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Atticus Delacroix, ehemaliger Professor an der Universität von Oxford, widmet sein Leben der Jagd nach Flüchen, die das spätviktorianische Großbritannien unterwandern. Diese unsterblichen Monster lebten einst als Menschen, die von ihrem eigenen Verlangen korrumpiert wurden. Sie lauern in den Schatten und warten darauf, endlich ihre Gier stillen zu können. Der Professor muss sie vernichten, ehe sie durch List, Intrigen und Gewalt die Gesellschaft Englands erschüttern. Wie gelingt es Delacroix diese übermenschlichen Wesen ausfindig und unschädlich zu machen, wenn doch nur Legenden ihren Aufenthaltsort preisgeben? Seine bloße Feuerkraft, sein Reichtum und seine zahlreichen Kontakte in der britischen High Society werden kaum ausreichen, um es mit ihnen aufzunehmen. Stattdessen benötigt er einen überaus raffinierten Plan.
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Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2022
H. D. Grochowski
In verfluchter Gesellschaft
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
Vorwort
So spät noch zu Grabe?
Straußenvögel
Der Turm von Ipswich Castle
Falsche Fährte
Neue Freunde und alte Bekannte
Zwei Prüfungen
Fütterungszeit
Der Gentleman lässt grüßen
Geschlossene Gesellschaft
Herzenswunsch
Der Duke empfängt
Im Auge des Betrachters
Weidmannsheil
Derselbe Weg, das gleiche Ziel
Blickfang
Damenbesuch
Zu sein, wer man nicht ist
Ein gutes Geschäft
Die Klingel
Hochkarätig und lupenrein
Ein kostspieliges Mahl
Der Zirkus ist in der Stadt
Geduld
Mit dem Rücken zur Wand
Nachwort
Impressum neobooks
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Impressum
1. Auflage 2022
Texte: © 2022 Copyright by Henning Grochowski
Verantwortlich für den Inhalt:
Henning Grochowski
Auf Maien 4
66538 Neunkirchen
Lektorat & Korrektorat:
Jörg Querner – Lektorat Anti-Fehlerteufel
Coverdesign:
Chris Gilcher – buchcoverdesign.de
Druck:
neobooks – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in
irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des
Autors reproduziert, verarbeitet, vervielfältigt oder
verbreitet werden.
http://hd-grochowski.de
Bevor Sie dieses Buch lesen, möchte ich erst ein paar Worte des Dankes aussprechen.
Danke an Anja, Sabine und Jennifer, die sich als Testleser zur Verfügung gestellt haben und durch deren harsche inhaltliche Kritik dieser Roman erst zu dem geworden ist, was Sie auf den kommenden Seiten erwartet.
Danke an Herrn Querner, der das Buch auch grammatikalisch auf Trapp gebracht hat und mir nebenbei noch ein paar nützliche Lektionen im Fach Deutsch gegeben hat, die ich während zwölf Jahren saarländischer Schulbildung leider verpasst habe.
Ein herzliches Dankeschön gilt natürlich auch Ihnen, werte:r Leser:in, dafür dass Sie mir und meinem Werk eine Chance geben.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen mit In verfluchter Gesellschaft.
Die Nacht – ein fantastisches Phänomen, das gleichermaßen unvorstellbare Schrecken und doch kostbaren Frieden mit sich bringt. Ist es die Angst des Menschen vor dem Unbekannten in der Dunkelheit, die ihn dazu treibt, sich in seinem Heim zu verkriechen, oder die Sehnsucht nach Ruhe, auf dass er am nächsten Tage sein stolzes Haupt erhebe und die Welt erobere? So manch ein Teufel treibt bei Nacht im Schleier der Finsternis ungestört Schabernack und plagt die unschuldigen Seelen, deren Nachtruhe er raubt.
Und wenn es nicht eben jene Dämonen sind, die mit Unheil und Verdammnis wie eine tosende Welle die Straßen Englands fluten, so lauern bedeutend grausamere Schrecken in den Winkeln der Erde, die selbst am Tage von niemandem aufgesucht werden. Sie verkriechen sich im Schatten und schmieden dort Pläne.
Eine solche Nacht fand am vierten August in Colchester statt, als kein Mann und keine Frau sich traute, das Haus zu verlassen. Ein wütender Sturm tobte in der ganzen Stadt. Erbarmungslos prasselte der wilde Regen bereits um sieben Uhr auf alle Dächer. Manch einer war um acht auch schon fleißig zugange und schaufelte die Wassermassen, die durch die undichten Türen und Fenster hineinströmten, aus seiner Hütte. Nicht einmal ein Wahnsinniger würde sich bei solch einem Wetter hinaus auf den Marktplatz begeben und Unfug stiften.
Eine mutige Seele wagte jedoch den nächtlichen Rundgang, drüben am Friedhof nahe dem Wald. Es war der Totengräber, dessen Heim ihm weder Nässe noch Kälte vom Leib hielt. In der dicken Robe, die seinen ganzen Körper vor der Witterung schützte, ließ sich die Nacht überstehen. Sicherlich hätte er trotz des Lärms ein wenig Schlaf finden können, sobald sein müder Körper ihn dazu zwang, doch er entschloss sich dagegen.
Im Laufe des Abends sah er inmitten des Spektakels vor seinem Fenster eine Flamme aufflackern. In seinen mehr als fünfzig Jahren hatte er noch nie an Irrlichter geglaubt und dennoch konnte er sich nicht erklären, wie ein Feuer bei so einem Sturm brennen konnte. Es brannte so winzig und dennoch heiter, lichterloh in der Ferne, irgendwo im Zentrum des Friedhofs, als könnte es nicht vom Wasser aufgehalten werden. Ein so friedliches Licht konnte einzig und allein in einer Öllampe entstehen, doch welch ein Tölpel würde sich um diese Zeit auf dem Friedhof herumtreiben?
Der Totengräber entschloss sich dazu, dieser merkwürdigen Erscheinung auf den Grund zu gehen. Die Tür ließ er offen, drinnen war nichts zu holen und sie hing so schief in den Angeln, dass das Wasser in jedem Fall eindrang. Am nächsten Morgen würde er damit lange zu tun haben.
