder in der Zukunft leben. Jetzt in diesem Augenblick wollte sie leben. Aurora stupste sie an „...du bist dran“. Oh ja, Rose war brav, riss sich zusammen und antwortete. Logisch. Bloß keine Schwächen zeigen. Mrs. Smith war streng und trug nicht zu einem aufgelockerten Unterricht bei.
Kapitel 2: Aurora trägt die Liebe des Ostens in sich
Nur Aurora ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Sie dachte viel an Pakistan, an die weiten Reisfelder, an ihren liebenden Großvater Salman. Die vertrauten Gespräche mit ihm über die Liebe. Sie saßen dann immer im Zimmer hinter der einfachen Küche. Das Zimmer war rund und von allen Erdtönen beherrscht. Schwere, dunkle Teppiche und farbenfrohe Tücher von Orange und Ocker bis zu Tönen in dunkelroter Kirsche. Und der Duft nach Gewürzen aus der Küche - in der ihre Großmutter ein Chutney zubereitete -, nach Pfeffer, Muskat und Pfefferminze erfüllten den Raum. Der Großvater rauchte in aller Sinnlichkeit eine Wasserpfeife und senkte seinen Blick auf Aurora. „Verliere nie den Glauben an die Menschen, auch wenn du mal Enttäuschungen erleben magst, traue dich, offen zu sein.“ Aurora zog die Beine an und lauschte. Salman paffte dazwischen immer an seiner Pfeife und sinnierte über das Leben. Er war ein stolzer Mann, sein Gesicht war von grau meliertem Haar eingerahmt. Seine Augen hatten die Farbe eines verwässerten indischen Ozeans, und sie strahlten in weiser Güte. Salman war die Ruhe selbst. Nach turbulenten Jahren im Gebirge, dem Übersiedeln von Indien nach Pakistan in den 50er Jahren und vier Frauen, denen er seine Liebe schenkte, erschütterte ihn wenig. Aurora war die Enkelin seiner dritten Frau aus Marokko. Aurora vereinte die Verspieltheit der Berber mit der Weisheit Indiens, Salman gab ihr nun den letzten Schliff. „Lebe dein Leben, dein Leben ist schön. Suche nie nach der Liebe; du hast sie immer in dir. Lasse die Liebe leben. Auch wenn die Wüste trocken ist, birgt sie unendlich viel Leben, denn das nimmt sich die Wüste einfach, das was sie braucht, um zu leben. Es gibt nichts, was intensiver ist, was mehr Freiheit vermittelt. Liebe birgt Leben in sich; vergiss das nie. Leben ohne Liebe ist umsonst. Auch wenn deine Liebe einmal vertrocknet sein sollte, kannst du sie zum Blühen bringen. Immer wieder, so oft du es möchtest. Du brauchst dazu nicht mehr als einen Funken - einen ich-öffne-mich-tief-gehenden-Blick. Also gehe stolz und hebe deinen Kopf. Blicke frei und großzügig.“ So sprach er mit monotoner Stimme. Aurora sog all das in sich auf, wie ein Schwamm. Sie genoss seine Stimme und seine Geschichten. Sie saß sehr bequem auf einem Sofa mit unendlich vielen Kissen, versunken in Wärme und Zutrauen, eingehüllt von Wärme und dem Rauch der Wasserpfeife. Salman lächelte mild „Aurora, eines ist noch wichtig: Vergesse nicht das Lächeln über die Welt. Sie ist unser jetziges Zuhause, und sie meint es gut mit uns.“
Dann steckte Großmutter Selma ihren Kopf herein. „Du musst sofort gehen, Aurora; die Bande der freien Kämpfer für Kaschmir ziehen durch den Ort. Salman bring sie zum verabredeten Punkt, damit du endlich in Freiheit kommst.“
Ja, so kam Aurora nach London, mit einem Koffer und der Adresse ihrer Eltern, die bereits hier waren.
Mrs. Smith holte Aurora unsanft in die Wirklichkeit zurück.
Aurora hielt ihren Kopf leicht schief und hörte von Ferne die Stimme ihres Großvaters, lächelte und kehrte zurück in ihre neue Realität. Sie war frei wie ein Vogel im Wind und gab ihre Liebe, wem sie wollte. Auch wenn sie da schon wählerisch war...
