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Jodokus Wallbaum und Johann Schneeberg sind zwei Bauernsöhne aus einem westfälischen Dorf, die in den alles verschlingenden Sog des Dreißigjährigen Krieges gezogen werden. Sie sind dabei, als habgierige Potentaten, selbstsüchtige Obristen und verrohte Soldateska im Namen Gottes die Welt in Schutt und Asche legen. Sie sehen Könige sterben und erleben die alltäglichen Tragödien, die Hunger, Pest und Krieg mit sich bringen; die drei Ruthen, mit denen Gott die Menschen für ihre Sünden straft, wie die Pfarrer es predigen und die Menschen es glauben. Aber auch der lang ersehnte Frieden verbreitet noch seine Schrecken, da der Dreißigjährige Krieg nicht nur verwüstete Landschaften und Städte, sondern auch zerstörte Seelen und zerrüttete menschliche Gemeinschaften zurückließ.
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Seitenzahl: 404
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Prolog: Im Turm
Der tolle Christian
Im Turm: gefangen
Die Kette des Schwedenkönigs
Im Turm: verdächtig
Der Falkenberger Hof
Im Turm: verhört
Die drei Ruthen Gottes
Im Turm: peinlich befragt
Das Hospital zum Heiligen Geist
Im Turm: ohnmächtig
Der Besessenheitswahn
Im Turm: alles gestanden
Epilog: Schneebergers Vermächtnis
Nachwort
Jodokus Wallbaum wurde ohne Aufsehen zu verursachen ergriffen, zum Stadtturm geführt und dort in eine Zelle gesperrt. Ob er angeklagt werde oder frei komme, ob er schuldig sei oder nicht, das werde sich zeigen, wenn die gelehrten Herren ihn befragt hätten, hatten die Stadtbüttel erklärt, die auch nicht sagen konnten, was ihm vorgeworfen wurde. Sie hatten mit ihren Partisanen, diesen aus Kriegszeiten bekannten langstieligen Spießen, gegen die Tür des kleinen Fachwerkhauses gehämmert. Die Männer der Stadtwache hatten nur einen Befehl ausgeführt, als sie in das kleine Häuschen eindrangen, das sich armselig hinter der Stadtmauer der Neustadt duckte. Die Männer kannten den zu Inhaftierenden seit Jahren. Er verstand etwas von Waffen und war gelegentlich behilflich, wenn in der Schmiede neben dem Stadttor ihre eisernen Waffen zusammengeflickt wurden. Sie ließen ihm daher Zeit, sich etwas überzuziehen, bevor sie ihn mitnahmen. Jodokus Wallbaum griff zu einer abgewetzten Jacke und ließ schnell noch einen ledernen Beutel dort drunter verschwinden, bevor er sich abführen ließ.
Er war schon mehrmals in seinem Leben zwischen die Mahlsteine fremder Mächte geraten und so nahm er es stoisch hin, dass man ihn in dieses Loch gestoßen hatte. Er schaute sich um und musste daran denken, dass er schon weit schlechter gelegen hatte. Seine neue Behausung hatte ein Dach, es regnete nicht herein, obschon auch hier die Wände feucht und nass waren. Dämmeriges Licht fiel durch ein paar Schießscharten, denn sein Gefängnis war einst ein Teil der Befestigungsanlagen der Stadt gewesen. Aber nachdem in Münster und Osnabrück der Frieden verkündet worden war, brauchten die Stadttürme nicht mehr mit Mannschaften besetzt werden. Der Große Krieg war lange vorbei, die Gefahren lauerten nun innerhalb der Mauern der Stadt.
Jodokus Wallbaum ging aufmerksam in seinem Turmverlies auf und ab und inspizierte wie ein alter Soldat die neuen Örtlichkeiten. Neben der Tür befand sich ein stinkender Eimer, in dem er seine Notdurft verrichten konnte. Gegenüber der Tür war ein Haufen muffiges Stroh auf dem nackten Boden ausgebreitet, sein Lager in der ansonsten leeren, kalten Zelle. Aber ihm war nicht entgangen, dass eiserne Ringe in den Turmmauern verankert waren und er hatte in seinem Leben genug erlebt und gesehen, um sich vorzustellen, wozu diese Ringe dienten.
Er ließ sich auf das Strohlager nieder und dabei spürte er die vielen zurückliegenden Jahre im Freien bei eisiger Kälte und verbrennender Hitze, die an seinen Kräften gezehrt hatten. Sein Rücken schmerzte und seine Bewegungen waren langsam und schleppend wie bei einem alten Mann. Sein noch volles Haar war weiß wie Schnee und sein Gesicht zerfurcht wie die Rinde eines uralten Baumes, obwohl er noch keine fünfzig Jahre alt war. Ächzend setzte er sich auf und lehnte seinen Rücken an die Wand. Nachdenklich schaute er auf die gegenüberliegende Tür, unter deren Ritzen das Licht durchschimmerte. Ein Schlupfloch ins Freie nur für die Mäuse und Ratten. Mit Glück und Geschick war er bisher durchs Leben geschlüpft und war aus einigen scheinbar aussichtslosen Lagen entkommen. Wie zum Trost kramte er den kleinen Lederbeutel unter seinem Hemd hervor, der ihn sein ganzes Leben begleitet hatte und dessen Inhalt ihn an Glück und Unglück, Verzweiflung und Tod erinnerte. Er knüpfte die Schnur auf, die oben um den Beutel geschlungen war, und öffnete ihn. Zwei Silbertaler rutschten heraus. Er nahm sie und legte sie in seine flache rechte Hand. »Des Volkes Freund, der Pfaffen Feind«, lautete die Prägung auf den Münzen.
Jodokus Wallbaum erinnerte sich sehr genau an das Jahr, als diese Taler geprägt wurden.
»Da Reiter, da«, rief aufgeregt das kleine Mädchen und deutete mit der Hand in ein Tal, aus dem sich ein Trupp Reiter der Anhöhe vor dem Dorf näherte. »Weg hier, wir müssen unsere Leute warnen«. Der etwa dreizehnjährige Junge zog das Mädchen hinter sich her und rannte den kleinen Hügel hinunter zurück ins Dorf, wo sich um einen Teich einige Höfe gruppierten. Sie erreichten den ersten Hof, als die Reiter auf der Anhöhe erschienen und ins Dorf hinabritten. Der Junge zog das Mädchen im letzten Moment von der Dorfstraße in einen löchrigen Schuppen, der neben dem ersten Bauernhaus stand. Sie versteckten sich hinter einem Holzstapel und hörten das Geschrei, als die Reiter den Hof stürmten. Das Wiehern eines Pferdes und das Muhen von zwei Kühen waren deutlich zu hören, als diese aus dem Stall ins Freie getrieben wurden. Das schrille Kreischen eines Schweins, das offensichtlich abgestochen wurde, übertönte möglicherweise menschliches Geschrei, das aus dem Wohnbereich des Hauses nicht nach draußen drang.
Die beiden Kinder duckten sich im Schuppen flach hinter dem Holzstapel und wagten es nicht, durch die Löcher in der Bretterwand nach draußen zu spähen. Ein Schuss dröhnte aus dem Innern des Hauses ins Freie und allmählich drang ein lauter werdendes Prasseln in ihr verängstigtes Bewusstsein. Und dann roch der Junge es. Diesen süßlichen Geruch, den er nie vergessen würde. Er schaute auf, sah viel Rauch und die ersten Flammen aus dem Hof schlagen. Und mit diesem schrecklichen Geruch sah er ihn wieder in den Flammen stehen.
Er hatte als kleiner Junge vor wenigen Jahren an der Hand seiner Mutter dem Schauspiel vor dem Dorf zugesehen, als ihr Grundherr einen Werwolf überführte. Der Hexenmeister versprach dem Freiherrn eine silberne Kette, die so lang wäre, dass sie um das freiherrliche Schloss gewickelt werden könnte, wenn er ihn nicht brennen ließe. Es hatte ihm nichts genutzt. Wahrscheinlich hatte er die Kette nicht, hatte der Junge damals immerfort denken müssen, als die Flammen über dem Unglücklichen zusammenschlugen. Die drängelnde Menge hatte ihn nach vorn geschoben und eine laute Stimme über ihm hatte gerufen. »Riecht ihr den Wolfsgestank. Das sind die üblen Dünste des Satans.« Er hatte erschrocken die Luft angehalten, um nicht den Werwolf einzuatmen.
