Indian Vision - Wolf E. Matzker - E-Book

Indian Vision E-Book

Wolf E. Matzker

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Beschreibung

Stella reist nach New Mexico, um sich dort um das Erbe ihres Vaters zu kümmern, den sie seit vielen Jahren nicht gesehen hat und dessen Hippie-Gesinnung und alternativen Lebensstil sie ablehnt. Während der Zeit dort muss sie sich mit der Lebenseinstellung ihres Vaters auseinandersetzen, die sie allmählich mehr und mehr versteht. Ein spiritueller Roman über den positiven Spirit einer Generation, die nach einer Alternative zu inhumanem Kapitalismus, permanentem Krieg und exzessivem Konsumismus gesucht und diese auch gelebt hat. Peace, love and Understanding, das waren einmal die zentralen Werte. Außerdem lernt Stella den Geist der indianischen Weltanschauung, der heute irgendwie vergessen scheint, kennen und verstehen. Die Weltformel lautet: In Harmonie mit Mutter Erde. Ein spiritueller Roman über den Geist der Hippie-Zeit und das Wesen des Indianischen.

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Seitenzahl: 239

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„Dann aber stand ich auf dem höchsten von allen diesen Bergen

und ringsum unter mir in der Tiefe lag der ganze Erdkreis.

Und während ich dort stand, sah ich mehr,

als ich sagen kann, und ich verstand mehr, als ich sah;

denn ich schaute auf heilige Weise

die Gestalten aller Dinge im Geiste,

und die Gestalt aller Gestalten,

wie sie zusammen leben müssen,

gleich wie ein Wesen.

Da sah ich, daß der heilige Ring meines Volkes

einer von vielen Ringen war,

die einen Kreis bildeten,

weit wie das Tageslicht und das Sternenlicht.

In der Mitte aber wuchs ein üppig blühender Baum

zum Schutze all der Kinder einer Mutter und eines Vaters.

Und ich erkannte all dies als heilig.“

(Black Elk, Ich rufe mein Volk, S.→)

Inhaltsverzeichnis

1. Die Vision von: Peace, Love and Understanding

2. Die Welt der Visionen

3. Die Vision vom Medizinrad

4. Das Medizinrad des Indianers

5. Das Medizinrad der Naturgeister

6. The Spirit of the Eagle

7. The Religion of the Goddess

8. Der Traum von der Auflösung

9. The Secret Shrine

10. Die Kraft des Traumes

11. Indian Art

12. Just a dream?

13. Vision Quest

Vorwort:

Menschen haben Visionen, große Visionen. Seit den Urzeiten. Alle großen Persönlichkeiten hatten ihre Vision, ob es nun eine vom eigenen Bewusstsein unabhängige Erscheinung war oder nicht, ob mehr oder weniger Trance. Es war ihr großer Traum vom Leben, von ihrer Lebensaufgabe, von ihrer Bestimmung, die sie als heilig empfunden hatten. Dafür gaben sie alles. Dafür gaben sie am Ende ihr Leben. Aber wichtiger war und ist natürlich der Aspekt, dass die Visionen realisiert werden wollen. Sie sollen konkrete Wirklichkeit werden.

Die Visionen haben die Menschen vorangebracht, nicht die vielen Behinderungen, die Ablehnungen, die Verfolgungen und die Vernichtungsversuche der reaktionären Menschen.

Immer wollten sie die großen Träume schlecht machen und die großen Visionäre umbringen. Dafür gibt es im Laufe der Geschichte leider sehr viele Beispiele. Erst eine befreite Menschheit wird ihr Verhalten in der Hinsicht ändern. Noch ist das nicht der Fall.

01. Die Vision von: „Peace, Love and Understanding.“

Stella hatte einen Brief aus Santa Fe erhalten. Was hatte sie mit Santa Fe zu tun? Warum erhielt sie einen Brief aus dem fernen Santa Fe? Es war ein Brief von den Verwaltungsbehörden dort.

Sie überflog den Brief, weil sie schnell feststellen wollte, dass es sich um einen Irrtum handelte, denn es konnte sich für sie nur um einen Irrtum handeln. Aber es war keiner. Es ging um ihren Vater, der ihr ein kleines Anwesen vererbt haben sollte. Wie das?, fragte sie sich. Vielleicht ist es doch ein Irrtum.

Von ihrem Vater hatte sie seit Jahrzehnten nichts gehört. Ihre Mutter hatte ihn immer nur den „Spinner“ genannt. Ach, der Spinner! Oder sie nannte ihn den Hippie, den Verrückten, den Illusionisten, den Kiffer, den Träumer. Seit Jahrzehnten hatten sie keinen Kontakt gehabt. Und jetzt meldete sich Santa Fe. Offensichtlich hatten sie Forschungen angestellt und sie, Stella, ausfindig gemacht, um ihr von dem Erbe Mitteilung zu geben.