Kapitel 3: Monica und eine neue Zukunft
Monica saß direkt eine Reihe hinter Rose und Aurora. Sie verfolgte aufmerksam den Unterricht. Sie war sehr wissbegierig und machte sich eifrig Notizen; nichts wollte sie verpassen. Ihre Eltern und sie waren gekommen, weil sie in Polen nicht mal ein Heute hatten. Sie lebten in einem Hochhaus mit Hühnern und Ziegen in der Wohnung, um wenigstens das Notwendigste zu essen zu haben. Es war feucht und Sauberkeit nur sehr schwer zu halten. Monica lief zwischen Hühnerdreck und Ziegengeruch von ihrem Bett zur Wohnküche. Dieser Gang jeden Morgen verlangte ihr alles ab. Sie wusch sich in der Küche, aß etwas trockenes Brot und half dann ihrer Mutter Natascha beim Aufspüren von Lebensmitteln in der Stadt. Die Slums waren unerträglich; sie liefen über vor Dreck und Gestank. Monicas Vater Ivan hatte keine Arbeit. Über eine Schlepperbande erhielten sie die Möglichkeit für eine Zukunft. Sie ließen sich über Lieferwagen nach London einschleusen. Ihr letztes Geld gaben sie weg, ihre letzte Habe verkauften sie. Und dann waren sie in London. Durch einen glücklichen Zufall kamen sie bei einer polnischen Familie unter, die auch die Arbeit in der Hemdenfabrik vermittelte. Als gläubige Christen dankten sie jeden Abend dem Herrn. Das Zimmer war klein, aber ein frischer Duft nach Zitrusfrüchten durchzog den Raum. Monica hatte ein eigenes Bett und freute sich jeden Tag über das fließende Wasser. Monica wollte alles tun für ihr Glück, für eine neue Zukunft für sich und ihre Familie. Also lernte sie den ganzen Tag, wenn sie nicht mit ihren neuen Freundinnen zusammen war. Sie war so bescheiden und dankbar, dass ihr niemand etwas antun konnte. In dieser Vertrautheit auf sich und die neuen Möglichkeiten wandelte sie durch ihr neues Leben, war offen und ehrlich. Ihre Stimme war weich und biegsam, wie sie. Oft sprach sie sehr leise. Diese Sanftheit wurde ihr als schüchtern ausgelegt, aber das war sie nicht. Nur zurückhaltend, auf sich bestimmt. Die Zukunft lag in ihrer Hand. Alles, was sie wollte, konnte sie erreichen. In Musik kam sie schnell weiter; die Lehrerin nahm sie im Chor auf. Dort wuchs ihre Stimme in den folgenden Jahren heran zu einer sanften Glockenstimme, die hell und rein war. Ihre Lippen waren voll und formten einen Kussmund. Monica verzagte nie in ihrem Glauben an sich und die Zukunft. Wenn sie hart lernen und arbeiten würde, stünde ihr alles offen. So war Monica geprägt von ihrer Armut, willensstark wie eine Löwin und trotzdem biegsam wie eine Feder. Launen waren ihr vollkommen fremd. Das Leben stand vor ihr, und sie ging darauf zu, ohne zu fragen, was passieren könnte, was schief gehen könnte.
Aurora mit ihrer östlichen Gelassenheit und der Innensicht der Dinge, Monica, die biegsame Kämpferin, und die katzenhafte Rose mit ihrer Intuition gaben eine Dreieinigkeit ab, die in ihrem Ganzen komplett und ausgewogen war.
Kapitel 4: Die einigen und innigen Schwestern
Sie waren ein Herz und eine Seele in den ganzen drei Schuljahren in London. Rose tat das sehr gut, ohne die beiden war sie noch nicht erfüllt, noch nicht in ihrem Ich. Langsam schritt sie voran. Von Malcom hatte sie lange nichts gehört. Wenn sie nicht Aurora und Monica hätte, wäre sie vor Sehnsucht sicher schon vergangen. Aber so gab es tägliche Geschichten vom Schulalltag, vom Lernen, vom Späße machen, von Roy, von ihren Eltern und von Ben, ihrem kleinen Bruder.