Die kalten Regentropfen landeten wie Pistolenschüsse auf seinem Haupt und trotz seiner Kutte spürte er deutlich die zahlreichen Aufschläge. Er musste sie tief in sein Gesicht ziehen und dort festhalten, damit der Wind sie nicht von seinem Kopf wehte. Der Boden des alten Friedhofs war nicht gepflastert und unter seinen nackten frierenden Füßen spürte er, wie er den Schlamm mit jedem einzelnen Schritt verdrängte. Auf seiner Schulter trug er seinen treuen Spaten, nur für den Fall, dass dort draußen tatsächlich etwas lauerte, schließlich wollte er in dieser Nacht wohl kaum sein eigener Kunde werden.
Endlich entdeckte er den Ursprung des Lichts. Nahe den Gräbern der Kriegsgefallenen, deren Tod zweifellos Palmerston zu verantworten hatte, stand eine Öllampe auf einem Baumstumpf und daneben grub ein Unbekannter in dickem Mantel mit krummem Buckel.
Der Totengräber preschte nun hastig auf ihn zu und rief entsetzt: „Hey, Sie da! Was zum Teufel tun Sie an dem Grab?“
Der Bucklige ließ seine Schaufel auf der Stelle fallen, zog seine Kapuze aus dem Gesicht und antwortete: „Guten Abend, werter Freund. So spät noch zu Grabe? Gibt es in Ihrem Metier denn keinen Feierabend?“
Sein dicker grauer Bart konnte das viele Wasser nicht festhalten und tropfte unentwegt. Auf seinem Kopf war nur noch wenig Haar vorhanden und mit der dünnen Brille auf der Nase wirkte er wie ein Gelehrter.
Der Totengräber, kein Virtuose der Wortgewalt, sprach gleichermaßen erzürnt und verunsichert: „Du verdammter Grabräuber, verpiss dich von meinem Hof! Willst wohl denen, die sich nicht mehr wehren können, die Schuhe und den Schmuck klauen, was?“
Der Fremde sah, wie der Totengräber mit seinem Spaten herumfuchtelte, und hob langsam die Hände, um sich nicht noch mehr Schwierigkeiten einzubringen. Seine Antwort lautete: „Ich bitte Sie, gütiger Herr. Ich bin ein alter Mann, der hier einen seiner Lieben begräbt, und kein niederträchtiger Dieb, der die letzte Ruhe der Toten stört.“
Der Totengräber blickte auf das Grab und musste mit Entsetzen feststellen, dass ein Bein aus dem Boden herausragte. Der Alte konnte noch nicht tief gegraben haben und dennoch steckte ein zerfetztes und vergammeltes Stück einer Leiche dort in der durchnässten Erde.
Trotz der tiefen Kutte konnte der Fremde ganz eindeutig erkennen, wie die blassen Augen des Totengräbers nur noch manisch auf das verwesende Leichenteil starrten. Er fletschte die Zähne, ganz so, als wollte er vor Wut den Fremden mit seinem Spaten totprügeln, doch er hielt sich zurück. Sofort stürzte er sich auf das Bein und zog es aus dem Boden. Es hing kein Körper mehr daran und er betrachtete es ganz genau.
„Was ist das hier, du Lügner?“, fragte er und hielt das Bein triumphal in die Luft.
Selbstsicher und ohne zu zögern, antwortete der Bucklige: „Das Bein eines Kriegsveteranen, der für unser schönes Land gekämpft hat. Ich stand direkt daneben, als er von einer Kanonenkugel in Stücke gerissen wurde. Ich möchte ihm die letzte Ehre erweisen, deshalb bin ich hier. Jetzt sehen Sie mich doch bitte nicht so an, als ob ich hier ein Verbrechen begehen würde!“
Aufbrausend schrie sein Gegenüber: „Ein Verbrecher, ja, das bist du, mieses Schwein! Du kommst jetzt mit mir! Ich rufe die Behörden und die werden sich um dich kümmern. Wenn du versuchst abzuhauen, schlage ich dich mit meinem Spaten, bis du keinen Laut mehr von dir gibst. Hast du mich verstanden?“
Während des Gebrülls schob der Totengräber das Bein beinahe unmerklich unter sein Gewand und streckte dem Alten erneut herausfordernd den Spaten entgegen. Dieser hielt die Hände weiterhin gen Himmel und folgte ihm ohne ein Widerwort. Sie wanderten der Witterung entgegen, unbeirrt und unaufhaltsam, nicht jedoch in die marode Hütte, sondern in eine kleine Kapelle am Nordende des Gottesackers.
Den Buckligen kostete es einige Mühen, Schritt zu halten. Am Haupteingang angekommen, kam der Totengräber gar nicht auf die Idee, nach dem Schlüssel zu suchen, sondern schlug auf das Türschloss mit seinem Werkzeug ein, bis es sich lockerte, und forderte den Verbrecher auf ihm zu folgen.
Was von außen so fantasielos aussah wie eine Kaserne in Sussex, war im Inneren jedoch prachtvoll geschmückt, vor allem aber war es trocken und sauber. Der alte Mann setzte sich auf eine der hinteren Bänke und ruhte sich einen Moment lang aus, schien aber stets bei allerbester Laune zu sein. Der Totengräber zündete einige Kerzen an, um die winzige Krypta ausreichend auszuleuchten. Er wollte gerade hastig und verschwitzt in einem Hinterzimmer verschwinden, als der Alte beherzt nach ihm rief:
„Wohin so eilig, werter Herr? Möchten Sie mich – einen verrückten Grabräuber – etwa hier auf diesem wundervollen, heiligen Boden allein lassen? Das wirkt in meinen Augen nicht wirklich gescheit, finden Sie nicht auch?“
Der Totengräber zitterte am ganzen Leib. Seine Augen wurden immer größer und glühten in einem diabolischen Rot. Er drehte sich zu seinem Gast und ging langsam auf ihn zu. Mehr als ein wildes Hecheln brachte er nicht mehr heraus. Zusammengekauert stand er nun inmitten des Hauptschiffs und starrte den Alten besessen an.
