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Inés Llorente tastete nach der verschwundenen Schmierseife im Fluss, fasste diese letztendlich und kicherte lauthals los: »Es ist schon verrückt, dass die Toten zuweilen wiederkehren!« 26 mitreißende Erzählungen aus Lateinamerika und der Karibik, von denen sich zehn in Tres Rios, dem Dorf am Ende der Welt, abspielen.
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Seitenzahl: 525
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Sämtliche Handlungen und Inhalte der hier vorliegenden Erzählungen
aus Lateinamerika und der Karibik sowie die darin aufscheinenden
Personen sind gänzlich frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit
tatsächlichen Begebenheiten und lebenden oder bereits verstorbenen
Personen wären rein zufällig.
Unberührt hiervon bleiben selbstverständlich die an mancher Stelle
erwähnten Namen von Persönlichkeiten aus der Geschichte und
tatsächlich existierende Örtlichkeiten.
Das Chamäleon
Der Besuch des Senators: Tres Rios I
Nachts trinkt María Blut (Vicentes Braut)
Ehre, wem Ehre gebührt!: Tres Rios II
Abseits vom Licht
Der Neger Domingu
Eine merkwürdige Geschichte: Tres Rios III
Der rot blühende Flamboyant
Puco Sánchez bricht sein Schweigen: Tres Rios IV
Rosario
Das monströse Haus
Verklärung, Tod und Genesung: Tres Rios V
María Ángeles verweigert sich
Die Esperanza ist unverkäuflich!
Inés und ihre Gespenster: Tres Rios VI
Die namenlose Straße
Unheil über Boca Rita
An einem Dienstag im November: Tres Rios VII
Von der Liebe, der Armut und dem Fluss
Das Billardspiel: Tres Rios VIII
Eine merkwürdige Entfremdung
Der große Regen
Die Aufständischen: Tres Rios IX
Nach dem Begräbnis
Sargento Sertíjo: Tres Rios X
Basura
In jedem Menschen steckt ein Che,
bedeutet der Spruch auf der zerbröckelnden Mauer.
Die Alten gehen tagtäglich daran vorüber hinaus aufs Feld,
denn ihre Hoffnung haben sie längst begraben.
Die Jungen aber betrinken sich in der Cantina mit billigem Fusel
und träumen von einer besseren und gerechteren Welt.
Wenn dann die Nacht hereinbricht und eine jede Stirn benebelt ist,
denken sie wieder an ihr großes Vorbild Che.
In den Händen hielt der Diktator einen ganz jungen Vogel, der gerade aus seinem Nest im dicht belaubten Mangobaum direkt vor seine Füße gefallen war. Zunächst überlegte er noch, ob es überhaupt der Mühe wert sei, sich nach diesem zu bücken, oder ob es nicht eher angebracht wäre, ihn sogleich mit seinen schweren ledernen Stiefeln zu zerquetschen; entschied sich dann aber dafür – da er heute ausgesprochen heiterer Laune war –, den winzigen, pochenden, warmen Federball aufzuheben und ein wenig zu betrachten. Dieser piepste eifrig, geradezu aufgeregt und vergnügt, denn schließlich erwartete er irgendeine Nahrung, die ihn groß, kräftig, sogar eines Tages mächtig werden lassen würde, weswegen der Diktator augenblicklich sein Gesicht verzog und einen vortrefflichen Vergleich schloss, der ihn nunmehr begeisterte, so dass er leise vor sich hin murmelte: »Mein armes hungriges, so demütiges und kleines Volk!«
Dann setzte er seinen Spaziergang unbeirrbar fort.
Als ihm der Vogel letztendlich doch überdrüssig wurde, der noch immer zaghaft in seinen behandschuhten Händen mit einem weit offenen Schnabel piepste, drückte er mehrmals kräftig zu, bis kein Laut mehr zu vernehmen war, und schleuderte das leblose Etwas geradezu verächtlich in eine dornige Hecke, die er zwischenzeitlich erreicht hatte. Anschließend wandte er sich nach links dem plätschernden Springbrunnen zu, streifte die Handschuhe ab und wusch sich ärgerlich die Spuren des soeben begangenen Mordes von seinen makellos reinen, gepflegten Händen.
Die weiß getünchten Wände des Palastes im Hintergrund strahlten übermächtig, fast überirdisch rein im gleißenden Sonnenlicht des frühen Nachmittags.
Es war das erste Mal nach seiner Machtübernahme, dass er einen Mord tatsächlich wieder selbst begangen hatte; normalerweise beauftragte er Eduardo Moscote mit derartigen Angelegenheiten, der ihm hundertprozentig ergeben und ein charakterloses Schwein war und zudem ständig danach trachtete, seine – des Diktators – Gunst unter keinen Umständen zu verlieren.
Es war der Comandante Filadelfo Puerto, der aus dem Schatten einer offen stehenden Seitentür hurtig in den Innenhof hinaustrat und auf ihn zueilte. Dieser erstattete in strammer Haltung die ordentliche Meldung: »Man hat soeben die Weine aus den chilenischen Anbaugebieten geliefert.«
»Ausgezeichnet«, murmelte der Diktator. »Es wird morgen Abend ein großartiges Fest geben.«
»Sehr wohl! Ein großartiges Fest für Eure Exzellenz«, wiederholte der Comandante ohne Rührung.
Mit einer kaum wahrnehmbaren Handbewegung deutete Seine Exzellenz, Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos, seinem Untergebenen an, sich zu entfernen.
Nichts tat der Comandante Filadelfo Puerto lieber und schlich sich lautlos mit einem scheinheiligen Lächeln in den Mundwinkeln, das er sich längst bei Anwesenheit des Diktators oder bei einem persönlichen Gespräch mit ihm angeeignet hatte, davon.
Als er die dürre Pepita Oreja unter den schattigen Säulen des Innenhofes ausmachte, setzte er seine gewohnt steinerne und teilnahmslose Miene auf, denn ihr war keineswegs zu trauen. Jedermann in der näheren Umgebung Seiner Exzellenz wusste, dass sie insgeheim und unentwegt damit beauftragt war, Spionagedienste zu leisten. Jeden Donnerstag schloss sie sich für zwei Stunden mit dem persönlichen Vertrauten von Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos in einem Raum des Palastes ein, um diesem Bericht zu erstatten. Dieser Vertraute, der lediglich auf den schlichten Namen Xandão hörte, denunzierte dann die entsprechenden Personen, die innerhalb weniger Tage irgendwo in einsamer Landschaft tot aufgefunden wurden oder einfach spurlos verschwanden und nie wieder auftauchten. Die dürre Pepita Oreja mit ihren spärlichen Hühnerbrüsten und den umso größeren Ohren ahnte ebenso wenig, dass man ihre Spionagetätigkeit längst durchschaut hatte, wie Seine Exzellenz und Xandão dies hätten wahrhaben wollen; denn dazu hielten sie das gemeine, so einfache Volk im Allgemeinen für viel zu dumm, bloß gefräßig und insbesondere für demütigst untertänig.
Der Comandante Filadelfo Puerto – nachdem er sich endlich in Sicherheit wähnte und unbeobachtet fühlte – gestattete sich jetzt ein sehr spöttisches Lächeln, denn er wusste, dass Seine Exzellenz Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos den frisch eingetroffenen Wein aus den sonnigen Tälern der chilenischen Anden nicht mehr trinken und dieses großartige Fest – ein solches veranstaltete er mehrmals im Jahr – keinesfalls mehr genießen würde. Längst hatte die Verschwörung sein Todesurteil ausgesprochen. Jetzt mussten endlich unerklärliche Morde, sämtliche Korruption und Denunziation in diesem Land unweigerlich ein rasches Ende finden!
Zwischenzeitlich hatte Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos, der sich stets gut nährte und willkürlich allerorten Gelder abzweigte, wann immer es ging, um seine anspruchsvollen Bedürfnisse zu befriedigen, den kleinen Vogel längst vergessen, dessen Leben kaum begonnen hatte und so grausam enden musste, weil er – o welch ein schreckliches Schicksal in dieser verfluchten Welt! – unvorsichtigerweise aus seinem weichen, heimischen Nest im Mangobaum direkt zu Füßen des Diktators gefallen war.
Was interessierten einen solchen überhaupt Begriffe oder Selbstverständlichkeiten wie Ehre oder Mitleid? Vor allem besaß der Diktator den alleinigen Wunsch, sich immerzu selbst darstellen zu müssen, seine Macht unaufhörlich auszukosten – und Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos konnte sich wahrhaftig ohne jeglichen Grund aufplustern wie ein Pfau und wild und zornig schäumen, um sich anschließend wieder als ein vertrauter, harmloser Freund zu zeigen, dem allerdings keiner seiner Untergebenen tatsächlich vertraute; vielleicht mit Ausnahme der hühnerbrüstigen Pepita Oreja, Xandão, dem Chamäleon oder Eduardo Moscote, der eh nichts anderes als eine erbärmliche Kreatur und ein gemeiner Handlanger war.
Jedenfalls wiegte sich der in sich selbst gar so sehr verliebte Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos, von eigentlich kleiner Statur und mit unzähligen Falten im Gesicht, die unweigerlich auf sein fortgeschrittenes Alter hindeuteten, gänzlich in Sicherheit, als er in seinen kühlen Arbeitsraum im Palast zurückkehrte und sich an seinen imposanten Mahagonischreibtisch setzte.
Er lächelte zufrieden. Sein blitzsauberes weißes Hemd roch nach zartem Rosenduft, trotzdem er ein wenig schwitzte, seine Füße steckten in glänzenden, ledernen und ausgesprochen teuren Stiefeln, die man sich nur leisten konnte, wenn man immer an der Spitze thronte; eisern, erbarmungslos, selbstsüchtig und unnahbar für das gemeine Volk war, das lediglich dazu diente, seinen Reichtum unaufhörlich zu mehren.
