in prosecco veritas - Andi LaPatt - E-Book

in prosecco veritas E-Book

Andi LaPatt

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Beschreibung

in prosecco veritas - Henriettes Lächeln (Seniorentango Teil II) Dunkle Wolken hängen über dem Rorschacherberg in der Schweiz. Ob schon ein nächster Abschied bevorsteht? Während sich die Schatten verdichten, wird der Glaube von Gilberte auf eine harte Probe gestellt. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich sogar an die Toten und an den lieben Gott. Eine letzte Reise soll es noch einmal richten. Was als unbeschwerter Aufenthalt in Italien beginnt, entpuppt sich als ein Sommer voller Rätsel, Sehnsüchte und unerwarteter Begegnungen. Zwischen rauschenden Festen und flackernden Kerzen, zwischen flirrenden Nächten am Meer und Augenblicken, in denen alles auf Messers Schneide steht, sich kriminielle Machenschaften offenbaren, sucht Gilberte mit ihren Freunden nach Antworten auf Fragen, die man sonst gern verschweigt. Wie geht man weiter, wenn die Vergangenheit sich zurückmeldet? Wie kann man Schmerz und Trauer hinter sich lassen und wieder lachen? Was, wenn die letzte Reise schon zu spät angetreten wurde und es keine Umkehr gibt? Oder gibt es sie? Wie sieht sie aus? Darf man im Herbst des Lebens noch einmal alles riskieren? Was ist das Alter und kann man zu alt für etwas sein? Und kann ein einziges Lächeln wirklich Schicksale verändern? Gibt es eine echte Wahrheit? Liegt sie in den Buchten von Italien? Oder ganz woanders? Ein Roman voller Humor, Sinnlichkeit und Magie. Über zweite Chancen, über Freundschaft, die keine Grenzen kennt, nicht einmal den Tod. Ein Buch zum Lachen, Weinen, Staunen. Und zum Anstossen, auf das Leben selbst.

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Seitenzahl: 338

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Widmung

All jenen, die glauben, ihre besten Kapitel lägen bereits hinter ihnen.

Die glauben, sie könnten nur noch in Erinnerungen schwelgen.

Ihr irrt euch gewaltig.

Das Leben schreibt keine Altersgrenzen vor.

Es stellt keine Stopp-Schilder auf, nur weil ein paar mehr Kerzen auf dem

Kuchen brennen.

Wir haben so viel gesehen, getragen, gegeben.

Jetzt ist der richtige Moment, um uns das Leben zurückzuholen.

Uns selbst.

Die Lust aufs Leben.

Die Neugier.

Unseren Trotz. Die Rebellion.

Den Schalk im Nacken und das Glitzern in den Augen.

Wir müssen nicht immer nur zurückschauen.

Es ist Zeit, neue Geschichten zu schreiben, neue Erinnerungen zu kreieren.

Wer sagt denn, dass wir nicht wieder frei sein dürfen, die Nächte

durchtanzen können?

Seit wann glauben wir, unsere Abenteuer hätten ein Ablaufdatum?

Wenn du das glaubst, bist du schon längst tot.

Im Herzen.

Arm ist nur, wer keine Träume mehr hat.

Hol dir deine zurück.

Verdammt, wach auf. Das Leben ruft.

Wir werden nicht still sein.

Nicht leise.

Nicht brav.

Nicht fertig.

Nicht fertig mit diesem Leben.

Nicht fertig mit Feiern.

Nicht fertig mit hemmungsloser Lebenslust.

Alter schützt vor Unsinn nicht.

Das Leben wartet jeden Tag darauf, es auszupacken, wie ein Geschenk und es mit Lust und Liebe zu würzen. Es zu leben und es sich einfach zu nehmen.

Hört nicht auf, es krachen zu lassen.

Immer wieder.

Nicht unser Alter ist es, das uns definiert, sondern wie laut wir unsere

Lebensmelodie immer noch mitsingen und die Welt damit infizieren.

Dieses Buch ist für alle, die sich ungern in Schubladen stecken lassen.

Und dort schon gar nicht verstauben wollen.

Schmeiss dich ins Leben.

Alter ist nur eine Nummer.

Jetzt erst recht. Jetzt erst recht.

In tiefer Liebe und Verbundenheit gewidmet meiner Herzensschwester und Kindheitsfreundin Moni Lämmler.

Ein Buch aus dem DRACHENGOLD VERLAG

Die Schweizerische Nationalbibliothek wird diese Publikation in ihrer Bibliografie verzeichnen. Detaillierte bibliografische Daten sind über ihre Website abrufbar.

Das Werk ist einschliesslich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung des Werkes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks und der Übersetzung, sind vorbehalten. Ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk, auch nicht Teile daraus, weder reproduziert, übertragen noch kopiert werden, sei es manuell oder mithilfe elektronischer und mechanischer Systeme, einschliesslich Fotokopieren, Bandaufzeichnung und Datenspeicherung. Zuwiderhandlungen verpflichten zu Schadenersatz.

Alle im Buch enthaltenen Angaben, Ergebnisse usw. wurden nach bestem Wissen erstellt. Sie erfolgen ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlages, der keinerlei Verantwortung und Haftung für etwaige Unrichtigkeiten übernimmt.

Über die Autorin

Andrea Bättig alias Andi LaPatt, geboren in der malerischen Stadt St. Gallen in der Schweiz und aufgewachsen in deren idyllischer Umgebung, lebt heute auf der Schweizer Seite des Bodensees – einer Region, die durch ihre Ruhe und Schönheit immer wieder Inspiration für das kreative Schreiben liefert.

Als Mitbegründerin und Inhaberin des Drachengold Verlags hat die Autorin eine Plattform geschaffen, die nicht nur ihre eigenen Werke, sondern auch die Stimmen anderer kreativer und inspirierender Talente in die Welt trägt. Ihr Verlag ist ein Spiegel ihrer Vision: ein Ort, an dem Kunst, Spiritualität und Geschichten, die das Herz berühren, miteinander verschmelzen.

Andrea ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch eine vielseitig begabte Künstlerin. Ihre Romane und Drehbücher erkunden tiefgreifende Themen wie Geschichten aus dem Leben, Eintauchen in die Welt der Fantasy-Erlebnisse und Spiritualität.

