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Die Geschichte rund um den Rosenblütenblues erzählt von Natalie und Achim, einem Paar, wie aus dem Bilderbuch unserer Zeit. Erfolgreich, strebsam, angekommen in einem Leben, das von aussen glänzt. Doch in den stillen Momenten zwischen Karriere und Komfort nagen Fragen an der Oberfläche: War das schon alles? Eines Tages trifft Natalie eine Entscheidung, die alles verändert. Heimlich kauft sie ein altes Haus am See, ohne Achim einzuweihen. Es ist der Beginn einer leisen Rebellion gegen das Funktionieren. Was folgt, sind Auseinandersetzungen und Zweifel. Doch das Haus scheint mehr zu sein als nur ein Ort. Es beginnt zu wirken. Auf sie. Auf die Herzen. Als würden seine alten Mauern Menschen anziehen, die, wie Natalie und Achim, auf der Suche sind: nach Sinn, nach Verbindung, nach einem Leben, das tiefer atmet. Fremde werden Freunde, Freunde zur Wahlfamilie. Und zwischen geheimnisvollen Rätseln und einer alten Familienlüge entfaltet sich eine Geschichte über das, was uns wirklich trägt. Rosenblütenblues ist eine liebevolle Hommage an das Miteinander. Eine Erzählung, die daran erinnert, wie sehr wir einander brauchen, oft mehr, als wir selbst glauben. Mit einem Augenzwinkern zeigt sie, wie Freundschaft und Mut, kleine Gesten und stille Hoffnung unser Leben heller machen können.
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Seitenzahl: 839
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Zweifle an der Sonne Klarheit, zweifle an der Sterne Licht
Zweifl’, ob Lügen kann die Wahrheit, nur an meiner Liebe nicht
(William Shakespeare)
Andrea Bättig alias Andi LaPatt, geboren in der malerischen Stadt St. Gallen in der Schweiz und aufgewachsen in deren idyllischer Umgebung, lebt heute auf der Schweizer Seite des Bodensees – einer Region, die durch ihre Ruhe und Schönheit immer wieder Inspiration für das kreative Schreiben liefert.
Als Mitbegründerin und Inhaberin des Drachengold Verlags hat die Autorin eine Plattform geschaffen, die nicht nur ihre eigenen Werke, sondern auch die Stimmen anderer kreativer und inspirierender Talente in die Welt trägt. Ihr Verlag ist ein Spiegel ihrer Vision: ein Ort, an dem Kunst, Spiritualität und Geschichten, die das Herz berühren, miteinander verschmelzen.
Andrea ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch eine vielseitig begabte Künstlerin. Ihre Romane und Drehbücher erkunden tiefgreifende Themen wie Geschichten aus dem Leben, Eintauchen in die Welt der Fantasy-Erlebnisse und Spiritualität. Dabei setzt sie sich mit der Frage auseinander, wie diese Facetten des Lebens zu einem kraftvollen Werkzeug für persönliches Wachstum und Heilung werden können – insbesondere für Menschen, die sich in ihrer Sensibilität oder ihrem Streben nach Authentizität oft unverstanden fühlen.
Doch Andreas Kreativität endet nicht beim Schreiben: Als Sängerin der Band „A Beautiful Mind“ verleiht sie ihren selbstgeschriebenen Songs ihre eindrucksvolle Stimme. Ihre Musik erzählt Geschichten, die genauso tiefgründig und berührend sind wie ihre literarischen Werke. Zudem textet sie für Presseberichte und unterstützt andere Bands hinter den Kulissen mit ihrem scharfen Blick für Details und ihrer künstlerischen Expertise.
www.andilapatt.com
www.andreabaettig.com
www.erfolgserlebnisse.ch
Bisher veröffentliche Romane von Andrea Bättig alias Andi LaPatt
Eine fast unanständige Frau
Seelenverwandt
Seniorentango
Lebensgeflüster
Asinja I
Die Siegel Asinjas / Darya-ye-noor
Asinja II
Die Siegel Asinjas / Im Auge des Drachen
Asinja III
Die Siegel Asinjas /die Macht der Dämonen
Hörbuch:
Manche mögens tot
Wichtiger Hinweis für die Lesbarkeit
Zur besseren Lesbarkeit ist das Buch in der meist maskulinen Form (im generellen Kontext) verfasst. Die verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich – sofern nicht anders kenntlich gemacht – auf alle Geschlechter und sind wertschätzende für alle Menschen gedacht.
Kapitel 1 «Moment mal…»
Kapitel 2 «Die Geschichte von Frau Sieber»
Kapitel 3 «Sophia»
Kapitel 4 «Schützenhilfe»
Kapitel 5 «Achims neue Liebe»
Kapitel 6 «Die Pfo(r)te zur Hölle»
Kapitel 7 «Wink des Schicksals»
Kapitel 8 «Besuch»
Kapitel 9 «Bitte zu Tisch»
Kapitel 10 «Altenrhein»
Kapitel 11 «Aufgewühlt»
Kapitel 12 «Eingemischt»
Kapitel 13 «Überrascht»
Kapitel 14 «Hingehört»
Kapitel 15 «Herzschlag»
Kapitel 16 «Neuigkeiten»
Kapitel 17 «Vorweihnachtsgespräche»
Kapitel 18 «Advent Advent – es brennt»
Kapitel 19 «Oh du verdammte verfluchte Fröhliche»
Kapitel 20 «Stille Nacht»
Kapitel 21 «Heimkehr»
Kapitel 22 «Das Geschenk»
Kapitel 24 «Pläne»
Kapitel 25 «Frohes neues Jahr»
Kapitel 26 «Jede Rose hat ihre Dornen»
Kapitel 27 «Hinter den Kulissen»
Kapitel 28 «Neue Erkenntnisse»
Kapitel 29 «Winterblues»
Kapitel 30 «Zwischenfälle»
Kapitel 31 «Nachtlichter»
Kapitel 32 «Heimkehr»
Kapitel 33 «Widrigkeiten»
Kapitel 34 «Wirrungen»
Kapitel 35 «Aus der Bahn»
Kapitel 36 «Reset»
Kapitel 37 «Prüfungen»
Kapitel 38 «Liebesbriefe»
Kapitel 39 «Besuch»
Kapitel 40 «Lippenbekenntnisse»
Kapitel 41 «Rosenblütenblues»
Kapitel 42 «Geständnisse»
Kapitel 43 «Frühlingsgefühle»
Kapitel 44 Epilog
Gewidmet dem Licht ins uns Der Kraft, die alte Dunkelheit zu durchbrechen und alle an die Hand zu nehmen, um dem Licht Raum zu geben.
Dieses Buch wurde kurz vor der grossen C-Krise im Jahr 2018 geschrieben.
«Du hast bitte was?», fragte Achim verdattert, während er mit nacktem Oberkörper in Adidas-Jogginghose in der Küche stand und sich einen italienischen Rotwein in ein überteuertes Burgunderglas eingoss. Das Geräusch des nassen Luxustropfen war Balsam in seinen Ohren. Irgendwo im Hintergrund trällerte Eminem irgendeines seiner alten Stücke in den Äther. Der Bass bumste ganz schön durch die Wohnung und das war genau Achims Ding.
«Ich hab’ ein Haus gekauft», wiederholte Natalie verlegen räuspernd und legte ihre Designertasche auf die Ablagefläche der Garderobe, während sie die Schlüssel an den dafür vorgesehenen Nagel hängte. Alles wunderbar ordentlich, so wie jeden Tag, alles an seinem Platz. Die Wohnräume des Penthouse waren offen, hell und einladend. Moderne Architektur, die Raum geben sollte und den Hauch von Luxus verströmte. Dazu die exklusiven Einrichtungsgegenstände, jeder Einzelne erlesen ausgesucht und sorgsam nach Hause getragen, ja oder vielmehr, oft auch geliefert. Achim griff sich die Fernbedienung und machte Eminem leiser.
Natalie sah Achim zu, wie er sich zu ihr umdrehte, noch immer Flasche und Weinglas in der Hand. «Wie? Gekauft?», stocherte Achim in dem Thema herum, als könnten die gesprochenen Worte ihm irgendwie helfen zu begreifen, was seine Freundin gerade gesagt hatte. Natalie war aus ihren Schuhen geschlüpft und tapste barfuss in Richtung Küche, ihr Smartphone in der Hand. «Guck, ich hab’ Fotos», erklärte sie stolz und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Den wirren Blick ihres Freundes ignorierend wischte sie mit ihrem Zeigefinger über die Oberfläche des Telefons und baute sich, so klein wie sie war, wichtig vor ihm auf. «Hier», sagte sie beinahe siegessicher und zeigte auf ein Fachwerkhaus, das man jetzt nicht unbedingt als «in einem guten Zustand» hätte bezeichnen können. Achim, der Natalie um mindestens einen Kopf überragte, starrte auf den kleinen Bildschirm hinunter und konnte ihr irgendwie nicht richtig folgen. Noch bis vor zehn Minuten war sein gut strukturiertes Leben, zugegebenermassen manchmal etwas langweilig, noch völlig in Ordnung gewesen. Er hatte einen mehr oder weniger interessanten Tag im Büro hinter sich, einen völlig desinteressierten Chef erfolgreich abgewimmelt, ansatzweise lustvoll Sport absolviert und nun hatte er sich auf einen gemütlichen Abend in der Horizontalen gefreut, mit etwas Wein und kuscheln, Fussball gucken und mit etwas Glück sogar auch noch etwas Matratzensport, wenn denn Natalie nicht ihre Tage hatte oder Kopfschmerzen. Diese ominösen Tage seiner Freundin waren, soweit sich Achim erinnerte, letzte Woche der Grund für «keinen Sex» gewesen und so sollte eigentlich kein Wetterumschlag in Sicht sein, um sich dem zu entziehen. Einzig die Sache mit den Kopfschmerzen könnte sein Vorhaben noch durchkreuzen, doch auch hier wusste Achim um Strategien, seine Freundin in Stimmung zu bringen. Seine Laune schien also berechtigt gut gewesen zu sein.
