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Ein Schicksalsschlag ereilt Josie Becker, als sie mit ihrem Mann ein neues Leben in Kanada aufbaut. Auch nach einem Jahr scheint das Leben nicht weitergehen zu können. Da trifft sie Will Cunningham, der ebenfalls sein Päckchen zu tragen hat. Und nicht nur seine Hunde Bergmann und Bubbles erobern ihr Herz.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Josephine E. Cunningham
Das Buch:
Ein Schicksalsschlag ereilt Josie Becker, als sie mit ihrem Mann ein neues Leben in Kanada aufbaut. Auch nach einem Jahr scheint das Leben nicht weitergehen zu können. Da trifft sie Will Cunningham, der ebenfalls sein Päckchen zu tragen hat.
Josephine E. Cunningham
1. Edition, 2020
© 2020 All rights reserved.
Josephine E. Cunningham
C/O AutorenService.de
Birkenallee 24
36037 Fulda
Nur in kitschigen Filmen und Liebesromanen stirbt der liebste Mensch bei Regen oder wird zumindest bei einem solchen Wetter beerdigt.
Aber in Wirklichkeit war es ein sonniger Tag im Frühling und die ersten Frühjahrsblüher zeigten sich in den ersten zarten Farben. Hier in Kanada kommt der Frühling spät. Vor allem da es ein kalter und langer Winter war.
Wir hatten Schnee bis fast unters Dach und waren froh über jedes bisschen Holz, das wir uns im Herbst nochmal haben liefern lassen. Zweimal Stromausfall für Tage und die wohnlichsten Zimmer waren unser Wohnzimmer und die Küche, die jeweils mit Holz gefeuert wurden.
Wir, mein Mann und ich, hatten uns unseren Traum erfüllt. Alles was verkäuflich war und keinen sentimentalen Wert für uns besaß, wurde in Deutschland zurückgelassen und für das Haus in Kanada eingesetzt. Zudem hatten wir eine kleine Eigentumswohnung gekauft und vermietet und Familienmitglieder mit der Betreuung beauftragt. Nur zur Sicherheit. Mein Mann Matthias war immer der Sicherheitsfanatiker, und die Entscheidung zum Umzug war das größte Sicherheitsrisiko, was er sich nur denken konnte.
Wir haben viele Jahre den Traum vom Haus in Kanada geträumt. Immer wieder hatten wir uns Grundstücke angesehen, immer wieder verglichen, aber schon zu Beginn unser Traumhaus gefunden.
Wir waren uns einig, dass es einen Zweck erfüllen musste. Endlich wollten wir Arbeit und Vergnügen verbinden und unsere kleine hinreißende Pension eröffnen.
Unser Traumhaus war ein Bed and Breakfast.
Wir hatten es bei unseren Recherchen entdeckt und entschieden, es gleich zu besichtigen. Die bisherigen Eigentümer waren uns sympathisch und wir ihnen, und das nicht nur, weil sie ebenfalls deutsche Auswanderer waren, die sich zur Ruhe setzen wollten.
Über dreißig Jahre haben sie das Art Gallery Bed and Breakfast geführt und mit Liebe aufgebaut. Das Hobby der ehemaligen Besitzer war Malerei und daher hatten sie dem Bed and Breakfast diesen Namen gegeben. Wir behielten es bei. Matti liebte es zu malen, aber im Besonderen wollte er meine Schwarzweißfotografien ausgestellt wissen und seiner Meinung nach war der Name weiterhin passend. Zuerst haben die Vorbesitzer das Haus liebevoll renoviert und danach einen festen Kundenstamm etabliert.
Nun wollten sie es verkaufen und trotz des Wunsches, das Geld und die finanzielle Sicherheit zurückzubekommen, wollten sie vor allem Menschen finden, die ihren Traum mit der gleichen Liebe verfolgten.
Offenbar haben wir gezeigt, dass es ebenfalls unser Traum war, dieses Leben zu führen.
Wir hatten uns neu verliebt, ineinander und in dieses Haus mit der Verheißung auf dieses neue Leben.
Aber an diesem Frühlingstag, mit warmen Sonnenstrahlen, mit blühenden Krokussen und Schneeglöckchen, sollte sich alles ändern.
Unsere Kinder studierten in Deutschland und wir lebten unser Leben hier in Kanada, auf dieser idyllischen Insel, die weltberühmt wurde mit einem Kinderbuch. Mit einem Buch, welches ja schon 1908 beschrieb, dass Träume wahr werden können, wenn man Mut und Vertrauen hat und harte Arbeit in die Erfüllung dieser Träume steckt.
Es gab für uns aber mehr als einen Neuanfang auf einer Insel, deren größte Bekanntheit durch ein Kinderbuch erlangt wurde. Hier ist Kanada gegründet worden. Hier sind Menschen aus unterschiedlichesten Herkunftsländer aufeinandergetroffen. Hier wird Wodka aus Kartoffeln gewonnen, der sich mit dem aus Polen messen kann und zu den besten Spirituosen weltweit gehört, wenn auch noch recht unbekannt.
Landwirtschaft und Fischerei prägen das Bild und den Speiseplan.
Kartoffelanbau mit den besten Kartoffeln – die man einfach am Straßenrand oder bei einheimischen Wochenmärkten kaufen kann. Die Menschen sind kreativ sowohl in der Art den Tourismus anzukurbeln als auch in der Küche.
Die Insel ist ein wohlbekannter Geheimtipp. Dank seiner traumhaft schönen Strände, mit ihren roten und weißen Sanden, und den vielen Freizeitmöglichkeiten, ist es dennoch recht entspannt.
Und genau hier haben wir unser Haus gefunden.
Wir waren jung, voller Vitalität und voller Ideen für unser Bed and Breakfast. Wir haben unsere Webseite ausgearbeitet. Nächtelang mit den Worten jongliert, Buchungspakete zusammengestellt. Es half, dass ich eine Ausbildung in der Hotellerie hatte, wenn ich schon lange nicht mehr darin arbeitete. Aber es war meine Leidenschaft. Mein Beruf. Nicht gesucht, aber gefunden. Matthias war eher der Sicherheitsmensch, der lieber, sich zwar anfangs nur ungern, in seinen Job als Accountant, neudeutsch für Buchhalter, hineinbegab, dann aber doch ebenso die Erfüllung insofern fand, dass er die Sicherheit fand, die seine Seele beruhigte.