Ein Porträt von Napoléon Bonaparte, das diesen nach den siegreichen Schlachten von Austerlitz (1805) und Jena und Auerstedt (1806) in voller Größe zeigte, prunkte schwer an der grün tapezierten Wand über den Schränkchen und Vitrinen mit den zierlichen Kristallkelchen darin, aus denen schon so mancher süße, lippenrot gefärbte Frauenmund geschlürft hatte.
Jetzt aber dachte Seine Exzellenz nur mehr an seine schneeweiße Yacht, die weit draußen im Hafen vor Anker lag, an seine getreuen Golffreunde im Club, anschließend an seine Frau Sara Domingo und an die beiden längst erwachsenen Töchter, bevor Xandão, das Chamäleon, mit flinken Schritten sein herrschaftliches Büro betrat. Ihm war es jedenfalls gestattet, sich ohne Anmeldung Seiner Exzellenz jederzeit zu nähern.
»Was gibt’s?«, knurrte Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos ärgerlich in einem gewohnt forschen und kommandierenden Ton, seinen so schönen privaten Träumen urplötzlich entrissen.
»Wichtige Neuigkeiten!«, stammelte Xandão.
»Berichten Sie!«
»Man redet von einer Verschwörung gegen Seine Exzellenz!«
»Wenn es nur das ist, werde ich heute früher nach Hause gehen«, sagte der Diktator und lächelte sarkastisch. »Irgendwelche Verschwörungen gegen mich finden ja nahezu tagtäglich statt. Ordnen Sie die Angelegenheit nach Ihrem eigenen Ermessen«, befahl er, ohne überhaupt daran interessiert zu sein, Näheres darüber zu erfahren.
»Aber mir scheint … verzeihen Sie, Exzellenz! … dass insbesondere hinsichtlich des morgen bevorstehenden Festes eine gewisse Vorsicht geboten sein sollte.«
»Dann verstärken Sie die Sicherheitsmaßnahmen«, ordnete der Diktator an.
Während er sich aus seinem ledernen Sessel erhob und in seine Uniform schlüpfte, die mit zwei, drei glänzenden Orden bestückt war, wandte er sich nochmals seinem Vertrauten Xandão zu und fragte: »Beweise?«
»Keine Beweise; nur … äh! … gewisse Beobachtungen und Deutungen seitens unserer getreuen Pepita Oreja ...«
Mit einer verächtlichen Handbewegung gebot der Diktator Xandão augenblicklich zu schweigen. Die hühnerbrüstige Pepita Oreja war zwar tatsächlich unersetzbar in ihren Beobachtungen, den lautlosen Schritten, mit denen sie sich, geradezu unhörbar, irgendwelchen Verdächtigen näherte; doch spann sie sich aus allen möglichen Ungereimtheiten immer wieder irgendwelche Verschwörungen hervor, die es tatsächlich niemals gab.
Außerdem hatte der Diktator jetzt keine Lust mehr, in seinem Büro irgendwelchen Amtsgeschäften nachzugehen, da er augenblicklich daran dachte, sich auf seiner Yacht gänzlich der Entspannung hinzugeben, um beim großen Fest, morgen, eine für die anwesenden und sorgfältig auserwählten Gäste glänzende Rede zu halten, die ihm einen grandiosen Beifall sichern würde.
»Ich ordne hiermit an, dass Sie damit beauftragt sind, alles zu tun, um das große Fest am morgigen Tage ohne irgendwelche Zwischenfälle über die Bühne gehen zu lassen!«, befahl Seine Exzellenz in einem strengen Ton.
Draußen wartete schon sein Chauffeur, um ihn an den Hafen zu bringen.
Das Chamäleon, duftend nach frischem Parfum und immer pflichtbewusst, zog sich mit der hühnerbrüstigen Pepita Oreja in einen Nebenraum zurück, um noch einmal die ganze Angelegenheit zu überdenken, ob tatsächlich irgendeine spürbare Gefahr im Geheimen lauerte, welche die morgendliche Festlichkeit stören könnte. Letztendlich aber gab es in der Tat keinen gewichtigen Grund hierfür, weswegen man beschloss, sich der allgemein ausbreitenden Ruhe des restlichen Tages hinzugeben, sich den auf mehreren eisernen Rosten bereits vorbereiteten Tintenfischen, Seebarben und sonstigen Fischen, den frischen Salaten zu widmen und Gespräche zu führen, die jedenfalls nichts mit Seiner Exzellenz oder der Politik des Landes zu tun hatten, sondern eher ausgesprochen persönlicher Natur waren.
Das Land lag rettungslos verloren in den stinkenden Ausdünstungen des neuen Tages. Die Indígena Carmen Ecolástica stopfte die Maiskolben, nachdem sie diese von ihrer trockenen Schale befreit hatte, in einen spröden Baumwollsack. Gelegentlich nahm sie einen Schluck Wasser aus dem Tonkrug, der neben ihr auf dem blanken Lehmboden stand, zu sich. Trotzdem sie die dreißig kaum überschritten hatte, wirkte ihr Gesicht, das schon einige tiefe Furchen von einer lange andauernden Armut und Verzweiflung aufwies, wie das einer Fünfundvierzigjährigen. Ihre Hände waren mager, knöchern, schmutzig und die Finger verkrümmt von der ewigen Feldarbeit, die ihre Familie gerade so ernährte. Ein anderes Leben hatte sie nie gekannt.
Unter dem Schatten spendenden Ceiba-Baum gackerten ihre sieben Hühner. Hinter diesen liefen fünfzehn unaufhörlich piepsende Küken her. Ein schwarzes Schwein suhlte sich genüsslich im feuchten Schlamm neben der Regentonne. Carmen Ecolástica folgte mit ihren Augen, die tiefschwarz, aber längst glanzlos geworden waren, nunmehr der gebeugten Gestalt ihres Mannes Ernesto, der sich endlich dazu aufraffen konnte, das Dach ihrer gemeinsamen Hütte, wenigstens notdürftig, zu reparieren. Sie beobachtete, wie er, geschnittenes Holz unter dem Arm tragend, eben die Leiter erklomm. Neben der Eingangstür ihrer Hütte lehnte eine langstielige Axt, die er sich gestern, am Vormittag, von Alfredo Naza, ihrem Nachbarn, ausgeborgt hatte. Anschließend hatte er damit begonnen, Holz zu zerkleinern, um die einzelnen Scheite dann auf dem Dach festzunageln, damit der Regen nicht mehr hereintropfen würde.
Nach vier Tagen unaufhörlicher Regenschauer vor einem Monat, die eine deutliche Spur auf dem Erdboden neben dem Esstisch hinterlassen hatten, war er nunmehr endlich gewillt, das Dach notdürftig zu reparieren, wusste Carmen Ecolástica. Sie stieß einen Seufzer dankbarer Erleichterung aus, schnürte den Baumwollsack zu und wollte sich soeben aus ihrer sitzenden Haltung erheben, als sie sich dabei ertappte, dass sie wiederholt über die Worte ihres Mannes nachdachte, die dieser eben in jenen Regennächten vor einem Monat geäußert hatte. Sie wusste, dass er manchmal gereizt auf irgendwelche Äußerungen reagierte, insbesondere dann, wenn er aus der Cantina des Dorfes nach Hause kehrte, in der er sich zuweilen mit seinen Freunden verabredete, um billigen Fusel zu trinken. Warum auch nicht? Sie gewährte ihm diese kleine Freiheit ohne zu murren. Aber eben während dieser andauernden Regentage, in denen ein feines Rinnsal neben ihrem Esstisch unaufhörlich durchs Dach tropfte, hatte er beim gemeinsamen Mahl merkwürdige Dinge geäußert und davon gesprochen, dass es auf diese Weise nicht mehr weitergehen könne.
»Die Armen verrecken ganz langsam und ganz allmählich, während sich Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos und seine Getreuen ... hahaha! ... tagtäglich den Bauch mit Köstlichkeiten vollschlagen und über unser gepeinigtes Volk, dessen vergossenes Blut sie dazu noch genüsslich schlürfen, ausgiebig lachen ... hahaha!«
Mit Ernesto war irgendetwas Merkwürdiges geschehen, ahnte sie sofort. Nie zuvor hatte sie ihn dermaßen verärgert, verzweifelt und in sich völlig aufgelöst erlebt. Ihre Töchter Maya Hermosa und Atacama fingen sogar vor Angst und Schrecken an zu weinen, während Benito unbeirrt den kargen Maisbrei aus seinem Teller in sich hineinstopfte.
Irgendetwas war geschehen, denn Ernesto war eigentlich immer sehr schweigsam gewesen, hatte sich über Politik und über die Diktatur in ihrem Land nie geäußert, sondern stets nur darauf geachtet, dass die Familie irgendwie überlebte.
»Was ist los mit dir?«, fragte sie unwillkürlich. »Hast du zu viel getrunken?«
Er lächelte. Er lächelte an jenem Abend geradezu sarkastisch und sagte nach einer geraumen Weile leise: »Sieh dich doch bloß einmal genau im Spiegel an, Carmen Ecolástica, mein geliebtes Weib. Bedauerst du nicht auch dein Schicksal, dieses unnatürliche, unaufhörlich fortschreitende Altern aufgrund unserer Armut ... und der Armut aller Indígenas in diesem ausgezehrten Land?«
Sie seufzte schwer über seine Gefühllosigkeit in diesem Augenblick, die sie wie einen unvorhersehbaren Dolchstich im Herzen empfand und sie geradezu tödlich beleidigte. Er hat sich also eine Geliebte genommen, eine um viele Jahre Jüngere, und lässt mich mit unseren drei Lieblingen sitzen, überlegte sie. Wortlos räumte sie das Geschirr ab und warf einen zufälligen, doch äußerst verzweifelten Blick in den zerbrochenen Spiegel an der Wand.