Benny nannte Susan ihren Sohn liebevoll. Er war ein unkompliziertes Kind, ruhte sehr in sich. Seine große Schwester verehrte er sehr. Nachmittags nahm ihn Rose oft mit, wenn sie mit Monica und Aurora unterwegs war. An einem schwülen, dunstigen Tag gingen sie zusammen zum Hunderennen. Das war immer sehr aufregend. Die stolzen Windhunde nahmen keine Notiz von den Menschen um sie herum. Nicht mal Frauchen und Herrchen waren für sie interessant. „Also seid still, es geht gleich los.“ Rose war bestimmend und dirigierte ihre Freundinnen und ihren Bruder durch die Massen. Es war ein ziemliches Durcheinander. Die Wetten waren noch nicht abgeschlossen, und ein älterer Herr rannte noch, seinen Tipp loszuwerden. Ben war an diesem Nachmittag sehr zappelig. Rose hatte ihre Mühe. Er wollte unbedingt noch zu den Wettschaltern; das ging nun nicht mehr. Die Hunde waren bereits in ihren Startboxen. Ein Schuss fiel, die Hunde katapultierten aus den Boxen, worauf die wilde Hatz begann. Monica war nicht sonderlich interessiert, sie fand es viel aufregender, den gut angezogenen Ladies mit ihren großen, bunten Hüten nachzusehen; die große und weite Welt. Aurora fieberte mit den Hunden, die sich elegant und kraftvoll in die Kurven legten. Ben sah nur nach den Wettschaltern. Rose war leicht genervt. Ist ja gut und schön, aber der kleine Bruder war doch heute leicht lästig. Er schmierte gerade seinen Hot Dog in der Gegend rum. Monica half aus „Ich geh schon mit ihm, dann kann Ben auch noch die Wettschalter ansehen, wir sind gleich wieder da - komm Benny.“ Und weg waren sie. Nach einer halben Stunde waren sie immer noch nicht da. Rose begann sich zu sorgen. Immer das Gleiche. Sie war aufgebracht; es war doch ihr Windhundenachmittag. Aurora und Rose begannen, die beiden zu suchen. Ein lautes Geschrei führte sie zu einer größeren Halle, in der allerlei angeboten wurde. Ben lag auf dem Boden. Rosa beobachtete, wie der ältere Herr von vorhin sich einen Weg zu ihm bahnte. „Ich bin Arzt, lasst mich durch“. Dann ging alles sehr schnell. Ben war weiß wie ein Laken und ganz still. Was war den passiert? Ein aufgeschichteter Berg von Bierfässern war umgekippt und direkt über Ben zusammengebrochen. Die Fässer waren schwer und eines der Fässer verlor auch noch Bier, so dass Ben über und über begossen war. Ben landete in der Klinik. Roses Eltern waren bereits unterwegs. Rose, die sich neben der Angst auch noch Vorwürfe machte, fühlte sich hundeelend. Die schönen Windhunde und die schicken Damen um sie herum sah sie nicht mehr. Nur der bierverschmierte, kleine Bruder, wie sie mit ihm durch die langen Gänge der Klinik rannten. Vorne weg Susan, vollkommen aufgelöst. Peter, ziemlich blass, schaute auf Rose, sagte aber nichts. Nach dem Check wurde eine Kopfverletzung festgestellt, die jedoch nicht ganz einfach war. Die nächsten Wochen waren für Rose besonders tragisch: neben der eigenen Vorwürfe verlor sie auch jegliche Zuwendung durch ihre Eltern. Sie waren beide so sehr mit Benny beschäftigt, dass sie es gar nicht merkten, wie sehr Rose litt.
Sie saß mit Monica und Aurora auf ihrem Bett. Es war still im Haus, die Zimmertüre stand einen Spalt offen, und so konnten sie das Rumpeln der Waschmaschine trotz der Entfernung wahrnehmen. Susan und Peter besuchten Ben in der Klinik. Die Mädchen kuschelten einander, und Monica begann leise zu singen. Ihre Stimme wurde immer besser, und so trug sie die leise Melodie weit weg von diesem Ort. Mit leichten Schwingen erhoben sie sich über die Stadt, so war das Rauschen des Meeres nicht mehr fern. Die Möwen kreischten ihr Lied von der Ferne und die Mädchen vergaßen für einen Augenblick ihre kleinen Sorgen, die doch für ihre Seelen so entscheidend waren. Die späte Nachmittagssonne leuchtete mit goldenen Strahlen in Roses Zimmer. Noch träumten sie alle ihren Traum. Jungenfreundschaften waren harmlos. Es läutete an der Tür. Okay, es war Sonntag, und sie waren alle drei in London. Alle drei hatten indische lange Kleider an, die ihre beginnende Weiblichkeit unterstrich. Aurora war in allen Orangetönen Indiens umhüllt. Und ihr schwarzes Haar fiel lang und lose über ihre schmalen Schultern. Monica hatte seit diesem Sommer einen kessen Kurzhaarschnitt, der ihre Entschlossenheit zeigte; ihr Sari war eine Mischung zwischen Purpurrot und Nachtblau. Roses Kombination zeigte ein lindgrünes Grundmuster mit maronenfarbigen Einstichen. Ihre Haare waren zu einem lockeren Nackenknoten gebunden. So tapste sie barfüßig an die Tür. Da stand Roy, hochaufgeschossen, lässig in Jeans und einem Safarihemd. Sie blinzelte ihn an. Etwas perplex, denn Roy war die letzten drei Schuljahre mit allen möglichen Mädchen befreundet gewesen, aber nicht mit Aurora und Monica und schon gar nicht mit Rose.