Er war immer so lustig, spontan und lebendig. Wenn man sich einen Buchhalter vorstellt, wäre er die Version eines Buchhalters gewesen, die man sich am wenigsten vorstellen kann und doch so oft zutrifft. Ich persönlich habe fast nur lebenslustige Menschen kennengelernt.
Matthias war schon immer kreativ. In der Schule spielte er in einer Schulband: Gitarre, Klavier, Schlagzeug. Durch sein südländisches Aussehen - niemand konnte sagen, von wem er dieses geerbt hatte - lagen ihm die Mädels zu Füßen.
Er sah immer so cool aus. Wenn alle anderen lange Haare hatten, hatte er einen James Dean Schnitt. Wenn andere weite Jeans trugen, hatte er die Bootcut-Jeans an. Wenn er dann noch seine Lederjacke trug, war es um die meisten Mädels geschehen.
In einer Zeit wo Beverly Hills 90210 jede Woche die Jugend vor dem Fernseher versammelte war er unser wahr gewordener Traum von Luke Perry, an unserer Schule.
Mysteriös, verwegen, nett und sexy. Seine Schüchternheit versteckte er hinter seinem Auftreten, was ihn noch anziehender machte für die lokale Mädchenschar.
Alles an Matthias war aufkeimende Teenagerlust pur. Und statt die Schule abzubrechen und verwegen durch die Lande zu ziehen und mit der Schulband in einem alten Kleinbus über die Dörfer zu tingeln, schloss er die Schule gut ab, besorgte sich eine Ausbildung und wurde Buchhalter. Wenn ich ihn nicht schon besser gekannt hätte, dann wäre ich vermutlich geschockt gewesen.
Aber ich kannte ihn, durch endlose Gespräche. Weil sich unsere Eltern kannten. Weil wir, wenn wir zuhause bleiben durften, nur gemeinsam zuhause bleiben durften. Weil niemand merkte, dass sich zwischen uns längst was entwickelt hatte und weil unsere Eltern glaubten, dass wir a) ein Auge aufeinander haben würden und daher nichts Dummes machten, und b) weil sie tatsächlich glaubten, wir würden uns gegenseitig verpetzen.
Manchmal dachten wir, unsere Eltern konnten doch nie so blind oder so naiv sein und das nicht merken. Sie erwarteten, dass wir uns gegenseitig verraten würden. Ich nehme an, sie glaubten, da wir fast als Bruder und Schwester aufwuchsen, würden wir uns nicht für den jeweils anderen interessieren. Es war schon eine Sensation, als wir unsere Beziehung beim Geburtstag meines Vaters bekanntgaben. Zudem gratulierten wir gleich dem zukünftigen Opa.
Gut, mein Vater sprach monatelang kein Wort mehr mit uns, jedoch nur solange bis sein Enkelsohn auf der Welt war und noch dazu wie mein Opa hieß.
Wir waren so jung, so unglaublich jung, und doch haben wir es geschafft, alle Hindernisse zu überbrücken.
Auch unsere jeweiligen Auslandsaufenthalte konnten uns nicht entfremden, wir gehörten zusammen. Nie wollten wir uns im Wege stehen, nie Sachen und Erlebnisse nicht gönnen.
Und nachdem Willi geboren war, plätscherte unser Leben so dahin. Wir arbeiteten beide, ich irgendwann bei einer Firma für Innovation als Sachbearbeiterin und er als Buchhalter beim größten Arbeitgeber in der Region.
Alles lief gut. Wir heirateten mit einundzwanzig, mit fünfundzwanzig kam Charlotte auf die Welt und wir waren glücklich. Manchmal schien alles zu perfekt, zu langweilig. Vielleicht kam das Elternsein etwas früh, aber alles in allem waren wir glücklich. Und ehrlich gesagt war ich froh, um die vierzig zu sein, und meine Kinder waren aus dem Haus und ich jung genug, um auch nochmal alles auf den Kopf zu stellen.
Matthias schrieb immer noch Songs und trat mit seinen Jungs bei Festen, bei Kleinkunsttagen und in einigen Clubs auf. Am Wochenende war er nicht Matthias Becker der Buchhalter, sondern Matti der Gitarrentyp. Der immer noch die eine oder andere Frau mit einem seligen Lächeln im Gesicht auf der Tanzfläche zurückließ, wenn er wieder einen Song sang, den er eigens für mich geschrieben hatte. Und nur für mich sang, aber die Gute es auch für sich interpretierte. Manchmal kamen sie und wollten Fotos und Autogramme. Und ich konnte mich dann kaum eines Lächelns erwehren, mit welcher Coolness er es schaffte, allen Mädels im Raum das Gefühl zu geben, nur sie allein, wären die Eine.
Zuhause lagen seine Socken rum, alles war chaotisch. Ich gab es irgendwann auf, nachdem wir einige Jahre deswegen im Stress lagen. Ich bin oberflächlich unordentlich, aber wenn ich es wegräume, dann ist es auch an seinem festen Platz. Bei Matti nicht. Nach all den Jahren gab es immer noch Szenen in unserer Ehe, die für den Oscar für das beste Comedy-Duo herhalten konnten. Freunde und Familie konnten sich oft so ins Lachen stürzen, dass sie Muskelkater entwickelten.
Die Gitarren, fünf um genau zu sein, standen manchmal plötzlich ganz woanders, so dass man fast darüber stolperte. Er hatte mehr Schuhe als ich. Aussehen war ihm wahnsinnig wichtig und wie bereits beschrieben, er war kein Buchhalter, wie man ihn sich vorstellte. Irgendwann ließ er sich einen Oberlippenbart wie Magnum stehen, nur schmaler und nicht so buschig, und das zu einer Zeit, als das nicht wirklich als cool galt, doch was soll ich sagen? Bei ihm wirkte alles souverän. Jeder Trend, der in Sachen Musik, Kleidung und Frisuren aufkam, wurde beobachtet und genau unter die Lupe genommen. Er sah aus wie ein italienischer James Bond und nicht wie ein Buchhalter aus der Provinz. Und dieser James Bond konnte singen, sexy abrocken und jeder Frau geheime Träume entlocken. Doch das Beste war, es gab nur uns. Ihn, mich und unsere Kinder.
Nicht eine Minute musste ich mir sorgen machen, nicht eine Minute darüber grübeln. Er war pünktlich wie ein Uhrwerk aus der Firma zuhause am Abendbrottisch, half bei den Hausaufgaben und manchmal, ja sogar das, manchmal kochte er. Meistens mochte ich es nicht, aber die Kinder liebten es und ich war glücklich, weil er mir nicht alles überließ und sich trotz meiner Abwehr immer wieder mal zum Kochlöffel griff.
