In Flammen - Megha Majumdar - E-Book
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In Flammen E-Book

Megha Majumdar

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Beschreibung

Indien droht zu zerbrechen – und mit ihm eine junge Frau Die neue Stimme der indischen Literatur: packend, facettenreich und hochpolitisch Ein Land steht in Flammen: Jivan muss mit ansehen, wie ein Anschlag auf die U-Bahn in Kalkutta Hunderte Menschen tötet. Nach einem regierungskritischen Facebook-Post wird die neunzehnjährige Muslima festgenommen. Nur ein ehemaliger Lehrer und ihre Nachhilfeschülerin Lovely können ihre Hinrichtung noch jetzt verhindern. Mit bestechender Dringlichkeit zeigt »In Flammen« das moderne Indien: ein gespaltenes Land, in dem Ambition, Status und Religion Jivan und all die anderen, die auf eine bessere Zukunft hoffen, gegeneinander aufbringen. »›In Flammen‹ besitzt eine stille Schönheit und ist zugleich verheerend. Dieses Buch wird Sie nicht loslassen, und Sie werden nicht wollen, dass es endet.« Tommy Orange »Selten wurde das Schicksal so facettenreich, so kraftvoll und sprunghaft und hypnotisierend dargestellt wie in ›In Flammen‹.« The New York Times Book Review »Erst am Ende dieses kurzen, mutigen Romans wird einem vollends klar, wie weitreichend sein Urteil ist, wie entschieden und absolut die Anklage.« The New Yorker »In ihrem einnehmenden Debüt entwirft Megha Majumdar ein wirkmächtiges Korrektiv zu den politischen Narrativen, die das heutige Indien dominieren.« Time Magazine »Der Roman, den Sie in diesem Sommer gelesen haben müssen.« The Washington Post

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Aus dem Englischen von Yvonne Eglinger

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel A Burning bei Alfred A. Knopf, einem Imprint von Penguin Random House LLC, New York.

© Megha Majumdar 2020

© Piper Verlag GmbH, München 2021

Covergestaltung: zero-media.net, München, nach einem Entwurf von Tyler Comrie

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Inhalt

Cover & Impressum

WIDMUNG

JIVAN

LOVELY

JIVAN

LOVELY

JIVAN

JIVANS MUTTER UND VATER

JIVAN

PT SIR

JIVAN

PT SIR

JIVAN

PT SIR

JIVAN

LOVELY

JIVAN

PT SIR

JIVAN

ZWISCHENSPIEL

PT SIR

JIVAN

LOVELY

PT SIR

JIVAN

ZWISCHENSPIEL

JIVAN

PT SIR

LOVELY

JIVAN

PT SIR

LOVELY

JIVAN

PT SIR

LOVELY

PT SIR

JIVAN

ZWISCHENSPIEL

PT SIR

LOVELY

JIVAN

PT Sir

JIVAN

JIVANS MUTTER UND VATER

JIVAN

LOVELY

ZWISCHENSPIEL

LOVELY

PT SIR

ZWISCHENSPIEL

PT SIR

JIVAN

PT SIR

LOVELY

PT SIR

JIVAN

DAS PARTIZIP PERFEKT VON HÄNGEN IST GEHÄNGT

JIVAN

PT SIR

GLOSSAR

DANKSAGUNG

Für meine Mutter und meinen Vater,die alles möglich gemacht haben

JIVAN

»Du riechst nach Rauch«, sagte meine Mutter zu mir.

Also rieb ich mir mit einem Seifenoval das Haar ein und kippte mir einen ganzen Eimer Wasser über den Kopf, bevor sich ein Nachbar beschweren konnte, dass ich den Morgenvorrat verschwendete.

An jenem Tag gab es eine Ausgangssperre. Auf der Hauptstraße kroch alle halbe Stunde ein Polizeijeep vorbei. Tagelöhner, die zum Arbeiten gezwungen waren, kamen mit erhobenen Händen nach Hause, um zu zeigen, dass sie unbewaffnet waren.

Im Bett, das nasse Haar übers Kissen gebreitet, nahm ich mein neues Smartphone zur Hand, von meinem eigenen Gehalt bezahlt, die Schutzfolie noch auf dem Display.

Auf Facebook gab es nur ein einziges Thema.

Diese Terroristen haben das falsche Viertel angegriffen #KolabaganZugAnschlag #WirGebenNichtAuf

Leute, wenn ihr fünfzig Rupien übrig habt, verzichtet heute auf eure Samosas und spendet sie an …

Je weiter ich nach unten scrollte, desto mehr ließ Facebook mich wissen.

Dieser Nachrichtenausschnitt exklusiv von 24 Hours zeigt, wie …

Mahnwache mit Kerzen um …

Am Vorabend war ich selbst am Bahnhof gewesen, kaum fünfzehn Minuten Fußweg von meinem Zuhause entfernt. Ich hätte die Männer sehen müssen, die sich zu den offenen Wagenfenstern schlichen und lodernde Fackeln in den wartenden Zug warfen. Doch ich sah bloß die Waggons, in Flammen, die Türen von außen verschlossen und sengend heiß. Das Feuer griff auf ein paar Hütten über, die neben dem Bahnhof standen, und Rauch erfüllte die Lungen ihrer Bewohner. Über hundert Menschen starben. Die Regierung versprach den Familien der Toten eine finanzielle Entschädigung – achtzigtausend Rupien! –, die … nun ja, die Regierung verspricht so einiges.

