In Zebra-Schuhen - Jasmin P. Meranius - E-Book

In Zebra-Schuhen E-Book

Jasmin P. Meranius

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Beschreibung

Dreizehn Jahre hat Susanna in dem festen Glauben gelebt, dass Johannes sie liebt. Ihre Baumwollunterwäsche. Netflix und Pizza am Abend. Auf dem Sofa kuscheln. Doch plötzlich steht die Welt Kopf: Johannes ist weg! Und nun? Wie startet man am besten in ein neues Leben? Indem man sich ein neues Selbst anschafft. Aus Susanna wird kurzerhand Anna, die sich komplett neu erfindet. Und die genau zwölf Wochen Zeit hat, Johannes zurückzuerobern ... "Die wundervolle Hauptfigur schließt man in ihrem Chaos sofort ins Herz. Sehr lustig und unterhaltsam!" Wolfram Koch, "Tatort"-Kommissar in Frankfurt

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Seitenzahl: 461

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Jasmin P. Meranius

In Zebra-Schuhen

Wenn es sich erst halbiert, um sich dann zu verdoppeln

Roman

Titelseite

Für alle Susannas, die dieses Buchsoeben in den Händen halten!

Textbeginn

Es war einmal eine junge Frau, die hasste Türgriffe. Sie hatte Angst, sich an ihnen anzustecken. So würde meine Geschichte wohl anfangen. Glaube ich zumindest. In einem Märchen hätte ich die alte Drehtür ins Gebäude demnach nur mithilfe einer guten Fee überwinden können. Und vielleicht hätte ich es ohne ihre Zauberkraft nicht einmal überlebt. Das wäre dann das frühe Ende meiner Geschichte.

Ist es aber nicht!, denke ich und atme mit neuem Mut, meinen altbekannten Bammel übertünchend, tief aus. Meine Geschichte, Johannes nach der Trennung zurückzugewinnen, fängt gerade erst an. Genau hier, in dieser großen und fremden Stadt: Frankfurt am Main. Denn ich habe die Drehtür bereits im Rücken und streiche meinen durchnässten Wintermantel im Foyer eines von Gründerzeit und Äppelwoi geprägten Gebäudes glatt. Das Abenteuer Imagewechsel-für-die-Liebe hat begonnen, Susi, sage ich zu mir selbst, während ich mich mit weit aufgerissenen Augen umschaue. Ich spüre, wie Adre­nalin meine Adern durchflutet und mich von Sekunde zu Sekunde berauschter fühlen lässt. Ich schätze, ein Pulsmessgerät würde es mir bestätigen: Ich war noch nie lebendiger in einer Zeit schwermütigen Liebeskummers.

»Geht es dir gut?«, ertönt eine Stimme. Sie gehört zu einem Kerl, kaum älter als ich selbst, der mich offenbar bei meinem emotionalen Moment beobachtet hat und ungläubig hinter seinem Empfang hervortritt. Er überragt mich um einen ganzen Kopf. Meine Augen wandern über den Großstädter mit dunklem, dichtem Haar und einem Schnitt, der aussieht, als wäre er keiner, und bleiben an einem gewissen Punkt stehen. Besser gesagt: bei seinem weißen Hemd. Es lugt knitterig unter dem schwarzen Jackett hervor, auf eine Weise, dass ich mich frage, ob es gewollt ist oder ein Versehen. Beinahe vergesse ich, auf seine Frage zu antworten.

»Klar geht es mir gut.« Ich neige schnell den Blick. Ja, Knitterhemd hin oder her, der Kerl sieht zweifelsfrei gut aus. Bedeutend attraktiver, als mir gerade lieb ist.

»Na dann.« Er schmunzelt. Zwei Grübchen neben dem Mund, der eindeutig ein spöttisches Lachen unterdrückt, kommen zum Vorschein. »Und ich habe schon gedacht, heute früh hätte nicht nur mein Wecker kläglich versagt.«

Augenblicklich werden meine Wangen heiß und erröten. Spielt er etwa auf meine Haare an?, frage ich mich verlegen und ein wenig empört zugleich. Gespielt gleichgültig klemme ich mir die wirren Locken hinters Ohr. Dabei funktioniert mein Wecker nebenbei bemerkt einwandfrei, und selbst wenn er es nicht täte: Der hilft nicht bei Haarproblemen, sondern ein Glätteisen. So wie übrigens Bügeleisen. Genau das sollte ich ihm sagen. »Mit meinem Wecker ist alles bestens«, stammele ich, sobald ich dazu imstande bin, deute ein Lächeln an und drehe mein Gesicht zur Seite. Ich gebe zu, dass die kleinen, gekräuselten Locken auf meinem Kopf ebenso gut an einer anderen Körperstelle wachsen könnten. Und gerade das fanden alle irgendwann einmal niedlich.

Wieso hat das bloß aufgehört?

Da spüre ich, wie der Blick aus den großen dunkelbraunen Augen meines Gegenübers belustigt an mir nach oben wandert, wie meiner an ihm kurz zuvor, bis zu meinem Haar, als hätte er die Katastrophe erst jetzt bemerkt. Dann wandert besagter Blick sogleich wieder nach unten, zu meinen Füßen.

Sekunde mal – Füßen?

Ein Blitz durchfährt mich – heißkalt –, als ich meine Zehen bewege.

Verdammt!

Ich habe doch nicht etwa …? Ich halte die Luft an, was die Rötung in meinem Gesicht noch erhöht, und folge unauffällig seinen ­Blicken. Doch ich weiß es längst. Ich habe tatsächlich meine Zebrahaus­schuhe an – das erste Geschenk, das Johannes mir damals gemacht hat – und vor lauter Nervosität vergessen, sie vor dem Aussteigen gegen die neuen Pumps zu tauschen. Wie konnte mir das nur passieren? Okay, ich wollte Blasen an den Fersen vermeiden. Jeder weiß, wie furchtbar neue Schuhe sind. Außerdem …

Das muss ein Alptraum sein, unterbreche ich meine eigenen Gedanken.

Das ist ein Alptraum!

Der junge Mann zieht vergnügt die dunklen Augenbrauen hoch, als könnte er meine Gedanken lesen, und lacht ungeniert laut auf. »Und du bist wirklich sicher, dass alles bestens ist? Es scheint mir eher, als …«

»Du hast recht! Das ist eine Katastrophe!«, platzt es aus mir he­raus, mehr an mich selbst gerichtet. Langsam die Contenance verlierend, schaue ich mich hektisch um, in der Hoffnung, den Seat Ibiza meiner Mutter zu sehen, aus dem ich kurz zuvor ausgestiegen bin. Und in dem sich meine verdammten Pumps-Dingsbums befinden.

»Halb so wild. Ich bin mir sicher, dazu gibt es eine gute Geschichte.«

»Schön wär’s«, stoße ich aufgeregt aus, fummele mein Smartphone aus meiner Tasche und tippe eine Nachricht an meine Mutter.

»Klar. Es gibt fast immer eine.«

»Vielleicht, ja. Wahrscheinlich. Sie ist aber nicht interessant genug.« So wie alles an mir. Ich blicke hastig mit dem Smartphone in der Hand über die Schulter zurück in Richtung Ausgang. »Wo ist meine Mutter, verflixt?«

»Eigentlich mag ich Geschichten, die einen erst auf den zweiten Blick ansprechen.«

Ich beschließe, darauf besser nicht weiter einzugehen, und setze stattdessen eine zweite SOS-WhatsApp ab.

»Du schreibst wohl lieber, als zu sprechen, was?«

»Ich bin ja auch Texterin, damit ich verdiene ich mein Geld«, sage ich, ohne aufzublicken. Ich kann mir nun mal nicht vorstellen, dass sich die Leute für mich interessieren.

»Klug von dir.«

Ich schweige peinlich berührt, weil ich nicht weiß, ob es als Kompliment oder Beleidigung gedacht war. Da schiebt er hinterher: »Und wie geht’s jetzt weiter?«

Seine Frage ist berechtigt. Verdammt berechtigt sogar. Wieder blicke ich hektisch zurück zur Drehtür. Als ich meine Mutter noch immer nicht entdecken kann, passiert es: Vor meinem inneren Auge spult sich ein Katastrophenfilm ab. Er zeigt, wie ich in meinen ausgelatschten Zebraschuhen die neue Stelle in dieser fremden Stadt antreten muss und in Rekordgeschwindigkeit Aufsehen erregen werde, indem ich mich zur Lachnummer der ganzen Werbeagentur mache. Was sage ich da: der ganzen Mainmetropole. Doch Aufgeben ist keine Option! Verzweifelt drehe ich mich wieder zu dem Knitterhemd vor mir um und ringe mir ein tapferes Lächeln ab, das sagt: Hey, das mit den Zebras ist doch ulkig, gar nicht peinlich. Es gibt keinen Grund, mich zu schämen. Vergebens suche ich nach der passenden Stimme dazu und frage mich ernsthaft, ob der Moment überhaupt noch peinlicher werden kann. Da höre ich die flötende Stimme meiner Mutter hinter mir.