Im Sommer grillten wir in unserem Garten, luden die Bandjungs ein, es gab zu viel zu trinken, zu viel zu essen und manchmal fast eine Anzeige wegen Ruhestörung, weil wir bis um 2 Uhr morgens jammten und sangen.
Es war einfach zu gut, um wahr zu sein. Zumindest dachten das auch meine Freundinnen. Aber es gab auch Momente, wo er mich unheimlich zur Weißglut trieb, vor allem sein Geiz, aber auch das hatte letztendlich etwas Gutes. Nur so war ein Leben in Kanada finanzierbar.
Aber trotz all der Idylle fehlte uns etwas und wir fanden es in Kanada. Wir freuten uns auf unser neues Leben.
Wir haben unser Häuschen verkauft, nachdem wir im Urlaub in Kanada waren, und haben uns auf das Abenteuer eingelassen. Jung genug, um noch voll mitzumachen, aber alt genug, um Angst zu haben. Aber zu unserer Überraschung fanden wir kaum einen Stein auf unserem Weg. Wir gingen nur Schritte, die von oben gelenkt wurden. Fühlte es sich nicht richtig an, wurde der Schritt nicht gemacht. So einfach alles zurückzulassen und zu gehen, ist sehr beängstigend. Wir spürten bald, wie sehr wir unsere kleine Nische liebten und brauchten, um uns sicher zu fühlen. Aber es half nichts. Wir hatten Fernweh und ein Leben im Ausland fühlte sich richtig an. Egal, was noch passieren würde, wir würden es zusammen in Angriff nehmen.
Das Haus musste nur wenig erneuert werden. Die Vorbesitzer haben es sehr liebevoll in Schuss gehalten. Es war dennoch etwas spießig und altmodisch. Daher haben wir uns entschlossen, es von außen so zu belassen und zuerst das Innere einem Lifting zu unterziehen. Statt Blümchentapete mit großen Mustern gab es eher viktorianische Bescheidenheit, frische Farben und moderne Armaturen. Nicht zu viele Änderungen, um den Charme zu erhalten, die Stammgäste nicht zu verscheuchen, sondern moderner, frischer und doch gewohnt und gemütlich. Keine leichte Aufgabe unter den Voraussetzungen, dass die Stammgäste teilweise seit 30 Jahren immer wieder kamen und entsprechende Erwartungen an ihren Aufenthalt und ihre Zimmer knüpften. Aber wie hieß es so schön im ersten Gästebucheintrag: Mattis Charme, sein spitzbübisches Lächeln und sein jugendliches Auftreten gepaart mit Josies Souveränität und Gastgeberqualitäten halfen, die Moderne in unser Art Gallery Bed and Breakfast zu bringen. Welch ein Kompliment von den Stammgästen schlechthin. Trudi und James waren nicht nur Gäste, sondern längst Freunde unserer Vorgänger, daher ehrte und das Kompliment ganz besonders.
Alles wirkte harmonisch, wenn auch anstrengend und wir konnten nicht glücklicher sein. Unsere Kinder studierten oder waren fast fertig, standen auf eigenen Beinen und freuten sich mit uns über den Erfolg.
Und als wir im letzten Jahr das Haus und den Zaun in Angriff nahmen und zu streichen begannen, war alles so wunderschön. Willi kam uns mit Jasmin besuchen und gaben ihre Verlobung bekannt und wie wir zuvor gratulierten sie uns zum neuen Titel: Oma und Opa.
Vierundvierzig Jahre und wir wurden Großeltern. Manch einer in unserem Freundes- und Bekanntenkreis fing erst mit der Familienplanung an.
Nichtsdestotrotz freute sich der coole Mittvierziger darauf, der Opa zu sein, bei dem wahrscheinlich erst einmal die Frage kam, ob dies sein Kind sei und nicht, ob er der Großvater war. Unsere Kinder hatten erlebt, wie es mit jungen Eltern ist, hatten uns weinen und streiten sehen, wenn Matti wieder mit den Jungs um die Häuser zog und ich nicht mit zum Konzert konnte, weil Wilhelm und Charlotte Fieber hatten oder einfach, weil wir keinen Babysitter fanden.
Sie hatten aber auch gesehen, dass es bei uns keinen Stress gab wegen Übernachten bei Freunden, ausgehen oder weil das Konzert erst ab achtzehn war und wir die Kinder mit hineinschmuggelten. Wer kann von sich behaupten, dass die eigene Mutter einen schminkt und einen als kleine Schwester ausgibt.
Wir hatten unseren Spaß. Aber die Kinder waren auch reifer und erwachsener als manch Altersgenosse. Schwänzen war nicht drin. Nicht, dass wir es ihnen nicht gegönnt hätten, nein, dazu waren sie zu ehrgeizig und ehrlich.
Wir hatten zwei Kinder, die uns stolz machten, vor allem da wir immer wieder mit skeptischen Blicken beäugt wurden aufgrund unserer Jugend.
Nun zahlte es sich aus. Wir konnten all das tun, wozu man in jungen Jahren die Ideen und Energie hat, aber das Geld zu knapp ist. Bei uns hieß es nun nicht, wir wären zu alt und zu eingesessen. Und wir fühlten uns energiegeladen.
Natürlich waren wir nach außen hin nicht ganz so dynamisch, wie diejenigen, die jetzt noch kleine Kinder hatten, aber wir hatten bereits wieder unsere Freiheit und das verjüngte uns jeden Tag mehr.
Der Zaun sollte weiß sein. Ein weißer Holzzaun entlang der Straße, wie in jeden kitschigen Film, wie in jeder Phantasie von Nordamerika. Wir hatten das Haus in einem hellen Grau gestrichen, die Fensterläden weiß. Matti zog sich seine alte, ausrangierte Levis an und stand im weißen Unterhemd, unter dem die Brusthaare leicht hervorlugten, mit seinem Goldkettchen, der alten Münze, die er von seinem Vater bekam, die dieser in den Siebzigern selber gern trug, am Zaun und schaute auf das Kartoffelfeld nebenan. Danach beugte er sich nach unten und drehte das Radio voll auf. Er wusste, ich beobachtete ihn trotz Pauls Anwesenheit, und grinste in meine Richtung. Seine Haare hatte er pomadisiert und gekämmt und dadurch hielt es sogar im Wind, der so typisch für die Insel ist.
Zuvor hatte er mich in der Küche überrascht und in den Arm genommen.