Andreas Kreativität endet nicht beim Schreiben: Als Sängerin der Band „A Beautiful Mind“ verleiht sie ihren selbstgeschriebenen Songs ihre eindrucksvolle Stimme. Ihre Musik erzählt Geschichten, die genauso tiefgründig und berührend sind wie ihre literarischen Werke. Zudem textet sie für Presseberichte und unterstützt andere Bands hinter den Kulissen mit ihrem scharfen Blick für Details und ihrer künstlerischen Expertise.

www.andilapatt.com

Bisher veröffentliche Romane von Andrea Bättig alias Andi LaPatt

Eine fast unanständige Frau

Seniorentango

Seelenverwandt

Lebensgeflüster

Asinja I

Die Siegel Asinjas

Darya-ye-noor

Asinja II

Die Siegel Asinjas

Im Auge des Drachen

Asinja III

Die Siegel Asinjas

Die Macht der Dämonen

Hörbuch:

Manche mögens tot

Rosenblütenblues

in prosecco veritas – Henriettes Lächeln

Info:

In prosecco veritas – Henriettes Lächeln ist der Folgeroman von „Seniorentango“.

Wichtiger Hinweis für die Lesbarkeit

Zur besseren Lesbarkeit ist das Buch in der meist maskulinen Form (im generellen Kontext) verfasst. Die verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich – sofern nicht anders kenntlich gemacht – auf alle Geschlechter und sind wertschätzende für alle Menschen gedacht.

Inhalt

Kapitel 01 Jetzt schon?

Kapitel 02 Oh Herr…

Kapitel 03 Der Puls des Lebens

Kapitel 04 Heimkehr

Kapitel 05 Irgendwann ist fertig

Kapitel 06 Ein Pakt

Kapitel 07 Ausgebüchst

Kapitel 08 Calimero

Kapitel 09 Wir sind alle Hippies

Kapitel 10 Bienvenuti

Kapitel 11 Spaziergang

Kapitel 12 Tschüss Alltag

Kapitel 13 Lorenzo

Kapitel 14 Gedankenflug

Kapitel 15 Düstere Wolken

Kapitel 17 belauscht…

Kapitel 18 Geständnisse

Kapitel 19 Lass uns handeln

Kapitel 20 Il Testamento

Kapitel 21 Gilberte’s Abenteuer

Kapitel 22 Ich bin gekommen, um zu bleiben

Kapitel 23 Morgendunst und Pläne

Kapitel 24 Rudert um euer Leben

Kapitel 25 Aber sowas auch

Kapitel 26 Die Nacht der Schatten

Kapitel 27 Feiern wir das Leben

Kapitel 28 Magie

Kapitel 29 Neue Kapitel

Kapitel 30 Il sorriso di Henriette - in prosecco veritas

Kapitel 31 Und da ist noch…

Kapitel 32 Epilog

Kapitel 01 Jetzt schon?

„Sie müssen sich dieser Entscheidung endlich stellen. Wir brauchen Ihre Zustimmung, damit wir die Geräte abschalten können.“ Die Worte kamen wie durch einen langen hohlen Tunnel. Dumpf. Verzerrt. Gilberte hörte sie, irgendwie, von irgendwoher. Und doch klangen sie, als kämen sie von weit weit her, wie ein lang gezogenes Echo, das sich in einem endlosen Tal verirrt hatte. Oder war sie es, die sich verirrt hatte? In ihrer Vorstellung stand sie plötzlich auf einem kargen Gipfel, allein, hoch oben, als hätte sie sich dorthin verirrt. Ausgerechnet sie. Gilberte Demois, deren Liebe zu sportlicher Betätigung sich zeitlebens in eleganten Umgehungsstrategien ausgedrückt hatte. Als würde ihr Wandern oder sowas auch nur im Entfernsten liegen. Was also tat sie auf einem Berg? Sie, die sich schon bei leichter Steigung überlegte, ob der Weg nicht vielleicht ein anderer sein könnte. Jemand, der sie ansah, wusste genau, welches sportliche Niveau sie pflegte.

Die Stimme schien surreal. Und doch war da dieser Wind, der über die Steinplatten strich, da war die Weite, die Kälte, die dünne Luft. Und mittendrin hallte wieder diese Stimme.

„Gigi?“, flüsterte jemand neben ihr und rüttelte sanft an ihrem Arm. Sie blinzelte. Einmal. Zweimal. Als würde sie aus einem dichten Nebel auftauchen. Die Realität schlug ihr in der Form von Neonlicht und abgestandener Luft entgegen.

„Gigi“, sagte die Stimme erneut, jetzt etwas bestimmter.

Sie drehte den Kopf.

Der Arzt, dieser Mann mit dem müden Blick und dem zu grossen Kittel sah sie unverwandt an. Es war kein böser Mensch, dieser Mann. Aber er war bloss müde. So erschöpft, dass selbst sein Mitgefühl nur noch ein Schatten war, der in einem dunklen Flur herumspukte.

„Frau Demois“, sagte er, und die Stimme war nun glatter, professioneller, kontrollierter. „Sie wissen selbst, dass Ihre Freundin nicht mehr die Jüngste ist.“

Der Satz schnitt wie ein unscharfes Messer. Unsensibel. Direkt. Nicht mehr die Jüngste. Was sollte das denn heissen? Ein Satz, wie er in diesem Büro vielleicht nicht das erste Mal ausgesprochen wurde. Das waren Räume, in denen die Zeit keine Lust gehabt hatte, weiterzugehen. Gilberte sah sich um.

Der Tisch, an dem sie sass, war vermutlich ein Mahagoni-Überbleibsel aus den späten Sechzigerjahren. Die Bilder an den Wänden, grau verblasste Drucke mit Pseudopoesie in Goldrahmen, wirkten wie das Warten selbst.

Ein Wartezimmer, das sich als Sprechzimmer tarnte. Wie viele Menschen hatten hier wohl schon gesessen? Gewartet? Schlimme Nachrichten erhalten? Oder manchmal auch erlösende? Staub lag in den Ecken. Nicht dieser harmlose, der sich aus Langeweile niederlässt. Sondern der dichte Staub des Vergessens. Selbst die Bücher im Regal, dicke Folianten in brüchigem Leinen, hatten längst aufgehört, etwas sagen zu wollen. Sie hatten kapituliert.

Gilberte atmete ein. Es roch beissend nach Desinfektionsmittel, altem Linoleum und dieser unbenennbaren Mischung, die jedes Krankenhaus umgab wie ein unsichtbarer Mantel: Angst. Endgültigkeit. Zögerliches Hoffen.

„Gigi“, flüsterte wieder eine weibliche Stimme. Sie zwang sich, dem Arzt in die Augen zu sehen.

Da sass jemand neben ihr, den sie nicht wahrnehmen wollte.

Stattdessen sah sie den Arzt an.

„Bitte… was haben Sie gesagt?“

Die Worte kamen langsam. Zögernd.

Der Arzt sass ihr gegenüber in einem weissen Kittel, zwei Kugelschreiber in der rechten Brusttasche, die obersten Knöpfe offen und darunter lugte ein weisses Shirt hervor, das mit ein paar Flecken die tägliche Misere aufwies, in die der Arzt oft steckte, wenn er um Leben und Tod seiner Patienten kämpfte. Er sah so müde aus, heruntergekämpft und auf seinem Gesicht war ein Film von Gleichgültigkeit, der Gilberte nicht gefiel.