Und dieser ekelhaft süßliche Geruch von verbranntem Fleisch stieg dem Jungen jetzt wieder in die Nase. Beschützend legte er seine Arme um seine jüngere Schwester und flüsterte ihr zu: »Wir müssen uns ganz still verhalten«.
In diesem Moment flog krachend das morsche Tor in den Schuppen. Ein Soldat mit einem ausgreifenden Filzhut hatte sich mit einem Fußtritt Zugang verschafft, auf der Suche nach verborgener Beute. Er trat ein paar Schritte in den fast leeren Schuppen und näherte sich dem Holzstapel. Der Landsknecht glotzte überrascht, als ein Junge hinter dem Holzstapel hervor auf ihn zustürzte. Er griff zum Säbel, aber der Junge rief nur: »Quartier«.
Verblüfft verharrte der Soldat für einen kurzen Augenblick, dann löste sich sein Griff vom Säbel und er prustete lauthals los: »Wen haben wir denn da, ein richtiger Soldat, weiß, wie man Pardon einfordert und sich ergibt.« Dann verfinsterte sich seine Miene wieder, er trat näher heran und zog den Jungen mit einer Hand ganz nah an sich heran und zischte ihm zu: »Aber warum soll ich Quartier geben, dich verschonen und nicht wie eine Laus zerquetschen?«
Der Junge schaute hoch und presste hervor: »Ich kann mit Pferden umgehen«. Der Soldat zögerte, dann lockerte sich sein Griff und er murmelte: »Trossbube«. Er sah den kräftigen, etwas gedrungenen Körper des Jungen. In ein, zwei Jahren würde er nur noch schwer umzustoßen sein. Dann fauchte er seinen neuen Pferdeknecht an: »Komm mit.«
Auf dem Platz vor dem brennenden Hof herrschte ein großes Durcheinander, wurde gestikuliert und geschrien. Zwei Soldaten hatten das abgestochene Schwein nach draußen auf den gefrorenen Boden gezogen, schlitzten mit ihren Säbeln den Bauch auf und schoben die noch dampfenden Eingeweide in den tauenden Dreck. Der Soldat mit dem großen Filzhut zeigte auf das aufgeregt im Hof herumirrende Pferd und den Ackerwagen. Ungehalten befahl er seinem neuen Pferdeknecht, endlich einzuspannen und beim Aufladen der Getreidesäcke zu helfen, die zwei weitere Soldaten nach draußen geschleppt hatten. Gemeinsam wuchteten sie auch das geschlachtete Schwein auf den Wagen und Jodokus Wallbaum musste zeigen, dass er mit Pferden umgehen und ein Gespann führen konnte. Misstrauisch beäugte ihn seine Eskorte aus fünf Reitern.
Nur einmal wagte es der Junge sich umzudrehen, bevor das Dorf hinter den Hügeln verschwand. Allein über ihrem Hof stand eine Rauchsäule, die anderen Höfe waren unversehrt und ihre Bewohner würden schon bald wieder aus ihren Verstecken hervorkriechen, vielleicht auch seine Eltern, so machte er sich Mut. Sie und seine Schwester würden sicher Aufnahme bei ihrem Nachbarn, dem Schneeberger, finden. Ein wenig erleichtert lenkte er das Gespann über den gefrorenen Boden. Verstohlen musterte er seine Begleiter. Verwegene Gestalten in ledernen Stulpenstiefeln, großen Hüten und übereinander gezogener bunter Kleidung, die schon vornehmere Vorbesitzer getragen hatten.
Der Anführer des kleinen Trupps wurde Jost gerufen, hatte ein rotes Gesicht und neben dem Säbel eine lange Pistole im Gürtel stecken. Er war der Mann mit dem riesigen Filzhut und sein neuer Herr. Auf wen oder was hatte dieser Jost in seinem Elternhaus geschossen, grübelte der Junge, ohne diese Frage an seinen Begleiter zu richten. Der ritt neben dem Wagen und wollte nun wissen, woher sein neuer Pferdejunge die Begriffe aus der Soldatensprache kannte.
Stockend antwortete der Junge, dass Josts Reiter nicht die ersten Soldaten gewesen seien, die ins Dorf kamen. Der nahe Weserübergang bei Höxter führte schon andere durchziehende Kriegsvölker in diese Gegend. Der adlige Herr Ludwig von Asseburg war von seiner Burg im nahen Wald aufgebrochen, hatte 160 Reiter geworben, die er auf den Musterplatz nach Prag geführt hatte, um für die Evangelischen gegen die katholische Liga zu kämpfen. Als er mit wenigen Männern nach der verlorenen Schlacht am weißen Berg zurückkehrte, schwirrten die Erzählungen von Pardon geben und Quartier erhalten durch die Gegend und hatte die Fantasie der Jungen beflügelt.
Am frühen Nachmittag erreichte die kleine Kolonne einen Gutshof. Die Gebäude waren um einen großen, zu einer Seite offenen Innenhof angeordnet. Das repräsentative Herrenhaus in der Mitte wurde von Stallungen und Scheunen auf beiden Seiten eingefasst. Der Hof wimmelte von Soldaten, Frauen und Kindern. Die Wagen anderer Streiftrupps, die vor ihnen eingetroffen waren, wurden abgeladen und standen zwischen einigen offenen Feuern, über denen in schwarzen verrußten Kesseln Fleischstücke gekocht wurden. Lange Spieße, Hellebarden und Piken lehnten an den Hauswänden. Schwere Musketen und die dazugehörenden Stützgabeln waren im Eingangsbereich einer großen Scheune abgelegt, deren Tore weit offen standen. Lebendes Kleinvieh, Kühe, Pferde, verdreckte Kinder, kochende Frauen lärmten oder stritten mit herumfuchtelnden Landsknechten und ergaben ein Drunter und Drüber, das nur entfernt an ein diszipliniertes Soldatenlager erinnerte.
Jodokus Wallbaum war beim Fähnlein eines Kapitäns Neuhoff angekommen, wie er vom rotgesichtigen Filzhutträger erfuhr. Dieser Kapitän Neuhoff war gerade vor das Herrenhaus getreten und sah erstaunt, wie geschickt dieser Blondschopf in den Lumpen eines Bauernjungen sein Gespann durch das Labyrinth durcheinanderwirbelnder Vieh- und Menschenknäuel bugsierte, vorausschauend in den Weg stolpernde Hindernisse umkurvte und den Wagen neben einem Feuer vor einer Stalltür zum Stehen brachte, wo das Rotgesicht die Umstehenden anblaffte, die Wagenladung zu bergen.
Der Kapitän trat hinzu und herrschte den absitzenden Reiter an, als der seinen Trossbuben anwies, sein Pferd in den Stall zu führen. »Jost Hermann, du musst dir einen anderen Trossbuben suchen, der da wird auf den Pulverwagen gebraucht. Schick ihn zum Pulvermeister«, befahl er, drehte sich um und entfernte sich wieder in Richtung des Herrenhauses. Jost Herrmann schickte seinem Kapitän aus schmalen, grauen Augen gehässige, verachtende Blicke wie spitze Pfeile hinterher. Er nahm seinem neuen und schon wieder verlorenen Pferdeknecht die Zügel seines Pferdes ab und knurrte ihn wütend an, wie einen Hund, dem man seinem Knochen aus dem Maul gerissen hatte.
»Du hast gehört, was der Kapitän angeordnet hat«, und er deutete auf einen runden, dicklichen Mann, der ein paar Schritte weiter an einer Scheunenwand in der Nähe eines Feuers saß. Seine kaum zu unterdrückende Wut ließ er dann an einem jungen Burschen aus, den er zum Wagen prügelte, um beim Abladen der Säcke zu helfen.
