4,99 €
Manchmal kommt im Leben alles anders als angenommen. So auch für die beiden Freunde Devin & Daniel, die im Sommer 2019 begonnen haben eine sechsmonatige Afrikareise zu planen. Die beiden Grundschullehrer bauten einen Geländewagen um und organisierten ein Volontariat an einer Schule in Tansania. Sie waren voller Euphorie als ihr Wagen im Februar 2020 nach Kapstadt verschifft wurde. Dann kam der globale Shutdown. Trotz Lockdown und der Ungewissheit während einer Pandemie zu reisen, entschieden sie sich für eine gekürzte, dreimonatige Alternative und brachen auf nach Afrika. Wie es der Titel bereits verspricht, war es ein Abenteuer der besonderen Art. Während einer Pandemie zu reisen und die Schicksale der Menschen, die ihnen begegnet sind, zu erleben. Ebenso allein, ohne jegliche Touristen zu sein, ist ein Erlebnis der besonderen Art. Erlebnisse, die ihnen ein Leben lang in Erinnerung bleiben werden. Ein Mann namens Bahati wurde von Daniel beauftragt eine Geschichte über die Reise zu schreiben. Bahati entscheidet sich nun 40 Menschen aus aller Welt in einen kleinen Saal einzuladen, um von ihren Erlebnissen mit den beiden Männern zu hören. Ebenso erhielt Bahati nach der Afrikareise Daniels persönliches Tagebuch, welches ihm beim Schreiben der Geschichte helfen soll. So als wäre er selbst in Afrika gewesen. Die atemberaubenden Landschaften Afrikas, die Tiere, die magische Begegnung mit der Big-Five, die Menschen und ihre Schicksale, das Leben im Waisenheim, ein Musikprojekt, der Vibe Afrikas und über eine unvergleichliche Freundschaft zweier Männer. Der etwas andere Reisebericht!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 522
Veröffentlichungsjahr: 2022
«Ich lebe, wie mich das Leben führt und schreibe dieses Buch einfach als eine Frau, die eine Geschichte zu erzählen hat.»
Broonie Ware, «5 Dinge die Sterbende am meisten bereuen»
Für meinen Freund Devin
Als Devin und ich uns entschieden nach Afrika aufzubrechen, hatte ich am selben Abend begonnen ein Tagebuch zu schreiben. Damals wusste ich nicht wohin mich die Reise führen würde. Heute blicke ich auf 24 intensive Monate zurück und bin überglücklich das Buchprojekt stets aufrecht erhalten zu haben und nun das wohl schönste Erinnerungsstück unserer Reise in den Händen zu halten. Auf dem Weg bin ich von vielen Menschen unterstützt worden, für welche es gilt, ein riesiges Dankeschön auszusprechen. Angefangen bei Beatrice und Peter Balsiger, die uns ihren Geländewagen zur Verfügung gestellt haben. Vielen Dank auch all denen, die uns beim Umbau des Wagens tatkräftig unterstützt haben. Ein Dank geht an Ruth und Beat Bütikofer, die Devin und mir ein Volontariat an der Schule Tuwapende Watoto ermöglichten. Ich danke Armin Fähndrich für seinen komponierten Song «Connected», welchen er uns nach Afrika mitgab. Ebenfalls bedanke ich mich bei Ihm für die vielen Ratschläge aus Sicht eines Autors.
Viele hatten mir während des Verfassens des Buches immer wieder gesagt, wie sie meinen Durchhaltewillen bewundern und mich auch lobten, solch ein umfassendes Projekt zu meistern. Von Tag eins war mir jedoch bewusst, dass nicht ich allein dieses Projekt realisiere. Ich hatte stets ein Team um mich, das mich jederzeit unterstützt hat. Ich danke hierfür meinen beiden Lektorinnen Florence Ming und Sarah Bühler für ihren Durchhaltewillen, die unzähligen Rohtexte zu korrigieren. Ich danke Nicole Wigger für das Endlektorat, welches dem Werk den nötigen Endschliff verpasste. Bedanken möchte ich mich bei allen Testlesern und Testleserinnen für ihr wertvolles Feedback, was zu einem besseren Endprodukt geführt hat. Ich danke meinem Bruder Erich Schäli, der das Buchcover und die Illustrationen zu meiner Zufriedenheit gestaltet hat. Justin Messmer danke ich für den Buchsatz und das Layout, für welches er kein Honorar verlangte. Auch bin ich ihm äusserst dankbar, mich auf den letzten Schritten bis zum Druck des Buches begleitet zu haben. Ebenfalls ein grosses Dankeschön geht an Florence Ming für die vielen konstruktiven Gespräche über den gesamten Prozess von der Ideenfindung bis hin zur Fertigstellung des Buches. Ich danke meinen Eltern Mercedita und Hanspeter Schäli, die mir eine wunderbare Kindheit ermöglichten. Mit der Volljährigkeit war ich bereit für mein Leben und bereue bisher keinen einzigen Tag. Zu guter Letzt möchte ich meinem Freund Devin Balsiger danken, mit mir auf diese Reise aufgebrochen zu sein. Unglaublich, was wir gemeinsam erlebt haben!
Als ich mich vor zwei Jahren fragte, wo mich diese Reise hinführen würde und ich nun sehe, was Devin und ich alles erlebt haben, bin ich überglücklich! Das nun alles in einem Buch für die Ewigkeit in den Händen zu halten, ist ein unbeschreibliches Gefühl! Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viele Tränen in den knapp 700 Stunden geflossen sind, an denen ich am Buch gearbeitet habe. Es ist die wohl schönste Erfahrung, die ich in meinem Leben gemacht habe! Ich bin zutiefst dankbar, wie mich die Geschichte gefunden hat. Wie etwa das Zitat von Broonie Ware, welches mir Anna S. in Tansania aufsagte: «Ich lebe, wie mich das Leben führt und schreibe dieses Buch einfach als eine Frau, die eine Geschichte zu erzählen hat.» So viele schöne Details zieren dieses Buch.
Den Stift hielt ich in der Hand, aber ihr wart es, die ihn geführt haben! Und dafür möchte ich euch allen danken!
Florence Ming:«Ich finde es so cool, wie Dani seine Erlebnisse in Afrika in diesem Text verarbeitet. Er hat viel Arbeit und Zeit in diesen Text gesteckt und man hat gemerkt, dass er mit seinem ganzen Herzblut bei der Sache war. Während ich ihm beim Buch helfen durfte, habe ich gemerkt, wie wichtig ihm das Projekt ist.»
Armin Fähndrich:«Sein erstes Buch zu schreiben ist wie das Antreten einer Wanderung, von der man glaubt, dass sie leicht ist und man dann feststellt, dass sie alles von einem abverlangt, vor allem aber Mut, Geduld, Durchhaltewillen und innere Stärke. Doch letztendlich kommt man an. Zwar nicht genau dort, wo man hinwollte. Aber man kommt an, wie immer nach einer Reise.»
Peter Balsiger:«Vor 34 Jahren sind meine Frau Beatrice und ich für ein Jahr zum Abenteuer Transafrika aufgebrochen. Diese Reise hat uns so viel kulturelle Erfahrung und Inspiration in unser Leben gebracht. Durch die vielen nachfolgenden Reisen zusammen mit unseren Kindern, konnten wir unsere Reiseinspiration auch ihnen dadurch weitergeben. Deshalb freut es uns sehr, dass Devin und Daniel, trotz COVID Probleme, diese Reise unternommen haben und somit dieses interessante und unterhaltsame Buch entstanden ist.»
Devin Balsiger:«Afrika ist für mich eine Lebensschule. Es verändert deine Einstellung zum Leben und zur Natur. Ich behaupte, dass allen Menschen, die Afrika nie erlebt haben, ein Puzzlestück in ihrem Leben fehlt. Afrika kann man nicht über Fotos und Videos erleben, man muss es riechen. Diese Eindrücke mit einer Person zu teilen, macht es umso schöner, da man immer wieder über die Erlebnisse sprechen kann.»
Lena Spichtig:«Ein persönlicher, etwas anderer Reisebericht mit viel Charme. Mutig, offen und witzig erzählt Daniel seine Geschichte und packt den Leser mit spannenden Erlebnisberichten und Anekdoten rund um die Afrikareise. Ich finde den Ehrgeiz und das Engagement für die Schule «Tuwapende Watoto» mit der Gründung von «Edu-Mustache» bemerkenswert. Ein Buch, das den Horizont erweitert.»
