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Wir saßen am See. Es war Abend, Ida spielte Gitarre. Verzaubert blickte ich hinaus auf das weiße Eis. Annika saß neben mir. Ganz dicht. Als ich mich zu ihr wandte, lächelte sie. Ihre Augen waren hellblau. Und sie strahlten in einer Energie, die ich noch heute bewundere. Ich wollte mich nicht verlieben. Es trieb mich in die Verzweiflung. Ein schwarzer Abgrund tat sich in mir auf, in den alle Hoffnung gesogen wurde. In den folgenden Tagen brach alles in mir zusammen. Dies ist die Geschichte davon, wie ich vor dem Leben davonlief und hinaus in die Schären fuhr.
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Seitenzahl: 82
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Til Anna-Lina
Allein dieser Duft
Mauve hinter Tannensilhouetten
Lebe wohl
Das Höllenfeuer meiner Seele
Dies Wunder aus der Nacht
In Liebe – das Leben
Wundermenschen sind wir
Der Dom der Anarchie
Unterm Kirschbaum
Tusen takk
Eine Freundin hat mir mal gesagt, ich hätte eine alte Seele. Wie ein greiser Magier, der bei mir wacht, die Welt, die Menschen, das Leben versteht, weil er jenseitige Zeitalter erlebt hat.
Ich bin dieser Vorstellung, bin der Spiritualität verfallen, nehme nicht nur das Konkrete wahr, die Angel in meiner Hand, das Tosen des Sturms, den Duft der Welt nach Regenguss – ich fühle die Energie und die Ästhetik, die all dies verbindet, die Ruhe leicht gewellten Wassers und des hüpfenden Schwimmers, die Wut der Winde und Wolken, die Erleichterung der getränkten Wälder und Felder nach Regen. Ich genieße jede Lebendigkeit: die meine, die der Natur, von Farben, Formen, Gerüchen. Jedes Mal, wenn ich meine Nase zum Fenster hinausstrecke, grüßt mich ein anderer Duft. Über den lauen Brisen, den fünf Kiefern zur Linken, der Bluteiche zur Rechten, die ich gerne lange betrachte, und der Stadt im Tal, umgeben von Grün, sind es doch die Gerüche, die mir das Magischste sind, wenn ich mich zum Fenster hinauslehne. Mal riecht es nach Raps, wenn es vom fernen Feld herangeweht kommt, mal nach Rauch vom Grill, mal nach alten Zeiten, deren Düfte fast vergessen sind. Zu Silvester riecht es nach Schießpulver, nach einem Regenguss gräulich-säuerlich. Diesen Duft liebe ich besonders, wenn der verkrustete Pflasterstein gespült worden ist. Nasse Kiefernnadeln. Er ist voll Hoffnung.
Heute Abend, mein Windspiel klimpert sacht, heut Abend ist es ein Odem, der mich rührt, ein frühlingsfrischer Duft ganz besonderer Art. Von üppigen Wäldern gereinigte Lüfte schmeicheln mir in diesem herrlichen Land, und die Nase zur kühlen Dunkelheit hinausgestreckt, in eine andere Welt gefallen, dichte ich schon Verse eines Lobgesangs.
O vergnügte spielerische Winde, streichelt tuschelnd Kronenlaub und mein Gesicht mit Düften.
Im Tal glitzert die Stadt, am Rand liegt der See bei der Schule schwarz da, dieser See, an dem Wunder geschehen sind.
Allein dieser Duft – allein dieser Duft versetzt mich zurück in eine Zeit, da ich einmal aus eben diesem Fenster mich lehnte, mit einem Stein aber der Verzweiflung in der Kehle.
Grau ist die Farbe des Winters. Sowie der Frühling grün, der Sommer gelb, der Herbst wohl braun ist, liegt die Welt im Winter trübselig da – schlafend, erkaltet. Bäume gemahnen an tote Krallen, die eisige Winde zerreißen, Gärten haben mit ihrer Lebendigkeit auch jeden Reiz verloren, selbst der Himmel ist seltsam farblos, als dächte er in müder Umnachtung, Blau sei doch eine merkwürdige Farbe für den Erdendom.
Alles ist starr – selbst wenn ein Vogel singt, tut er dies mit steifem Hals. Hartnäckige Kälte kriecht in jeden Winkel – mich, im Pullover, verschränkter Arme hinter der verriegelten Balkontür, mich fröstelte, mein Blick verloren in der grauen Frostwüstenei.