Der runde Mann klopfte mit der flachen Hand auf ein Holzfass neben sich und forderte Jodokus Wallbaum auf, sich neben ihn ans Feuer zu setzen. Die Frau des Pulvermeisters rührte in einem großen über dem Feuer hängenden rußigen Topf und ein Kind, das in einer viel zu großen Jacke steckte, um sich vor der Kälte zu schützen, war damit beschäftigt, Lederzeug zu säubern und zu fetten.
Die meisten Soldaten hatten Frauen, Kinder oder Trossbuben dabei, die ihnen zur Hand gingen, das Essen bereiteten und das Vieh versorgten, bemerkte Jodokus Wallbaum, als er seinen Blick zu den brennenden Feuern auf dem Hof schweifen ließ. Neugierig beobachtete der Junge seine neue Familie. Die Frau wirkte verschlossen und hart. Mit kurzen knappen Befehlen gab sie ihrem Kind zu verstehen, worum es sich kümmern sollte. Das Kind, wohl ein Junge fast in seinem Alter, dachte Jodokus, redete nicht, sondern erfüllte wortlos seine Arbeiten.
Der runde, glatzköpfige Mann aber war gutmütig und gesprächig, wie Jodokus im Laufe des Abends erfuhr. Er war unter die Soldaten des Herzogs Christian von Braunschweig geraten, die für die protestantische Sache gegen die katholische Liga fochten. Zu Beginn des Jahres 1622 waren sie ins Hochstift Paderborn eingefallen auf der Suche nach warmen Winterquartieren und Beute in diesem reichen katholischen Bistum.
Es war kalt im Januar 1622 und es hatte geschneit als das Lager am nächsten Morgen aufgelöst wurde und der kleine Heereszug sich in Bewegung setzte. An der Spitze ritt der Kapitän Neuhoff mit ein paar Begleitern und auf den Seiten wurden sie von Reitern eskortiert, als ob die darauf zu achten hätten, dass niemand verloren ging oder sich heimlich entfernte. Der mitfühlende Pulvermeister hatte am Vorabend die Nöte und Gedanken des Jungen erahnt, ihn aber vor Jost Hermann und seinen Reitern gewarnt, die sich einen Spaß daraus machten, entlaufene Knechte und Pferdejungen wieder einzufangen. Die Fußsoldaten mit ihren schweren Musketen folgten in einem ungeordneten Haufen und sie benutzten die Stützgabeln ihrer Musketen als Stöcke zur Unterstützung bei diesem mühsamen Marschieren. Hinter den Musketieren trotteten einige Pikeniere, die ihre überlangen Piken über die Schulter legten und transportierten. In Tuchfühlung zu den Soldaten steuerte der Pulvermeister den Pulverwagen des Fähnleins. Hinter ihnen bewegten sich in einem ungeordneten Zug die Frauen vorwärts, die schwer behängt mit Töpfen, Hausrat, Decken und Kleidung versuchten, Schritt zu halten; unterstützt von den Kindern und Trossbuben, die Kühe, Schafe und ein paar Ersatzpferde mittrieben. Einige Trosswagen rumpelten in diesem weit auseinandergezogenen Anhängsel des Fähnleins mit und hatten alles geladen, was eine Abteilung Soldaten unterwegs benötigte.
Jodokus Wallbaum saß neben dem glatzköpfigen Pulvermeister und übernahm nach einer kurzen Zeit die Zügel und steuerte den Wagen durch das unwegsame Gelände, ohne den Kontakt zu den letzten Soldaten abreißen zu lassen. Hinter ihnen unter einer Plane standen ein paar Pulverfässer, lagen Beutel mit Kugeln, waren einige Musketen abgelegt und ein paar Piken stachen unter der Plane hervor, ragten hinten aus dem Wagen heraus und hielten mögliche Verfolger auf Abstand.
Am frühen Nachmittag erreichten sie ein kleines Dorf, in dem mehrere Gehöfte brannten. Jost Hermann, der rotgesichtige Entführer des Jungen, und einige Reiter hatten Hausrat aus den brennenden Häusern nach draußen geschleppt und wühlten in hölzernen Truhen. Triumphierend heulten sie auf, wenn sie zwischen den auseinandergerissenen Leinen einige Münzen fanden.
»Unser Brandmeister übertreibt es«, knurrte der Pulvermeister als sie ihr Fuhrwerk neben einer Scheune abstellten. Der Junge schaute fragend und der Glatzkopf erklärte ihm die Art der Kriegsführung, die der protestantische Herzog im katholischen Hochstift bevorzugte. Der Braunschweiger hatte gedroht, das ganze Stift abzubrennen und alle Bewohner niederzuhauen, dass darüber noch Kindes-Kinder sich beklagen sollten, wenn man ihm nicht zu Willen sei. Seine Brandmeister übergaben in den Ortschaften des Hochstifts seine Brandbriefe, die an allen vier Ecken angesengt waren oder manchmal in der Mitte ein eingebranntes Loch besaßen mit der Umschrift »Feuer, Feuer! Blut, Blut!«. Wer nicht einen Schutzbrief erwarb und die geforderten Zahlungen leistete, dem zündeten die Brandmeister Haus und Hof an. »Aber«, setzte der dicke Pulvermeister hinzu, »wenn der hitzige Jost Hermann hier alles abbrennt, müssen wir im Freien schlafen.«
Ächzend stieg er vom Wagen ab und schaute verächtlich auf Jost Hermann und seine Gefährten. Und an den Jungen gewandt, sprach er wie zu sich selbst. »Vorausschauende Brandmeister drohen nur mit der Brandschatzung, um die Bauern zur Herausgabe ihrer Habe und die Städte zur Übergabe zu zwingen. In Lippstadt konnte unser Herzog mit 300 Reitern ohne Kampf in die befestigte Stadt gelangen und hat dort nun einen warmen Platz.«
Der Pulvermeister machte ein paar Schritte auf das Rotgesicht zu, packte ihn an der Schulter, gestikulierte in Richtung des brennenden Hauses und fauchte den Brandmeister an: »Muss das sein?«
Doch bevor er weitersprechen konnte, riss sich Jost Hermann los und erwiderte: »Die Bauern waren alle weg und haben sich im Wald verkrochen. Nicht wie gestern, als wir einen frechen Bauern niederschießen mussten, der mit der Forke auf uns losging, als wir seine Frau gebrauchen wollten.«
Der blonde Junge, der hinter dem Pulvermeister abgestiegen war, erstarrte in der Bewegung. Dann griff er unter die Plane des Wagens, zog einen Spieß hervor und stürzte sich mit weit aufgerissenen Augen auf den Brandmeister. Der drehte sich reaktionsschnell zur Seite, ließ den Jungen ins Leere stoßen, griff zum Säbel und hätte den Jungen im nächsten Augenblick in Stücke gehauen, wenn nicht der Pulvermeister ihm in den Arm gefallen wäre. Der dickliche, jedoch wendige Pulvermeister stellte sich zwischen dem Soldaten und dem Jungen und brachte ihn rückwärtsgehend aus der Gefahrenzone, während der Junge in seinem Rücken immerfort stammelte: «Er hat meinen Vater und meine Mutter …« und der Soldat von vorn giftete: »Wenn der Bastard mir noch einmal unter die Augen tritt, dann hat er seinen letzten Schnaufer getan.« Der Pulvermeister schob den Jungen zwischen einige Trosswagen, die inzwischen im Dorf eingetroffen waren und wies in die Ferne, wo sich Frauen und Kinder näherten und ins Dorf tröpfelten. «Geh ihnen entgegen und hilf der Frau, den Hausrat herbeizuschaffen.«
Jost Hermann schaute noch unschlüssig in ihre Richtung, dann drehte er sich um und ging in Richtung der Truhen, um das Geraubte vor dem eintreffenden Gesindel, wie er das sah, in Sicherheit zu bringen.
