Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Caitlyn und Amelia sind seit ihrer Kindheit unzertrennliche beste Freundinnen. Sie haben unzählige Erlebnisse miteinander geteilt. Nachdem Amelia bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt, ist für Caitlyn nichts mehr wie es war. Sie versinkt in ihrem Schmerz und in tiefer Trauer. Doch da ist Amelias Familie, die der Verlust auch zusetzt und mit der Caitlyn ihre Trauer teilen kann. Amelias Tochter Meike hatte schon immer auch ein inniges Verhältnis zu Caitlyn und es warten neue Menschen, die Caitlyn kennen lernen sollen. Eine Blaumeise kommt Caitlyn regelmäßig auf ihrem Balkon besuchen und entlockt ihr ein Lächeln. Gibt es einen Weg für Caitlyn zurück in ein glückliches Leben und wie wird dieser Weg aussehen?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 523
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Jana Eckauer
In Erinnerung an dich
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
Impressum neobooks
Caitlyn saß auf dem Sofa und starrte vor sich hin. Ihr Blick war voller Kummer, ihre Augen fixierten keinen bestimmten Gegenstand, weil nichts ihr Interesse zu wecken vermochte. Der Fernseher, der vor ihr stand, war ausgeschaltet. Caitlyn konnte sich nicht dazu aufraffen, ihn anzumachen. Sie konnte sich zu nichts aufraffen, nicht einmal dazu, etwas zu essen. Es kam ihr vor, als hätte jemand all ihre Energie genommen, all ihre Freude und sie in der Dunkelheit zurückgelassen. Es war, als hätte jemand all das Licht genommen, das jeden Tag ihren Weg beleuchtet hatte.
Das Telefon klingelte. Der schrille Ton wirkte störend angesichts der Ruhe, die Caitlyn gerade noch umgeben hatte. Sie wollte nicht herangehen, wollte nicht, dass jemand von dem Schmerz erfuhr, den sie empfand. Lieber wollte sie allein sein. Ihre Mailbox, die sie sich nicht hatte entschließen können auszuschalten, nahm für Caitlyn den Anruf entgegen.
„Hallo, Caitlyn. Hier ist Melissa. Ich versuche nun schon seit Tagen, dich zu erreichen, aber du gehst nie ans Telefon. So langsam mache ich mir Sorgen. Ist alles in Ordnung bei dir? Bitte ruf mich doch zurück. Bis dann. Tschau.“
Ein Piepton verkündete das Ende der kurzen Nachricht und entließ Caitlyn wieder in die ihr vertraute Stille. Melissa war eine Freundin. Früher hatte Caitlyn öfter etwas zusammen mit ihr an ihren freien Wochenenden unternommen und Spaß mit ihr zusammen gehabt. Früher, das war vor jenem Ereignis vor ein paar Tagen gewesen, das ihr Leben in tausend Stücke hatte zerspringen lassen. Jetzt kam Caitlyn das unendlich weit weg vor. Sie konnte sich im Augenblick nicht vorstellen, je wieder Spaß zu haben. Wenn sie in sich hineinhorchte, dann erkannte sie, dass es ihr sogar schwerfiel, Mitleid mit Melissa zu empfinden, weil diese sich Sorgen machte. Melissas Sorgen bedeuteten ihr nichts mehr wie auch ihr Leben ihr nicht mehr zu bedeuten schien. Alles verschwamm in einem trüben Grau, wurde eingehüllt vom Nebel des Kummers, der sich schwer auf ihr Herz legte und daran zerrte. Wie sollte sie so weiterleben? Sie wusste es nicht und sie hatte keine Energie darüber nachzudenken. Draußen prasselte Regen gegen die Fensterscheiben, passend zu Caitlyns Stimmung. Während Caitlyn den Regen beobachtete, spürte sie, wie ihr selbst Tränen über die Wangen zu laufen begannen. Sie ließ sie einfach nach unten tropfen ohne sie wegzuwischen. Es hatte etwas Beruhigendes für sie zuzusehen, wie die Wassertropfen auf die Oberfläche des Fensterglases fielen und daran herunterliefen. Früher hatte Caitlyn den Regen nie gemocht. Sie hatte zu den Menschen gehört, denen die Sonne viel lieber gewesen war. Doch nun hatte sich das geändert. Im Regen schien sich das, was sie fühlte, widerzuspiegeln und das machte ihn für Caitlyn anziehend. Vielleicht gab der Regen ihr auch das Gefühl, als würde sie nicht allein um Amelia trauern, als wäre dort draußen die ganze Natur in Aufruhr, zusammen mit ihr selbst.
Schließlich putzte sich Caitlyn die Nase und schaute kurz zum Telefon. Es hatten sich viele Nachrichten angesammelt, der rote Knopf am Telefon blinkte, um Caitlyn das mitzuteilen. Aber sie ignorierte es weiterhin. Bisher hatte sie keine einzige der Nachrichten auf dem Anrufbeantworter abspielen lassen, einige davon hatte sie allerdings gehört, weil sie in der Nähe des Telefons gesessen hatte, als sie darauf gesprochen worden waren. Sie konnte sich nicht vorstellen, mit jemandem zu sprechen, konnte sich nicht vorstellen, Worte herauszubringen in ihrer derzeitigen Verfassung oder sich gar darauf konzentrieren zu können, jemandem zuzuhören. All das schien ihr unmöglich. Ihr Hausarzt hatte sie für eine Woche krankgeschrieben. Bei ihm war sie gewesen. Auch wenn sie nur ein paar Sätze gesagt hatte, hatte dieser wohl sofort verstanden. Er musste Caitlyn angesehen haben, wie schlecht es ihr ging. Vielleicht hatte etwas in ihrem Blick gelegen, das ihren Kummer verraten hatte. Auf jeden Fall war sie nun froh, ihre Ruhe zu haben. Sie konnte sich im Moment nicht vorstellen, wieder ihren Job anzutreten. Caitlyn arbeitete in einem Büro und musste sich bei ihrer Arbeit mit ihren Kollegen absprechen. Sie wollte sie jetzt nicht sehen, wollte niemanden sehen und mit niemandem sprechen. Sie hatte nicht die Kraft dafür und sie wollte nicht, dass sie jemand so niedergeschlagen sah, wie sie sich seit ein paar Tagen fühlte.
Nun war Caitlyn auch zum ersten Mal froh darüber, dass sie allein wohnte. Bis vor etwa einem Jahr noch hatte sie die Wohnung mit ihrem Freund geteilt. Er war ausgezogen, als sie sich getrennt hatten. Damals war es ihr schwer gefallen, allein zu sein und sie hatte ihn vermisst. Später dann, als der Liebeskummer abgeebbt war, war die Einsamkeit, die sie in ihrer Wohnung empfangen hatte, eher eine Notwendigkeit gewesen als etwas, das sie gern so gehabt hatte. Dennoch hatte Caitlyn sich ganz gut damit arrangiert, hatte Freundinnen zu sich nach Hause eingeladen oder sich mit einem guten Buch auf der Couch zurückgezogen, eine Tasse Tee, Kaffee oder Kakao vor sich stehend, aus der sie hin und wieder einen Schluck genommen hatte, glücklich über einen entspannten, besinnlichen Abend. Jetzt war Caitlyn alles andere als glücklich und die Leere ihrer Wohnung war ihr so willkommen, weil sie wie ein Spiegel der Leere war, die in ihrem Herzen herrschte. Wie in einer Wohnung, in der ein Feuer alle Gegenstände in Ruß und Asche verwandelt hatte, hatte es auch in Caitlyns Herzen gebrannt. Die zerstörerischen Flammen, die darin gewütet hatten, hatten all ihre Hoffnung und ihr Glück verbrannt, ihre Zuversicht genommen und ihr Lachen. Ein Nachmittag hatte gereicht, um ihr Herz zu zerstören, es von innen auszuhöhlen. Würden positive Gefühle je dorthin zurückkehren können? Caitlyn konnte es sich in diesem Moment nicht vorstellen.
Wieder traten ihr Tränen in die Augen und sie musste schluchzen. Leise erstickte Laute drangen aus ihrer Kehle und begleiteten den kleinen salzigen Wasserfall, der aus ihren Augen rann. Sie musste sich mehrfach hintereinander die Nase putzen, während sie weinte. Ob ihr Nachbar ihre Schluchzer wohl hören konnte? Caitlyn wusste, dass die Wohnung sehr hellhörig war. Oft hörte sie, wenn der Nachbar Besuch hatte und sich mit diesem unterhielt und manchmal verstand sie von den Gesprächen sogar so gut wie jedes Wort. Sie hörte es immer, wenn der Fernseher oder das Radio in der Nachbarwohnung lief. Doch jetzt hörte sie nichts außer ihrem eigenen Schluchzen. Vielleicht war nebenan ja niemand zu Hause. Sie hoffte es, denn sie kannte den Nachbarn gut und sie wollte nicht, dass er bei ihr klingelte und fragte, ob alles in Ordnung war. Wenn er es doch tun sollte, so war Caitlyn fest entschlossen, nicht aufzumachen. Sie würde niemandem in den nächsten Tagen die Tür aufmachen.