Das interessiert mich aber nicht, dachte Stella. Ich werde ihnen schreiben und ihnen mitteilen, dass ich an dem Erbe kein Interesse habe. Sollen sie es irgendeinem guten Zweck zuführen. Ist mir egal. Mich belastet und belästigt das nur. Mich interessieren auch nicht mein Vater und seine Spinnereien. Alles nur „Wolkenspinnereien“, meinte ihre Mutter immer wieder. Ihre Mutter war eine realistische Managerin eines kleinen Unternehmens.

Nichtsahnend hatte sie den Briefkasten geöffnet und den Brief aus dem weit entfernten New Mexico gefunden. Plötzlich erreicht einen ein Brief – und der ganze Tag verläuft anders als geplant. Hat eine andere Färbung, eine andere Stimmung. Alles ist anders. Die Wörter Santa Fe und New Mexico wecken irgendwelche Vorstellungen einer ganz anderen Landschaft, einer ganz anderen Atmosphäre. Plötzlich spielt eine andere Musik im Kopf und man muss ihr zuhören, ob man es nun will oder nicht. Plötzlich war sie mit ihrer vergessenen, verdrängten Vergangenheit konfrontiert worden. Plötzlich war eine Tür in eine andere Welt geöffnet worden. Stella wusste nicht, was das sollte und sie wusste nicht, wohin das führen würde.

„Du kannst ja einfach mal hinfahren,“ meinte ihre Freundin Sybille.

„Dazu habe ich wenig Lust. Was soll mich da schon erwarten? Nach dem Schreiben scheint das Anwesen nicht viel Wert zu sein. Ich werde ihnen schreiben, dass sie es verkaufen sollen.“

„Warum so voreilig? Wer weiß, was dort verborgen ist. Vielleicht ein Geheimnis deines Vaters.“

„Ja, vielleicht. Vielleicht aber auch nur jede Menge Vergangenheitsmüll. Alte Schallplatten, alte Bücher, alte Fotos. Man kennt das. Man will das alles nicht haben.“

„Du. Du willst es jetzt, heute nicht haben. Das muss aber nicht so bleiben. Das könnte sich ändern, wenn du etwas entdeckst, das dir etwas bedeutet. Sage einmal, was weißt du eigentlich von deinem Vater?,“ wollte Sybille wissen.

„Nicht viel. Meine Mutter hatte mir erzählt, dass er damals nach Nepal gegangen war. Später in die USA. Auf der Suche nach einer besseren Welt, auf der Suche nach einer Alternative. Zu Anfang, als ich ganz klein war, hatte er mir noch Ansichtskarten geschickt. Später habe ich dann nichts mehr gehört. Wollte ich auch nicht. Meine Mutter erst recht nicht, weil sie einen neuen Mann hatte. Einen Rechtsanwalt, den ich dann auch viel mehr als meinen „Vater“ empfunden hatte. Die alte Geschichte aus den sechziger Jahren war bei uns erledigt.“

„Eine Art Tabu?“

„Kann man so sagen. Eine Art Tabu.“

„Rede nicht von den wilden Zeiten. Wenn man sich in der Gesellschaft eingerichtet hat, kann man nicht mehr von wilden Zeiten reden. Sie werden dann verdrängt. Gegenüber den vernünftigen Ansprüchen kann man dann nicht mehr das Illegale rechtfertigen, ob es nun LSD oder eine Sexparty oder ein indischer Guru gewesen sein mag. Und die Weltrevolution in der Nachfolge von Che Guevara schon gar nicht.“

„Du scheinst dich ja auszukennen. Mich hat das nie so intensiv interessiert. Meine Mutter hatte ja einen Strich gezogen. Das frühere Leben abgelegt. Das hat mich sicher beeinflusst.“

„Dann ist jetzt vielleicht der Zeitpunkt gekommen, das zu ändern,“ meinte Sybille. „Die Welt deines Vaters zu erforschen. Auf jeden Fall würde ich hinfahren, mir das ansehen. Dann kannst du dich immer noch dagegen entscheiden, falls es wirklich nur alter Vergangenheitsmüll sein sollte. Mein Gefühl sagt mir allerdings etwas anderes. Da steckt etwas dahinter. Viel mehr, als du ahnst.“