Die Armut und die mit ihr verbundene tagtägliche, geradezu sinnlose Feldarbeit unter einem fortwährend gleißenden Sonnenlicht, die kaum ein schlichtes Überleben zuließ, hatten tatsächlich unübersehbare Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen, wie sie sich eingestehen musste; aber dass er sich so plötzlich und auf einmal aller Verpflichtungen der Familie gegenüber entledigen wollte, begriff Carmen Ecolástica nicht. Eine schüchterne Träne, die wahrlich von ihrer Verbitterung zeugte, rann über ihre Wange.
»Es liegt nicht an dir … eher an den allgemeinen Umständen in diesem Land … dieser unerbittlichen Diktatur«, sprach Ernesto leise und umarmte sie.
»Vertraue mir … vertraue mir … aber es muss etwas geschehen!«
Maya Hermosa und Atacama hatten zwischenzeitlich zu weinen aufgehört, denn die Worte ihres Vaters klangen nunmehr – wie gewohnt – sanft und beschwichtigend, was sie einigermaßen beruhigte. Benito war satt vom vielen Maisbrei, stand auf und legte sich gähnend und grunzend auf das provisorisch errichtete Bett neben der Eingangstür der Hütte.
»Aber etwas ist mit dir geschehen, Ernesto, ich spüre es … ich bin dein angetrautes Weib und verspüre daher eine jegliche Veränderung an dir«, sagte Carmen Ecolástica scheu.
»Ich habe den Comandante Filadelfo Puerto in der Cantina des Dorfes angetroffen, der ganz auf unserer Seite, der Seite der Armen, steht«, gestand Ernesto jetzt zaghaft ein.
»Und was hat dies zu bedeuten?«, fragte Carmen Ecolástica verwundert.
»Er hat jedenfalls einen direkten Zugang zum Diktator, kennt ihn persönlich und hasst ihn ebenso wie die gesamte indianische Bevölkerung.«
»Und?«
»Nichts weiter …«, sagte er nebensächlich. »Aber es kann nichts schaden, wenn man gewichtige Persönlichkeiten kennt, die einen gewissen Einfluss haben.«
Am Abend füllten erneut kühle Nebel die Täler im Hochland. Carmen Ecolástica legte sich auf ihr einfaches Lager nieder und hoffte, dass sie vielleicht doch eines Tages zufrieden mit ihrer Ernte, ihren endlosen Bemühungen um ein besseres Leben sein würden. Tatsächlich aber glaubte sie eigentlich nicht daran und nahm sich dennoch vor, in der allmählich verfallenden Dorfkirche wiederum einen Strauß Blumen niederzulegen. Ohne diesen Glauben an Christus, den wahren Sohn Gottes, gab es ja nichts … überhaupt nichts … was ansonsten zu tun wäre …
Das Chamäleon Xandão beäugte die Kinder im Vorhof des Palastes aufmerksam, die, von ihren Lehrern dirigiert, geflissentlich versuchten, Gleichschritt zu halten. Die gelben, roten und blauen Bänder, die sie in ihren Händen schwangen, durften nicht in Unordnung geraten. Ihr Auftritt war zur Eröffnung des großen Festes geplant, bevor der Diktator seine Rede halten sollte.
»Auch Kinder sind äußerst verdächtig …«, flüsterte Pepita Oreja mit blinzelnden, ein wenig verstörten Augen, die soeben lautlos neben Xandão getreten war, ins Ohr des Chamäleons.
»In diesem Alter noch nicht«, verneinte der Angesprochene vehement.
Die hühnerbrüstige Pepita zuckte nur mit den Schultern und schwieg daraufhin. Ihre Augen versprühten dabei allerdings dämonische Blitze, die bis in die intimste Tiefe irgendeines Gegenübers vordringen konnten.
»Sie hat den bösen Blick!«, sagte vor vier Monaten der unvorsichtige García Mendéz auf einer Versammlung im Dorf.
Drei Tage später war und blieb er für immer spurlos verschwunden.
Man musste mit gewissen Äußerungen äußerst vorsichtig sein, seitdem Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos mit seinen Getreuen in diesem Land die Macht an sich gerissen hatte. Mit ihrer spitzen Nase erschnüffelte Pepita Oreja jetzt einen verdächtigen Geruch, den sie zunächst nicht zu deuten wusste. Wie eine Hündin folgte sie diesem lautlos im Schatten der Säulen des Innenhofes, bis sie – voller Zufriedenheit mit sich – die Ursache dieses Geruchs endlich ausmachen konnte. An einer Mauerecke stand tatsächlich der Comandante Filadelfo Puerto und unterhielt sich offensichtlich mit einem schlichten, einfachen Bauern aus den Reihen des Volkes, der ihr zwar unbekannt war, aber ebenso verdächtig erschien wie der Comandante selbst.
Sie roch Scheiße!
Man muss ihn unbedingt im Auge behalten, wusste sie.
Leider konnte sie von dem Gespräch nichts aufnehmen, das abrupt abgebrochen wurde, als plötzlich ein Sonnenstrahl durch das dichte Laubwerk des Mangobaumes am gusseisernen Tor direkt auf ihr Gesicht fiel. Der Comandante musste sie unweigerlich entdeckt haben; denn jetzt zog er den Bauern in seiner weißen Kleidung und dem zerschlissenen Strohhut geschwind mit sich fort, hinüber auf die belebte Straße, wo sie im Gewühl des Marktgeschehens ihren aufmerksamen Blicken entkamen.
»Vorsicht ist geboten«, murmelte Pepita Oreja leise vor sich hin, »denn wer anfängt leichtsinnig zu werden, der muss immer damit rechnen, dass er letztendlich geopfert wird.«
Jedenfalls beschloss sie, bei der großen Feier den Comandante Filadelfo Puerto nicht aus den Augen zu lassen; denn sie verdächtigte ihn schon lange, dass er bei einer eventuellen Verschwörung gegen den Diktator eine gewichtige Rolle spielen könnte.
Das Chamäleon Xandão zog sich nunmehr in seine privaten Räume im Palast zurück, denn die Vorbereitungen der Kinder für das großartige Fest auf dem Vorplatz langweilten es entsetzlich. Im Spiegel betrachtete Xandão nun sein Angesicht, das schön, noch jugendlich, aber mit der Zeit ausgesprochen trügerisch, wenn nicht gar unheimlich und scheinheilig wirkte. Zugegebenermaßen hasste Xandão den Diktator Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos, die hühnerbrüstige Pepita Oreja und den gemeinen Mörder Eduardo Moscote; doch ebenso gern sonnte er sich in diesen Gefilden der Macht, an der er in seiner gewichtigen Stellung bedenkenlos teilnehmen konnte. Allerdings musste es ihm tatsächlich an den Kragen gehen, wenn irgendein Umschwung im Land aufflackerte; ein Attentat, mit dem man jederzeit rechnen musste, gelang; denn neben dem Diktator, Pepita Oreja und Eduardo Moscote war er wohl die am meisten gehasste Persönlichkeit im ganzen Land. Dies bereitete ihm zuweilen ein scheußliches Unwohlsein in der Magengegend; denn immerzu musste man damit rechnen, dass die Unterdrückten, diese grausam Unterdrückten, sich auf die Dauer nicht mehr mit dem ihnen auferlegten Schicksal zufrieden geben würden. Eine Veränderung lag wahrlich in der Luft; spürbar wie ein herannahendes Unwetter, das sich über den Gipfeln der Berge ausbreitete, näher kam und die Umgebung augenblicklich verdunkeln würde.
»Man muss schließlich mit allem rechnen!«, stöhnte das Chamäleon nun und dachte angestrengt über seine gegenwärtige Lage nach.
»Wenn man ganz oben steht, genügt ja nur ein bloßer, leichtsinniger Fehltritt, um in einen fürchterlichen Abgrund hinunterzustürzen«, wusste es.
»Man muss sich letztendlich allen Möglichkeiten gegenüber offen zeigen«, beschloss Xandão und nahm sich vor, mit dem Comandante Filadelfo Puerto, den Pepita Oreja längst aller möglichen Gemeinheiten und Intrigen verdächtigte, ein offenes Gespräch zu führen.
Der Diktator Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos (dieses »Todos los Santos« hatte er sich übrigens von den Kirchenoberhäuptern des Landes mit sehr üppigen Geldzuwendungen erkauft) vergnügte sich zwischenzeitlich auf seiner Yacht. In dunkelblauer Badehose, mit behaarter, stolz geschwellter Brust und barfüßig stand er an der Reling und fühlte sich in vollkommener Sicherheit. Dass er seine Macht sichtlich genoss, erkannte man an einer jeglichen seiner Bewegungen. Hob er kurz die Hand, erschien schon ein Steward in schneeweißer Kleidung auf Deck und brachte ihm, nicht ohne unzählige Verbeugungen dabei ausführend, einen Drink; schnippte er mit den Fingern, so erschien sein persönlicher Sekretär, dem er irgendwelche überflüssigen, doch ihm gewichtig erscheinenden Schreiben diktierte; lächelte er, seiner Macht ein wenig überdrüssig, denn tatsächlich war er ja noch – trotz allem – ein Mensch, so streichelte seine Frau Sara Domingo sein frisch rasiertes Kinn und hauchte ihm verlogene Liebkosungen ins Ohr.
»Mein großartiger Admiral … Mein bedeutender Horatio!«, flüsterte sie ihm zu, wenn er aufrecht an der Reling stand und aufs weite Meer hinausblickte.
Jeglichen Vergleich mit dem englischen Admiral Lord Nelson, der einst die Schlacht bei Trafalgar siegreich geschlagen hatte und für England die Vorherrschaft auf den Meeren einleitete und sicherte, genoss er sichtlich.
Sara Domingo war mit den Jahren ebenfalls reichlich gealtert; doch erschien sie ihm weiterhin in ihrer jugendlichen Blüte, wie er sie kennengelernt und vor langer Zeit geehelicht hatte.
»Man müsste das Altern gesetzlich verbieten können«, stammelte er fast lautlos vor sich hin.
»Es ist ungerecht, dass man altert, wenn man im Leben eine gewisse Position erreicht hat und sogar über ein ganzes Volk regiert.«
Seufzend betrachtete er seinen Bauchansatz.