Dachte er zumindest.
Bis vor wenigen Augenblicken.
Jetzt war er sich dessen nicht mehr so sicher.
Ein Haus? Was zur Hölle wollte Natalie mit einem Haus? Drehte sie jetzt völlig durch? Sie hatten doch alles, was sie brauchten: zwei gut bezahlte Jobs, ein Penthouse mit absolut geiler und freier Sicht auf den Bodensee, eingerichtet mit teuren Designermöbeln, einen knackig vollen Weinkeller und immer teure kulinarische Delikatessen im Kühlschrank. Da waren nette Kollegen in ihrem Freundeskreis, ihre Jobs machten halbwegs Spass und sie konnten sich regelmässig Urlaube an Orten leisten, von denen andere ihr Leben lang nur träumten. Achim war angefressen von Sportarten, die viel Geld kosteten und einer Legosammlung von Star Wars, mit der er ein ganzes Zimmer füllte. Darüber hinaus war er stolzer Besitzer von rund 200 Games für seine Playstation und arbeitete an einem Schachspiel, das er selbst aus Messing fertigte. In seiner Freizeit fuhr er ein Marken-E-Bike und einen Mercedes 63 GLE Coupé AMG in schwarz, auf den er mächtig stolz war. Nicht nur, weil er schweineteuer gewesen war, sondern weil er auch noch ein teures Tuningspecial über die Karre hatte legen lassen, womit er endgültig der King unter seinen Bro’s war. Natalie konnte mit ihrem Porsche-Cabrio gut mithalten, sie war ebenso angetan von schönen Autos wie er. Sie hatte sich das kleine Schwarze aus der 911er – Reihe hart erspart und sah darin richtig sexy aus. Und er konnte ehrlicher gesagt ganz gut angeben mit seiner Freundin und deren Auto. Das passte alles so richtig in sein Beuteschema. Alles in allem ging es ihnen mehr als nur gut. Sie hatten die Autos sogar bar bezahlt, nix mit Leasing und so, wie das die meisten heute machten. Darauf war er ganz besonders stolz.
Natalie gab etwas mehr Geld aus als nötig für Markenklamotten, aber selbst Achim verstand das, hatte er doch 72 Paar der teuersten Sneakers, von denen er die meisten in einer Glasvitrine hortete wie Gollum den Schatz in «Herr der Ringe». Apropos «Herr der Ringe»: abgerundet wurde das teure Markensofa im Wohnzimmer von einer 95 Zoll – grossen Fernsehleinwand untermauert von einer ebenso teuren Dolby-Surround-Anlage, die den Klang der Natur im Fernseher noch echter röhren liess als die Natur selbst. Kinobesuche waren damit also gar nicht mehr zwingend nötig.
Beide hatten sich zum Ziel gemacht, ihr Leben angenehmer zu gestalten, als das ihrer Eltern, die immer hart hatten arbeiten müssen. Immer schön rackern für das Häuschen, für die Familie und für die Kinder, aber am Ende war dann doch nur ‘ne bescheidene Rente drin. Und wenn er an die Beiden dachte, zog es ihm den Magen zusammen. Nach der Rente waren sie wie ausgeleierte Roboter zu nichts mehr zu gebrauchen gewesen. Irgendwie ausgesogen von den Jahren voller Pflichtbewusstsein und Dauermaloche. Das wollte Achim partout vermeiden. Sie hatten nicht nur keine Geldsorgen, sondern konnten sich alles leisten inklusive regelmässigen teuren Abendessen in mächtig geilen Gourmet-Tempeln. Achim wollte alles und vor allem wollte er das Leben in vollen Zügen geniessen – mit viel PS und ein paar Extras. Er visierte die Überholspur an, nicht nur mit dem Benz.
Achim sah in Natalies leuchtende Augen. Zwar hörte er, dass Worte aus ihr heraussprudelten, doch er war gar nicht mehr wirklich aufnahmefähig. Da fielen Worte wie: «Job hinschmeissen, Superangebot, die alte Frau, Schicksal…» und «Es gibt keine Zufälle, das muss ein Wink vom Schicksal sein», bis hin zu «So teuer war es gar nicht, gemeinsam werden wir das schaffen...»
Bei den letzten Worten horchte Achim auf: «Halt halt halt.» Er hob die Hand. «Wir?», fragte er ungläubig, während er die Augen verdrehte. «Wir?», wiederholte er etwas lauter. Natalie nickte und zwar nicht nur mit dem Kopf. Ihr ganzer Körper nickte ihm ein schreiendes «Ja» entgegen. «Klar, wir, wer denn sonst?» Natalie sah ihn an, als hätte sie im Lotto gewonnen. «Wer - wir?», wollte Achim nochmals begriffsstutzig wissen, während er sich nicht an alles erinnern konnte, was Natalie davor gesagt hatte. Verflucht. Hätte er doch nur besser zugehört. Wenn Natalie so schnell redete, hatte er keine Chance, ihr zu folgen. Also stellte er ohnehin meist auf Durchzug, bis die Plapperarie vorüber war. Bisher hatte diese Strategie ganz gut funktioniert. Jetzt wäre er dankbar gewesen, wenn er wenigstens ansatzweise zugehört hätte. Zudem wackelte der Busen von Natalie so, wenn sie redete. Wie soll «Mann» sich da auf Worte konzentrieren. Und mit dem Fokus auf den heutigen Abend hatte er ganz andere Dinge im Kopf gehabt oder auch woanders. Doch noch bevor Natalie wieder starten konnte, ihn mit Worten zu bombardieren, hob er die Hand: «Langsam. Lass uns erstmal das Essen auf den Tisch bringen. Dann erklärst du mir bitte nochmal in meinem Tempo, was genau passiert ist.» Achim hoffte, damit Zeit zu gewinnen und nochmals im Detail zu erfahren, was er verpasst hatte.
Beinahe schon artig blieb Natalie stumm, half ihrem Freund mit dem Essen und setzte sich an den Tisch, während Achim ihr das Weinglas füllte und rüberreichte. Nach den ersten Bissen legte er die Gabel auf den Tisch: «Jetzt bitte nochmal für mich, damit auch ich es verstehe.» Natalie betrachtete die gebackene Kartoffel auf ihrer Gabel: «Das wird genial. Sowas wie das hier haben wir dann aus eigenem Garten.» Achim hob beide Augenbrauen: «Was für ein Garten?» Natalie grinste: «Na, aus unserem. Hinter dem grossen Nebenhaus steht ein riesiger Garten. Zugegeben, er ist noch ein wenig verwildert, aber das kriegen wir schon hin. Ich meine, wozu gibt es Google und so. Ich kann mich ja noch in der Buchhandlung in Kreuzlingen erkundigen.» Natalie hob ihren Kopf, überlegte: «Wobei…», sinnierte sie. «Die in Konstanz ist grösser, vielleicht finde ich da was zum Thema Selbstversorger.» Achim schloss für eine Sekunde die Augen – jetzt nur nicht aufregen, nur nichts Falsches sagen: «Selbstversorger? Ich dachte, du hast ein Haus gekauft.» Er schüttelte kurz den Kopf, um sicher zu gehen, dass er im Hier und Jetzt war, nicht, dass er noch irgendwie halbwegs im Bett lag und das alles hier nur träumte.
Leider musste er binnen weniger Sekunden feststellen, dass dem nicht so war: «Natürlich, das Haus war früher mal eine Pension, also sowas wie ein kleines Hotel und es gibt zwei Einliegerwohnungen für die Eigentümer und eine Mietpartei, dazu noch das Nebenhaus und natürlich den Garten.» Achim blinzelte, sah seine Freundin völlig irritiert an: «Nebenhaus? Garten? Hotel? Was für eine Wohnung?» Natalie gluckste: «Du bist süss, aber das kommt davon, wenn man nicht richtig zuhört. Ach Kimmy, es wird herrlich.» Einmal mehr war sich Achim (liebevoll Kimmy genannt von Natalie, besonders dann, wenn sie etwas von ihm wollte) im Klaren darüber, dass Natalie ihm gegenüber einen nicht unerheblichen Wissensvorsprung hatte. Doch langsam taten sich erste, erschreckende Bilder vor den Augen Achims auf, als er sich an die Pic’s erinnerte, die er kurz zuvor auf dem Smartphone von Natalie überflogen hatte. Leichte Panik machte sich in Achim breit.
«Kann ich die Bilder bitte nochmal sehen?», fragte er langsam und Natalie deutete das fälschlicherweise als Interesse. Also zückte sie beherzt ihr Smartphone und reichte es Achim, der sich die Bilder noch einmal reinzog. Ein altes Fachwerkhaus, irgendwelche alten Gebäude rundherum, ein verwilderter Garten, ein Ding, das man mit etwas gutem Willen als Parkplatz hätte bezeichnen können und haufenweise verdunkelte Pic’s eines Innenlebens von Oma Klopfensteins uraltem Schuppen, der weit entfernt als «bewohnbar» durchging. Grauenvoll. Einfach nur grauenvoll. Die Bilder erinnerten ihn an Fotoalben aus der alten Heimat, die verstaubt vergilbte Fotos der Nachkriegszeit dokumentierten. Der blanke Horror für ihn.