„Ach, ja, Sybille deutet wieder die Botschaften.“

„Sicher. Es ist eine Botschaft für dich. Das sagt mir mein Instinkt. Ich rieche das von New Mexico bis hierher.“

„Na, toll. Was für eine Nase du hast.“

„Du solltest nicht so abweisend sein. Öffne dich dem. Fahre hin und schaue selbst. Man muss immer selbst nachschauen. Von hier kannst du das nicht. Du muss sehen, wie es dort aussieht. Die Landschaft riechen. Den Ort deines Vaters spüren. Kennst du eigentlich die psychedelische Musik?“

„Nein. Was ist das?“

„Das ist die Musik der damaligen Zeit, um ca. 1967. Man muss sie hören, dann kann man den Geist spüren. Ich werde dir mal ein paar Stücke vorspielen,“ meinte Sybille. Sagt dir der Begriff underground etwas?“

„Nein, abgesehen von der allgemeinen Bedeutung,“ sagte Stella.

„Dann werde ich dir das einmal erklären. Aber beginnen wir mit der Musik, weil er vor allem die Musik war, welche die Bewegung ausgemacht hat.“

Aus den Aufzeichnungen von Stellas Vater

Wir wollten eine andere Welt. Wir wollten eine ganz andere Welt nach dem Wahnsinn des Weltkrieges. Die kapitalistische Gesellschaft würde immer nur zu Unterdrückung und zu Krieg führen. Vietnam hat es gezeigt.

Vietnam war für uns ein Synonym für eine brutale, idiotische Politik. Es war für uns in jeder Hinsicht geisteskrank. Wir lehnten eine geisteskranke und eine brutale Politik und Gesellschaft völlig ab. Dafür wollten wir eine ganz andere Welt, die friedlich war, die von Verständnis geprägt war – und in der die „Liebe“ gelebt wurde. „All you need is love!“ Das war unser Motto.

Die „Liebe“, von der in Sonntagspredigten immer die Rede war, sollte jeden Tag gelebt werden. Konkret und ohne irgendwelche Schranken und Behinderungen. Das hatte es zuvor niemals in der Welt gegeben. Immer war von den Mächtigen alles beherrscht und reguliert worden. Die Machthaber aller Zeiten haben sich selbst nie an Regeln gehalten. Die Regeln, Gesetze und Gebote, ob spirituell oder staatlich, waren nur für die unterdrückte Masse da. Mit den Regeln wollten sie immer die einfachen Leute unterdrücken und rücksichtslos ausbeuten. Das war immer so. Auch heute.

Das schöne Gerede von der „Liebe“ war für den Sonntag. Es war kultureller Schein. Propaganda und Opium fürs Volk. Mehr nicht. Es sollte nicht wirklich gelebt werden, weil es das System der Mächtigen zu Fall gebracht hätte.

Alle Gefühle sollten ausgedrückt werden dürfen. Wir haben daran geglaubt, dass das einfach und sinnvoll ist. Wir wollten uns nicht mehr unterdrücken lassen, sondern einfach nur leben. Einfach so in den schönen Tag hinein. Es war klar, dass uns alle Angepassten, alle Mitläufer und Jasager hassten. Die langen Haare, die Kleidung, die Musik, die freie Liebe. Sie hassten all das. Sie machten es lächerlich. Sie schüttelten ihre Betonköpfe. Für sie waren wir unzivilisiert und wie Wilde. Wer angepasst ist und in der Kolonne mitmarschiert, der hasst immer das Wilde. Es erinnert ihn an das, was er verloren hat, was man ihm weggenommen hat. Es erinnert ihn daran, dass er ein Eunuch im Soldatenheer des Kaisers ist, ein erbärmlicher Eunuch. Es erinnert ihn daran, dass er ein kastrierter Funktionsmensch ist, nur das Rädchen in der großen Maschine, an deren Schrauben der Boss dreht, wie er es will.

Das war uns klar. Wir haben das Falsche des Systems durchschaut. Wir hatten den Durchblick. Auch dafür hassten sie uns.

Wer unterdrückt ist, kann keine wirkliche Liebe in sich haben und schon gar nicht leben. Im Gegenteil, er hasst die wilden Leute, er hasst alles, das frei und unabhängig ist, er hasst sich selbst und das Körperliche, und am Ende hasst er den freien Geist und auch Jesus Christus. Das ist die Wahrheit. Wer unterdrückt ist, kennt nur die angepasste Form der Liebe, die aber weder ekstatisch noch spirituell ist.

Wir wollten Ekstase und absolute Freiheit.

*

„Ich werde dir ein wenig Musik vorspielen. Über die Musik kannst du leicht den Geist des Underground erfassen.“

„Underground heißt für mich nur Untergrund,“ meinte Stella.