„Lässt du mich nun hinein oder was? Ich habe dir etwas mitgebracht.“ Selbstsicher war er ja schon immer, dachte Rose bei sich. „Was denn?“ „Zeig ich dir gleich.“ Sie bat ihn hinein. Sie saßen nun in Roses Zimmer und
glotzten Roy an. Rose machte sich insgeheim Hoffnungen. Roy, der sie sonst kaum beachtete, besuchte sie. Wie oft träumte sie von ihm. In der Schule scherzten sie miteinander, aber Rose hatte immer das Gefühl, er sah sie nicht wirklich an, eher wie ein kleines Mädchen. Rose gab sich dann schüchtern und versteckte ihr wahres, katzenhaftes Wesen damit umso mehr. So richtig konnte sie eben nicht aus sich heraus. Etwas hemmte sie immer. Entweder die anderen, denen sie ihre Gefühle nicht zeigen wollte, oder sie selbst, das brave Mädchen in ihr, das nicht wollte, das Rose erwachsen wurde, eingesperrt in einem goldenen Käfig. Okay, zurück zu Roy. Der Hauch von Selbstzufriedenheit und Gefühlskälte, der ihn umgab, trug eher zu Roses schlechter Laune bei, als dass sie auflockerte. So rannte sie immer gegen eine Wand, gab viel zu viel Energie. Sie konnte einfach noch nicht erkennen, dass sie sanfte Kerle brauchte. Männer, die ihre Eigentümlichkeit, ihre Rätselhaftigkeit, ihre Besonderheit, ihre Herzenswärme liebten, aber auch mit ihren Launen umgehen konnten. Roy dagegen spielte nur einfach gern, und er war heute gekommen, um die drei hübschen Persönlichkeiten zu sehen und ein wenig mit ihnen herumzualbern, weil er einfach nichts anderes vorhatte. Keiner sagte etwas; den Dreien war heute einfach nach eher Ernsthaftem zumute. Sie waren nicht auf einer Wellenlänge. Doch blitzschnell änderte sich das:
„Könnt ihr euch noch an den Zettel von Penelope erinnern?“ „Ein Wappen mit einem Löwen und einem Wolf und eine Burg war doch drauf.“ Aurora erinnerte sich genau. Ein wildes Geplapper ging los. Roy hatte es geschafft, das Interesse war ihm sicher. „Was hast du vor?“ Monica war mit Feuereifer dabei. Roy war in der Bibliothek gewesen und hatte ganze Arbeit geleistet. Er hatte einen Ort gefunden, in Irland an der Westküste. Dort lag ein Castle genau mit diesem Wappen. Dass er sich daran noch erinnern konnte!? „Wie wäre es, wenn wir nach der Schule zusammen dort Urlaub machen, und dann könnten wir ja auch das Castle inspizieren.“ Jetzt war es heraus. Roy und seine Ideen. Ihre Schule war nun bald beendet. Sie standen alle vor ihrem sechzehnten Geburtstag. Eines war klar, wenn, dann würden nur sie, Rose, Monica und Aurora, gemeinsam losziehen. Schwierig würde es werden, denn alle drei wurden von ihren Familien behütet, und es war gar nicht so einfach, sich loszueisen. Egal, sie malten sich schon einmal aus, wie es werden würde.
Sie konnten die Garagentür hören. Die Familie war zurück. Die Eltern brachten Benny mit. Ihre Freunde verabschiedeten sich. Rose war überglücklich, dass sie ihren Bruder wieder in die Arme schließen konnte. Es ging ihm gut. In der Küche saßen Rose und ihre Eltern bei ihm, überschütteten ihn mit Aufmerksamkeiten, mit heißer Schokolade und mit Honigtoasts.
Kapitel 5: Familienglück
Alle lachten, denn es war sehr schön in dieser Familie. Warme Holztöne bestimmten den Raum und gelbe Sonnenblumen schmückten die beiden Fenster. Sie waren eins, hatten ihr starkes Wertesystem, ihren Zusammenhalt. Nicht der einzelne zählte, sondern nur die Familie als Ganzes. Und Rose war doch so freiheitsliebend. Die Küche war sehr groß. Darin war Susan die Herrscherin über Töpfe und Gefühle der Familienmitglieder zueinander. So rührte sie in die Töpfe Liebe, aber auch Abhängigkeiten. Susan war sehr beflissen; sie tat alles, um ihre Lieben zu einen.