»Dein Rockstar geht jetzt streichen.« Er hatte sich die Augen mit meinem Kajal angemalt. Matti hatte eines Tages rausgefunden, dass ich ihn so noch erotischer fand. Damals versuchte er, mich eifersüchtig zu machen, als seine Band bei einer Schulveranstaltung auftrat. Er hatte vor, unwiderstehlich zu sein. Der Abend, an dem ich erkannte, dass ich Gefühle für ihn hatte. Aber als Teenager traut man sich eben nicht immer gleich seine Empfindung zu zeigen. Steffi von der Parallelklasse versuchte, diesen Moment auszunutzen, doch er ließ sie abblitzen. Es dauerte weiterhin Jahre, bis wir es uns eingestanden. Bei jedem anderen Mann hätte es albern oder peinlich gewirkt. Nicht so bei Matti. Er war so, schon immer, es war seine Natur.
Er duftete nach dem Duschbad, das die Kinder ihm zu Weihnachten geschenkt hatten. Seine muskulösen Arme hielten mich fest, seine braunen Augen waren so dunkel und verhießen, dass wir um ein Haar das Streichen vertagen würden, um wieder ins Bett zu gehen. Es waren keine Anreisen geplant, wir hatten das Haus für uns. Sein Oberlippenbart hatte Konkurrenz in Form eines Dreitagebartes bekommen. Irgendwie sah er genau in dem Moment wie ein schlechter Pornodarsteller aus. Ich wusste es aber besser. Wir küssten uns, als gäbe es kein Morgen und er setzte mich auf die Arbeitsplatte. Ich spüre noch immer meine Hand auf seinen Oberarmen und die Muskeln, die sich anspannten.
»Ah, aber dafür scheinst du nicht so in Stimmung zu sein. Mir scheint, eine Aufgabe in der Küche liegt dir heute mehr«, neckte ich ihn.
»Mehr oder weniger ja«, er grinste mich mit seinem breiten Grinsen an, ganz nah vor mir. Er hielt mich immer noch fest umarmt und sah mir tief in die Augen.
Ich liebte seine braunen Augen, die mich an dunkle Schokolade erinnerten, und den kleinen Leberfleck am rechten Auge.
»Was hält dich ab?«, flüsterte ich, denn mir verschlug es nach all den Jahren immer noch die Sprache. Manchmal glaubte ich, nicht älter geworden zu sein. Er gab mir das Gefühl, immer jung und schön und begehrenswert zu sein.
»Eigentlich nur die Vorstellung, wie schön verschwitzt ich nachher bin. Deswegen muss ich nicht in das Fitnessstudio gehen. Und kann mir später eine viel, viel bessere Belohnung abholen. Besser als sich jetzt nur mit der Vorspeise zufriedenzugeben.«
Er strich mit seinem Zeigefinger von meinem Genick abwärts bis zum Hosenbund. Langsam streichelte er über meine Haut am Hosenbund entlang.
»Mit der Vorspeise, so so.«
Ich konnte mir ein Grinsen kaum verkneifen. Anderes kam mir in den Sinn. Ich wurde wieder von unseren entspannten Morgenmomenten eingeholt.
Diese Ereignisse schlichen sich in meine Gedanken und konnten sowohl als Erinnerungen, als auch Vorschau auf kommenden Freuden gedeutet werden.
»Na ja, vielleicht auch schon ein zweites Frühstück.« Sein Schnurrbart kitzelte an meinem Hals.
Für einen Moment waren wir wieder Anfang dreißig, doch ohne Kinder.
»Hmm, nicht dass du zu viel davon bekommst und übersättigt, faul und träge wirst.«
»Oh, wie könnte ich dem süßen Nektar widerstehen?« Seine Barthaare kitzelten jetzt an meinem Ohrläppchen und sein Atem strich über meine Haut.
»Na, wenn das so ist ...« Ich zog spielerisch an seinen Haaren, was ein Zucken in ihm auslöste, wobei ich nicht wusste, ob es die Lust oder schlicht die Panik war, seine dunkelbraunen Haare könnten nicht mehr perfekt sitzen.
Ich schaute auf seine Lippen und war wieder fasziniert, dass seine Oberlippe wie ein Herz geformt und schmal war und die untere Lippe so voll. Auch, wenn diese Lippenform allgemein nicht als sinnlich gilt, war sie für mich der Inbegriff von Sinnlichkeit. Ich sog seinen Geruch ein, spürte seine Wärme und seine Kraft, seine Lebenslust und seine Liebe. Wir waren jetzt fünfundzwanzig Jahre zusammen. Aber in diesem Moment dachte ich nur an unseren ersten Kuss, als er auch so nah vor mir stand. Mich mit demselben zärtlichen Blick ansah, als unsere Eltern wieder einmal zum Tanzen waren und wir zusammen einen Film schauen und uns über unsere Austauschjahre reden wollten. Da hatte es dann endgültig kein Zurück gegeben. Wir hatten uns bereits drei Jahre umschwärmt, wie Motten das Licht.
»Wenn was wie ist?« Es klang jetzt krächzend, ich erkannte seine Gedanken.
»Dann darf ich dich nicht dürsten lassen«, hauchte ich und zwinkerte ihm zu.
Vor fünfundzwanzig Jahren lief es genauso ab, wir hatten das gleiche gesagt und es hatte ihn schier wahnsinnig werden lassen. Dabei hatten wir uns nur einen kitschigen Historienfilm angesehen, weil Matti glaubte, dass ich den ungeheuer mögen würde. Ich mochte ihn nicht, aber ich gab es vor. Ich glaubte, er mochte den Film. Somit sprachen wir geschwollen und merkten nicht, wie sich die Energie zwischen uns auflud, wir strömten auf diesen Satz hin, der ihn endlich dazu brachte mich zu küssen.
Und so wie damals küsste er mich. Voller Leidenschaft und jungenhaften Charme, mittlerweile aber im Körper des Mannes, der wusste, was wir wollten und brauchten.
»Was so ein bisschen Frühling alles bewirken kann. Ich liebe dich« flüsterte ich, als wir kurz Luft holten. Er grinste mich an und wollte eben zum finalen Gegenschlag ausholen, als wir die Autotür hörten.
»Ich liebe dich mehr!«, hauchte er in mein Ohr.
Paul unser direkter Nachbar klopfte an die Fliegentür, aber er hatte bereits die Stimmung erfasst und räusperte sich verlegen.