In einem Video sprach der Chief Minister unseres Bundesstaats in das Dutzend Mikrofone vor seinem Kinn: »Lassen Sie die Behörden ermitteln.« Jemand hatte diese Äußerung mit Aufnahmen von Polizisten zusammengeschnitten, die sich am Kopf kratzten. Darüber musste ich lachen.

Ich bewunderte diese Fremden auf Facebook, die schrieben, was immer sie wollten. Sie hatten keine Angst davor, Witze zu machen. Ob auf Kosten der Polizei oder der Politiker, sie gönnten sich ihren Spaß, und war nicht genau das Freiheit? Ich hoffte, dass ich nach ein paar weiteren Lohnabrechnungen, nachdem ich zu einer leitenden Verkäuferin bei Pantaloons aufgestiegen wäre, auch endlich so frei sein würde wie sie.

Dann trat, in einem Clip weiter unten auf der Seite, eine Frau vor die Kamera, mit wehendem Haar, rot geweinten Augen und laufender Nase, die eine feuchte Spur bis zu ihren Lippen zog. Sie stand auf dem schiefen Bahnsteig unseres kleinen Bahnhofs. Und schrie in das Mikrofon: »Da war ein Jeep voller Polizisten, gleich nebendran. Fragt die doch mal, warum sie rumstanden und zugesehen haben, wie mein Mann verbrennt. Er hat versucht, die Tür zu öffnen, um meine Tochter zu retten. Immer und immer wieder.«

Ich teilte das Video. Fügte eine Bildunterschrift hinzu.

Vom Staat bezahlte Polizisten sehen untätig zu, wie diese unschuldige Frau alles verliert, schrieb ich.

Ich legte das Handy neben meinen Kopf und döste vor mich hin. Die Hitze machte mich schläfrig. Als ich das nächste Mal aufs Display schaute, hatte ich nur zwei Likes. Eine halbe Stunde später: immer noch zwei Likes.

Dann kommentierte eine Frau – ich kannte sie nicht – meinen Post: Woher willst du wissen, dass die Frau uns nichts vormacht? Vielleicht will sie nur Aufmerksamkeit!

Ich setzte mich auf. War ich mit dieser Person befreundet? Auf ihrem Profilbild posierte sie in einem Badezimmer.

Haben Sie das Video überhaupt angesehen?, schrieb ich zurück.

Die Worte dieser herzlosen Frau spukten mir durch den Kopf. Ich ärgerte mich über sie, aber es war auch aufregend. Das hier war etwas anderes als der Frust über Wasserknappheit an der öffentlichen Pumpe oder die Stromausfälle in der heißesten Nacht des Jahres. War es nicht im Grunde so etwas wie ein Freizeitvergnügen, das sich als Erregung tarnte?

Für mich war dieser Tag immerhin ein Urlaubstag. Meine Mutter kochte gerade Fische, die so klein waren, dass wir sie samt Gräten und Schwanz essen würden. Mein Vater saß in der Sonne, was seine Rückenschmerzen ein wenig linderte.

Unter meinem wischenden Daumen sah ich, wie alle möglichen Posts zum Zuganschlag rasch fünfzig, hundert, dreihundert Likes ernteten. Meiner Antwort gab niemand einen Like.

Und dann schrieb ich, auf das kleine, leuchtende Display tippend, etwas Törichtes. Ich schrieb etwas Gefährliches, etwas, das niemand, der wie ich war, jemals auch nur denken sollte, geschweige denn schreiben.

Verzeih mir, Ma.

Wenn die Polizei einfachen Leuten wie euch und mir nicht geholfen hat, wenn die Polizei zugesehen hat, wie diese Menschen starben, heißt das dann nicht, schrieb ich auf Facebook, dass die Regierung ebenfalls ein Terrorist ist?

Draußen auf der Straße strampelte ein Mann langsam auf seiner Rikscha vorbei, der einzige Fahrgast seine eigene Tochter, die Hupe machte pööt pööt, und sie strahlte.

LOVELY

Sonntagmorgen! Zeit für meinen Schauspielkurs. Mit wogenden Hüften nach links und nach rechts gehe ich am Guavenverkäufer vorbei.

»Bruder«, rufe ich ihm zu, »wie spät?«

»Acht Uhr dreißig«, brummelt er, weil er mit mir ungern die Weisheit seiner Armbanduhr teilt. Lass ihn nur. Ich gebe meinen schicken Gang auf und trabe wie ein Pferd zum Bahnhof. Im Zug, während ich Brust und Stirn berühre und ein Gebet für diese armen Menschen spreche, die vor wenigen Tagen an genau diesem Bahnhof gestorben sind –

»Wer drängelt denn da so?«, ruft eine ältere Dame. »Aufhören!«

»Konnte diese Hijra kein anderes Abteil finden, um die Leute zu belästigen?«, zischt der Erdnussverkäufer, als ob ich keine Ohren hätte.

Für jemanden wie mich ist nichts einfach, nicht einmal eine Stunde Zugfahrt. Meine Brust ist die eines Mannes, mein Busen besteht aus Lumpen. Na und? Zeigt mir in dieser Stadt nur eine andere Frau, die so wahrhaft weiblich ist wie ich.

Mitten durch die Menge bahnt sich ein Bettler ohne Beine seinen Weg, auf einem Holzbrett mit Rollen, mit denen er allen über die Füße fährt.

»Gebt mir eine Münze«, jammert er.

Die Leute schreien ihn an.