Schon allein wegen Peter musste sie sehr flexibel sein. Er hatte so viel Macht, und alle hörten ihm zu, seine Werte waren maßgebend für die Familie. Sie waren schon etwas Besonderes, sie waren besser als alle anderen. Alle anderen waren Stümper und Versager. Peter wusste immer, was passierte, und machte seine Weissagungen. So wurde während des mit Liebe gekochten Essens immer gerichtet über Nachbarn, über Verwandte und Bekannte. Der Nachbar Barnes hatte eine wesentlich jüngere Frau. und die wollte nicht mehr, wie ihr Mann wollte; also war sie in den Augen von Peter eine undankbare und obendrein noch schlampige Frau. Dass diese Frau Jahre unter ihrem machohaften Gatten litt und sich nur nach seinen Befindlichkeiten orientierte, erzählte Peter nicht. Auch waren die Rollen klar verteilt. Peter verdiente Geld und versorgte die Familie, er machte alle Reparaturen, und seine Familienangehörigen waren auf seine Gnade angewiesen, wenn sie seine Hilfe benötigten.
Susan kochte und hielt das Haus wohnlich, richtete auch ein, nähte, wusch, buk und trug ihren Kindern alles nach. Sie brauchten nichts zu tun, keine Unterstützung wollte sie haben. Dieses war ihr Reich; sie wollte es so - das Haus war ihr Machtbereich. Sie war auch zuständig für die Kommunikation. Alle Gespräche und Befindlichkeiten liefen über sie. Sie war der große Mittler, und jeder Satz ging durch ihren Filter. Der kleine Benny war ihr ganzer Stolz, er ging nach ihrer kreativen Ader und sah ihr auch ähnlich. All die Zuwendung und Zustimmung, die sie von Peter nicht erhielt, zog sie aus Benny.
Ben war gutmütig, er ließ das alles mit sich geschehen. In seinen ersten Jahren war er stark auf seine große Schwester fixiert. Sie war seine große Unterstützung, sein Halt in der doch oft recht brüchigen Beziehung seiner Eltern. Von Rose erhielt er Bestätigung und Verständnis. Sie war sein Alles in seiner kleinen Welt. Seine Mutter Susan war sehr labil und sein Vater Peter war herrschsüchtig und autark. Von Peter erfuhr er allenfalls Machtstreben und Manneseigenschaften vom Beschützer und Ernährer seiner zukünftigen eigenen Familie. Diese Werte verinnerlichte er auch. Seine große Schwester Rose war gerecht, offenherzig und auch der ruhende Pool seiner Kindheit; sie war die einzige, die Peter die Stirn bieten konnte. Das imponierte Ben in seinen ersten Jahren stark. Im Laufe der Zeit jedoch war die Wertevermittlung seines Vaters stärker und Rose wurde schwächer. Für Ben ein klares Bild und die Zuwendung zu einer doch dem Vater entsprechenden Rolle gewann an Stärke.
Sie saßen nun am Küchentisch, freuten sich auf Benny und begannen den kommenden Sommerurlaub zu planen. Letztes Jahr waren sie in England geblieben. Dieses Jahr wollten sie einmal in den Süden fahren. An ein warmes Meer. Sie sprachen durcheinander. Rose machte gute Vorschläge und verrannte sich damit auch. Sie begann den Urlaub zu planen und machte etwas, dass sie doch gar nicht wollte. Aber sie konnte nicht aufhören, über Sizilien zu reden und eine mögliche Rundreise mit einem Mietwagen zu unternehmen. Es machte ihr auch riesigen Spaß, wenn ihr alle zuhörten. Benny war sehr begeistert, und Rose und er alberten die ganze Zeit herum. Susan brachte eine ofenfrische Pizza auf den Tisch. Während des Essens kam Rose so langsam ins Überlegen, wohl zu spät, denn sie hatte sich doch schon festgelegt, hatte wieder einmal mehr gesagt, als sie wollte. Sie würde schon noch lernen, auf ihre Gefühle zu achten, sie zu erkennen und den Mund erst dann zu öffnen, wenn sie so weit war.
Rose war hin und her gerissen. Da war die Familie und die große Abhängigkeit von ihr, und da waren ihre Freundinnen, denen sie vertraute, die ihr aber die Sicherheit und Geborgenheit, die sie noch in ihrer Familie vermeintlich brauchte, nicht geben konnten. Bei ihr kam Hilflosigkeit auf und auch Angst, denn sie wollte es allen Recht machen. Auch gab es noch Penelope, der sie vor nicht ganz drei Jahren ihre Unterstützung zugesagt hatte.
Jetzt konnte sie ihren Vater nicht mehr fragen, er hätte dafür eh kein Verständnis gehabt. Vielleicht konnte sie sich davonstehlen und nach Italien einfach abhauen. Nächstes Jahr würde sie auf eine Korrespondentinnen-Schule für zwei Jahre gehen und danach war sie vielleicht frei. Bei ihren Eltern fühlte sie sich sehr eingesperrt, aber auch geborgen - eine Mischung, die ihr sämtliche Entwicklungsmöglichkeiten nahm.