Ruth Bütikofer:«Ich hatte das Glück wohlbehütet aufzuwachsen. Schon früh lernte ich von meinen Eltern, Menschen in Not und mit Beeinträchtigungen behilflich zu sein. Es war schön, haben Devin und Daniel einige Tage bei uns an der Schule Tuwapende Watoto verbracht. Ich wünsche allen Lesern und Leserinnen viel Freude bei der Lektüre und bin gespannt, ob einige motiviert werden, sich selbst auf eine Reise zu begeben. Karibu sana!»
Daniel Schäli:«Nicht nur die Geschichte hat zu mir gefunden, sondern auch ich selbst habe zu mir gefunden. Es war mehr als eine Reise. Viel mehr. Ich lasse Sie an meiner Geschichte teilhaben und wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen. Aber auch, möchte ich Sie zum Nachdenken anregen.»
Prolog
Noch etwas...
Auf die Plätze, fertig, los
Wienerschnitzel statt Maniok
Die Vorbereitungen
Tuwapende Watoto
«Connected» – Ein Song für Tansania
Aufbruch & Rückkehr
Jetzt oder nie!
Auf ein Abenteuer!
The final Countdown
Ready for take off
Tansania
Ankunft in Dar es Salaam
Für mich oder für dich?
Weitergeben
Ein unvergesslicher Geburtstag!
Ein Geben und Nehmen
«Wenn du mal findest es ist umständlich...»
Südafrika
Kapstadt
Eine Eduanerin zu Hause
Mossel Bay / Oudtshoorn
Gamkaskloof – Die Hel – Dead End
Tankwa-Karoo-Nationalpark
Zeven Puts
Springbok
Kalahariwüste
Upington – Ein weiterer PCR-Test
Grenzübertritt Südafrika / Namibia
Namibia
Karasburg
Oranje-River
Aus / Lüderitz
Hilfe zur Selbsthilfe
Sesriem Canyon / Sossusvlei
Windhuk
Khaudum Nationalpark
Caprivi Zipfel
Kavango – Divundu
Katima Mulilo
Chobe
Der legendäre Badeunfall
Etosha Nationalpark
Rastloser Sturm
Unvergessliche Weihnachten
Nachtsafari
Skeleton Coast
Windhuk II
Die Panne
24 Monate voller Lebensfreude
Swakopmund
Ein Mann namens Bahati hat sich zur Aufgabe gemacht, Daniels Bitte Folge zu leisten und eine Geschichte über dessen Reise mit Devin zu schreiben. Die Geschichte wird nicht von Bahati allein geschrieben, sondern mithilfe von 40 Menschen, die er allesamt in einen Saal eingeladen hat. Mit ihnen und Daniels persönlichem Tagebuch führt Bahati durch den Abend und bittet alle Gäste zu Wort. Die Erzählungen bilden so nach und nach, eine Geschichte über zwei Freunde, die einen Plan hatten. Im Sommer 2019 entschieden sie gemeinsam für sechs Monate nach Afrika aufzubrechen. Während einem halben Jahr intensiver Arbeit bauten sie ihren Geländewagen, einen alten Toyota Land Cruiser Prado, zu einem Zuhause um. Sie überlegten sich haarklein, mit welchen nützlichen Gadgets sie den engen Raum während der Reise möglichst komfortabel gestalten konnten und planten eine Route, die ihren Ansprüchen und Erwartungen entsprach. Geplant war eine über 5’000 Kilometer lange Strecke im südlichen Teil Afrikas: Von Kapstadt in Südafrika über Botswana, Namibia, Angola, Sambia bis nach Dar es Salaam in Tansania. Auf dem Weg wollten die beiden Freunde dutzende Schulen besuchen gehen. Glücklich über ihr Volontariat an der Schule Tuwapende Watoto in Dar es Salaam und voller Tatendrang, die Mamas im Kinderheim zu unterstützen und mit den Kindern zu leben. Das einmonatige Volontariat in Dar es Salaam hätte den Abschluss der sechsmonatigen Reise dargestellt. Im Februar 2020 verschifften sie ihr «Baby» in Basel und hofften, dass ihr Wagen heil in Kapstadt ankommen würde. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden vollkommen sicher, dass sie ihr Abenteuer wie geplant antreten konnten.
Es dauerte nur knapp zwei Wochen, bis ihnen diese Illusion genommen wurde: Lockdown in der Schweiz. Nie wäre den beiden in den Sinn gekommen, dass eine globale Pandemie ihren Plan von der Afrikareise Zunichte machen würde. Weltweit wurden Schweizer zurück in ihre Heimat geschafft, die Gesellschaft wurde ausgebremst. Der globale Shutdown. Kaum Flugverkehr, geschweige denn war es möglich, auf eine Reise aufzubrechen. Nachdem die beiden Freunde diese Nachricht verdaut hatten, konnten sie aus der anfänglichen Enttäuschung neuen Mut fassen, denn eine Reise schien trotz weltweitem Lockdown doch noch möglich. Die beiden Freunde entschieden sich für eine gekürzte, dreimonatige Alternative, die Sie, lieber Leser, liebe Leserin in diesem Buch erzählt bekommen. Viele Menschen prägten sie vor und während der 16’126 Kilometer weiten Reise. 16’126 Kilometer voller Abenteuer, Begegnungen, Geschichten und Schicksalen. Eine Reise im wunderbaren Kontinent Afrika und über eine unvergleichliche Freundschaft zweier Männer.
Die Reise war ein riesiges Privileg!
Das Buch enthält fiktive Elemente.
Das Buch enthält kritische, politische Meinungen.
Das Buch beinhaltet kontroverse Aussagen zur Covid-19 Pandemie.
Die Einstellung zum Virus hat sich im Verlaufe der Pandemie/ der Reise geändert.
Die Tagebucheinträge wurden am Tag des Eintrags verfasst und bis zum Druck inhaltlich so belassen.
Ich bin weder Corona-Leugner, noch Impfgegner.
Ich nehme jegliche Verurteilung in Kauf.
Altersempfehlung: ab 16 Jahren.
«Ich bin so weit!» Auf einem Stuhl sitzend haut sich Bahati mit seinen flachen Händen auf die Oberschenkel, streicht sie in Richtung Hüfte und steht auf. Er blickt sich im Saal nach Devin um, der gerade die Stühle in einem Kreis aufstellt. «Kommst du mich später holen, wenn alle da sind?», fragt er ihn. «Ja, klar!», entgegnet Devin und beginnt die Stühle zu zählen. Bahati betritt das angrenzende Nebenzimmer. Er schliesst die quietschende Tür und geht zum Waschbecken. Er füllt seine mit beiden Händen geformte Schale mit kaltem Wasser und wäscht sich sein Gesicht. Das Gesicht getrocknet, betrachtet er sich im Spiegel. Ein letzter Tropfen Wasser hängt in seiner Augenbraue, den er sich mit zittrigem Zeigefinger wegwischt. Er ist sichtlich nervös. Ein dutzend Mal hat er den Einstieg geübt. Vierzig Gäste hat er eingeladen und alle sind seiner Einladung in die Zentralschweiz gefolgt. Von weit her reisen sie an. Aus Tansania, Namibia, Südafrika, Deutschland, Thailand und aus allen Teilen der Schweiz.