»Musst du ausgerechnet jetzt hier vorbei?«

»Keine Augen im Kopf, oder was?«

»Und wo soll ich hin? Mich auf deinen Schädel stellen?«

Da keift auch er zurück: »Ich kann euch gerne die Beine abschneiden, dann werdet ihr ja sehen, wie ihr zurechtkommt!«

Bei Gott, darüber muss ich richtig doll lachen. Darum mag ich diese Regionalzüge so. Du kannst einen Zug abfackeln, aber das hält uns nicht davon ab, zur Arbeit zu fahren, zur Schule, unsere Familie zu besuchen, wenn wir denn eine haben. Jeder dieser Züge ist wie ein Film. Da beobachte ich Gesichter, Gesten, Stimmen, Streitereien. So können Leute wie ich etwas lernen. Als der Zug schwankt und Fahrt aufnimmt, der Wind mir durchs Haar fährt, drücke ich meine Fingerspitzen an die Decke, richte meinen Körper kerzengerade auf für Mr. Debnaths Schauspielkurs.

*

In seinem Haus sitzt Mr. Debnath im Sessel und trinkt Tee aus einer Untertasse. So kühlt er schnell ab, und Mr. Debnath muss nicht ewig daraufpusten: pfff pfff.

Ich habe schon von Schauspiellehrern gehört, die Menschen, denen im Leben nichts geschenkt wird, ausnutzen. Aber so ist Mr. Debnath nicht. Er ist anständig. In jüngeren Jahren hatte er mal die Chance, selbst Regie bei einem Film zu führen, aber der wurde in Bombay gedreht. Da hätte er für sechs Monate nach Bombay gemusst, mindestens. Zu der Zeit lag gerade seine alte Mutter im Krankenhaus. Was wäre das bitte für ein Ungeheuer, das die eigene Mutter im Stich lässt, um seinen Träumen nachzujagen? Also opferte er seine Ziele und blieb bei ihr. Als er uns diese traurige Geschichte erzählte, habe ich ihn zum einzigen Mal weinen sehen.

Zu seinen Füßen sitzen sechs weitere Schüler. Brijesh, der als Elektriker arbeitet, Rumeli, die eine Wundersalbe gegen Hautausschlag verkauft, Peonji, ein Angestellter in einem Versicherungsbüro, Radha, die Krankenschwester lernt, und Joyita, die im Unternehmen ihres Vaters, wo sie Tintenpatronen wiederbefüllen, die Buchhaltung macht. Was Kumar arbeitet, weiß niemand so genau, weil er auf alle Fragen immer nur mit einem Lachen antwortet.

Wir alle sparen und sparen und zahlen jede Stunde fünfzig Rupien.

Heute, in diesem Wohnzimmer, das unsere Bühne ist, schieben wir den Esstisch an die Wand und proben eine Szene, in der ein Mann seine Frau verdächtigt, untreu zu sein. Nach ein paar, wenn man so will, farblosen Auftritten bin ich dran. Ich lege mein Handy auf den Boden, um mich zu filmen und das Video später zu analysieren, dann gehe ich in die Zimmermitte und rolle energisch den Kopf, von links nach rechts, von rechts nach links. Mr. Debnaths verstorbene Eltern, man möge für sie beten, schauen mich von ihren Fotos an der Wand mit strengen Mienen an. Mir ist heiß, obwohl der Ventilator volle Pulle aufgedreht ist.

Zeit für meine künstlerische Darbietung. Diesmal ist Brijesh, der Elektriker, mein Partner. Dem Drehbuch zufolge, das Mr. Debnath uns gegeben hat, muss Brijesh, nun der misstrauische Ehemann, mich an den Schultern packen, heftig und wütend. Aber er packt sie zu lasch. Ich bin gezwungen, aus der Rolle zu fallen.

»Nicht so!«, rufe ich. »Woher soll ich denn dieses starke Gefühl kriegen, wenn du mich hältst wie ein Blütenblatt? Du musst mir das schon zeigen, die Wut, den Frust. Na los!«

Mr. Debnath ist sehr einverstanden. Wenn ihr es nicht fühlt, sagt er immer, wie soll es dann euer Publikum fühlen? Also haue ich Brijesh leicht auf die Schulter, mache ihn ein bisschen wütend und gebe ihm zu verstehen, dass er mit mir ruhig ein wenig mannhafter umspringen kann. Er murmelt irgendwas, also frage ich: »Wie? Sag das lauter.«

Nach einer langen Pause meint Brijesh endlich: »Ach! Muss ich es wirklich aussprechen, Lovely? Ich kann diese Eheszene doch nicht mit einem halben Mann spielen.«

In diesem Moment schlägt die Uhr elf, lässt uns alle verstummen. Meine Wangen werden heiß. Oh, an so etwas bin ich gewöhnt – auf der Straße, im Zug, in den Läden. Aber in meinem Schauspielkurs? Von Brijesh?

Also wische ich seine Beleidigung einfach fort. Sie ist Müll.

»Hör zu, Brijesh«, sage ich, »du bist wie ein Bruder für mich. Wenn ich also romantisch mit dir sein kann, dann kannst du das auch mit mir!«

»So ist es«, mischt Mr. Debnath sich ein. »Wenn es euch mit dem Film ernst ist, müsst ihr ganz in eurer Rolle sein …«

Er hält Brijesh eine richtige Standpauke. Wann immer er kurz innehält, hört man sogar das leise Ticken der großen Wanduhr.