»Hey Matti, what‘s up? Wann ist das Rockkonzert?«
Paul verwirrte es immer etwas, wenn er Matti wie einen Rockstar gestylt sah. Im Winter waren wir zu einem Empfang in die Stadthalle geladen worden. Niemand hatte Matthias erkannt, als er herausgeputzt in einem schwarzen italienischen Anzug, rasiert bis auf seinen getrimmten Schnurrbart, neben mir den Saal betrat. Als wäre es ein anderer Mann. Doch so kannte ich meinen Mann. Ein Chamäleon. Mein Matti.
»Ich tanze nachher für meine Herzensschöne und werde sie beim Zaunstreichen verrückt machen, mit meinem tollen Aussehen, mit meinem Talent die richtigen Worte zur richtigen Zeit zu singen ...«, dabei zwinkerte er mir verheißungsvoll zu, »ein Privatkonzert also!«
»Ja, schon gut. Wollte nicht stören!« Paul hatte eine Stiege mit frischem Gartengemüse dabei. »Josie, möchtest du das Gemüse trotzdem, falls dein Mann nicht die zahlende Kundschaft vergrault?«
Wir nickten uns zur Begrüßung zu.
»Klar, er liebt Gemüse« Ich zog die Worte liebt und Gemüse besonders lang, was zweifellos missverstanden werden konnte. Und vielleicht sollte es auch so sein. Ich erhaschte den wissenden Blick, mit dem Matti mich von der Arbeitsplatte hob.
»Oh ja und wie. Und damit ich das Zeug nachher auch richtig verschlinge, werde ich jetzt streichen gehen. Halt Ausschau nach mir Baby. Ich tanze nur für dich!«
Ein letzter zärtlicher und doch fordernder Kuss, ganz als wäre Paul nicht im Raum und er ließ uns stehen.
Paul lachte nun genauso und schüttelte den Kopf.
»Ihr seid wie meine Teenager. Sicher ihr seid schon fünfundzwanzig Jahre zusammen?«
»Oh ja und Großeltern werden wir ebenfalls.« Ich sah das Gemüse durch. Paul hatte nur eine kleine Stiege gebracht, da er eigentlich wusste, dass wir für heute keine Gäste erwarteten. Die Kinder sollten erst später anreisen.
»Ich hoffe, Alice erwartet das jetzt nicht auch noch von mir!« Paul grinste etwas verlegen und war im Begriff sich zu verabschieden. »Ich fahre zu Frank, soll ich euch ein paar Steaks mitbringen? Ich kann den armen Mann doch nicht nur Gemüse essen lassen, egal wie gut es ist. Und kommen die Kinder nicht später noch? Ich fahre ja eh bei euch vorbei und ich schwöre feierlich, ich öffne nur die Fliegentür und werfe das Fleisch auf die Arbeitsplatte, ohne hinzusehen.« Er zwinkerte keck und bekam doch rote Ohren.
»Ja, gerne. Matti wird ohne jeden Zweifel mit Streichen beschäftigt sein. Keine Sorge, das kann dauern. Und vergiss nicht, tanzen muss er ja auch noch.« Ich lachte Paul ungezwungen an. Wir hatten unglaubliches Glück mit solchen Nachbarn.
Es war fast Liebe auf den ersten Blick zwischen unseren Familien. Und wir hatten immer frisches Gemüse und Eier für unsere Gäste.
Draußen hatte Matti das Verlängerungskabel bis zum Zaun gezogen. Er stand kurz und schaute auf das gegenüberliegende Feld. Er beugte sich hinab und drehte die Musik seiner die selbstgebastelte CD mit italienischen, deutschen, spanischen und amerikanischen Rocksongs laut auf. Er drehte sich zum Haus und grinste herüber. Der Wind wehte.
»Hat Matti eigentlich schon eine Band gefunden, mit der er spielen will?« Paul sah Matti bei den Vorbereitungen zu.
»Noch nicht. Bisher war er auch nicht aktiv auf der Suche. Wir wollten erst einmal das Haus fertig bekommen. Willi und Charlotte kommen später. Sie haben keinen früheren Flug bekommen.« Auch ich schaute zu meinem Mann und überlegte kurz, das Thema der Küche wieder aufzunehmen, wenn Paul mit den Steaks auf der Rückfahrt war.
»Hey Paul, hör auf, mit meiner Frau zu flirten! Wenn du länger bleibst, musst du Eintritt zahlen.« Frech strich sich Matti mit dem noch trockenen Pinsel über seinen Oberkörper, als wäre er der Hauptakteur einer Stripshow nur mit weit rockigeren Songs im Background.
Paul winkte ab und ging lachend und kopfschüttelnd zu seinem Pick Up.
Ich hob grüßend die Hand, während er aus der Einfahrt fuhr und beobachtete Matti noch einen Moment.
Für einen kurzen Augenblick war er sehr ernst. Konzentriert besah er sich seine Aufgabe, und begann mit dem ersten Pinselstrich. Doch schon das nächste Mal, als ich aus dem Küchenfenster sah, tanzte er vor sich hin und sang mit seiner wunderschönen Gesangsstimme, die immer etwas von Eros Ramazotti hatte, wenn er nur mitsang, und grinste zu mir hinüber. Er konnte das Telefonbuch vorlesen und es klang so sexy. Er spürte meine Blicke, er wusste, was ich dachte. Er fühlte, was ich fühlte. Das war immer so gewesen und so auch in dem Moment.
Ich lächelte zurück, auch wenn er mich nicht sah.
Für einen kurzen Augenblick drehte ich mich zum Kühlschrank, um ihn ein kühles Bier zu bringen. Da hörte ich den Krach. Nichts kann dieses Geräusch beschreiben, nichts die plötzliche Leere, die ich schon spürte, bevor ich ihrer hätte bewusst werden können.
Das Auto hatte ihn erwischt, den Zaun und unsere Pinie im Garten.
Matti hatte keine Chance.
»Wo willst du hin?« Jenny Canducci schrie fast, doch Will ging unbeirrt mit seinen Hunden Bergmann und Bubbles Richtung Park.
Nicht in der Öffentlichkeit, nicht hier, nicht heute und schon gar nicht jetzt.
Nichts hatte gepasst, der Tag fing bereits bescheiden an und so richtig wusste Will Cunningham nicht, was heute eigentlich los war.
Er hatte sich gefreut, endlich Zeit mit Jenny zu haben. Endlich den langersehnten Urlaub genießen zu können. Nach anstrengenden Drehtagen, nach Interviews, Verleihungen und immer wieder Textlernen. Endlich zuhause, im milden Klima Kaliforniens.