Also ja, er kann.

»Spätzchen, Susi, jetzt hast du schon wieder etwas verschusselt. Und diesmal meine ich nicht den Friseurtermin.«

Eine Mischung aus Erleichterung und Scham überkommt mich. Ich beschließe, sie elegant wegzulachen. »Danke, Hanne«, presse ich hervor, nehme die Schuhe entgegen und schiebe meine Mutter durch die Drehtür wieder nach draußen. Ja, ich nenne meine Mutter beim Vornamen, besser gesagt: bei ihrem Spitznamen. Hanne­lore mache sie alt, sagt sie immer, und streng genommen ist sie das ja auch. Während ich versuche, meinen Puls in den Griff zu kriegen, zwänge ich mich mit hochrotem Kopf und – was die Sache nicht gerade einfacher macht – mit zwei Paar Handschuhen an den Fingern in die Absatzschuhe hinein. Dabei bewege ich mich auf einem Bein hüpfend im Zickzack durch das Foyer, weg von dem Gebläse, um den Keimen, die da rausgeblasen werden, manöverartig auszuweichen.

»Sieht ganz so aus, als würdest du so einiges über dich nicht erzählen wollen«, bemerkt mein Gegenüber mit einem gespielt sorgenvollen Blick und stützt mich am Unterarm, weil ich einbeinig fast das Gleichgewicht verliere.

»Hast du mir nicht zugehört? Über mich gibt es nichts Interessantes zu erzählen.« Ob es genauso düster und depressiv rübergekommen ist, wie es sich anfühlt? Ich räuspere mich und versuche es noch einmal. »Zumindest nichts, das dich etwas angehen würde, verstanden?« Ruppiger als gewollt reiße ich mich los, sobald ich endlich zwei Schuhe an den Füßen trage, die nicht zu hundert Prozent aus Teddy­plüsch bestehen.

»Na schön, ich wollte dich nur aufziehen. Verrätst du mir wenigstens deinen Namen?«

»Meinen Namen?« Verdattert runzele ich über die Hartnäckigkeit dieses merkwürdigen Mannes die Stirn. Täusche ich mich, oder versucht er gerade trotz der peinlichen Nummer, nett zu mir zu sein? Welch eine Ironie, aber er ist nicht mein Typ. Er ist schließlich nicht Johannes. Dumpfer Herzschmerz keimt auf. »Nein, besser nicht«, sage ich, bemüht, nicht in meinem Elend zu ersaufen.

»Und wie soll ich dich dann nennen, wenn ich dich oben ankündige – Spätzchen oder Susi?«

Der Groschen ist gefallen.

Ich erröte, verärgert darüber, dass dieser Kerl mir wahrhaftig noch immer gegenübersteht und das ganz plötzlich wie ein Schaulustiger an einem Unfallort, die Arme auf dem Rücken verschränkt, und mir dabei zusieht, wie mein Hallux valgus schon jetzt mit den engen Schuhen kämpft. Und für eine Sekunde habe ich ganz vielleicht angenommen, er würde mit mir flirten. »Für dich immer noch Susi«, brumme ich. »Nein, ich meine Susanna! Anna! Man nennt mich von nun an Anna. Bitte nicht Susi. Auf keinen Fall Susi, hörst du?« Mit zusammengekniffenen Augen versuche ich, seinen Namen auf dem Schild am Jackett zu lesen. »Verstanden, Adrian?«

»Okay. Aber ich heiße Arian. Und man nennt mich Arian.«

»Arian. Fein. Das macht auch keinen großen Unterschied.«

»Doch. Macht es.«

Ja, ich weiß, denkt die Texterin in mir augenrollend. Ziemlich genau einen Buchstaben. Ich strecke den Rücken durch und sage mit beinahe fester Stimme zu Arian, der anscheinend so etwas wie ein Concierge ist: »Also schön, Arian, ich beginne gleich meinen ersten Tag in der Wortfabrik, was schon schlimm genug ist für jemanden wie mich, wie du unschwer festgestellt hast. Und wenn ich da jetzt nicht sofort raufgehe, beginne ich ihn auch noch verspätet.«

»Dann bist du die neue Senior Texterin? Wäre ich gar nicht drauf gekommen. Deine Vorgänger waren alle deutlich … Na ja, redegewandter als du.«

»Ich bin ja auch Junior-Texterin. Ich meine, das war ich mal, bis ich gekündigt habe. Jetzt bin ich erst mal wieder … Praktikantin, oder so ähnlich.«

»Du hast deinen Job gekündigt, um wieder Praktikantin zu werden? Warum?«

»Ich hatte meine Gründe.«

Ich ernte einen mitleidigen Gesichtsausdruck von Arian. »Verstehe. Alles noch mal auf Null setzen, was? Zweiter Stock, Anna-und-nicht-Susi.«

Ich ziehe ertappt die Augenbrauen hoch. Kurz darauf ziehe ich sie ärgerlich wieder zusammen. »Tust du mir einen Gefallen? Kündige mich einfach dort oben an, und zwar als Anna! Bitte einfach Anna, okay?«

»Klar, Anna, wenn es sonst nichts ist? Aber irgendetwas sagt mir, dass es nicht bei diesem einen Gefallen bleiben wird.«

Ohne einen weiteren Kommentar steuere ich den Lift an. Ein wenig umständlich betätige ich mit dem Ellbogen den Knopf, auf dem sicherlich tausende Keime nur darauf warten, mich zu erwischen und den ich beim besten Willen trotz meiner Handschuhe nicht berühren will. Dabei bin ich so konzentriert auf das, was mich da oben erwartet, dass ich eine Weile brauche, ehe ich kapiere, dass jemand hier unten etwas durchs Foyer ruft. Dabei höre ich es deutlich. Nur gilt es irgendwie nicht mir – zumindest fühle ich mich nicht angesprochen. Oder doch?

»Anna, ich sagte links!«

Sekunde mal, ich bin doch Anna – verflixt, zumindest wollte ich das im Rahmen meines Imagewechsels sein. Mein Kopf fährt herum. Arian deutet mit ausgestrecktem Arm nach links. »Wenn du nicht in die Gynäkologie willst, musst du den linken Lift nehmen. Nicht den rechten.«

Tatsächlich. Es gibt zwei Firmennamen und zwei Aufzüge, die in unterschiedliche Gebäudeteile führen. Ich setze mein reizendstes Lächeln auf. »Klar doch. Danke.«

»Kein Ding! Viel Glück da oben in der Höhle der Löwen. Also, für deine Zebras, meine ich. Ich glaube, sie werden es brauchen.«

Ehe ich mir über Arians Worte ernsthaft Gedanken machen kann, öffnet sich zum Glück die Lifttür. Als sie hinter mir wieder schließt, trete ich mit klopfendem Herzen an den Spiegel heran.

Zähnecheck? Jap. Ein Fauxpas pro Tag genügt.

Winterbedingte Lederhandschuhe ausziehen? Check.

Nervös schnaubend öffne ich den Reißverschluss meines Wintermantels, um mir Abkühlung zu verschaffen. Mit zunehmender Aufregung beäuge ich meinen engen Bleistiftrock, dann den laut meiner Mutter dazu passenden Blazer, bevor ich anschließend ein wenig an meinem verkrumpelten weißen T-Shirt zupfe, denn es sieht auf einmal so aus, als gehörte es nicht dorthin. Dabei habe ich es in der Früh in meinen Rock gestopft, so, wie die Verkäuferin es mir erklärt hat.

Normalerweise trage ich Jeans und leger sitzende Shirts in allen erdenklichen Erdfarben, dazu eine hellgraue Strickjacke und bequeme Sneaker, mein Haar zu einem Messie-Dutt gebunden. Zumindest würde ich das so angeben, wenn ich meine eigene Vermisstenanzeige herausgeben müsste. Was ich natürlich nicht muss – vorausgesetzt, dieser Fahrstuhl wird regelmäßig gewartet.

Das wird er doch, oder etwa nicht?