Ihr Magen knurrte, aber sie ignorierte ihn, füllte ihn lediglich mit ein paar Schlucken Mineralwasser aus dem Glas, das vor ihr auf dem kleinen Wohnzimmertisch stand. Dann starrte sie weiter in den Raum ohne wirklich irgendwohin zu sehen. Caitlyn versuchte, an gar nichts zu denken, denn dann, so dachte sie, konnte sie sich für einen Moment auch von dem Schmerz ablenken, der sie seit ein paar Tagen so quälte.
Einige Stunden saß Caitlyn wie erstarrt da und tat überhaupt nichts. Früher hätte sie das furchtbar langweilig gefunden. Jetzt war es ihre einzige Möglichkeit, die nächsten Stunden durchzustehen.
Draußen war der Regen vorbeigezogen und die Sonne kam zum Vorschein. Sie fiel durch das Fenster in Caitlyns Wohnzimmer, ein ungebetener Gast, den sie früher willkommen geheißen hätte. Sicher hätte sie sich früher sogar extra in die Sonne gesetzt. Nun stand Caitlyn auf, um die Gardinen vorzuziehen. Als sie vor dem Fenster stand, erblickte sie einen Vogel, der rasch davonflog. Eilig verdunkelte sie ihr Zimmer. Sie wollte doch niemanden hören und niemanden sehen.
Amelia war ein besonderer Mensch gewesen. Sie hatte so viel Herzenswärme besessen, die man einfach gespürt hatte, wenn man länger Zeit mit ihr zusammen verbracht hatte. Sie war stets höflich und zu jedem freundlich gewesen. Selbst Menschen, die sie nicht gemocht hatte, war sie mit einem freundlichen Nicken oder Lächeln entgegengetreten, bevor sie sich abgewandt hatte. Wenn man mit Amelia zusammen gewesen war, dann hatte man wie automatisch die positive Energie spüren können, die sie ausgestrahlt hatte. Wenn sie gesprochen hatte, hatte sie stets ein Lächeln auf den Lippen getragen, als hätte sie wie automatisch ihrem Gegenüber zu verstehen geben wollen, dass sie ihm freundlich gesinnt war. Das hatte zur Folge gehabt, dass jeder gern mit Amelia hatte zusammen sein wollen, sowohl Caitlyn als auch andere Leute.
So war Amelia auch in ihrer Kindheit und Jugend stets beliebt gewesen. Viele Mädchen hatten um ihre Freundschaft geworben, doch sie hatte die meisten nicht an sich heran gelassen, dafür lieber ein paar intensive Freundschaften gepflegt. Caitlyn hatte damals das Glück gehabt, zu Amelias wenigen auserwählen Freundinnen zu gehören. Irgendwann war Caitlyn dann Amelias einzige enge und beste Freundin geworden. Obwohl Amelia und Caitlyn nicht in dieselbe Schulklasse gegangen waren, war die Beziehung zwischen den beiden Mädchen so intensiv gewesen, dass Amelia sich kaum darum bemüht hatte, neue Freundinnen aus ihrer eigenen Klasse dazuzugewinnen. Amelia und Caitlyn hatten als Kinder und Jugendliche ihre Freizeit meist miteinander geteilt und einander damit völlig ausgereicht. Sie hatten einander oft gegenseitig beim Lernen unterstützt.
Sie hatten beide in etwa dieselbe Haarfarbe besessen, was ihrer Verbundenheit immer Ausdruck verliehen hatte. Manchmal hatte man sie dadurch für Schwestern gehalten. Amelia war wie auch Caitlyn mit glatten, braunen Haaren gesegnet gewesen, dazu dunklen Augen, deren Farbe irgendwo zwischen braun und dunkelgrün gelegen hatte, eine seltene Mischung. Als Kind hatte sie ihre Haare immer lang getragen, dann später abschneiden lassen, sodass sie gerade noch ihre Schultern bedeckt hatten. Amelia hatte erzählt, dass sie sich mit kürzeren Haaren erwachsener gefühlt hatte. Das hatte sie sein wollen und das war sie zu der Zeit auch in ihrem Herzen gewesen: erwachsen und innerlich reif.
Auch wenn Amelia als Mädchen etwas Übergewicht gehabt hatte, war sie als Erwachsene schlank gewesen, aber nicht zu dünn. Sie hatte eine gute Figur gehabt. Sie hatte praktisch jede Hose und jedes T-Shirt oder jeden Pullover tragen können. Jedes Kleidungsstück hatte optimal an ihr gesessen, hatte wie automatisch ihre natürliche Schönheit unterstrichen, wie Caitlyn oft bemerkt hatte.
Nach der Schule waren Amelia und Caitlyn in verschiedene Städte zum Studieren gezogen. In dieser Zeit hatten sie sich in langen Briefen miteinander ausgetauscht, gelegentlich hatte es auch das eine oder andere Telefonat gegeben. Dann hatte das Schicksal sie wieder enger zusammengeführt, denn Caitlyn war mit ihrem damaligen Freund in dieselbe Stadt gezogen, in der Amelia gewohnt hatte. Caitlyns Umzug hatte damals so spontan stattgefunden, dass sie es nicht geschafft hatte, Amelia per Brief oder am Telefon davon in Kenntnis zu setzen. So war es Zufall gewesen, als Caitlyn ihre Kindheitsfreundin im Supermarkt in der für sie neuen Stadt wiedergetroffen hatte, der Stadt, in der Caitlyn noch heute wohnte. Die beiden Frauen hatten sich in den Armen gelegen und sich geschworen, die vergangenen Jahre nachzuholen, die sie nur wenig am Leben der jeweils anderen hatten teilhaben können. Seitdem hatten sie sich regelmäßig gesehen, so viele schöne Momente miteinander erlebt und hatten nicht weit voneinander entfernt gewohnt.
Nun vergrub Caitlyn ihr Gesicht in ihrem Kopfkissen. Es war bereits abends und dunkel draußen und sie hatte beschlossen, sich ins Bett zu legen, um zu schlafen, in der Hoffnung, der Schlaf würde ihr die Last der neuen Realität abnehmen.
All die Erlebnisse mit Amelia sollten nun der Vergangenheit angehören. Nie wieder sollte Caitlyn ihre beste Freundin sehen, nie wieder ihre Stimme hören dürfen. Das erschien ihr zu viel zu sein, um es verkraften zu können. Ihre Schultern fühlten sich nicht stark genug an, um den Verlust zu tragen. Sie drohte, unter seinem Gewicht zusammenzubrechen wie das morsche Holz eines alten Stuhles, auf das sich jemand setzte, der zu schwer dafür war. Vielleicht war sie auch bereits zusammengebrochen und der Zustand, in dem sie sich befand, zeugte genau davon. Caitlyn fühlte sich zu fertig, um genauer darüber nachzudenken. Also schloss sie einfach ihre Augen. Der Schlaf hatte sie beinahe übermannt, als sie plötzlich aufschreckte, weil sie vor ihrem inneren Auge Amelias Gesicht sah. Es war einfach aufgetaucht wie aus dem Nichts, als wäre sie noch hier. Caitlyn setzte sich auf und schlug ihre Bettdecke zurück. Sie blickte sich in ihrem Zimmer um, konnte in der Dunkelheit nur schemenhaft die Umrisse ihres Kleiderschrankes und des Bettes erkennen, in dem sie lag. Sie rieb sich die Augen und da war es wieder. Unter ihren geschlossenen Lidern zeichnete sich wie ein Foto ein Bild ihrer besten Freundin ab. Sie selbst war auch darauf zu sehen. Sie waren zusammen an einem See, den Amelia geliebt hatte. Sie waren in den letzten Jahren oft dorthin gefahren, wenn das Wetter wärmer und sonniger gewesen war.
„Fang mich doch.“, rief Amelia und lief los in Richtung See, nachdem sie Caitlyn mit einem Grashalm am Arm gekitzelt hatte.
Caitlyn lachte, während ihre Füße durch den von der Sonne aufgewärmten Sand liefen, ihrer Freundin hinterher, bemüht, diese einzuholen. Sie sah, wie Amelias Beine zuerst im Wasser ankamen, das umherspritzte, während ihre Füße immer wieder die Wasseroberfläche durchstießen und unter Wasser den Boden aufwühlten. Sie hatte es immer noch eilig. Dabei hatte sie doch schon längst gewonnen. Schließlich erreichte auch Caitlyn den See und drängelte sich durch das Wasser watend an den anderen Besuchern vorbei. Der See war gut besucht. Dann glitt Caitlyn ins Wasser und erreichte nach ein paar Schwimmzügen Amelia, die schon vorausgeschwommen war.
„Hab dich!“, sagte sich und erfasste die Schulter ihrer Freundin.
„Ich habe trotzdem gewonnen.“, erklärte Amelia stolz, „Du hättest mich noch an Land fangen sollen.“
Sie grinste siegessicher und glücklich und wieder lachte Caitlyn. Amelias Lachen war einfach ansteckend.
„Na gut. Aber ich habe fast gewonnen. Das zählt doch auch.“, erklärte Caitlyn.
„Na und ob.“, meinte Amelia feixend.
Auch wenn sie beide über 30 waren, so benahmen sie sich, wenn sie zusammen waren, manchmal noch immer wie Kinder. Vielleicht lag das daran, dass sie sich die Erinnerung an die innige Freundschaft, die sie als Kinder gepflegt hatten, so tief eingeprägt hatten.
Amelia und Caitlyn schwammen ein paar Runden nebeneinander her, während die Sonne ihnen ins Gesicht schien und ein Reiher in der Ferne über dem Wasser seine Kreise zog.