„Vater ich will mit Monica und Aurora vielleicht auch nach Irland fahren, um dort eine Freundin zu besuchen ...“. Rose konnte gar nicht fertig reden. Ihr Vater stand auf, wirbelte durch die Küche, schmiss Töpfe um, schimpfte mit Susan, bekam ein rotes Gesicht und seine Stimme wurde unerträglich laut. Rose hasste ihn dann, er nahm keine Rücksicht auf niemanden, nur seine Gefühlswelt war in Ordnung, alle anderen waren Stümper, selbst seine Tochter konnte nicht für sich selbst denken, sie brauchte ihn. Rose schaffte es einfach nicht, sich zu sagen, ist mir doch egal, ist sein Problem, ich ändere ihn nicht. Susan schloss die Fenster, diese Ausbrüche brauchten nicht nach draußen zu gelangen. Die Luft im Haus wurde unerträglich. Sie war verbraucht und vergiftet von Kleinmütigkeit, von Angst, von Einsamkeit und von Gefühlskälte. Die Pizza erkaltete in Roses kleinen Händen. Sie zitterten. Rose hakte das Thema für sich ab und gab klein bei. Wie sie das allerdings ihren Freundinnen sagen sollte, ohne etwas von dieser Situation zu sagen, denn das wollte sie nicht, etwas davon preisgeben, von ihrer und von ihrer Familie Schwäche, das wusste sie nicht. Sie wollte doch stark sein, nicht so viel von sich sagen, von ihren Gefühlen - es aber doch richtig machen, damit sie einfach nur geliebt wird, das war doch so wichtig. Wut stieg in ihr auf. Wo war nur Malcom?
Aurora, Monica und Rose saßen zusammen am Piccadilly Circus und unterhielten sich über Irland. Rose legte sich Worte zurecht, wollte alles vertuschen, dann brach es aber doch aus ihr heraus, auch auf die Gefahr hin, dass sie sich danach ärgern würde, mussten die Gefühle raus. Mut zur Ehrlichkeit. Und was konnte schon schiefgehen? Monica und Aurora hatten Verständnis. Sie beschlossen nicht nach Irland zu fahren. Wer weiß, ob sie Penelope überhaupt finden würden; wahrscheinlich war sie längst in den Staaten.
Kapitel 6: Von wahren und versteckten Gefühlen
13 Jahre waren seit der Ankunft in London vergangen. Aurora stand am Flughafen von Heathrow und wartete auf die Gepäckabfertigung. Eine nicht enden wollende Schlange von Passagieren wollten auch in den Flieger nach New York. Vor ihr stand das Ziel ihrer Träume. Die liebende und trotzdem erdrückende Familie hinter sich lassen, die langen des Studiums und einer speziellen Ausbildung zur Korrespondentin waren abgeschlossen. Mit dem Job als Korrespondentin wollte sie nun in einem kleinen Buchverlag in New York beginnen. Sie war sehr aufgeregt, ihr Kopf schien fast zu platzen. Jede Menge Ängste und Risiken gingen ihr durch den Kopf: „Schaffe ich das, bin ich stark genug dafür, muss ich wieder zurückgehen?“. Sie wollte ihre Sorgen nicht mitteilen; sie war tapfer beim Verabschieden. Sie trug einen beigefarbenen, weich fallenden Hosenanzug und hatte durchgestufte, rote, kinnlange Haare.
Aurora drückte sie fest. Sie war in London bei Paul Smith bereits eine sehr angesehene Direktrice und die Kleider, die sie trug, waren von ihr kreiert und geschneidert - eine dunkelrot leuchtende Kombination aus Hüfthose und Raffbluse mit hohen Stiefeln wurde von ihren langen, schwarzen Haaren eingerahmt. Aurora war wunderbar, sie hatte Kraft und Energie und zweifelte nie an sich. „Du schaffst das Rose, gib nicht auf, du hast alles, was du zum Leben brauchst, in dir drin.“ Die Schlange bewegte sich nur langsam, dann sah Rose Monica, und da kamen alte Erinnerungen des letzten Jahres wieder auf.