Bevor mich der nächste innere Katastrophenfilm übermannen kann, öffnet sich die Lifttür. Mit meinem Wintermantel unter dem Arm betrete ich kleinschrittig mit an den Körper gepressten Ober­armen mein neues Leben, und das auf zehn Zentimeter hohen Pumps – die nebenbei bemerkt ganz klar meine ersten und letzten sein werden. Mehr verloren als enthusiastisch stehe ich da und warte geduldig ab. Als ich nach ein paar Minuten zu der Erkenntnis ­komme, dass mich dieser Arian offensichtlich nicht angemeldet hat und demnach keiner mehr kommen wird, um mich in Empfang zu nehmen und aus meiner unbehaglichen Situation zu retten, betrete ich mit stärker werdendem Herzklopfen auf eigene Faust die Agentur. Es ist nicht irgendeine Agentur. Es ist die Frankfurter Werbeagentur, für die ich kurzentschlossen alles riskiert habe und die mir dafür mein Leben zurück­geben soll, das Johannes heißt! Er war es, der mich vor ein paar Jahren überreden wollte, mich zu bewerben, und zwar genau hier! Was ich natürlich nicht getan habe. Heute weiß ich: Das war ein großer Fehler! Doch ich bügele ihn aus. Für Johannes. Dieses Großraumbüro im loftigen Fabrikhallenstil und seine Schreib­tische, die nur durch halbhohe Glaswände mit bunten Post-its getrennt sind, ist meine letzte Chance, meinem Liebsten zu beweisen, dass ich mich ändern kann. Bei all der offenen, kommunikativen Atmosphäre versuche ich auszublenden, dass blickdichte Trennwände und Plätzchen, an denen man sich verkriechen kann, Mangelware sind. Dabei bewundere ich gerade das und auch, was dieses Büro über die Menschen, die hier arbeiten, aussagt. Denn sie benötigen augenscheinlich nicht nur sehr viel Raum, um kreativ zu sein, sie genießen es auch. Oder sind es ihre Egos, die diesen Raum verlangen? Ein Zweifel keimt auf. Wie soll ich – mäßig kreativ, mit einem geringen Platzbedarf und gänzlich ohne Ego – diesen Raum nur füllen? Ich frage mich erneut, ob das Ganze hier eine gute Idee war; ob ich für Johannes so werden kann wie die Frauen hier, oder ob ich nicht einfach wieder gehen sollte. Zu allem Übel sehe ich nur erschreckend selbstbewusste Menschen – stylisch hip in auffäl­ligen Klamotten, inspiriert von ihresgleichen aus diversen Modemagazinen. Besonders einer unter ihnen erregt meine Aufmerksamkeit: Ein Mann mit nach hinten gekämmtem, graumeliertem Haar, das Ton in Ton in den gepflegten, kurzen Bart übergeht, steht nur wenige Meter von mir entfernt am Schreibtisch einer hübschen Blondine mit einem Tablett in der Hand und bringt ihr einen Kaffee. Diese scheint – ihrem verträumten Blick nach zu urteilen – vollkommen gefesselt zu sein von dem, was er sagt. Oder von seinen stechend blauen Augen, dem bezaubernden Lachen und den trainierten Oberarmen, die sich unter seinem Longsleeve abzeichnen. Die Kollegen um sie herum sind anscheinend vergessen. Erst Sekunden später wird mir bewusst, dass der besagte Kaffeebote mich gerade angesprochen hat, und ich versuche, mich trotz seiner Wirkung zusammenzureißen und selbstbewusst zu antworten, sobald er zu Ende gesprochen hat – so, wie man es in einer erwachsenen Konversation nun mal macht.

»Die meisten wissen gar nicht, dass es eigentlich Vulva heißt und nicht Scheide, mich eingeschlossen«, sagt er unvermittelt.

»Wie bitte?«, frage ich regelrecht überfahren nach.

Da deutet er auf eine aprikosenartige Betonfigur, neben der ich stehe, und hält mir eine Kaffeetasse hin, die ich mit einem zaghaften Kopfschütteln ablehne. Breitschultrig stellt er sich neben mich, den Blick geradeaus auf das Kunstding gerichtet, auf das er ein zweites Mal deutet, ehe er nun zu mir gewandt weiterspricht. »Pardon, deinen Blicken nach zu urteilen, scheine ich dich mit meiner Offen­barung in Verlegenheit gebracht zu haben.«

Als ich das Vergnügen in seinen Augen bemerke, das ihm mein Erröten offenbar bereitet, tue ich es mit einer lässigen Geste ab und trete instinktiv einen Schritt zurück. Er schmunzelt.

»Sorry, die Vulva soll eigentlich die frauenfreundliche Firmen­philosophie dieser Agentur unterstreichen und nicht Frauen abschrecken«, erklärt er mit einer tiefen Stimme, die beruhigend wirkt. Jedoch nicht beruhigend genug, um die Schamesröte zu vertreiben, die sich gleich in Form von Stressflecken auf meinen Hals ausweiten wird, wenn er das Wort Vulva noch ein weiteres Mal ausspricht.

»Nein, schon gut, sie ist wirklich vorbildlich … Also, die frauenfreundliche Philosophie, meine ich«, stammele ich und finde, die Vulva sollte doch besser in der Gynäkologie ein Stockwerk tiefer hängen und nicht in dieser Werbeagentur.

»Sag mal, und du möchtest ganz sicher keinen Kaffee? Ich meine, zur Beruhigung?«

»Nein, danke«, entgegne ich und vermisse schon jetzt mein altes Leben.

»Ich bin übrigens Pet. Das Mädchen für alles.«

»Susanna Sonnenburg, die neue Praktikantin. Heute ist mein erster Tag.«

»Ich weiß. Du bist meine Verstärkung.« Erst jetzt wage ich, mich seinen stechend blauen Augen etwas länger auszusetzen, die trotz der Furchen um sie herum fordernd wirken wie die eines Kindes und mich genauso anstrahlen wie kurz zuvor die Blondine. »Komm, ­Susanna. Ich zeige dir deinen Schreibtisch.«

»Danke. Auch dafür, dass ich hier nicht die einzige unterbezahlte Stelle mit miserablen Arbeitszeiten und wenig Aussicht auf eine Fest­anstellung sein werde.« Ich hätte ja noch vor zwei Minuten nicht glauben können, das so schnell sagen zu können, aber Pet und ich haben etwas gemeinsam. Am Schreibtisch angekommen, beäuge ich ihn, stelle meine Tasche darauf ab und sage: »Wow, höhenverstellbar? Damit habe ich meinem alten Chef jahrelang in den Ohren gelegen. Jeder weiß, dass zu langes Sitzen die Gefahr für Verkalkungen der Herzgefäße erhöht.«

Pet lacht plötzlich laut auf, als würde ich scherzen, was ich nicht tue, dennoch erwidere ich sein Lachen und breche ein wenig überdreht in Gelächter aus.

»Schön, dass er dir gefällt, Susanna. An ihm wirst du in den nächsten Wochen viel Zeit verbringen. Du hast sicher von dem Parfümhaus-Mayer-Pitch gehört, der uns bevorsteht. Wenn wir unseren besten Kunden halten wollen, müssen wir mindestens fünf Schritte weiterdenken als der Wettbewerb. Wir dürfen nichts dem Zufall überlassen. Doch wenn ich dich so betrachte …« Sein Blick scannt jeden Zentimeter meines Körpers ab. »… bist du dafür auch nicht der Typ.«

»Das sieht man?«, frage ich erschrocken und betrachte die modischen Löcherjeans des Praktikanten.

Dieser zwinkert mir zweideutig zu. »Sagen wir so: Man sieht, dass du den Geschäftsführer beeindrucken willst.«

»Nein, nur meinen … neuen Vermieter«, flunkere ich und erspare mir auszuführen, dass dieser im tätowierten Körper einer jungen Frau steckt, die noch nicht ganz in meinem Alter sein dürfte und sich mit zwielichtigen Internet-Blogs als selbsternannte Influencerin oder Online-Kolumnistin etwas dazuverdient. Stattdessen füge ich hinzu: »Mein Vermieter ist sehr zugeknöpft, da wollte ich auf Nummer sicher gehen. Man kennt doch den Wohnungsmarkt in Frankfurt und was man ihm so nachsagt. Normalerweise trage ich was anderes.« Ich deute zum Beweis auf meinen Koffer voller nigelnagelneuer Klamotten, den ich später noch in mein neues WG-Zimmer bringen werde. »Und jetzt sollte ich den Geschäftsführer aufsuchen, ich bin spät dran!« Und mich umziehen, und zwar sofort!

»Na dann, bis gleich, Susanna!«

»Klar, bis gleich.«

Ich würde gerne behaupten, dass die neue Anna sich wegen der gefloppten Kleiderwahl gut geschlagen hat und nicht wie die alte Susi knallrot geworden ist – doch das hat sie nicht, wie mir meine prickelnden Wangen verraten.

Umso aufgebrachter laufe ich zu den Damentoiletten und ziehe mich blitzschnell um. Wieder in der Agentur angekommen, schleiche ich mit Röhrenjeans und Bluse, die einen Schlips-Print hat, über den Gang und versuche mir dabei wieder und wieder Johannes’ Stimme vorzustellen, wie er sagt, dass er mich noch immer liebt und ich kein bisschen peinlich aussehe. Dabei klammere ich mich an meinen Koffer und fühle mich an meinen ersten Arbeitstag damals erinnert; klein und unfähig.

»Hi«, sage ich mutig zum ersten Großstadtschönling, der mir über den Weg läuft. »Wo finde ich denn den Geschäftsführer?«

Ohne mir große Aufmerksamkeit zu schenken, deutet er wortlos auf einen Glaskasten, der in der Mitte des Großraumbüros steht, wie eine Raucherinsel an einem Bahnhof, und von dem sternförmig die Schreibtische der Mitarbeiter abgehen. Und in dem sich nur der Praktikant, Pet, beim Putzen eines Whiteboards verdingt. Ich klopfe an die offen stehende Glastür und lächle Pet lautlos an, der gerade mit einem Schwamm eine Gedankenwolke wegwischt. Er dreht den Kopf zu mir und erwidert mein Lächeln überschwänglich.