Schließlich legt Brijesh auf Mr. Debnaths Vorschlag hin die Hände zusammen, um mich um Verzeihung zu bitten, und da steigen mir doch wirklich Tränen in die Augen. Rumeli schnäuzt sich in ihren Dupatta. Dann klatscht Mr. Debnath in die Hände und ruft: »Lasst dieses Gefühl direkt in eure Szene einfließen!«

Der Raum knistert vor Spannung. Die anderen Schüler legen ihre Handys beiseite, als ich losbrülle: »Du wagst es, eine Mutter zu schlagen?!«

Der Zorn dieser Figur, ich spüre ihn in meiner Brust. Dieses Wohnzimmer, mit in die Ecke geschobenem Tisch und Stuhl, mit Schränken voll staubiger Teddys, ist nicht weniger als eine Bühne in Bombay. Die Leuchtstoffröhre ist so hell wie ein auf mich gerichteter Scheinwerfer. Draußen geht ein Kissenbefüller vorbei und zupft das Gerät, mit dem er die Baumwolle sortiert, wie eine Harfe. Nur die Fenster mit ihren dünnen Vorhängen trennen mich von den Niemanden auf der Straße.

Dann, indem ich das Gefühl festhalte, die Stimme aber senke, liefere ich die nächste Textzeile ab: »Bist nicht auch du aus dem Schoß deiner Mutter gekrochen?«

Brijesh: »Mutter, ha, als hättest du so viel Würde! Glaubst du, ich weiß über ihn nicht Bescheid?«

Ich: »Ich schwöre dir, es ist nicht so, wie du denkst. Lass mich erklären. Oh, bitte, gib mir nur eine Chance, es dir zu erklären.«

Brijesh (versteinertes Gesicht, er blickt aus einem imaginären Fenster).

Ich: »Ich wollte nie über meine Vergangenheit reden, aber du zwingst mich dazu. Also muss ich dir jetzt mein Geheimnis verraten. Das war nicht ich, die mit diesem Mann zusammen war. Das war meine Zwillingsschwester.«

Was für ein Dialog! Die Szene ist zu Ende.

Meine Hände sind eiskalt und schwitzig. Aber mein Herz fühlt sich so leicht an wie ein Drachen im Wind. Eine brausende Stille erfüllt den Raum. Sogar das Hausmädchen sieht vom Türrahmen aus zu, mit Besen und Kehrblech in der Hand. Ihr klappt der Mund auf. Ich sehe sie und möchte am liebsten lächeln. Endlich verlasse ich die Szene und kehre in das Zimmer zurück.

Mr. Debnath hat einen leicht irren Blick.

»Genau so macht man das!«, flüstert er. Seine Augen sind weit aufgerissen. Er versucht, in seine Sandalen zu schlüpfen und vom Sessel aufzustehen, aber eine rutscht ihm immer wieder weg, sobald er den Fuß daraufsetzt. Egal, er sieht jetzt sehr ernst aus.

»Meine Schüler, habt ihr gemerkt, wie sie ihre Stimme eingesetzt hat?«, fragt er. »Habt ihr gesehen, wie sie es gefühlt und dieses Gefühl sich auf euch übertragen hat?« Spucke sprüht ihm aus dem Mund und regnet auf die Köpfe seiner Kursteilnehmer.

Radha, die direkt unter ihm sitzt, reißt ein Stück von einer am Boden liegenden Zeitung ab. Dann wischt sie sich damit übers Haar.

Vor fast einem Jahr bin ich zum ersten Mal zu Mr. Debnaths Haus gekommen. Er fragte, ob wir mein Vorstellungsgespräch auf der Straße machen könnten. Denn – so sagte er, so lautete seine Erklärung – das Haus werde gerade gestrichen und man könne sich nirgends hinsetzen.

Papperlapapp. Wo bitte waren die Maler, die Lumpen, die Eimer, die Leitern?

Ich kannte die Wahrheit. Die Wahrheit war, dass Mrs. Debnath keine Hijra im Haus haben wollte.

Also stand ich mitten auf der Straße und passte gut auf, dass mir keine vorbeifahrende Rikscha den Hintern rammte. Mr. Debnath meinte: »Warum willst du unbedingt schauspielern? Es ist zu schwierig!«

Mein Kajal war verschmiert, mein Lippenstift an irgendeiner Teetasse kleben geblieben. Meine Achseln stanken, mein schwarzes Haar sog alle Hitze des Tages auf und bereitete mir Kopfschmerzen. Doch dies war die einzige Frage, die ich immer beantworten konnte.

»Ich spiele schon mein ganzes Leben«, erwiderte ich. Ich spielte in Zügen und auf Straßen. Ich spielte Glück und Freude. Ich spielte eine Verbindung zum Göttlichen vor. »Und jetzt«, sagte ich zu ihm, »lassen Sie mich einfach für die Kamera üben.«

Heute stehe ich auf und lege die Hände zusammen. Ich verbeuge mich. Was soll man sonst machen bei so viel Beifall? Sie klatschen und klatschen, meine Fans. Mein Buchhalterinnen-Fan, mein Wundersalbenverkäuferinnen-Fan, mein Versicherungsangestellten-Fan. Selbst als ich abwinke, zu breit grinse und rufe: »Jetzt hört schon auf!«, klatschen sie weiter.

JIVAN

Ein paar Nächte später klopfte es an der Tür. Es war spät, zwei oder drei Uhr nachts, wenn jedes Geräusch einem das Herz bis zum Hals schlagen lässt. Meine Mutter schrie: »Wach auf, wach auf!«

Eine Hand kam aus der Finsternis und zerrte mich in meinem Nachthemd hoch. Ich kreischte und wehrte mich, weil ich dachte, es wäre ein Mann, der gekommen war, um zu tun, was Männer tun. Doch es war eine Polizistin.