Sein Haus und sein Grundstück waren groß genug, um mit den Hunden und Jenny zuhause bleiben zu können, aber Jenny hatte sich diese romantische Reise in die Karibik gewünscht. Zu oft hatte er sie vertrösten müssen, zu oft war er weg von ihr und eine Fernbeziehung war so ziemlich das Schwerste, was er sich vorstellen konnte.
Die Karibikreise hatte er organisieren lassen. Er hatte sich umgehört, wo es den schönsten Strand gab und wo das Wasser azurblau war. Ihm hätte ein Wanderurlaub irgendwo in der Nähe gereicht, aber Jenny wollte so gern die Welt sehen. Was war schiefgelaufen? Bergmann und Bubbles spürten, dass etwas anders war. Sie drehten sich beide nochmal nach Jenny um, die immer noch wütend stampfte und fluchend die Arme in die Luft riss, aber sich dann abrupt abwendete und in die Gegenrichtung davon ging.
Will schritt unbeirrt weiter und beschleunigte sein Tempo. Die Hunde stiegen darauf ein. Bald liefen sie neben dem joggenden Will und genossen den Auslauf. Mit Jenny joggten sie nicht viel, nur wenn Will dabei war.
Als Will nach Stunden wieder an seinem Haus ankam, war die Tür nicht abgeschlossen, nur zugezogen. Die Schranktüren standen offen, die Kleidung lag kreuz und quer verteilt. Die Kosmetik von Jenny war ebenfalls nicht mehr im Haus verteilt, was das eigentlich einzige Indiz war, dass es kein Einbruch, sondern Jenny gegangen war.
Echt jetzt? Er konnte es kaum glauben, sie war weg. Einfach so. Ohne weitere Diskussion. Nicht, dass es noch etwas gebracht hätte, aber er hätte gern einen richtigen Schlussstrich ziehen wollen.
Er war fast noch in seiner Entscheidung gekippt. Mit dem entsprechenden Empfang zuhause, hätte er sich breitschlagen lassen, die Reise doch nach ihren Wünschen anzupassen. Alles auszudehnen und eine halbe Weltreise daraus zu machen.
Europa, Asien, Afrika und die Karibik.
Er hätte schon fast seine Eltern angerufen, damit diese sich für den Zeitraum um Bergmann und Bubbles kümmern sollten. Hundesitter mochte er nicht in seinem Haus.
Er hatte gezögert und nun ahnte er, dass er bereits wusste, dass Jenny Canducci und Will Cunningham nicht mehr zusammen waren. Es war aus. Fast 10 Jahre. Einfach so. Und ob es so unter dem Radar laufen würde, wie bisher, war nicht klar.
Er war Mitte dreißig, als er sie bei einem alten Freund aus Collegezeiten kennengelernt hatte. Sie war zehn Jahre jünger und so süß, so sportlich und schien so geerdet.
Er hatte eben die Rolle seines Lebens erhalten. Vermutlich würde er nie einen Oscar in die Tasche stecken, aber er würde spielen können. Serienhelden hatten den Vorteil einer relativ gesicherten Vollzeitanstellung und regelmäßigen Geldeingangs, währenddessen beim Film oder am Theater meist nur kurze Engagements zur Verfügung standen.
Mit jedem Jahr hatte sich seine Bezahlung verbessert. Mit jedem Jahr hatte er eine festere Fangemeinde erworben und das fast ohne die sozialen Medien. Jenny hatte immer gern darin vertreten sein wollen, aber das hatte er gleich klar gemacht, sollte ihre Beziehung durchsickern, wäre es seinerseits ohne Angabe von Gründen sofort aus.
Dieses Business machte ihm manchmal Angst. Er hatte gesehen, was es anrichten kann. Menschen, die in einem Jahrzehnt weit oben waren, haben zum Schluss nicht einmal mehr Statistenrollen bekommen. Seine Eltern, einfache Leute, die alles darangesetzt hatten, ihm ein besseres Leben zu ermöglichen, hatten ihn immer unterstützt. Er versuchte, geerdet zu bleiben. Am Boden der Tatsachen. Seine Eltern waren eine Mischung aus Hippie und Macher. Sehr naturbezogen und doch immer daran erfolgreich zu sein, in dem, was sie taten. Seine jüngere Schwester war ihm ein Halt, vor allem wenn es um sein Liebesleben ging. Sie hatte Jenny gemocht, wurde es aber nie müde zu erwähnen, dass sie nicht die Richtige sei. Vielleicht lag es am Altersunterschied, vielleicht aber auch an der Herkunft. Jenny Canducci war hier geboren und aufgewachsen und in 2. Generation von Zuwanderern, kam sie geradeso aus einem bodenständigen Haushalt. Doch sie hatte längst andere Wünsche und Träume. Vor allem der Wunsch nach Familie war Will zwar nicht fremd, aber er hatte sich früh gegen eigene Kinder entschieden. Um genau zu sein, seit er in dieses Business hineingerutscht war.
Seine Lehrerin an der Schule hatte seinen Eltern geraten, ein Vorsprechen für eine Fernsehserie wahrzunehmen. Sie kannte dort jemanden, der eine Rolle zu vergeben hatte. Der junge Will wurde als mittlerer Bruder gecastet. Er war der engelsgesichtige Liebling der Zuschauer.
Wenn die Serie auch nicht lange lief, nicht großes Ansehen genoss, war doch sein Gesicht immer wieder auf den Zeitschriften und in den Medien. Nachdem sie abgesetzt wurde, spielte er kleine Nebenrollen in großen Blockbustern. So sehr er sich auch etwas mehr wünschte, gab es meist nur ein anerkennendes Nicken, jedoch keine größere Rolle.
Dann kam der Tag im Dezember vor elf Jahren, als er von seinem Agenten nach New York geschickt wurde. Es wurde eine Rolle für einen jungen Arzt vergeben. Na toll, noch eine Arztserie, und er solle den Sohn spielen! Die Rolle war mindestens zehn Jahre jünger angelegt, als er eigentlich war. Es sollte sich um eine Arztfamilie drehen, die über die Jahrzehnte in New York gearbeitet hatte und sich auf mehreren Gebieten verdient gemacht hatte. Dreh- und Angelpunkt in der Serie war sein Vater, der Oberarzt, auf dessen Gedeih und Verderben er als Sohn schutzlos ausgeliefert war. Normalerweise wurden Arztserien in Kalifornien gedreht, aber hier sollte und musste es wohl in New York sein. Will hatte sich auf die Rolle nach einigem Zögern gefreut, aber die Tatsache, dass der Drehort in New York sein sollte, machte es nicht zum Traumjob.