»Hey, Susanna, da bist du ja wieder«, sagt er. »Und du hast dich umgezogen.«

»Ja, sieht ganz so aus«, sage ich.

Eine Kollegin – besser gesagt, ein Heidi-Klum-Klon – steckt den Kopf zur Tür herein und sagt: »GF, wir brauchen dich dringend für einen Schulterblick im Konfi. Und zwar, bevor Blut fließt.«

»Zwei Minuten. Biete den Streithähnen zur Überbrückung einfach einen Boxhandschuh an, bis ich da bin. Und ein Pflaster«, antwortet Pet entspannt und lehnt sich mit überkreuzten Knöcheln an den Schreibtisch.

»GF?«, stammele ich leise und sehe dem Klon nach, wie er beinahe rennend den Glaskasten verlässt, als wollte er sicherheitshalber nicht nur ein Pflaster, sondern gleich einen ganzen Verbandskasten holen. Dann sehe ich Pets belustigten Blick und spüre, wie meine Wangen zu prickeln beginnen. Wieder einmal.

»Sagte ich nicht, dass ich Pet bin? Wie Peter Schmitthammer?«, fragt er freudig.

»Peter Schmitthammer? Der Name, der draußen an der Tür steht? Du bist der Geschäftsführer?« Mein Herz beginnt zu klopfen. Auf eine Art, wie es nun mal klopft, wenn man seinen neuen Chef gerade beleidigt hat. Oder sich vor ihm bis auf die Knochen blamiert hat. Und das gleich mehrfach. »Entschuldigen Sie, ich dachte wohl …«

»Dass ich der Praktikant bin?«

»Es tut mir wirklich sehr leid.«

»Und mir tut leid, dass ich dich vielleicht ein kleines bisschen in dem Glauben gelassen habe. Ich finde es immer mal wieder ganz schön, nicht der Boss zu sein, weswegen ich solche Situationen ­gerne ausnutze.«

»Und ich nutze jede Gelegenheit, um sie zu einer peinlichen Sache werden zu lassen. Ich habe mich total daneben benommen.«

»Sehr gut! Das klingt doch, als würden wir beide ein Spitzenteam werden!« Mein neuer Chef schmunzelt, fährt sich über den gepflegten Bart und stützt die Arme auf der Schreibtischplatte ab. »Noch mal von vorn: Ich bin Peter Schmitthammer, der GF, und du kannst mich auch weiterhin duzen.«

»Susanna Sonnenburg aus Sommerkahl. Schön, dich duzen zu dürfen.«

Pet lacht auf. »Susanna Sonnenburg aus Sommerkahl, das ist eine wirklich bezaubernde Alliteration. Wusstest du, dass auch ich ursprünglich aus der Ecke stamme?«

Nein, denke ich und hänge gedanklich noch an einer anderen Stelle fest. Ich meine, mal im Ernst: Bezaubernd? Ich? So etwas Nettes hat Johannes mir lange nicht gesagt. Ich betrachte diesen Mann mittleren Alters, der mich auf eine Art ansieht, wie ich Zeit meines Lebens noch nie angesehen wurde. Womöglich liegt das daran, dass ich den gut und gerne zehn Jahre älteren Mann anglotze, so, als wäre er der erste anziehende Typ Ende dreißig, den ich in meinem Leben sehe. Im Grunde genommen ist dieser Mannjetztmein Boss – und ich? Ich bin seine bezaubernde Alliteration. Was auch immer das bedeuten mag.

Doch eins nach dem anderen.

Antworte endlich, Susi!, schreie ich mich innerlich an. Nun sag schon was und steh nicht da wie ein Frischling, dem es die Sprache verschlagen hat. Du bist schließlich Texterin! »Sommerkahl ist kein Vergleich zu dieser tollen Stadt! Du hast eine wirklich beeindruckende Agentur, Pet«, quetsche ich durch die Zähne.

»Siehst du, Susanna. Kaum wissen die Leute, wer ich bin, schon sind sie nicht mehr sie selbst«, sagt er schulterzuckend. Da passiert es: Pet Schmitthammer erhebt sich von der Tischkante, macht einen Schritt auf mich zu, sieht mich dabei aus nächster Nähe ein paar Sekunden länger an, als gut für mich ist, und hält mir die Hand hin. Oh verdammt, sieht der Kerl gut aus! Und erst diese Hände …

Doch es hilft nichts. Einen Moment lang zögere ich.

Erwähnte ich schon, dass mir an schlechten Tagen nicht nur Türgriffe oder Knöpfe in Aufzügen Sorgen bereiten, sondern auch Hände?

Heute ist so ein Tag!

Noch immer starre ich auf Pet Schmitthammers Hand.

Dann auf meine behandschuhten Finger und stelle dabei fest, dass ich vergessen habe, die Baumwollhandschuhe auszuziehen.

Sicher denkt Pet, dass ich sie trage, weil ich Probleme habe. Doch da liegt er eindeutig falsch. Die anderen Leute haben Probleme mit meinen Handschuhen. So wie Johannes. Die Absurdität meiner aufkeimenden Gedanken ist mir bewusst, doch ich war nun mal nicht grundlos vier Monate, drei Wochen und fünf Tage lang krank­geschrieben. Die Frage eines Psychologen nach dem auslösenden Moment, das für meinen desaströsen emotionalen Zustand verantwortlich war, lässt sich schnell beantworten: Johannes hat Schluss gemacht. Und zwar aus heiterem Himmel. Keine Ahnung, wie lange man für gewöhnlich braucht, um eine Trennung zu verdauen. Ich, Susi Sonnenburg, habe jedenfalls ziemlich lange gebraucht.

Und brauche noch immer, wie man sehen kann.

Ja, ich habe Liebeskummer, seit genau vier Monaten, drei Wochen und fünf Tagen. Doch wer zählt schon die Zeit, die seit dem verteufelten Tag vergangen ist? Oder die Schokoladenpapierchen (588), die sich seitdem in meinem alten Kinderzimmer im Haus meiner Eltern angesammelt haben, in das ich kurzerhand mit achtundzwanzigdreiviertel wieder zurückgezogen bin?

Während ich das viele Blut, das ich meinem immer schneller ­werdenden Herzschlag zu verdanken habe, bereits in meinen Ohren rauschen höre, schreit alles in mir auf, etwas zu unternehmen. Anstatt seine Hand zu schütteln, locker und unbelastet, starre ich sie an. Um die peinliche Situation nicht noch weiter aufzublähen, beginne ich widerwillig und in Zeitlupe, den Handschuh abzustreifen, Finger für Finger. Und ergreife ergeben die warme Hand meines Chefs. Als sich unsere Hände berühren, stelle ich überrascht fest: Ich lebe!

Selbst, als er sachte zudrückt: nichts. Keine merkwürdigen Gedanken in meinem Kopf, kein sofortiges Krepieren – nur, wieso nicht?

»Willkommen, Susanna!«

»Danke. Und Pet«, sage ich feierlich, während ich seine Hand nun kräftig schüttele, »nenn mich gern während der nächsten Wochen Anna. Susanna klingt viel zu … gewöhnlich. Und eine Junior-Texterin in einer ungewöhnlichen Agentur wie dieser sollte alles andere sein als das.«

»Ich verstehe.« Pet Schmitthammer nickt. »Mir scheint, da will wohl jemand etwas abschütteln.«

Ich will so einiges abschütteln, zum Beispiel diesen grauen Kittel, den ich Zeit meines Lebens trage. »Abschütteln?«

»Na, den Juniortitel.« Pet Schmitthammer lächelt prüfend – vielleicht ist es auch ein Auslachen –, und das noch immer, ohne meine Hand loszulassen. Was mir phänomenalerweise noch immer nicht den Boden unter den Füßen wegzieht.

»Vielleicht ein klein wenig«, gestehe ich verlegen. Dass ich Johannes nicht nur zeigen will, was meine neue Unterwäsche nach diesem Praktikum-unter-Frauen-die-man-will in der Großstadt draufhat, sondern auch, was ich als Texterin draufhabe, behalte ich jedoch für mich. Ja, ich muss unbedingt Karriere machen. So wie Johannes. Hier in dieser Agentur verliere ich meine berufliche Jungfräulichkeit: meinen Juniortitel.