Mein Vater lag wimmernd auf dem Boden, mit trockener Kehle und vor Schmerz versteiftem Rücken. Nachts wurde er zum Kind.

Dann war ich hinten im Mannschaftswagen und sah durch den Maschendraht hinaus auf Straßen, die im Laternenlicht orange glühten. Bis zur Erschöpfung redete ich auf die Polizistin und die Gruppe Polizisten ein, die vor mir saßen: »Schwester, was geht hier vor? Ich bin eine berufstätige Frau. Ich arbeite bei Pantaloons. Mit der Polizei habe ich nichts zu schaffen!«

Sie schwiegen. Ab und zu knisterte das Radio weit vorn am Armaturenbrett. Irgendwann bretterte ein Auto voll junger Männer vorbei, und ich hörte sie schreien und jubeln. Sie kamen von einem Nachtklub zurück. Der schwankende Polizeiwagen scherte diese Jungs kein bisschen. Sie wurden nicht langsamer. Sie hatten keine Angst. Ihre Väter kannten Polizeichefs und Regierungsmitglieder, Personen, die in der Lage waren, jedes Problem aus dem Weg zu räumen. Und ich? Wie würde ich aus alldem herauskommen? Wen kannte ich?

LOVELY

Abends, nach dem Schauspielkurs, liege ich im Bett neben Azad, meinem Ehemann, meinem Geschäftsmann, der chinesischen Schiffen am Diamond Harbor Sansung-Geräte und Tony-Hilfiger-Armbanduhren abnimmt und sie weiterverkauft. Ich zeige ihm mein Übungsvideo aus dem Kurs heute, und da meint er: »Ich sage es dir ja schon seit hundert Jahren! Du hast das Zeug zum Star!«

Er kneift mir in die Wange, und ich lache, obwohl es wehtut. Ich fühle mich ganz ruhig, als wäre die dünne Matratze auf dem Fußboden unser persönliches Luxusbett in einem Fünfsternehotel. In diesem Zimmer habe ich alles, was ich brauche. Einen Krug mit Trinkwasser, ein paar Teller, einen kleinen Petroleumkocher und ein Regalbrett für meine Kleider und meinen Schmuck. An der Wand hängen Priyanka Chopra und Shah Rukh Khan und spenden mir täglich ihren Segen. Wenn ich mich umschaue, sehe ich ihre wunderschönen Gesichter, und ein bisschen von ihrem Glück rieselt auf mich herab.

*

»Azad«, sage ich an diesem Abend. Mein Gesicht ist ganz nah an seinem, als wären wir mitten in der Liebesszene eines Blockbusters. »Versprichst du, dass du nicht böse wirst, wenn ich dir was erzähle?«

Ich betrachte kurz sein Gesicht, dunkel und gräulich. Ein paar lange Härchen versuchen, aus seinen Augenbrauen auszubüxen. Es fällt mir schwer, ihm bei diesen schwierigen Worten in die Augen zu sehen.

Schließlich sage ich: »Denkst du nicht manchmal an eine Familie und so weiter? Wir sind nicht mehr ganz jung …«

Azad fällt mir ins Wort, wie immer. »Das schon wieder?«, fragt er. Ich höre, dass er verärgert ist. »Ist mein Bruder hier gewesen?«

»Nein!«

»Hat mein Bruder dir diesen Blödsinn in den Kopf gesetzt?«

»Nein, wenn ich’s dir doch sage!« Warum unterstellt Azad mir dauernd so etwas? »Aber jeder weiß doch, dass es auf dieser Welt so läuft, Azad«, sage ich zu ihm. »Ja, die Welt ist von gestern, und ja, die Welt ist dumm. Aber deine Familie will, dass du eine richtige Frau heiratest und Kinder kriegst. Und sieh mich doch an – so eine Zukunft kann ich dir nie bieten.«

Sofort bereue ich meine Worte. Das hier ist ein großer, fetter Fehler. Ich will für immer mit Azad zusammen sein, also warum stoße ich ihn weg?

*

Ehrlich gesagt, Azad hat recht. Sein Bruder ist eines Nachts wirklich zu mir gekommen. Er klingelte kurz vor Morgengrauen, hämmerte mit der Faust an die Tür. Er machte einen solchen Radau, dass die Straßenhunde waff waff losbellten.

Als ich schließlich aus dem Bett sprang und den Riegel zurückschob, schrie Azads Bruder mir sofort ins Gesicht: »Wie auch immer du ihn verflucht hast, gib ihn frei, du Hexe!«

»Pssst!«, machte ich. »Sei leise, es ist mitten in der Nacht.«

»Erzähl du mir nicht, was ich zu tun habe, Hexe!«, brüllte er und fuchtelte mit dem Zeigefinger in der Luft herum. Ein Mann, der gerade in den Rinnstein pisste, sah erst ihn an, dann mich, dann wieder ihn, dann wieder mich. Sonst war es still und dunkel, aber garantiert hörten alle alles.