Es war Amelia, die Caitlyn auf den großen majestätischen Vogel aufmerksam machte und sie freuten sich zusammen über den Anblick, der sich ihnen bot.
Später, als sie sich abgetrocknet und ihre nassen Badesachen gegen ihre trockene Kleidung getauscht hatten, holten sie sich ein Eis in der Eisdiele, die es in der Nähe des Sees gab. Sie ließen sich damit auf der Wiese nieder, die an den See angrenzte.
„Ich liebe diesen See.“, erklärte Amelia, „Da kann kein Schwimmbad mithalten. Es ist einfach viel schöner, in der Natur schwimmen zu gehen als in einem sterilen Becken.“
Caitlyn warf ein, dass manche Menschen die Algen abschreckten, die es im See gab und einige Verunreinigungen, die ihn im Vergleich zum Wasser in Schwimmbad trüb erscheinen ließen. Amelia machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Ach, das ist doch halb so schlimm. Das gehört für mich dazu. So ist eben die Natur.“
Sie leckte an ihrem Eis, das in der Sonne bereits zu schmelzen begann.
Caitlyn dachte daran, dass ihr der Geruch ihres eigenen Handtuchs manchmal abstoßend vorkam, wenn sie es nach einem Besuch an dem See zu Hause in die Wäsche warf. Es war der Geruch nach Algen, den sie ein wenig eklig fand und diesen Geruch gab es im Schwimmbad nicht. Dort roch alles nach Chlor. Dennoch bewunderte sie Amelia für ihre Naturverbundenheit, die sie den See so lieben ließ. Caitlyn blickte auf das Wasser, das ich kleinen Wellen ans Ufer schlug. Diesen Anblick liebte auch sie wirklich, genau wie Amelia.
„Ich bewundere diese Einstellung von dir.“, sagte Caitlyn und blickte die junge Frau an, die ihr so viel bedeutete und die sie fast ihr ganzes Leben lang kannte.
Amelia lachte und nickte dabei.
„Das Eis ist echt gut.“, sagte sie, dann ließ sie Caitlyn von den Sorten probieren, die sie sich ausgesucht hatte.
Caitlyn lächelte und nickte.
„Oh, da hast du Recht. Beim nächsten Mal muss ich auch unbedingt das Himbeereis nehmen. Willst du auch bei mir probieren?“
Caitlyn hatte zwar eine Kugel bereits aufgegessen, aber zwei Sorten waren noch da und sie ließ Amelia bereitwillig davon kosten. Sie teilten gern ihr Essen, das hatten sie schon als Kinder unter anderem mit ihren Pausenbroten so gemacht.
„Dann fahren wir also bald wieder her?“, fragte Amelia und sah Caitlyn erwartungsvoll an.
„Bestimmt.“, erklärte Caitlyn und konnte in den Augen ihrer Freundin Freude aufleuchten sehen.
Caitlyn blickte sich wieder um. Der Menge an Menschen nach zu urteilen, die am See saßen oder in ihm badeten, fanden es viele hier schön.
„Es ist ein wundervoller Ort.“, sagte sie dann.
„Und du bist eine wundervolle Freundin.“, ergänzte Amelia.
„Du auch.“
Nachdem sie das Eis aufgegessen hatten, gingen sie noch ein paar Schritte um den See. Zwar gab es hier keinen offiziellen Wanderweg, aber die Menschen, die den See gern erkunden wollten, hatten einen kleinen Trampelpfad getreten, der durch das Gras führte. Diesen gingen Caitlyn und Amelia entlang. Sie mussten hintereinander gehen, da der Weg so schmal war. Im Gras blühten einige Gänseblümchen und andere Blumen, die sie allerdings von Weitem nicht genauer identifizieren konnten. Sie wirkten wie kleine Farbtupfer in der überwiegend grünen Landschaft. Kleine Schwärme von Fliegen standen in der Luft über ihnen, vom warmen Wetter aus ihren Verstecken gelockt oder vielleicht auch erst geschlüpft und zum Leben erwacht. Caitlyn und Amelia duckten sich, um die Insekten in ihrem Treiben nicht zu stören, während sie unter dem Schwarm entlanggingen.
Als sie einige Meter gegangen waren, kamen sie zu einem Steg, der ins Wasser führte.
„Lass uns darauf gehen.“, meinte Caitlyn und deutete auf den Steg. Dann zog sie ihre Freundin mit sich.
Amelia folgte ihr gern. Vom Steg aus konnten sie Rallen und Enten sehen, die neben ihnen im Wasser schwammen.
„Oh, wie schön.“, rief Amelia begeistert aus und betrachtete die Wasservögel.
Caitlyn lächelte. Auch ihr gefiel der Anblick. Anders als auf der überfüllten Wiese, war es hier ruhig. Niemand war hier außer ihnen beiden und der Natur, die sie umgab. Caitlyn blickte zu Amelia, betrachtete ihre Freundin von der Seite, wie sie gespannt den Enten zusah. Zu Hause wartete ihre Tochter auf Amelia, die sie ebenfalls immer mit diesem bewundernden Blick ansah. Amelia liebte diesen Blick. Doch nun war Beste-Freundinnen Zeit und Amelias Mann kümmerte sich um die Tochter. Caitlyn war ihm dankbar, dass er Amelia und Caitlyn ihre gemeinsame Zeit ermöglichte. Sie wusste von vielen ehemaligen Studienkollegen, dass bei diesen die Freundschaften hinter der Familie zurückstehen mussten. Das konnte Caitlyn sich für Amelia und sich selbst nicht vorstellen. Amelia und sie waren unzertrennlich und sollten es auch bleiben dürfen.
Die Enten schnatterten munter durcheinander und ließen sich von den beiden Frauen nicht stören, die auf dem Steg standen und ihnen zusahen. Der Wind zeichnete zusätzlich zu den Enten ein paar Wellen auf die ansonsten ruhige Wasseroberfläche. Er blies ihnen auch ins Gesicht und wehte ihre Haare durcheinander. Sie lachten.
„Komm.“, sagte Amelia schließlich, nachdem sie auf die Uhr geblickt hatte und streckte ihre Hand nach Caitlyn aus.
Diese ergriff die Hand ihrer Freundin und ging neben ihr auf dem Steg zurück zum Ufer. Dann machten sie sich zusammen auf den Heimweg. Zuerst liefen sie zu der Stelle zurück, an der die vielen Menschen noch immer lagen und saßen. Dann bogen sie links ab. Dort stand Amelias Auto, mit dem sie hergefahren waren. Mit diesem nahm Amelia sie beide wieder mit zurück. Sie setzte Caitlyn zuerst bei sich zu Hause ab, bevor sie selbst heimfuhr. Als Amelia den Wagen vor Caitlyns Haustür hielt, warf Amelia ihrer Freundin eine Kusshand zu.
„Danke für den tollen Ausflug.“, sagte sie und winkte eifrig, während Caitlyn zurückwinkte, nachdem sie aus dem Wagen geklettert war.
„Es war großartig. Wie immer. Bis bald, meine Liebe. Ich rufe dich an.“
„Ist gut. Bis demnächst.“
Als Amelias Wagen davonfuhr, blickte Caitlyn ihm mit einem Lächeln nach, bevor sie in ihre Wohnung ging.
Als Caitlyn nun ihre Augen öffnete, standen Tränen darin. So schön die Stunden gewesen waren, an die sie sich erinnert hatte, so schmerzhaft war nun die Erkenntnis, dass sie für immer vergangen waren. Diese Tatsache trieb sie in die Verzweiflung, zog sie in einen Abgrund, in dem es kalt war. Hier wurde alles von der Dunkelheit verschluckt. Sie schüttelte den Kopf und legte sich wieder hin, zog ihre Decke höher. Obwohl es im Zimmer nicht wirklich kalt war, fror sie auf einmal. Caitlyn presste ihre Augen zusammen und ihre Lippen aufeinander, um den Impuls zu unterdrücken, weiter zu weinen. Sie war fest entschlossen, in einen traumlosen Schlaf abzutauchen und möglichst nicht so schnell wieder zu erwachen. Wenn sie Glück hatte, würde sie bis zum Mittag des nächsten Tages durchschlafen können. Das tat sie manchmal, wenn sie sehr müde war. Nun hatte sie so viel geweint, dass sie sich sehr erschöpft fühlte. Es sollte also funktionieren. Sie hatte sich keinen Wecker gestellt und die Gardinen zugezogen. Es gab also auch nichts, dass sie beim Schlafen stören sollte.
Es war 12 Uhr mittags, als Caitlyn schließlich aus dem Schlaf erwachte. Ihr Blick fiel auf den Wecker, dann drehte sie sich noch einmal um und schloss die Augen. Doch so sehr sie sich wünschte, noch einmal einzuschlafen, es klappte nicht. Sie hatte bereits zu lange im Bett gelegen. Also richtete sie sich auf und schlüpfte unter der Decke hervor.