Die Saalmiete war nicht besonders teuer. Kein Wunder, denn Bahati kann jeden vorbeigehenden Gast, der sich von der Garderobe zum Saal begibt, durch die unzureichend schallgeschützte Tür hören. Sein Herz pocht wie verrückt. Während Bahati sich im angrenzenden Zimmer vorbereitet, füllt sich der Saal allmählich. Devin weist den nach und nach eintreffenden Gästen einen Sitzplatz zu und verteilt weisse, mit Erdnüssen gefüllte Plastikbecher. Der letzte Gast, der Platz nimmt, ist für Devin schliesslich die Aufforderung, Bahati aus dem Nebenzimmer zu holen. Devin stellt sich vor das Nebenzimmer und klopft an die Tür: «Bahati? Es sind alle da.» Ohne Antwort zu geben, blickt Bahati ein letztes Mal in den Spiegel. Begleitet von einem Schmunzeln im Gesicht fährt er mit seinem Blick seiner Silhouette nach. Schaut auf seine Nase, seinen Mund, seine Lippen, seine Wangen und schliesslich tief in seine Augen. «Beginnen wir», flüstert er seinem Spiegelbild zu. Langsam hebt er seinen Arm und zeigt mit seinem ausgestreckten Zeigefinger auf sein Spiegelbild: «Ich freue mich auf das, was jetzt kommt!» Bahati geht zur Tür, öffnet sie und schliesst sie gleich wieder hinter sich. Es quietscht erneut unüberhörbar. Im Saal wird es ruhig. Spätestens jetzt starren alle auf ihn, denkt er sich. Etwas verlegen geht er auf den letzten freien Stuhl im Kreis zu und setzt sich hin. Ein Mädchen, gekleidet in einem roten Kleid mit weissen Punkten, kichert, verdreht ihre Augen und schüttelt den Kopf. «Du musst Aisha sein», bemerkt Bahati und schmunzelt, «Daniel hat in seinem Tagebuch über dein Lächeln geschrieben.» Seine Aufregung scheint sich gelegt zu haben. Ein Kinderlachen – sein Kama Muta.
Von Aisha oder irgendjemandem sonst ausgelacht zu werden, so hat er sich den Einstieg an diesem Frühlingsabend ganz und gar nicht vorgestellt und dies vor solch grossem Publikum. Doch wie ist das Treffen im Saal überhaupt zustande gekommen? Was hat es mit Daniels Tagebuch auf sich? Und wer ist Bahati? Wir verlassen den Saal und machen uns auf eine zehnmonatige Reise. Eine Zeitreise zurück nach Ungarn.
Juli 2020, Budapest: Eigentlich sollte es in vier Tagen auf nach Afrika gehen. Doch nichts ist so eingetroffen, wie es sich die beiden Freunde vorgestellt haben. Statt nun in Afrika ihrem Abenteuer nachzugehen, verweilt Devin mit seiner ganzen Familie in Polen und Daniel begleitet seine Mutter nach Budapest, da sie dort einen Zahneingriff vornehmen lässt. Bahati wurde von Daniel gefragt, ob er Lust hätte, ihn und seine Mutter nach Budapest zu begleiten. Als nette Gesellschaft versteht sich, denn Daniels Mutter braucht nach den Eingriffen immer wieder Bettruhe und bleibt daher fern von jeglichen Aktivitäten. Zudem möchte er Bahati in etwas «einweihen».
Die Tage in Ungarn vergehen wie im Flug. Eines Abends sitzen alle drei in der Hotellobby. Bahati erkundigt sich bei Daniel, wie es ihm und Devin ergehe, da sie nun nicht nach Afrika aufbrechen können. Daniel versucht, Bahati seine tiefe Enttäuschung in Worte zu fassen und macht auch gleich einen Vorschlag. «Meinem Freund ergeht es bestimmt nicht besser als mir! Weisst du was? Fragen wir doch, wie es ihm geht.» Bahati stimmt der Idee zu. Daniel nimmt sein Mobiltelefon hervor und beginnt mit Devin zu chatten.
Daniel: «Devin, alles klar bei euch?»
Devin: «Ja mega, Polen ist super, ein echter Geheim tipp! Wie findest du Budapest?»
Daniel: «Schöne Altstadt, gutes Essen, schöner Stadtpark, geiles Hotel. Jetzt muss ich nur noch an der Donau angeln gehen und einen kapitalen Fisch fängen.»
Mega, super, Geheimtipp, schön, gut, geil – leere Floskeln. Es herrscht absoluter Selbsttrost. Verständlich, denn die beiden Freunde wären in vier Tagen lieber nach Afrika aufgebrochen als sonst wo zu sein. Bestimmt fühlt sich Devin im vollgestopften Kombi auf der öden polnischen Autobahn wie Daniel auf der Margareteninsel, die inmitten der Donau zwischen Buda und Pest liegt – gefangen.
Daniel legt sein Mobiltelefon beiseite und fordert Bahati auf, seiner Mutter Bilder von ihrem heutigen Ausflug zu zeigen. Daniel schaut den Reaktionen seiner Mutter zu, während ihr Bahati Fotos der beindruckenden Blumenpracht der Margareteninsel zeigt. Seiner Mutter zulächelnd wendet Daniel seinen Kopf hin zur riesigen Fensterscheibe gleich neben ihm und blickt aus dem Fenster. Der Himmel hat sich inzwischen mit dunkelgrauen Regenwolken eingedeckt. In der Ferne zwischen den Laubbäumen wird der strömende Regen sichtbar. Das Wettertief hat nebst dem Niederschlag auch kühlere Temperaturen mit sich gebracht. Darum ist Daniel froh, auf dem mittlerweile angenehm gewärmten Stoffsessel zu sitzen und nutzt die Gelegenheit, etwas in seinem Tagebuch zu lesen.
Alle fragen sie das Gleiche. Ob wir unsere bevorstehende Reise an treten können und wie die Vorbereitungen voran gehen. Ganz ehrlich, so wenig sich die aktuelle Situation während der Pandemie verändert hat, so wenig haben wir uns weiter vorbereitet. Ich stehe stets im Wechselbad zwischen Zuversicht und Realität, ob die geplante Reise zustande kommt. Jedoch dauert es noch ganze 13 Wochen, in welchen sich noch vieles ändern kann. Eine ganze Weile also. Andererseits müssen Devin und ich uns vor Augen halten, dass nur schon ein Zoobesuch bei uns in der Schweiz nicht vor dem 8. Juni 2020 möglich ist, sofern die Besucher das Social Distancing zu den Tieren einhalten können. Bei der Giraffe kann dies eingehalten werden, da ihr Kopf auf einer Höhe von 4,6-6,1 Metern über dem Boden stolziert. Der blaue Baumwaran ist durch die Glasscheibe des Terrariums geschützt. Der arabische Doktorfisch schwimmt im Wasser, ebenfalls nicht in Gefahr. Einzig der frei herumlaufende Pfau ist exponiert. Möglich, dass die Betreiber ihn auch noch in einen Käfig einsperren werden, damit das Geschäft laufen kann. Irgendwie fühle ich mich in dieser Zeit ebenfalls wie in einem Käfig eingesperrt. Ich verbringe die meiste Zeit des Tages zu Hause in der Wohnung, wie dies unsere Regierung von dessen Volk verlangt. Die Zeit vergeht, wie ich früh morgens meine Socken anziehe – langsam.
Daniel schliesst sein Tagebuch. Heute, zwei Monate später, herrscht noch immer Ausnahmezustand, auch wenn für viele nicht allzu restriktiv. Gerade diese aussergewöhnliche Situation verlangt nach Flexibilität und zwingt uns dazu, die Sommerzeit anders zu gestalten als ursprünglich geplant. Afrika liegt für die beiden Freunde in weiter Ferne. Devin in Polen, Daniel in Ungarn – so ein Durcheinander!
Daniel blickt zu Bahati und seiner Mutter, die herzhaft gähnt. Die beiden haben ein letztes Video vom Musikbrunnen auf der Margareteninsel angesehen und verabschieden sich, um ins Bett zu gehen. Es ist bereits spät am Abend, jedoch scheinen Daniels Gedanken alles andere als müde zu sein. Was für eine verrückte Zeit erlebt er? Wie lange sie wohl noch andauern wird? Können Devin und er ihre geplante Reise überhaupt in naher Zukunft antreten? Er greift in seine Jackentasche und nimmt einen pechschwarzen Kugelschreiber hervor, öffnet sein Tagebuch, hält den Kugelschreiber vor sein Gesicht und schaut dem Stiftkopf zu, der vor und zurück gedrückt wird. Traurige, wie auch schöne Erinnerungen hat er an den Stift. Er setzt den Stift an.