Dieser stand auf und stellte sich ihm entgegen. Sein Blick war ernst und hochkonzentriert. Seine Etikette ließ er von einem auf den anderen Moment fallen und fragte ernst und unverblümt: „Wo ist das Bein?“
Der Totengräber knurrte und seine Robe begann sich von selbst zu bewegen, als steckten darunter Hunderte, vielleicht sogar Tausende von kleinen Krabbeltierchen, die aufgewühlt umherirrten. Der Fremde zeigte jetzt kein einziges Anzeichen seines Alters und seiner Gebrechlichkeit mehr. Stattdessen stand er seinem Gegenüber aufrecht und mit ausgestreckter Brust entgegen.
„Knurrt etwa der Magen?“, fragte er und lächelte den Totengräber herausfordernd an. Plötzlich sah er, wie sich das Gewand immer weiter ausdehnte, direkt auf Höhe des Brustkorbs. Er hörte ein lautes Knirschen und ein unappetitliches Schmatzen, als stürze sich ein Rudel Wölfe gerade auf ein paar fette Schinken. Der Appetit kommt ja bekanntlich beim Essen.
Im Flackern der Kerzen zeigte sich nun endlich die wahre Gestalt des Totengräbers. Seine Robe wurde von innen heraus aufgefressen und auf seiner nackten Haut zeigten sich unzählige Mäuler wie von wilden Bestien, die in Windeseile den Stoff vertilgten. Die scharfen Zähne eines Raubtiers in einem gierigen Schlund. Doch bei diesem Mann saß dies nicht nur zwischen Kinn und Nase, sondern überall am ganzen Körper. Aus seinen Armen ragten sie, an seinem Bauch, seinen Beinen, selbst an seinem Hals schnappte ein Maul nach Futter und sie alle lechzten verzweifelt nach einer einzigen Sache: Menschenfleisch.
Das Biest mit den tausend Mäulern fiel auf alle viere und rannte blitzartig auf sein Gegenüber zu, doch dieser rührte sich nicht und blieb mutig in Position. In seiner Tollwut und seiner Gier bemerkte die Kreatur nicht, dass ihm der alte Mann eine Falle gestellt hatte. Zwischen den beiden hintersten Bänken hatte er ein Tau gespannt, als der Totengräber ihm gerade den Rücken gekehrt hatte.
An eben jenem Tau blieb das Monster in seiner Raserei hängen und fiel träge zu Boden. Mit einem gekonnten Schritt wich der Mann dem Biest aus und stürzte sich sofort an den garstigen Hals. Er nahm eine Spritze hervor, doch noch bevor es ihm möglich war, das Monster zu betäuben, schnappte es mit dem Maul an dessen Nacken zu und biss dem Mann in die Hand. Der gab einen schmerzverzerrten Schrei von sich, riss sich los und taumelte zurück. Aus seiner Wunde floss eine beträchtliche Menge Blut, doch auf den ungehemmten Schmerz konnte er keine Rücksicht nehmen.
Stattdessen entledigte er sich seiner eigenen Kutte, während das abartige Biest laut hechelnd aufstand und sich abermals auf ihn warf. In letzter Sekunde hatte der Mann am Boden angelegt und schoss dem Monster mitten ins Gesicht. Sein vermeintlicher Buckel war in Wirklichkeit eine großkalibrige Flinte, die er insgeheim auf dem Rücken getragen hatte.
Der bombastische Knall brachte das dünne Glas aller Fenster zum Scheppern und hallte noch einige Sekunden in seinen Ohren. Sein Opfer landete direkt neben ihm auf dem Boden. Der Schädel war sauber entzwei gerissen, tat es der Hand des Mannes gleich und blutete beinahe unaufhörlich. Die Mäuler gaben für einen kurzen Moment Ruhe, während der Kopf der Bestie sofort begann sich wieder zusammenzusetzen und ein neues, noch größeres Maul inmitten des Gesichts zu bilden.
Doch bevor das Monster erneut auf den Beinen stand und seine eigensinnigen Mäuler den Mann beißen konnten, spritzte dieser zügig die Opiummixtur aus seiner Tasche in den Hals des Ungetüms. Das äußerst starke Mittel nach eigener Rezeptur zeigte sofort Wirkung und das abnorme Biest lag beinahe tot mit ruhiger Atmung und langsamem Herzschlag vor ihm. Keines der Mäuler zeigte auch nur noch die geringste Regung.
Der Mann, der in dieser Nacht gezielt auf den Totengräber Jagd gemacht hatte, verband seine Wunde, löschte die Kerzen, vernichtete alle weiteren Beweise und wartete darauf, dass der Sturm ein Ende nahm.
Als Pastor Sinclair am nächsten Abend eine Bestattung vorbereiten wollte, war er entsetzt über seine Entdeckung. Die Tür der Kapelle war aufgebrochen worden, obwohl dieser nichtsnutzige Totengräber darauf achten sollte, dass kein Unbefugter den Friedhof betrat. Eben dieser hatte sich bisher noch nicht aus seinem heruntergekommenen Loch blicken lassen, doch sobald Sinclair ihm auf dem Friedhof begegnete, würde er ihm eine gehörige Rüge aussprechen.
Glücklicherweise war nichts von Wert entwendet worden, also beorderte er alsbald nur den Handwerker zur Reparatur des Schlosses her, doch auf dem Teppich fand er etwas sehr Sonderbares. Rote Flecken, der Geruch deutete auf Blut, möglicherweise Tierblut hin, und davon nicht wenig. Der Pastor entschloss sich dazu, diese Entdeckung geheim zu halten und nicht weiter darüber nachzudenken. In der kleinen Kapelle hielt sich zumindest niemand auf. Der Übeltäter war wohl schon geflüchtet.
Dass es sich bei dem Blut zum einen um das von Professor Atticus Delacroix und zum anderen um das einer seit vielen Jahren verfluchten Seele handelte, sollte Sinclair bis ans Ende seiner Tage niemals erfahren.
Professor Delacroix hatte sich zur Mittagszeit zu Bett begeben. In seinem Alter war es nicht sehr ratsam oder gar gesundheitsfördernd, eine wahre Ausgeburt der Hölle zu entlarven und eigenhändig zu bekämpfen, vor allem nicht zu so später Stunde. Die Wunde an seiner Hand war nicht tief und dennoch würde sie eine grässliche Narbe in seiner sonst so makellosen Haut hinterlassen.