Er hatte seinen Lebensmittelpunkt in Kalifornien, seine Familie und seine Schwester hatte soeben bekannt gegeben, dass sie heiraten würde. Alles, was er kannte und liebte, war in Kalifornien. Langsam fand er Gefallen an dem Gedanken, eine Zeit lang woanders zu leben, doch dann traf er Jenny. Sie war alles, was er suchte. Zumindest zum damaligen Zeitpunkt.
Jetzt zehn Jahre später hatten sich die Blickwinkel verschoben. Sie wollte Familie, er hatte seine Familie und das reichte ihm, er hatte Bergmann und Bubbles und seine Nichte und Neffe, seine Eltern. Einen Job, den er gern machte, und er fand darin eine zweite Familie.
Es verlangte ihn nicht danach, mit Jenny weiterzugehen und eine eigene Familie zu gründen. Er hatte Ideen und Wünsche, andere Vorstellungen und andere Prioritäten. Er wollte etwas bewegen, wollte die Welt retten. Seit fast einem Jahr gab es eine Bewegung, der er sich verschrieben hatte. Er hatte sein Haus umweltfreundlich renoviert, hatte Solarplatten anbringen lassen. Er versuchte, sich mit lokalen Produkten zu ernähren und so viele Fairtrade Produkte zu nutzen wie möglich. Er hatte immer ein schlechtes Gewissen, wenn er das Flugzeug statt der Bahn nahm, wobei er sich damit tröstete, dass die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mit denen in Europa zu vergleichen waren. Er selbst war noch nicht dort gewesen, aber umwelttechnisch hatten die Europäer die Nase vorn, selbst seine Kollegen, die bereits drüben gereist waren, fanden meist nur lobende Worte.
Will entsetzte es, als er lernen musste, in L.A. nach einem starken Regen nicht ins Meer gehen zu können, weil die Strände und das Wasser kontaminiert waren. Er, der gern surfte, sich in der Natur aufhielt, um seine verschlissenen Batterien wieder aufzutanken, musste lernen, dass er Teil des Problems war. Er hatte klein angefangen, etwas zu ändern, und nun fühlte er, dass er auf dem richtigen Weg war. Aber er war auch ein US-Amerikaner. Benzin lag ihm im Blut, er liebte seine Motorräder und das Auto. Wobei er gern auf das Auto verzichtet hätte, doch Bergmann und Bubbles brauchten auch mal eine Mitfahrgelegenheit.
Er stand in seinem verwüsteten Zuhause. Sah sich um und suchte in seinen Gefühlen etwas von Schmerz, Verlust oder Trauer. Aber er fühlte sich leer. Die Gewissheit, dass dort, wo Gefühle sein sollten, nur Leere war, erschreckte ihn. Plötzlich glaubte er, keine Luft mehr zu bekommen. Die Hunde spürten es. Hastig versuchte er, Luft in seine Lungen zu saugen. Beide winselten vor ihm und wurden immer unruhiger.
Er musste raus. Erin, seine Schwester – sie konnte helfen. Er suchte sein Mobiltelefon und wählte Erins Nummer. Noch während es klingelte, wünschte er sich ins Haus seiner Eltern zurück, mit dem weißen Tastentelefon, das unheimlich schwer war, aber man konnte es gut mit sich tragen. Wieso vergingen die Jahre so schnell und wieso musste sich alles so rasant ändern? Jeder wollte heute Anteil haben am Leben der Anderen.
Jede kleinste Gefühlsregung wurde analysiert, unter dem Mikroskop seziert und ausgewertet und manchmal um ein Vielfaches maximiert oder minimiert, wie es eben gerade passte.
Er war müde und ausgelaugt, auch wenn er nichts grundsätzlich ändern wollte, er brauchte eine Auszeit.
Es klingelte immer noch und Erin schien nicht greifbar. Er hinterließ nur eine kurze Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Im zweiten Anlauf rief er seine Mutter an. Sie war Rentnerin, aber half immer ehrenamtlich in der örtlichen Bibliothek.
Seine Mutter Mary hatte, als Will ausgezogen war, um aufs College zu gehen, damit begonnen, einen Lesezirkel für Kinder von fünf bis fünfzehn zu gründen. Diese betreute sie regelmäßig. Darin hatte sie eine Erfüllung gefunden.
»Hi Will, was gibt es?« Seine Mutter schien immer sofort zu wissen, wenn etwas nicht stimmte.
»Hallo Mom. Nichts, ich wollte nur mal wieder Hallo sagen.« Gut, dass sie seinen leeren Blick nicht sehen konnte. Er versuchte seiner Stimme einen leichten, fröhlichen Klang zu geben. Wozu war er denn Schauspieler, wenn er das nicht vortäuschen konnte?
»Ja, klar. Du bist also nicht gerade sitzen gelassen worden?« Seine Mutter war wirklich unerbittlich. Woher wusste sie nun schon wieder, dass Jenny weg war?
»Was?« Er stutze.
»A, du rufst zuerst deine Schwester an, die übrigens neben mir am Tisch sitzt und wir Heidi eben davon überzeugen wollen, endlich Anne of Green Gables zu lesen ...« Wahrscheinlich schaute seine Mutter eben seine Nichte mit einem leicht vorwurfsvollen Blick an, der sagen sollte, du kommst eh nicht drumherum.
»B, Jenny rief mich an, um mir zu sagen, was ich alles an deiner Erziehung falsch gemacht habe. Ich erinnerte sie nach dieser Aussage daran, dass sie eine Verschwiegenheitsklausel unterschrieben habe und sie mir zwar alles sagen kann, aber vor der Presse besser still sein solle. Unser Anwalt ist einfach toll.« Will dachte nur, wie unglaublich seine Mutter war. Welche andere Mutter würde so ruhig bleiben und so kühl. Er wusste, dass sie unerbittlich sein konnte, wenn Menschen sie oder ihre Familie verletzen wollten. Ein weiterer Grund, warum er Fremden gern etwas mit Abstand begegnete. Sie hatten als Familie viel durchgemacht. Wunden, die noch immer heilten.