„Es ist aber viel mehr als nur ein bisschen sozialer Untergrund, den es zu allen Zeiten gegeben hat und geben wird. Die ersten Christen lebten in Rom im Untergrund, in den Katakomben. Aber sie wollten nicht nur eine spirituelle, ernsthafte Alternative zu dem römischen Zirkus der spirituellen Vielfalt, sondern sie wollten eine gänzlich andere Welt.“

„Meinst du, dass die Hippies mehr wollten als nur ein bisschen easy living, mehr als nur freien Sex und freien Drogenkonsum?“

„In deiner Frage spiegelt sich genau die Haltung der Durchschnittsbürger wider. Für sie war es nur das, weil sie die tiefere Dimension nicht erfasst hatten. Auch nicht erfassen konnten. Höre dir mal diese Gruppe an. Diese Platte hat den Titel: ONE NATION UNDERGROUND und ist von der Gruppe PEARLS BEFORE SWINE. Die Musik wird wohl hauptsächlich in die Sparte Folk-Rock eingeordnet, aber ich denke, es ist auch psychedelischer Rock, wenigstens teilweise. Wie auch immer, zwei Lieder sind besonders bemerkenswert. Einmal dieses: Another Time.“

Where have you been to?

Where did you go?

Did you follow the Summer out

When the Winter pushed its face in the snow?

Or have you come by again

To die again?

Try again another time

Did you follow the Crystal Swan?

Did you see yourself

Deep inside the Velvet Pond?

Or have you come by again

To die again?

Try again another time

When you set to shape the world

Was the shape the shape of You?

Or did you cast enchanting glances

Thru the Eye that all men use?

Or have you come by again

To die again?

Try again another time

Did you find that the Universe

Doesn't care at all?

Did you find that if you don't care

This whole wrong world will fall?

Or have you come by again

To die again?

Try again another time

Did you ever capture

All those jewels in the sky?

Did you find that the world outside

Is all inside your mind?

Or have you come by again

To die again

Try again another time

(Auf dem Plattencover ist der Text in dieser Form abgedruckt.)

„Durchaus, ein schönes Lied,“ meinte Stella.

„Es geht um eine andere Weltsicht. Es geht darum, das Leben besser und richtiger, tiefer und poetischer zu erfassen. Es richtet sich indirekt gegen die amerikanische, oberflächliche, materialistische Lebensweise.“

„Also sollen wir dem Crystal Swan folgen, ja? Um dann irgendwann die „jewels in the sky“ zu sehen?“

„Genau. Du sollst eine andere Lebenseinstellung entwickeln, weil die materialistische oberflächlich ist. Nehmen wir das zweite Lied. Ein weiteres typisches Thema: DROP OUT! Aussteigen, aus dem System fallen, nicht mehr mitmachen, mitlaufen, mitmarschieren in der Kolonne.“

Drop out

Drop out with me

And just live your life

Behind your eyes

Your own skies

Your own tomorrows

Just be yourself

And no one can step

Inside your mind

From behind

If you just walk out

They made the rules

And they laid it

On us all

Don't you fall

'Cause then they own you

They're using you

to kill all the echoes still

Around

From the sound

Of calenders crumbling

They made the bomb

Would they drop it

On us all?

Great and small?

But must we follow?

Drop out with me

The refrain:

Don't you worry girl

Don't you worry

The whole world's

in too big a hurry

„Also, das ultimative Aussteigerlied aus dem Jahre 1967.“

„Ja.“, sagte Sybille. „Die Gründe und die Motive sind zeitlos. Sie haben für alle Zeiten Gültigkeit, in denen ein System mehr oder weniger diktatorisch alles bestimmt. Die Bombe steht für die Atombombe, für die absolute Zerstörung. Damals hatten viele begriffen, dass das westliche, materialistische System kein System der Freiheit ist, sondern Anpassung und Unterwerfung fordert.“

„Interessant.“

„Ja, sie hatten das voll durchschaut. Hinter die Maske geblickt. Sich nicht blenden und verführen lassen. Sie wollten sich selbst leben. „Just live your life.“ Man kann es als simples Motto abtun. Es wurde auch von den meisten nur abgetan. Angepasste Menschen können nur mit Abwehr reagieren, denn dieses Motto kann ihr bisheriges Leben auf den Kopf stellen.“

„Langsam verstehe ich, worum es geht. Um eine wirklich Alternative. Nicht nur um eine kleine individuelle Variation beim Marschieren im Mainstream, sondern um eine gänzlich neue Sichtweise.“

„Siehst du. Darum ging es deinem Vater. Eine ganz neue Sichtweise des Lebens finden.“

„Das Bibelzitat auf dem Cover der LP ist mir nicht ganz klar.