„Frau Demois, es tut mir wirklich sehr leid. Aber Sie müssen sich mit dem Gedanken anfreunden, dass wir die Maschinen von Frau Rohrmeier abstellen.“ Gilberte schluckte leer und sah ihn fassungslos an: „Die Maschinen…?“ Neben ihr spürte sie eine Hand auf ihrem Unterarm und als Gilberte aufblickte, erinnerte sie sich, dass Frederike sie begleitet hatte und neben ihr sass. Im Gegensatz zu dem Arzt sah ihre Grossnichte aus wie das blühende Leben.

„Ich…,“ stammelte Gilberte. „Ich kann das nicht alleine entscheiden“, erklärte sie verdattert.

Sie holte tief Luft.

„Die Maschinen abstellen…“

So, als könnte sie die Sprache nicht verstehen, die der Arzt benutzt hatte, wiederholte sie diese drei Worte innerlich immer wieder.

„Sie kennen das Fini von Frau Rohrmeier“, flüsterte sie.

„Wir haben uns versprochen…“, legte sie nach.

Wie konnte sich der Arzt sowas anmassen? Irgendwie wurde ihr schwindlig, es war so heiss hier drin.

Warum war es nur plötzlich so heiss hier drin?

Sie fächerte sich mit einer Hand etwas vermeintlich frische Luft zu. Warum war es nur so heiss hier? Die Welt fing sich an zu drehen. „Atmen, Gigi atmen“, dachte sie bei sich und das Karussell in ihrem Kopf kam langsam zum Stillstand. Frederike seufzte. Gilberte sah den Arzt verzweifelt an. Dann blickte sie zu Frederike hinüber.

„Ich kann das nicht entscheiden. Noch nicht“, sagte Gilberte leise. Starr den Blick auf den Boden gerichtet, mit glasigen Augen. „Das muss auch nicht genau heute sein“, entgegnete Frederike und senkte ihren Blick: „Aber Milly ist schon drei Wochen hier und sie regt sich seither nicht mehr.“ Frederike rang um Fassung, die Worte gingen ihr nur sehr schwer über die Lippen. Gilberte erhob sich schwerfällig. Dann sah sie den Arzt lange an, hielt den Blick und sagte: „Ich muss mit Henry sprechen.“ Dann verzog sie ihre Stirn in Falten und stolzierte aus dem Arztzimmer in einem schreiend roten und viel zu kurzen Etuikleid, das ihre zusätzlich angefutterten Kilos noch besser zur Geltung brachte. „Wer ist Henry?“, wollte der Arzt verdutzt wissen, doch Frederike hob entschuldigend die Achseln und rannte Gilberte hinterher. „Gigi, so warte doch…“, rief sie ihrer Grosstante nach. Als sie sie kurz darauf eingeholt hatte, zupfte sie am Kleid Gigis: „Du bist ein wenig durcheinander.“ Die rüstige Dame hatte sich mittlerweile wieder etwas gefangen. Durchatmen half immer, schliesslich wusste Gilberte um die Kraft der Atemtechniken. Sie blieb stehen und sah Frederike an: „Ich bin sehr klar, keine Angst.“ „Aber… aber… du sprichst von Henry, ich meine…“, fing Frederike an, doch Gilberte hob die Hand: „Darüber diskutiere ich nicht mit dir. Ich weiss, dass du nicht an solche Phänomene glaubst, aber Henry ist immer noch bei uns. Und sie wird mir sagen, ob Milly schon bereit ist, zu ihr zu kommen oder nicht.“ Frederike seufzte, rollte mit den Augen und schüttelte genervt den Kopf: „Du willst also allen Ernstes eine solche Entscheidung von einer Toten abhängig machen, als ob sie sich melden würde, um dir zu sagen, was wir tun sollen?“ Frederike versuchte, ihre Augen nicht zu offensichtlich zu rollen, ihre Grosstante bemerkte in solch heiklen Situationen wirklich alles und sie hatte null Bock auf diese endlosen Grundsatzdiskussionen. Gilberte drehte sich um: „Henry ist nur tot, das ist alles. Und das Fini von Milly besagt, dass sie ganz klar auf lebenserhaltenden Massnahmen besteht. Sie hat die endgültige Entscheidung Henry und mir gemeinsam überlassen. Hörst du. Henry und mir. Uns beiden. Sie weiss, dass wir das Richtige tun werden.“ Frederike biss sich auf die Zunge. Warum hatte sie nur damit angefangen? Sie liebte ihre Grosstante, aber Henry fragen… Eine Tote?

Niedergeschlagen blieb sie zurück, während Gilberte in ihren hohen Absätzen weiterdonnerte zu dem Krankenzimmer, in dem Milly lag. Mit dem Zuschlagen der Türe machte sie sehr deutlich, dass sie nicht wollte, dass man ihr folgte. Also blieb Frederike im Flur stehen und blickte resigniert auf die geschlossene Türe, hinter der ihre Grosstante verschwunden war. Dann verzog sie die Lippen und suchte sich einen Stuhl, um dort zu warten. Gigi war aber auch ein bockiges Ding. Und jetzt konnte Frederike nach Herzenslust mit den Augen rollen.

Gilberte setzte sich auf die linke Seite von Millys Bett. Unter dieser dünnen weissen Spitaldecke wirkte die alte Lady noch blasser und geradezu ausgezehrt. Gigi seufzte und nahm die Hand ihrer Freundin, streichelte sie liebevoll und versuchte sich Milly vorzustellen, wie sie vorher ausgesehen hatte. Das war gar nicht so einfach, denn das Skelett vor ihr war kreidebleich und hatte so gar nichts mit der Frau zu tun, die sie seit Jahrzehnten ihre Freundin nannte. Dann überblickte Gigi die Apparaturen, an die Milly angeschlossen war. Das Bild war grotesk, überall piepte es und Bildschirme zeichneten irgendwelches Zeugs auf. Gigi hatte keine Ahnung von solchen Sachen. Bunte Farben hüpften in eckigen Linien auf und ab und Gilberte konnte nicht ausmachen, welche Maschine was genau anzeigte. So lag Milly nun also da, seit sie hier eingeliefert worden war. Das nervtötende Piepsen begleitete den Atem der alten Frau und mit einem Mal wurde Gilberte schwer ums Herz. Sollte das wirklich schon der nächste Abschied sein? Jetzt schon? Sie hatte doch eben erst Henry verloren. So schnell war sie nicht bereit, noch eine Freundin herzugeben. So alt waren sie doch noch gar nicht.