Wie von einem schweren Schlag halb betäubt, taumelte der Junge aus dem Dorf vorbei an Frauen, Kindern und Vieh, die ihm entgegenkamen. »Tot, Tot,« hämmerte es in seinem Kopf und fast wäre er über einen Kleiderhaufen gestolpert, der am Boden lag.
»Hilf mir, ich kann nicht mehr«, stöhnte es aus dem vermummten Bündel. Und das Kind des Pulvermeisters deutete hilflos zu einer Frau hinüber, die sich entfernte, ohne sich nach ihrem Kind umzudrehen.
Jodokus Wallbaum erwachte aus seinem Albtraum und ließ sich neben dem Kind nieder, das ihn aus großen braunen Augen anblickte.
»Wie heißt du eigentlich?«, murmelte der Junge.
»Klara«, kam es zurück.
»Was?«, entfuhr es dem Jungen.
»Klara, Klara Büsing«, schallte es ihm widerwillig und etwas lauter entgegen.
»Was, du bist ein Mädchen?«, stieß der Junge hervor und schaute überrascht.
»Na und« gab Klara trotzig zurück, »muss ich nicht genauso schleppen wie ein Junge?« Damit deutete sie mit einer Kopfbewegung in Richtung des riesigen Gepäckhaufens, der neben ihr im Deck lag.
Der blonde Junge erwiderte nichts und betrachtete schweigend das Mädchen, das nur wenig jünger als er selbst und ebenso verzweifelt war. Wie zwei allein in der Welt zurückgelassene Wesen saßen sie nebeneinander und starrten verloren ins Nichts. Als die Kälte unter ihre Kleider kroch, stand der Junge abrupt auf, schulterte den Packen und fragte »Geht’s wieder?« Klara nickte und zusammen trotteten sie in Richtung des Dorfes, das in der einsetzenden Dämmerung mit hell leuchtenden Feuerscheinen der brennenden Gebäude nicht zu verfehlen war. Mit schweren, nassen Flocken begann es zu schneien, als sie die Häuser erreichten und in einer Scheune unterkrochen. Hier hatte der Pulvermeister Hans Büsing Pferde und Wagen abgestellt und ihr Lager eingerichtet.
In den nächsten Tagen quälte sich das Fähnlein Soldaten nur mühsam vorwärts. Kälte und Schnee behinderten ein zügiges Vorwärtskommen und Soldaten, Tross und Bagage bewegten sich in einer langen, an vielen Stellen auseinandergerissenen Schlange vorwärts. Jodokus Wallbaum hatte es so eingerichtet, dass Klara Schritt halten und unbeschwert von Gepäck dem Zug folgen konnte. Zwischen den Pulverfässern unter einer Plane hatte er ihre Last versteckt.
Die Soldaten fluchten und hätten bald gemeutert, da man nach ihrer Meinung im Winter keinen Krieg führen könne, sondern man es sich in einem warmen Winterquartier gutgehen lassen müsse, wie man es ja auch von ihrem Herzog Christian und seinem Gefolge aus Lippstadt höre. Die hätten dort reiche Wintervorräte und gutes paderbornsches Bier angetroffen. Das Fähnlein hatte ein Winterquartier vor Augen, als es in kleinen Gehöften in Sichtweite einer Stadt gelegt wurde.
Jodokus Wallbaum hatte in seinem Leben noch nie eine so große Stadt gesehen. Paderborn war gut befestigt, hatte hohe Stadtmauern, viele wehrhafte Türme, Schanzen und Wälle und thronte fast uneinnehmbar in der verschneiten Winterlandschaft. Gewaltige, hohe Kirchtürme überragten die Stadtmauern und wiesen in den Himmel. Paderborn war eine alte Bischofsstadt und der letzte, jüngst verstorbene Fürstbischof Dietrich von Fürstenberg, hatte die Wortführer der Lutheraner aus der Stadt getrieben. Die Bewohner der Stadt hatte er mit Schwert und Henker zur Rückkehr zum alten katholischen Glauben gezwungen.
Diese katholische Festung war nicht ohne Schanzzeug und Kartaunen einzunehmen, mit denen die Mauern löchrig geschossen wurden, behauptete der Pulvermeister. Es galt sich einzurichten. Und so hatten sie sich auf zwei Bauernhöfen ausgebreitet, Ställe, Scheunen, Deelen, Kammern und gute Stuben mit Tieren und Menschen belegt. Bei der großen Kälte und dem tiefen Schnee, der die Wege versperrte, konnte man nur abwarten.
Es wurde gemunkelt, dass der Paderborner Rat bereits eine Abordnung zum Herzog Christian von Braunschweig nach Lippstadt geschickt habe, um über eine Abfindungssumme zu verhandeln, wenn er ihre Stadt verschone. Auch hieß es, dass die Lutheraner in der Stadt danach schrien, den Herzog in die Stadt zu lassen. Sie hofften, durch ihn wieder auf freie Religionsausübung und die verhassten Jesuiten loszuwerden, die der letzte Fürstbischof in die Stadt geholt hatte, um sie zu bekehren.
Reiter verkehrten zwischen dem Hauptquartier in Lippstadt und den Abteilungen vor Paderborn. Und so erfuhren sie, dass der reiche Kaufmann Arnold Drohm als Wortführer der Protestanten unter den Paderborner Räten mit nach Lippstadt gereist war. Er hatte dem jungen Braunschweiger Herzog im Geheimen geraten, nicht wegen einer Abfindungssumme zu verhandeln, sondern nach Paderborn zu kommen und dort selbst die Kontributionen von den Papisten zu holen. Er und die Seinigen würden schon dafür sorgen, dass ihm die Tore geöffnet würden.
Jodokus Wallbaum und Klara Büsing waren froh, dass die beschwerlichen Tagesmärsche aufgehört hatten. Sie beschäftigten sich nicht mit den wirren Gerüchten über Abfindungssummen, Schutzbriefe gegen Brandschatzungen und Übergabedrohungen. Ihnen blieb die Niedergeschlagenheit und Bestürzung bei der katholischen Partei verborgen, als Soest übergeben wurde und die Dörfer in der Nähe brannten. Die wilde Aufregung und Empörung der Lutheraner in Paderborn sahen sie an einem klaren sonnigen Wintertag, als sie die Enge ihrer Übergangsbehausung verließen, wo Mensch und Tier auf engstem Raum zusammengepfercht waren. Sie flüchteten vor den untätigen Soldaten, die würfelten, sich stritten und vom Profos des Fähnleins nur mühsam zur Ordnung gebracht werden konnten.
Jodokus und Klara erstiegen einen kleinen Hügel und schauten auf die imposante Stadt und eines der Stadttore. Wütende Bürger hatten sich zur Torwache gestellt. Sie beschimpften offensichtlich einige schwarz gekleidete Menschen und versuchten, sie zu schlagen. Nur mit Mühe konnte die bedrängte Torwache die Menge beruhigen und einige der Schwarzgekleideten konnten durch das Stadttor nach draußen entweichen.
Der Pulvermeister schmunzelte zufrieden, als sie ihm am Abend von diesem Zwischenfall berichteten. »Die Domherren, die Geistlichen und Jesuiten fliehen aus der Stadt. Das ist ein gutes Zeichen, dann haben die Lutheraner wohl die Oberhand in der Stadt errungen.«
Der kluge Pulvermeister hatte die Zeichen richtig gedeutet. Arnold Drohm und sein Anhang hatte wirklich die Gewalt in der Stadt übernommen. Am nächsten Tag wurden die Stadttore geöffnet und der Kapitän Neuhoff mit seinem Fähnlein besetzte Paderborn.
Jodokus durfte den Pulverwagen lenken als sie durch eines der fünf Stadttore fuhren. Mit leichtem Schaudern sah er, dass über dem Tor ein menschlicher Totenschädel angebracht war. Der blonde Bauernjunge machte große Augen als er die steinernen Häuser der Paderborner Bürger sah. In seinem Dorf hatten selbst die größten Fachwerkhöfe ein bescheidenes Ausmaß angesichts dieser baumhohen Fassaden, die den Himmel verdeckten. Vor dem neuen herrschaftlichen Rathaus hielten sie an. Der Rat der Stadt versuchte, die Neuankömmlinge durch eine großzügige Bewirtung und die Auszahlung von 250 Talern an den Kapitän wohlgesonnen zu stimmen. Die evangelischen Wortführer waren ihnen eifrig behilflich, Geschütze und Munition zu beschlagnahmen, das Jesuitenkolleg zu besetzen und seinem Kriegsvolk die Häuser der katholischen Familien zur Einquartierung zu zeigen.