Rona Co schreibt romantische DrehbücherWelch ein Durcheinander! Ttroz dseeim Drchnuidenar vrsuehct die Wlet, mit all den Msenhecn, das Bstee aus der Stauioitn zu mchaen. Jdee und jdeer psast scih den gbgeeneen Lsbneemutäsdne an, aregit und raeigret mit der Uwemlt. Owbhol aells dchruniedanr graeetne ist, wie der dchruniedanrgraeetne Bsuhcbtanelasat, hrrsehct ein gchselltesflichaer Altlag (acuh im Inudividum slesbt), wcheler vsrechut, das Dchruniedanr mgöchlist snchlel weider in die atle Ondrung zu birgnen. Eniige fniedn scih im Dchruniedanr zuchert, adnree aebr hbean die Onrieieturg lägnst vlerreon. Ich komme ohne Probleme zurecht und erblicke unseren Umgang mit dem Virus. Naivität, Leichtsinn, Hoffnung, Glaube, Angst, Panik, Kapitulation, Verstand, Rücksicht, im Wissen darüber, infolge fehlendem Wissen darüber. Der Umgang mit dem Virus und allem anderen unserer (un)realen Welt. Jeder und jede für sich! In der Hoffnung keiner gesellschaftlichen, sondern einer gemeinschaftlichen Übereinstimmung, die es in der Menschheit leider nie geben wird! Wer dies hofft und sich dafür einsetzt, muss ich leider enttäuschen. Sagen wir schliesslich des Öfteren: Leben und leben lassen. Leben lassen bedeutet für mich, es hat mich nicht zu interessieren, wie jemand anderes lebt. Oder gar, dass ich etwas dulde, auch wenn nicht damit einverstanden. Und mir niemand vorschreiben soll, wie ich zu leben habe.
Um was geht es aber hier konkret? Vor mehr als einem halben Jahr (Dezember 2019) machten sich viele Menschen in sozialen Netzwerken wie auch auf diversen Nachrichtendiensten über einen neuartigen Virus (Covid-19) lustig. Die kursierenden Fotos und Videos nahmen wir noch nicht als eine Bedrohung war, vielmehr machten sie einen sehr irrealen und skurrilen Eindruck auf uns. Sie stellten das sehr weit entfernte Virus in China in einem belustigten Licht dar. Wie etwa ein Bild einer Flasche Bier mit der Aufschrift «Corona», die gegenüber einer Gruppe Bierflaschen der Marke «Heineken», welche alle eine Hygienemaske tragen, steht. Auch beim Abendessen in der Dönerbude wurde mit Freunden gewitzelt, als jemand von uns vor dem Getränke-Kühlschrank stand: «Wer möchte alles ein Corona?» Nebst unterhaltsamen Inhalten tauschten wir auch unnützes Wissen aus. Wie etwa die sinkenden Verkaufszahlen des Corona-Bieres aus Mexiko. Tja, die umsatzstärksten Zeiten erlebte die Marke bestimmt vor einigen Jahren, als in den Kinos ein Film aus der Kultreihe «The Fast and the Furious» lief. Eine Szene bleibt mir bis heute in Erinnerung: Als Dom Toretto (Vin Diesel) mit einem Verbrecher einen Deal abschliessen wollte. «Regeln wir doch das Geschäftliche bei einer kühlen Flasche Corona», schlug der Verbrecher vor. Natürlich zeigte die mit Eiswürfeln und Bierflaschen gefüllte Glasschale die Aufschrift «Corona» direkt vor das Gesicht der Kinobesucher. Product-Placement in seiner glamourösesten Form. Trotz jener schauspielerischen Meisterleistung schaute ich den Film zu Ende – Corona, dein Drehbuch ist für mich und Devin ganz und gar nicht romantisch!
Der nächste Morgen. Während sich Bahati und Daniel am Frühstücksbuffet ihre Bäuche vollschlagen, löffelt Daniels Mutter Nature-Joghurt und schlürft heissen Pfefferminz-Tee. Sie darf ihren Kiefer und ihr Gebiss nicht allzu sehr beanspruchen, damit die Wundheilung bestmöglich verläuft. Nach dem Frühstück hat sie erneut eine Nachkontrolle. Bahati und Daniel entscheiden sich, den restlichen Morgen auf dem grossen Rasen zu verbringen, welcher einen Katzensprung von der Hotelanlage entfernt ist. Daniel wird sein Tagebuch mitnehmen und Bahati möchte sich etwas sonnen. Zu dritt gehen sie an der Rezeption vorbei. Daniel bleibt auf Höhe der Rezeption stehen: «Sehen wir uns später auf der Wiese?», fragt er Bahati, da dieser nochmals ins Zimmer muss, um sein Badetuch zu holen und Sonnencreme aufzutragen. «Ja, wir sehen uns später», entgegnet Bahati und eilt Daniels Mutter hinterher, die bereits vor dem Aufzug steht. Daniel schaut den beiden Lifttüren zu, wie diese sich schliessen, dann dreht er sich um, geht auf den Rezeptionisten zu und fragt ihn nach einem neuen Schreibstift, weil Daniel den schwarzen Kugelschreiber in den Mülleimer geworfen hat.
Seine Haut ist milchig-weiss von der dick aufgetragenen Sonnencreme. Bahati setzt seine Sonnenbrille auf, geht durch den Haupteingang und verlässt das Hotel. Er läuft durch den Stadtpark zur grossen Wiese. Seine Gedanken spielen verrückt. Weshalb hat es Daniel auf die Wiese verschlagen? Und in was möchte er ihn einweihen? Vielleicht hat es etwas mit seinem Tagebuch zu tun? Dies alles überlegt sich Bahati, als er sich die Flip-Flops auszieht, um barfuss das feuchte Gras unter seinen Füssen zu spüren. Irgendwo hier also sitzt Daniel und schreibt in seinem Tagebuch. Bahati möchte ihn finden.
Der Park ist ein geeigneter Ort zum Schreiben, denn die angenehme Ruhe fühlt sich gut an, fördert die Kreativität und kurbelt die Gedankengänge an. Keine von aussen einwirkenden Einflüssen, wie etwa ein lauter Bagger stören den Frieden. Die Blätter der Bäume wehen im Wind und lassen die Zeit stillstehen. Die Luft ist frisch.
Bahati steht am Rande des Rasens im Schatten der Bäume. Er schliesst seine Augen und geniesst die Ruhe. Einen Spaziergang quer über den Rasen erreicht er eine Steinformation. Er setzt sich hin. Von Daniel ist weit und breit keine Spur. Auch nach mehrmaliger Kontaktaufnahme bekommt er nur dessen Anrufbeantworter zu hören. Am Vormittag allein zu sein, das soll Bahati nicht gross beschäftigen, denn zum Sonnenbaden braucht er keine Gesellschaft, denkt er sich. Sein Badetuch ausgebreitet, setzt er sich darauf, lehnt sich an einen der Steine und schaut sich auf dem Rasen um. Am Stein lehnend, richtet Bahati seinen Blick über Kopf und sieht einen Jungen mit roten Haaren zuoberst auf dem Stein stehen, der zuvor hinaufgeklettert war.
Allmählich füllt sich die grüne Fläche. Daniel hat sich noch immer nicht gemeldet. Zu Bahatis Rechten nähert sich ein Mann Mitte 30, der immer wieder stehen bleibt und auf sein Smartphone starrt. Er spielt Pokémon-Go. Bei diesem Spiel, welches in der erweiterten Realität stattfindet, wird der Spielverlauf durch die geographische Position des Spielers beeinflusst, was die Einblendung von zusätzlichen Objekten auf das Smartphone bewerkstelligt. Zusammengefasst: Der Spieler scannt seine Umgebung mit seinem Smartphone auf der Suche nach Pokémons, um diese schliesslich zu fangen. Kurz – absoluter Blödsinn. Soll es ihm Bahati sagen, dass er nun schon mehr als 20 Minuten in der Gegend herumschaut und noch kein einziges Pokémon gesehen hat? Würde er das tun, würde er bestimmt einem verwirrten Smombie (Melange von Zombie und Smartphone) gegenüberstehen.
Vor gut einem Jahr war Bahati verwirrt gewesen, aber gleichzeitig auch froh für seinen Freund, als er erfuhr, dass Daniel von Devin gefragt wurde, ob sie gemeinsam nach Afrika aufbrechen wollen. «Scheisse, ja!», antwortete Daniel voller Euphorie. Sein Gedanke daran war wie das Spiel für den nun auf der Bank sitzenden Pokémon-Go spielenden Mann -aufregend!