Gilberte konnte sich gut an den Sonntagmorgen erinnern, als es passierte. Ausgerechnet am Neujahrstag war es geschehen. Während der Weihnachtsfeiertage hatten sie alle grosszügig gefeiert, viel zu viel Wein getrunken und natürlich das viele fettige Essen… Kekse gebacken und sich kiloweise Leckereien einverleibt, keinen Bogen um irgendeine Ecke Schokolade gemacht. Natürlich den heissgeliebten Käsekuchen, den Gigi so liebte, den hatte es beinahe täglich gegeben. Und da noch ein Prosecco, dort noch ein Schnäpschen… Gilberte musste lächeln, wenn sie an die Weihnachtszeit dachte. Hemmungslos hatten sie sich ins Leben geworfen, gefeiert was das Zeug hielt. So, als ob es kein Morgen gäbe. Schliesslich war es Weihnachten und das war ja nicht alle Tage und sie hatten das Leben zu feiern, den Abschied von Henry zu verkraften, den Sieg der Gerechtigkeit zu zelebrieren und einen menschlichen Neuankömmling in ihrer Wahlfamilie willkommen zu heissen. Wenn sie ehrlich war, sie hatten es schon ziemlich übertrieben. Möglicherweise hatten sie auch deswegen so viel gefeiert, weil sie einfach nicht wahrhaben wollten, dass Henry für immer gegangen war und auch ihre Zeit auf dieser Welt nicht ewig währen würde. Gigi wollte wohl einfach mit jedem Stück Torte und jedem Glas Wein die Lebendigkeit spüren, selbst wenn es hiess, mit Magenschmerzen klarzukommen, die letzten Endes doch auch nur eine Bestätigung waren, dass sie noch am Leben waren. Das leckere Essen hatte aber auch wunderschöne Gefühle in ihnen hochgezaubert und der Alkohol hatte ihnen geholfen, all den Schmerz hinunterzuspülen. Eine perfekte Mischung. Ein Hoch auf das Leben. Gigi war überzeugt davon, dass Henry das genauso gemacht hätte, wenn eine von ihnen gegangen wäre.

Gilberte seufzte und kaute nervös an ihren Fingernägeln herum. Warum hatten sie nur so viel ungesundes Zeugs gefuttert? Aber was ihr am meisten zu schaffen machte, war, dass sie alle nicht achtgegeben hatten auf Maggie, die schon während der Feiertage irgendwie zusehends schwächer geworden war. Nur war das niemandem so richtig aufgefallen. Schliesslich waren sie selbst zu faul dazu geworden, regelmässig rauszugehen für längere Spaziergänge. Und die Futterorgien hatten ihres dazu beigetragen, dass es oft an wirklicher Bewegung gemangelt hatte. Für alles hatten sie eine Ausrede und dann das Wetter erst im Dezember… Maggie war ja ohnehin dafür bekannt, dass sie als aussergewöhnlich teppichorientierte Schäferhündin nicht gerade gerne spazieren gegangen war. Doch sie alle waren irgendwie so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen…

Vielleicht waren es nur die weihnachtlichen Einflüsse gewesen oder vielmehr, dass sie das Leben nach Henrys Tod zu sehr zelebrieren wollten, um sich selbst zu beweisen, dass sie noch alle lebendig waren. Dass sie nicht bereit waren, sich dem Tod zu stellen. Vielleicht hatten sie unterschätzt, dass der Tod auf sie alle wartete, vielleicht schon hinter der nächsten Ecke und der Sensenmann möglicherweise schon die Hand gehoben hatte, um an die nächste Tür zu klopfen. Lag dieses Leben wirklich in ihrer eigenen Hand? Konnte man sowas wie den Tod wegfeiern? Gilberte wurde schwer ums Herz. Maggie war an Silvester komplett durchgedreht bei der Ballerei in der Nacht ins neue Jahr. Sie alle hatten das noch als normal abgetan, weil Maggie, wie jeder andere Hund auch, Feuerwerk nicht mochte. Das war nichts Neues bei ihr. Doch als die Bewohner des Hauses am Neujahrsmorgen dann in die Küche gekommen waren, hatte Maggie leblos am Boden gelegen. Und nachdem auch der Tierarzt nur noch den Tod hatte feststellen können, war schliesslich Milly zusammengebrochen. Ihre geliebte Hündin, ihre langjährige Freundin und Weggefährtin über viele Lebensphasen war plötzlich über die Regenbogenbrücke gewandert, einfach so, ohne Ankündigung.

Natürlich, die Hundedame war schon alt und für einen Schäferhund… Trotzdem, Maggie und Milly waren seit vielen Jahren eine Einheit. Undenkbar, die Beiden zu trennen. Ausserdem war ihr Maggie ein ehrlicheres „Kind“ gewesen als der eigene Sohn. Milly hatte Maggie geliebt wie ein Menschenkind. Niemand hatte wirklich daran gedacht, dass Maggie überhaupt irgendwann je sterben würde. Alle hatten sie das erfolgreich ausgeblendet. Maggie war doch immer da gewesen. Wie kleine Kinder hatten sie geglaubt, dass Maggie für immer da sein würde.

Wenige Stunden später lag Milly auf der Intensivstation im Krankenhaus im Rorschacherberg und kämpfte um ihr eigenes Leben. Von einem Tag auf den anderen hatten sie das Proseccoglas durch lebenserhaltende, piepsende Maschinen ersetzt. Diego war so lieb gewesen und hatte Maggie einäschern lassen, damit Milly sich später von ihr verabschieden konnte. Oder vielmehr von dem, was übriggeblieben war von der Vierbeinerin.

Gigi hielt inne… Dass Milly mit ihrem Hund eine so tiefe Verbindung hatte, war selbst Gilberte unheimlich gewesen. Es war gerade so, als hätte Maggie mit ihrem Tod auch Millys Leben mitgenommen. Mit einer solch heftigen Reaktion wie Millys Zusammenbruch hatte niemand gerechnet. Würde Milly lieber Maggie folgen als hier bei ihnen bleiben? Hatten sie das Recht dazu, sie dann hierzubehalten? War nicht ihr Zusammenbruch schon ein klares Indiz, dass Milly zu Maggie gehen wollte und vielleicht auch zu Henry? Vielleicht waren beide Todesfälle einfach zu viel gewesen, als das Milly wirklich hätte weitermachen wollen.