Langsam schlurfte sie ins Badezimmer. Danach ging sie in die Küche und setzte sich einen Kaffee auf. Während das Wasser über das Kaffeepulver floss und als eine braune Flüssigkeit in die darunter stehende Kanne sickerte, begannen Caitlyns Gedanken zu kreisen. Wieder dachte sie an ihre beste Freundin, die sie verloren hatte. Amelias Mann Frank hatte sie angerufen, nachdem es passiert war. Von ihm hatte sie die schrecklichste Nachricht erhalten, die man ihr je hätte überbringen können. Caitlyn fragte sich, wie er wohl damit umging. Für Frank musste es ebenso schmerzhaft sein. Da Caitlyn nicht an ihr Telefon ging, wusste sie aber nichts Genaueres über sein aktuelles Befinden, hatte ihn das letzte Mal kurz nach dem Unfall gehört, bei dem Amelia ums Leben gekommen war. Frank hatte Caitlyn aus dem Krankenhaus angerufen.
Es würde eine Beerdigung geben. Amelias Mann hatte Caitlyn eine Einladung geschickt mit Ort und Uhrzeit der Trauerfeier. Die Einladung lag auf Caitlyns Nachttisch neben ihrem Bett. Nachdem sie sie vor ein paar Tagen gelesen hatte, hatte sie sich weder dazu entschließen können, sie wegzuräumen, noch dazu, sich den Termin im Kalender einzutragen. Sie war noch nicht sicher, ob sie hingehen würde. Sie hatte Angst vor dem, was sie erwartete, Angst vor ihrem eigenen Schmerz und vor der Gewissheit, dass Amelia nie zurückkam. Caitlyn wusste nicht, wie sie mit dieser Gewissheit umgehen sollte. Wenn sie sich zu Hause verkroch, dann musste sie der Realität wenigstens nicht direkt ins Auge sehen.
Der Kaffee war fertig und Caitlyn nahm eine Tasse aus dem Küchenschrank. Sie goss das heiße Getränk dort hinein und schüttelte etwas Zucker hinzu. Die dampfende Tasse in beiden Händen haltend begab sie sich ins Wohnzimmer und nahm auf dem Sofa Platz. Obwohl es draußen hell war, war es hier dunkel. Caitlyn überlegte, ob sie die Deckenbeleuchtung anschalten sollte, entschied sich dann aber dagegen und hieß anstatt dessen die Dunkelheit willkommen.
Sie nahm ein paar Schlucke des heißen Kaffees. Die Wärme, die sich in ihrem Körper ausbreitete, tat ihr gut. Sie atmete tief ein, um sich selbst zu beruhigen. Sie wusste nicht, wie ihr Leben ohne Amelia weitergehen sollte, musste sich erst einmal darauf konzentrieren, Minute für Minute zu überstehen. Amelias Tod hatte Caitlyns Leben in Stücke gerissen. Wie bei einem großen Puzzle, dessen Teile durcheinander geraten waren und das man wiederherzustellen versuchte, musste sie nun die Scherben ihres Lebens neu zusammenfügen in der Hoffnung, dass das Bild, das daraus entstand, noch Sinn ergeben würde. Könnte es das jemals wieder tun?
Caitlyns Hände begannen zu zittern, weil ihre innere Anspannung so groß war. Sie stellte die Kaffeetasse auf den Tisch vor ihr, auf dem sich noch das Wasserglas vom Vortag befand. Dann lehnte sie sich auf der Couch zurück. Wieder traten ihr Tränen in die Augen, spülten den Schmerz aus ihrem Körper. Die innere Wunde war noch so frisch und Caitlyn fragte sich, ob sie wohl je verheilen sollte oder ob sie sie ihr Leben lang begleiten würde.
Als der Tränenstrom etwas versiegt war und ihre Sicht deshalb nicht mehr verschleiert war, blickte Caitlyn auf ihre Armbanduhr, die auf dem Tisch lag. Sie wollte wissen, wie spät es war, musste aber feststellen, dass es zu dunkel in dem Raum war, um die Lage der Zeiger auf der Uhr erkennen zu können. Sie stand auf und ging zum Fenster. Einen Moment lang stand sie reglos davor, dann gab sie sich einen Ruck und zog die Gardinen auf, die sie am Vortag abends voller Überzeugung geschlossen hatte.
Mit einem kratzenden Geräusch schob sich der Vorhang zur Seite und gab den Blick auf Caitlyns Balkon frei. Draußen schien die Sonne und hinterließ leuchtende Flecken auf dem Tisch und auf den Stühlen, die hier standen. Caitlyn blickte nach draußen und betrachtete, wie die Sonnenstrahlen von den Wasserpfützen auf dem Tisch und auf den Stühlen reflektiert wurden. Das Licht blendende sie. Beinahe hätte sie ihren Blick wieder abgewandt und sich ins Zimmer zurückgezogen, da entdeckte sie einen Vogel, der auf der Lehne eines ihrer Balkonstühle saß. Es war eine Blaumeise. Aufgeregt schaute das Tier sich um und sprang kurz darauf auf den Tisch. Caitlyn stand ganz still da, um die Meise nicht zu verscheuchen und betrachtete sie. Dieses Mal schaffte sie es, dem Impuls zu wiederstehen, auch die Natur draußen aus ihrem Leben ausschließen zu wollen.
Die kleinen Pfützen, die der Regen auf dem Holz des Tisches hinterlassen hatte, weckten die Aufmerksamkeit der Meise. Sie hüpfte an deren Rand und begann daraus zu trinken. Hastig sog der kleine Schnabel das Wasser auf, das sich dort gesammelt hatte. Caitlyn sah zu, wie die Pfütze kleiner wurde und das Wasser in der Kehle des Vogels verschwand. Dann schaute die Meise auf, blickte sich erst sichernd um, dann sah sie Caitlyn direkt an, die hinter der Fensterscheibe stand. Sie war sich sicher, dass der Vogel ihre Gestalt wahrnahm.
„Na, du Kleine.“, flüsterte Caitlyn liebevoll und es waren die ersten Worte, die sie seit der Nachricht von Amelias Tod überhaupt sprach.
Aus schwarzen runden Augen musterte die Meise Caitlyn und legte den Kopf leicht schief. Caitlyn starrte zurück und bemerkte dabei, dass etwas in dem Anblick sie rührte. Ein flüchtiges Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, bevor sie ihre Lippen zusammenpresste und in ihre Schwermut zurückfiel. Die Meise wandte ihren intensiven Blick ab und hüpfte über den Balkontisch. Caitlyn folgte ihr mit dem Blick, aber ohne dabei zu lächeln. Sie betrachtete das bunte Federkleid des Vogels. Obwohl es schon wärmer draußen war, hatte er sich aufgeplustert, was ihm etwas besonders Niedliches verlieh. Das Köpfchen mit der blauen Haube blickte abwechselnd zu Caitlyn und in die Umgebung. Als die Meise Caitlyn schließlich den Rücken zudrehte, sah sie inmitten der blauen Schwanzfedern eine weiße, die sich farblich von den übrigen Federn abhob. Caitlyn fragte sich, wie der Unterschied wohl zustande kam. Vielleicht war es einfach ein harmloser genetischer Defekt oder aber mit der Feder war etwas passiert. Aber was sollte das sein? Caitlyn schüttelte den Kopf. Sie wusste es nicht, aber das spielte im Grunde auch keine Rolle.
Sie sah der Meise noch eine ganze Weile dabei zu, wie sie sich auf ihrem Balkon vergnügte. Dann irgendwann flog sie fort und Caitlyn wandte sich vom Fenster ab. Die Gardine ließ sie offen, sodass das Tageslicht in den Raum fiel. Dann setzte sie sich wieder aufs Sofa. Sie starrte die Wand an, die sich ihr gegenüber befand, jedoch ohne wirklich hinzusehen. Anstatt dessen flogen ihre Gedanken weit fort in eine andere Zeit an einen anderen Ort. Sie war wieder jugendlich, ein Schulmädchen in der gymnasialen Oberstufe, das mit ihrer besten Freundin die Pause zusammen verbrachte.
„Hey, da bist du ja endlich. Ich habe schon sehnsüchtig auf dich gewartet.“, erklärte Amelia, die am Ausgang der großen Tür stand, die vom Schulgebäude auf den Schulhof führte.
„Hallo!“, entgegnete Caitlyn und warf sich in Amelias Arme, „Sorry du, Herr Schulze hat mal wieder überzogen. Du weißt ja, wie das ist. Schließlich hattet ihr ihn doch letztes Jahr in Geschichte.“
Herr Schulze war im letzten Schuljahr Amelias Klassenlehrer gewesen, bevor er die Klasse an eine deutlich jüngere Lehrerin abgegeben hatte. Nun hatte Caitlyn ihn in Erdkunde, zwar nicht als Klassenlehrer, aber seine Marotten waren ihr dennoch auch so schon überdrüssig. Herr Schulze war kein so beliebter Lehrer bei den Schülern. Das lag nicht allein daran, dass er die weniger guten Schüler ständig klein machte, auch seine Art zu unterrichten war nicht sonderlich geschickt. Die wenigsten interessierten sich für seinen Unterricht und anstatt etwas an seiner Art zu ändern, hängte er die Minuten, die er meinte durch die Unaufmerksamkeit von Schülerinnen und Schülern verloren zu haben, hinten dran. Er zog sie von der Pause ab und so manches Mal war dieses Vorgehen nicht gerechtfertigt.
„Oh ja. Verstehe.“, sagte Amelia mitfühlend und drückte ihre Freundin an sich.