Die bald am Höhepunkt angelangte brennende Mittagssonne erinnert Bahati daran, dass er und Daniel einen Tisch in einem Restaurant reserviert hatten. Zügig packt er seine Sachen zusammen, macht sich auf den Weg zurück zur Hotelanlage und hofft, Daniel dort anzutreffen. Er geht auf den Lift zu, als sich gerade die Kabine öffnet. Daniel kommt aus der Kabine: «Wo hast du gesteckt?», fragt er. «Na, wo wohl?», meint Bahati genervt und fügt an, «Ich war auf dem Parkrasen, wie abgemacht! Ich hatte dich mehrere Male angerufen! Du warst nirgendwo aufzufinden!» Daniel schüttelt den Kopf: «Ich war auf dem Rasen! Ich sass bei einer Steinformation. Ein Junge spielte auf den Steinen herum.» Bahati weiss, welches Kind er meint: «Der Junge mit den roten Haaren?» Daniel krümmt seine Augenbrauen und meint verständnislos: «Nein, ein Junge mit blondem Haar.» Darauf entgegnet Bahati: «Nein, die Haare waren rot.» «Nein, blond. Wie zur Hölle sollst du denn das wissen, dass die Haare des Jungen rot waren, wenn du gar nicht dort warst?», meint Daniel. Bahati holt gerade Luft, um Daniel zu erklären, dass er ebenfalls dort war und den Jungen mit den roten Haaren gesehen hat, als sie von einer Dame mit einem Kinderwagen hinter ihnen unterbrochen werden: «Entschuldigen Sie, meine Herren, stehen Sie für den Aufzug an?» «Nein!», antworten sie zeitgleich. Beide machen einen Schritt auf die Seite und drücken für die junge Mutter den Aufzug-Knopf. Sie schiebt den Kinderwagen in die Kabine. Die Dame dreht sich nochmals um und meint: «Haben Sie vielen Dank. Übrigens: Die Haare meiner Tochter sind rot, nicht blond. Aber das kann sich im Laufe der Jahre noch ändern.» Bahati und Daniel blicken sich verlegen in die Augen, während sich die Aufzugstüre schliesst und die Frau den beiden einen schönen Tag wünscht. Zeit, ein Gulasch essen zu gehen.
In einer grossen Pfanne Bratbutter erhitzen und darin Rind, Schweine- oder Kalbfleisch portionsweise auf allen Seiten kräftig anbraten. Die Hitze etwas reduzieren, Knoblauch und Zwiebeln dünsten, Tomaten und Peperoni dazugeben und ebenfalls dünsten. Nun das Ganze mit Bouillon ablöschen und mit Paprika und nach Belieben mit Pfeffer würzen. Das Gulasch nun zugedeckt circa eine Stunde schmoren lassen. Dann salzen, Majoran und etwas geriebene Zitronenschale dazugeben. «Schmeckt echt gut!», schwärmt Bahati, der zum ersten Mal Gulasch isst. Bahati wurde von Daniel nicht enttäuscht. Das Lokal ist echt ein Geheimtipp. Er erzählt ihm, dass er am Vorabend mit seiner Mutter im Hofgarten mit musikalischer Unterhaltung gegessen hat, während Bahati im Hotel blieb. Daniel nimmt seine Serviette zur Hand, wischt sich seinen Mund und trinkt mit einem letzten grossen Schluck das Bier aus. Er dreht seinen Kopf weg und rülpst. «So... Nimmst du auch noch ein Bier?», fragt er seinen Freund und hebt seine Hand, ohne dass Bahati antworten kann. Daniel lässt den Kellner wissen, dass sie nochmals zwei Biere möchten. Bahati nutzt die Gunst der Stunde. Verschwörerisch nähert er sein Gesicht seinem Gesprächsgegenüber: «Du bist mir noch etwas schuldig. Du wolltest mich in etwas einweihen.» In diesem Moment stellt der Kellner die zwei bestellten Biere hin. Daniel greift sich seines und holt tief Luft: «Bahati, du wärst nicht hier mit mir, wenn Devin mich nicht gefragt hätte, mit ihm nach Afrika aufzubrechen!» Daniel hebt sein Glas: «Prost auf das Leben, die Freundschaften und all die Geschichten!» Beide sind einen Moment still. Bahati freut sich für seinen Freund. Er spürt wie überglücklich Daniel ist, mit seinem Freund nach Afrika aufzubrechen.
Jedoch ist es für Daniel noch derart ungewiss, was er mit Devin alles erleben wird und wie er Bahati beibringen möchte, welch wichtige Rolle er für ihn und die Reise spielt. Es scheint noch nicht der richtige Zeitpunkt zu sein. Daniel würde ihn früher oder später bestimmt noch einweihen, überlegt sich Bahati. Er hebt ebenfalls sein Glas und prostet Daniel zu. Der erste Schluck eines frisch gezapften Bieres lässt die Welt für einen kurzen Augenblick stillstehen, ein Moment der absoluten Zufriedenheit.
Zurück im Hotel entscheidet sich Daniel für ein erfrischendes Bad im Pool. Bevor er sich aus dem Staub macht, legt er seine rechte Hand auf Bahatis Schulter und sagt: «Ich erwarte dich heute Abend in meinem Zimmer, dann erfährst du alles.» Bahati nimmt dies zur Kenntnis, greift in seinen Rucksack und händigt ihm die Sonnencreme aus: «Hier. Vergiss nicht, dich gründlich einzucremen. Wir sehen uns am Abend.»
Es ist kurz vor 20.00 Uhr. Bahati steht in der Tür. Die Balkontür ist offen und ein starker Windzug bläst ihm entgegen. «Uiiiii... schliess die Tür!», ruft Daniel aus dem Zimmer. Zu spät! Ein Stapel Blätter, der zuvor noch auf einem runden Tisch gelegen hat, fliegt bereits im Zimmer umher. Verdutzt schaut Daniel auf das Papierwirrwarr am Boden. Ohne darauf einzugehen, setzt sich Bahati auf einen Sessel an den Tisch. «Räum mal auf!», fordert er Daniel auf und fährt fort: «Wie du mir bereits erzählt hast, haben Devin und du euch entschieden ein halbes Jahr nach Afrika aufzubrechen. Bald wäre es so weit gewesen! Wie haben die Vorbereitungen ausgesehen? Und die ersten drei Wochen eurer Reise wärt ihr noch von drei anderen Freunden begleitet worden und zu fünft in Südafrika unterwegs gewesen.»
Daniel setzt sich zu Bahati und rutscht auf seinem Sessel hin und her, nimmt dann eine bequeme Sprechposition ein. Er öffnet seinen Mund, um etwas zu sagen, schliesst ihn aber sogleich wieder. Nach Luft schnappend, blickt er aus dem Zimmerfenster. Wieder scheint er etwas sagen zu wollen, doch dieses Mal presst er seine Lippen nach innen zusammen. Seine Nasenlöcher wölben sich und werden dabei grösser. Leise atmet er ein und gut hörbar wieder aus. Stimmt, Bahati wird klar, wie heikel diese Frage ist. Unzählige Male wurde Daniel gefragt, wie die Vorbereitungen für ihre Reise vorangehen, ob sie ihre Reise überhaupt antreten können und was sie in den ersten Wochen alles geplant hätten. Fragen über Fragen. Immer wieder hatte Daniel sich bei Interessierten dazu geäussert. Es muss weh tun immer wieder aufs Neue über etwas zu berichten, was in naher Zukunft nicht stattfinden wird und womöglich auch nicht so, wie geplant. Hatten die beiden solch Herzblut in die Vorbereitungen gesteckt! Doch ihm muss es Daniel ebenfalls erzählen, denn Bahati ist für ihn von grosser Bedeutung. Daniel antwortet auf seine Frage: «Als Devin eines Abends bei mir auf ein Bier eingeladen war kamen wir auf die Idee, mit dem Geländewagen seiner Eltern durch Afrika zu reisen. Sofort durchfuhr ein Kribbeln meinen ganzen Körper. Meine Gedanken überschlugen sich. Was wird uns alles erwarten? Brütende Hitze? Trockenheit? Giftige und wilde Tiere? Tagelang kein Handyempfang? Benötigen wir ein Satellitentelefon? Wie schützen wir uns gegen Malaria, Gelbfieber oder sonstige virale Erkrankungen? Was wenn wir eine Panne oder einen Unfall mit dem Wagen haben? Wie dicht ist das Tankstellennetz? Wie sieht es mit der Strassenkriminalität aus? Wie steht es um unsere Lebensmittelversorgung? Kann immer genügend zu Essen und zu Trinken gekauft und mitgeführt werden? Brauchen wir ein Navigationsgerät oder fahren wir mit Kompass und einer Landkarte? Wie gestalten sich Grenzübergänge? Wie gelangen wir zu Strom, um unsere elektronischen Geräte zu laden? Und wie steht es um Corona? Während einer unkontrollierten Zeit einer Pandemie, mit all den Reisebestimmungen zu reisen? Wie begegnen Einheimische auf uns Reisende? Was halten unsere Freunde und Bekannte von unserem Vorhaben? Ist solch eine Reise während dieser aussergewöhnlichen Zeit moralisch vertretbar? Stellt sie eine Gefahr für uns und andere dar?»