Achim legte das Handy weg. «Du hast dieses Ding da gekauft?» Beinahe schon theatralisch machte er eine Pause. «Ernsthaft jetzt?» Wieder stockte er. «Freiwillig?» Natalie senkte ihren Blick, nachdem sie die vorwurfsvolle Haltung von Achim endlich richtig gedeutet hatte. «Natalie, der Schuppen steht möglicherweise unter Denkmalschutz, hast du eine Ahnung, wie teuer das wird, das alte Teil überhaupt anzufassen? Geschweige denn, ob es wirklich renovierbar ist unter solchen Umständen?» Natalie schüttelte betreten ihren Kopf. «Und der Rest? Was soll das da? Das ist doch kein Haus und das hier? Das ist eine Müllhalde, das ist doch kein Garten. Nati. Das ist eine Frechheit, das ist keine Pension, geschweige denn ein Platz zum Leben», schleuderte ihr Achim wütend entgegen. «Eigentlich hätten die dich bezahlen müssen, dass du diesen Schrotthaufen überhaupt übernimmst.» Wütend stampfte er im Raum umher. Nicht zu fassen, was sich seine Freundin da hatte andrehen lassen.
Natalie biss sich auf die Lippen und schwieg. «Natalie, wieviel hast du für diese alte Hütte bezahlt? Ich hoffe nur, nicht all zu viel.» Natalie’s Kehle hatte sich zugeschnürt, sie hatte einen trockenen Hals und brachte kein Wort heraus. Denkmalschutz? Davon hatte sie keine Ahnung. Aber sie war sich bewusst, dass das Ärger mit sich bringen würde. «Frau Sieber hat mir gesagt, dass es ihr ganzes Herzblut war», flüsterte sie leise, immer noch auf den Tisch starrend. «Wieviel», forderte Achim eisern. «Ich meine, es war ihre Existenz. Du solltest sie kennenlernen. Sie ist so süss. Sie wird uns helfen mit dem Garten und so….», wisperte Natalie vor sich hin. «Wieviel», unterbrach sie Achim erneut unfreundlich. Natalie sah ihn an, Tränen glitzerten in den Augenwinkeln: «Sechshundertfünzigtausend», gab sie leise zu. Achim schnappte nach Luft. Dann stand er auf, fingerte an der Balkontüre und trat ins Freie. Jetzt brauchte er frische Luft, er musste sich beruhigen, sonst würde er Natalie den Hals umdrehen, jetzt und hier und auf der Stelle. «Beruhige dich Alter, beruhige dich. Einfach durchatmen. Das soll bekanntlich helfen», grummelte er in sich hinein. «Wie geht der Scheiss nochmal? Einatmen, auf vier zählen, durchatmen, Alter, durchatmen.» Dass er ohne Shirt draussen stand und das mitten im Oktober, das war ihm gar nicht bewusst und vor allem war ihm das gerade scheissegal. Kimmylein schäumte vor Wut.
Natalie erschien im Türrahmen, sie sah ihn verstört an. «Kimmy, wir schaffen das. Ich weiss das.» Langsam trat sie auf ihn zu, doch er winkte ab: «Nati, du kannst nicht einfach ohne Absprache mit mir ein solches Teil kaufen. Womit hast du das überhaupt bezahlt?» Natalie holte tief Luft: «Ich hab meine Altersvorsorge aufgelöst und das Erbe von Mum als Anzahlung genommen.» Achim wurde schwindlig. Wie konnte man nur so leichtgläubig und naiv sein? Besser, er sagte nichts darauf. Er konnte auch gar nichts sagen, er erstickte beinahe an Nati’s Worten. «War das nicht gut?», fragte Natalie unsicher nach, doch Achim gab keine Antwort. Er nahm sie ohne ein Wort in den Arm. Das war wohl die beste Strategie im Moment, ohne sie direkt umzubringen. Achim musste nachdenken. Natalie hatte es geschafft, in einer halben Stunde sein gesamtes Leben über den Haufen zu werfen. Verfluchte Scheisse.
Lange standen sie so da, sagten nichts, während Achim verzweifelt versuchte, seine Fassung wiederzufinden und Natalie am Leben zu lassen. Diese hingegen war unsicher geworden, hatte mit einem Mal Angst bekommen, alles falsch gemacht zu haben. Dabei hatten sie doch noch vor wenigen Wochen darüber gesprochen. Genau darüber.
Irgendwann löste sich Natalie aus seiner Umarmung. «Aber du hast doch selbst gesagt, wie sinnlos das alles ist, was wir tun.» Achim betrachtete sie im Dunkeln. «Bitte?», erkundigte er sich sichtlich verwirrt. «Erinnerst du dich an den Fernsehabend von vor zwei Wochen? Wir haben alle Star Wars Filme nochmals geguckt.» Achim hob den Kopf in die Luft. Klar, an Star Wars konnte er sich immer erinnern. Aber worüber zur Hölle hatten sie geredet? «Man redet auch nicht, wenn Star Wars läuft», erklärte Achim sachlich. Das musste doch selbst ihr klar sein. Star Wars war heilig. «Wir haben aber miteinander gesprochen und du hast mir beigepflichtet, dass ich recht habe», beharrte Natalie auf ihrem Standpunkt. «Nati, du solltest mich doch auch schon ein wenig kennen. Wenn Star Wars läuft, würde ich mein eigenes Todesurteil unterschreiben. Da bin ich einfach nicht aufnahmefähig.»
Die Nacht heute war klar und kalt. Achim fröstelte langsam draussen. Natalie schüttelte den Kopf: «Aber du selbst hast gesagt, wie sinn- und inhaltslos deine Arbeit geworden ist. Das war in einer Pause. Da lief kein Star Wars.»
Pause also. Achim dachte krampfhaft nach, aber es wollte ihm nichts dazu einfallen. «Star Wars Abend, Star Wars Abend, Sinnlosigkeit, Job», rekapitulierte er, aber ohne Erfolg. «Das war, nachdem du noch den Malbec aufgemacht hast und die Nachos auf den Tisch brachtest», half ihm Natalie auf die Sprünge. Vor seinem inneren Auge sah er Filmausschnitte von Darth Vader und duftende Nachos auf dem Tisch. Doch… in der Tat… da war was gewesen. Achim dämmerte es so langsam. Klar, sie hatten über Achims Leidenschaft nachgedacht. Er kochte für sein Leben gern. Ob er das wirklich gut konnte, stand auf einem anderen Blatt Papier. An dem Abend hatten sie darüber sinniert, wie ihr Leben aussehen würde, wenn sie ihre wahre Berufung finden und diese auch wirklich leben könnten. Die Bilder und Gesprächsfetzen drängten sich peu à peu zurück in Achims Erinnerung. Da war es um Sinnhaftigkeit gegangen und dass er sich darüber ärgerte, wie dumm die Prozesse am Arbeitsplatz abliefen. Da war es um Studien gegangen, die gezeigt hatten, wie sehr Stress dumm machte. Wie sehr sie der Leistungsgesellschaft hinterherliefen und vorbei am Sinn des Lebens. Natalie hatte ihn genervt mit youtube-Videos über den Sinn des Lebens und dass nur die Berufung dem ganzen einen Sinn geben könnte.
Er erinnerte sich daran, dass sie leidenschaftlich darüber gesprochen hatten, dass all die schönen Zitate auf der Facebook-Chronik eigentlich auch dazu da waren, alles dafür zu tun, sie in die Realität umzusetzen. Eben nicht nur labern, sondern auch leben.
Hatte Natalie das alles dermassen ernst genommen? «Weisst du noch, da war es darum gegangen, dass du dich von deiner Passion wecken lassen wolltest und nicht von deinem Wecker? Du selbst hast mir gesagt, wir müssten ein Leben kreieren, von dem wir keine Ferien mehr bräuchten», brachte sich Natalie beherzt ein. Ja, irgendwie konnte er sich an diesen Quatsch erinnern, den er damals von sich gegeben hatte. Aber er hatte das doch nicht so gemeint. Die Idee war schön und gut, aber…
«Ich sprach da eher von einem Lottogewinn und wie angenehm wir uns das Leben damit machen würden», seufzte er. Ausserdem erinnerte sich Achim, dass er ziemlich viel gesoffen hatte an dem Abend. Das war keine sehr standhafte Diskussionsbasis, so auf Promille gebaut.
Doch Natalie gab nicht auf: «Nein, das stimmt nicht. Du hast mit leuchtenden Augen erklärt, dass du für dein Leben gerne für Gäste kochen würdest. Dass du alles dafür geben würdest, endlich deine Berufung finden und leben zu können.» Natalie sah ihn beinahe schon flehend an. «Ich kann noch nicht mal vernünftig für uns beide kochen», seufzte Achim resigniert. «Das macht doch nichts. Man kann alles lernen. Und es geht um die Berufung, um den wahren Grund deiner Existenz,» holte Natalie leidenschaftlich aus. «Und dann kaufst du einen alten Schuppen und verprasst all dein Geld? Wo soll da bitte schön der Zusammenhang sein?», wunderte sich Achim und schüttelte genervt den Kopf. Wie konnte man so naiv sein? Natalie schnalzte mit der Zunge: «Aber das liegt doch auf Hand» Doch Achim schüttelte den Kopf: «Auf meiner noch nicht.» Natalie schmunzelte. «Schau, wenn wir jetzt beide den Job aufgeben, du die Altersvorsorge und dein Erspartes nimmst…», wuselte sie begeistert herum, doch Achim unterbrach sie unsanft: «Woah woah woah, halt halt halt. Bitte was?» Natalie stockte einen Moment, während Achim sie schockiert ansah. «Ich soll meine Knete auch noch auf den Kopf hauen? Damit wir später dann sicher nicht im Altersheim landen, sondern direkt auf der Strasse oder unter einer Brücke?», fauchte Achim sie unfreundlicher an als gewollt. «So hör mir doch erst mal zu», wollte sie weiterreden, doch er hob erneut die Hand. «Natalie, was ist los mit dir? Du kannst nicht einfach derart grosse Schritte alleine entscheiden. Wir wollten zusammen alt werden. Möglichst ohne Sozialhilfeunterstützung. Und was ist mit unseren restlichen Plänen?»