„Give not that which is Holy unto the dogs; neither cast ye your PEARLS BEFORE SWINE, lest they trample them under their feet, and turn ye on, and rend ye.“ Math. 7,6.

Verstehst Du das?“

„Suchen wir mal die deutsche Übersetzung:

Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor, denn sie könnten sie mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen.

Das ist ein Appell aus der Bergpredigt von Jesus. Das Heilige soll nicht entweiht werden.“

„Ja, gut, aber was sagt uns das?“, fragte Stella.

„Das Heilige ist das gottgefällige Leben. Das Leben, das wirklich und wahrhaftig von Gottes Geist erfüllt ist, das sich nicht an den falschen Propheten ausrichtet, gegen die sich Jesus wendet.“

„Und wer sind die falschen Propheten?“

„All die Vertreter des Leistungsprinzips, der Gewinnmaximierung, der Konsumkultur, der Anpassung, der Unterordnung. Sänger und Poeten wie der Tom Rapp, der frontman der Gruppe, wenden sich gegen die Mächtigen, die Herrschenden. In dem Lied UNCLE JOHN schreit er ja geradezu seine Ablehnung hinaus. Es ist die Ablehnung der Mörder, das muss man ganz klar sehen und sagen. Es ist die Ablehnung der Mörder. All der Militaristen, die immer vom Frieden faseln, aber ihn eigentlich nicht wollen, weil es ihnen um ihre Waffenindustrie und ihre Gewinne geht. Amerika wurde und wird von diesen Leuten beherrscht. Kennst du das Lied „Freedom“, das bei Woodstock gesungen wurde?“

„Nein.“

„Das war auch ein Schrei nach Freiheit. Ein intensiver Schrei nach wirklicher Freiheit, einer Freiheit vom Kapital und vom Militär. Das Kapital und das Militär haben immer gut zusammengearbeitet.“

„Klingt für mich kommunistisch.“

„Es geht um die Wahrheit, liebe Stella. Es geht darum, das Falsche eines Systems zu durchschauen. Darum ging es den Leuten damals. Darum ging es deinem Vater! Das Lied von Richie Havens müssen wir uns einmal anhören. (Auf youtube ist die Woodstock-Version zu finden.) Es wurde in den Gesellschaften seit Jahrtausenden immer nur gelogen und betrogen. Das sollte endlich, endlich, endlich einmal aufhören und sich völlig ändern. Darum ging es den Leuten!“

„Ok. Was hat das nun mit Jesus zu tun?“

„Ganz klar. Ihm ging es auch um eine radikal andere Gesellschaft, um eine Gemeinschaft. Um eine Gemeinschaft des Teilens. Schau dir doch diese Scheißgesellschaft an, diese paranoide Affenhorde. Sie streiten und zanken sich ohne Ende. Die Klugen verarschen die weniger Intelligenten, die Reichen beuten die Mehrheit aus. Was ist daran großartig? Gar nichts. Die Klugen kommen immer mit ihren Einwänden und ihren Relativierungen, weil sie im Grunde die Tatsachen nicht sehen wollen. Sie wollen sie schönreden. Sie wollen sie zukleistern.“

„Du bist ja radikal.“

„Ja, sicher bin ich das. Die Hippie-Bewegung war auch radikal. Radikal gegen eine Kultur des Krieges und der Ausbeutung. Es war nicht nur Flucht, nicht nur drop out. Das drop out verstehe ich jedenfalls im Sinne einer Ablehnung einer militaristischen, imperialistischen und kapitalistischen Gesellschaft.“

„Schon wieder klingt es kommunistisch.“

„Es mag so klingen. Es geht aber darum, die Wahrheit einer einseitigen Gesellschaft aufzuzeigen. Das System der UdSSR war übrigens auch militaristisch etc., das nur nebenbei. Es war auch ein falsches System. Ein System, das sich gegen den Menschen und gegen die Natur richtet, ist immer falsch. Das hatten sie durchschaut und das wollten sie anprangern.“

„Um an die Stelle ihre Vision einer menschlichen Gesellschaft zu setzen.“

„Ja. Jetzt wird es klar. Eine Gesellschaft, in der die BERGPREDIGT das Programm ist und nicht irgendein Masterplan eines „Master´s of War“. „Masters of War“, das war ein Protestsong von Bob Dylan.“