Daniel nimmt sein Mobiltelefon hervor und zeigt Bahati einen Kartenausschnitt vom zentral-südlichen Teil Afrikas und erklärt anhand der Karte ihre über 5000 km lange geplante Route. Sie beginnt in Kapstadt und soll die beiden über Botswana, Namibia, Angola, Sambia bis nach Dar es Salaam in Tansania führen. Die ersten drei Wochen der sechsmonatigen Reise wären die beiden von ihren drei Freunden Lukas, Jan und Jerome (Devins Bruder) begleitet worden.
«Morgen wäre es so weit gewesen.», bilanziert Daniel etwas traurig. Er fährt fort: «Ich habe mich bei Devin und unseren drei Freunden gemeldet und sie darum gebeten, ein kurzes Statement abzugeben.» «Ein Statement über?», fragt Bahati. «Nun, weshalb unsere drei Wochen vorerst ins Wasser fallen», wird er aufgeklärt. «Und? Haben sie schon zurückgeschrieben?», hakt Bahati neugierig nach. «Ja, das haben sie.», antwortet Daniel. Er nimmt sein Mobiltelefon zur Hand und liest die Statements seiner Freunde vor:
Devin: «Alpen statt Wüste. Wienerschnitzel statt Maniok. Donau statt Viktoriafälle. Hätte mir das jemand im Februar gesagt, ich hätte laut gelacht und ein weiteres Holdrio am nächsten Karneval-Wagen bestellt. Nun ist es so und wir bleiben positiv gestimmt, dass wir im Herbst 2020 unser Erlebnis starten können.»
Jan: «Saluti du, Schäli. Ja, hör zu... Ich war jetzt eine Woche in einem Bikelager, weil wir nicht nach Afrika können und ich deshalb das Lager ein Jahr vorzog. War richtig geil, muss ich sagen!»
Daniel blickt kurz zu Bahati hoch und meint: «Geil, welch eine Floskel...», und schüttelt seinen Kopf.
Jerome: «Leider stehe ich im Regen, die Sonne von Afrika wäre ein Segen. Würde gern im Land Cruiser den Kontinent erkunden – bis in die späten Abendstunden. Doch leider gibt's nur Masken, kein einziges Tier zum Ertasten. Die Reise verschoben aufgrund von Corona, alternativ dann halt nach Barcelona.»
Lukas: «Mir fehlen die Worte.»
Daniel legt sein Handy auf den Tisch. «Mir fehlen ebenfalls die Worte! Der Besuch an der Schule Tuwapende Watoto, unser Musikprojekt, der Geländewagen in Kapstadt und halb Afrika warten auf uns und wir sitzen hier fest!» Bahati kann die Enttäuschung Daniels förmlich spüren. Vorsichtig fragt er ihn, wie die Reisebestimmungen in den einzelnen Ländern, speziell die von Südafrika, zurzeit sind. Denn, sobald die Länder grünes Licht geben, entstehen Möglichkeiten wie sie nach Afrika aufbrechen können.
Daniel nimmt seinen Laptop hervor und ruft den Webbrowser auf. Er öffnet den Weblink: «www.travelnews.ch». Ein Newsportal, auf welchem Schweizer Staatsangehörige unter anderem vernehmen können, wohin sie unter welchen Bedingungen reisen können. Daniel durchforstet die Website, um an die für sie relevanten Infos zu gelangen. Um was geht es auf der Website im Konkreten? Wie folgt beginnt es: «Die Grenzmauern bröckeln – hoffentlich schnell. Wir sagen, wie die Lage ist.» Nachfolgend ist eine Liste mit 137 Ländern aufgeführt mit den jeweiligen Bestimmungen. Die Informationen liefern ihnen einige Antworten auf Fragen wie: Ist das Land vom Flugverkehr isoliert? Muss vor oder nach dem Flug mit einer Quarantäne gerechnet werden? Was sind die sonstigen Massnahmen? Daniel erklärt Bahati, dass ihn und Devin sieben Länder interessieren. Natürlich Südafrika und Tansania, welche den Start- respektive das Zielland ihrer Reiseroute mit dem Fahrzeug darstellen. Und auch Länder die von Kapstadt auf dem Weg nach Dar es Salaam durchquert werden können. Weshalb die vielen Länder? Nun, falls sie wegen den Covid-Restriktionen nicht von Südafrika nach Namibia oder Botswana einreisen können, muss auch Mosambik für eine mögliche Durchfahrt nach Tansania geprüft werden.
Die Bestimmungen gefunden, liest Daniel diese Bahati vor.
Botswana: Die Einreise ist für Bürger der Schweiz, von Deutschland, Österreich, Belgien, China, Dänemark, Frankreich, Grossbritannien, Indien, Iran, Italien, Japan, Korea, Niederlande, Norwegen, Spanien, Schweden und den USA untersagt. Auch die Visa sind suspendiert und Visa-on-arrival ist temporär eingestellt. Andere Einreisende werden einer 14-tägigen Quarantäne unterstellt.
Mosambik: Keine Angabe.
Namibia: Die Einreise ist verboten, Flüge sind bis und mit 30. September 2020 ausgesetzt. Ein genaues Datum hinsichtlich einer Grenzöffnung ist noch nicht bekannt.
Sambia: Die Einreise auf dem Luftweg via Lusaka ist erlaubt; alle Einreisenden werden jedoch einer 14-tägigen Quarantäne unterstellt.
Simbabwe: Die Einreise ist untersagt, nur Einheimische oder Aufenthaltsbewilligte (medizinisches Personal, etc.) können ins Land. Ausser in Harare, Bulawayo und Victoria Falls sind die Flughäfen des Landes geschlossen. Wer ankommt, muss ich in 21-tägige Selbstquarantäne begeben. Über allfällige Öffnungsdaten für herkömmliche Touristen ist derzeit nichts bekannt.
Südafrika: Die Einreise ist verboten. Zurückkehrende Südafrikaner und Aufenthaltsberechtigte werden einer 21-tägigen Quarantäne unterstellt. Informationen zufolge sollte Südafrika erst ab Dezember 2020 wieder Inlandtourismus erlauben und internationale Reisen gar erst ab Februar 2021; neusten Informationen zufolge wird nun aber eine Öffnung der Grenzen per September 2020 erfolgen. Per 6. Juli ist das Land jedoch ohnehin auf der Risikoländer-Liste des Schweizer Bundesamt für Gesundheit; bei Rückkehr in die Schweiz ist demnach eine 10-tägige Quarantäne nötig.
Tansania: Das afrikanische Land empfängt ab sofort Reisende aus aller Welt, ohne spezifische Coronavirus-Restriktionen. Es sind keine Quarantänemassnahmen in Kraft, jedoch werden in den öffentlichen Räumen gängige Social-Distancing-Massnahmen getroffen und deren Einhaltung verlangt.