»Wenn wir schon so offen plaudern: Ist das denn möglich, Pet? Es hieß, die Stelle wäre befristet.«

»Ich weiß, man sagt mir nach, dass ich nicht unbedingt besonders zuversichtlich wirke, wenn es um eine Stellenvergabe geht, aber das hier ist mein zuversichtliches Gesicht. Bleib einfach dicht an mir dran, Susanna. Dann wird das schon werden. Womöglich auch über deine Befristung hinaus.«

»Im Ernst? Das wäre wundervoll. Ich stehe selbstverständlich bereit, und das so dicht, wie es nötig ist.«

Das werde ich auch. Am Ende bin ich sonst nach den drei Monaten hier arbeitslos und noch unattraktiver für Johannes als jetzt schon. Pet Schmitthammers Miene erwächst währenddessen zu einem Lachen. Ich versuche, dem nicht zu viel beizumessen. Wenn ich es tun würde, müsste ich nämlich erröten und annehmen, dass er flirtet. Die Intensität seiner Blicke könnte darauf schließen lassen. Dabei könnte ich seine Tochter sein. Na gut, nicht ganz, aber die Tochter seines älteren Bruders und somit seine Nichte. Ist das zu glauben? Oder etwas paranoid?, frage ich mich und falle in sein ansteckendes Lachen mit ein. Ja, vielleicht bin ich ein wenig zu überdreht. Ich spüre, dass etwas in Gang kommt. Zum ersten Mal seit Monaten. Ich strecke den Rücken durch, als würde ich erwarten, jeden Augenblick eine Ehrenmedaille umgelegt zu bekommen – was sich nach der überaus ritterlichen Händeschüttel-Nummer auch ein klitzekleines bisschen so anfühlt. Ja, ich glaube, mein Plan kann aufgehen! Johannes wird gar nicht anders können, als mich zurückzuwollen, wenn ich Senior Texterin einer namhaften Agentur bin. Er wird sehen und anerkennen, durch welche großartige Schule ich für ihn gegangen bin. Würden meine neuen Dessous nicht gerade so schrecklich kneifen, könnte ich glatt meinen, ich würde träumen.

* * *

Wie ich meinen ersten Tag in der neuen Agentur erlebt habe, fragt Hanne per WhatsApp.

Wie durch einen Schleier!, antworte ich.

Er lichtet sich tatsächlich erst unter der grellen Straßenlaterne, als ich vor dem Hauseingang des neugebauten weißen Hauses, nur wenige Straßen von der Agentur entfernt, in meiner Handtasche krame. So viel weiß ich schon mal: Die Wohnung, die für die nächste Zeit so etwas wie mein Zuhause sein soll, befindet sich im Trendviertel Sachsenhausen und direkt neben einer stillgelegten Fabrik, die als Veranstaltungsstätte herhält und mir sicherlich nachts den Schlaf rauben wird. Doch ich will nicht jammern; alles ist neuwertig und sauber, beruhige ich mich und meine Keimphobie, während über mir wie an einer Perlenschnur aufgefädelt ein Flieger nach dem anderen startet. Gerade kann ich mir kaum vorstellen, dass ich mich jemals an ein Leben hier – ohne Jo – gewöhnen werde.

»Hey, du bist doch mein neues Roommate, nicht wahr?«, höre ich eine piepsige weibliche Stimme neben mir. Sie gehört zu einem zierlichen Persönchen mit beängstigend wachem Blick für die späte Uhrzeit, platinweiß gefärbtem Haar, das in der Dunkelheit beinahe ebenso leuchtet wie ihre knallig geschminkten, vollen Lippen, die ich auf Anhieb als das Schönste in ihrem Gesicht erkenne. Mit leichten Schatten unter den etwas hervorstehenden Augen schiebt sie sich an mir vorbei, fummelt hibbelig ihren Schlüssel ins Schloss und ­blockiert mit ihrer riesigen Designerhandtasche die Tür.

»Ja, hallo. Ich bin für die nächsten drei Monate deine Untermieterin«, sage ich, greife nach meinem Koffer und presse die blaue Ikea­tüte, in der mein Bettzeug ist, fester an meinen Körper.

»Nette Ikeatüte. Ich bin Ina.«

»Susanna, aber nenn mich bitte Anna. Das hat sich irgendwie so ergeben. Also, das mit der Plastiktüte.«

»Verstehe. Ich bin übrigens deine Vermieterin.«

»Ich weiß, wir haben uns neulich bei der Wohnungsbesichtigung schon mal getroffen.«

»Oh, wirklich?«

Ich suche für zwei Sekunden nach den passenden Worten, um dem Moment nicht noch mehr Peinlichkeit beimessen zu müssen, als er sowieso schon enthält. »Ja, und danke, dass das mit dem Zimmer so kurzfristig geklappt hat, Ina.«

»Kein Ding.« Sie geht in Overknees und einem kurzen Rock in einer eleganten Bewegung in die Hocke, sodass beinahe ihre Po­­backen hervorlugen, schnappt sich meinen Koffer und bedeutet mir, ihr zu folgen. Dann schwankt sie mit dem guten Stück auf ihren dünnen Absätzen durch das Treppenhaus, als würde das Gewicht des Koffers sie jeden Augenblick umwerfen.

»Soll ich den Koffer nicht vielleicht besser nehmen?«, frage ich, besorgt, sie könnte umknicken und sich auf den dünnen Absätzen irgendwas brechen.

»Keine Sorge, meine Jimmy Choos können das ab. Es war wohl einfach ein winziges Gläschen zu wenig.«

»Jimmy wer?«, frage ich. »Nicht, dass mich das etwas angehen würde«, setze ich hastig hinzu.

»Folgst du etwa nicht meinem YouTube-Channel? Das solltest du aber, wenn du in dieser Stadt überleben willst. Und jetzt will ich einfach nur einen Joint rauchen. Ich zeig dir schnell dein Zimmer. Du kannst mir auch morgen noch von den Abgründen erzählen, die dich in meine Wohnung geführt haben. Die Miete für die Woche kannst du mir gleich hinlegen.«

Ich sehe Ina, meine neue Vermieterin und Mitbewohnerin, an – ebenso ihre Tattoos, die hier und da vorwitzig hervorschauen –, um festzustellen, ob das mit dem Joint ein Witz sein sollte und zu dem Entschluss zu kommen, dass sie es ernst gemeint hat. Denn sie und das lange dicke Zigarettending, das sie aus ihrer Jacke zaubert, verschwinden ohne Umwege in ihrem Zimmer. Ich lasse meine Handtasche und meine Ikeatüte sachte neben meinen Koffer auf den Boden gleiten, steige aus meinen Pumps hinein in meine Zebras und schlurfe zaghaft durch die Erdgeschosswohnung. Sie hat vier Zimmer und ein geräumiges Wohnzimmer mit einer modernen Kochinsel mitten im Raum, die aussieht wie eine unbenutzte Attrappe. Weißer Hochglanz, mit einer dunklen, glänzenden Granitsteinplatte. Es riecht ein wenig aufdringlich nach Duftkerzen – künstliche Vanille. So wie beim letzten Mal. Auch die unzähligen weißen Buddhafiguren starren mich wieder ungeniert aus den Regalen heraus an, als würden sie mein Spiel durchschauen. Die Wohnung ist geräumig, und im Gegensatz zu meinem Zuhause steht nicht überall etwas herum, sodass man nicht das Gefühl haben muss, im Chaos zu ersaufen. Etwas, das Johannes sicherlich immer an mir gestört hat: die Chaotin in mir. Ich schaue zur Terrasse mit dem kleinen Gartenstück, das ganz im japanischen Stil aus Bambuspflanzen und weißen Kieseln besteht. Und noch mehr weißen Buddhas. Die Zimmerwände sind ebenfalls weiß und der Boden – wen überrascht es? – ist mit weiß-grauen Holzdielen belegt, die im Vergleich zu den alten Eichendielen bei meinen Eltern makellos wirken. Alles wirkt makellos und scheint akkurat seinen Platz in diesem Kosmos gefunden zu haben. Nur ich nicht. Nicht einmal ein Geschirrspültuch hängt in der Küche. Dafür fehlt eine entscheidende Sache: Johannes.

Ich betrachte laut schnaubend halbleere Sektgläser und Wein­flaschen mit bunten Etiketten, die wie gewollte Farbkleckse zwischen den wenigen hellen Möbeln stehen. Riesling, Winzer Egli. Der Weinbedarf meiner Vermieterin scheint groß zu sein, stelle ich fest und versuche, es nicht zu bewerten. Doch bei aller Liebe finde ich, dass eine gesunde Dosis dabei nicht überschritten werden dürfte.

Oder doch?

Testweise schnuppere ich an einer offenen Flasche. Dann an der nächsten. Und rümpfe die Nase. Nein, selbst mein neues Ich fühlt sich zu jung für diesen Fusel.

Ich kralle die Fingerspitzen in meine Oberarme.

Dabei habe ich mir so Annas Leben in der Großstadt vorgestellt. Besser gesagt: Hätte Johannes sich Anna so in seinen Träumen vorgestellt. Immerhin war das hier streng genommen irgendwie seine Idee. War es doch, oder?

Verdammt, wieso fühle ich mich schlagartig so weit weg von Zuhause? Ich habe den Eindruck, dass der schicke Boden unter meinen Zebras nachzugeben droht. Schon vom bloßen Hinschauen bekomme ich eine Ahnung davon, was ich für Johannes schleunigst in meinem Leben ändern sollte. Dabei kann ich Veränderungen nicht ausstehen; sie mich im Übrigen auch nicht.