Auch wenn Amelia und Caitlyn auf dieselbe Schule gingen, so besuchten sie doch unterschiedliche Klassen. Amelia war ein Jahr älter als Caitlyn und ging damit in eine Klassenstufe über ihrer Freundin. In den Pausen trafen sie sich regelmäßig auf dem Schulhof oder in den Schulfluren, je nach Wetter. Das waren für beide Mädchen die schönsten Momente des Schulalltags. Manchmal fieberten sie in besonders langweiligen Unterrichtsfächern schon ihrem Treffen in der Pause entgegen.
„Wollen wir auf den Hof?“, fragte Amelia und Caitlyn nickte zustimmend.
„Gern.“
Sie waren beide gern an der frischen Luft, also gingen sie gemeinsam wie so oft nach draußen. Ihre Standardrunde verlief über den Schulhof, hinter der Turnhalle entlang und um das Schulgebäude, anschließend wieder zum Eingang zurück. Das war eine Runde, die man sogar in einer kurzen Pause schaffen konnte, wenn man sich beeilte und nicht stehen blieb. Aber dieses Mal hatten sie Zeit. Sie machten auf ihrer Runde hinter dem Schulgebäude eine Pause. In einiger Entfernung standen andere Schülerinnen und Schüler und rauchten heimlich. Das waren diejenigen, die sich noch nicht in den offiziellen Raucherbereich wagten, weil sie noch minderjährlich waren. Caitlyn hatte den Geruch nach Zigaretten schon immer eklig gefunden und sie war froh, ihn nicht wahrzunehmen an der Stelle, an der sie standen.
Amelia öffnete die Brotbox, in der sich ihr Pausenbrot befand und die sie bislang in der Hand gehalten hatte. Zwei mit Schokoladenaufstrich beschmierte Vollkornbrote lagen darin. Es war ein Schulfrühstück, das die beiden Mädchen liebten.
Amelia hielt Caitlyn die Brotdose hin.
„Nimm dir ruhig wieder eines.“, sagte sie und Caitlyn lächelte dankbar.
Dann nahm sie eines der Brote in die Hand, Amelia nahm das andere. Schweigend aßen sie eine Weile lang und betrachteten ihre Umgebung.
„Manchmal kommt es mir so vor, als wären wir Schwestern.“, sagte Caitlyn nach einer Weile.
Amelia nickte.
„Ja. Das habe ich auch schon oft gedacht.“, erklärte sie, „Im Augenblick sind wir wie zwei Schwestern, die miteinander frühstücken.“
Sie lachten beide und Caitlyn fiel auf, wie schön es sich anhörte, wenn sich Amelias Lachen mit ihrem eigenen Lachen vermischte und eine neue Melodie kreierte.
„Deine Pausenbrote sind echt gut.“, lobte Caitlyn.
„Ich weiß.“, erklärte Amelia.
Ihre Mutter machte ihr jeden Morgen die Brote und jedes Mal betonte Amelia, dass sie besonders viel Schokoladenaufstrich darauf haben wollte. Sie wusste, dass Caitlyn die Brote so mochte und sie teilte sie sich beinahe jeden Tag mit ihr.
Ein Kohlweißling flog vor ihnen über das spärliche Gras, das neben dem Schulgebäude wuchs und ließ sich an einer Löwenzahnblüte nieder.
„Wie schade, dass wir nicht hier draußen Unterricht haben können.“, sagte Amelia nach einer Weile, „Ich meine, ich würde viel lieber neben den Schmetterlingen hier sitzen als auf einer Schulbank, die knarrt und unter der sich schon der Staub kräuselt.“
Caitlyn nickte. So wie Amelia es sagte, machte es tatsächlich Sinn und auch sie wünschte sich nun einen Unterricht draußen. Dabei hatte sie zuvor noch gar nicht darüber nachgedacht. Sie blickte Amelia an, bewunderte sie insgeheim für ihre Verbundenheit zur Natur, die sich in diesem Augenblick wieder einmal offenbarte.
„Ja, das wäre tatsächlich eine tolle Erfindung.“, bestätigte Caitlyn und musterte die Umgebung, „Allerdings könnten dann nicht alle Klassen draußen sein, nur immer ein oder zwei. Ansonsten würde man sich gegenseitig stören, weil man zu eng aufeinander hockt.“
Sie spann den Gedanken weiter, den Amelia angeregt hatte. Es machte ihr Spaß, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen.
„Man würde auch nichts mehr verstehen, wenn die Lehrer so dicht beieinander stehen müssten. Dann würden sich ja ihre Stimmen überlagern.“, stimmte Amelia zu.
„Oder man könnte sich aussuchen, welchem Lehrer man zuhört. Wenn man keine Lust auf den eigenen Unterricht hat, nimmt man eben den der Parallelklasse.“, scherzte Caitlyn und sie lachten wieder.
„Problematisch wird es dann nur, wenn dann die Arbeiten kommen oder wenn man die Aufgabe nicht erledigen kann, die jeder in Stillarbeit machen soll.“
„Oder stell dir mal vor, wie es mit den Gruppenarbeiten dann wäre. Wenn wirklich alle Leute durcheinander reden.“
„Oh Mann.“
„Aber die Idee ist trotzdem klasse. Die werde ich mir merken.“
Sie hatten die Brote aufgegessen und machten sich langsam auf den Rückweg zum Haupteingang des Schulgebäudes.
„Was hast du jetzt nochmal?“, wollte Amelia wissen.
Es war noch zu Beginn des Schuljahres und sie hatte sowohl ihren eigenen Stundenplan als auch den ihrer besten Freundin noch nicht im Kopf. Später sollte sie immer auswendig wissen, was wer von ihnen wann für ein Fach hatte.
„Englisch.“, meinte Caitlyn, „Das ist eines meiner Lieblingsfächer.“
Amelia erklärte, dass sie Mathe habe, dann verabschiedeten sie sich und gingen zu ihren jeweiligen Klassenräumen, wo jeder von ihnen mit einer Menge an Gleichaltrigen verschmolz, die zwar vertraut war, aber doch keinem von ihnen so nahe, wie sie einander waren.
Caitlyn atmete schnell, als die Erinnerung von ihr abfiel und ihr Verstand zurück in die Realität fand. Ihr Herz hämmerte wie wild, als wollte es gleich zerspringen. So viele Erinnerungen trug sie mit sich an ihr gemeinsames Leben, die in ihrer Schönheit kaum zu übertreffen waren und die gerade deshalb nun so schmerzten. Wie gern hätte Caitlyn mit Amelia jetzt zusammengesessen und sich mit ihr an die gemeinsame Schulzeit erinnert. Das hatten sie früher oft getan. Wie gern würde sie Amelia jetzt fragen „Weißt du noch, als du vorgeschlagen hast, wir sollten unseren Unterricht nach draußen verlagern?“ Sicher hätte Amelia dann gelacht und ihr versichert, dass sie nichts davon vergessen habe und je vergessen werde. Doch was war nun? Ob ihre Freundin die Erinnerungen immer noch bei sich trug, wo auch immer sie nun war oder ob sie mit ihr gestorben waren, ausgelöscht wie ihr kostbares Leben, das vor ein paar Tagen ein viel zu frühes Ende gefunden hatte?
Caitlyn stand auf und ging in die Küche, nachdem sie ihren Kaffee ausgetrunken hatte. Nun spürte sie, wie sehr ihr Magen knurrte. Es musste eine ganze Weile her sein, dass sie etwas gegessen hatte. Vorsichtig öffnete sie den Kühlschrank, als müsste sie es heimlich tun, weil jemand sie beobachten und ihr vorwerfen könnte, sie würde nicht genug um ihre Freundin trauern, wenn sie etwas zu sich nähme. Sie holte sich dennoch das angefangene Brot aus dem Kühlschrank, schnitt sich zwei Scheiben davon ab und legte sie auf einen Teller. Dann bestrich sie sie mit der Nussnougat-Creme, die sie noch zu Hause hatte und begann zu essen. Es schmeckte anders als die Pausenbrote, die sie mit Amelia geteilt hatte und an deren Geschmack Caitlyn sich noch gut zu erinnern glaubte. Es war eine andere Sorte Brot. Aber dennoch beruhigte Caitlyn das Gefühl, etwas in Andenken an Amelia zu tun. Es gab ihr das Gefühl, als wäre ihre beste Freundin nicht ganz tot, als würde sie in ihrem Herzen und in ihren Gedanken, in ihrer Erinnerung und in ihrem Handeln weiterleben.