Nicht viele Männer waren in diesem Alter noch so faltenfrei und strahlten einen solchen Tatendrang aus. Er hatte nie sehr auf sein Äußeres geachtet und war dennoch mit markanten Zügen und einer männlichen Statur gesegnet. Manch einer hätte ihn als schmächtig bezeichnet und tatsächlich hatte das letzte Jahrzehnt die Muskelkraft von Armen und Beinen in den Schädel flüchten lassen, er selbst war damit jedoch mehr als zufrieden.
Kurz bevor Delacroix in seinen Gemächern eingeschlafen war, zog die vergangene Nacht vor seinem inneren Auge vorbei. Das Gefühl des Regens auf seiner Haut kam ihm in den Sinn, wie das Blut in ihm hochkochte, als das Monster ihn brutal angriff, wie er es in einem großen Jutesack zusammenband und von ein paar Seeleuten am frühen Morgen vom Friedhof rüber in seinen Keller schleppen ließ.
Zum Glück hielt die Wirkung der Droge lange genug an, um es sicher im Käfig einzusperren, doch inzwischen war es erwacht und jaulte unermüdlich. Delacroix störten die wütenden Schreie der Bestie enorm. Er befand sich zwei Stockwerke darüber, hörte andauernd das Jaulen, Knurren und Hecheln und war dennoch kurz davor in einen tiefen Schlaf zu fallen.
Auf einmal hämmerte es laut an der Tür. Der Türklopfer in Form eines Löwen, der einen goldenen Ring in der Schnauze hielt, war im Nachhinein eine furchtbare Anschaffung und Delacroix verfluchte sich in diesem Moment dafür, dass er ihn je anbringen ließ. Er hätte die Tür stattdessen dreifach verstärken und Gitter vor den Fenstern anbringen lassen sollen, damit auch ja niemals erneut jemand auf die Idee kam, ihn zu stören.
Das Klopfen wurde schneller, der Wartende anscheinend ungeduldig und auch Delacroix platzte soeben der Kragen. Er zog sich seinen dicken Morgenmantel über und huschte von seinem Schlafgemach hinunter durch den Flur zur Eingangstür. Die Fenster waren allesamt fest verschlossen und zugedeckt, daher herrschte absolute Dunkelheit im Inneren des Hauses.
Nach zwanzig Jahren, in denen er bereits hier lebte, kannte er jedoch jede einzelne Treppenstufe, jeden Sprung in den Dielen und jede Ecke auch blind bis ins kleinste Detail. Von außen war dem Gemäuer klar anzusehen, dass es sich hier um das Heim eines Akademikers handelte. Ein solides Reihenhaus, mitten in der Innenstadt mit einer geringfügig prunkvollen Fassade und einer überwiegend funktionalen Aufmachung. Tatsächlich galt dies in den letzten Jahren als modern, eine solche Wirkung war vom Professor jedoch nie beabsichtigt.
Er öffnete die Tür und sah hinaus. Dort auf der Treppe zum Eingang stand ein Polizist in voller Montur, der gerade seine Nase rümpfte und dabei seinen auffälligen Schnauzer tanzen ließ. Erschöpft hing der Professor im Türrahmen, rieb sich die Augen, die sich an das viele Tageslicht gewöhnen mussten, und fragte den Beamten: „Was kann ich für Sie tun, Inspektor?“
„Constable“, korrigierte ihn der Mann sofort. „Ich habe gerade meine Runde durch die Stadt gedreht und wurde dabei von einigen Nachbarn angesprochen. Sie sagen, sie würden laute, schmerzhafte Schreie hören. Diese Schreie scheinen direkt aus Ihrem Keller zu stammen. Dürfte ich mich dort unten einmal umsehen, Herr …?“
„Professor“, korrigierte Delacroix nun den selbstsicheren Polizisten. „Professor Delacroix lautet mein Name. Dass Sie aus meinem Keller Schreie hören, ist vollkommen normal und jeden, den sie beunruhigen, bitte ich es zu entschuldigen. Tatsächlich treibt mich der Lärm ebenfalls in den Wahnsinn.“
Der Constable gab sich mit dieser Antwort ganz und gar nicht zufrieden. Er nahm den Knüppel vom Halfter an seinem Gürtel, legte ihn über seine Schulter und sah den Professor herausfordernd an.
„Von wem stammen denn die Schreie, wenn ich fragen darf? Halten Sie dort unten etwa jemanden gefangen?“
Delacroix rollte mit den Augen, nickte zustimmend und sprach sarkastisch: „Natürlich, ich halte da unten in meinem Keller einen halbverhungerten Mann gefangen, dem Zähne aus Oberarm und Schenkel wachsen. Jetzt machen Sie sich doch nicht lächerlich! Die Schreie stammen ja wohl kaum von einem Menschen, oder etwa doch, Sie Dilettant?“
Sein Ton machte den Constable verlegen. Delacroix hielt ihm für einen kurzen Moment die Tür auf, sodass er die Geräusche aus dem Keller besser hören konnte, jedoch nicht weit genug, als dass er ihn auffordere einzutreten.
Nach einer kurzen Prüfung und Bewertung des Lärms kam der Constable zu einer eindeutigen Schlussfolgerung: „Nein, ich stimme Ihnen zu, das klingt tatsächlich nicht wie ein Mensch. Aber was zum Teufel machen Sie denn dann da unten?“
Delacroix wurde langsam munter und überbrachte seine Antwort nun mit heiterer Laune: „Guter Mann, wenn Sie wüssten, wie oft ich das den Leuten schon erklären musste. Ich habe vor einigen Jahren meine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Ich bin Tierdompteur und habe da unten eine seltene Tierart, die ich versuche abzurichten.“
„Tiere?“, wiederholte der Polizist verwirrt. „Welche Tiere sollen das denn sein?“
„Strauße.“
„Strauße?“
So langsam verlor Delacroix die Geduld und er sehnte sich nach seinem Bett, weshalb sein Temperament an diesem Punkt die Zügel in die Hand nahm: „Ja, verdammt nochmal, das sind Straußenvögel aus den südlichen Kolonien und sie müssen für einen besonderen Empfang in wenigen Wochen dressiert werden. Sieben von diesen riesigen Vögeln habe ich da unten in meinem Keller und diese Dinger rauben mir den letzten Nerv, das kann ich Ihnen versichern! Dabei müssen sie schon in nur zwölf Tagen auf jedes meiner Worte hören, sonst dreht man mir gehörig den Hals rum. Es handelt sich hier um die Tiere ihrer Majestät, der Königin Victoria höchstpersönlich, also lassen Sie mich jetzt gefälligst meine Arbeit machen! Sie können von dannen ziehen und dasselbe tun, einverstanden? Ich wünsche einen guten Tag.“
Er wollte die Tür gerade schließen, da presste der Constable, der nicht einmal wusste, was ein Straußenvogel war, seinen rechten Fuß fest gegen die Tür.