Hans Büsing, der Pulvermeister und sein Anhang bezogen in der Nähe des Doms einige Räume im Haus des Stiftsschatzmeisters Heinrich Löper, der sich im Dienste des Fürstbischofs um die Erhebung der Landessteuer kümmerte. Es war ein geräumiges Dielenhaus, in das sie einzogen und auch den Pulverwagen und die Pferde sicher unterstellen konnten. Im Haus gab es Zimmer mit Betten, die die Kinder des Stiftsschatzmeisters räumen mussten. Klara und Jodokus besetzten eine kleine Kammer, dessen Ausstattung ihnen nach den vergangenen Läuselagern wie das Paradies vorkam.
Noch am gleichen Tag lernten sie den ältesten Sohn des Hauses kennen, als die Familie des bischofstreuen Steuereintreibers den Eindringlingen im Speisezimmer auftischen musste. Bernhard Löper war ein blässlicher Junge in Jodokus Alter, dem das Tragen schwer fiel, wie sie feststellen konnten, als sie mit ihm in den Keller geschickt wurden, um ein kleines Fässchen Bier nach oben zu schaffen. Er habe ein Bruchleiden und könne nichts Schweres heben, jammerte er und ließ sich auf eines der Fässer nieder, die im Keller standen.
»Musst du denn den ganzen Tag nichts arbeiten?«, konnte Klara sich nicht zurückhalten zu fragen. Bernhard Löper schaute sie mitleidig an und begann dann in überlegener Großer-Mann-Manier darzulegen, dass er Schüler am Jesuitengymnasium sei und dass er später die Jesuitenuniversität besuchen würde. Jetzt sei das Jesuitenkolleg aber geschlossen, die meisten Jesuiten geflohen und die Schüler nach Hause geschickt worden. Er befürchte, dass die Ketzer nun Rache an den Katholiken und den Jesuiten nehmen würden.
»Warum denn?«, schaltete sich Jodokus ein.
Bernhard Löper drehte sich zu ihm um und tat erstaunt: »Habt ihr nicht die Knochen über dem Stadttor gesehen?«
»Doch einen Totenschädel«, entgegnete Jodokus.
»Das ist der Kopf des Bürgermeisters Wichard.« Und dann erzählte ihnen der Jesuitenschüler Bernhard Löper mit den brennenden Augen eines Eiferers, dass der Ketzer Wichard, und mit dem Wort Ketzer bezeichnete er alle Evangelischen, nach seiner Wahl zum Bürgermeister mit hitzigen Auftritten und volkstümlichen Reden die Paderborner Bürger aufstachelte, sich gegen den katholischen Landesherren aufzulehnen und seine Herrschaft anzuzweifeln.
Der Fürstbischof Dietrich von Fürstenberg schickte als Antwort aus seiner Neuhauser Residenz den Grafen von Rietberg mit Soldaten gegen die ungehorsame Stadt. Paderborn wurde besetzt, Wichard gefangengenommen, gefoltert und verhört. Viele, die ihm zuvor noch zugejubelt hatten, schwiegen und verfolgten die öffentliche Gerichtsverhandlung auf dem Marktplatz der Stadt. Das Urteil, Tod durch Vierteilung, war schnell gesprochen. Auf dem Platz des Paderborner Jahrmarktes vor dem Westerntor wurde Wichard vor einer großen, schaulustigen Menge hingerichtet. Der vom Rumpf abgetrennte Kopf und die Teile des zerschlagenen Körpers wurden an den fünf Toren Paderborns ausgehängt. Möglichen Nachahmern Wichards zur Mahnung, sich in Zukunft vor solchen Dingen zu hüten, wie die Richter des Fürstbischofs erklärten.
Bevor Klara Büsing und Jodokus Wallbaum den kleinen Gelehrten weiter nach Dingen fragen konnten, die sie nicht verstanden, donnerte von oben eine Stimme: »Wo bleibt das Bier?«
Bernhard Löper war dankbar, dass er nicht benötigt wurde, dass Fässchen nach oben zu schleppen. Erstaunt sah er, wie geschickt diese ungebildeten Bauernjungen, das Fass die Kellertreppen hinaufwälzten. Ihm blieb vorerst verborgen, dass einer der Jungen ein Mädchen war.
Am nächsten Tag hatte der Trossjunge sich um die Versorgung der Pferde zu kümmern. Bernhard Löper sollte ihm nach dem Willen des Pulvermeisters behilflich sein, Wasser vom nächsten Brunnen herbeizuschaffen, um die Pferde zu tränken.
Der schlaue Jesuitenschüler machte den Vorschlag, dass es einfacher sei, die Pferde zum Wasser zu führen und nicht die Mühen auf sich zu nehmen, das Wasser herbeizuschleppen. Sie führten die Pferde um den mächtigen Dom herum zu den Paderquellen, die unterhalb des Doms noch innerhalb der Stadtmauern an vielen Stellen aus dem Boden sprudelten und sich in einem kleinen Teich sammelten. Hier konnten die Pferde saufen. Aber schon nach kurzer Zeit wurden sie von dieser Tränke verjagt, da die Soldaten des Rittmeisters Pflug in der Stadt eintrafen und ankündigten, dass sie der Vortrab des Herzogs Christian von Braunschweig seien. Diese Reiter erlaubten sich jede Zügellosigkeit, wie die beiden Jungen beobachteten, als sie die Pferde zum Haus des Stiftsschatzmeisters zurückführten. Angeführt von zwei jungen Männern, die auf bestimmte Häuser zeigten, traten sie dort die Türen ein, trieben die Bewohner mit Prügel auf die Straße und nahmen Quartier in den Häusern und Besitz von allem, was sich in ihnen befand. »Das sind die Söhne von Liborius Wichard«, flüsterte der Sohn des Stiftsschatzmeisters Jodokus zu, »und sie zeigen auf die Häuser der Juden und Katholiken. Was soll erst werden, wenn der Herzog in die Stadt kommt?«
Als Christian von Braunschweig, Administrator des Bistums Halberstadt mit seinem Gefolge in Paderborn die Straße zum Rathaus entlangritt, säumten die protestantisch gesinnten Paderborner den Weg und jubelten ihm zu. Bernhard Löper hatte Klara und Jodokus zu einem etwas erhöhten Platz geführt, von wo aus sie Zeuge dieses imposanten Einzugs wurden.
Der Herzog war ein schlanker, junger Mann Anfang zwanzig. Er trug einen schwarzen Brustharnisch und hatte eine rote Schärpe über die Schulter geworfen. Unter seinem Helmbusch mit roten Federn quollen seine vollen, dunkelbraunen Haare hervor. Unter einem Band an diesem Helm, so stellten sie erstaunt fest, steckte ein feiner Damenhandschuh. Der Herzog war ein aufregender, schöner junger Mann und Klara hauchte: »Oh, der Herzog trägt ja ein Haarzöpfchen« und auch die Jungen sahen nun das fein geflochtene Zöpfchen, das bis auf die linke Schulter reichte.
Jodokus Wallbaum hatten es aber mehr die Fahnen angetan, die die Fähnriche in der Begleitung des Herzogs in den Wind hielten. »Was steht dort auf den Fahnen?«, wandte sich Jodokus an den Jesuitenschüler.
»Auf der Fahne mit dem Bild der Frau steht: »Tout pour Dieu et pour Elle«, las Bernhard Löper. Und da er ein sprachbegabter Jesuitenschüler war, konnte er neben den lateinischen Inschriften auch das Französische übersetzen.
»Alles für Gott und für Sie«.