»Du hast ihn in eine Falle gelockt!«, schrie der Bruder. »Jetzt musst du ihn gehen lassen! Lass ihn heiraten wie ein normaler Mensch!«

Ich stand einfach da und hielt die Tür auf. »Beruhige dich«, sagte ich leise. »Sonst wird dir noch schlecht.«

Ich trug mein Nachthemd. Meine Augen brannten. Die gesamte Nachbarschaft bekam meine Privatangelegenheiten mit. Das machte mich richtig sauer. Wer gab diesem Nichtsnutz von Bruder das Recht, mich vor der ganzen Gegend anzuschreien? Alle Leute hier waren hart arbeitende Rikschafahrer, Obstverkäufer, Kissenbefüller, Dienstmädchen, Wächter im Einkaufszentrum. Sie brauchten ihren Schlaf. Hatte ich in ihren Augen jetzt nicht jeden Respekt verloren?

Also schrie ich am Ende ein paar Unverschämtheiten zurück. Ich erinnere mich nur ungern daran.

*

»Okay«, gebe ich Azad gegenüber nun zu. »Gut, ja, dein Bruder war hier. Er hat zu mir gesagt: ›Lovely, ich weiß, eure Liebe ist echt. Mein Bruder weigert sich sogar zu essen, wenn du nicht da bist. Aber bitte, ich flehe dich an, sprich mit ihm über Ehe und Kinder, tu es unseren alten Eltern zuliebe.‹«

Azad sieht mich scharf an. »Das hat er gesagt? Mein Bruder?«

Er traut seinen Ohren nicht.

»Ja, dein Bruder«, erwidere ich. »Deshalb mache ich mir jetzt Gedanken.«

Eine Spinne mit dünnen braunen Beinen krabbelt zum Fenster herein. Mit allen acht Schenkelchen erkundet sie die Wand. Wir beobachten sie beide. Als Azad aufsteht und mit seinem Schuh auf die Spinne hauen will, sage ich: »Lass sie.«

Warum muss man ständig das Leben anderer Wesen zerstören?

»Nein!«, sagt Azad. »Solche blöden Regeln können mir gestohlen bleiben. Ich werde dich heiraten!«

JIVAN

Am nächsten Morgen bahnt mir eine Polizistin vor dem Gericht den Weg durch eine Menschenmenge, die wogt wie eine fröhliche Schar, so als feierten die Leute in einem Cricketstadion. Die Sonne brennt hell in meinen Augen. Ich sehe zu Boden.

»Jivan! Jivan! Schauen Sie mal hierher«, rufen Reporter mit Kameras auf den Schultern oder hoch über ihren Köpfen. Einige strecken die Arme aus, um mir Aufnahmegeräte vor den Mund zu schieben, auch wenn ein paar Polizisten sie unsanft zurückdrängen. Ich werde geschubst und angerempelt, man tritt mir auf die Füße, meine Ellenbogen werden mir gegen die Rippen gepresst. All diese Männer brüllen Fragen.

»Wie haben die Terroristen Kontakt zu Ihnen aufgenommen?«

»Wann haben Sie angefangen, den Angriff zu planen?«

Ich finde die Sprache wieder und schreie, ein kurzer Ausruf, der verklingt wie ein Hahnenschrei: »Ich bin unschuldig! Ich weiß rein gar nichts über …«

Ich stehe ganz aufrecht, obwohl mir jetzt helle Farbflecken vor den Augen tanzen, das Grün der Bäume leuchtend wie eine Mineralschicht, der Boden unter meinen Füßen wie aus einzelnen Partikeln zusammengefügt. Meine Knie geben nach, und die Polizistin fängt mich auf. Ein Schrei erhebt sich aus der Menge. Der feste Griff der Polizistin um meinen Arm ist von einer solchen Güte. Dann weiter nach drinnen, wo der Lärm verebbt und ich in einen Stuhl sacken darf.

Ein Anwalt, mein Pflichtverteidiger, kommt herein. Er ist jung, nur wenig älter als ich, aber er hat den Wanst eines wohlhabenden Mannes.

»Haben Sie heute Morgen was zu essen bekommen?« ist das Erste, was er mich fragt.

Ich schaue die mich bewachenden Polizistinnen an und kann mich nicht erinnern. Ich nicke.

»Ich bin Gobind«, sagt er. »Ihr Pflichtverteidiger. Wissen Sie, was ein Verteidiger ist? Ein Verteidiger –«

»Sir«, hebe ich an, »ich weiß, was ein Verteidiger ist. Ich bin zur Schule gegangen. Ich bin Verkäuferin bei Pantaloons, kennen Sie das Geschäft? Sagen Sie mir eins: Warum bin ich in Haft? Gut, ich habe eine dumme Sache bei Facebook gepostet, aber über diesen Zug weiß ich nichts.«

Der Anwalt sieht nicht mich an, sondern eine Mappe in seiner Hand. Er leckt sich den Finger und blättert die Seiten um.

»Sagen Sie auch die Wahrheit?«, fragt er. »Man hat Ihren Chatverlauf bei Facebook gefunden, in dem Sie sich mit dem Anwerber der Terroristen schreiben.«

»Das erzählen mir alle, aber das war doch bloß irgendein Typ, mit dem ich online gechattet habe. Wir waren nur im Internet befreundet«, sage ich flehend. »Ich wusste nicht, wer er ist.«

Von meinem Stuhl aus höre ich über mir das Pfeifen eines Deckenventilators, und von hinten das Geschnatter der Zuhörer, die den Gerichtssaal betreten. Vor mir sehe ich bloß eine ältere Dame, die an einer Schreibmaschine sitzt. Einzelne Strähnen winden sich aus dem Haarknoten in ihrem Nacken.