Natalie stürzte sich wieder in die Arme von Achim und blickte ihn von unten mit riesigen, flehenden Augen an: «Eben, gerade deswegen. Ich will Leidenschaft pur. Ich will diese Pension umbauen, ich will sie eröffnen. Ich will selbstgemachte Lebensmittel, eine kleine Küche. Für dich. Ich will selbstgemachte Konfitüre, kleine Likörfläschchen, du am Herd, Haute Cuisine ohne Sterne. Sie sollen Schlange stehen draussen. Guck, der Quereinsteiger zeigt es allen. Auch ohne Sterne leuchtet ein Haute Cuisine Koch am Himmel. Ich will, dass wir Hand in Hand arbeiten und unsere Welt mit Sinn und Sinnhaftigkeit füllen, dass wir aus unserer Leidenschaft unsere eigene Existenz erschaffen und mit viel Hingabe unser Geld verdienen. Raus aus dem Hamsterrad.»
Achim hörte aufmerksam zu. Dieses Mal hörte er wirklich mit offenem Ohr zu. Langsam begriff er, was Natalie damals gemeint hatte mit dieser Diskussion. Zugegeben, das klang schon alles ziemlich interessant. Er sah sich in der Küche stehen, draussen ein volles kleines Restaurant und lauter lachende Gesichter seiner wenigen aber begeisterten Mitarbeiter, die alle zu ihm aufsahen. Er sah natürlich verdammt gut aus in seiner Kochschürze und war der Platzhirsch schlechthin hinter den Pfannen. Achim schüttelte den Kopf und verwarf die irren Gedanken, die sich da in seinem Hirn zusammenbrauten. Er und Spitzenkoch, das war dann doch etwas weit hergeholt. «Aber Nati», fing er an, doch dieses Mal war sie es, die ihn unterbrach. «Ich habe das Konzept, alles. Ich habe einen Business Plan, eine Cash Flow Rechnung, ich habe alles genau berechnet inkl. Agenda und Aktionsplan. Ich zeig’s dir.»
Stunden später sassen sie am grossen Eichentisch in der Küche. Achim liess sich alles von Natalie im Detail erklären. Er liess die gesamte verdammte endlos scheinende Präsentation über sich ergehen mit allen Einzelheiten über Gäste am Bodensee, Hotelwissen, Gartenweisheiten und Marketingstrategien in der Gastrobranche sowie Buchempfehlungen und Tutorials von selbst ernannten Selbstversorgern. Seine Freundin schmierte ihm die Cash Flow Rechnung um die Ohren und der Business Plan war ebenfalls bis weit in die Nacht in Achims Blickfeld, während er todmüde versuchte, sich auf Natalies Projekt zu konzentrieren und nicht auf der Stelle einzuschlafen. Aus ihrem Mund sprudelten Leidenschaft und Lebendigkeit, als würde jedes Wort zu einer Art Melodie aufsteigen. Lange hatte er sie so nicht mehr erlebt. So viel Lebendigkeit und dieses Lächeln erst… Mit jedem Mal, mit dem sie ihn anstrahlte, verliebte er sich neu in sie und in das Feuer, das sie versprühte. Natürlich, sie hatte schon eine Ahnung von dem ganzen Administrationszeugs, aber war das alles wirklich so einfach? War ein solches Projekt denn überhaupt berechenbar? Natalie war Marketing Profi, sie musste mit Sicherheit wissen, wie man solche Projekte vermarktete, aber hatte sie eine echte Ahnung von Umbau, Geschäftsführung und vom Leiten eines Gastrobetriebs? Und hatte er das Zeugs dazu, wirklich für Gäste zu kochen? Von Haute Cuisine war er derzeit so weit entfernt wie die Schweiz vom EU-Beitritt. Und vor allem, wollte er das alles? Noch vor wenigen Stunden war sein Plan gewesen, weiterhin als Angestellter aufzusteigen und sich nicht zu überarbeiten. Das machte zwar wenig Sinn, dafür war der verfluchte Scheiss ziemlich berechenbar und verdammt gut bezahlt. Vor allem gab es Feierabend noch vor 17 Uhr und dazu herrlich bezahlte Ferien. Was Natalie hier ausbreitete, sah nach schmutzigen Händen und sehr viel Arbeit aus, nach leeren Geldtaschen und wenig Freizeit. Und es roch nach Unsicherheit und die mochte Achim nicht.
Sie sassen bis tief in die Nacht und brüteten über den Dokumenten. Natalie war kaum zu bändigen und Achim mit jeder halben Stunde mehr im Traumland als im Hier und Jetzt. Als sie schliesslich nach Zähneputzen und Katzenwäsche im Bett lagen, fielen Achim beinahe die Augen zu. Er war fix und fertig. Soviel unfreiwillige Information am Abend war etwas viel für seine Synapsen. «Wo liegt das Haus denn überhaupt?», wollte er gähnend wissen, aber als Natalie den Ort nannte, war er bereits im Land der Träume angekommen und fleissig am Schaufeln, Holzzusammenhämmern und -schrauben, während Natalie beruhigt einschlief und hoffte, dass Achim sich für das Projekt noch richtig begeistern würde. Achims Traumland mutierte irgendwann zu einem Horroszenario, in dem er die Legosammlung auf dem Dachboden eines modernden alten Schuppens verschwinden sah und sein geliebten Flachbildschirm nicht mehr in den Selbstversorgerhaushalt passt.
Die nächsten Tage waren gefärbt von der Diskussion, wie es weitergehen sollte mit dem Anwesen. Es war Natalie also ernst und Achim musste feststellen, dass das alles kein böser Traum gewesen war, sondern der bittere Ernst seiner Lebensgefährtin.
Achim überlegte, wie er wieder aus dieser Nummer rauskam.
Natalie plapperte Achim ein Ohr ab. Sie wollte ihren Job kündigen, was er wiederum nicht für besonders sinnvoll hielt. «Es muss möglich sein, dass wir das vorläufig nebenberuflich machen.» Doch davon wollte Natalie nichts wissen. Entweder ganz oder gar nicht, war ihre Devise, doch Achim war der Meinung, dass wenigstens die Umbauphase nebenher gehen musste, schliesslich brachte die Idee einer Pension am See erst recht noch kein Geld ein. Er sah bald ein, dass Gegenwehr zwecklos war und er hoffte, mit solchen Strategien an Natalie’s Vernunft zu appellieren.
Diese liess sich schliesslich breitschlagen auf die Variante «Nebenher» und willigte ein. Soweit der Plan von Achim. Dieser wollte am darauffolgenden Wochenende das Anwesen begutachten und herausfinden, wie gross der Umbaubedarf war und damit der Schaden, wie er es nannte. Dabei hegte Achim noch immer die Hoffnung, dass alles nur ein böser Traum war oder, noch besser, er Natalie von ihrem Vorhaben abbringen konnte.
Natalie wollte Frau Sieber zur Besichtigung mitnehmen, wer auch immer diese Frau Sieber war. Achim konnte sich entsinnen, dass sie mit dem Haus was zu tun haben musste, aber so genau wusste er nicht mehr, worum es gegangen war. Also kam der Tag näher, an dem sie das Anwesen besuchen wollten und Achim musste feststellen, dass er einmal mehr nur Halbwahrheiten kannte. Achim besass ganz viele Stärken, zuhören gehörte definitiv nicht dazu.
Für Achim dauerte die Anfahrt viel zu lange. Klar, vielleicht lag es auch daran, dass er nicht selbst hinter dem Steuer sass. «Wo fahren wir denn eigentlich hin?», fragte er ungeduldig, als er neben Natalie im Benz seine Füsse streckte. Achim war nicht scharf auf die Beifahrerrolle, insbesondere nicht in seinem geliebten Benz. Doch Natalie wollte ihn überraschen, was Achim generell nicht so geil fand. Er plante ganz gerne und wusste, was ihn erwartete.
Natalie strahlte, sie strahlte wie der Sonnenschein im Hochsommer. Sie überstrahlte alles in dem Wagen und Achim behielt sie seitlich im Blickfeld. Und damit wickelte sie ihn um den Finger.
Jedes Mal. Doch so…. hatte er sie je so strahlen sehen?
Sie blieb ihm die Antwort schuldig, sie war in Gedanken versunken. All die vielen Dinge, die sie gelesen hatte über den Garten mussten in sämtlichen Gehirnregionen irgendwie verarbeitet werden. Tausend Sachen wollten noch erledigt werden, bevor der erste Schnee fiel.
Im Oktober war sie beinahe schon zu spät, wenn sie jetzt was vorbereiten wollte für die Ernte im nächsten Jahr.
Wie sollte sie das mit dem Gemüse nur alles anstellen?
Und vor allem, was wollte sie denn eigentlich alles anpflanzen?
Ob das aufging mit dem Hypothekarzins, wenn sie die ersten Gäste erst nächstes Jahr beherbergen konnten?