„Ich werde mir diesen Keller jetzt ansehen, Professor.“
In Delacroix’ Vorstellung ließ sich der wütende Polizist bedeutend einfacher abwimmeln, doch egal wie verzwickt die Lage auch aussah, er wusste mit absoluter Sicherheit, dass die Polizei von Colchester nicht aus ehrbaren Männern bestand und jeder Einzelne von ihnen seinen Preis hatte. Für seinen übermütigen und lächerlichen Kommentar musste der Professor nun bedauerlicherweise zahlen, und zwar im wahrsten Sinne.
„Das steht Ihnen natürlich frei, Constable, aber was halten Sie davon, wenn ich Ihnen einen anderen Vorschlag mache?“
Er griff nach einem Beutel in seiner Garderobe nahe der Pforte und hielt ihn dem Constable unter die Nase.
„Statt meinem Keller inspizieren Sie diesen Beutel. Aber seien Sie gründlich, nehmen Sie ihn am besten mit nach Hause und machen Sie sich Ihr eigenes Bild. Ich könnte derweil weiterarbeiten. Was halten Sie davon?“
Neugierig griff der Polizist nach dem Säckchen, öffnete es und sah nach dem Inhalt. Der Beutel war gefüllt mit funkelnden Tahiti-Perlen, deren Wert das jährliche Einkommen des Polizisten bei Weitem überstieg. Bei diesem faszinierenden Anblick lief ihm das Wasser im Mund zusammen und er leckte sich gierig über die Lippen. Sofort schnürte er den Beutel zu, salutierte und sprach: „Herr Professor, ich wünsche Ihnen noch viel Erfolg bei der Straußendressur. Auf Wiedersehen.“
Delacroix lächelte freundlich und schloss die Tür. Seine Ungeduld und die faule Ausrede kamen ihn unfassbar teuer zu stehen, doch Geld war für ihn vollkommen belanglos. In diesem Moment zählte ohnehin nur sein Bett und sein innigster Wunsch bestand darin, schnellstmöglich den kostbaren Schlaf nachzuholen, den er in der vorherigen Nacht verpasst hatte.
Gerade hatte er die oberste Treppenstufe erreicht, da klopfte es schon wieder an seiner Tür. Dieses Mal zaghafter als zuvor. Zunächst dachte Delacroix, er befinde sich bereits im Tiefschlaf und träume nur von dem Klopfen, doch als es nach einiger Zeit erneut ertönte, war ihm klar, dass er sich noch immer in der realen Welt aufhielt. Abermals öffnete er die Pforte und stützte sich sofort am Türrahmen ab, die Augen beinahe vollständig geschlossen.
„Was ist?“, nuschelte er vor sich hin.
„Sind Sie Professor Delacroix?“
„Ja“, antwortete Delacroix, der gerade ausgesprochen kurz angebunden war. „Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?“
Der aufgeregte junge Mann mit dem schwarzen Scheitel, dem violettblauen Mantel und den vornehmen, belgischen Stiefeln setzte sein freundlichstes Lächeln auf und antwortete: „Guten Tag, Professor. Mein Name lautet Silias Bennet, ich stamme ursprünglich aus Abingdon und habe dort in den letzten sechs Jahren Rechtswissenschaften studiert. Ich bin derjenige, der Ihnen in den vergangenen Wochen die Briefe zukommen ließ, wissen Sie?“
Erschöpft murmelte Delacroix: „Briefe? Welche Briefe?“
„Ich habe Ihnen zehn-, vielleicht sogar zwanzigmal geschrieben, Sir. Sind diese Briefe nicht bei Ihnen angekommen?“
Nach kurzer Zeit erinnerte er sich an den Berg an Schreiben, der sich seit einer Weile in seinem Arbeitszimmer angesammelt hatte. Bisher war er nicht dazu gekommen, auch nur in einen einzigen Brief einen Blick hineinzuwerfen.
„Ach so, ja, doch natürlich, die liegen drinnen auf meinem Schreibtisch, die Briefe.“ Gerade kam ihm ein ganz anderer Gedanke in den Sinn: „Moment mal. Bitte sagen Sie mir, dass Sie nur zufällig hier sind und nicht von Abingdon den weiten Weg hierhergekommen sind, nur um mich persönlich zu treffen?“
„Doch, natürlich, so ist es! Seit dem siebten Schreiben kündige ich mein Kommen bereits an. Ich wollte Sie schließlich nicht einfach so überfallen.“
Der Professor vergrub sein Gesicht tief in den Händen und begann lautstark zu murren. Nach einer Weile brachte er es zustande, dem jungen Mann klarzumachen, dass seine Bemühungen vergebens waren: „Hören Sie, Mister …“
„Bennet, Sir.“
„Mister Bennet, ich bedauere es zutiefst, aber leider habe ich meinen Lehrstuhl an der Universität schon vor einiger Zeit aufgegeben und habe auch ganz sicherlich nicht vor, zu ihm zurückzukehren.“
Bennet war schockiert von diesen schlechten Neuigkeiten und versuchte sofort ihn vom Gegenteil zu überzeugen: „Aber Professor, das meinen Sie doch nicht ernst, oder? Sowohl in Oxford als auch in Cambridge hat man sich Geschichten über Ihre Begabung erzählt. Ihr Intellekt ist nicht nur außergewöhnlich, Sie vermögen es auch, wie kein anderer Akademiker Ihr Wissen mit der Welt zu teilen. In Ihrem Unterricht hat selbst der faulste oder dümmste Schüler Wissen erlangen können. Egal ob in der Körperlehre, der Mathematik, der Alchemie, selbst die Physik und Medizin. Sie sind ein Meister aller Fächer, vor allem der Naturwissenschaften und da mich gerade diese Lehren von klein auf am meisten fasziniert haben, wünsche ich mir nichts mehr, als all die Geheimnisse der Welt, die noch auf mich warten, von Ihnen zu erfahren.“
„Sagten Sie nicht gerade noch, Sie haben Rechtswissenschaften studiert?“, fragte Delacroix, der selbst darüber verwundert war, dass er sich dieses belanglose Detail trotz seiner Übermüdung merken konnte.