Nach dem kurzen Frühstück zog Caitlyn sich rasch das Nachthemd aus, das sie noch trug und zog sich Pullover und Jeans an. Sie erhaschte einen kurzen Blick auf sich selbst im Spiegel und blickte schnell wieder weg. Ihre Augenlider waren noch vom Weinen geschwollen, ihre Haut im Gesicht gereizt von dem Salz ihrer Tränen. Doch sie hatte keine Lust sich zu schminken und ihre Trauer zu kaschieren. Für wen? Sie wollte doch so oder so niemanden sehen. Also begnügte Caitlyn sich damit, ihr Gesicht zu waschen und abzutrocknen. Es kam ihr vor, als hätte sie damit bereits viel Energie verbraucht. Also ging sie zurück ins Wohnzimmer, um sich dort erschöpft auf das Sofa zu legen. Caitlyns Wohnung besaß neben der großen Küche und dem Badezimmer die beiden Zimmer, die sie als Wohn- und Schlafzimmer eingerichtet hatte. Früher, als ihr Freund noch hier gewohnt hatte, hatte eines der Zimmer ihm gehört und das andere ihr. Damals hatte sie im selben Zimmer geschlafen und sich aufgehalten, wenn sie sich zurückziehen wollte, um zu lesen oder einfach ihren Gedanken nachzuhängen. Der Fernseher hatte schon damals in dem heutigen Wohnzimmer gestanden, das früher das Zimmer ihres Freundes gewesen war. Er hatte am meisten von ihnen beiden ferngesehen und wenn sie sich zusammen eine Sendung hatten anschauen wollen, dann war Caitlyn dafür in sein Zimmer gekommen. Sie vermisste ihren damaligen Freund kaum noch. Ihre Trennung lag über ein Jahr zurück und sie hatte das Gefühl, dass sie diese inzwischen ganz gut verarbeitet hätte. Würde das auch passieren, wenn Amelia mehr als ein Jahr tot war? Caitlyn schüttelte den Kopf. Sie konnte es sich nicht vorstellen, konnte sich nicht vorstellen, dass der Schmerz so schnell nachlassen würde. So viele Jahre hatte sie Amelia gekannt, viel länger als ihren Freund. Amelia und Caitlyn hatten so viel zusammen erlebt, waren sich stets so nahe gewesen. Im Grunde hatte Caitlyn sich immer mehr mit Amelia verbunden gefühlt als mit all den Männern und Jungen, zu denen sie einmal eine Beziehung gehabt hatte, nur, dass sie eben nie in Amelia verliebt gewesen war. Das, was sie für sie empfunden hatte, war eher eine stille Bewunderung gewesen, fast wie ein geheimes Anbeten, ein Feuer, das sich in ihrem Herzen ausgebreitet hatte, ohne Begehren zu schüren. Sie hatte Amelia immer wunderschön gefunden, ohne, dass sie für sie sexuell anziehend gewesen war. Sie wäre nicht einmal auf die Idee gekommen, auf diese Art etwas mit ihrer Freundin anzufangen und Amelia ihrerseits wohl auch nicht. Caitlyn hatte auch nie so etwas wie Eifersucht Amelias Mann gegenüber empfunden, der die intensive Beziehung zwischen den beiden Frauen immer voll und ganz akzeptiert hatte.
Caitlyn legte sich nun auf das Sofa und streckte ihre Beine aus. Auch an diesem Tag hatte Caitlyn vor, den Fernseher auszulassen. So wie sie ihre Freunde und Bekannten nicht sehen wollte, wollte sie auch niemanden im Fernsehen sehen, keine Schauspieler, keine Nachrichtensprecher und auch keine Menschen in den Werbepausen, einfach niemanden.
Caitlyn starrte an die Decke, zählte die kleinen Kästchen des Musters, das sich darauf befand, um sich von der Traurigkeit abzulenken, die sie wieder eingeholt hatte. Als sie in die Wohnung eingezogen war, war die Decke so schmutzig gewesen, dass sie und ihr Freund etwas hatten tun müssen. Zuerst hatten sie die Decke einfach in Weiß überstreichen wollen, aber dann hatten sie es sich anders überlegt. Da sie so oder so Arbeit damit gehabt hatten, die Decke zu verändern, hatten sie beschlossen, sich auch gleich etwas Außergewöhnlicheres gönnen zu können. Ihr Freund hatte sich das damals so gewünscht. Also hatten sie auch die Decke zusammen mit einer Tapete beklebt, welche ein schlichtes Karomuster aufwies. Diese Gestaltung der Decke hatte Caitlyn immer gefallen und nun verschaffte sie ihr die Ablenkung, die ihr willkommen war.
Caitlyn war bei hundert angelangt, als ihr die Augen zufielen. Sie fühlte sich in den letzten Tagen so müde wie schon lange nicht mehr in ihrem Leben. Vielleicht lag das daran, dass sie so viel weinen musste. Es war ja bekannt, dass Weinen zwar lösend wirkte, aber den Körper auch anstrengte. Caitlyn gab sich unter geschlossenen Augenlidern einer Ruhe hin, die ihr willkommen war. Dann schlief sie trotz des Kaffees, den sie getrunken hatte, für einige Minuten ein.
Sie erwachte von einem Klopfen auf ihrem Fensterbrett. Sie erschrak nicht, vielmehr nahm Caitlyn einfach zur Kenntnis, dass da etwas auf dem Metall der Fensterbank hinter ihrem Wohnzimmerfenster gelandet war. Vielleicht hatte es wie am Vortag angefangen zu regnen. Sie drehte sich auf der Couch und schloss erneut die Augen ohne nachzusehen, wollte wieder abtauchen in die Ruhe des Schlafes. Doch das Klopfen wurde mehr und hörte sich nun zwischendurch an wie ein Scharren von etwas auf dem Metall. Caitlyn war immer noch nicht gewillt, den Geräuschen Beachtung zu schenken. Da erst vernahm sie ein leises Zwitschern zwischen den Klopfgeräuschen. Ein Vogel machte es sich wohl auf ihrem Fensterbrett bequem. Als Caitlyn immer noch nicht reagierte, wurde das Zwitschern lauter und es erschien Caitlyn beinahe so, als riefe jemand sie, ein Vogel und kein Mensch.
Endlich beschloss Caitlyn, vom Sofa aufzustehen und zum Fenster zu gehen, um nachzusehen, was dahinter los war.
Es war die Blaumeise, die sie gerufen hatte und die auf dem Fensterbrett herumhüpfte und Caitlyn hin und wieder ansah. Caitlyn betrachtete das Tier, suchte nach dem Erkennungszeichen, der weißen Schwanzfeder und als sie sie sah, huschte ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht.
„Ach, du bist es.“, sagte sie und es klang gleichzeitig erstaunt und erfreut.
Als die Meise ihr Zwitschern intensivierte, kam es Caitlyn vor, als würde sie ihr antworten. Es war eine wunderschöne Melodie, die da der kleinen Vogelkehle entschlüpfte und Caitlyns Ohren erreichte. So sehr sie im Augenblick die Eindrücke und Geräusche scheute, so sehr war sie doch ergriffen von dem Klang, der sich ihr bot. Sie wünschte sich, dass er nie wieder enden möge und das tat er auch nicht so schnell.
Als die Meise allerdings das Fensterbrett erkundet zu haben schien, flog sie wieder auf den Tisch, der auf dem Balkon stand. Vielleicht war es der Durst, der sie dorthin lockte. Caitlyn dachte bei sich, dass sie nach einer Gesangseinheit auch durstig gewesen wäre. Wenn sie in der Schule und später im Studium einen Vortrag hatte halten müssen, hatte sie danach immer einen trockenen Hals gehabt. Vielleicht ging es der Meise ja ähnlich.
Nachdem er sich etwas mit dem restlichen Regenwasser vom Tisch gestärkt hatte, fing der kleine Vogel wieder an zu singen und Caitlyn sah ihm dabei zu. Sie ging ein Stück zur Seite, um einen besseren Blick zu haben und die Meise ließ sich von der Bewegung hinter dem Fensterglas nicht beunruhigen oder gar verscheuchen. Sie schien besonders zutraulich zu sein. Dennoch traute sich Caitlyn nicht, das Fenster oder die Balkontür zu öffnen. Dann hätte die Meise sicherlich doch Angst bekommen und wäre davongeflogen.
Die Kehle der Meise vibrierte unter den Tönen, die sie hervorbrachte wie ein kleines Wunderwerk der Natur. Trotz der zierlichen Gestalt und der geringen Größe der Meise, konnte diese doch so laut singen. Caitlyn war sich nicht sicher, ob sie es schaffen würde, die Meise zu übertönen, würde sie es versuchen. Aber sie tat es natürlich nicht, sondern hörte viel lieber nur zu. Es machte nichts, dass Caitlyns Aufmerksamkeit währenddessen hin und wieder fortdriftete, bevor sie wieder ganz zu dem Vogelgesang zurückfand. Da waren keine von Menschen gesprochenen Worte, die sie verfolgen und deren Sinn sie begreifen musste, vielmehr musste sie die Klänge einfach nur mit dem Herzen aufnehmen. Das war leichter und so tat Caitlyn das. Schon bald fand der Gesang der Meise eine besondere Resonanz in ihr. Es war, als brächte er etwas in ihrem Herzen ebenfalls zum Schwingen, eine Saite des Glücks, von der Caitlyn nicht gewusst hatte, dass es sie überhaupt noch darin gab. Sie spürte den kurzen Schüben des Glücks nach, die aber nie lange anhielten, weil sie immer wieder von einer Dunkelheit überschattet wurden, die seit Amelias Tod ihr Herz eingenommen hatte.
Als die Meise schließlich fortflog, überließ sie Caitlyn wieder ganz ihrer Traurigkeit. Sicher musste sie noch woanders hin, konnte sich nicht den ganzen Tag an einem Ort aufhalten und musste überdies nach Nahrung suchen.
Caitlyn ging zurück zur Couch und ließ sich mutlos darauf fallen. Wäre doch nur Amelia hier und könnte mit ihr reden! So oft, wenn Caitlyn traurig gewesen war, hatte sie Trost bei ihrer Freundin gefunden und umgekehrt hatte auch Amelia stets bei Caitlyn Beistand bekommen, wenn sie diesen gebraucht hatte. Doch jetzt war Amelias Tod es, wegen dem Caitlyn in einen Abgrund fiel und genau der Mensch, den sie am meisten gebraucht hätte, war nicht da, würde nie wieder da sein.