Und die Rosen?
Ach ja, die Rosen sollten umgepflanzt werden, weg vom Topf auf dem Balkon – sie sollten in freier Natur wachsen können.
Aber dafür war es definitiv zu spät dieses Jahr.
Oder doch nicht?
Sie hatte gelesen, dass Zucchetti sich übertrieben vermehren würden.
Ob sie nur zwei Sorten davon anpflanzen sollte?
Hatte sie denn genügend Geld, um nachhaltig angebautes Holz zu verwenden für den Umbau?
Das war wichtig für die Wohnqualität nachher und ausserdem war es ein Marketingmagnet.
Tausend Gedanken stürmten wirr durch ihren Kopf, sie strotzte vor Tatendrang.
Wo sollte sie nur anfangen?
Sie konnte es kaum erwarten.
Wie sollte sie das nur machen mit dem Job und dem neuen Projekt?
Die Weggabelung holte sie zurück ins Hier und Jetzt. Natalie erinnerte sich nur noch schwach an den Schleichweg, der als Abkürzung dienen sollte. Wo war nur die vermaledeite Kreuzung, bei der sie abbiegen sollte? Herrje, sie hatte keine Ahnung mehr. Sie verkrampfte sich auf dem Fahrersitz und umklammerte das Steuerrad, als ob sie nie wieder vorhatte, es loszulassen. Dabei kniff sie die Augen zusammen und stierte auf die Strasse.
«Wo bitte schön fährst du denn hin mit mir?», erschreckte Achim sie.
«Jetzt wart doch», erwiderte sie gedankenverloren und winkte mit der rechten Hand in die Luft.
Den Kreisverkehr, den kannte sie doch.
War sie denn schon in Staad?
Nein, das war doch noch Rorschacherberg, oder doch nicht?
Herrje, da – links vorne war die alte Villa von Frau Herrmann. Wo ging’s nochmal lang?
Ruckartig riss sie das Steuer nach rechts und Achim stöhnte neben ihr auf. «Pass auf den Wagen auf, die Felgen…», herrschte er sie ungehalten an. Natalie ging nicht auf ihn ein, sondern fuhr schnurstracks weiter, während sie beinahe aufs Steuerrad kroch, um sich an der Strasse zu orientieren.
«Willst du nach Thal?», fragte er, als sie an der Kreuzung vorbeifuhr, bei der es eigentlich nach Thal ging. Natalie schüttelte energisch den Kopf. «Nein, nach Staad», murmelte sie. Achim blickte über seine Schulter. «Staad ist da unten», versuchte er Natalie zu erklären und deutete über seine Schultern nach hinten. Natalie flüsterte irgendwas Undefinierbares, bis sie schliesslich auf die Bremse trat. Achim schnellte nach vorne und konnte sich gerade noch mit den Händen auf dem Armaturenbrett abstützen. Dann riss Natalie das Steuer nach links und bog auf einen Kiesweg ein, bei dem Achim nicht sicher war, ob sie da wirklich durchfahren durften. Während Natalie noch zweimal abbog, betrachtete Achim die Gegend.
Pampa, sie waren in der Pampa, im Nirgendwo, am verfluchten Arsch der Welt.
«Da schau», erklärte Natalie. Sie zeigte auf ein kleines Haus, vor dem eine ältere Frau bereits auf sie wartete. «Das ist Frau Sieber, sie fährt mit uns zum Haus», führte Natalie aus, während sie auf den Platz fuhr.
Den Erzählungen nach hatte Frau Sieber ihren Mann verloren und war in ihr kleines Haus umgezogen, nachdem sie die Pension nicht mehr alleine hatte betreiben können. Die Pension, die Natalie gekauft hatte. Achim sprach ihr sein Beileid aus: «Nein, das ist schon 5 Jahre her», widersprach ihm die Alte charmant lächelnd. «Das ist schon 5 Jahre her», wiederholte sie leise und lächelte dann Natalie an. Achim runzelte die Stirn. «Und seither ist die Pension geschlossen?», wollte er irritiert wissen. Frau Sieber lächelte. «Ja, die Zeit vergeht so schnell», antwortete sie und ihre Stimme klang wie ein leiser Singsang. In Achim überstürzten sich Gedanken von verwahrlostem Zimmern und unbezahlten Rechnungen, weil kein Mensch in dem Haus Ferien verbringen wollte. Natalie liess ihm keine Zeit, weitere Fragen zu stellen oder allfälligen Wahnvorstellungen Raum zu geben. Frau Sieber wurde liebevoll ins Auto bugsiert, Achim nahm wieder Platz auf dem Beifahrersitz. Die beiden Frauen labberten drauf los, als würden sie sich schon jahrelang kennen. Achim bekam nicht mit, wohin Natalie fuhr. Ihm brummte der Schädel von den vielen Informationen, die über ihn hereinprasselten. Wenn er etwas hasste, dann waren es Menschen, die so viel redeten und das in so kurzer Zeit. Achim war sich gar nicht bewusst, wie weit sie gefahren waren, als der Wagen irgendwann zum Stillstand kam. Noch bevor er sich überhaupt orientieren konnte, lachte ihn der Bodensee an. Die Sicht über die Weite des Wassers war gelinde gesagt atemberaubend.
So etwas hatte Achim nicht erwartet.
Das Grundstück, auf dem sie standen, grenzte direkt ans Seeufer. Die Stimmen der beiden Frauen waren nur noch fernes Murmeln, wie Wellen, die sanft am Ufer verklingen. Achim war fort in Gedanken, in einem Raum ohne Wände, ohne Grenzen. Er trat näher ans Wasser, liess den Blick über das schimmernde Blau schweifen. Die Sicht war irre. Einfach irre. Das Licht tanzte auf der Oberfläche, als würde der See ihm etwas zuflüstern. Und mit jedem Atemzug schien sich seine Brust weiter zu öffnen, als dehnte sich sein Herz in alle Richtungen aus, bis hinein in den Himmel.
Er atmete tief ein – tiefer als je zuvor. Die Luft schmeckte nach Weite, nach Freiheit, nach einem Neuanfang. Als könnte er das Leben selbst in sich aufnehmen, jede Faser durchdringen lassen. Irgendwie wurde sein Herz weit, ganz weit und er konnte atmen. Richtig atmen. So tief wie lange nicht mehr. Als könnte er das Leben einatmen.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich... leicht.
Er schaffte es kaum, die Augen von der Sicht auf den See loszureissen, doch Natalie rief ihn.
«Gefällt es dir hier?», holte sie ab, während sie auf das Haupthaus zusteuerten. Vielmehr zerrte Natalie ihn dorthin. Von hier draussen sah es eigentlich ganz passabel aus, aber der Bär tobte drinnen. Achim musste nach Luft schnappen, als er das Chaos erblickte beim Eintreten durch die Türe. Solche Klo’s hatte wohl sein Grossvater im letzten Weltkrieg zuletzt gesehen. Die Wände bestanden allesamt aus altem von irgendwelchen Käfern zerfressenem beinahe schattenartig dunklem Holz. Die Fenster viel zu klein und kaum isoliert, alte Vorhänge leuchteten in schmutzigem Dunkelgrau und die Spinnen hatten es sich grossflächig gemütlich gemacht in allen Ecken. Immer wieder verhedderte Achim sich in Spinnweben beim Gang durchs Haus und fluchte, während er versuchte, sich die klebrigen Teile aus den Haaren zu klauben. Sobald sie aus den Haaren geknubbelt worden waren, gingen sie kaum von den Fingern ab.
Frau Sieber indessen war still geworden. Sie ging langsam, Schritt für Schritt, durch die Flure. Achim bemerkte, dass es wohl besser war, zu schweigen, weil die alte Frau den Tränen nahe mit ihnen durchs Haus schlenderte.
«Das war unser Zimmer», erklärte sie schliesslich mit tränenerstickter Stimme, als sie in einem dunklen, ungemütlich wirkenden alten Raum ankamen. Frau Siebers Hand zitterte und Achim wollte wissen, wie ihr Mann geheissen hatte: «Uwe.» Eine kurze knappe Antwort, die Achim stutzen liess. Uwe passte so gar nicht zu dem Namen «Sieber», zu dem typisch Schweizerischen Nachnamen. Frau Sieber senkte den Blick. «Ja, wir waren ein Paar, aber…», gestand sie und schien sich beinahe zu schämen. «Die Geschichte ist kompliziert», erklärte die Alte. Sie zeigte auf einen Ehering an ihrem Ringfinger, der wohl schon lange dort getragen wurde und einfach nicht mehr abging, als wäre er mit den Jahren ins Fleisch eingewachsen. «Wir waren verheiratet, aber…», sie brach ab. «Aber?», fragte Natalie, doch Achim unterbrach sie. «Alles ist gut, Frau Sieber», sagte er liebevoll. Natalie sah ihn verwundert an. Frau Sieber hob ihren Blick und legte ihre alte runzlige Hand liebevoll auf die von Achim. «Sie wissen ja gar nicht…», erklärte sie leise. Achim nickte: «Das ist wahr», war alles, was er sagte. Er drückte liebevoll ihre Hand. «Aber die Zeiten sind vorbei, Frau Sieber. Egal was es war, es ist vorbei. Bei uns ist nur wichtig, dass Sie Ihren Uwe über alles geliebt haben. Nur das zählt.»