„Rechtslehre habe ich nur zu Ehren meines Vaters studiert. Naturwissenschaften sind jedoch meine wahre Leidenschaft. Ich kann Sie auch bezahlen oder meine Schuld abarbeiten, wenn Sie das erlauben, Sir. Bitte geben Sie mir die Chance, bei Ihnen in die Lehre zu gehen.“
Im Eifer und der Sturheit des jungen Bennets sah Delacroix ein wenig seiner selbst, was seine Entscheidung jedoch nicht weiter beeinflusste. Er verabschiedete sich mit den Worten: „Verzeihen Sie mir, aber ich kann leider nichts für Sie tun. Ich wünsche Ihnen dennoch viel Erfolg mit Ihren Studien und alles Gute für Ihre Zukunft.“
Er schloss die Tür. Bis in sein Schlafzimmer wollten ihn seine Beine nun gar nicht mehr tragen. Stattdessen ging er im Erdgeschoss in sein Arbeitszimmer und setzte sich dort in seinen alten bequemen Sessel. Er schloss nur für einen kurzen Moment die Augen, da klopfte es zum dritten Mal an diesem Tag an der Vordertür. Dieses Klopfen weckte ihn schlagartig und jagte ihm einen gehörigen Schrecken ein.
Wutentbrannt und energischer als je zuvor trabte er zum Haupteingang und öffnete die Tür. Tatsächlich war dieser Besucher jemand, auf den er schon seit einigen Tagen wartete.
„Professor Atticus Delacroix?“, fragte der feine Herr mit dem dünnen französischen Schnurrbart, dem faltenfreien Frack und den schimmernden weißen Handschuhen.
„Ja, genau der bin ich und ich denke, ich werde noch heute an Müdigkeit dahinscheiden. Ignorieren Sie, dass meine Augen ständig zusammensacken, und sagen Sie gerne, was Ihr Begehr ist. Ich höre zu, auch wenn es nicht den Anschein erweckt, keine Sorge.“
Der vornehme Herr nickte und behielt seine elitäre, gerade Haltung bei.
„Mein Name lautet Bernard. Ich bin der Butler von Lord Damien Welch. Sie führten regen Schriftverkehr mit meinem Herrn, nicht wahr?“
Delacroix stimmte zu. Endlich begriff er, mit wem er es hier zu tun hatte, und sammelte nun all seine Konzentration, um dessen Worten aufmerksam zu lauschen. Der Butler fuhr fort.
„Nun, Ihre Lordschaft ist zurzeit äußerst verzweifelt. Auf seinem Landsitz Ipswich Castle wurde eingebrochen, allerdings auf eine besondere Art und Weise. Da die Justiz ihn schwer enttäuscht hat und sich bei diesem Verbrechen nicht zu helfen weiß, hat er mir befohlen, Sie hier zu besuchen und Sie davon zu überzeugen, mich unverzüglich mit nach Suffolk zu begleiten.“
„Nach Suffolk? Jetzt sofort? Worum geht es denn genau?“
Bernard zierte sich ins Detail zu gehen und geleitete den Professor stattdessen zur Kutsche am Straßenrand.
„Das sollte Ihnen Ihre Lordschaft wohl besser selbst erklären. Die Kutsche steht bereit, wir können sofort aufbrechen, sofern Sie nichts Dringendes mehr zu erledigen haben. Für Verpflegung ist gesorgt, es wird Ihnen auf der Fahrt an nichts mangeln.“
Der Professor zog sich zurück, ließ die Tür für den Butler jedoch offen stehen. Er packte seine wichtigsten Utensilien in einen alten Lederkoffer, zog seinen azurblauen Mantel, seinen flachen Zylinder und die bequemen, schwarzen Herrenstiefel an und kehrte zurück in den Flur. Er schloss die Tür hinter sich zu, sperrte sorgfältig ab und lauschte noch einmal dem Geschrei aus dem Keller. Für den Moment schätzte er den Lärm als akzeptabel ein. Irgendwann würde das Biest im Käfig ja vielleicht sogar ermüden.
Danach drehte sich Delacroix zu seinem Besucher und sagte mit einem energischen Nicken: „Das Einzige, woran es mir gerade mangelt, ist Schlaf. Können Sie mir den ebenfalls in Ihrer Kutsche verschaffen?“
„Selbstverständlich, Sir. Ich werde schweigen wie ein Grab und die Sitzkissen fühlen sich an wie die Wolken des Olymps“, antwortete Bernard, während sie sich zur Kutsche begaben.
„Wir sind da, Sir.“
Der Professor war tief in einem seiner Albträume gefangen, als Bernard ihn weckte. Mit einem schreckhaften Ruck sprang er in seinem Sitz auf und atmete schwer. Dennoch fühlte er sich nach ein paar Minuten weitaus wohler als am Tag davor, schließlich hatte er sehr lange und fest schlafen können.
Zu Beginn der Fahrt war er sofort ins Reich der Träume abgetaucht und wachte erst gegen ein Uhr nachts auf. Nach einer Plauderei mit dem Butler schlief er die Morgenstunden ebenfalls durch und um zehn Uhr morgens erreichten sie Ipswich Castle.