„Ich beginne zu ahnen, was mein Vater wollte.“

„Das ist gut Stella. Sehr gut.“

„Diese Bergpredigt, reicht die für eine Veränderung aus?“

„Theoretisch finden sie viele in den westlichen Gesellschaften gut. Theoretisch! Aber am Ende, wenn es darauf ankommt, entscheiden sie sich doch lieber für den Pragmatismus. Wenn man es genau nimmt, dann hat die Mehrheit dieses Programm nie ernsthaft für sich angenommen. Schon zur Zeit von Jesus nicht. Viele der damaligen Zuhörer werden damals schon gedacht haben: „Wie soll das gehen? Wie soll das funktionieren? Das ist doch ein weltfremder Träumer, dieser Jesus.“ So oder ähnlich wird es damals gewesen sein.“

„Die Flower-Power-Bewegung ist vermutlich deshalb gescheitert. Mit naiven Träumen ändert man keine Welt. Man hat nur den schönen, naiven Traum, aber eben kein realistisches Veränderungsprogramm.“

„Wenn eine Bewegung, die die Gesellschaft ändern will, scheitert, dann hat das äußere und innere Ursachen, liebe Stella. Zu den inneren Ursachen gehört, dass ein Traum von einer harmonischen Gesellschaft eher naiv, unausgereift, zu wenig durchdacht etc. ist. Zu den inneren Ursachen gehört auch eine schwache Geisteshaltung, die schnell in Fallen geht.“

„In was für Fallen?“

„Die herrschende Gesellschaft versucht, die Andersdenkenden zu kaufen. Ein gutbezahlter Job, eine Karriere beim Fernsehen und vieles mehr. Dann gibt man leicht Schritt für Schritt seine alternative Haltung auf. Am Ende ist man dann auch nur ein Mitläufer.“

„Und die äußeren Ursachen?“

„Die Mächtigen sind immer gegen die Andersdenkenden. Wenn sie brutal sind, dann schlagen sie gnadenlos zu, wie die Diktatoren zu allen Zeiten der Geschichte. In den westlichen Demokratien schlägt man aber auch zu, wenn man sich das einmal genau anschaut. Aber die Palette der Zerstörungsmethoden ist natürlich vielfältig. Man versucht die Schwächen der Andersdenkenden auszunutzen, um sie zu Fall zu bringen. Ihre Eitelkeit ist solch eine Schwäche.“

„Interessant. Ich war immer davon ausgegangen, dass der Drogenkonsum, der aus der Kontrolle geraten war, die Hippie-Bewegung zerstört hat. Aber es könnte ja sein, dass am Ende das eher die Absicht des Systems war und weniger die Schwäche des Geistes der Anhänger der Bewegung.“

„Es sind auf jeden Fall immer beide Komponenten. Die Schwäche der Andersdenkenden und die machtvolle Abwehr der herrschenden Leute. Letztere wollen immer mit aller Gewalt, also mit allen Mitteln, eine grundsätzliche Veränderung der Gesellschaft verhindern.“

„Du sprichst immer recht abstrakt davon.“

„Es ist ein allgemeines Phänomen. Der griechische Philosoph Platon wollte bereits die Gesellschaft ändern, ist damit aber nicht erfolgreich gewesen. Das Thema zieht sich durch Europas Geschichte. Wir haben heute die gleiche Situation. Die Intelligenz ist eigentlich auf der Seite der Veränderung zu einer wirklich humanen Gesellschaft. Die Macht und das Geld, die sind dagegen. Sie versuchen die Intelligenz zu kaufen, zu korrumpieren, zu entschärfen, zu verharmlosen, zu ignorieren etc. Wie ich schon sagte, eine große Palette von Zerstörungsmethoden.“

„Und mein Vater, wo mag er gestanden haben?“, fragte Stella

„Das ist die Frage. Der musst du nachgehen. Gut, dass du die Frage selbst stellst.“

Aus den Aufzeichnungen von Stellas Vater

Wir wollten eine andere Welt, aber wir waren zu naiv, zu jung, zu unreif. Wir hatten damals keine große innere Geistesstärke. Wir kannten Jesus, seine Geschichte, seine Predigten, seine Botschaft.

Ein bisschen hatten wir vom östlichen Denken gehört. Aber das reichte überhaupt nicht aus. Es war viel zu wenig. Es musste erst erarbeitet werden. Es musste erst gelernt und studiert werden. Das brauchte Zeit.