Monica stand etwas abseits. Leider war das Verhältnis in der letzten Zeit nicht mehr so ungetrübt. Monica wurde verbissen. Sie hatte sich zu viel vorgenommen. Ihre Stimme war noch immer wunderschön, aber mit ihrer Gesangskarriere lief es nicht so, wie Monica es wollte. Sie sang in einem eher schrägen Club in Soho und vergab ihr Talent. Ihr Haar trug sie schulterlang mit Mittelscheitel und es fiel sehr glatt, war an den Seiten nach hinten hin abgeschrägt. Mit Jeans und T-Shirt war sie eher der sportliche Typ. Mit Neid blickte sie auf Rose. Sie konnte nicht weg aus London, vergammelte in diesem Club. Sie hatte dort auch Rock kennengelernt. Rock war ihr vermeintlicher Mentor und Lover seit einem Jahr. Sie lernte ihn in diesem Sohoer Club kennen in einer Seitenstraße im Kellergeschoss. Erst war alles so hoffnungsvoll. Sie kam zum Vorsingen. Rock warb um sie. Er war der Typ, dem keine Frau widerstehen konnte. Und Monica wollte singen. So war sie eines Abends in den Club gegangen. Es war ein Vorsingen ausgeschrieben. Neben Monica waren noch fünf andere Frauen gekommen. Monica war als letzte dran. Rock wollte schon die Sache beenden. „Wenn niemand mehr da ist, machen wir Schluss für heute, das war eh ein Reinfall.“ „Hey, ich war noch nicht dran“. Monica wurde ungeduldig. Dann sang sie sich die Seele aus dem Leib, mit aller Kraft sang sie ihren weißen Soul, dass alle Leute im Club mit Reden aufhörten und die Luft im Raum zu knistern begann. Anmut und Freiheit gleichermaßen durchdrangen ihre Stimme. Als der letzte Rhythmus verhallte, vibrierte alles noch in ihr. Danach Stille. Rock war der erste, der sich wieder fing. „Jeder Freitagabend ist dein Abend.“ Monica, die ihn zwar nicht kannte, noch nicht, fiel ihm um den Hals. Ein langes Gespräch begann zwischen den Beiden und endete die ganze Nacht nicht. Rock wusste genau, was er an ihr hatte, und schwärmte ihr von einer einzigartigen Karriere vor. Monica war noch zu labil, zu erfolgssüchtig, um zu merken, dass sie der Anziehungspunkt für den Club werden würde. Für diese Nacht war es ihr egal. Sie genoss die Bestätigung und sonnte sich in ihrer hellsten Nacht. Der Clubraum, in sanfte Blautöne gegossen schillerte in rosa Streifen, und Monica schmiegte sich mehr und mehr an Rock. Dass sie mit ihm in sein Apartment gehen würde, war keine Entscheidung mehr. Sie öffnete sich ihm mit allem, was sie hatte, und jede Berührung tat ihr gut. Sie wollte nichts mehr denken, sich nur noch fallen lassen. So verfiel Monica Rock immer mehr. Nach drei Monaten hing sie nur noch im Club herum und vernachlässigte auch ihre Beziehung zu Aurora und Rose. Rose, die in ihren Amerika-Vorbereitungen steckte, lud Monica zu sich ein. Rose kam gar nicht mehr an Monica heran. Verschlossen mit nur noch Augen-für-Rock saß sie da und wollte nichts hören. „Was soll das für eine Zukunft werden? Das ist doch nicht dein Wille? Du willst doch mehr vom Leben, du kannst auch mehr erwarten, wirf doch nicht dein Talent weg.“ Rose verstand sie nicht. Monica war für sie immer etwas ganz Besonderes mit ihrem Weitblick und ihrem starken Willen und ihrer Tatkraft. Aber wahrscheinlich wollte Monica auch einfach nur ankommen, nichts mehr erwarten und geliebt werden. Rock gab ihr das. So einfach war das. Monica zog sich von Rose zurück. Die beiden hatten zurzeit einfach nicht die gleiche Wellenlänge. Rose veränderte sich auch. Sie horchte mehr in sich hinein und versuchte zu erahnen, was gut für sie war. Und da wurden die anderen unwichtiger. Aber das war nun egal, Monica war gekommen, um sich von Rose zu verabschieden. Rose ging auf sie zu. „Komm her, mein Schatz, lass uns Freunde bleiben.“ Vier Augen blickten sich an und der Augenblick war sehr stark. Monica wich noch zurück; sie konnte sich jetzt einfach nicht eingestehen, dass Rose die Stärkere war. Rose wiederum konnte das noch nicht wahrhaben, dafür war sie einfach die letzten Jahre zu schwach gewesen. Monica musste gehen, sonst hätte sie noch geweint. Da ging sie hin, eine Jugendfreundin für eine lange Zeit, die ihren eigenen Weg finden musste.