Ich merke, wie meine Mascara verläuft, und wische mir die Tränen aus den Augenwinkeln.

Ob ich nicht doch besser dort hätte bleiben sollen, wo ich Zeit meines Lebens hingehörte? Bei meinen Eltern in unserem charmanten, aber kleinem fliederfarbenem Haus mit grünen Klappläden, in das ich nach der Trennung kurzerhand wieder zurückgezogen bin? Dabei ist auch mein Elternhaus nicht mehr das, was es Zeit meines Lebens einmal war. Als ich ausgezogen bin, um bei Johannes einzuziehen, und Omi ins Heim ging, hatten meine Eltern beschlossen, das Haus nach über fünfzig Jahren zu renovieren.

Johannes´ erste Worte damals waren, dass es von jetzt auf gleich zum schönsten Haus in der Straße wurde – und er hatte recht. So, wie er immer recht hat. Und genau das wird er auch über mich sagen, wenn wir uns nach meinem Praktikum das nächste Mal begegnen werden.

Gedankenversunken taumle ich durch das Wohnzimmer, ohne zu wissen, wohin oder wieso, und suche etwas Vertrautes, das ich zur Beruhigung fokussieren kann, um nicht wieder einmal vorzeitig das Handtuch werfen zu müssen. Dann entdecke ich eine verwelkte Zimmerpflanze auf dem Fensterbrett. Eine Stathiphyllum, mitten in der Großstadt. Die haben wir auch zuhause, denke ich und erkenne mich auf eine erschreckende Art und Weise in ihr wieder. Zu unser beider Trost zupfe ich bedächtig ein braunes Blatt nach dem anderen ab. Dabei bekomme ich gar nicht mit, dass zwischenzeitlich jemand den Raum betreten hat.

»Du? Wieso wundert mich das nicht?«, höre ich.

Erschrocken wirbele ich um die eigene Achse, als hätte ich etwas Verbotenes getan. Und verdrehe schlagartig die Augen. Das, was ich sehe, sehe ich heute nicht zum ersten Mal. Hilfe! Ob er mich etwa stalkt? »Arian? Was machst du denn hier?«

»Dir beim Blätterzupfen zuschauen. Jetzt verstehe ich auch, weshalb sie unter all den Bewerbern ausgerechnet dich als Untermieterin ausgewählt hat.« Arian öffnet den Kühlschrank, um ihn kurz darauf mit einem Halbfett-Bio-Joghurt in der Hand wieder zu schließen.

Ich wende mich von der Pflanze ab und schiebe meine Arme hinter den Rücken. »Du tust ja gerade so, als wäre Blätterzupfen etwas Unnormales.«

»Glaube mir, Anna, das ist es.«

Ich beobachte, wie Arian sich durch diverse Schubladen arbeitet, ehe er einen kleinen Löffel gefunden hat.

»Aber man sollte eine Stathiphyllum nicht einfach eingehen lassen«, sage ich mit ernster Stimme.

»Sagt wer?«

»Sag mir lieber, was du hier machst?«

»Wohnen. Zumindest immer dann, wenn mir danach ist.« Der Löffel verschwindet erst im Joghurtbecher, dann in seinem Mund. Er lutscht ihn genüsslich ab.

»Wohnen? Hier?« Über diese Information muss ich ernsthaft einen Moment lang nachdenken. »Hier wohnen noch mehr Leute als nur meine Vermieterin und ich?«

»Ich sagte, ich wohne hier, wenn mir danach ist. Du verstehst?«

Wenn ihm danach ist?

Wonach?

Nach Ina, der Vermieterin?

Ja, ich beginne zu verstehen und suche peinlich berührt nach den richtigen Worten. Ich suche eigentlich immer danach, schließlich bin ich Texterin und kannte schon als Kleinkind solche Worte wie Selbstsabotage, doch etwas hält mich gerade davon ab. Es ist diese schmerzvolle Leere, die mein Denken seit vier Monaten blockiert, als ­könnte nur einer sie füllen. Hilfe, er fehlt mir. Er fehlt mir so unsäglich.

Arian und ich sehen uns schweigend an.

Als er seinen Joghurt geleert hat und ein spöttisches Grinsen unterbindet, vermutlich wieder mal wegen meiner Zebras, werde ich mir der Lächerlichkeit meines melancholischen Gemüts bewusst. Hastig schnappe ich mir mit einem knappen: »Ich pack dann mal aus«, meine Sachen und verziehe mich wortlos in mein neues Zimmer.

Dreizehn Quadratmeter.

Zumindest stand das in der Anzeige. Ein großer, weißer Spiegelschrank an der Wand. Gegenüber ein weißes Futonbett. Ein dazu passender Nachttisch und eine unechte Zimmerpflanze aus Plastik, die von einer ausgefallenen Deckenlampe angestrahlt wird. Große bodentiefe Fenster, keine Gardinen. Nicht mal ein Bild an der Wand. Es wirkt steril, wie in einer Klinik, nur schöner, so, wie ich es mir für mein besseres Ich ausgemalt habe.

Ehe ich noch tiefer in das schwarze Loch falle, stelle ich den Bilderrahmen, der sonst zuhause auf dem Nachttisch über mich wacht, behutsam neben das Bett.

Johannes sieht atemberaubend gut aus auf dem Bild.

Bis heute weiß ich nicht, wieso er ausgerechnet mich damals dazu eingeladen hat, mit ihm in sein Baumhaus zu klettern. Da waren wir zehn. Unser erster Kuss schmeckte nach Hubba Bubba, und unser zweiter, fünf Jahre später, nach Tabak und Fanta Pink Grapefruit. Für mich war es eine logische Folge, dass unser letzter nach Coregatabs schmecken würde. Johannes hat mir alles bedeutet. Ihm verdanke ich alles. Nur durch seine ständige Nörgelei an mir und meiner Ziellosigkeit habe ich mein Abitur und anschließend das Philologiestudium überhaupt in Erwägung gezogen. Jo hat bis zum Schluss immer wieder vorgeschlagen, dass ich mich als Texterin neu bewerben – Düsseldorf, Berlin, London, die Wortfabrik in Frankfurt – und mir berufliche Ziele setzen und die Welt erkunden sollte.

Aber ich brauche keine Ziele, ich brauche Jo.

Ich kapiere nicht, wieso er das nicht begreift? Er ist doch sonst der Vernünftige von uns beiden.

Ich seufze ausgedehnt, stehe wehmütig vom Bett auf, ziehe den engen Rock aus und verfrachte ihn auf Nimmerwiedersehen in den Kleiderschrank. Den blöden Politessen-Blazer gleich mit. Anschließend durchwühle ich meinen Koffer und stelle zum wiederholten Male fest, dass ich offensichtlich fast nur blöde Politessen-Fummel gekauft habe und entsprechend aufgeschmissen bin. Der Versuch, schön zu sein, ist wirklich eine Last. Frustriert fingere ich die neuen Röhrenjeans und einen blassgrünen, asymmetrisch geschnittenen Oversize-Pullover aus dem Koffer, der mir für eine hippe Werbeagentur angemessen erschien. Besser gesagt: der Verkäuferin. Hoffentlich liegt sie damit dieses Mal richtig. Ich ziehe die Jeans über meine neue Spitzenunterwäsche, meine beste Unterwäsche – erstanden in einem Laden, von dem ich nicht einmal wusste, dass der­artige Läden überhaupt existieren –, dann schlüpfe ich in den Pullover und betrachte mich in dem großen Spiegel meines Kleiderschranks. Vergebens warte ich auf ein zufriedenes Gefühl.

Ja, so jemand wie Ina ist außergewöhnlich. Und wird geliebt. Aber ich?

Obgleich ich mein Leben lang infrage gestellt habe, dass man von äußerlicher Schönheit auf wirklich wichtige Werte wie Freundschaft und Treue schließen kann, setze ich jetzt genau darauf. Ich mache es für Jo … und werde endlich so aufregend und schön sein, wie er es verdient.

Ich halte einen Moment lang inne, als würde ich mir selbst nicht glauben, und lasse meinen Blick zu meinem Koffer wandern. »Ach, die Hose kneift doch sowieso«, blaffe ich meinen Koffer motzig an, gehe auf alle viere und plündere meinen Süßigkeitenvorrat. Als ich mit gefühlten sechshundert Pfund mehr auf den Hüften wenig später wieder raus auf den Flur trete, ist Arian gerade dabei, die Spülmaschine auszuräumen. Dabei bemerke ich, dass es wie zuhause bei mir in Sommerkahl angenehm fruchtig nach Tee duftet.