Jodokus Wallbaum verstand zwar, dass man gottgefällig leben sollte, aber wer war Sie? Auch die Fahneninschrift »Zurückerobern oder Sterben« ließ ihn ratlos zurück, da er sich nicht vorstellen konnte, was damit gemeint war.
Arnold Drohm und seine Anhänger begrüßten den Herzog und gaben ihrer Hoffnung Ausdruck, dass nun der Rat protestantisch besetzt und die protestantische Messe in der Stadt wieder abgehalten werde. Der Herzog hielt sich nicht lange vor dem Rathaus auf, sondern verschwand mit seinen Obristen hinter den Mauern des Jesuitenkollegs, wo er während seines Aufenthalts wohnen wollte.
Hans Büsing, der Pulvermeister, hatte den prächtigen Einzug des Herzogs verpasst. Es gab wichtigere Dinge für einen Soldaten in einem guten Quartier. Fressen und saufen bis man fast platzte. Die schlechten Tage kamen schneller als die Jahreszeiten wechselten. Das wusste er aus eigener Erfahrung, denn er hatte sich vom jungen Herzog Christian anwerben lassen und schon in den ersten Wochen ihres Kriegszuges, als sie die Weser aufwärts zogen, blieben die Barmittel aus, so dass sich ein Teil ihrer Fußtruppen wieder zerstreute. Sie waren gezwungen, ihre Existenz gegen einige Widerstände aus der jeweiligen Gegend zu bestreiten, die sie zufällig durchquerten.
In Westfalen gab es fruchtbares Land und viel Viehzucht. Hier war genügend Fleisch vorhanden, hier wurde gutes Bier gebraut, gab es viereckige Brote so groß wie Schleifsteine. Und obschon das Brot ein Tag im Ofen stand und ganz schwarz herauskam, war es ein schmackhaftes, sättigendes Brot. Hans Büsing wünschte, dass es dem Herzog und seinen Obristen hier in diesem Hochstift gefiele. Er hatte sich ins Speisezimmer des Schatzmeisterhauses zu einer Brotzeit zurückgezogen, als Klara und Jodokus hereinkamen und ihn mit ihren Fragen überfielen.
»Wer ist die Frau, die der Herzog verehrt? Was will er zurückerobern?«
Der glatzköpfige, runde Pulvermeister lehnte sich zurück und erwiderte: »Unser junger Herzog lebt in einer vergangenen Welt. Er glaubt wie ein Ritter für eine edle Dame in den Krieg ziehen zu müssen. Er verehrt die Winterkönigin.«
Und da Hans Büsing schon sehr satt war, schob er ein letztes Stück Brot in den Mund und begann noch kauend den Ahnungslosen zu erklären, dass alles mit dem Aufruhr der Böhmen begann, die den Kaiser Ferdinand bei der anstehenden Königswahl in Böhmen zurückwiesen und stattdessen den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum neuen König von Böhmen wählten. Die Union der Protestanten ergriff Partei für Friedrich und die Liga der Katholiken für den Kaiser. Dieser verteidigte die in seinen Augen angestammten Rechte mit dem Schwert, eroberte nach der siegreichen Schlacht am weißen Berg nicht nur Böhmen, sondern auch die Pfalz und vertrieb den Kurfürsten Friedrich, der nur einen Winter König von Böhmen gewesen war. Und mit ihm flüchtete seine junge Frau Elisabeth, die Winterkönigin.
In Den Haag, wo der ungestüme Herzog Christian das Kriegshandwerk im Dienst der protestantischen Generalstaaten erlernte, traf er die Vertriebenen bei Hofe. Als die schöne Winterkönigin Elisabeth ihren Handschuh fallenließ, stürzte er sich darauf, gab ihn aber nicht zurück, sondern erklärte galant, »Madam, in der Pfalz werde ich ihn zurückgeben«. Alles für Gott und für Sie ließ er auf die neuen Fahnen sticken und unser temperamentvoller Herzog erklärte der ganzen Welt, dass er nicht eher ruhen werde, als dass er die Pfalz für die Winterkönigin zurückerobert habe.
Bevor der gesprächige Pulvermeister noch weitere Ausführungen über den Kriegszug des Braunschweigers machen konnte, platzte seine Frau dazwischen und blaffte ihre Tochter an, Holz für das Herdfeuer heranzuschaffen. Auch den Trossbuben scheuchte sie aus der Stube, Wasser vom nächsten Brunnen zu holen.
Als Jodokus mit zwei vollen Eimern Wasser zurückkehrte, begegnete ihm ein Trupp Soldaten, die in Richtung des Doms strebten und in ihrer Mitte meinte er den Helmbusch des jungen Herzogs gesehen zu haben. Eilig stellte er die Eimer auf der Holzbank neben dem Herdfeuer ab und gab Klara, die Holz neben dem Feuer aufschichtete, ein Zeichen, ihm zu folgen.
Seitlich vom Dom stießen sie fast mit Bernhard Löper zusammen, der von der Roten Pforte um den Dom herum zum Paradiesportal, dem Haupteingang des Kirchengebäudes hetzte.
»Die Verräter schänden das Grabmal unseres letzten Bischofs und zeigen dem Herzog die Schätze des Doms«, presste der Sohn des Stiftsschatzmeisters atemlos hervor, ohne auf die Fragen seiner überraschten, ungebetenen Begleiter einzugehen.
Hinter dem ortskundigen Bernhard Löper schlichen Jodokus und Klara in den Dom und verbargen sich hinter einer der mächtigen Säulen, die das Mittelschiff der dreiteiligen Hallenkirche trugen. In der Mitte eines Soldatenhaufens näherten sich die Söhne Wichards dem Hochaltar im Osten des Doms. Dort stand ein aus gediegenem Silber geschlagener, stark übergoldeter und mit kostbaren Perlen besetzter schwerer Kasten oder besser gesagt, ein Sarg.
»Das ist der Libori-Schrein«, flüsterte der Jesuitenschüler seinen Begleitern zu, »darin werden die Gebeine unseres Schutzpatrons aufbewahrt.«
Der Administrator des Bistums Halberstadt, von dem es hieß, dass man für dieses Amt keinen schlechteren Mann hätte finden können, da Christian von Braunschweig nicht phlegmatisch genug sei, sondern den Reichtum des Halberstädter Bistums nur dazu benutzte, um sein Glück im Krieg zu suchen, beugte sich zu dem kunstvoll gearbeiteten Schrein hinunter. Neugierig betrachtete er die filigran gearbeiteten Figuren an den Seitenwänden, die heiligen zwölf Apostel. Nach einer kurzen Verweildauer richtete er sich auf, zeigte auf die Apostel und lästerte: »Was macht ihr hier? Steht nicht geschrieben, geht hinaus in alle Welt! Ich will Geld aus euch schlagen lassen und euch in die Welt hinausschicken.«
Der Dom hallte wider vom schallenden Gelächter und dem Klappern der Säbel des Herzoggefolges. Kurz danach mischte sich das Splittern von Holz und die dumpfen Schläge auf Behältnisse in das Getöse, das sich ausbreitete, da man nun den Dom nach Kostbarkeiten absuchte. Unter dem Hochaltar fanden die Helfer des Herzogs eine bleierne Kiste, voll mit Goldstücken, wohl jedes im Wert von 5 Talern. Der Herzog befahl alles - auch das Kirchengeschirr - zusammenzutragen und mit dem Libori-Schrein in das Jesuitenkolleg zu schaffen.
Die Dämmerung hatte den Dom in ein gespenstisches Licht getaucht und die am Altar stehenden Kerzenleuchter wurden angezündet, die jeden Winkel des Doms erhellten. Der Herzog hatte sich entfernt, aber seine vor Habgier erhitzten Soldaten begannen die Seitenaltäre und Grabgewölbe aufzubrechen und selbst den Grund der Kirche zu durchwühlen. Klara konnte gerade noch schreien »Weg hier« und ihren Fuß vorschieben, so dass der Soldat ins Stolpern geriet und im Fallen mit seinem Säbel Jodokus um Haaresbreite verfehlte. Jost Hermann hatte die Gestalten im Schatten der Säule entdeckt, gegen die er nun aus dem Tritt geraten, taumelte und den Flüchtenden einige Flüche hinterherschickte.