Dankbar blickte sie hoch zu ihm, dann lächelte sie, dass es selbst Achim warm ums Herz wurde. Ihr altes Gesicht in Falten gelegt zeigte eine gütige Wärme, die Achim von seiner Grossmutter her kannte und ihn mit einem Mal in seine Kindheit zurück katapultierte. Menschen, die so viel Schlimmes erlebt haben mussten, strahlten nicht selten eine grosse Wärme aus, die sie selbst nie erfahren durften. Doch ihre Liebe behielten bis zum heutigen Tag, das beeindruckte Achim schon von klein auf. Seine Grossmutter war Frau Sieber sehr ähnlich. Das war eine Seite, die Achim nur sehr selten zeigte, aber eben genau das liebte Natalie an ihm über alles. Er konnte ein so grosses Herz haben, so einfühlsam sein, wenn er denn wollte. Und davon wollte er in Natis Augen einfach zu wenig, doch solche Momente wie gerade eben entschädigten sie für all die Oberflächlichkeiten, mit denen Achim manchmal daher raste wie ein Düsenjet.
«Woran ist er denn gestorben?», wollte Achim wissen, während Frau Sieber und er auf eine leere Ecke starrten, wo scheinbar früher das gemeinsame Bett gestanden haben musste. «Nun, er hatte Alzheimer. Am Schluss…. Sie wissen schon…, ach, es war nicht schön», erklärte sie verlegen. «Ich habe hier lange alles alleine in Schuss gehalten. So gut es eben ging. Ich war damals schon nicht mehr jung. Von der Familie wollte niemand helfen. Die wollten nichts mit uns zu tun haben.» Sie hob ihr Kinn. Achim tat leid, was er hörte. «Und Kinder?», fragte er nach, doch Frau Sieber schüttelte traurig den Kopf. In der darauffolgenden Pause hätten keine Worte den Schmerz besser beschreiben können als jede ungesagte Silbe. «Uwe…., Sie müssen wissen, er war…», sie stockte und brach ab. Schliesslich schluckte sie leer und schloss für eine Sekunde ihre Augen. Achim betrachtete das alte faltige Gesicht. «Er war … anders.» Sie sah verzweifelt zu Achim hoch. «Sie haben ihn… ich meine…, er konnte nichts dafür.» Sie schüttelte langsam den Kopf, dann brach sie in Tränen aus. «Sie haben es einfach getan.» Achim sah hinunter zu ihr und nahm sie langsam in den Arm: «Sch…. Es ist alles gut.» Frau Sieber ergoss hemmungslos ihre Tränen in seine Arme und auf seinen überteuerten Designer-Pulli.
Doch es waren nicht nur Tränen vom heutigen Tag. Es war klar, dass diese Tränen jahrzehntelang zurückgehalten worden waren für etwas, das so schrecklich gewesen sein musste, dass Achim selbst keine Worte fand, um zu verstehen, was Frau Sieber hier versuchte, anzudeuten.
Als sie sich beruhigt hatte, erklärte sie ziemlich klar und nüchtern: «Die haben erklärt, dass eine Zwangssterilisation für solche wie Uwe das einzig Richtige war.» Achim sah sie geschockt an. «Zwangs…?», er konnte gar nicht wiederholen, was er da gehört hatte. Frau Sieber nickte langsam. «Er war voller Makel in den Augen meiner Familie und in den Augen … von … sie wissen schon…. Er war es nicht wert, dass ich ihn genommen hatte, meinten sie.» Achim schüttelte ungläubig den Kopf: «Sie haben für ihn Ihre Familie verlassen?» Frau Sieber nickte. «Ja, ich habe Uwe über alles geliebt. Ich hätte jeden aus meinem Leben geschmissen, der mich von ihm hätte trennen wollen.» Achim wurde still, er sah hinüber zu Natalie. Er liebte Natalie, doch er hatte sich bis heute nie Gedanken darüber machen müssen, ob seine Familie oder seine Kollegen das gut fanden. Das alles war doch irgendwie selbstverständlich. Natalie hatte ebenfalls zugehört, auch sie war still geworden. Möglicherweise gingen ihr ähnliche Dinge durch den Kopf wie Achim.
Wie gut sie es doch hatten. Niemand machte ihr einen Vorwurf, dass sie Achim liebte. Achim wurde klar, dass Frau Sieber nicht nur über die Familie gesprochen hatte. Da war noch mehr… Eine Zwangssterilisation war Thema eines alten Leides aus dem zweiten Weltkrieg. In der Schule hatten sie kurz mal darüber gesprochen, als das Dritte Reich durchgenommen worden war. Dabei war es für ihn nur ein nichtssagendes Kapitel gewesen, das sie durchgeblättert hatten. Er hatte Bilder gesehen, darüber gelesen, hatte Dachau besucht. Doch es war ja alles alte Geschichte, anonym. Sowas zu sehen im Fernseher war eine Sache. Sowas zu lesen, hatte noch nichts Lebendiges. Natürlich war das alles schlimm gewesen, aber als Jungspund hatte er gefragt, was das alles mit zu tun hatte. Als Teenie hatte er andere Probleme gehabt und der 2. Weltkrieg war weit weg von ihm.
Doch Frau Sieber stand heute hier vor ihm, in echt, lebendig und leibhaftig. An ihrer Seite war ein Mann gewesen, dem das wirklich zugestossen war. Die Alte hatte das alles miterlebt, mitgetragen, mitgelitten. Sie hatte diese Uniformen wirklich gesehen – nicht wie er im Geschichtsbuch. Nein, es war Teil ihres Alltags gewesen. Die Schwarzweissbilder aus den Fernsehreportagen bekamen eine fürchterliche Wahrheit direkt vor seinen Augen hier in Form von Frau Sieber. Mit einem Mal war ihm klar, wie weit weg er von all dem gewesen war und doch so nah. Er war in dem Land aufgewachsen, in dem Jahre zuvor so viel Schlimmes Realität gewesen war. Heute in einem friedlichen Land wie der Schweiz zu leben, das war selbstverständlich für ihn, für seine Generation. Er kannte nichts Anderes. Wie oft hatte er die Augen verdreht, wenn sein Grossvater wieder und wieder die alten Geschichten hervorgezerrt hatte, um die Familie damit zu langweilen. All die alten Geschichtsbücher und Filme zogen in Sekundeneile an Achim vorbei, die man ihnen in der Schule aufgebrummt hatte. Der tägliche Wahnsinn, die irre Angst, die Ohnmacht, dem allem ausgeliefert zu sein. Frau Sieber und ihr Uwe waren Teil gewesen dieses Irrsinns. Echter lebendiger Teil, der möglicherweise jeden Tag hatte Angst haben müssen um das nackte Ūberleben. Und Frau Sieber stand hier vor ihm, mit ihrer Geschichte im Herzen und dem alten Leid, das sie nicht abschütteln konnte.
Achim war übel geworden. Die Vergangenheit seiner Heimat als Deutscher hatte ihn schlagartig eingeholt und war zur grausamen Realität geworden, die sich ihm offenbarte in Form einer Geschichte, die ihn dermassen berührte, dass er kaum mehr atmen konnte.
Zwangssterilisation, das Wort geisterte im Kopf herum. Wie konnte man nur so grausam sein? Wie konnte man überhaupt auf eine so barbarische Idee kommen? Natalie schien tief getroffen, denn bisher hatte der zweite Weltkrieg einen grossen Bogen um ihr Leben gemacht bis auf ein paar Lektionen in der Schule und Leinwandgeschichten. Die Filme und Bilder, die sie bisher gesehen hatten, waren anonym und konnten jederzeit weggeklickt werden. Natürlich waren sie schlimm, aber sie hatte keinerlei Bezug zu dem Ganzen. Was ging sie das an? Und im Gegensatz zu Achim, der selbst Deutscher war, war sie ja quasi eine von den Guten, schliesslich war die Schweiz neutral gewesen. Zumindest im Kopf von Natalie. Hier bekam das Ganze plötzlich ein neues Gesicht. Ob die Schweiz wirklich so neutral gewesen war? Natalie bemerkte, wie wenig sie aufgepasst hatte im Geschichtsunterricht. War sie einfach nur oberflächlich und mit sich beschäftigt? Sie erinnerte sich dunkel an Geschichten ihrer Grosseltern. Da war doch was gewesen… selbst in der Schweiz.
«Waren Sie in Deutschland?», hörte Natalie Achim fragen und Frau Sieber nickte schniefend. «Ich machte ein Haushaltsjahr in Berlin, damals, als ich Uwe kennenlernte.» Sie schnäuzte in ein altes Baumwolltaschentuch, das sie bei sich trug und wieder in die Tasche ihrer Tagesschürze stopfte. «Unsere Familie galt damals als ziemlich modern. Immerhin konnte ich Hauswirtschaft lernen. Damals durften wir junge Mädchen eigentlich gar nichts. Es war nicht üblich, dass ein Mädchen etwas lernen durfte. Doch ich hatte Glück. Eine Cousine meiner Mutter war mit einem reichen Nazi verheiratet. Irgendein grosses Tier im Militär. Da durfte ich hin und für sie und die Kinder arbeiten. Alle haben sie mich beneidet in unserem Dorf. Alle.» Frau Sieber machte eine Pause, schlenderte durch den Raum und strich liebevoll den Staub von der Fensterbank. «Sie müssen wissen, es war nicht alles schlecht. Damals…», sie machte eine lange Pause, blickte gedankenlos aus dem Fenster. Dorthin, wo nur ihre Erinnerungen sie tragen konnten.