»Das riecht herrlich. Ist zufällig noch eine Tasse übrig?«, frage ich und schiebe die Fingerspitzen in die Hosentaschen meiner Jeans, um meine dünnen Baumwollhandschuhe zu verstecken, die ich seit der Trennung nicht mehr ablegen kann, und lehne mich gegen die Kochinsel. Dabei beobachte ich, wie Arian das asiatisch anmutende Geschirr sortiert, was fast etwas Zwanghaftes hat. Dunkle Tasse zu dunkler Tasse, heller Teller zu hellem Teller, bunte Schälchen zu bunten Schälchen. So, wie ich es ganz vielleicht auch tun würde.

»Du fragst dich sicher, warum ich es nach Farben sortiere«, meint Arian, als hätte er wieder in meinen Gedanken gesurft. »Es hat ganz harmlos mit den CDs und Büchern meiner Eltern angefangen, als ich noch klein war, ehe ich es zwanghaft auf Geschirr ausgedehnt habe.«

»Im Ernst?«

»Eigentlich nicht, nein. Das sollte ein Scherz sein.«

»Klar, verstehe.«

»Dafür probiere ich beinahe zwanghaft immer wieder etwas Neues aus. Ich denke, jeder hat so seine Macken.«

»Tja. Tauschen wir doch! Zwanghaft Neues auszuprobieren, wäre für mein Problem geradezu die rettende Lösung, schätze ich.« Kaum habe ich den Satz zu Ende gesprochen, wird mir abwechselnd heiß und kalt.

Problem?

Habe ich ernsthaft gesagt, ich hätte ein Problem?

Verlegen schiebe ich meine behandschuhten Hände tiefer in die Taschen.

Arian wirft einen kurzen Blick darauf und lässt den peinlichen Moment glücklicherweise wortlos vorüberziehen, ehe er erst die Tasse Tee und dann sich selbst gelassen neben mich stellt.

»Ich wusste doch, da gibt es eine interessante Geschichte. Was genau ist denn dein Problem?«, fragt er wie selbstverständlich und schlürft gelassen seinen Tee.

»Das war nur so dahergesagt.« Ich streife mir zögerlich den rechten Handschuh ab. Dann schaue ich meine Tasse an, gehemmt, sie zu ergreifen. Besser gesagt, blockiert. Wut kocht in mir hoch, denn ich habe mein Desinfektionsmittel nicht zur Hand. Meine Handknöchel treten weiß hervor. Ich ziehe gekünstelt die Mundwinkel hoch. »Und selbst wenn: Eine Sonnenburg hat keine Probleme, und wenn doch, dann trägt sie sie nicht an den Arbeitsplatz – das hat meine Großmutter zumindest immer gesagt, als sie noch klar denken konnte. Sorry, ich schätze, das gilt auch für WGs.«

»Und was sagst du?«

»Ich?«

»Ja, du. Ich gehe mal davon aus, jemand mit einem so eigensinnigen Schuhgeschmack hat auch eine eigene Meinung.«

»Die habe ich auch, auf den ersten Blick zumindest. Doch wenn man genauer hinschaut, sind Leute wie ich in der Regel leider gewöhnlicher, als sie erscheinen.«

»So sehr, dass sie ständig in der dritten Person von sich sprechen müssen? Wovor hast du Angst?«

»Aber ich habe keine Angst!« Das Wort kommt nach Problem wie ein überraschender Donnerschlag nach einem Blitz, und das direkt in die Magengrube. Ich wirbele wie eine Vierjährige zu Arian herum und fahre ihn an, ohne nachzudenken. »Ich möchte nicht darüber reden, hörst du?«

»Das sehe ich«, sagt Arian mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Okay, fein. Raus damit! Was soll mir dein Blick sagen?«

»Weiß nicht. Dein Tee wird kalt?«

»Er sagt: Dein Tee wird kalt?«

»Natürlich nicht. Du bist doch eine Frau, wieso liest du nicht zwischen den Zeilen?«

»Wieso hörst du nicht auf, so eine Nervensäge zu sein? Anscheinend fehlt es dir nicht nur an einem Bügeleisen.«

Noch bevor Arian etwas erwidern kann, kehre ich ihm den Rücken zu und sage bemüht monoton: »Danke für den Tee. Ist irgendwie nicht meine Sorte.« Kurz darauf lasse ich die Zimmertür hinter mir ins Schloss fallen. In meinem Bett rolle ich mich in meine Bett­decke und ziehe sie tief ins Gesicht. Sie riecht so schrecklich vertraut. Ich versuche, an die früheren Sommertage mit Jo zu denken, wo wir uns zu Löwenzahn und Butterblumen unter die Kirschbäume meiner Eltern gelegt haben. Als unsere Welt noch in Ordnung war. Dabei weiß ich bereits: Noch beinahe die halbe Nacht lang werde ich die Frage in meinem Kopf haben, wovor ich eigentlich Angst habe. Natürlich kenne ich die Antwort darauf: Jo und unseren Kirschbaum für immer verloren zu haben. Aber irgendwie scheint das ganz plötzlich nicht mehr alles zu sein. Sobald der Handywecker morgen früh leise unser Lied spielen wird, weiß ich, dass bloß ein weiterer Tag ohne ihn vor mir liegt. Er wird mit verheulten, aufgequollenen Augen beginnen und auch damit enden. Schniefend ziehe ich die Nase hoch. Ja, die nette Dame von der Telefonseelsorge neulich hatte recht: der Umgang mit meinem Liebeskummer wurde in der Zwischenzeit zu meinem eigentlichen Problem. Ich trage Handschuhe, weil mein Ring nicht mehr da ist, wo er hingehört und ich Angst habe, dass alles so schrecklich bleibt, wie es ist. Oder schlimmer noch: dass sich mein Leben ohne ihn nie wieder normal anfühlen wird.

* * *

Mein zweiter Tag in der Agentur fällt auf den kältesten Tag des Jahres, zumindest gefühlt. Fröstelnd, aber entschlossen gehe ich so euphorisch wie möglich in die zweite Runde. Ich habe bereits eine von drei mir zugeteilten Aufgaben erledigt – und das gar nicht mal so schlecht, wie ich finde. Letztlich geht es in diesem Laden um ein klein wenig mehr als nur um Visitenkarten oder eine neue Broschüre für Anglerzubehör, wie bisher in meinem Job. Es geht um einen Pitch im großen Stil, nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip, wie die Kollegen mir auf mitreißende Weise erklärt haben. So oder so, nehme ich an, geht es darum, die Agentur durch einen wichtigen Kunden zu erhalten. Nun gut, zurzeit nicht gerade meine stärkste Disziplin.

Nachdem auch Aufgabe vier und fünf vom Tisch sind, lehne ich mich zurück und säubere ritualisiert meine Handflächen mit Des­infektionsmittel, bevor ich in die Pause starte. Akribisch nehme ich mir Finger für Finger vor und schaue dem gut aufeinander eingespielten Treiben um mich herum zu. Pet, mein Chef, sieht aus wie jemand, der auch dann recht behält, wenn er mitten im Hochsommer sagt, dass heute Nacht Schnee fallen wird. Und da auch seine Angestellten das zu wissen scheinen, stehen sie sicherlich schon mit einem Schneeschieber und Streusalz bereit, noch bevor die erste Flocke auf der Erde gelandet ist. Wie gerne würde ich mich selbstbewusst dazuzählen. Stattdessen schaue ich, wie in der zweiten Reihe stehend, durch die großen Sprossenfenster nach draußen und stelle mir insgeheim die Frage, wie viele Personen einen solchen Schneeschieber vorher wohl schon berührt haben mögen? Natürlich habe ich anfangs versucht, gegen diese Gedanken anzukämpfen, was jedoch alles nur noch schlimmer gemacht hat. Inwiefern schlimmer? Darauf gehe ich besser nicht weiter ein. Sagen wir, ich habe akzeptiert, dass die Angst vor dem Leben da draußen ohne Jo größer ist als der Verstand, der mir sagt, dass das Bullshit ist. Aber mal ehrlich, was spricht schon dagegen, seine Alltagsgewohnheiten ein klein wenig für die Angst zu verändern?

Ich stelle in Gedanken versunken das Desinfektionsmittel beiseite und gestatte mir zum Pausenauftakt ein paar Klicks auf dem Laptop, die nicht mit der Arbeit zu tun haben. So beginne ich, Jo eine lange Nachricht auf Facebook zu schreiben, in der ich ihm von meiner immens wichtigen Chance erzähle, wohlwissend, dass ich sie nicht abschicken, sondern wieder löschen werde – als mir eine neue Person auf seinem Profil auffällt.

Ich klicke die Person an.

Dann scrolle ich.

Klicke erneut.

Tippe, scrolle wieder.

Zwei Klicks später, und meine Bewegungen werden immer schneller, genau wie meine Gedanken. Schon schlagen meine Sehnerven Alarm. Ich bin plötzlich in einem Facebook-Thread gelandet, der die Welt nun schon zum zweiten Mal in gut fünf Monaten zum Stillstand zwingt. Ebenso wie mein Herz.

Verdammt, wer ist das, bitte? Was zur Hölle hat das zu bedeuten?