Jodokus und Klara zogen es in den nächsten Tagen vor, das Haus des Stiftsschatzmeisters nur zum Pferdetränken und Wasserholen zu verlassen. Immer noch waren Soldaten unterwegs, um die wertvollen Dinge aus dem Bischofspalast, den Kirchen, Klöstern und Häusern des Klerus sowie der Juden in das Jesuitenkolleg zu schaffen, wo sich die Reichtümer der Stadt in den leergeräumten Zimmern auftürmten.
Der junge Herzog tafelte im großen Speisesaal der Jesuiten mit seinen Offizieren. Er erließ Anordnungen, den Rat der Stadt mit Protestanten zu besetzen und wieder den evangelischen Gottesdienst in der Marktkirche abzuhalten. Den Söhnen des Bürgermeisters Wichard versprach er, die sterblichen Überreste ihres Vaters von den Toren abzunehmen und beisetzen zu lassen.
Mit all diesen neuen Nachrichten kehrte Bernhard Löper in das Haus des Schatzstiftsmeisters zurück, da er sich beständig in der Stadt herumtrieb und wie ein Spion des entmachteten katholischen Bischofs, seinem Vater über alle Raubzüge berichtete. Der ehemalige Stiftsschatzmeister des Hochstifts Paderborn verzeichnete alle Schäden, um seinem Bischof, dem Kölner Kurfürsten Ferdinand, dereinst berichten zu können. In langen Zahlenkolonnen notierte er: 8000 Taler aus dem Kapitelhaus, 10000 Taler das bischöfliche Tafelgeschirr und setzte so die Summen zu geraubten Dingen, über die sein umtriebiger Sohn berichtete.
Nach einer Woche begleitete ein langer Wagenzug mit dem Libori-Schrein und der zusammengerafften Beute den Herzog Christian von Braunschweig, der nach Lippstadt zurückkehrte. Als Abfindungssumme für unterlassene Brandschatzungen erpresste er vom Domkapitel und den Geistlichen des Hochstifts 100000 Reichstaler und von den Juden 30000 Taler. Erzürnt schrieb der Stiftsschatzmeister am Ende der Sündenlitanei des Braunschweiger Herzogs auf, dass die Jesuiten 1000 Taler Kontribution aufbringen, Stifte und Klöster zwischen 1000 bis 2000 Taler aufwenden mussten und selbst dem kleinen Paderborner Kloster Abdinghof 600 Taler für einen Schutzbrief abgepresst wurden.
Hans Büsing war zufrieden, dass sie den Herzog nicht begleiten mussten, sondern als Besatzung in Paderborn zurückgelassen wurden. Schon bald kamen neue Soldaten in die Stadt, die mit dem neuen Geld angeworben wurden, das der Herzog aus dem geraubten Gold und Silber in der Münze zu Lippstadt schlagen ließ. Die Silbermünzen, die er von dem eingeschmolzenen Libori-Schrein prägen ließ, zeigten auf der einen Seite ein Arm mit Schwert und die Losung »Tout avec Dieu 1622« und in der Mitte der anderen Seite »Gottes Freund der Pfaffen Feind.«
Es wurde eng in der Stadt und im Stiftsschatzmeisterhaus. Jodokus und Klara wurden kurzerhand in die Pferdeknechtkammern an den Seiten der großen Deele umquartiert und neuankommende Soldaten belegten jeden Winkel des Hauses.
Bernhard Löper beklagte an den Abenden als er sich mit Jodokus und Klara in einem winzigen Verschlag einrichten musste, es gäbe keinen Bürger in der Stadt mehr, dessen Haus nicht mit Pferden, Soldaten, Kindern und Räubern überfüllt sei. Und alle müssten über ihre Kräfte Getreide abliefern, so dass schon einige Einwohner Haus und Hof verließen, weil sie die alles verschlingende Soldateska nicht mehr ernähren und ertragen konnten. Zudem würden die Offiziere auf Kosten des Stadtsäckels mit Wein, Bier und allerlei Geschenken verwöhnt und schritten doch nicht ein, um ihre zügellosen Soldaten in die Schranken zu weisen.
Jodokus und Klara beeindruckten die Klagen des Jesuitenschülers wenig. Der Bauernsohn erzählte der Tochter des Pulvermeisters, was die Leute in seinem Dorf, ihrem Grundherrn an Diensten und Abgaben zu leisten hatten. Sein Vater hatte an elf Tagen des Jahres mit seinem Pferdegespann die Äcker ihres Grundherren zu bestellen oder dessen Ernte einzubringen. Er sprach weiter von Zehntgans, Rauchhuhn und der Kornheuer, so dass sie oftmals um den eigenen täglichen Getreidebrei bangen mussten. Gemessen damit, könne er über ihr jetziges Auskommen nicht klagen, schloss Jodokus seinen Bericht über die heimatlichen dörflichen Verhältnisse. Und im gleichen Augenblick verschwand der lebhafte Zug aus seinem runden Gesicht. Der für gewöhnlich schweigsame Bauernjunge war über sich selbst erschrocken, dass er sich von der neugierigen Klara zu Geschwätzigkeit verleiten ließ und darüber fast die ihn quälende Ungewissheit nach einer Rückkehr in sein Dorf vergaß.
Klara schaute nachdenklich und ihr Blick schien auf etwas Fernes gerichtet. Sie hatte in ihrem Leben bereits mehr gesehen und war gewitzter als der einfache Bauernjunge, der nicht über den nächsten Tag hinaus dachte.
»Gutes Auskommen. Das wird nicht so bleiben«, beendete sie ihr Nachdenken.
Sie sollte Recht behalten, denn schon bald brachte der ruhelose Jesuitenschüler beunruhigende Nachrichten in ihren ruhigen Alltag auf der Scheunendeele. In Flugschriften, die auf verschlungenen Wegen in das Haus des bischöflichen Schatzmeisters fanden, wurde von den Raubzügen der Reiterscharen des Braunschweiger Herzogs berichtet, der nun als toll bezeichnet wurde. Den »tollen Christian« für seine gotteslästerlichen Taten zu bestrafen, wurde von der katholischen Liga immer vehementer gefordert.
Am Abend betete Bernhard Löper zu seinem katholischen Gott, dass Ferdinand, der Kurfürst von Köln und Bischof von Paderborn, Münster, Hildesheim und Lüttich, der gebeutelten Stadt doch bald zur Hilfe eilen möge. Der Kölner Ferdinand, so tuschelte man hinter vorgehaltener Hand, hatte den Führer der katholischen Liga, seinen Bruder, Herzog Maximilian von Bayern, überzeugt, den Grafen Anholt mit Truppen zur Befreiung der betroffenen Bistümer zu entsenden.
Als Bernhard Löper nach einem seiner abendlichen Gebete Jodokus fragte, warum dieser sich nicht an seinen Fürbitten beteiligte, erwiderte dieser verunsichert, dass sein Dorf den lutherischen Glauben ihres Grundherren, des Freiherrn von Haxthausen, angenommen habe und er nichts davon wisse, dass dieser wieder zur katholischen Lehre zurückgekehrt sei. Daraufhin belehrte ihn der lateinisch sprechende Jesuitenschüler, dass mit dem Grundsatz »cuius regio, eius religio« wessen Land, dessen Religion nicht gemeint sei, was ein kleiner Grundherr, wie ihr Freiherr glaube, sondern der Landesherr. Und als Jodokus ihn fragend anschaute, erklärte er: »Alle Untertanen haben den Glauben des Landesherrn anzunehmen. Und der Landesherr im Paderborner Land ist der Bischof Ferdinand, der Kurfürst von Köln.«
Da schaltete sich Klara ein, die dem Gespräch bisher nur schweigend gelauscht hatte. Sie wollte dem unbeholfenen Jodokus beispringen, aber es bereitete ihr offensichtlich Vergnügen, diesen übereifrigen Jesuitenschüler herauszufordern und aufs Glatteis zu führen. Spitz bemerkte sie, da sei der Herr Löper aber nicht richtig unterrichtet, sie hätten doch einen evangelischen Landesherrn, den Herzog Christian von Braunschweig, und er müsse sich dann überlegen, den Glauben des neuen Landesherren anzunehmen. Bernhard Löper schnaubte, eher würde er das Land verlassen, aber dahin werde es nicht kommen, die Soldaten der Liga seien bereits in der Warburger Börde, hätten das braunschweigische Kriegsvolk in Warburg erschlagen und die Überlebenden gefangengenommen.