»Oh Gott, das hast du ihr nicht so gesagt!«
»Aber ja doch. Jenny ist ein liebes Mädchen, aber erwachsen ist sie nicht. Sie braucht Führung in ihrem Leben. Na ja, jetzt müssen wir das aber nicht mehr übernehmen.« Wills Mutter sah alles pragmatisch, aber er wusste, sie wünschte sich Enkelkinder von ihm. Der Wunsch war da, selbst, wenn sie es nicht ansprechen würde. Manchmal konnte sie auch zurückhaltend sein.
»Nun, was bleibt mir da noch zu sagen?« Eigentlich hatte er beabsichtigt, zu fragen, ob er ein paar Tage bei seinen Eltern bleiben könne. Diese Kälte und Leere, mit der er der Trennung gegenüberstand, erschrak ihn.
»Fährst du allein weg oder was hast du vor?« Will rollte seine Augen, als er sie das sagen hörte.
»Keine Ahnung. Ich muss erst einmal sehen, dass ich wieder Ordnung in das Chaos bekomme.« Nur keine Schwäche zeigen.
»Also Erin und ich haben eine ganz besondere Idee. Du wirst sie lieben.« Oh je. Will bekam Beklemmungen. Das verhieß nichts Gutes.
»Und das wäre jetzt was?« Seine grünen Augen wurden groß.
»Wir fahren alle zusammen in den Urlaub. Erin und ich wollen Heidi zeigen, wie toll die Welt von Anne of Green Gables ist. Und seit Jahren wollte ich dorthin fahren und es mir mit meinen eigenen Augen ansehen. Also fahren wir mal als große Familie gemeinsam in den Urlaub. Du schuldest uns noch ein bisschen Familienleben, William.«
Immer wenn seine Mutter ihn William nannte, war er in Schwierigkeiten. Das kannte er. Bevor Jenny in seinem Leben auftauchte, hatten sie öfter zusammen Urlaub gemacht. Damals war das Geld nicht so üppig. Es waren meist kurze Ausflüge oder Roadtrips zum Mount Rushmore oder die Nationalparks in Kalifornien. Wie oft hatten sie sich die Mammutbäume angesehen im Sequoia Nationalpark?
Mit Jenny stand ein solcher Ausflug nicht zur Debatte. Es war nicht so ihres. Daher hatte Will sich für fernere Ziele wie Mexiko entschieden. Da gab es Cocktails und Pools und Roomservice.
»Und wo liegt dieses dorthin?« Er hatte zwar noch nicht ganz nachgegeben, aber so schlecht klang ein solcher Ausflug nicht und er konnte die Kosten für alle übernehmen. Er hatte gut verdient und die Hunde konnten auch mit. Er könnte es als ein kleines Dankeschön an seine Familie verpacken.
»Oh Schatz, du wirst es lieben. An der Ostküste Kanadas. Da gibt es tatsächlich die Insel Prince Edward Island, genau wie im Buch, und wir haben schon ein nettes Bed and Breakfast gefunden. Erin hat vor zwanzig Minuten bereits mit der Besitzerin gesprochen. Wir haben das ganze Haus für uns, na ja du wohnst nicht im Haus. Leider ist es ein tierfreies Bed and Breakfast.« Dass seine Mutter so euphorisch war, freute Will sehr, aber ohne Bergmann und Bubbles wollte er da nicht hin und das sagte er seiner Mutter auch.
»Ach Will, das wissen wir ja. Deshalb hat Erin das Josie auch schon gesagt.«
»Wer ist Josie?« Will hatte das Gefühl irgendwo in den Ausführungen seiner Mutter abgehangen worden zu sein.
»Josie Becker, sie ist die Besitzerin. Eigentlich vermietet sie die kommenden Wochen nicht, wegen einer Familiengeschichte. Ihre Kinder und Enkel sind wohl zu Besuch. Aber sie meinte, wenn es uns nicht stört und du und die Hunde mit dem Cottage, gleich neben dem Haus vorliebnehmen könnten, dann macht sie die Ausnahme. Sie hat es eben als zusätzlichen Gästebereich umgebaut. Einen minimalen Wermutstropfen hat es doch, dass ihre eigene Familie da ist. Na ja, aber die meisten kleineren Unterkünfte sind noch geschlossen, da die Saison noch nicht begonnen hat, und du weißt ja, wie sehr dein Vater und ich konventionelle Hotels ablehnen. Man soll nicht die Reichen noch reicher machen. So ein kleines Unternehmen braucht unser Geld mehr.«
»Danke für deinen Monolog, Mom. Erin und du haben das bereits entschieden? Was sagen Eddie und Dad?«
Kurze Stille folgte am Telefon. Aha, sie hatten es weder seinem Vater noch seinem Schwager gesagt.
»Nun ja, so richtig wissen es die beiden noch nicht, aber sie werden schon mitkommen. Josie hat gesagt, dass wir die speziellen Early-Bird-Packages bekommen. Sie hat auch so viele Dinge aufgezählt, die man dort unternehmen kann. Will, du könntest sogar surfen!«
Will wusste sehr wohl, dass er bereits überstimmt war und nicht nur er, sondern auch sein Vater und Eddie.
»Ich will aber nicht dorthin. Das ist bestimmt superlangweilig!«, krähte Heidi und Will fühlte, wie diese Worte aus seiner Seele sprachen.
»Papperlapapp, du wirst sehen, es wird supertoll und Onkel Will freut sich auch schon, richtig Will? Ich stell mal eben auf Lautsprecher!«
Will zog seine rechte Augenbraue nach oben, wie er es immer tat, wenn er etwas sagen, aber dafür keinen Streit riskieren wollte.
»Klar Heidi. Endlich haben wir wieder mal richtig Zeit für uns. Bergmann und Bubbles kommen auch mit und wir werden eine tolle Zeit haben.«
»Siehst du. Onkel Will nimmt die Hunde mit nach New York und fährt dann mit dem Auto nach PEI, so wird die Insel genannt. Er freut sich so sehr.«
Will schüttelte willkürlich den Kopf. Niemand kam je gegen seine Mutter an. Jetzt wurde sogar schon entschieden, wie er zu dieser Insel kam. Er würde später erst einmal googeln müssen. Er hatte keine Ahnung, wo das war.
»Hey Erin, schickst du mir bitte noch die Kontaktdaten, damit ich weiß, wo ich hinfahren muss und wie ich da hinkomme?« Es hatte keinen Sinn, sich nicht in die Situation zu ergeben. Auch Bergmann und Bubbles lagen bereits zu seinen Füßen und schauten betroffen zu ihm hinauf.
»Aber nicht, dass du dort anrufst und uns wieder abmeldest!