Als sich mir die Antwort zeigt – rotblond, langbeinig und natürlich spindeldürr –, kämpfe ich augenblicklich gegen meine Emotionen an, die lawinenartig auf mich zurollen. Ein Gefühl von Brechreiz überkommt mich, gepaart mit dem Wunsch, einfach tot umzufallen. Denn Jo hat jeden Kommentar von ihr gelikt. Doch das ist noch nicht alles. Ich starre auf das Foto der teuflisch schönen Frau, die ihre Arme um meinen Freund schlingt.

Und das mit meinem Ring am Finger – und zwar in Großaufnahme.

Ich schaue ihn mir eine ganze Weile reglos an. Sekunden vergehen – oder Minuten? –, in denen ich nicht einmal mehr atme, sondern nur mit weit aufgerissenen Augen auf den Bildschirm starre. Vom Sauerstoffmangel übermannt, klappe ich den Laptop zu, japse heftig nach Luft und springe mit einem lauten Aufschrei unter den Blicken der anderen Kollegen von meinem Platz auf – und direkt dem Geschäftsführer, Pet, in die Arme, der urplötzlich vor mir steht.

»Autsch, das war mein Fuß!«, ruft er aus.

»Sorry! Tut mir leid, Herr Schmitthammer, ich habe Sie gar nicht gesehen!«, erkläre ich, noch immer aufgebracht.

»Haben mein Fuß und ich gemerkt«, sagt Pet und schiebt mich sachte von seinem Fuß, und das ausgerechnet an meinen Hüften – nein, ich korrigiere: an meinen deutlichen sieben Pfund zu viel, die sich hinterfotzig über dem Hosenbund zu versammeln scheinen. Schnell ziehe ich den Bauch ein. »Und wir waren schon beim Du.«

»Entschuldige, natürlich!« Da gibt mein Bauch ein krachendes Geräusch von sich. Meine Hände fahren Schlimmes ahnend über meinen Bauch. »Sag mal, wo war gleich noch mal …« Ich kriege den Satz nicht raus. Mein Kopf ist wie in Watte gepackt, während mein Bauch ein zweites Mal das Wort ergreift.

»Du meinst, wo die Damentoilette ist?«, fragt Pet und sieht plötzlich besorgt aus.

»Nein, ich meinte, wo ist die Kaffeeküche? Ich glaube, jetzt brauche ich doch einen Kaffee zur Beruhigung, und zwar dringend!«

»Gleich hier links. Würdest du mir einen Kaffee mitbringen?«

Mein Blick wandert wie paralysiert an meinem Gegenüber herunter bis zu der Kaffeetasse, die er mir hinhält und die sein Foto trägt. Und wieder nach oben.

»Klar«, sage ich und nehme hastig die Tasse entgegen. »Damit es keine weiteren Überraschungen und Fauxpas gibt: Muss ich auf irgendetwas achten?«

Ein amüsierter Blick folgt. »Eigentlich nur auf die Milch und den Löffel Zucker. Gestrichen, nicht gehäuft«, feixt Pet. »Ich lasse mich aber immer wieder gern von dir überraschen.«

»Alles klar. Ich denke, das krieg ich hin.« Ich zwinge mir ein Lächeln auf die Lippen und schlängele mich ein wenig x-beinig in Richtung Kaffeeküche. Dann laufe ich wieder zurück, biege links ab und trippele mit immer kleiner werdenden Schritten auf die Toiletten zu. Zum Glück hat die Offenheit im kommunikativen Großraumbüro wenigstens vor dem stillen Örtchen Halt gemacht. Allerhöchste Eisenbahn, und das muss nun wirklich nicht jeder mitbekommen! Doch Sekunde, wieso habe ich meine Handschuhe nicht mehr an? Ich befühle meine Jeans, die Taschen meines Blazers und blicke zu meinem Schreibtisch zurück. Bemüht, dass die Situation auf den letzten Metern nicht außer Kontrolle gerät, ziehe ich mechanisch den Ärmel über meine Hände, ehe ich die Türklinke runterdrücke.

Ja, ich vermeide es, sie zu berühren.

Denn ich weiß, dass sie nur darauf wartet, mich zu kriegen. Eine kleine Packung Sagrotantücher, die ich immer bei mir trage, bereitet mir die Kloschüssel vor. Schon kurz darauf sacke ich auf ihr zusammen – ohne mehr berühren zu müssen, als nötig ist.

Ich weiß selbst, wie jämmerlich das ist.

Und was noch viel schlimmer ist: Es ist nicht annähernd so schlimm wie das lebensverändernde Bild, das ich ein paar Minuten zuvor bei Facebook gesehen habe.

Mein Ring an der Hand einer anderen. Im Ernst, Jo?

Nach nicht mal fünf Monaten?

Es tut weh! So verdammt weh!

Vielleicht sind sie nur Freunde. Eine entfernte Großcousine, die er mir in den dreizehn Jahren versehentlich verschwiegen hat. Insgeheim weiß ich natürlich, wie unrealistisch diese Annahme ist.

Mein Gott, und wie sehr es weh tut!

Ich weiß nicht, wie ich das jemals verkraften soll. Hat Jo nicht gesagt, dass wir noch mal reden werden, wenn es mir besser geht? Dass er mir womöglich eine Chance geben wird, wieder ganz die Alte zu sein, besser gesagt, die bessere neue Alte, die endlich so ist, wie er sie sich immer gewünscht hat, oder sogar mehr als das? Zumindest meine ich, genau das herausgehört zu haben! Ich gehe durch die Hölle und spiele das Gespräch in meinem Kopf noch einmal durch, wieder und wieder, und bin mir ganz sicher: Sie muss ihn auf Abwege gebracht haben. So wie die böse Stiefmutter in Aschenputtel den Prinzen auf Abwege – und zu ihren Töchtern – bringen wollte. Dabei sitzt die rechte Braut noch ganz woanders.

Gleich hier, auf dem Ekelklo!

Schniefend ziehe ich erst die Nase hoch, dann meine engen Jeans, die sicherlich nicht nur von Kindern genäht wurden, sondern auch für diese gedacht waren, so eng sind sie ganz plötzlich um die Hüften. Ich hieve mich auf die Füße, um im nächsten Moment zittrig an den kalten Wandfliesen nach unten auf die Erde zu gleiten. Mit angewinkelten Beinen vergrabe ich mein Gesicht in den Händen und schluchze. Laut und ungehemmt, und ja, erbärmlich. Immerhin umgarnt sie meinen Jo, ohne, dass er es merkt, und es gibt nichts, was ich dagegen tun kann. Selbst wenn es mir gelingt, sie ausfindig zu machen und eigenhändig zu erwürgen, wüsste ich nicht, was ich ihr vorher sagen sollte. Doch ich weiß, was sie über mich sagen würde. Ich wedele mir Luft zu, als stünde mein Ende bevor, denn mir wird soeben klar, dass ich zu allem Übel auch noch auf dem schmutzigsten Boden der Welt sitze – und plötzlich überall fiese Keime sehe. Hinterhältige Bazillen. Sie sind da. Unter mir. Neben mir. Über mir. Doch was das Schlimmste ist: Sicherlich nun auch auf mir.

»O mein Gott, ich wusste es, ich überlebe das hier nicht!«, schreie ich so laut, dass es von den Wänden des Badezimmers zurückhallt.

»Alles okay da drinnen?«, dringt unerwartet eine kräftige Frauenstimme durch die geschlossene Tür hindurch. Ein Päckchen Taschentücher fliegt hinterher. Schade, es ist kein Betonklotz und hat mich knapp verfehlt und nicht erschlagen, um dem Drama ein Ende zu bereiten.

Ohne zu antworten, richte ich schnell mein Gesicht wieder her und rubble mir über die geröteten Wangen.

»Hallo? Brauchst du Hilfe?«

»Ich? Oh, nein!« Doch, und wie ich sie brauche! Ich verblute innerlich!

»Sicher, dass ich niemanden rufen soll?«

»Ganz sicher.« Nein, gar nicht sicher! Ruf Hanne an, oder den Notarzt!, denke ich voller Panik. Oder besser gleich beide! »Scheint nur ein kleiner Schwächeanfall gewesen zu sein.«

»Drogen sind während der Arbeitszeit nicht erlaubt. Nur zur Happy Hour, und die ist freitags. Und selbst dann eigentlich nicht.«

Ich sperre die Tür auf und deute mit Pets Kaffeetasse in der Hand sichtlich verheult ein verlegenes Winken an. »Ich nehme keine Drogen. Sollte ich aber höchstwahrscheinlich.« Wieder überkommt mich ein Schwall Tränen. Ich schlurfe zum Waschbecken, stelle die Tasse ab, halte meine Hände unter den Wassersensor (für den ich dem lieben Gott bei meinem Abendgebet danken werde) und wasche sie schluchzend mit einer extra Portion Seife. Tagelang werde ich mir nun den Kopf darüber zerbrechen müssen, ob ich mir womöglich mit dieser dummen Aktion etwas eingefangen habe. Die Blicke der neuen Kollegin ruhen derweil auf mir. Neugierige Blicke.