Alle, die das begriffen hatten, machten sich auf die Suche, d.h. an die Arbeit. Sie wollten die geistige Alternative erarbeiten, erforschen, entwickeln. Das ist der positive Entwicklungsstrom aus der Zeit. Er hat viel Zeit erfordert. Er hat viel Mühen und viel Arbeit erfordert. Er hat Jahrzehnte in Anspruch genommen. Spirituelle Weisheit erwirbt man sich nicht im Schnellkurs, sondern es braucht viele Jahre. Zerstören und Vernichten geht dagegen immer schnell. Ein Baum braucht ja auch seine 200 Jahre, um ein großes, stattliches Lebewesen zu werden.

Der negative, depressive, labile Strom mündete im toten Meer des Drogenkonsums. Das war eine Art Autodestruktion, weil das übermächtige, militaristische System als allmächtig und unüberwindbar angesehen wurde.

Der dritte Strom sind die angepassten Mitläufer. Musiker, denen ihre Karriere, ihre Show wichtiger war als alles andere. Ein alternatives Leben auf dem Lande kam für sie überhaupt nicht in Frage. Schon allein wegen der Arbeit nicht. Sie konnten doch nur kiffen und Gitarre spielen.

„Für mich war diese Hippie-Bewegung, und überhaupt die meisten Jugendbewegungen, zu sehr mit Drogen verknüpft,“ kritisierte Stella. „Vielleicht sind es alles nur von Drogen beherrschte Bewegungen gewesen.“

„Das denke ich nicht. Es geht immer um verschiedene Aspekte dabei.“

„Ja, gut, aber diese Exzesse kannst du doch nicht leugnen,“ beharrte Stella.

„Nein, sicher nicht. Will ich auch gar nicht. Es ging um Befreiung in einem sehr umfassenden Sinn. Um eine Befreiung von allen möglichen Zwängen, vor allem von dem Zwang, sich immer nur unterordnen und einordnen zu müssen, und das in ein System, das immer auf Krieg gesetzt hat. Damals war es der kalte Krieg gegen den Kommunismus und der heiße Krieg in Vietnam. Wie wir heute wissen, war beides absolut sinnlos. Das hatten kritische Leute damals alles durchschaut und wollten sich davon befreien. Das steckt hinter dem Lied von Richie Havens. Die positive Alternative ist eine menschliche Gemeinschaft. Modelle für eine echte menschliche Gemeinschaft waren der indianische Stamm und in der westlichen Kultur die Gemeinschaft mit Christus.“

„Aber wozu nun die Drogen? Die soziale Alternative leuchtet mir ja noch ein, obgleich ich nicht glaube, dass es jemals eine Menschheit gegeben hat oder geben wird, die ganz auf Gemeinschaft und Kooperation setzt. Es gibt im Dasein halt auch den Kampf und die Konkurrenz.“

„Das war aber nie ausgewogen. Kampf und Konkurrenz haben zu sehr die Welt bestimmt. Die Drogen sollten nun auf neue, ungewöhnliche Weise die Erstarrung in den Köpfen lösen, die festgefahrenen, festgesetzten Muster durchbrechen. Es sollte eine Veränderung des Bewusstseins induziert werden.“

„Mit den Drogen?“

„Ja. Dabei muss man natürlich differenzieren. Cannabis oder LSD sollten eine Änderung des Bewusstseins in Gang setzen. Mit härteren Drogen wollte man eher seine Depressionen, seine Traumata betäuben. Vergessen wir nicht: Die Hippies waren die Kinder der Soldaten des zweiten Weltkrieges, vor allem die Jahrgänge 1940 bis 1947. Viele waren mit extremen Traumatisierungen ins Leben gekommen. Hinzu kommt dann noch der Alkohol, der ja die Droge ist, mit der sich alle Gesellschaften auf der Erde durch die Zeiten saufen, buchstäblich saufen!“

„Die härteren Drogen, also die Opiate, haben doch nur neues Elend geschaffen.“

„Ja. Es war im Grunde nur eine verzweifelte Re-Aktion. Die Ursache sind aber nicht die Drogen. Die Drogen sind immer nur ein Mittel, mit dem man etwas machen kann. Wenn jemand ein Opiat nimmt, dann hat er zuvor bereits ein extremes Problem. Darum geht es. Von dem LSD, das für die Idee der Bewegung viel wichtiger ist, hat man sich eine Veränderung des Bewusstseins versprochen. Man wollte die Dinge anders sehen. Lebendiger, lockerer, vernetzter, verbundener, farbiger, vielfältiger etc. In der Kunst und vor allem in der Musik hat man das dann ausgedrückt.“

„Also LSD als kreativer Katalysator?“

„Ja. Das bürgerliche Weltbild ist starr und festgefahren. Das faschistische war es noch viel mehr gewesen. Das antikommunistische Weltbild in den USA war extrem einseitig. Die Chemie, also das LSD, kann das aufbrechen und eine neue Sicht in Gang setzen.“