Es war ein prächtiger Landsitz, von einigen Dienern ständig gepflegt und in Schuss gehalten. Die Ringmauer machte einen soliden, beinahe unumstößlichen Eindruck und das, obwohl sie nur zehn bis zwölf Meter hoch war. Delacroix hatte bereits weitaus höhere Mauern gesehen, doch, was er so bisher noch nicht gesehen hatte, war das Bauwerk inmitten dieser Mauern. Ipswich Castle war ganz eindeutig keine Festung, die einmal in einen Krieg verwickelt war. Vielmehr war es ein Zeugnis von unermesslichem Reichtum und gänzlich überflüssigem Prunk. Inmitten all der Türme und künstlerisch ansprechenden Strukturen des Schlosses stand ein Turm, der bis hoch in den Himmel ragte.
Bernard wollte den Professor gerade hineinbegleiten, doch dieser sprach noch für einen kurzen Moment mit dem Kutscher über das Wetter. Tatsächlich war es hier in Suffolk angenehm mild und strahlender Sonnenschein schien den Herren ins Gesicht. Nur bei genau solchen Wetterverhältnissen kam Ipswich Castle zu voller Geltung, genau derer, die es verdiente.
Im Hof empfing sie der Lord höchstpersönlich. In Purpur und Pelz trat er dem Professor entgegen, viel zu exzentrisch für dessen Geschmack. Der wohlgenährte Lord Welch kam Delacroix mit offenen Armen entgegen und begrüßte ihn mit den Worten: „Ah, der Herr Professor, es freut mich Sie hier auf meinem Land willkommen zu heißen.“
Dann schüttelte er ihm kräftig und wohlgesonnen die Hand, während er sich für einen kurzen Moment seinem Butler zuwandte.
„Bernard, ich bin entzückt, so schnell hätte ich dich nicht zurückerwartet. Deine Überredungskunst zeigt mal wieder wahre Wunder.“
Noch im selben Moment richtete sich seine Aufmerksamkeit auf den Professor und er fuhr an jener Stelle fort, an der er eben aufgehört hatte: „Dennoch bin ich untröstlich darüber, dass Sie uns aufgrund solcher Umstände zum ersten Mal beehren. Glauben Sie mir, wenn ich könnte, würde ich es aus der Welt schaffen, aber ich weiß mir einfach nicht mehr zu helfen. Ich habe sogar die besten Männer Scotland Yards kommen lassen und selbst diese standen vor diesem Fall wie ein paar Ochsen vor einem Berg.“
Welchs blondes Haar fiel ihm während des Sprechens andauernd ins Gesicht und er strich es immerzu hinter sein Ohr. Je aufgeregter er sprach, desto öfter musste er es zurechtrücken.
Der Professor sah sich im weitläufigen Burghof um und fragte zunächst: „Sagen Sie mir doch erst einmal, was passiert ist, und ich werde sehen, was ich tun kann.“
„Aber natürlich, Professor. Vor genau einer Woche wurde hier eingebrochen.“
„Eingebrochen? In einer solchen Festung? Wer würde denn bitte in Ipswich Castle einbrechen und unbemerkt davonkommen?“
Der Lord kratzte sich verlegen am Kopf, fuchtelte beim Sprechen nun immer mehr mit den Händen umher und sprach ein wenig aufgeregt: „Nun, wenn ich das wüsste, hätte ich Sie nicht herholen lassen.“
Delacroix kam einen Schritt näher und flüsterte dem Lord und seinem Butler zu: „Ich bin ganz direkt, Lord Welch, bei einer solch sicheren Burg wie Ihrer sagt mir mein Instinkt, dass der Täter einer Ihrer Dienstleute sein muss. Ein Außenstehender käme wohl kaum auf eine so wahnsinnige Idee, denken Sie nicht auch?“
Enttäuscht schüttelte Welch den Kopf und entgegnete: „Das war auch mein erster Gedanke, aber die Situation ist doch etwas komplizierter. Sehen Sie den Turm dort drüben?“
Der Professor musste den Kopf weit in den Nacken legen, um die Spitze des Turms zu sehen. Er war mit Sicherheit fünfunddreißig, vielleicht sogar vierzig Meter hoch, ein atemberaubendes Monument, welches ganz und gar nicht den Eindruck erweckte, als gehöre es zum Rest der Festung.
Lord Welch fuhr fort: „Dort im obersten Stockwerk ist mein Lesezimmer. Und in diesen Raum wurde eingebrochen, allerdings führt nur eine einzige Tür hinein und den Schlüssel zu dieser Tür trage ich zu jeder Zeit fest an meinem Körper.“
„Sind Sie ganz sicher, dass Ihnen der Schlüssel nie entwendet wurde? Es wurde auch keine Kopie angefertigt oder ein Dietrich verwendet?“
„Wenn ich es Ihnen doch sage, Herr Professor, die Tür machte nicht den Eindruck, als wäre sie je von jemandem außer meiner selbst geöffnet worden. Weder gewaltsam noch mit einem Schlüssel. Da ist jedoch noch etwas anderes.“
Der Professor sah Welch fragend an und wartete geduldig auf seine Erklärung. Dieser schien mehr und mehr beschämt, je länger das Gespräch andauerte.
„Das einzige Fenster des Turms lässt sich nicht öffnen. Der Täter hat es zerstört. Die Glasscherben liegen noch immer dort drüben auf dem Boden. Sehen Sie!“
Er deutete auf den Platz am Fuße des Turms. Delacroix näherte sich der besagten Stelle, kniete sich hin und analysierte den Boden akribisch. Die Scherben erweckten kaum sein Interesse, stattdessen hatte er sein Augenmerk auf etwas Anderes gerichtet.
Welch, der höchst gespannt auf die detektivischen Fähigkeiten des Professors war, trat noch etwas näher an ihn heran und fragte leise: „Ganz unter uns, Delacroix, aber ich habe Sie nicht nur kommen lassen, weil ich Sie für einen intelligenten Mann halte. Sie haben damals in Ihren Briefen mit so etwas gedroht. Haben Sie vielleicht etwas damit zu tun?“
Misstrauen war klar in seiner Stimme zu erkennen. Empört sah der Professor Welch an und entgegnete ihm belehrend und mit erhobenem Zeigefinger: „Ich habe lediglich gesagt, dass an einer so historischen Stelle etwas Beunruhigendes geschehen könnte, und das nur aufgrund der Vorgeschichte des Kastells, die mich, ganz nebenbei gesagt, zu gegebener Zeit interessiert hatte. Aber, dass man hier einbrechen würde, daran habe ich nicht im Traum gedacht, Lord Welch.“
Der dicke Lord atmete enttäuscht aus.