In Natalies Kopf arbeitete es auf Hochtouren. Frau Sieber war dankbar gewesen, dass sie hatte Hauswirtschaft lernen dürfen. Die Worte klangen in Natalie nach wie ein übler Scherz. Natalie selbst verachtete diese Hausarbeit bis aufs Blut und hatte dafür gekämpft, nach der kaufmännischen Ausbildung, die sie abgrundtief gehasst hatte, im Marketing Fuss zu fassen. Hausarbeit übertrug sie gerne mal auch auf Achim, der auch keine besonders grosse Hilfe war darin. Das alles war so selbstverständlich geworden. Dass sie als Mädchen hatte zur Schule gehen und danach etwas lernen dürfen, das war doch schliesslich normal. Wieso sollte das auch etwas Besonderes sein?
Mit einem Mal wurde Natalie nachdenklich. Zwei Generationen von Natalie entfernt war es noch Besonderes gewesen, als Frau etwas lernen zu dürfen.
«Dann habe ich Uwe kennengelernt, er war Bäckersgeselle in der Nachbarschaft gewesen. Böse Zungen behaupteten, er wäre geistig behindert gewesen, aber das ist nicht wahr. Ein paar Tics hatte er, ja, aber auch nicht mehr… Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden», erzählte Frau Sieber weiter. Ein Leuchten legte sich plötzlich über ihr faltiges Gesicht. Achim verfolgte die alte Dame mit seinen Augen. «War er zu dem Zeitpunkt schon….?», dann stockte Achim. «Ich meine, als Sie ihn kennenlernten?» Frau Sieber war es unangenehm und doch war sie froh, endlich offen darüber sprechen zu können. Schwer genug, das alles mit sich herumzutragen. Endlich ganz normal auf Augenhöhe mit jemandem zu sprechen, das tat gut, war befreiend. Sie atmete die Luft ein, während sie ein «Ja» japste und verlegen nickte. Achim schwieg. Was für eine unglaubliche Frau er vor sich stehen hatte.
«Die Frauen wollten ihn nicht. In ihren Augen war er kein Mann mehr, zudem war er ein Mischling. Die Frauen hätten sich die Finger an ihm verbrannt. Er war nichts Richtiges mehr in den Augen der Gesellschaft. Er war ja auch nicht «rein» genug, sonst hätten sie ihn ja nicht…» Achim zeigte sich sichtlich schockiert. «Nichts Richtiges», wiederholte Frau Sieber. «Aber er war Ihr Mann», bemerkte Achim bestimmt. Frau Sieber hob ihren Blick und bemühte sich um ein Lächeln. «Für mich war er der beste Mann der Welt. Keiner hat mich je besser behandelt. Für mich war er ein ganzer Kerl - durch und durch. Er war ein guter Mann, er war mein Mann. Der beste Mann der Welt.»
Achim wurde innerlich still. Zu oft machte er sich Gedanken, ob irgendwelche Sneakers männlicher als andere wirkten. Die Langhanteln im Gym waren wichtig, um als ganzer Kerl durchzugehen. Aber was machte einen echten Mann denn eigentlich aus? Bilder zogen an Achim vorbei, die sich zwischen den Schwarzweissfilmen aus den Kriegsgebieten im zweiten Weltkrieg hin und her bewegten und den übertrieben gezupften Augenbrauen der jungen Kerle im Fitnessstudio von heute. Viele Gedanken wirbelten alles durcheinander in seinem Kopf. Gefühle meldeten sich und spielten Achterbahn mit ihm.
«Was machte für Sie aus, dass er ein echter Kerl war?», seine Worte waren schneller ausgesprochen als geplant. Achim verblüffte sich selbst und Frau Sieber sagte: «Er hatte den Schneit, auf meine Bedürfnisse einzugehen. Er hörte zu und gab mir das Gefühl, wirklich wichtig für ihn zu sein. Er liess sich Zeit mit mir, er liess sich selbst Zeit. Wissen Sie, er nahm sich Zeit, nur um bei mir zu sein. Er hatte so viele kleine Dinge im Kopf, die er umsetzte, um aus diesem Haus ein Heim zu machen, um eine Existenz für uns zu schaffen. Manchmal, da war er so erschöpft, dass er kaum mehr stehen konnte. Aber er wollte, dass wir sicher sind. Genug zu essen haben, gute Gäste ins Haus kamen. Er hat niemandem erlaubt, mich zu beleidigen oder mir zu nahe zu treten. Ich habe mich immer gefühlt, als wäre ich etwas Besonderes. Und er hatte auch in den schlimmsten Zeiten im dritten Reich den Mut, ehrlich seine Meinung zu sagen. Er hätte dafür getötet werden können. Doch er war immer ein ganzer Kerl gewesen.»
Die Worte hallten in Achim wider als hätte ihm jemand ein Messer ins Herz gerammt. «Ich habe mich immer gefühlt, als wäre ich etwas Besonderes.» Fühlte sich Natalie auch so an seiner Seite? Fühlte sie sich sicher? Bei ihm? Im Leben? War er ein ganzer Kerl? Bilder drehten sich in seinem Kopf: der teure Flachbildschirm, die grosskotzige Karre, ein Paar Sneakers für über 500 Euro, Lachen im Gym über die heisse Schnecke im engen Fitnessdress, Abende im Sushi-Restaurant, der Gang durch den übervollen Weinkeller und so wirbelten die Bilder immer schneller und mit ihnen Gefühle, die ihm auf den Magen schlugen.
Achim drehte sich um, rannte nach draussen.
Natalie sah ihm verwirrt nach.
Natalie fand ihren Freund schliesslich im verwilderten Garten draussen. Achim schien aufgewühlt und still.
«Was ist denn los?», wollte sie besorgt wissen. Er blickte auf, kam zu ihr gerannt, nahm sie ihn den Arm und drückte sie dermassen fest an sich, dass ihr beinahe der Atem flöten ging. «Was ist denn auf einmal los?», fragte sie verdattert und Achim quetschte sie noch enger in seine Arme. Dann sah er ihr tief in die Augen: «Wir machen das hier. Gemeinsam.» Natalie wuselte ihre Augenbrauen zusammen. «Was ist denn geschehen?», sie verstand noch immer nicht, was vor sich gegangen war. «Wir müssen mehr auf uns achten. Auf uns aufpassen. Unsere Liebe beschützen. Mehr aus unserem Leben machen. Das Leben ist kostbar. Du bist kostbar.» Natalie sah ihn an.
Schwieg.
Da waren keine weiteren Worte notwendig.
Natalie verstand auch so.
Mehr als sie erklärten konnte.
Manchmal halfen Worte nicht. Manchmal gab es keine Worte.
Schliesslich zog sich ein grosses Lächeln über Natalies Gesicht: «Meine Rede. Das sagte ich dir doch schon.»
Achim blickte ihr noch immer tief in die Augen: «Aber ich hab’s erst jetzt kapiert, Süsse.»
Natalie nickte: «Ah…», war alles, was sie rausbrachte.
«Dann wirst du Sophia also endlich auch adoptieren.»
Achim runzelte amüsiert die Stirn: «Sophia?»
Natalie nickte. «Ja, dieses alte Haus heisst Sophia», damit riss sie sich aus seiner Umarmung und stürmte aufs Gebäude zu.
«Komm, ich zeig dir Sophia.»
Sie winkte ihn keck zu sich.
Achim blieb einen Moment stehen. «Sophia.» Lächelnd schüttelte er den Kopf.
Für einen Moment katapultierten ihn seine Gedanken in eine Zeit, in der auch seine Mutter einem Haus einen Namen gegeben hatte. Sie war Natalie ähnlicher, als er gedacht hatte. Die Bilder spiegelten eine heile Welt wider, in der er als Junge mit kurzen Hosen und meist schmutzigem T-Shirt oft stundenlang draussen die Zeit vergessen konnte und in ein Zuhause zurückkehrte, das stets herrlich duftete und mit Liebe und Leckereien aufwartete.
Zuhause… das Wort ergriff ihn und er dachte an die Kindheit zurück, an die Feiertage im Kreis der Familie, an Weihnachten und an die heile Welt, wo er als Kind aufgehoben war. Und es so war, als könnte ihm nichts passieren. Eine Zeit, in der man beim Nachbarn geklingelt hatte und draussen spielte, bis die Sonne unterging. Wo der Geruch von Grillfeuer einen heimzog und die Familie am Tisch gemeinsam lachte.
Kein Handy.
Kein Flachbildschirm.
Keine Markenkleider.
Echtheit.
Pures Leben.
Dreckige Füsse.
Vogelgezwitscher, Sonne auf der Haut.
Lautsein dürfen, Herumtollen. Freunde. Familie.
Schmutzige Hosen.
Lachende Gesichter.
Herzhaftes Hineinbeissen in eine Bratwurst und frisches Brot, als wäre es das Beste der Welt.
Mama’s Kuchen.
Papa am Grill.
Zuhause. Ein Gefühl in ihm erbebbte und liess ihn tief seufzen.
Zuhause… wann hatte er sich zuletzt irgendwo wirklich zuhause gefüllt – so richtig?
Den Kopf voller Gedanken folgte er Natalie zurück ins Haus, und sie stellte ihm mit jedem weiteren Raum die inneren Werte von Sophia vor. Achim bemerkte mit jedem Schritt, dass das Chaos ihn nicht mehr so sehr störte. So wie sein Elternhaus bekam auch dieses Haus Charakter mit den Worten von Natalie, gerade so, als könnte sie mit ihren Worten magische Bilder an die Wand zaubern. Zugegeben, das Desaster konnte er sich nicht schönreden.
Chaos blieb Chaos.