Gilberte drückte die Hand von Milly und fing an, sich an ihre Freundin zu wenden: „Milly.“ Sie flüsterte sanft und sah sie an: „Milly, meine Freundin. Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Ich hab schon so oft mit dir gesprochen. Es tut mir so leid, dass ich nicht besser auf Maggie achtgegeben habe und auf dich.“ Gilbertes Augen füllten sich mit Tränen: „Milly, ich bitte dich. Du kannst mich nicht auch noch verlassen. Es reicht doch, wenn Henry schon da oben ist. Du musst ihr nicht alles nachmachen. Henry wird auf Maggie aufpassen. Versprochen.“ Sie wischte sich mit der anderen Hand die Tränen aus dem Gesicht: „Ich weiss, das ist selbstsüchtig, verzeih. Aber Maggie hat es gut, da wo sie ist. Und Henry wird auf sie aufpassen, ganz bestimmt.“ Dann räusperte sie sich: „Verdammt.“ Schliesslich wandte sie sich wieder Milly zu: „Sorry, ich bin eine egoistische Kuh. Aber ich brauch dich hier. Milly, hörst du. Ich brauche dich hier. Maggie wird bei Henry gut aufgehoben sein. Menno…. Milly, was soll ich hier denn ohne dich…?“ Dann liess Gilberte ihren Kopf auf die weisse Decke sinken und fing an hemmungslos zu schluchzen. Gilberte hoffte auf irgendetwas, eine Stimme, einen Windstoss, ein Wunder, irgendetwas. Irgendein Zeichen. Schliesslich sah sie sich im Raum um: „Henry, bist du hier? Ich weiss, dass du mit mir sprechen kannst. Verdammt, melde dich…“ Gilberte wirkte geradezu verzweifelt, doch nichts regte sich. „Herrgott du alte Kuh. ich brauche dich. Ich will dir Milly noch nicht geben. Ich kann das hier nicht alleine“, schniefte sie.

Lange blieb sie so sitzen und schärfte ihren Blick für den Raum. Alles versuchte sie zu inspizieren und vermutete hinter jedem Bisschen ein mögliches Zeichen. Doch nichts passierte. Gilberte schüttelte resigniert den Kopf.

Wenig später klopfte es an die Türe. Gilberte hatte keine Lust, egal, wer da vor der Türe stand. „Tante Gigi?“, hörte sie schliesslich Frederike im Türrahmen. „Wenn du reinkommen willst, gibt es eine Regel. Hier drin wird nicht negativ gesprochen“, drehte sich Gilberte um. Frederike schlüpfte durch den Türrahmen und kam langsam herein: „Ok.“ Sie nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben das Bett. Während einer gefühlten Ewigkeit sprachen sie kein Wort und dann nahm Frederike die Hand ihrer Grosstante:

„Gigi, es tut mir leid.“

Gilberte sah sie von der Seite an.

„Ich hab dich nicht ernst genommen“, sagte die junge Frau: „Verzeih. Du kennst sie am besten.“

Gilberte holte tief Luft und fing dann an: „Ich mache mir Vorwürfe wegen Maggie.“

Frederike lächelte milde: „Gigi… Maggie hatte ein gutes Leben und ein Schäferhund in diesem Alter…. Sie ist sehr alt geworden für ihre Vorgeschichte und sie hatte ein gutes Frauchen und die tollsten Tanten, die sich ein Hund wünschen kann. Maggie wäre ohnehin in absehbarer Zeit über die Regenbogenbrücke gegangen. Und vielleicht hat sie das ganz bewusst dann gemacht, als wir mit Feiern beschäftigt waren, um es uns leichter zu machen.“

Gilberte sah ihre Grossnichte an: „Du bist manchmal ganz schön klug, weisst du das?“

Freddy lächelte: „Hab ich von dir gelernt.“

Gilberte drückte die Hand von Frederike und sah sie liebevoll an: „Danke.“

Frederike lächelte zurück und meinte: „Aber du hast selbst gesagt, wir dürfen nicht negativ sprechen. Also…. Hast du schon mit Henry gesprochen?“

Gilberte nickte: „Ja, aber sie antwortet nicht. Auch Milly kann ich irgendwie nicht erreichen. Es ist zum Verrücktwerden. Deswegen habe ich das Gefühl, dass sie möglicherweise doch sterben möchte. Vielleicht muss ich sie einfach gehen lassen.“

Frederike schob ihre Unterlippe nach vorne: „Gigi, glaubst du an Gott?“

Gilberte sah sie von der Seite an: „Naja, der liebe Gott und ich, wir haben’s nicht so miteinander.“

Frederike nickte verständnisvoll: „Okay, aber vielleicht würde er es gerne noch einmal mit dir versuchen. Und der Zeitpunkt wäre ziemlich geeignet, ihn wieder in dein Leben zu bitten. Glaubst du nicht? Vielleicht möchtest du ihn um Hilfe bitten. Wer weiss, wozu der Kerl alles in der Lage ist.“

Gilberte schüttelte den Kopf: „Ich glaube nicht daran, dass Gott ausgerechnet mir helfen würde.“

„Gigi, lass mal Henry da oben wirken und bitte sie, das mit dem lieben Gott zu regeln. Wie du weisst, hat Henry eine betörende Wirkung auf Männer.

Da kann selbst der liebe Gott nicht nein sagen. Leg das in die Hände der beiden…“, bat sie Frederike.

Gigi blickte auf.

Ungläubig sah sie ihre Grossnichte an.

„Der liebe Gott“… die Worte hallten in ihr wider. Die Beziehung zu diesem Kerl war gelinde gesagt etwas eingeschlafen. Frederike hatte den eingefrorenen Blick bemerkt und wusste, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte, aber sie liess nicht nach: „Gigi, ich glaube an Gott. Auch wenn ihr eure Beziehung erst mal klären müsst. Ich bin überzeugt, dass er dir zuhören wird.“

Noch immer starrte Gilberte ihre Grossnichte an. Sie erinnerte sich daran, wie Frederike den Vergleich gebracht hatte, dass Henry alle Männer um den Finger wickelte. Das würde bei dem alten Herrn da oben nicht anders sein.

Schliesslich gab sie grinsend zu: „Henry hat wirklich alle Männer rumgekriegt. Und wenn eine den lieben Gott rumkriegt, dann bestimmt sie.“ Beide mussten unwillkürlich lachen, als sie sich das bildlich vorstellten.

Henriette in ihren Späthippiekleidern und ihrer rauchigen Stimme und der heilige Mann auf Wolke Nr. soundso mit weissem Bart.

„Ich möchte gerne in der Kirche eine Kerze anzünden, kommst du mit?“, bat Frederike Gilberte.

„Und was ist mit den Maschinen?“, fragte ihre Grosstante.

„Ich meine, wenn sie die Maschinen abstellen…“, fing sie an. „Gilberte, wir gehen jetzt in die Kirche, dann gehen wir heim und du nimmst erst mal ein Bad. Du bist seit Tagen hier, hast kaum geschlafen. Dann werden wir heute abend alle zusammen reden. Und wenn wir die Maschinen abstellen lassen, dann…“, sagte Frederike: „Dann muss Milly entscheiden, ob sie hierher zurückkehren will, ob ihr Körper wieder selber funktionieren will ohne die Geräte oder ob sie gehen möchte. Du musst ihr vertrauen. Sie weiss, was gut für sie ist. Sie ist alt genug.“ Gilberte hatte während der ganzen Zeit leise geweint und nun sah sie ihre Grossnichte mit tränenerfüllten Augen an.