»Diese Sorgen …«, murmelte er, denn jetzt galt es auch noch, Reina María Nieve und Reina María Josefa, seine beiden Töchter, standesgemäß zu verheiraten.
Leider waren sie überhaupt keine Schönheiten. Aber darauf kam es ja gar nicht an. Es galt doch nur, ihnen jeweils einen der Edlen aus seiner unmittelbaren Umgebung schmackhaft zu machen, die treu, zumindest unterwürfig, auf seiner Seite standen.
Das Meer, das er schaute, wogte sanft plätschernd vor sich hin. Ein friedliches Idyll lag in der glasklaren Luft. Morgen, auf dem Fest, nach seiner ausführlichen Rede vor den geladenen, ausgesuchten Gästen, die ihm zweifelsohne allesamt ergeben waren, würde er sich ein wenig betrinken, wusste er, was keineswegs etwas ausmachte oder verwerflich war, wenn man sich rechtzeitig zurückzog. Und er, als Diktator, als mächtigster Mann des Landes, konnte sich jederzeit, wann immer es ihm beliebte, zurückziehen, um einen erbärmlichen Rausch auszuschlafen.
Dies war nur eines seiner Vorrechte vor allen anderen Vorrechten, die er sich anmaßen konnte.
Niemals sieht ein Diktator einen Fehler ein, denn sein eigenes Selbstbewusstsein ist einfach so grandios, sich selbst gerecht, dass irgendwelche Zweifel nur Personen belasten können, die vielleicht noch über ein gewisses Mitgefühl verfügen, über die Fähigkeit, gerechte Urteile auszusprechen, die eben einem Diktator längst abhanden gekommen sind.
Der wolkenlose Himmel ergoss sich über die im Hafen liegende schneeweiße Yacht.
»Welch ein friedliches Idyll«, murmelte Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos andächtig, als er seinen Blick über die Häuserreihen am fernen Ufer schweifen ließ.
Nichts deutete darauf hin, dass sich durch seine inzwischen fünfjährige Regentschaft in diesem Land etwas verändert hätte. Die Armen waren noch immer arm und blieben es weiterhin, während die wenigen Reichen, die er selbstverständlich zu seinem Fest geladen hatte, seine Führung lobten. Die dunkelblaue Badehose, die ihn zwickte, reizte ihn dazu, sich – in einem unbeobachteten Moment – am Sack zu kratzen.
Ein Fischer auf seiner Barkasse, die eben auf den Wellen schlingernd vorüberfuhr, winkte ihm zu.
Weil er sich in diesem Augenblick äußerst zufrieden fühlte und ausgesprochen heiterer Laune war, erwiderte er den Gruß mit einer schlichten Handbewegung. Seine Frau, Sara Domingo, die soeben aus der Kabine trat, musterte ihn mit einem gutmütigen, wenn auch etwas gelangweilten Blick.
»Was für ein herrliches Wetter; was für ein unbeschwerter Tag!«
Er lächelte.
»Ein Tag ohne Verpflichtungen und stumpfsinnige Amtsgeschäfte!«
Sie bewunderte ihn. Auch wenn er in seiner dunkelblauen Badehose und mit seinem behaarten Körper keinen Adonis darstellte, hatte er es immerhin geschafft, sich eine Macht anzueignen, von der die Welt sprach. Er war jedenfalls der Präsident dieses Landes und schrieb Geschichte … Geschichte, die sie zwar nicht verstand, aber immerhin redete man sie mit dem mächtigen Titel einer Frau Präsidentin an, was sie dazu bewegte, sorglos die Beine zu spreizen, wenn der Präsident es wollte; wenn der armselige Präsident des mächtigen Landes oder vielmehr der mächtige Präsident dieses armseligen Landes danach verlangte. Obwohl sie ihn niemals geliebt hatte, fand sie – Sara Domingo – sich damit ab, die gewöhnlichen Pflichten eines angetrauten Weibes zu erfüllen. Und eine weitere Pflicht war es nunmehr, ihre Töchter – Reina María Nieve und Reina María Josefa – standesgemäß zu verheiraten. Dies beschäftigte Sara Domingo hauptsächlich in ihrer Eigenschaft als Frau des Diktators, der zwar von seinem Volk im Allgemeinen verhasst war, doch … sah man’s nicht soeben? … von einem einzelnen Fischer ehrfürchtig vom Deck seiner Barkasse aus gegrüßt worden war.
Das Chamäleon Xandão zeigte sich noch ein wenig unentschlossen, als es im schattigen Säulengang des Palasthofes mit bedächtigen Schritten auf und ab ging. Schmuck saß dessen Uniform mit den goldenen Borten und Quasten, dem Degen an der rechten Seite des breiten Gürtels und der Pistolentasche an der linken. Dabei beobachtete es die Ankunft der Fischhändler, Metzger und Obstverkäufer, die ihre Waren für das bevorstehende Fest lieferten, mit äußerst misstrauischen Blicken. Noch misstrauischer aber begegnete Xandão der fortwährend aufgeregt und unaufhörlich hin und her eilenden Pepita Oreja, die reichlich damit beschäftigt war, alles im Auge zu behalten. Ihr entging nichts, wusste er – und er musste verdammt vorsichtig sein. Aber die hühnerbrüstige Pepita Oreja hatte jetzt so viel zu tun, dass es ihr einfach unmöglich war, ihr Augenmerk auch noch auf ihn zu richten. So beobachtete Xandão das gusseiserne Tor, durch das der Comandante Filadelfo Puerto in einem jeden Augenblick treten musste.
Das gleißende Sonnenlicht überflutete den groß angelegten Innenhof des Palastes mit seinen verschiedenartig gemauerten und verschnörkelten Brunnen, Blumenbeeten, Mango- und Ceiba-Bäumen, in dem Eduardo Moscote, der unheimliche Mörder in Diensten des Diktators, soeben erschienen war, um zwei Wachtposten elendiglich zusammenzuscheißen, die sich gar ein wenig nachlässig im Schatten der Mauer herumgedrückt hatten, anstatt schwitzend in der prallen Hitze auf ihrem Posten direkt neben dem Tor auszuharren.
»Ihr elenden Schweinehunde!«, betitelte er sie lautstark.
Die beiden sichtlich Erschrockenen nahmen sogleich militärische Haltung an, mussten eine unendliche Flut von Schimpfwörtern über sich ergehen lassen – und waren augenblicklich dazu verurteilt, mit ihren Gewehren im Anschlag noch Stunden in der prallen Hitze neben dem gusseisernen Tor reglos zu verharren, bevor sie endlich abgelöst werden sollten.
Eduardo Moscote, mit seinem stets versteinerten, unbeweglichen Gesicht, der Handlanger der Diktatur, seiner Exzellenz Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos, verschwand kurze Zeit später in den kühlen Innenräumen des Palastes, um sich eine Erfrischung zu gönnen.
Man sagte von ihm, dass er nichts anbrennen ließ, dass er zwar ein Teufel in Menschengestalt im Dienste der Republik (das Land unter der Diktatur des Presidente bezeichnete sich offiziell nach außen hin tatsächlich als eine Republik!) sei, doch zudem ein überaus zärtlicher Familienvater. In dieser Beziehung glich er vielleicht sogar ein wenig dem verfluchten Polizeiminister Joseph Fouché im fernen, damaligen Frankreich, der jedenfalls mit seinen Intrigen Danton, Robespierre und auch die Regierungszeit Napoléons überlebt hatte. Tatsächlich war er wohl ein überaus zärtlicher Familienvater; doch musste seine unscheinbare Ehefrau geflissentlich darüber hinwegsehen, wenn er sich an manch fröhlichen Wochenenden in irgendwelchen billigen Bordellen herumtrieb, wo er sich die Gunst einzelner hübscher Damen mit einem stets prall gefüllten Portemonnaie erkaufte.
Das Chamäleon Xandão aber bewegte sich noch immer lautlos im Schatten des Säulenganges auf und ab, wie eine Katze auf lautlosen Pfoten, bis es die plötzliche Ankunft von Filadelfo Puerto bemerkte, der mit geraden Schritten auf den Palasteingang zuschritt. Die hühnerbrüstige Pepita Oreja erschnüffelte gerade den Geruch von frischen glänzenden Fischleibern auf der Auslage eines armselig hölzernen Karrens, der soeben vorgefahren war. Somit nutzte Xandão seine Chance und rief den breitschultrigen Comandante zu sich.
»Auf ein Wort, Filadelfo!«
Noch nie zuvor war es vorgekommen, dass ihn das Chamäleon Xandão in solch vertrauter Anrede angesprochen hatte.
Er verneigte sich ergeben.
»Kommen Sie mit!«, befahl das Chamäleon mit seinem gewohnt spitzen Ton und führte ihn um eine Ecke, die vom großen, sich weit ausdehnenden Platz nicht einzusehen war. Dort lagerten die Abfälle des höfischen Lebens, die – in irgendwelche grobleinenen Säcke gestopft – noch nicht abgeholt worden waren. Man konnte in der Luft den Geruch von Fäulnis und Ratten verspüren.
Was aber hat dies zu bedeuten?, fragte sich Filadelfo Puerto unwillkürlich.
»Comandante!«, sagte die Stimme des Chamäleons, die plötzlich gar nicht mehr – wie ansonsten – einschüchternd und befehlend wirkte.
»Comandante«, wiederholte sie ruhig und fast zärtlich, »sagen Sie mir … vertraulich … von Freund zu Freund … jedenfalls vertraulich … ob das geplante Fest ohne außerordentliche Schwierigkeiten … Unannehmlichkeiten … ablaufen wird.«
Der Comandante Filadelfo Puerto erklärte in einem sicheren Tonfall: »Man wird Seine Exzellenz mit dem Ihm gebührenden Respekt empfangen und ehren … was sonst?«
Xandão ging nachdenklich ein paar Schritte auf und ab, bevor er erneut vor seinem Gesprächspartner stehen blieb und sagte: »Aber vielleicht … man spricht allerorten davon … wird es den Versuch eines Attentats auf Seine Exzellenz geben.«
»Davon weiß ich nichts«, betonte Filadelfo Puerto in einem überzeugten Tonfall.