Daniel klappt seinen Laptop zu und blickt Bahati mit nachdenklichem Blick an: «Tja, wie erwartet sieht die Situation schlecht aus.» Er schiebt sein Gerät beiseite, legt seine Arme auf den Tisch und verschränkt seine Hände. «Weisst du noch, was ich dir heute am Mittagstisch gesagt habe?» «Klar!», Bahati muss nicht lange überlegen, «Ich wäre nicht hier, wenn Devin und du euch nicht entschieden hättet, nach Afrika aufzubrechen.» «Genau», entgegnet Daniel, «ich möchte dem noch etwas beifügen.» Bahati hört gespannt zu. «Als mich Devin vor einem Jahr fragte, ob wir gemeinsam nach Afrika aufbrechen, hatte ich am selben Abend begonnen, ein Tagebuch zu schreiben. Irgendwie leitete mich meine innere Stimme dies zu tun. Daraufhin schrieb ich immer wieder Tagbucheinträge von unseren Vorbereitungen, zum Beispiel wie wir am Geländewagen herumschraubten. Unsere Reise ist im Laufe der darauffolgenden Monate zu einer regelrechten Odyssee geworden. Denn keine zwei Wochen nach dem Verschiffen unseres Wagens in Basel verhängte die Schweizer Regierung, wie viele andere auch, den nationalen Lockdown! Der globale Shutdown! Die Pandemie hat noch immer das Weltgeschehen fest in den Klauen. Trotz düsterer Aussicht nach Afrika aufzubrechen, hielt ich weiterhin an meinen Tagebucheinträgen fest und werde diese auch in Afrika weiterführen. Ich kann es kaum erwarten aufzubrechen! Ich hoffe der Tag kommt möglichst bald!»
Daniel wird ernster. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, Bahati einzuweihen. Er schaut ihm tief in die Augen: «Bahati, ich habe mich dazu entschieden eine Geschichte über die Reise von Devin und mir zu schreiben. Ich möchte jedoch nicht im Zentrum stehen und auch nicht aus meiner Perspektive über unsere Erlebnisse berichten. Deshalb möchte ich, dass Du die Geschichte schreibst! Als wir uns das erste Mal getroffen haben, schon damals wusste ich, dass Du die richtige Person bist! Ein anderer Blickwinkel bereichert die Geschichte enorm!» Bahati ist einen Moment still, dann lacht er in einer Lautstärke über das, was sein Freund gerade über die Lippen brachte. Theatralisch verwirft er die Hände. Er lehnt sich in den Sessel und fragt verzweifelt: «Und wie soll ich das bitteschön bewerkstelligen?! Ich kann gar nicht schreiben! Ich weiss gar nicht wie ich das angehen soll! Und ich komme gar nicht mit auf die Reise, wie soll ich nur über eure Erlebnisse schreiben können?» Daniel erklärt: «Genau deswegen musst Du die Geschichte schreiben. Wie gesagt ich möchte nicht über Devin und mich schreiben. Ich werde dir am Ende unserer Reise mein Tagebuch überreichen, mit welchem du dann die Geschichte scheibst! Bahati, du wirst meine Vorstellungen mit Sicherheit erfüllen, dessen bin ich mir bewusst! Und vertraue mir, Du wirst geführt! Nicht Du musst die Geschichte finden, sondern die Geschichte wird Dich finden! Ganz von allein! Vertraue mir! Halte einfach den Stift in den Händen und lass ihn führen! Fühle es!»
Gähnend schaut Daniel auf die Uhr: «So, genug für heute. Ich muss morgen früh raus. Ich will morgen in der Donau angeln, dazu muss ich einen Angelschein holen.» «Ach, so ein Quatsch, du brauchst doch keinen Angelschein, geh ohne, das merkt doch niemand!», meint Bahati. «Das halte ich für eine schlechte Idee. Die Ungaren haben die Anzahl Kontrollen erhöht. Ich möchte keine Busse oder gar eine Straftat riskieren!», beharrt der Hobbyfischer und fügt an: «Da kommt mir gleich in den Sinn, dass ich mal an einem Spieleabend eingeladen war und wir Stadt-Land-Fluss-Straftat spielten. Als dann die Spielrunde mit dem Buchstaben F zu Ende war und wir uns einander die Wörter vorlasen, hatte doch tatsächlich jemand bei Straftat: Fischen ohne Patent› als Lösung!», lacht Daniel. Bahati steht auf und sammelt alle auf dem Boden liegenden Notizzettel ein. Daniel bittet ihn, auch den goldenen Stift auf dem Boden aufzuheben. «Ach, du hast einen Neuen?» «Ja, den habe ich vom Rezeptionisten bekommen. Als hätte der Stift seinen Meister gefunden.», lacht Daniel «den pechschwarzen Kugelschreiber habe ich ein für alle Mal weggeschmissen! Ich habe eine neue Handschrift!» Mit einem Lächeln legt Bahati alle Notizblätter und den Stift auf den Tisch, legt seine Hand auf Daniels Schulter und sagt: «Ich kann das gerne für dich machen. Ich werde dich nicht enttäuschen.» Bahati steht auf und wünscht seinem Freund eine ruhige und erholsame Nacht. Leise verlässt er Daniels Zimmer. «Das wünsche ich dir auch.», flüstert Daniel hinterher, nachdem die Türe mit einem lauten Knall ins Schloss gefallen ist. Noch immer ist die Balkontüre offen. Daniel steht auf und schliesst sie. Es ist dunkel geworden. Von seinem Fenster aus sieht er eine Strassenleuchte flackern. Dieses Flackern hat etwas Hypnotisches und beruhigt ihn. Bahati hat tatsächlich zugestimmt! Der Zeitpunkt muss gepasst haben! Was Daniel noch nicht ganz passt sind die Aussichten für Afrika. Wie das wütende Wetter, sind diese düster.
Zum Mäusemelken! Ein echtes Dilemma. Die geplante Reise wurde komplett über Bord geworfen, denn ein Flug direkt nach Südafrika ist momentan unmöglich. Herrschen dort die strengsten Restriktionen in ganz Afrika im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus. Jammerschade, denn der Geländewagen steht in Kapstadt direkt am Hafen in einer kleinen Garage auf einem riesigen eingezäunten und überwachten Areal. Er ist bereit und wartet darauf, endlich auf den Weiten der afrikanischen Savannen zu zeigen, was ihn im steckt. Daniel und Devin sind gar nicht begeistert. Verständlich, denn ihr grosser Wunsch ist, die Reise mit dem Wagen zu starten und mit ihm den Kontinent zu erkunden. Sie haben den Geländewagen nicht in der Reise mit eingeplant, sondern die Reise rund um den Wagen geplant. Das Fahrzeug wird und muss während ihrer ganzen Zeit in Afrika ihr Zuhause sein. Doch wie gelangen sie zu ihrem Land Cruiser? Eine Herausforderung. Es gibt mehrere Optionen:
Warten, bis Südafrika Einreisende aus der Schweiz per Flugzeug empfängt.
In ein Nachbarland von Südafrika reisen und via Grenze nach Südafrika gelangen.
Das Fahrzeug wird von jemandem an die Grenze eines Nachbarlandes gefahren und unter behördlicher Aufsicht am Zoll an sie übergeben.
Sie fliegen im Oktober (2020) nach Tansania und hoffen, von dort in diesem Jahr noch nach Südafrika fliegen zu können.
Sie verbringen ihre Zeit nur in Tansania an der Schule und gehen erst nächsten Sommer für einige Wochen nach Südafrika.
Die beiden Freunde hoffen zutiefst, dass sie weiterhin eine sechsmonatige Reise unternehmen können. Lustig, liegt der Entscheid einzig bei ihnen, jedoch an viele Bedingungen und Einschränkungen gebunden. Momentan können sie nicht nach Südafrika zu ihrem Auto, aber nach Tansania an die Schule. Ein Schweizer Sprichwort besagt: «Chasch nöd de Feufer und z’Weggli ha!» Was so viel bedeutet wie: Du musst dich für das eine oder das andere entscheiden. Dass sich Daniel und Devin nun für etwas entscheiden müssen, ist nicht einfach.
Daniel jedenfalls scheint einmal mehr den Entscheid zu vertagen, denn wie die Strassenlaterne hat auch er sich verabschiedet.
Der nächste Morgen: Es klopft an der Zimmertüre. «House keeping!» Daniel schreckt auf, er ist gestern am Tisch eingeschlafen. «House keeping!», ruft das Zimmermädchen erneut. Hektisch sucht er seine hellblaue Hygienemaske, setzt sie sich auf und öffnet die Türe so, als wäre er gespannt, wer wohl vor der Tür steht. «Good morning! You don’t have to clean my room, thank you.», antwortet er der kleinen, mageren Hotelangestellten, obwohl sein Zimmer den zweiten aufeinanderfolgenden Tag nicht mehr geputzt wurde. Die Dame nimmt umgehend ihre Checkliste hervor, macht einige Kreuze und versorgt die Liste. «Do you need any towels?», wird er gefragt. Nach einem langen Blick ins Bad sagt er: «Y....es, please.» Hetzend sammelt Daniel sämtliche im Bad herumliegenden Tücher zusammen und hält sie ihr hin. Mit einem «goodbye» und frischen überreichten Tüchern verabschiedet sich die Dame wieder. Daniel legt die neuen Tücher unter das Waschbecken und spült nebenbei noch das Klo. Er hat sich schon lange nicht mehr so selbstbestimmt und frei gefühlt. Als hätte er eine jahrelange Beziehung hinter sich, in welcher beide immer versuchten, die beste Version von sich selbst zu sein. Aber auch die beste Version seines Partners forderte – Grausam.