„Na schön, so sei es denn. Geben Sie mir bitte sofort Bescheid, wenn Sie etwas herausgefunden haben!“
Delacroix stand auf und schaute noch ein wenig ratlos im Burghof umher. Dann fragte er ganz in Gedanken: „Ich hätte da noch einige Fragen. Was wurde gestohlen?“
„Meine wertvollste Büchersammlung. Es ist von höchster Wichtigkeit, diese Dinge wieder aufzutreiben. Der Täter soll meinetwegen in der Hölle schmoren, doch die Bücher sind gewissermaßen unersetzbar.“
Danach fügte er noch angespannt hinzu: „Hören Sie, Professor, ich muss mich nun um meine eigenen Angelegenheiten kümmern. Wenn es noch irgendwelche Fragen gibt, dann stellen Sie diese an Bernard, er weiß genauso viel über die Burg wie ich selbst. Sollte das Prozedere länger andauern, haben wir für Sie natürlich ein Zimmer vorbereitet. Abendbrot gibt es um acht Uhr. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und fühlen Sie sich in meiner Festung bitte wie zuhause. Ich empfehle mich.“
Der Lord zog sich zurück und Bernard, der gerade aus dem Foyer zurückgekehrt war, nahm nun seinen Platz an der Seite des Professors ein. Diesem war völlig klar, dass der Lord rein gar nichts Wichtiges zu erledigen hatte und nur den Eindruck schinden wollte, ein vielgefragter Herr zu sein. Dieses Wissen wollte der Professor nutzen und ihn sofort wieder in Anspruch nehmen. Er sah erneut auf den Boden am Fuße des Turms und dann hinauf an die Spitze. Nun grübelte er laut vor sich her: „Dort hinaufzuklettern wäre wahnsinnig, finden Sie nicht auch, Bernard?“
„Ich stimme zu, Sir.“
Delacroix streckte seine Hand zu Boden, griff zu und legte den Inhalt in seine Tasche. Bernard konnte sich keinen Reim darauf machen, denn die Glasscherben lagen weiter daneben. Wozu also den Dreck vom Boden aufheben, wenn doch die Hinweise eindeutig weit davon entfernt waren? Der Professor packte ein handliches Fernrohr aus seiner Tasche und sah sich die Fassade des Turms genauer an.
„Ich korrigiere mich“, sagte er.
Bernard hob eine Augenbraue und wartete gespannt.
„Es ist nicht wahnsinnig dort hochzuklettern. Es ist absolut unmöglich. Der Turm wird im obersten Stockwerk breiter. Sollte man also versuchen ihn mit Werkzeug zu besteigen, ist spätestens am unteren Rand des Lesezimmers Schluss. Einen Enterhaken, der so lang ist und mit solch einer Wucht geworfen werden kann, dass er diese Höhe zurücklegt, habe ich bisher auch noch nicht gesehen. Man hätte ihn möglicherweise mit einer Kanone hochschießen können, aber das hätte jemand gehört. Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass hier nicht mit Hilfsmitteln gearbeitet wurde. Wie viele Bedienstete gibt es bei Ihnen, Bernard?“
„Acht an der Zahl, mich mit eingeschlossen.“
„Zählen Sie diese bitte auf!“
„Nun, Sir, da wäre der Koch, die beiden Dienstmägde, der Stallknecht, der Gärtner, der Schmied und der Hauswart. Denken Sie, einer von denen ist der Täter?“
Delacroix fuhr sich mit der Hand durch den dichten Bart und starrte ins Leere. Endlich kam er zu sich und lächelte den Butler freundlich an.
„Noch ist es zu früh auf solche Gedanken zu schließen. Ich möchte das Ganze vorerst abstrakt sehen und dem Täter nichts anrechnen, was noch nicht bewiesen wurde. Zeigen Sie mir doch bitte das Lesezimmer!“
Sofort begaben sich die beiden in das Innere der Burg. Die Einrichtung glich der opulenten, äußeren Aufmachung und Delacroix konnte ganz offensichtlich erkennen, dass diese Festung nicht zum Schutz, sondern als ein Prestigeobjekt erbaut wurde. Sie fragten den Lord nach dem Schlüssel, doch dessen Misstrauen war inzwischen zu groß und er bestand darauf, die Tür persönlich zu öffnen. Auf dem Weg nach oben erzählte er dann voller Stolz, dass Ipswich Castle ursprünglich im Mittelalter erbaut wurde und den damaligen Earls of Norfolk unterstand. Dieser Klan, die Bigod-Familie, waren die direkten Vorfahren von Lord Welch. Nachdem sie in einige Revolten und Konflikte gegen die englische Krone verstrickt waren, ließ Heinrich II die Burg vernichten, um den Bigods Macht, Ansehen und Land zu nehmen.
Lord Welchs Vater hatte das Land vor mehr als fünfzig Jahren zurückgekauft und ließ ein neues Ipswich Castle nach seiner Vorstellung erbauen, um die Bigods zu ehren. Lord Welch erbte sowohl das Vermögen als auch die Festung und ließ sie vor einigen Jahren noch etwas vergrößern und verschönern, damit sie eine zeitgemäße Einrichtung erhielt, die sich nicht nur auf das Austragen einer Schlacht konzentrierte. Er kam aus dem Schwärmen beinahe nicht mehr heraus und legte dabei den Weg nach oben mühelos zurück.
Endlich an der Spitze des Turms angekommen, musste der Professor eine kurze Pause einlegen. Er stützte die Hände auf die Knie und atmete angestrengt. So viele Treppen auf einmal hatte er zuvor wohl noch nie bestiegen. Das Schloss der Zimmertür besaß keine besondere Sicherung, war jedoch stabil und auf den ersten Blick eindeutig nicht defekt. Wenn der Lord die Wahrheit gesagt hatte, musste ihm jemand den Schlüssel entwendet haben, um hineingelangt zu sein.