In Norwegen ist selbst der März noch eisig.
Jemand riss mich aus meiner fernschweifenden Trübsal zurück an den Fleck, wo ich durch meine Wollstrümpfe kaminwarmes Parkett spürte. Meine kleine Schwester, die ich liebte, schrie mir zu, es gebe Middag, wie man bei uns das Abendessen nennt. Ich murmelte etwas, der Blick auf ihren flinken Fersen, die schon die Treppe hinaufrannten. In lustlosem Trott folgte ich ihr und nahm murmelnd die Tischgruppe zur Kenntnis, die sich um eine Platte Fisch mit saurer Sahne versammelt hatte.
„Es gibt Fisch!“, schrie meine Schwester und zog meinen Stuhl neben sich zurück. Ich setzte mich und starrte wortlos in die Leere über dem Fisch. Papa tat mir energisch auf; im Sommer ist er herzlich, seine Halbglatze glüht rot und sein buschiger Schnurrbart kräuselt sich gerne über einem Lächeln – jetzt hüstelte er verhalten vor sich hin und bestritt es immer, wenn seine Frau darauf zu sprechen kam.
Das Klappern und Schmatzen beim Essen hallte in der Küche wider, wir schwiegen. Bitter starrte ich zum Fenster hinaus auf eine Wiese, deren Grün das Leben fehlte. Kaum zu glauben: Schon im Frühling springen wir darüber wie toll und um uns her leuchtet und summt die Welt. Nur das Wetter muss grauen und schon legt sich eine Melancholie über alles, was fröhlich sein kann.
Ein Schmerz lag in mir begraben, der mir fremd doch ureigen war. Das Ereignis gestern hatte Pforten in mir aufgestoßen und diese Bestie freigelegt. Sie fraß mich von innen auf.
Meine Kehle brannte und ich schlang den Fisch hinunter, stand auf, stellte den Teller weg, obwohl ich noch hungrig war, und murmelte: „Takk for maten, danke fürs Essen.“ Kein Dank lag in meiner Stimme oder meinem Herzen, nur Bitterkeit.
Meine Mutter schaute auf. „Geht es dir nicht gut?“
„Der Winter“, sagte ich nur und zog mich zurück in mein Zimmer, unten im Erdgeschoss.
Wieso nur ist der Mensch zu so viel Leiden fähig
schrieb ich in mein Notizbuch, „Skrivebok“ war in den hellbraunen Ledereinband graviert. Ich hatte auf meinem Bett gelegen und stumme Tränen hatten mir Seele, Kehle und Wangen verbrannt.
Wieso nur ist der Mensch zu so viel Leiden fähig, wenn doch Glück und Zufriedenheit für ihn gemacht sind? Was gibt uns die Fähigkeit zu so viel Schmerz eines aufgelösten Herzens, zum Erleiden von emotionalem Chaos – wer ist so grausam?
Ich starrte aus dem Fenster auf die schneelosen Häuser im Tal, die schon mit Lichtern die Nacht verscheuchten.
Oder sind es diese Phasen höchster Verzweiflung, die uns mehr ausmachen als unser Glück? Zeichnet es ein jeden aus, wie und warum er leidet? Ist dies unser tiefster Wesenszug? Dann wüsste ich gerne, wie mein Wesen ist, dass es meine Brust und meinen Kopf zerreißt. Dies ist eine Wunde, die heiß blutet und brennt, rumort in gelasseneren Phasen und dann wieder reißt.
Jetzt war ich ganz klar im Kopf. Jetzt sah ich meine Verzweiflung von außen und sah, wie scheußlich und stark diese Bestie war.
Bin ich in der Lage, allein mit diesem Schmerz fertig zu werden?
Ich teilte meine Trauer nicht. Ich versuchte, mit all meiner jugendlichen Weisheit allein gegen so etwas Urgewaltiges und Uraltes wie Trauer anzukämpfen. War sie nicht von der Natur dafür geschaffen, dass der verzweifelte Hilflose aus Mitleid und Liebe gerettet wird? Es war widernatürlich, so wie ich heldentrotzig nicht die Wunde zu teilen.