Lange hatte man nichts mehr gemacht an dem Gebäude in Altenrhein. Es hatte still gewartet, bis jemand sich seiner wieder annehmen würde. Vieles war liegengeblieben und der Zerfall war zum einzigen Herr dieses Anwesens geworden. Grosszügige Unterstützung hatte er erhalten von Ungeziefer, Spinnen und möglicherweise auch Mäusen oder weiteren Untermietern. Trotzdem konnte man unter der ersten Schicht Staub inmitten vom Chaos erkennen, dass die Substanz möglicherweise nicht ganz so schlecht war, wie Achim zuerst geglaubt hatte. Als ob die alte Sophia schon lange kein neues MakeUp aufgetragen bekommen hatte, sah Achim, dass Uwe das Haus gut behandelt hatte und dass er viel dafür getan hatte, um es nach bestem Treu und Glauben zu erhalten.
Trotz der überreifen Persönlichkeit des alten Hauses waren viele Dinge erstaunlicherweise doch noch funktionstüchtig. Es sah alt aus, aber wie gesagt, vieles «funktionierte» noch. Mit etwas Reinemachen und Aufpolieren liess sich für den Anfang etwas daraus machen, möglicherweise konnte man einen Teil sogar schon relativ schnell bewohnen. Das galt aber leider nicht für alle Zimmer, vor allem nicht für das Erdgeschoss. Dort gab es viel zu tun, denn ökologisch war das Haus in einem schlechten Zustand und völlig veraltet. Wohnen war zwar grundsätzlich möglich, aber man heizte wirklich umsonst nach draussen. Die Fenster, die uralte Heizung beispielsweise, alles gipfelte in einer einzigen Katastrophe. Kochen war zwar möglich, aber nur mit alten Pfannen und der Verbrauch des Wassers in den alten sanitären Anlagen, mit der geradezu antiken Waschmaschine…, grauenvoll.
Während der Besichtigung hatte Achim seine alte Kollegin Petra angerufen. Sie war Architektin und schaute auf dem Weg zum Einkaufen vorbei. Eine grossgewachsene Deutsche mit langen hellbraunen, beinahe blonden Haaren und mystisch wirkenden gelben Augen, wie man sie nur selten sah. Mit ihren langen Beinen ging sie hinter Achim her und besichtigte Zimmer für Zimmer. Sie lief mit den Händen auf dem Rücken durchs Haus und hörte sich die Kommentare von Achim an. Dabei schien sie in ihre eigenen Gedanken abzutauchen und hatte mit Sicherheit ihre Architekten-Brille auf, wenn sie Bausubstanz und Bodenbeläge genauer unter die Lupe nahm.
«Sophia also, ja?», fragte Petra schliesslich ein wenig schelmisch und schaute erwartungsvoll zu Natalie.
Diese nickte heftig.
Es war kalt hier drinnen, sie alle waren dick eingepackt in ihre Jacken.
«Dann lass uns also die alte charmante Dame genauer auch noch durch deine Brille betrachten, Natalie.»
Achim war sich nicht sicher, ob Petra sich lustig über ihn machte.
«Hallo Sophia», sagte Petra liebevoll und streichelte eine abgeblätterte Tapete von der Wand.
«Liebe Sophia, dann zeig mir doch mal, was du denn gerne hättest.»
Achim wirkte irritiert, jedenfalls deutete Natalie den Blick zu Petra so.
«Achimchen, du musst noch viel lernen. Ein Haus hat immer eine Seele. Nicht umsonst heisst diese Dame hier Sophia. Sie will genauso geliebt werden wie du und ich auch. Offenbar hat sich niemand um sie gekümmert in den letzten Jahren. Stell dir nur vor, wie ungeliebt sie sich fühlen muss. Und wenn man älter wird und niemand einen liebt… tja,»
Petra warf die Hände theatralisch in die Luft.
«Was soll ich da sagen? Wenn du nicht geliebt wirst, bekommst selbst du Mängel.»
Achim schüttelte den Kopf. Waren jetzt alle verrückt geworden?
«Ja schon, aber…», warf er ein.
Die Frauen brauchten offenbar ein bisschen Realität.
Mit diesen Gedanken baute er sich kerzengerade vor Petra auf, doch sie nahm ihm den Wind aus den Segeln: «Achimchen, wir haben uns doch schon über das Thema Energie unterhalten oder? Du weisst, wie das funktioniert.»
Achim schnaubte und verdrehte die Augen.
Nicht schon wieder dieses Thema.
Offenbar eine Spezialität der Frauen.
In der Hoffnung, diesem Esoterikgequatsche aus dem Weg gehen zu können, schwieg er.
Das war meist die beste Strategie.
Bloss kein Futter ins Thema geben.
Petra zeigte ihm die sanitären Anlagen.
«Schau, Sophia wurde von jemandem erbaut, der sehr sehr viel von ihr gehalten hat. Schau die alte Email-Badewanne an. Das Ding ist heute ein Vermögen wert.
Sie muss nur wieder instand gestellt werden. Heute zahlst du ich weiss nicht wieviel für sowas auf dem Markt.»
Achim schaute die alte Badewanne mit Füssen an und blickte entsetzt zu Petra.
War er denn so blind gewesen?
«Tja, es ist nicht alles einfach nur alt, Achimchen. Die alte Dame hortet auch Schätze und zwar, weil sie vorher richtig gut behandelt worden ist. Schau, das hier ist zwar alt, aber gut in Schuss. Und das da ist deutsche Wertarbeit. Es lohnt sich, die Sachen zu restaurieren.
Der Charme des Antiken verbunden mit moderner Neuzeit, das wird echt hip.»
Petra klatschte verzückt in ihre Hände und lächelte Frau Sieber an, die neben ihr stand.
Diese legte ein sanftes Lächeln auf wie ein frisches MakeUp und himmelte Petra dankbar an: «Ja, das hat mein Uwe gemacht.»
Petra hatte einen wunden Punkt getroffen und Balsam drauf geschmiert.
Eine Spezialität von Petra.
«Siehste, sag ich doch», erklärte diese triumphierend.
«Sophia ist alt, aber in einem soweit guten Zustand. Und schau dir das angrenzende Riet an. Das ist Natur pur. Der Standort ist grandios. Und Sophia? Mit etwas Farbe und einem Lifting, etwas Training und gutem Zureden wird das Haus ein kleines Schätzelein.»
Achim wirkte konfus: «Ich versteh nicht ganz.»
Petra lächelte verschlagen und nahm Natalie in den Arm: «Wieviel hast du für das bezahlt, darf ich das fragen?»
Das war wiederum ein wunder Punkt bei Achim, auf den er nicht gerne zu sprechen kam.
Aber vielleicht musste er da durch.
Gleich würde Petra das Ausmass der eigentlichen Katastrophe erfahren und ihm beipflichten, dass Natalie naiv an die Sache herangegangen war.
Frau Sieber war nach draussen gegangen, weswegen Petra den Versuch wagte, nach dem Preis zu fragen.
Natalie sah sie unsicher an: Sechshundertfünzigtausend.»
Petras Augenbrauen schossen in die Höhe.
«Ich sagte doch, es ist viel zu viel», mischte sich Achim ein, er hatte es doch gewusst.
Doch Petra hob den Arm: «Sechshundertfünzigtausend?», wiederholte sie lachend und klatschte dabei amüsiert in die Hände.
Natalie nickte.
«Für das ganze Anwesen? Ich meine, mit dem Grundstück und so?», wollte sich Petra vergewissern und fing an, lauthals zu lachen.
Dabei blitzten ihre gelben Augen auf, sie drehte sich zweimal um ihre eigene Achse wie ein kleines Mädchen, das zum ersten Mal ihre Lieblingspuppe geschenkt bekommen hatte. Natalie wurde unsicher, dann nickte sie und schaute unsicher zu Achim, der nur mit den Schultern zuckte. Er konnte sich Petras Verhalten nicht erklären.
Petra schnaubte laut aus.
«Ich weiss», holte Natalie aus und wollte sich gerade erklären, als Petra sie erneut unterbrach: «Die Frau muss dich wirklich gern-haben», sagte sie leise.
«Sie muss dich richtig doll gernhaben», doppelte si enach.
Achim sah seine alte Bekannte völlig verwirrt an.
«Wie meinst du das?», fragte er ungläubig und fingerte an seinem Handrücken herum.
Petra drehte sich langsam zu ihm um: «Dieses Anwesen ist locker das Dreifache wert oder sogar noch mehr.
Abgesehen davon, dass das Haus gar nicht mal in einem so schlechten Zustand ist….hast du dir angesehen, wieviel Quadratmeter Land da draussen sind? Und die einzigartige Lage? Kennst du die Bodenpreise hier direkt am See? Deine Natalie hat ein mega Schnäppchen gemacht. Locker.»
Natalie schluckte leer.
Mit ihren grossen Kulleraugen wirkte sie plötzlich wie ein unbeholfenes Kind.
«Du musst Frau Sieber ganz schön beeindruckt haben, Liebes. Das hier ist ziemlich geil. Und glaub nicht, dass sie das nicht weiss.»
Achim starrte Petra an.
Diese verschränkte triumphierend die Arme vor ihrer Brust.
Dann setzte sie ein schelmisches Grinsen auf.
«Dann haben wir Frau Sieber über den Tisch gezogen?», wollte Natalie unsicher wissen.
Sie sah von Achim zu Petra und dann zur Tür.
«Ich will nicht, dass sie zu wenig Geld bekommt», erklärte sie leise.
Sie starrte noch immer zur Türe.
«Sie hat es dir doch von sich aus angeboten oder etwa nicht?», wollte Achim wissen.
Mit seinem schwarzen Hoodie von «Off-White» wirkte er wie ein riesiger Bär, schludrige Hose und teure Marken-Sneakers.