„Klugscheisserin“, flüsterte sie und drückte ihren Kopf liebevoll an Freddys Schulter.

Kapitel 02 Oh Herr…

Aufgelöst sass Gilberte auf dem alten Holzstuhl in der kleinen Kapelle, wo sie eine Kerze für Milly angezündet hatten. Das grosse Bild der Mutter Maria lächelte sie an, sodass sich Gilberte zurückversetzt fühlte in ihre Kindheit. Die Streitereien ihrer Familie erinnerten sie an die vielen Male, in denen sie Gott um Hilfe gebeten und die sie nie erhalten hatte. Deswegen hatte sie sich auch von ihm abgewandt. Gigi war überzeugt davon, dass er sie vergessen hatte. Eine seltsame Stimmung ergriff sie und Gilberte faltete seit Jahrzehnten zum ersten Mal wieder die Hände zum Gebet: „Herr, ich bin hier und habe vieles falsch gemacht. Ich weiss, wir hatten nicht die beste Beziehung. Und an dieses Bild von diesem Mann mit dem Bart glaube ich ohnehin nicht. Aber wenn es dich wirklich gibt….“ Gilberte schluckte leer:

„Du hast schon Henry bei dir. Ich bitte dich. Und Maggie auch… Nimm mir Milly bitte nicht. Noch nicht. Wir sind noch nicht so weit. Ich möchte noch so viel machen. Ich möchte noch so vieles erleben…“ Gilberte schniefte: „Bitte, ich bitte dich. Nicht Milly.“ Frederike musste ihre Tränen immer wieder runterschlucken. Es tat ihr weh, ihre stolze Grosstante so zu sehen. Der Tod von Henry hatte sie arg mitgenommen, doch auf diesen Abschied hatten sie sich wenigstens ein bisschen vorbereiten können. So lange hatten sie sich alle nach einer Familie gesehnt, die sie in diesen aussergewöhnlichen Freundschaften endlich gefunden hatten. Und so war Frederike klar, dass Gilberte litt wie ein Tier, wenn diese Familie auseinanderzubrechen drohte.

Nachdem sie ihr Gebet beendet hatten, gingen sie den langen Flur aus der Kirche und als sie im Türbereich standen, fiel Gilberte ein Flyer auf, der sie geradezu anleuchtete: „Wunder geschehen, wenn du daran glaubst.“ Irritiert nahm sie den Flyer in die Hand und steckte ihn in ihren BH.

Als sie aus der Kirche heraustraten, sog Frederike die frische Luft ein und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Die Situation war hart. Es war alles ein wenig viel für Gilberte. Das Ganze ging ja auch an ihr selbst nicht spurlos vorbei. „Danke“, wandte sich Gilberte an sie. Als Frederike nickte, sagte ihre Grosstante zu ihr: „Wenn die Mutter Gottes und ihr Sohn das richten, werde ich mich eigenhändig bei ihnen bedanken. Dann werde ich einen Weg finden, mich bei ihnen angemessen zu bedanken.“ So kannte man Gilberte gar nicht, so tiefgründig, in sich gekehrt, ernst. „Angemessen?“,

wollte Frederike wissen. „Ja, irgendwie mit was weiss ich“, brach Gigi ab und setzte sofort wieder die alte Maske auf, die sie seit vielen Jahren besser trug als ihr MakeUp.

Gigi überlegte eine Weile: „Sowas wie den Jakobsweg gehen.“ „Du?“, lachte Frederike.

Doch Gigi winkte ab. „Stimmt, dazu bin ich nicht in Form, aber irgendwo an einen heiligen Ort gehen und mich dort bedanken. Irgendwie sowas.“

Gilberte schien entschlossen: „Vielleicht müssten wir Milly auch an einen solchen Ort bringen.“

Frederike sah sie fragend an: „An einen Wallfahrtsort?“ Gilberte nickte, doch dann schüttelte sie wieder den Kopf: „Wird eh nichts nützen. Vergiss es wieder.“

„Lass mal nicht so schnell den Kopf hängen“, meinte Frederike liebevoll.

Gilberte seufzte, hob ihren Blick gen Himmel.

„Ok gut, abgemacht. Im Zweifelsfall findest du mich irgendwo an einem Wallfahrtsort, irgend so ein heiliges Dingsbums im Nirgendwo“, grinste Gilberte schliesslich.

„Ich nehme dich beim Wort“, lachte Frederike zurück.

Gemeinsam machen sie sich auf den Heimweg.

Als Gilberte sich Stunden später nach einem heissen Bad aus der Badewanne erhob, trocknete sie sich ab mit dem Frottiertuch und starrte gedankenverloren auf den beschlagenen Spiegel. Während sich der Nebel des heissen Wassers langsam aus dem Zimmer verzog, erkannte Gilberte plötzlich unverhofft Henrys Gesicht im vom Dampf belegten Spiegel, wie sie hinter ihr zu stehen schien: „Hey du alte Schachtel.“ Gilberte erschrak und drehte sich um, doch da war niemand. Noch immer war der Spiegel in Dampf eingehüllt und als sich Gilberte wieder dem Spiegel zuwandte, sah sie Henry erneut hinter sich stehen und in den Spiegel grinsen. So typisch, wie sie sie in Erinnerung hatte: „Ich bin nicht besoffen. Das kann doch gar nicht sein.“