Bernhard Löper war kein Aufschneider. Der Jesuitenschüler hatte die Wahrheit gesagt, wie Klara und Jodokus erfuhren, als sie an einem verregneten Märztag auf der Deele Stroh häckselten, das sie an die Pferde verfütterten. Lautes Geschrei und Gerenne auf den Straßen ließ etwas Besonderes vermuten.
Ein zorniger Herzog war mit seinen Söldnern in die Stadt gestürmt und nahm wieder Quartier im Jesuitenkolleg. Wie ein Lauffeuer sprach es sich herum, dass der Herzog tobte und wie ein tollwütiger Hund seine Obristen und Rittmeister ankläffte, so verärgert war er darüber, dass die Anholtschen Truppen nicht nur seine Leute in Warburg erschlagen, sondern sich auch noch mit 1000 Reitern in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, im Städtchen Geseke, einquartiert hatten.
Noch am selben Tag verkündeten seine Ausrufer in den Straßen von Paderborn, dass sich am nächsten Tage alle Bürger vor dem Rathaus einzufinden hätten. Die Lutheraner in voller Rüstung mit ihren Waffen, die Katholiken, denen man schon alle Waffen genommen hatte, in ihren Mänteln. Jodokus vermutete etwas einfältig, vielleicht benötige der junge Herzog die Bürger der Stadt, um sich gegen die anrückenden Feinde zu wehren. Klara war da anderer Meinung, da ihr aufgefallen war, dass die Streitmacht des Herzogs durch die Werbungen der letzten Wochen beständig gewachsen war und sie keinen Mangel an Soldaten feststellen konnte.
Am nächsten Morgen erschienen die Lutheraner in großer Zahl mit ihren Fahnen und Waffen vor dem Rathaus und erwarteten hoffnungsvoll die Ankunft des Herzogs. Jodokus, Klara und Bernhard Löper waren ebenfalls zum Rathaus gekommen. Bernhard Löper begrüßte einige aus dem Häuflein Katholiken, die sich eingeschüchtert an den Rand des Platzes gestellt hatten. Ein feiner Nieselregen besprühte die Wartenden, durchweichte vornehme Schnallenschuhe und derbe Stiefel. Die Feuchtigkeit zog in die Kleidung und trübte die Stimmung der Menschen, die von diesem trostlosen Tag nichts erhofften.
Am Fenster des Rathauses erschien der Herzog von Braunschweig, zufrieden auf die blanken Waffen der Lutheraner blickend. Als eine erwartungsvolle Stille eingetreten war, hob er seinen Arm und plötzlich stürzten seine Soldaten herbei und umzingelten die Menge vor dem Rathaus. Mit lauter Stimme befahl der »tolle Christian«, alle Waffen, Rüstungen und auch die Mäntel an seine Soldaten abzuliefern. Sie sollten nach Hause gehen und alles herausgeben, was dem Herzog bei seinen anstehenden Unternehmungen nützlich sein könnte. Es war Karfreitag und Christian von Braunschweig, der sich auf seinen neuen Münzen der »Pfaffen Feind« nannte, schickte zum Osterfest seine Soldaten auch in die Häuser der Lutheraner, um sie nach Geld und brauchbaren Dingen zu durchsuchen. Bernhard Löper konnte seine Schadenfreude nicht verbergen, als in das Haus von Arnold Drohm, des Wortführers der Evangelischen, eingebrochen wurde. Hier hatten einige reiche Familien ihre wertvolle Habe deponiert in dem Glauben, dass bei Arnold Dohm ihr Besitz sicher aufgehoben sei.
Abends machte er sich gegenüber Jodokus und Klara darüber lustig, dass die Ketzer nun ihren gerechten Lohn für ihre Dienste erhalten hätten und nun bestimmt ganz dankbar seien, dass sie den Herzog in die Stadt gelassen hätten. Die evangelisch gestimmten Bürger hingegen verstanden die Welt nicht mehr. Nur einige begannen zu begreifen, dass es in diesem Krieg nicht nur um die Religion ging.
Hans Büsing allerdings verstand die Welt seines Herzogs, verfolgte mürrisch die Vorgänge in der Stadt und ahnte, was ihnen bevorstand. Er knurrte seinen Trossbuben, seine Tochter und Frau an, ihren Hausstand zusammenzupacken und allen Proviant, deren sie habhaft werden könnten. Die ruhigen Zeiten in einem warmen, bequemen Quartier waren vorbei.
Als der tolle Christian Paderborn mit seiner Hauptstreitmacht am 1. April wieder verließ, forderte er seine Paderborner Besatzung auf, sich zu rüsten und ihm in den nächsten Tagen zu folgen. Der bedächtige und gutmütige Pulvermeister drängelte zur Eile, scheuchte seinen Trossbuben auf die Deele des Hauses und lud mit ihm zusammen mehrere Fässer vom dort abgestellten Wagen.
Er öffnete die verschiedenen Fässer und brummte: »Wir brauchen nun viel Pulver.« Dann deutete er auf die einzelnen Fässer und erklärte seinem unwissenden Helfer. »Aus sieben und einem halben Teil Salpeter, einem und einem halben Teil Holzasche und einem Teil Schwefel mischen wir ein grobes Schwarzpulver, mit dem man Geschosse aller Art abschießen kann.«
In einem großen hölzernen Bottich begannen sie dieses Schwarzpulver herzustellen, das als Treibladung für das Musketenrohr benötigt wurde. Auch ein kleineres Fässchen holten sie vom Wagen, in dem sich schon ein gemischtes, aber sehr fein gemahlenes Pulver, das Zündkraut, befand.
»Das braucht der Musketier für das Zündloch, um die Treibladung der Muskete von außen mit einer Lunte zu zünden«, wies der Pulvermeister seinen Helfer in die Geheimnisse des Musketengebrauchs ein.
Was eine Lunte war, lernte der unerfahrene Bauernjunge ebenfalls kennen. Die Frau des Pulvermeisters und Klara schnitten eine kleinfingerdicke, geflochtene Flachsschnur in Längen von zwei bis drei Fuß und legten sie in eine Lauge aus Holzasche, ungelöschten Kalk, Urin und Rinderdung. »Nach dem Trocknen«, erläuterte der Meister Büsing weiter, »haben solche Lunten, wenn sie angezündet werden, an ihrer Spitze einen gleichmäßig glimmenden Glutkegel.«
Am Morgen ihres Abmarsches kamen die Musketenträger ihres Fähnleins auf die Deele, um im Trockenen ihre Pulverflaschen aufzufüllen. An vierfingerdicken Lederriemen, die sie über der Schulter trugen, waren eine größere Pulverflasche für die Treibladung und eine kleinere für das Zündkraut befestigt. An dem Lederriemen, dem Bandelier, hingen einige kleine Holzfläschchen, die ebenfalls mit dem groben Schwarzpulver gefüllt wurden. Der Pulvermeister sah den fragenden Blick von Jodokus und gab seine Kenntnisse nicht nur an den Jungen weiter, sondern auch an die auf der Deele versammelten Soldaten, denen er nicht viel Erfahrung in der Handhabung einer Muskete zutraute.
»Wenn ihr die Muskete mit zu viel Schwarzpulver füllt, kann es passieren, dass das Rohr explodiert. Deshalb gibt es dieses kleine Holzfläschchen, das Pulvermaß. Es enthält die genau richtige Menge an Schwarzpulver, die man zum Verschießen einer Kugel braucht. Also benutzt sie, wenn es ans Schießen geht.«