»Auf Facebook habe ich mich mit vielen Leuten angefreundet, auch mit diesem Facebook-Freund im Ausland. So hat er es mir gegenüber jedenfalls behauptet«, erkläre ich Gobind. »Dieser Freund hat mir Fragen zu meinem Leben gestellt, und zu meinen Gefühlen. Manchmal habe ich ihm Emojis geschickt, nur so als Gruß. Jetzt sagt man mir, er wäre ein bekannter Terroristenanwerber. Aber wem ist er bekannt? Ich wusste davon nichts.«

Gobind mustert mich. Einer Frau wie mir glaubt man nie.

»Was ist mit den in Petroleum getränkten Kleidern, die man bei Ihnen zu Hause gefunden hat?«, fragt er nach einer Weile. »Gar nicht unähnlich den Petroleumfackeln, die in den Zug geworfen wurden. Was ist mit denen?«

»Das waren …« Ich denke angestrengt nach. »Wahrscheinlich Putzlappen von meiner Mutter. Mit Petroleum kriegt man Fett gut ab. Keine Ahnung! Die habe ich noch nie gesehen.«

Sie behaupten, ich hätte den Terroristen geholfen, den Zug in Brand zu stecken. Sie haben nicht nur Chatverläufe von Facebook mit einem Mann, von dem ich inzwischen weiß, dass er Terroristen anwirbt. Es gibt auch Zeugen, die gesehen haben, wie ich mit einem Bündel unter dem Arm zum Bahnhof gegangen bin. Das muss das Petroleum gewesen sein, sagen sie. Das müssen Lumpen gewesen sein oder Holz für die Fackeln. Andere Zeugen haben mich vom Zug wegrennen sehen, ohne das Bündel. Obwohl sie keine Männer in meiner Nähe entdeckt haben, unterstellen sie mir, ich hätte Männer – Terroristen, Feinde unseres Landes – durch die namenlosen Gassen meines Slums zu dem Bahnhof geführt, an dem dieser verfluchte Zug wartete.

Als ich meine Unschuld beteuere, weisen sie auf die aufrührerischen Kommentare hin, die ich auf Facebook gepostet habe. In denen ich meine Regierung einen »Terroristen« nenne und damit, so sagen sie, einen eklatanten Mangel an Staatstreue erkennen lasse. Ist es ein Verbrechen, ein paar Wörter bei Facebook zu schreiben?

Gobind verweist auf ein Dokument, das ich während der Untersuchungshaft unterschrieben habe. Er sagt, ich hätte die Tat darin gestanden.

»Wer glaubt denn so was?«, brause ich auf. »Die haben mich zu der Unterschrift gezwungen. Man hat mich geschlagen.«

Ich drehe mich zu den Reihen der Zuschauer um und wünschte, meine Mutter und mein Vater wären hier, sehne mich nach ihrer tröstenden Hand auf meinem Kopf und hoffe zugleich, dass sie mich nie so sehen müssen. Das könnten sie nicht ertragen.

Dann erscheint der Richter und verliest die Anklagepunkte.

»Verbrechen gegen die Nation«, sagt er. »Volksverhetzung.«

Ich höre seine Worte. Ich hebe die Hand und bedeute ihm: nein, nein, nein.

»Ich hatte ein paar Bücher dabei, meine Schulbücher«, sage ich. Warum klingt die Wahrheit nur so dürftig? »Die waren in dem Bündel. Ich wollte meine Schulbücher zu jemandem im Slum bringen. Ihr Name ist Lovely. Fragen Sie sie. Sie wird Ihnen bestätigen, dass ich ihr seit ein paar Monaten Englisch beibringe.«

Von hinten spottet eine Stimme: »Spar dir deine Geschichten für die Zeitung. Eine Terroristin, die aus Nächstenliebe Englischstunden gibt! Was für eine erstklassige Story. Das werden dir die Medien aus der Hand fressen!«

Der Richter droht damit, die Stimme aus dem Saal werfen zu lassen.

»Sie haben mich gezwungen, dieses Geständnis zu unterschreiben«, erkläre ich dem Richter erneut. Ich hebe meine Tunika, um ihm meinen grün und blau verfärbten Bauch zu zeigen, und höre, wie die Leute hinter mir unruhig auf ihren Sitzen herumrutschen.

Diesmal hört der Richter mir zu, mit hochgezogenen Brauen.

Tage später sehe ich in der Zeitung eine Zeichnung von mir, wie ich an dem Morgen vor Gericht erscheine. Die Skizze zeigt eine Frau mit geflochtenem Zopf. Die Hände sind in Handschellen, aber hoch erhoben wie zum Beten oder Flehen. Das ist falsch, denke ich. Ich hatte keine Handschellen um. Oder doch? Der Rest ihres Körpers ist rasch hingeworfen, bereits in Verwesung begriffen.

JIVANS MUTTER UND VATER

Keine Stunde nachdem Jivan verhaftet worden war, fand ein Reporter die Hütte im Slum und klopfte. Als Tür diente eine Blechplatte, ohne Schloss und Klinke. Sie fiel auf. Jivans Mutter saß neben Jivans Vater auf der erhöhten Bettstatt und fächelte ihm mit einer zusammengefalteten Zeitung Luft zu.