»Aber wenn dem dennoch so wäre … in meiner Eigenschaft als Politiker des Staates und als Vertrauter des Präsidenten, der einfach nicht umhin kann, sein ihm auferlegtes Amt ordentlich und geflissentlich zu erfüllen … wenn dem tatsächlich so wäre …«
Der Comandante lächelte zaghaft.
»Dann stürben wohl auch die Handlanger der Diktatur einen schrecklichen, einsamen Tod!«
»Aber wenn sie eigentlich …« – und das Chamäleon äußerte dies in einem wahrlich überzeugten Ton – »... doch eigentlich mit dem allem tatsächlich überhaupt nichts zu tun hätten?«, sagte dessen Stimme, die nunmehr ein wenig zitterte, wie der Comandante sogleich bemerkte.
Schweiß perlte zudem von der Stirn des Chamäleons.
»Sie sind ihm jedenfalls auf all seinen verfluchten, anrüchigen und abtrünnigen Wegen gefolgt und haben das Land in ein schreckliches Unglück gestürzt!«
Man würde ihn foltern, einfach krepieren lassen wie einen Hund, überdachte der Comandante seine Worte, die er Xandão, dem Chamäleon, so einfach und unvorsichtigerweise gegenüber geäußert hatte.
Ich Idiot!, überlegte er – und gebot sich jedenfalls, jetzt äußerste Vorsicht bei der weiteren Unterhaltung mit Xandão walten zu lassen.
Aber das Chamäleon zeigte sich äußerst schweigsam und nachdenklich seinen bekennenden, verräterischen Aussagen gegenüber.
»Man wird sehen, was kommen wird«, betonte es sogar, während es seinen Arm geradezu freundschaftlich um die Schultern von Filadelfo Puerto legte.
»Wir sollten vielleicht einmal gemeinsam miteinander speisen und unser Gespräch fortsetzen«, sagte es abschließend.
Der Comandante Filadelfo Puerto wunderte sich über den plötzlichen Geruch einer ekelhaften, scheußlichen Angst, der dem Körper seines Gegenübers entströmte, und den allgemeinen Geruch des Abfalls, der Fäulnis und der Ratten – hier an diesem Ort, an dieser Stelle – gewissermaßen übertünchte.
Plötzlich war das alljährlich mehrmals stattfindende Fest in vollem Gange.
Der Diktator erschien auf den marmornen Stufen seines Palastes in einer schmucken, schneeweißen Uniform, an der mehrere glänzende Orden festklebten. Seine kurze Ansprache fand regen Beifall unter den versammelten Mächtigen und Aristokraten.
Man vernahm klassische Musik von Beethoven, Schubert, Chopin und Bach aus dem kleinen Europa, die einen gewissen, gar begeisterten Anklang fand. Der frische Fisch am Büfett schmeckte ebenso vorzüglich wie das dargebotene Schweine- und Ziegenfleisch der Bauern, das für diese Herrlichkeit aus allen Landesteilen herangeschafft worden war. Und ebenso betäubend schmeckten die Kartoffeln, Karotten, das Gemüse der Bevölkerung, das dieses von ihren Feldern mühsam auf ihren Karren herbeigeschafft hatte, um die Gaumen der Diktatur mit einer wenigstens äußerlich dargebotenen Zufriedenheit zu kitzeln.
Kristallene Gläser klirrten.
Chopins Etude op. 10 no. 3 »Tristesse« durchschwebte einsam den Raum und verflüchtigte sich in der glasklaren Luft.
Eine ausgelassene Fröhlichkeit machte sich breit.
Die Damen der Gesellschaft in ihren farbenprächtigen Kleidern erwarteten ihre Tänzer, die Herren trugen Uniformen, die zuweilen ebenfalls mit irgendwelchen Orden geschmückt waren. Ein Durcheinander von flüsternden, hauchenden Stimmen durchlief die breiten Korridore. Münder schmatzten vergnügt bei irgendwelchen dargebotenen Leckerbissen. Die tropische Hitze war ebenso fühlbar wie der tausendfältige Geruch der Speisen auf den Auslagen der silbernen Tabletts. Sanfte Kerzenlichter in kostbaren drei- oder fünfarmigen Leuchtern verbreiteten ein Gefühl von angenehmer Ruhe und zufriedener Behaglichkeit.
Man war zu dieser Festlichkeit geladen, weil man reich war und angesehen – und weil man in einem gewissen Einklang mit der vorherrschenden Diktatur stand.
Wen bekümmerte die schreckliche Armut der Bevölkerung in diesem Lande, wenn man sie weder sehen noch verspüren wollte? In ihren prächtigen Kutschen waren sie vorgefahren, um sich denen zu zeigen, die sie mit gebührendem Respekt erwarteten. Der alte General strich sich ebenso galant über seinen grauen Schnauz- und Backenbart, wie die aufblühenden jungen und auch die schon ein wenig welk gewordenen Damen mit ihren längst verbitterten Gesichtern sich über ihre angespannten Hüften strichen.
Was man erwartete, war ein gefälliges Wort seitens Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos. Auch wenn man ihn nicht geradezu liebte, so bewunderte man jedenfalls seine absolute Macht. Wen er betrachtete, mit wem er sich vielleicht sogar in ein kurzes Gespräch einließ, der durfte jedenfalls stolz sein und wusste, dass ihm eine glänzende Karriere bevorstand.
So standen sie allesamt bereit, während Seine Exzellenz lächelnd in seiner schmucken, schneeweiß glänzenden Uniform ihre Reihen wie ein begnadeter König abschritt.
»Danke für Ihr Erscheinen, Admiral!«
»Ich habe zu danken für die Einladung«, bemerkte der Angesprochene und schob seine Tochter vor.
»Wenn Eure Exzellenz erlauben … meine Jüngste, die Carmencita!«
»Entzückend!«, sagte Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos noch geschwind, bevor er den nächsten Gast mit einem Handschlag begrüßte.
So schritt er an den langen Reihen der Versammelten entlang, denen man eine persönliche Einladung zu dieser Festlichkeit übermittelt hatte – und von denen es keiner versäumte, daran teilzunehmen. Niemand hätte dies jemals gewagt!
»Ach, Madame!«, seufzte der Diktator und küsste eine faltige, mit Altersflecken längst bedeckte Hand. »Wie geht es Ihnen?«
Die Angesprochene lächelte aus ihren mit den Jahren längst glanzlos gewordenen Augen ihrem Präsidenten zu. »Man müsste noch einmal jung sein«, erklärte sie.
»Wem sagen Sie das … wem sagen Sie das!«, bemerkte der Diktator nachdenklich.
Es ist wahrlich ungerecht, dass auch solch erhabene Personen wie unsereins irgendwann aus dem gegenwärtigen Leben scheiden müssen, überlegte Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos.
Madame hatte ihm einst – vor einer erschreckend lang zurückliegenden Zeit, die längst nur mehr schlichte Vergangenheit war – ihre Enkelin Azalea vorgestellt, mit der er ein liederliches, gar verwerfliches Liebesverhältnis begonnen hatte, das nur deshalb enden musste, weil er es als äußerst vernünftig und für seine weitere Entwicklung notwendig empfunden hatte, sich letztendlich mit Sara Domingo zu vermählen, deren Vater als Innenminister des Landes seinerzeit eine gewichtige Rolle innehatte. Ohne diese Heirat, wusste er, wäre es ihm niemals gelungen, Präsident dieses Landes zu werden.
Welch einen herrlichen Glanz solch ein Fest doch über alle Anwesenden ausbreitet, erkannte der Diktator, insgeheim darüber lächelnd – und fühlte sich wie neugeboren.
Nur wegen ihm – seiner Persönlichkeit und der damit verbundenen Macht – waren sie von allerorten, selbst aus den entferntest gelegenen Winkeln und Ecken des Landes angereist; weil sie einfach danach trachteten, von ihm mit einem Handschlag begrüßt zu werden.
Dabei bedachte Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos jedoch nicht, oder wollte es einfach nicht wahrhaben, dass die meisten unfreiwillig der Aufforderung zu dieser Festlichkeit gefolgt waren, um nicht in Ungnade zu fallen.
Augenblicklich sonnte er sich in seiner Herrlichkeit! Er empfand eine schreckliche Genugtuung darin, dass sie ihm die Ehre erwiesen, einfach anwesend zu sein, um ihn – ihren Präsidenten – wie gewohnt zu feiern.
Sara Domingo, mein angetrautes Weib, wo bist du?, fragte er sich und sah sich nach ihr um, die gerade in ein Gespräch mit der alten Gräfin von … verwickelt war.
Ja, ich habe tatsächlich mein Ziel auf Erden erreicht, wusste er und schmunzelte vergnügt.
Ich bin, ich bin … ich …
Plötzlich fiel ein einzelner Schuss, der dieser schrecklichen Diktatur ein rasches Ende bereiten sollte.
Seine Exzellenz, Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos, der gerade seine Hand der siebten Gräfin von … entgegenstrecken wollte, brach augenblicklich zusammen wie ein einfaches Kartenhaus, das irgendwer zusammengesetzt hatte und nunmehr in einem flüchtigen Augenblick zusammenstürzen ließ. Die Damen schrien aufgebracht! Ein roter Fleck neben seinen Orden zierte seine Brust. Sein Haar hing plötzlich grau und leblos von den Seiten herab.
Jemand schrie: »Was ist geschehen?«
Ein anderer fluchte: »Mord! … Ein Attentat! … Ein frevelhafter, gemeiner Mord!«
Die Leibwache Seiner Exzellenz drängte die Gäste entschlossen und mit Gewalt zur Seite und formierte sich zu einem Kreis um den Gefallenen.