Lustlos griff Caitlyn nach der Fernsehzeitung, die auf dem Tisch lag und begann darin zu blättern, nicht, weil sie wirklich nach einer Sendung schaute, die sie sehen wollte, sondern vielmehr um irgendetwas zu tun und sich dadurch abzulenken. Sie las die Zusammenfassungen der Spielfilme und die Überschriften der einzelnen Sendungen, ohne wirklich ein Wort zu verstehen. Ihr Verstand fühlte sich benebelt an, als hätte die Trauer ihm die Fähigkeit genommen, klar und konzentriert zu denken. Aber zum Glück gab es hier niemanden, der hinterher wissen wollen würde, was sie gelesen hatte, der sie dafür verurteilen würde, dass sie sich etwas nicht gemerkt hatte und so beschloss sie, sich selbst auch so anzunehmen wie sie gerade war, so zerrüttet und emotional fertig.
Nach einigem Lesen stieß Caitlyn auf die Beschreibung einer Naturdokumentation, die an diesem Tag ausgestrahlt wurde. Sie blickte auf die Uhr. Die Doku begann in einer Stunde und sie nahm sich vor, bis dahin genug Kraft zusammen zu sammeln, um sie sich anzuschauen. Sie würde den Ton ausschalten, so würde sie niemanden hören müssen und würde einfach nur die Tiere beobachten können, so wie die Meise auf ihrem Balkon.
Caitlyn legte sich wieder auf die Couch und versuchte, sich auf ihren eigenen Atem zu konzentrieren, das Ein und das Aus. Sie versuchte sich vorzustellen, dass mit jedem Atemzug ein wenig der Trauer aus ihr herausströmte und sie frische Luft voller Energie einatmete. Doch ihre Vorstellungskraft reichte dieses Mal nicht aus und ihr kamen doch wieder die Tränen. Also ließ sie sie laufen, da sie doch heraus wollten. Vielleicht würde es ja irgendwann leichter werden, vielleicht in ein paar Jahren.
Die Minuten strichen dahin und irgendwann war die Stunde tatsächlich vorbei, Caitlyn schaltete den Fernseher ein und wählte den Sender, der die Naturdokumentation zeigen sollte. Als sie die Stimmen von Menschen im Fernsehen vernahm, stellte sie schnell den Ton aus. So hatte sie es sich vorgenommen, das war ihr angenehmer. Im Augenblick hatte Caitlyn das Gefühl, dass sie Bilder von der Natur ertragen konnte, aber Stimmen überforderten sie.
Sie legte die Fernbedienung auf den Tisch und lehnte sich zurück. Ihr Taschentuch stecke sie sich in die Hosentasche in der Hoffnung, es zumindest während der Sendung nicht wieder benutzen zu müssen. Dann ließ sie die Eindrücke ganz unterschiedlicher Tiere an sich vorbeiziehen, schenkte ihnen so viel Aufmerksamkeit, wie sie konnte und entfloh dabei für anderthalb Stunden ihrer Realität und ihrem seelischen Schmerz.
Erst als sie den Fernseher wieder ausschaltete, spürte Caitlyn, dass sie eine Spur glücklicher war. Tiere und die Natur hatten seit jeher positive Auswirkungen auf die menschliche Psyche. Es war lange bekannt, dass sie beruhigend wirkten und hin und wieder sogar Kummer oder Krankheiten zu heilen vermochten. Nicht umsonst gab es Therapieansätze für Menschen, die lebende Tiere miteinschlossen, wobei leider nicht immer auf das Wohl der Tiere geachtet wurde und die deswegen nicht unbedingt zu empfehlen waren. Caitlyn erinnerte sich, dass sie sich als Kind zusammen mit Amelia schon an Marienkäfern hatten freuen können. Wir gern hatten sie beide sie damals auf die Hand genommen und die Käfer darauf herumkrabbeln lassen.
„Schau mal.“, rief Amelia aufgebracht und zupfte Caitlyn am Jackenärmel, sodass sie sich zu ihr umdrehte.
Dann deutete Amelia auf das Gras neben ihr. Caitlyn betrachtete den kleinen roten Punkt, der mühsam an einem Grashalm emporkletterte.
„Ein Marienkäfer.“, stellte Caitlyn fest und blickte wieder ihre Freundin an.
Caitlyn wollte weitergehen, aber Amelia schien von dem Käfer fasziniert zu sein. Sie wollte ihn unbedingt auf die Hand nehmen. Also hockte Amelia sich hin und hielt ihren Zeigefinger an den Grashalm, auf dem das Insekt saß. Wenig später krabbelte der Marienkäfer munter auf ihrer Hand. Sie hob ihn hoch, um ihn Caitlyn zu zeigen.
„Voll cool. Ich glaube, er fühlt sich wohl bei mir.“, erklärte Amelia stolz.
Caitlyn nickte.
„Ja. Er mag die Wärme deiner Hand. Die lässt ihn mobil werden.“
Amelia lachte und Caitlyn fiel in ihr Lachen ein. Es war ansteckend. Dann ließ sie den Käfer auf die Hand ihrer Freundin krabbeln und Caitlyn betrachtete die kleinen Beinchen, die über ihre Haut flitzten. Es kitzelte ein wenig, aber es war nicht unangenehm, eher lustig.
Caitlyn zählte die Punkte. Es waren genau sieben. Dabei hatte sie schon oft Marienkäfer gesehen, die noch mehr Punkte besaßen. Aber das hier war ihr Glückskäfer, ein richtiger Marienkäfer.
„Der Marienkäfer mag dich auch.“, erklärte Amelia, „Das sehe ich.“„Woran erkennst du das?“
Erstaunt blickte Caitlyn ihre Freundin an.
„Ach, einfach, weil er so munter auf dir herumkrabbelt. Wenn er Angst hätte, würde er sich in eine Ecke zurückziehen und dort verharren, bis du ihn wieder freigibst.“
Caitlyn nickte. Das klang tatsächlich nach einer guten Erklärung und sie freute sich über die Zuneigung des Käfers, ein kleines Kompliment der Natur.
„Sollen wir ihn wieder freilassen?“, fragte Caitlyn nach einer Weile.
„Ach warte. Ich will ihn noch einmal nehmen.“
Als wäre es ein geliebtes Haustier, übergab Caitlyn ihrer Freundin den Käfer, der mutig Amelias ausgesteckte Hand erklomm.
„Juhu. Ich hab ihn wieder.“, jubelte Amelia und beobachtete, wie der Marienkäfer sich fortbewegte. Sie hätte ihm ewig zuschauen können, ohne, dass es ihr langweilig geworden wäre. Sie ließ das Tier abwechselnd auf ihrer linken und auf ihrer rechten Hand herumlaufen. Ein Lächeln lag in Amelias Gesicht. Caitlyn, die ihre Freundin von der Seite beobachtete, musste ebenfalls lächeln, als so schön empfand sie den Anblick, der sich ihr bot.
So viele Menschen gingen einfach an den Tieren der Welt vorbei, ohne sie anzuschauen und ihre Schönheit zu bestaunen. Vielen war es egal, dass sie auf dem Planeten zusammenlebten mit so vielen Lebewesen anderer Arten, die es zu schützen galt. Amelia und Caitlyn gehörten nicht dazu. Sie teilten die Freude über die Marienkäfer miteinander, so wie sie sich zusammen an gemeinsamen Unternehmungen erfreuten.
Amelia hielt den Käfer in die Sonne, ließ die Sonnenstrahlen direkt auf seinen Rücken scheinen und beobachtete, wie sie diesen zum Glänzen brachten. Kurz darauf spreizte der Marienkäfer seine Flügel und flog davon. Eigentlich hatte Amelia das Tier wieder ins Gras setzen wollen an die Stelle, an der sie ihn aufgelesen hatte, aber so war es auch gut. Caitlyn und Amelia sahen beide dem roten Punkt hinterher, der über die Landschaft schwebte und immer kleiner wurde, bis er schließlich nicht mehr zu erkennen war.
Wie sehr Caitlyn Amelias Zuneigung zur Natur schon immer bewundert hatte! Irgendwann schien dieses Gefühl auf ihr eigenes Herz übergesprungen zu sein. Wann das passiert war, konnte sie nicht mehr genau sagen. Auf jeden Fall musste es noch in ihrer Kindheit geschehen sein.
Irgendwann klingelte das Telefon wieder, zum ersten Mal an diesem Tag und Caitlyn zog für einen Moment in Erwägung heranzugehen. Sie stand auf und begab sich zu dem Telefon. Dann sah sie die Nummer und hatte plötzlich das Gefühl, dass ihr Herz beinahe stehen blieb. Auf dem Display stand der Name ihre besten Freundin: Amelia. Es war die Nummer des Festnetzanschlusses ihrer Familie, die Caitlyn irgendwann unter Amelias Namen abgespeichert hatte. Von dieser Nummer aus versuchte sicher Amelias Mann Frank, Caitlyn zu erreichen. Caitlyns Lippen begannen zu beben und sie sank auf dem Boden auf die Knie, während das Telefon weiter klingelte. Sie schaffte es noch nicht einmal, sich wieder auf das Sofa zu setzen, geschweige denn, den Anruf entgegenzunehmen. Ob Frank wohl schon oft versucht hatte, sie zu erreichen?