Etwas zerriss mein Inneres, Blut rauschte heiß durch meinen Körper, meine Seele schrie. Die Schale saß teilnahmslos da und starrte aus dem Fenster in die dunkelnde Welt. Konnte man das Feuer der schrecklichen Erkenntnis hinter meinen Augen toben sehen?
Ich hatte niemanden, mit dem ich meine Wunde teilen konnte. Meine Schulfreundschaften waren oberflächlich, man mochte mich, aber ich war in meinem Wesen ein Außenseiter, der nicht zu einer Gruppe sich zugehörig fühlen konnte.
Unentzündlich – so hockt meine Gestalt Neben dem Feuer der Andern Kühl – nur hören tu ich ihre Freude, Spüren kann ich nichts
Ob dies Gedicht, im Unterricht gekritzelt, verbittert ist, weiß ich nicht, wusst ich nicht, als ich es schrieb. Nun merke ich, dass es schlimm ist. Dass ich niemanden habe – wie konnte ich mich nur so verlieren?
Sonst kann ich mit meinen Eltern über alles sprechen. Jetzt fühlte ich mich von ihnen entfremdet, vielleicht durch den Winter, vielleicht durch meine intimen Wunden.
Ich folgte einem seltsamen Impuls, als ich zu meinem Bücherregal schritt und meine Gedichtesammlung herauszog. Wieder am Schreibtisch blätterte ich entschlossen im Ordner und fand das Gedicht, das ich einst vergnügt, wohl zu warmer Jahreszeit, geschrieben hatte:
Ich lebe, denn das Jetzt ist hier, Und ich bin mittendrin Niemand ist, wenn er nicht fühlt, Und ich fühl Energie
Die ganze Zukunft ist voll Leben, Jeder Tag fasst Hier und Jetzt Ich singe, denn die Welt ist schön, Und ich bin mittendrin.
Naiv war ich, als ich dachte, für immer glücklich zu sein. Einen Unsinn hab ich gedacht, nur weil ich Erkenntnisse von Tiefe hatte, die vielen Menschen dieser Welt wohl nicht vergönnt sind. Leben heißt Wandel, Glück aber heißt Bleiben und Behalten. So kommt und geht immer anderes Glück und zwischendrin ist Zweifel und Verzweifelung.
Also schrieb ich:
Bin ich in der Lage, alleine mit diesem Schmerz fertig zu werden? Und wo führt er mich hin?
Damit schloss ich das Skrivebok und verstaute es in meiner Schublade, stellte den Ordner mit Gedichten zurück und fuhr dabei mit der Hand liebevoll über den Rücken meines liebsten Buches. Der Pfad des friedvollen Kriegers, das Idealbild eines Erleuchteten, der im Hier und Jetzt lebt und nichts braucht für sein Glück. Auf dem Weg zur grundlosen Zufriedenheit hatte ich es wohl schon weiter gebracht als viele Bedauernswerte dieser Welt. Ich nenne sie Durphasen, wenn ich mit mir selbst im Reinen bin und nichts mich aus der Ruhe bringen kann. Einmal sagte ich: „Dafür lebe ich, für meine Durphasen.“ Ich sitz im Garten und bade in Wärme, in den hellen Klängen der Natur, schließe bei jeder Brise die Augen und schnurre. Fantastisk! Könnt doch jeder Mensch solch Glück erleben – ja, das wünsche ich der Welt!
Ich saß brütend am Fenster und blickte hinaus – starr, ohne Regung des Körpers, ein Sturm in der Seele und im Kopf, wo der Mensch Emotionen breitzutreten pflegt. Auf Dur folgt Moll und so bin ich dann trübe, die Welt hat ihre Wunder verloren. Nicht direkt traurig bin ich dann, nur ernüchtert.
Und nun hatte sich Verzweiflung untergemischt, seit gestern mir die größte Urgewalt erwacht war, die im Menschen schlummert …
Hätte ich denn ahnen können, dass meine kleine spontane Entscheidung, mich mit meinem Mittagessen an ebendiesen Tisch zu setzen, so tiefe Folgen haben würde? Nein, man weiß nie, was aus einer Entscheidung erwachsen wird, wie viel man auch plant und berechnet. Um Schwung in unser Leben zu bringen, mag es wohl aber hilfreich sein, das Neue und Unerwartete anzunehmen, ja einzuladen. Wie sonst hätte sich mein Leben wandeln können?