»Unser Glück ist dahin!«, jammerte einer verwirrt.
Der Comandante Filadelfo Puerto zog sich mit einem süffisanten Lächeln von diesem Bankett zurück; diesem geisterhaften, völlig unwirklichen Bankett.
Während sich Xandão, das Chamäleon, ebenfalls heimlich davonmachte, um sein erbärmliches Leben, das er jetzt in Gefahr sah, in Sicherheit zu bringen, bewahrte die hühnerbrüstige Pepita Oreja jedoch vollkommen die Ruhe und Übersicht – und begann lautstark ihre Anordnungen zu treffen: »Befehlen Sie, Comandante Moscote, verstärkte Wachen an die Eingangspforte … ans Tor … auf die Balkone … an alle strategisch wichtigen Stellungen im Palast!«
Die Wachtposten, die ihre Waffen längst gezogen hatten, gehorchten in diesem Durcheinander allein ihren Befehlen und den schrillen Anordnungen von Eduardo Moscote.
Die geladenen Gäste wurden allesamt – trotz Nörgeleien, vereinzelter Gegenwehr und erbitterter Zwischenrufe – in die vom großen Festsaal seitab gelegene Bibliothek gedrängt, wo sie einzeln langwierigen Verhören in einem schlichten Arbeitszimmer nebenan unterzogen werden sollten.
Alle – so hieß es allgemein! – hatten zwar den Schuss vernommen, doch keiner wollte gesehen haben, wer diesen abgegeben hatte.
»Diese Verschwörung muss augenblicklich aufgedeckt werden«, urteilte Pepita Oreja mit entschlossener Stimme, »um die Republik zu retten!«
Zwischenzeitlich bäumte sich der Körper des Diktators auf dem weißen marmornen Boden des Saales ein allerletztes Mal auf. Aus seinen Mundwinkeln schwappte rotes Blut. Seine weit aufgerissenen Augen konnten und wollten nicht begreifen, was um ihn herum geschah. Ungläubig stierte er auf den kostbaren Kronleuchter, der direkt über ihm von der Decke herabhing, bis sein Blick endgültig erlosch.
Eduardo Moscote, das Gewehr im Anschlag, stand neben der hühnerbrüstigen Pepita Oreja. Sein steinerner Blick hatte längst erkannt, dass sowohl der Comandante Filadelfo Puerto wie auch Xandão, das Chamäleon, von der Bildfläche verschwunden waren. Sofort verdächtigte er sie des gemeinen Attentats auf Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos, den Präsidenten der Republik.
Seine Exzellenz lag noch immer mit weit aufgerissenen, völlig überraschten Augen auf dem edlen Marmorboden des großen Saales.
»Es ist vorbei«, stellte der augenblicklich anwesende Leibarzt des Präsidenten sachlich fest und verschloss dem Diktator für immer die Augen.
Sara Domingo, in ihrem rauschenden dunkelgrünen Ballkleid und ihrer prächtig schimmernden Juwelenkette um den Hals, erlitt einen Schwächeanfall und musste von ihren beiden Töchtern gestützt werden.
»Was soll nun aus uns allen werden?«, jammerte sie leise.
Es entging den aufmerksamen Blicken Pepita Orejas, die die sich neu ergebende Situation sofort in Griff genommen und die Macht an sich gerissen hatte, als sie rasch auf den Balkon hinaustrat, um die allgemeine angespannte Lage zu überschauen, keineswegs, dass sich dort draußen eine fürchterliche Unruhe bemerkbar machte, die sich in allen Gassen der Stadt in Windeseile ausbreitete.
Schon bewegten sich gesichtslose, schattenhafte Gestalten (Massen!) auf die Mauern des Palastes zu. Vereinzelt fielen Schüsse. Plötzlich bestürmten einige beherzte Bauern mit brennenden Fackeln, einfachen Prügeln oder schlichten Sensen in ihren Händen das gusseiserne Tor.
»Freiheit für alle!«, schrien diese erbärmlichen Kreaturen.
»Nieder mit der Diktatur!«
»Der schreckliche Tyrann ist endlich tot!«
Die Lage wurde zunehmend ernster.
Das Tor konnte nicht mehr lange den daran zerrenden kräftigen Händen der Menge, die immer mehr anschwoll, standhalten. Eine Gewehrsalve brachte zehn aus ihr augenblicklich zu Fall; aber zwanzig ersetzten sie augenblicklich. Die ganze Stadt war auf den Beinen und in Aufruhr.
»Uns bleibt nur mehr die augenblickliche Flucht!«, flüsterte die hühnerbrüstige Pepita Oreja dem Mörder Eduardo Moscote ins Ohr.
»Die Flucht? … Aber wohin?«
»Auf die Yacht seiner Exzellenz im Hafen … und geschwind hinaus aufs weite Meer!«
»Und seine Frau und die beiden Töchter?«
»Man wird sie wohl mitnehmen müssen, um politisches Asyl in irgendeinem Nachbarland zu finden … zu erbitten«, beschloss Pepita Oreja mit einem hässlichen Seitenblick auf die drei zitternden Wesen neben der inzwischen zugedeckten Leiche des Präsidenten.
Jetzt rafften sie noch gierig und geschwind Geld, Schmuck und andere tragbare Wertsachen zusammen, bevor sie sich durch einen versteckten, geheimen und unterirdischen Gang, von dem nur wenige Vertraute wussten, aus den weitläufigen Räumen des Palastes schlichen.
An der Spitze der Rebellen rückte der Comandante Filadelfo Puerto in den Innenhof des Palastes vor. Längst gab es keine Gegenwehr mehr.
»Vorwärts! … Vorwärts! … Vorwärts!«, schrie er mit gezücktem Degen.
»Die Diktatur von Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos existiert nicht mehr!«, schrie er einzelnen Soldaten entgegen, die nicht wussten, wie sie mit dieser Situation umgehen sollten, und sich dennoch – nach kurzer Zögerung – in Windeseile dazu entschlossen, sich den Rebellen anzuschließen.
»Brot für die Republik!«
»Freiheit für die einfachen Bauern und Indígenas!«
»Dem Volk, was dem Volk gehört!«, kreischte die wogende, aufgebrachte Menge.
Der ängstliche Xandão, das Chamäleon, wurde in einem der weitläufigen Zimmerfluchten des Palastes, wo er sich hinter einem schweren samtenen Vorhang versteckt hatte, entdeckt und bat zitternd, auf Knien, um Gnade.
»Comandante Filadelfo Puerto, Sie erinnern sich doch … Sie erinnern sich doch gewiss noch … mein Freund! … an unser Gespräch vor wenigen Stunden … und dass ich …«
Ein erstickter Schrei folgte.
Nein! Gnade durfte es nicht geben, wenn die junge und neue Republik Bestand haben sollte.
Jetzt galt es auf jeden Fall, die noch flüchtige Pepita Oreja und den elenden Mörder Eduardo Moscote aufzuspüren und einzufangen. Aber nirgendwo entdeckten die Rebellen von diesen irgendeine Spur.
Die stets hungrigen Bauern machten sich über das Büfett her, griffen mit ihren gierigen, schwieligen Händen nach all den dargebotenen Köstlichkeiten und steckten sich diese in ihre oft schon von lästiger Zahnfäulnis geplagten Münder. Es gab kein Halten mehr. Möbel, Leuchter, Gemälde, Essgeschirr, Teppiche – alles, was eben nicht niet- und nagelfest war – wurden weggeschleppt. Im Innenhof des Palastes brannte ein riesiges Feuer, um das die Kinder der Armen ausgelassen herumtanzten.
Auf dem breiten Balkon mit seinen verschnörkelten weißen Marmorbüsten, stolzen Götterfiguren und zahllosen Palmen in Blumentöpfen verkündete der Comandante Filadelfo Puerto das Ende der Diktatur, was in einen allgemeinen Jubel und Freudentaumel ausartete.
Zu sehr hatten sie gelitten, die Erniedrigten und Beleidigten, um jetzt ihre lange Zeit gehegte Ruhe weiterhin bewahren zu können. Jetzt dürsteten sie allesamt nach köstlichem Blut, dem Blut der Revolution, und schrien aufgebracht: »Hinunter zum Hafen!«
»Tod den Mördern!«
»Vernichtet die schändlichen Kreaturen der Diktatur!«
Die aufgebrachte Menge hatte Pepita Oreja, Eduardo Moscote, Sara Domingo und ihre beiden Töchter Reina María Nieve und Reina María Josefa ergriffen, noch bevor diese den Hafen erreichen konnten, um über das Meer zu entfliehen, und schleppten sie auf den Platz.
»Hängt sie auf, die gemeinen Verbrecher!«, schrie das gepeinigte Volk.
Der Comandate Filadelfo Puerto wandte sich zur Seite, um nichts mehr von alledem zu vernehmen, wahrzunehmen, hören zu müssen; ja, um auch keine Entscheidung treffen und vor allem keine Gnade in diesem geschichtsträchtigen Augenblick für die aufgespürten Gefangenen aussprechen zu müssen.
Erst als die fünf Toten leblos an den kräftigen Ästen der Ceiba-Bäume baumelten, gebot er dem gemeinen Volk mit einer Handbewegung Einhalt und verkündete: »Genug für heute! Geht jetzt nach Hause!«
Es dauerte noch eine geraume Weile, bis sich die Menge allmählich in den weitläufigen Gassen der Stadt verlor und ihre hell leuchtenden Fackeln in der Finsternis erloschen.
Ernesto Ecolástica, der Indígena aus dem fernen Bergdorf, der an der Seite des Comandante stand, entblößte ein breites Lächeln und sagte: »Wir haben gesiegt und bekommen jetzt endlich, was uns allen zusteht!«
»Wir haben zwar die Diktatur aus dem Land gejagt, aber was ihr letztendlich folgen wird, ist wahrlich noch nicht abzusehen«, bemerkte ein Namenloser neben ihm.