Nach dem Einchecken kamen noch Roses Eltern und ihr Bruder. Es würde ein Kraftakt für Rose werden, sich zu distanzieren von einem vermeintlichen Heim, das sie jahrelang eingelullt hatte. Jetzt war die Zeit reif für einen neuen Anfang. Sie drückte ihre Familie noch einmal, Susan hatte Tränen in den Augen, Ben nahm sie fest in den Arm, er war stark geworden; um ihn brauchte sich Rose nicht zu sorgen. Peter dagegen wirkte sehr gelassen. Ja, seine Gelassenheit, die hatte Rose immer schon geärgert. Er zeigte nie seine Gefühle; er war immer erhaben. Seine einzige Rettung war das. Er wurde als Kind schon enttäuscht - seine Mutter hatte ihn einfach verlassen. Welches Kind würde das nicht bis ins Tiefste seiner Seele berühren? So hatte er sich einen dicken Panzer aufgebaut. Das war für ihn okay, was in ihm brodelte, sollte niemand wissen. Aber seine Umgebung, seine Lieben verstanden das nicht. Je knapper und erhabener er war, desto weicher und verletzlicher war sein Innerstes. Damit wollte Rose umgehen. Das wollte sie verstehen. Seine Liebe konnte nicht anders. So schnürte er alles sehr eng, damit einfach niemand mehr gehen konnte, den er liebte. Er musste sie alle abhängig von sich machen. Das war seine einzige Rettung. Rose war baff über diese Entdeckung. Das machte Sinn. Und nun ging sie weg. Musste sich befreien, um ihre eigene Geschichte zu finden. Das war die Aufgabe. Sie winkte allen noch einmal zu.
Kapitel 7: Reise in eine neue Welt
Aurora rannte noch mal zu ihr. „Vergiss mich nicht, hier, ich habe noch etwas für dich. Du darfst es erst im Flieger aufmachen.“ Rose blickte sie mit ihren großen, blauen und sprechenden Augen an. „Wie könnte ich dich je vergessen, du bist mein Spiegelbild für meine Zukunft, für mein schönes Leben. Du bist meine Sonne.“ „Rose du wirst selbst strahlen wie die Sonne, du wirst sehen, lass es einfach geschehen.“
Der Flughafen war grau und kühl. Endlose Gänge, eine unangenehme Lautsprecherstimme und ein Durcheinander von Reisenden. Hier war es für Rose schwer, in sich zu ruhen. Doch sie war bei sich, suchte Urvertrauen in sich. Endlich im Flieger, konnte Rose etwas entspannen. Sie lehnte sich zurück und ließ ihre Gedanken los. Es war, wie wenn eine Welt abgeschlossen wäre. Sie konnte die Welt noch betrachten, aber jetzt war sie in eine große Blase eingeschlossen, die davon schwebte. Greifbar zwar, aber ihre eigene Metamorphose, die im Flieger begann, brachte sie von der alten Welt immer weiter weg. Vergangen waren passive Mühsal, auch wenn es jetzt sehr schwer würde zu handeln, zu agieren, zu leben auf erst noch wackligen Beinen, konnte jeder Schritt neuen Stand in ihrer neu geschaffenen Welt finden. Ihre Gedanken flogen noch einmal zu ihrer Familie, die sie zu sehr liebte, die sie nun aufrichtiger zu lieben begann. Die große Blase verfärbte sich in einen grau-grünen Ton, wobei die Masse in ihr zu wabern begann, wie diese Lampen aus den 70ern mit Luftblasen innen drin. Dieses verschwommene Sehen, verhalf ihr die Dinge abstrakt zu beurteilen - eine Distanz zu bekommen. Denn sie würden trotzdem immer eine Familie sein. Die Verbindung zur großen Blase, die sich in ein anderes Universum zu verschieben schien, war wie ein langer Faden, wie sie auch manche Tiefseetiere hatten. Rose konnte jederzeit diesen Faden heranziehen. Nur jetzt nicht, jetzt wollte sie keine Verbindung, ihre eigene Welt wartete doch auf sie. Das ging nur, wenn sie die Blase ziehen ließ - sich selbst entfernte, den Faden länger werden ließ und ihn gar ganz losließ. Jeder hatte eine andere Sicht der Dinge. Roses Sicht der Dinge begann sich zu ändern. Das Vergangene wollte sie nicht verleugnen, aber nun war es vorbei. Die Häutung begann.
Sie merkte, dass sie immer noch das Geschenk von Aurora in ihren kleinen, zarten, aber kräftigen Händen hielt. Sie öffnete es; es war der rote Sari mit golddurchwirkten, großflächigen Mustern einer fernen Landschaft. Rose liebte ihn immer so sehr an Aurora; jetzt durfte sie ihn tragen. Es war noch ein Bild dabei von beiden Frauen mit der Rückschrift drauf: „Trage diesen Sari bei deiner ersten Party in New York. Zieh ihn auch an, wenn es dir mal nicht gut geht. Denke immer daran, du hast einen Freund. Und jetzt schubse ich dich raus in dein Leben.“ Rose schloss ihre Katzenaugen. Der Horizont flimmerte in allen Schattierungen. Hoffnung machte sich breit. Als die Maschine auf der Landebahn des Kennedy Airport aufsetzte, spürte sie ein leichtes, mulmiges Gefühl wie Angst vor der eigenen Courage.