Caitlyn vergrub ihr Gesicht zwischen ihren Knien, während sie auf den Unterschenkeln saß. Sie verfiel in ein lautes Schluchzen. Es war doch noch zu viel. Es war einfach alles zu viel. Allein der Gedanke, dass jemand sie mit der Nummer ihrer Freundin anrief und es nicht Amelia war, riss ihr den Boden unter den Füßen weg. Er brachte das Kartenhaus ihres Lebens zum Einstürzen und begrub alles, was einmal gewesen war, unter Trümmern. Caitlyns Tränen sogen sich in den Jeansstoff ihrer Hose, aber es war ihr egal. Vielmehr sorgte sie das Gefühl, verrückt zu werden vor Kummer.
Frank hinterließ keine Nachricht, sondern legte schließlich auf. Vielleicht war es ihm unangenehm, das, was er ihr zu sagen hatte, auf den Anrufbeantworter zu sprechen. Es war auch für ihn sicher nicht leicht. Er hatte seine Frau verloren. Sicher würde er später noch einmal anrufen und Caitlyn nahm sich vor, dann emotional stärker zu sein und ans Telefon zu gehen.
Es gab Menschen, die z.B. durch Naturkatastrophen, durch Kriegserlebnisse, durch sexuelle und körperliche Gewalt traumatisiert wurden. Sollte Caitlyn nun auch so jemand sein, ein traumatisierter Mensch, in diesem Fall unter Schock durch den Tod eines nahestehenden Menschen? Caitlyn zitterte unkontrolliert, hatte das Gefühl, die Kontrolle über ihren eigenen Körper zu verlieren und fühlte sich der Situation so ausgeliefert. Sie hatte keine Ahnung, was sie tun könnte, um wieder in ihren normalen Alltag zurückzukehren. Er schien ihr mittlerweile Lichtjahre weit in die Ferne gerückt zu sein.
Während sie weinte, wurde es draußen langsam dunkel und somit auch in dem Wohnzimmer, in dem Caitlyn hockte. Als sie aufblickte, konnte sie kaum noch etwas erkennen. Sie stand auf und ging zum Lichtschalter, betätigte ihn, wobei sie versuchte, nicht auf das Telefon zu schauen, das mahnend blinkte und Anrufe und Nachrichten ankündigte. Als Licht den Raum erfüllte, rieb sich Caitlyn die Augen und blinzelte. Sie blickte sich im Raum um, wie um sich zu vergewissern, dass alles noch so dastand wie zuvor. Sie mochte innerlich kaputt sein, aber ihre Wohnung stand noch und empfing sie, hielt sie in sich geborgen wie eine Wiege ein schlafendes Baby. Obwohl es noch früher Abend war, beschloss Caitlyn, sich schlafen zu legen. Sie hatte keine Energie mehr und wusste nichts mehr mit sich anzufangen.
Am kommenden Tag ging Caitlyn gleich früh zum Wohnzimmerfenster, vom dem aus man einem Blick auf den Balkon hatte. Sie blickte nach draußen. In der Nacht hatte es nicht geregnet und die Pfützen auf dem Balkontisch waren inzwischen verdunstet. Es gab also kein Wasser auf ihrem Balkon. Sie ließ ihren Blick schweifen und konnte auch die Meise nirgendwo erkennen. Eilig beschloss sie, etwas Wasser bereitzustellen in der Hoffnung, die Meise, die sie zuvor besucht hatte, würde dadurch wieder angelockt werden. Caitlyn wusste, dass der Vogel ihr in Anbetracht der Umstände doch sehr gut getan hatte und ihr zumindest etwas Kraft gegeben hatte.
Sie ging in die Küche und holte einen Untersetzer, auf den man normalerweise eine kleinere Tasse stellte, aus dem Küchenschrank. Dann goss sie etwas Wasser darauf und ging mit dem Untersetzer in der Hand zurück ins Wohnzimmer. Sie staunte über sich selbst, dass sie es schaffte, nichts von dem Wasser danebenzuschütten. Das musste wohl bedeuten, dass ihr Körper doch noch normal funktionierte, auch wenn es am Vortag nicht den Anschein erweckt hatte.
Caitlyn stellte den mit Wasser befüllten Untersetzer auf den Balkontisch, in etwa an dieselbe Stelle, an der sich die Pfütze zuvor befunden hatte. Hier würde der Vogel bestimmt darauf aufmerksam werden, wenn er kam.
Sie schloss die Balkontür wieder und ging zurück in die Küche. Sie hatte gut geschlafen und deshalb verspürte sie genug Kraft, um sich etwas zu Essen zu machen. An diesem Tag entschied sie sich sogar für ein Stück Obst und einen Joghurt, den sie noch in ihrem Kühlschrank hatte. Dazu gab es wieder Brot mit Schokoladenaufstrich. Es tat ihr gut, dass sie dessen Geschmack an Amelia erinnerte, wenngleich es sie auch schmerzte, an ihre Freundin zurückzudenken.
Als Caitlyn schließlich aufgegessen hatte, spülte sie noch rasch das Geschirr. Dann begab sie sich wieder ins Wohnzimmer. Neugierig, ob der Vogel inzwischen die Wasserstelle gefunden hatte, blickte sie aus dem Fenster. Doch sie konnte die Meise nicht erkennen. Das betrübte Caitlyn mehr, als sie wohl zugegeben hätte.
Sie beschloss, im Wohnzimmer zu warten, setzte sich auf die Couch und verfiel in die reglose Starre, die sie in den letzten Tagen oft heimgesucht hatte. Während dieser Starre hatte sie das Gefühl, keinen Antrieb zu haben, irgendetwas zu tun. Sie spürte die Verzweiflung so stark, dass sie das Gefühl hatte, sie nähme den Raum ein und würde sich darin auszubreiten wie ein giftiges Gas. Es kam ihr vor, als wäre ihr Schmerz so groß, dass er alles andere erdrücken würde und ihr die Luft nähme, die sie doch zum Atmen brauchte.
Es war schon Nachmittag, als Caitlyn schließlich doch das Zwitschern vernahm, das ihr in so kurzer Zeit schon vertraut geworden war. Sie erhob sich von der Couch und ging zum Fenster, blickte auf den Balkon.
Die Meise war tatsächlich zurückgekommen. Doch anders als Caitlyn erwartet hatte, saß sie nicht an der Trinkstelle, die Caitlyn für sie errichtet hatte, sondern direkt neben der leeren Eispackung, in der noch zwei benutzte Teelöffel lagen. Caitlyns Herz begann zu rasen. Der Schmerz schien es zerbrechen zu wollen und es schlug so heftig, um sich dagegen zur Wehr zu setzen. Sie wandte den Blick ab, konnte es nicht ertragen, den Vogel neben der Eispackung zu sehen, die Amelia zurückgelassen hatte.
Seit Tagen hatte sich Caitlyn nicht dazu überwinden können, die Eispackung und die Löffel wegzuräumen. An den Löffeln würde noch Amelias und ihr eigener Speichel kleben, hätte der Regen sie nicht abgewaschen. Da Caitlyns Balkon nicht überdacht war, regnete oder schneite es ständig darauf, wenn Niederschlag fiel.
An dem Tag des Unfalls hatten Amelia und Caitlyn sich bei ihr zu Hause getroffen. Sie hatten auf dem Balkon gesessen und Eis gegessen, mit zwei Löffeln aus einer Packung. Amelia hatte zwar ihrer Tochter beigebracht, dass man das nicht machte und, dass man anstatt dessen das Eis lieber in kleine Schüsseln füllen sollte, aus denen man dann aß. Aber sie selbst hatte so gern Eis direkt aus der Packung gegessen, wenn sie nicht zu Hause und mit Caitlyn zusammen gewesen war.
Es war ein sonniger Tag gewesen, der Frühling hatte gerade erst begonnen, doch so manch einem hatte die Sonne schon Frühlingsgefühle entlockt. So war es auch bei Amelia an diesem Tag gewesen und sie hatte verkündet, dass sie Appetit auf Eis hatte. Also waren Amelia und Caitlyn in den Supermarkt gegangen und hatten sich eine große Packung geholt. Damit hatten sie es sich dann auf Caitlyn Balkon gemütlich gemacht. Amelia hatte stets den Blick geliebt, den man von Caitlyns Balkon aus hatte. Man konnte über die Dächer der anderen Häuser sehen, aber auch über Bäume. Caitlyn wohnte im siebten Stock und viele der angrenzenden Häuser hatten weniger Stockwerke.
„Man ist hier so frei.“, hatte Amelia gesagt, während sie von Caitlyns Balkon geschaut hatte.
„Ja, das stimmt. Wenn man von oben auf die Häuser blickt, kommen einem alle Sorgen so klein vor, die man manchmal im Alltag hat.“
Es waren Caitlyns eigene Worte gewesen, doch nun kamen sie ihr vor wie aus einem anderen Leben. Nun waren ihre Sorgen so groß, dass es nichts zu geben schien, das sie ihr abnehmen konnte.
Sie hatten an jenem Tag lange miteinander geredet, während sie das Eis in sich hinein geschaufelt hatten. Die ganze Packung hatten sie zusammen vertilgt. Amelia war so fröhlich gewesen, weil das Wetter so schön gewesen war und weil ihre Tochter kurz zuvor eine gute Note von der Schule mit nach Hause gebracht hatte. Meike ging in die dritte Klasse.