Den fünf Toten an den Ästen der Ceiba-Bäume konnte jetzt jedenfalls alles egal sein, wusste Filadelfo Puerto und lächelte ein gar spöttisches Lächeln.
Noch immer stopfte die Indígena Carmen Ecolástica die Maiskolben, nachdem sie diese von ihrer trockenen Schale befreit hatte, in einen spröden Baumwollsack. Inzwischen waren mehrere Monate seit der Entmachtung und dem Tod von Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos und seiner Getreuen vergangen – und es hieß, dass der ehemalige Comandante Filadelfo Puerto nun die Macht an sich gerissen hätte. In ihrem abgelegenen Dorf aber spürte man wahrlich nichts von irgendwelchen Veränderungen oder gar Verbesserungen. Nur einzelne Gerüchte drangen allmählich in ihre ländliche Abgeschiedenheit vor. Ernesto, ihr Mann, wartete darauf, dass sich etwas Entscheidendes ereignen würde. So verbrachte er die meiste Zeit damit, stumpfsinnig Zigarren rauchend, unter dem Mandelbaum neben dem Hühnerstall zu sitzen, die Natur zu beobachten, um geduldig den Einbruch der Dunkelheit abzuwarten. Dann begab er sich in die Cantina, wo er hoffte, dass irgendjemand neue Nachrichten über das politische Geschehen im Lande wusste. Alfredo Naza, ihr nächster Nachbar, der fünf Tage mit seinem Karren auf Märkten in der Umgebung unterwegs gewesen war, um seine Feldfrüchte zu verkaufen, konnte aber auch nur davon berichten, was in den Zeitungen stand, die er mitgebracht hatte und den Neugierigen in der Cantina reichte.
Eine Abbildung zeigte den Comandante Filadelfo Puerto in schmucker Uniform fröhlich lächelnd auf dem Balkon des Präsidentenpalastes, dem Volk zuwinkend.
Ernesto Ecolástica war damit zufrieden und brachte die Zeitung mit nach Hause, um sie seiner Frau Carmen zu zeigen.
»Na und?«, meinte diese nur. »Wieder einer, der vergnügt und zufrieden lächeln kann, während sich an unserem Schicksal nichts ändern wird.«
Über Politik kann man mit ihr wahrlich nicht reden, beschloss Ernesto.
In den nächsten Wochen würden sich bestimmt bedeutende Veränderungen im ganzen Land ergeben, wenn die neue Republik erst einmal gefestigt war. Und schließlich führte der Comandante Filadelfo Puerto jetzt mit starker Hand das hungrige gemeine Volk an und hatte in der Vergangenheit sogar einige Male in ihrer Cantina verkehrt, um über die bevorstehenden Umwälzungen zu philosophieren. Die Verschwörer hatten einstimmig beschlossen, ihm die Führung anzuvertrauen.
So wartete Ernesto Ecolástica weiterhin ab, dass irgendetwas Wesentliches geschah.
Einer aus dem Dorf kehrte nach schier endlosen Tagen aus der Hauptstadt zurück und erzählte, dass jetzt wieder Soldaten in Uniform den Palast bewachen würden. Er brachte eine abgegriffene Zeitung mit, in der Filadelfo Puerto in dunkler Badehose beim Angeln auf einer Yacht abgebildet war.
Dies machte ihn schon etwas nachdenklich; denn auch unter der Diktatur von Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos hatte die Presse derartige Fotografien abgedruckt, die eigentlich nicht das wahre, vorherrschende Elend im Land zeigten, sondern lediglich einen Präsidenten, der … was auch immer! … repräsentierte.
So beschloss Ernesto Ecolástica eines Morgens, den neuen und designierten Präsidenten der jungen Republik in seinem Palast aufzusuchen, der sich ja unweigerlich an ihn erinnern musste, an ihre gemeinsamen Gespräche, und ihn sicherlich nicht abweisen würde.
Die Palastwache aber verwehrte ihm kommentarlos den Zutritt.
Er starrte in die Mündung eines auf ihn gerichteten Gewehrlaufes und machte sich schleunigst davon.
Es folgten erneut Gerüchte über Unruhen im ganzen Land. Schüsse sollten auf irgendwelche harmlosen Bauern abgegeben worden sein, die lediglich ein wenig zu offensichtlich über ihre beschissene Lage gemurrt hatten.
Hatte seine Frau Carmen tatsächlich recht, wenn sie behauptete, dass den ansonsten anständigen und ehrenwerten Menschen ein ihnen auferlegtes, errungenes Machtgefühl sie letztendlich dazu verleitete, an nichts anderes mehr als an sich selbst zu denken? Ja war denn alles umsonst gewesen? Und ein Diktator lediglich durch einen anderen ersetzt worden?
»Ich kann es nicht begreifen«, erklärte Ernesto Ecolástica den in der Cantina des Dorfes Versammelten.
»Nichts hat sich verändert, nur ein Gesicht, ein Abbild, ist offensichtlich nahtlos durch ein anderes ersetzt worden.«
Nein! Daran konnte er sich jetzt keinesfalls mehr gewöhnen, dass alles seinen gewohnten Gang wie eh und je nehmen sollte.
»Wir hatten doch eine Revolution … oder war dies alles nur ein Hirngespinst?«
Ein erdrückendes Schweigen verweilte im Raum der Cantina, das wie ein Geruch von Scheiße über allen lastete. Selbst der Ventilator an der Decke konnte diesen elenden Geruch nicht vertreiben.
Man betrank sich mit billigem Fusel, spöttelte und ahnte (wusste), dass das armselige Leben weiterhin so verlaufen würde, wie es nun einmal vorbestimmt war.
Nein! Damit wollte sich Ernesto keinesfalls zufrieden geben.
»Wir trachteten nach Veränderungen … und nichts ist geschehen«, bemerkte er.
Keiner widersprach ihm, aber ebenso wenig war auch keiner dazu geneigt, etwas gegen diesen Stillstand der Zeit zu unternehmen.
»Geh nach Hause, Ernesto«, murmelte der Wirt der Cantina. »Wir sind längst müde geworden von alledem …«
Carmen Ecolástica besah sich im zerbrochenen Spiegel und versuchte ihr eigentliches, tatsächliches Alter mit dem in Einklang zu bringen, was ihr aus diesem entgegensah.
Die Jahre waren keineswegs unbemerkt an ihr vorübergeschritten.
Ihr betrunkener Mann fiel aufs Bett und seufzte schwer atmend: »Für all dies haben wir gelebt … für was, eigentlich? … Haben wir überhaupt gelebt? … Ich weiß nichts mehr … und alles ist so verschwommen … ach!«
Wen interessierte überhaupt ihr klägliches Leben, das sie fernab der Zivilisation in den Bergen führten, das so weit entfernt von den Geschehnissen in der Hauptstadt ablief?, fragte er sich unwillkürlich.
Dann schlief er ein.
Carmen Ecolástica lächelte bitter.
Der Comandante Filadelfo Puerto spazierte währenddessen im großen, beleuchteten Saal des Präsidentenpalastes auf und ab und gab den Dienstboten Anweisungen. Schmuck war seine Uniform und der gestutzte Bart, den vor allem die Damen der Gesellschaft sehr schätzten.
»Wenn Eure Exzellenz sich vielleicht bemühen möchten …«
Eine Unterschrift wurde von ihm verlangt.
»Wenn Eure Exzellenz sich jetzt eventuell zur Tafel begeben möchte …«
Es wurde darum gebeten, dass er speiste.
»Wenn Eure Exzellenz …«
Er kostete und antwortete: »Ausgezeichnet!«
Der Diktator Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos war durch einen gezielten Schuss getötet worden – und die Körper seiner Schergen, seiner engsten Vertrauten, hatte man an den Ceiba-Bäumen im Vorhof des Palastes aufgehängt, überlegte der Comandante Filadelfo Puerto.
Aber ihn würde man niemals so kläglich hinrichten können, wusste er.
Seine Macht war längst gefestigt durch ein neues Militär, das jegliche Unruhen im ganzen Land schon im Keim erstickte.
»Ich bin … und somit bin ich!«, erklärte er seinen Ratgebern.
Die Macht des Landes lag nun allein in seiner Hand.
Sobald sich der ehemalige Comandante Filadelfo Puerto in seine privaten Gemächer zurückzog, betrachtete er ehrfürchtig sein Ebenbild in jenem Spiegel, in dem sich wohl auch Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos immerzu genüsslich und selbstzufrieden betrachtet hatte. Zärtlich strich er mit dem Zeigefinger seiner linken Hand über den sehr schmal gestutzten Oberlippenbart, der gerade in Mode war und die Weiber entzückte.
»Ich bin zum mächtigsten Mann der Republik aufgestiegen«, murmelte er vergnügt und ließ es sich nicht nehmen, jetzt noch einen Diener des Palastes herbeizurufen, um sich eine Flasche Wein und eine würzige Zigarre bringen zu lassen.
Das einfache Volk – mit seinen Bedürfnissen und Problemen – hatte er längst vergessen. Ein Porträt von Heinrich VIII. aus England, das diesen fett und aufgedunsen in seinen letzten Lebensjahren zeigte, hing an der Wand über seinem Schlafgemach.
Während er einen Schluck Wein nahm und tiefe Rauchkringel auspaffte, dachte er daran, demnächst ins Ausland zu reisen, sich eine junge Geliebte zu nehmen und vor allem das Leben zu genießen.
An Ernesto Ecolástica erinnerte er sich jetzt ebenso wenig wie an all die Indígenas im Hochland, die ja nichts mit seiner Welt und seinen Vorstellungen von einer solchen gemeinsam hatten.
Aber warum erschien ihm die Gestalt des Chamäleons nur immerfort in diesem Spiegel? Xandão, das Chamäleon, war ja längst tot – und dennoch zeigte sich ihm immerfort dieses Chamäleon mit seinen schrecklichen Hörnern, das je nach Gemütslage ständig seine Farbe wechselte, in diesem von Gold umrahmten Spiegel.