„Aber wie sieht es mit der negativen Seite aus.“

„Das ist das Problem. Das ist aber das grundsätzliche Problem bei allen Substanzen, allen Psychopharmaka, es kann immer zu ungewünschten Wirkungen und Nebenwirkungen kommen. Beim LSD war es der sogenannte Horror-Trip. Die Welt wurde dann erst recht als bedrohlich und gefährlich erfahren. Dann war es kein schöner, bunter Bildertraum, den man eigentlich gesucht hatte.“

„Also doch gefährlich,“ betonte Stella.

„Ja, schon. Aber der entscheidende Aspekt ist das Ziel, das man hatte. Das Ziel, also eine positive Bewusstseinsänderung hin zu einer komplexeren Sicht der Welt und des Lebens, die vor allem die schönen, lebendigen Seiten des Daseins sehen wollte. Dieses Ziel ist das Entscheidende. Die Droge war nur ein Mittel gewesen. Ein anderes war die freie, ungehemmte Sexualität. Ein weiteres waren die Tranceformen beim Tanzen. Und natürlich die Musik.“

„Alles gefährliche Wege.“

„Ja, das hat meine Mutter auch immer gesagt. Für die bürgerliche Gesellschaft war alles gefährlich, was außerhalb der Norm lag. Das wollte man nicht, das lehnte man ab. Man wollte die Anpassung. In der Phase der Restauration nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man eine schöne, saubere Anpassung haben. Alles sollte ordentlich und anständig sein, obgleich man es ja selbst gar nicht war, denke an die Atombombenversuche! Diese Scheinheiligkeit war den Anhängern der Hippie-Bewegung zutiefst zuwider. Sie wollten die Maske herunterreißen. Die Drogen wie LSD waren dafür ein Mittel. Bunte, wilde Kleidung ein anderes. Nebenbei, heute tragen die meisten nur schwarze Klamotten. Im Grunde eine Uniform.“

„Und mein Vater. Was war seine Haltung?“

„Weiß ich nicht. Musst du herausfinden. Fahre nach New Mexico und finde es selbst heraus.“

„Glaubst du, dass er abhängig war?“

„Nein. Das ist immer das bürgerliche Schreckgespenst, dabei ist es der Bürger, der von seiner Betonwelt abhängig ist, von seinem Daseinskäfig, seiner festgezurrten Arbeitswelt. Nein, ich denke nicht, dass er irgendwie abhängig war. Ich vermute, dass er auf einem geistigen Weg gewesen ist. Die Musik von Pink Floyd und anderen psychedelischen Gruppen ist ja eindeutig LSD-induziert. Aber den Musikern von Pink Floyd war die Entwicklung ihrer Kreativität dann viel wichtiger als die bloße Konsumierung von Drogen. Zehn Jahre später gab es eine andere Musikrichtung, die auch ekstatisch und ungewöhnlich war, die aber durch Meditation induziert worden ist. Ich spiele dir mal ein Beispiel vor: Ecstasy von Deuter.“

„Mit Meditation können viele auch nichts anfangen.“

„Nein. Auch ein Schreckgespenst der bürgerlichen Gesellschaft. Man könnte zur Ruhe kommen, man könnte in die Tiefe kommen, man könnte das ganze falsche Gespinst der Welt durchschauen! Klar, dass die meisten davor Angst haben. Da schwätzen sie lieber endlos herum, reden klug daher, trinken ihren Rotwein oder ihr Bier – und alles bleibt beim Alten. Das ist es, was vor allem die Künstler der Hippie-Bewegung wollten: Eine ganz neue Weltordnung. Peace, Love and Understanding!“

„Also eine Revolution des Bewusstseins.“

„So ist es. Und zu dem Bewusstsein gehören auch die Gefühle, die Sexualität, der Körper und der ganze Lebensstil. Bewusstsein darf nicht nur mental verstanden werden, wie später teilweise in der esoterischen Bewegung.“

„Ist das eine andere Bewegung?“

„Ja. Sie kam später. Als man merkte, dass man in der äußeren Gesellschaft kaum etwas oder gar nichts bewirken konnte, hat man sich in die Innenräume zurückgezogen. Es ist immer alles vernetzt. Ursachen – Wirkungen. Alles zu sehen ist nicht leicht. Kollektive Geschichten – individuelle Geschichten. Wer hat da schon einen kompletten Überblick. Ich jedenfalls nicht.“

Aus den Aufzeichnungen von Stellas Vater