Nach einem Stich ins Herz machte sich eine vertraute Wärme breit. Henry? Das konnte doch nicht sein. Sie starrte auf das undeutliche Bild von Henry im Spiegel. „Warum denn nicht? Du glaubst doch an das ganze esoterische Zeugs, wie ich auch. Also warum sollte ich mich dir nicht zeigen. Ausserdem hast du mich selbst gerufen, um mit mir zu sprechen“, grinste Henry und betrachtete ihre alte Freundin lange. „Du siehst ziemlich scheisse aus“, erklärte Henry ihrer Freundin unverblümt und hatte die Hände vor ihrer Brust wichtig verschränkt. Sie dagegen sah aus wie das blühende Leben. So hatte Gilberte sie in Erinnerung, genau diese Frau war ihr so sehr ans Herz gewachsen und das war der Mensch, der ihr so verdammt fehlte. Ja, das war ihre Freundin Henriette. Diese grinste aus ihren knochigen Augen mit sonnengebräuntem Teint und leuchtender Ausstrahlung, ganz so wie sie sie gekannt hatte und sich daran erinnerte, wie sie zusammen um die Welt vagabundiert waren. „So willst du Milly gegenübertreten, wenn sie wieder aufwacht? Ich bitte dich, das ist doch nicht dein Stil. Die erschreckt sich ja zu Tode“, grinste Henry und lachte heiser mit ihrer Stimme, die sie jahrzehntelang mit Zigaretten „gefüttert“ hatte und die so unverkennbar Henrys Art untermalt hatte. „Also so kannst du auf jeden Fall nicht zur Party“, ergänzte sie und beobachtete Gilberte von unten bis oben. „Was für eine Party?“, wollte Gilberte irritiert wissen. Sowas kam äusserst selten vor, aber sie war tatsächlich sprachlos. Sie wusste nicht, wie ihr geschah. „Na die, die du gefälligst vorbereiten wirst, wenn die andere alte Schachtel wieder nach Hause kommt.“ Dann schüttelte Henry genervt den Kopf: „Mann, dieses ewige Geheule. Schon als ich den Löffel abgegeben habe. Hört doch endlich auf zu flennen. Ihr müsst mehr feiern. Und wieder mehr saufen. Mehr leben, Gigi, mehr leben. Das ist ja nicht zum Aushalten. Ihr seid ja vielleicht Memmen.“ Gilberte seufzte und wollte etwas entgegnen, doch Henry hob die Hand: „Jetzt hör mir mal zu. Ich bin gestorben, nicht ihr. Ist zwar ganz witzig hier, aber keine Zigaretten, nichts zu saufen und keine heissen Kerle. Gilberte, das kannst du alles noch geniessen auf der Erde, also hör auf zu weinen. Hör auf, Trübsal zu blasen. Milly braucht nicht deine Tränen. Sie braucht deine Lebensenergie. Herrgott, gib dir selbst einen Tritt in deinen fetten Arsch und dann feiere das Leben. Sie muss eure Energie spüren, damit sie einen Grund hat, ins Leben zurückzukehren. Die pure Lust am Leben. In diese Heulsusenorgie will ja keiner freiwillig zurück. Gilberte, was ist nur mit dir los?“ Noch bevor, Gilberte begreifen konnte, was hier geschah, und noch bevor sie etwas erwidern konnte, verzog sich der Dampf langsam im Badezimmer und mit ihm das Gesicht von Henry. So als würde sich Pixel um Pixel an Farbe von der Spiegeloberfläche verkrümeln und auf seltsame Weise einfach im Nirgendwo verschwinden. Gilberte berührte ergriffen mit dem Zeigefinger den Spiegel, in der Hoffnung, sie könnte das Spiegelbild ihrer verstorbenen Freundin festhalten, doch sie war weg.

Traurig starrte sie einen Moment auf die Spiegelfläche.

Hatte sie sich das alles nur eingebildet? Gilberte war so überrascht worden von Henry, dass selbst sie für einmal nichts zu sagen wusste.

Für einen Moment blieb sie so stehen und bemerkte erst später, wie sehr sie fror. War das wirklich Henry gewesen oder hatte sie sich das alles nur eingebildet?

Als sie in die Küche kam, bemerkte sie die trübe Stimmung, die am Tisch herrschte. Maria und Richard hielten Händchen und machten eine Miene, als wäre Milly bereits gestorben. Frederike zwang sich zu einem Lächeln, als Gigi den Raum betrat und hielt den kleinen Henry im Arm, während der wild mit seinen Ärmchen um sich ruderte. „Wie geht es dir?“, fragte Frederike ihre Grosstante. „Ich weiss es nicht genau.“ Ihre Grossnichte sah ihr sofort an, dass irgendetwas passiert sein musste. „Warum, was ist los? Ist was im Bad geschehen? Hast du dich gestossen?“, muckte Richard auf, der natürlich glaubte, Gilberte wäre gestürzt oder hätte sich irgendwie verletzt.

„Nein, natürlich nicht. Aber…“, Gilberte setzte sich in Zeitlupe hin und griff sich einen Keks. Doch bevor sie ihn sich in den Mund steckte, hielt sie inne, begutachtete das Ding und legte es zurück. „Du hast doch ‘ne gute Beziehung zu dem da oben oder?“, fragte Gilberte ihre Grossnichte und zeigte kurz zur Decke. Frederike hob die Augenbrauen: „Ja, warum?“

Gilberte schluckte leer. Sie konnte nicht glauben, dass sie das jetzt sagte, aber in der Verzweiflung frass der Teufel bekanntlich Fliegen. „Ich möchte gerne, dass wir am Abend alle gemeinsam für Milly beten“, erklärte Gigi.

Richard fiel die Kinnlade herunter und Maria lächelte verzückt: „Was für eine schöne Idee.“ Richard und Frederike tauschten fragende Blicke aus.

Doch Gilberte winkte ab: „Ich meine, nicht so ein christliches Gedöns mit der Bitte, das alles gut wird und so…“

Frederike musste plötzlich lächeln: „Ich glaub, ich weiss schon, was du meinst.“

Gegen 21 Uhr an diesem Abend waren Maria und Richard, Frederike mit Diego und Henry jun., Felipe und einige weitere der spanischsüdamerikanischen Freunde in ihrem grossen Wohnzimmer versammelt.

Gemeinsam hatten sie Essen angeschleppt und sich nach dem Verschlingen desselbigen auf Stühle, Sofa und Simsbänkchen verzogen. Die Gerüche der südlichen Küchen hingen bleiern unter der Decke, gemütliches kreatives Chaos an Tellern, Gabeln, Messern und zerknüllten Servietten waren Zeuge von einem Beisammensein, wie es seit gut einem Monat nicht mehr stattgefunden hatte. Irgendwann erhob sich Gilberte, ging nervös auf und ab und sagte schliesslich: „Ich danke euch, dass ihr alle gekommen seid. Ich möchte, dass wir heute etwas gemeinsam ausprobieren.“ Sie positionierte sich in der Mitte des Wohnzimmers, sah sich um. Neugierig sah Diego zu ihr auf. Schon seit der ersten Begegnung hatte er diese leidenschaftliche Seniorin bewundert und folgte ihren Schritten durchs Wohnzimmer mit seinen Augen, als sie wieder anfing, hin- und herzu tigern. „Ich hatte bisher keine so gute Beziehung zu dem da oben“, erklärte Gilberte ernst und hob ihren Kopf in Richtung Himmel. „Die meisten von euch kennen sich damit besser aus“, und damit zeigte sie auf die südlichen Besucher, von denen fast alle ein Kreuz an der Kette um ihren Hals hängen hatten.