Dies berührte ihn doch sehr – und somit verbrachte er eine weitere schlaflose Nacht mit merkwürdigen Albträumen.
Am darauffolgenden Morgen berichtete man ihm, dass man Plakate, auf denen sein lächelndes Porträt abgedruckt war, von den Fassaden der Häuser, von Säulen und Baumstämmen gerissen oder sie zumindest bespuckt hatte.
»Undankbar ist das gemeine Volk!«, schrie er wutentbrannt.
Daraufhin durchlief er die prächtigen Palasthallen in seinem himmelblau gestickten Morgenmantel mit tiefen Seufzern und einer elenden inneren Unruhe.
»Dieses gemeine, abtrünnige Volk …«, murmelte er verächtlich.
Das Chamäleon aber, das ihm in einer gewissen Nacht nach der Machtübernahme im Schlafzimmerspiegel von Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos so unverhofft zum ersten Mal erschienen war und fortan zu jeder weiteren, x-beliebigen Abendstunde auftauchte, brachte ihn allmählich dem Wahnsinn nahe.
Er verschob sämtliche Auslandsreisen, verfügte Unbedeutendes, ertappte sich dabei, dass er intensive Gespräche allein mit sich selbst führte und erkannte, dass man ihn augenscheinlich in der näheren Umgebung mit Missmut … gar Misstrauen … betrachtete … beobachtete.
Ja, man beobachtete einen jeglichen seiner Schritte, erkannte er plötzlich.
So zog er sich immer mehr in seine privaten Gemächer zurück.
Überall lauerte unterdessen das Chamäleon, das ihm nicht mehr allein aus einem Spiegel entgegentrat, sondern ihm sogar schon aus den zierlichen Kaffeetassen in sein Gesicht entgegensprang, die man ihm reichte; sich in irgendwelchen Mündern entblößte, die ihm irgendeine Mitteilung zu Gehör brachten – und sämtliche Damen, die ihn zu sprechen wünschten, entblößten dieses garstige Gesicht des verwandelbaren Chamäleons.
»Ich bin verflucht!«, schrie Filadelfo Puerto, verscheuchte die Dienerschaft mit einer flüchtigen Handbewegung und zog sich wiederholt und bevorzugt in seine privaten, stillen Gemächer zurück.
Dort aber lauerte bereits wieder dieses verfluchte Antlitz des unaufhörlich seine Farben wechselnden Chamäleons in allen Winkeln und Ecken, das ihm geradezu spöttisch zulächelte.
Wenn es jemals eine Revolution gegeben hatte, dann war diese kläglich gescheitert aufgrund der einfachen Tatsache, dass der Mensch zumeist widersprüchlich, gar widerlich wirkt, sobald er dem Genuss der Macht verfällt. Aus dem Comandante Filadelfo Puerto, dem stets Besonnenen und dem Sprecher der Armut, entwickelte sich allmählich ein Scheusal, das in einem Vergleich mit der fünfjährigen Diktatur von Emilio Alejo Don Vega de Saba y de Todos los Santos durch nichts mehr zu unterscheiden war; vielleicht lediglich durch die einfache Tatsache, dass er geradezu unsichtbar für die Bevölkerung wurde und sich immer mehr in die weitläufigen Palasträume zurückzog, während draußen auf den Straßen unaufhörlich Schüsse fielen.
Wer sich durch ein bloßes Wort oder Begehren seinen allgemeinen Anordnungen widersetzte, wurde ermordet, still und heimlich, eben wie damals!
Filadelfo Puerto hatte sich zwischenzeitlich eine Geliebte genommen, eine sechzehnjährige Indígena, die unbeschreiblich schön war und aus dem Hochland kam. Sie hieß Estrella Merceditas und verbrannte innerlich gar grausam, während sie dem neuen Presidente des Landes allabendlich zur Verfügung stehen musste. Sie liebte die Tiere des Waldes und des Hochlandes, aber dieses menschliche Tier hasste sie noch mehr als ihre Armut und die Einsamkeit in den Bergen. Wie Jean Paul Marat durch Charlotte Corday, damals, während der Französischen Revolution, durch einen gezielten Messerstich hingerichtet worden war, stieß sie dem neuen Diktator des Landes eben solch ein Messer in die Brust, direkt ins Herz, als dieser gerade in der Badewanne saß.
Das nach Jasmin duftende Wasser verfärbte sich augenblicklich blutrot.
Darüber berichteten die Zeitungen:
»Ein frevelhaftes Attentat auf die neue, die junge Republik ist begangen worden!«
»Wer wird zukünftig die Macht in die Hand nehmen?«
»Wir benötigen eine Persönlichkeit und Autorität, die uns geradewegs in eine vernünftige Demokratie führt!«
Estrella Merceditas schwieg zu all den an sie gerichteten Vorwürfen und wusste, dass sie rechtmäßig im Sinne des Volkes gehandelt hatte.
Aber konnte es tatsächlich noch eine Rettung für sie geben?
Man hängte sie nach einer kurzen anonymen Gerichtsverhandlung auf einem der Ceiba-Bäume im Vorhof des Palastes auf.
Ernesto Ecolástica fluchte: »Sie war eine von uns!«
Nichts würde sich ändern in diesem Land! Man würde weiterhin verfahren wie bisher. Doch die Erinnerung an Estrella Merceditas, für die sie beteten, bestärkte die Hoffnung der Bauern auf eine bessere Zukunft. Sie wurde zu ihrer Heiligen in den zukünftigen Jahren und Jahrzehnten.
Ernesto Ecolástica jedenfalls schwor darauf, dass sie wiederkehren würde; die Herrliche, die Gerechte, die geradezu Göttliche!
Als Carmen Ecolástica eines Tages gerade die Wäsche der Familie in einem Bach wusch, kehrte ihr Mann nach Wochen der Abwesenheit wieder ins Dorf zurück. Er wirkte reichlich verstört.
»Man hat die Diktatoren in marmorne Grüfte gebettet – und redet jetzt schon wieder von irgendwelchen Neuwahlen«, bemerkte er.
In der Hauptstadt hatte er an verschiedenen Örtlichkeiten diverse Plakate gesichtet, auf denen lächelnde, das Blau vom Himmel versprechende und offensichtlich stark geschminkte Gesichter ihre Dienste für das geschundene Land anboten. Daraufhin war er in verschiedene Cantinas gegangen, um seine überschüssige Wut mit reichlich Alkohol hinunterzuspülen.
»Jetzt glaube ich wahrlich an keine Veränderungen mehr«, beschloss Ernesto nachdrücklich.
Carmen Ecolástica, seine Frau, lächelte.
In ihrer kärglichen Hütte, die sie bewohnten, stand das Abendessen bereit. Trotz alledem gediehen ihre Kinder prächtig. Benito verschlang den Maisbrei weiterhin mit großem Vergnügen und ihre Töchter Maya Hermosa und Atacama entwickelten sich vorzüglich und wuchsen heran.
»Kannst du dir vorstellen, dich jemals in ein Chamäleon zu verwandeln, das seine Farben und Launen tagtäglich, vielleicht gar stündlich, wechselt und lediglich den augenblicklichen Gegebenheiten anpasst?«, fragte er sie nachdenklich.
»Dies kann ich nicht, weswegen wir auch stets arm, aber jedenfalls ehrlich sein werden«, antwortete sie ohne Umschweife und ohne viel darüber nachdenken zu müssen.
»So sind wir trotz alledem glücklich?«
»Unser alleiniges Glück besteht in unserer Familie, ehrlichen und vertrauenswürdigen Mitbewohnern im Dorf und in unserem Glauben«, verkündete Carmen Ecolástica mit Nachdruck. »Niemals wird uns irgendjemand irgendeinen Schaden zufügen können.«
Jetzt dachte Ernesto Ecolástica an seinen Nachbarn Alfredo Naza, der ihm die langstielige Axt ausgeliehen hatte, um das Dach zu reparieren, dachte an den Wirt der Cantina, bei dem er unbegrenzt seinen Verzehr an Getränken anschreiben lassen konnte, an Ana Hernández, die ihnen bei der Geburt ihrer Kinder immerzu unentgeltlich als Hebamme zur Verfügung gestanden hatte – und an alle wahrhaftigen Freunde des Dorfes, die nichts mit solch einem Chamäleon zu tun hatten und anfangen konnten, das sich in den Straßen der Hauptstadt in der Vergangenheit sichtbar ausbreitete und auch zukünftig wieder ausbreiten würde.
»Wir werden uns weiterhin darum bemühen, so zu sein, wie wir nun einmal sind.«
Ernesto Ecolástica fühlte sich auf einmal mit sich und der ganzen Welt dort draußen überaus zufrieden. Sein Entschluss, auf dem kargen, wenig ertragreichen Feld unermüdlich zu arbeiten, stand jetzt jedenfalls fest, denn zu einem Chamäleon, das stündlich und je nach Gutdünken seine Farben wechselte, wollte er keinesfalls werden … dies verhinderte sein wahrer und eigentlicher Stolz.
Was galt ihnen irgendeine Diktatur in diesem weitab von der Hauptstadt gelegenen Hochland? Sie würden weiterhin leben wie bisher, ohne dass es irgendeine Veränderung geben konnte. Ihr Weg war einfach vorgeschrieben! Und Ernesto Ecolástica setzte sich am Abend schweigsam auf seinen Stuhl am Essenstisch und betrachtete die einfache Speise, die seine Frau zubereitet hatte.
»Daran haben wir uns ja längst gewöhnt.«
»Die Erde riecht nach Kartoffeln, Karotten, Hühnerfleisch und nach all ihrer elenden Mühsal«, sagte sie.
»Letztendlich gewöhnt man sich daran«, murmelte er wiederholt bescheiden.
Nach all den erlebten Ereignissen in der Vergangenheit wussten sie tatsächlich, dass sich nichts in ihrer schlichten Gegenwärtigkeit jemals verändern würde.