Als sie den Reporter erblickte, stand Jivans Mutter auf und ging zur Tür. »Wer sind Sie?«, wollte sie wissen. »Sind Sie von der Polizei?«

Der Journalist hielt ihr in respektvollem Abstand ein Aufnahmegerät hin und sagte: »Daily Beacon. Ich heiße Purnendu Sarkar.« Er klappte sein Portemonnaie auf, um ihr seinen Ausweis zu zeigen, und schob es dann zurück in die Gesäßtasche. »Wissen Sie, warum Ihre Tochter verhaftet wurde?«

Jivans Mutter antwortete: »Man will einen Polizisten schicken, der uns darüber aufklärt, das hat man mir gesagt. Wo haben sie Jivan hingebracht?«

Diese Mutter war durcheinander, das sah der Reporter. Sie wusste von nichts. Er seufzte. Dann stellte er sein Aufnahmegerät ab und erzählte ihr, was er wusste.

»Mutter«, meinte er schließlich, »haben Sie verstanden, was ich Ihnen gerade gesagt habe?«

»Warum sollte ich es nicht verstehen«, erwiderte sie. »Ich bin ihre Mutter!«

Und sie wandte sich an ihren Ehemann. Jivans Vater harrte noch immer mit steifem Rücken auf dem Bett aus und wusste, hatte schon vorher gewusst, dass etwas Schreckliches vor sich ging.

»Sie sagen etwas über Jivan«, rief sie. »Komm her und hör dir an, was sie erzählen.«

Doch ihr Mann hob nur den Kopf und witterte eine beängstigende Unruhe in der Nacht. Er bewegte die Lippen, den ausgetrockneten Mund, um zu sprechen, gab es dann jedoch auf. Sein Kinn zitterte, und sein Arm, ein wenig in die Luft gehoben, winkte jemanden zu Hilfe.

Eine Gestalt löste sich von den Carrom-Spielern auf der Straße. Es war ihr Nachbar Kalu, mit der riesigen Geschwulst am Hals. Inzwischen waren weitere Reporter eingetroffen, und eine neugierige Menge scharte sich ums Haus. Diese Leute machten Kalu voll Furcht und Abscheu Platz. Er schloss die Tür hinter sich, und ein Protestschrei erhob sich unter den versammelten Reportern.

»Mutter«, meinte er, »hast du gegessen? Dann lass uns gehen. Diese Leute sagen, sie wüssten, wo Jivan ist.«

Er brachte sie, hinten auf seinem Motorrad und mit baumelnden Beinen wie ein Schulmädchen, zu der Polizeiwache, die ihnen von den Reportern genannt worden war. Als Jivans Mutter schließlich vom Motorrad stieg, nur einen arg zerknitterten Umschlag in den Händen – die Geburtsurkunde ihrer Tochter, das Schulabschlusszeugnis, die Bestätigung über die Polio-Schluckimpfung, denn sie hatte nichts als ein paar Dokumente –, färbte sich der Himmel gerade von Schwarz zu Dunkelblau.

Jivans Mutter ging auf den Eingang der Polizeiwache zu, in der, so hatte man ihr gesagt, ihre Tochter festgehalten wurde. Auch hier wartete eine Schar Reporter. Sie hatten Scheinwerfer und Kameras dabei. Eine Reporterin schminkte sich gerade die Lippen, während eine andere eine Zigarette austrat. Am Tor standen zwei Wachen, mit auf den Rücken geschnallten Gewehren. In regelmäßigen Abständen schrien sie die Journalisten an, ein Stück zurückzutreten. Den Rest der Zeit lehnten sie im Eingang und plauderten.

Die Wachen wandten sich um und musterten die gebeugte Frau, die geradewegs auf sie zukam, mit Badelatschen an den Füßen.

»Halt, halt«, sagte einer der beiden. »Wo wollen Sie hin? Sehen Sie nicht, dass das hier eine Polizeiwache ist?«

Jivans Mutter erklärte, sie sei da, um ihr Kind zu besuchen.

»Wie heißt Ihr Sohn?«, fragte der Wachmann gereizt, während sein Freund davonschlenderte.

»Meine Tochter. Jivan ist ihr Name.«

Dem Wachmann blieb der Mund offen stehen. Hier war sie, die Mutter der Terroristin.

»Nicht jetzt«, meinte er schließlich. »Kein Besuch während der Untersuchungshaft.«

Der Wachmann, der Befehl hatte, niemanden zu der Terroristin vorzulassen, verweigerte ihrer Mutter den Zutritt.

JIVAN

Eines Morgens in der Frühe taucht ein Mann vor meiner Zelle auf, mit einem Blatt Kanzleipapier in der Hand. »Untersuchungshäftlinge!«, blafft er.

Eine Schlange verdreckter Männer bildet sich. Sie tragen Schlappen, die an den Fersen schon fast durchgescheuert sind, und Leibchen, die ihnen an der schwitzigen Brust kleben. Einer ruft: »Ist das hier die Omelettschlange?«

Ein paar Männer lachen, ohne jede Heiterkeit in der Stimme.

Andere schweigen und mustern mich Sonderexemplar in meiner Zelle. Ich werde bis zu meiner Verhandlung in einem Jahr in Haft bleiben.

Der zuständige Wärter schließt die Zellentür auf und steckt den Kopf herein.

»Sie, Madam! Brauchen Sie eine Extraeinladung?«

Also rappele ich mich vom Boden auf. Mit einem Dutzend anderer steige ich in einen Polizeitransporter. Als ein Mann seine Hände in Handschellen hebt, um meine Brüste zu betatschen, schlage ich sie fort.

»Behalt deine Finger bei dir«, rufe ich.

Der Fahrer brüllt mich an, still zu sein.

So werde ich aus dem vorläufigen Gewahrsam in dieses Gefängnis gebracht, wo ich jetzt lebe.