Gilberte erntete aufmerksame Blicke, während sie weitersprach: „Ich möchte, dass wir diesen Abend Milly widmen. Und zwar möchte ich, dass wir gemeinsam beten. In einer ganz besonderen Art und Weise.“ Richard nestelte an seinem Hemd herum, während Maria bereits ihre Hände zum Gebet gefaltet hatte. Im Raum war es mucksmäuschenstill geworden. Die angebrochenen Flaschen Wein zierten den Tisch in fast malerischer Szene kombiniert mit Tellern garniert mit Essensresten, dazwischen zerknüllte Servietten und angebrauchte Wasserflaschen. „Wie möchtest du denn beten?“, fragte Diego neugierig nach. Gilberte setzte sich zu ihm und ihre Stimme wurde tief und samtweich: „Ich möchte, dass wir aufzählen, was wir alles Tolles mit Milly erlebt haben. Ich möchte, dass wir uns vorstellen, was wir noch alles mit ihr erleben möchten. Richtig bildlich, so als wären die Bilder schon lebendige Wirklichkeit. Stellt euch das alles live und in Farbe vor. Ich möchte, dass wir ihre Stärken und guten Eigenschaften aufzählen.

Ich möchte, dass wir uns ausmalen, wie wir das Leben gemeinsam nochmal in Angriff nehmen, so als könnten wir alles auf Neustart setzen. Reisen, Tanzen, Feiern, Lachen, einfach alles Mögliche, was uns in den Sinn kommt. Alles, was jeder von euch gerne noch mit Milly machen möchte. Versteht ihr?“ Diego sah sie mit grossen Augen an: „Das ist eine wundervolle Idee.“ Gilberte nickte aufgeregt, sprang auf und fing wieder an, herumzutigern. „Wunder geschehen, wenn man daran glaubt“, erklärte Maria und Gilberte ergriff abermals das Wort: „Ich muss mich entscheiden, ob wir Millys Maschinen abstellen.“ Die auf sie gerichteten Augen wurden grösser, ein Raunen ging durchs Zimmer. Gilberte räusperte sich: „Und Abend ist mir Henry erschienen. Im Badezimmer…“ Wieder ging ein Raunen durch die Besucher. Frederike hob erstaunt den Kopf: „Henry?“ Ungläubig blickte sie Gilberte an und diese nickte: „Und ich weiss nun, dass wir uns auf das Leben und unsere Freundschaft konzentrieren müssen, damit Milly einen Grund hat, hierher zurückzukehren. Wenn wir Trübsal blasen und alle traurig sind, ist es so, als wäre sie bereits gestorben. Wer hat schon Grund, zu einem solchen Trauerverein zurückzukehren? Deswegen werden wir Feiern und Beten.“ Frederike stockte, sie wollte etwas sagen. Sie nahm einen tiefen Atemzug, schüttelte den Kopf und besann sie sich eines Besseren.

Und so wurden an diesem Abend neue Gebete gesprochen. Ein paar laut, ein paar leise und nur in Gedanken. Doch die Bilder waren lebendig, die diese Gebete begleiteten. Jeder einzelne von den Anwesenden berichtete von schönen Begegnungen und Gesprächen mit Milly. Sie malten sich aus, wie kommende Sommertage sein würden, wenn Milly wieder in ihrer Mitte sass und sie fingen schliesslich an, gemeinsam Musik zu machen und die Gebete zu singen und Milly auf diese Weise einzuladen, zurückzukehren. Maria fing an, zu tanzen und forderte die anderen auch dazu auf, mitzumachen. So tanzten, sangen und lachten sie, während sie sich gemeinsam die wildesten Geschichten ausmalten, was sie mit Milly noch alles anstellen wollten. Für ein paar Stunden kehrte die Leichtigkeit zurück in ihre pulsierenden Adern und sie fühlten sich lebendig, konnten die Schwere der Entscheidung verdrängen, die Gilberte am nächsten Morgen bevorstand. Sie wussten alle, dass die Entscheidung fällig war, die Geräte abzustellen. Danach half nur noch ein Wunder, dass Millys Körper wieder selber die Regie übernahm. In diesem Alter so gut wie unmöglich… Doch sie alle mussten an Wunder glauben. Gilberte wollte ums Verrecken an dieses Wunder glauben.

Kapitel 03 Der Puls des Lebens

Die Trauer holte Gilberte schliesslich doch wieder ein, als sie sich Stunden später ins Bett legte und an ihre alte Freundin im Krankenhaus dachte. Sie versuchte verzweifelt, sich zum Einschlafen zu zwingen, doch es wollte ihr nicht gelingen. Also stand sie mitten in der Nacht auf und schlich sich so leise wie möglich die Treppe hinunter. Sie staunte nicht schlecht, als sie Licht in der Küche erblickte und Richard am Tisch sitzen sah, während er ins Leere starrte.

„Richard?“, sagte sie leise und dieser hob den Kopf, sah Gilberte völlig übermüdet an.

„Ich kann nicht schlafen. Zuviel Prosecco“, erklärte er und raufte sich die Haare.

„So kann man es auch nennen,“ gab Gilberte zur Antwort.

Sie setzte sich ihm gegenüber und zog den Bademantel enger, den sie sich umgebunden hatte.

„Haben wir noch Baldrian im Haus?“, wollte sie wissen.

„Ja, das Fläschchen steht im Kühlschrank“, erklärte Richard.

Gilberte erhob sich und schlurfte zum selbigen.

Sie griff sich das kleine braune Fläschchen und setzte sich wieder zu Richard an den Tisch.

„Worüber denkst du nach?“, fragte sie ihn.

Die Runzeln an der Stirn verrieten ihr, dass er nicht nur zu viel Prosecco getrunken hatte, sondern dass ihn etwas beschäftigte.

„Nun, mir geht viel im Kopf herum. Wieviel wertvolle Zeit ich vertrödelt habe mit unwichtigen Dingen“, erwiderte er nachdenklich.

„Wie zum Beispiel?“, wollte Gigi wissen.

Mit dem Thema rannte er offene Türen bei ihr ein.

„Na, so das Übliche, wie auf die falschen Menschen setzen und zu lange an ihnen festhalten, zu viel arbeiten, Pläne nicht in die Tat umsetzen, zu wenig reisen, zu wenig geliebt zu haben, sich zu verstellen, solche Sachen“, erklärte Richard und seufzte.

Er nahm Gilberte das braune Fläschchen aus der Hand und gab ein paar Tropfen auf seinen Finger, den er schliesslich ableckte.

„Hm…“, Gigi wusste nicht, was sie sagen sollte. Bisher war sie solchen Gedanken erfolgreich aus dem Weg gegangen, doch seit ein paar Wochen beschäftigten sie ähnliche Themen. Die Worte Richards klangen in ihr an.

Hatte sie wirklich schon alles erlebt? War sie quasi schon fertig mit dem Leben? Konnte man denn überhaupt je fertig sein mit „Leben“? Was konnte man denn vom Alter noch erwarten? Was „durfte“ man im Alter noch erwarten, machen, sich erlauben? Durfte man in ihrem Alter überhaupt noch planen? Woher kamen denn plötzlich all diese seltsamen Gedankengänge?