Wo bin ich stehen geblieben? Genau, bei den Schweizer Sprichwörtern. Hier einige passende zur aktuellen Situation, in welcher sich Devin und Daniel momentan befinden:
«Da wird ja jede Ligu Lehm hert!» (Die Zeit geht so lange vorbei, bis sogar das Brot hart wird). Ich hoffe zutiefst, wird ihre Reise am Ende nicht zu Entenfutter.
«E Schwalbe mach no kei Summer.» (Ein Anzeichen bedeutet nicht, dass etwas eintritt). Die Siebentage-Inzidenz sinkt von Woche zu Woche. Möglich, dass bald die Fallzahlen derart tief sind, dass die südafrikanische Regierung den internationalen Flugverkehr wieder frei gibt und Inlandreisen ermöglicht.
«Für d’Füchs» (Etwas vergebens machen. Viel Aufwand für nichts). Garantiert nicht. Jede investierte Stunde kommt dreifach zurück. In Form von Glück – Glück, welches sie teilen können. Und ohnehin: Das Auto steht in Südafrika. Der Tag wird kommen, wenn das afrikanische Land seine Grenzen wieder öffnet und die beiden Freunde endlich mit dem Wagen Afrika entdecken können.
«Jetzt hesch aber am Bock a Seckel glanged!» (Jetzt hast du die Grenze überschritten). Nicht sinnbedeutend, aber nicht unbedeutend. Devin und Daniel würden sich bestimmt gegenseitig kurz an den Sack greifen, um einen Fuss auf afrikanischen Boden machen zu können.
Und Z, wie «zuguter Letzt»: «Z Gfräsna – Z Vergäsna» (Man vergisst schnell, was man an Gutem bekommen hat). Daniel und Devin haben in dieser Situation aus lauter Frust vielleicht vergessen, dass sie sich abgesehen von der vertagten Reise als sehr glücklich schätzen können.
Wir lassen unsere Gedanken in Ungarn und verlassen Budapest. Zehn Monate später sitzt Bahati in einem Saal mit 40 anderen Augenpaaren. Er nickt bestätigt mit dem Kopf und denkt innerlich, dass Daniel Recht hatte mit einer anderen Perspektive. Bahati muss nicht auf der Reise dabei gewesen sein! So viele Menschen haben heute auf seine Einladung den Weg in den Saal gefunden und schreiben mit ihm zusammen die Geschichte. Er greift unter seinen Stuhl und wirft versehentlich den Plastikbecher mit den Erdnüssen um. Das mit den Nüssen war Devins Idee. Für nach der Pause sind Salzstangen gedacht. Lieber Leser, Liebe Leserin machen auch Sie sich bereit für Unterhaltung. Schnappen Sie sich etwas zu knabbern, machen Sie es sich gemütlich. Wir werden uns gleich mit Ihnen und allen Gästen auf in das Abenteuer Afrika stürzen. Unterwegs werden Sie unterschiedlichen Menschen mit Ihren Geschichten begegnen. Schon ist der zweite «Nüsslibecher» umgefallen und die Erdnüsse kullern zwischen den Füssen umher. Alle im Saal lachen. Es wird nicht nur lustig und unterhaltsam, sondern auch gefährlich, emotional, kontrovers und philosophisch. Eine ganz besondere Geschichte. Der etwas andere Reisebericht.
Bahati stellt den Becher wieder auf, lässt die Erdnüsse auf dem Boden liegen und hebt ein Buch in die Luft: «Deswegen sind wir heute alle hier. Das ist Daniels Tagebuch. Er hat mir dieses nach der Reise durch Afrika übergeben. Er hat mich gebeten, mit Hilfe des Tagebuchs eine Geschichte über ihre Reise zu schreiben. Ich danke euch allen, heute Abend den Weg hierhin gefunden zu haben.»
Er führt weiter aus: «Jeder einzelne von euch war eine wichtige Begegnung für Daniel. Nicht nur während der Reise, sondern auch vor der Reise. Ihr seid deshalb von grosser Bedeutung für unsere Geschichte! Aus diesem Grund habe ich uns heute Abend zusammengeführt. »
Bahati hält das Tagebuch noch immer fest in den Händen: «Dieses unscheinbare Buch bildet den roten Faden und wird uns den ganzen Abend über begleiten. Ich werde immer wieder Einträge aus dem Tagebuch vorlesen, welche wir gemeinsam mit weiterem Leben auskleiden werden. Ebenso werde ich Einträge vorlesen, die das von euch Erzählte ergänzen. So werden wir nach und nach die Geschichte schreiben.» Bahati schlägt die mit einem orangen Post-It markierten Seite im Tagebuch auf. Er räuspert sich und beginnt: «An diesem Tag traf ich Devin und Daniel das erste Mal während den Vorbereitungen. Sie waren mit dem Umbau ihres Geländewagens beschäftigt.» Bahati liest Daniels Tagebucheintrag vor:
Es ist ein nasskalter Herbsttag. Die Nächte hierzulande fallen derzeit knapp unter den Gefrierpunkt. Ach, wie schade, der lange Winter steht vor der Tür! Nebst der Kälte bringen die Wintermonate ebenfalls den Schnee mit sich. Ich erinnere mich an meine Kindheit. Kniehohe weisse Pracht lag eine lange Zeit über dem Flachland und überdeckte die Landschaft. Sie verwandelte kleine Hügel in Schneepisten, aus dem Pausenhof wurde eine Aussenturnhalle und aus dem Garten meiner Eltern ein Iglu-Hotel. Tagelang spielte ich mit meinem Bruder und unseren Kameraden und Kameradinnen im Schnee, was uns unzählige Glücksmomente bescherte, an welche ich mich bis heute noch gerne zurückerinnere. Heute, zwanzig Jahre später, liegt während der Winterzeit kaum noch Schnee im Flachland. Und falls der Schnee trotzdem noch Einzug hält, dann bleibt dieser keine zwei, drei Tage liegen und schmilzt einfach weg. Auch über der Baumgrenze sieht die Situation nicht anders aus. Die Skigebiete hoffen Jahr für Jahr auf das weisse Gold, und zwar in Mengen. Und wenn dieses für die rechtzeitige Eröffnung der Saison nicht ausreicht, wird, nach schöpferischer Manier des Menschen, selbst Hand angelegt. Dann nämlich laufen Schneekanonen auf Hochtouren oder es wird mit Pistenfahrzeugen aktives «Snow-Farming» betrieben. Beim «Snow-Farming» wird aufgehäufter und konservierter Schnee aus dem Vorjahr für den Pistenbau verwendet.
Zurück zu mir: Auch wenn kein Schnee gefallen ist, fühlen sich meine Füsse arschkalt an! Devin ist bereits am Arbeiten. Ich stehe seit fünf Minuten am Hauptbahnhof in Luzern und warte am Perron auf Bahati. Er wird uns heute besuchen, um einen Einblick in die Umbauarbeiten des Geländewagens, einen alten Toyota Land Cruiser Prado, zu erhalten.
Bahati legt das Tagebuch auf seinen Schoss: «Peter, dein Sohn Devin und sein Freund Daniel bauten also den Land Cruiser um, welcher dir und deiner Frau Beatrice gehört. Wie mir die beiden erzählt haben, ist der Wagen einer deiner Schätze. War es für dich nicht hart, mitanzusehen, wie in die blecherne Seitenverkleidung Löcher gebohrt oder einer der beiden Rücksitze ausgebaut wurde? Oder auch den Wagen in das 9000 Kilometer entfernte Kapstadt zu verschiffen und ihn für eine sehr lange Zeit nicht mehr zu sehen?»
Peter ergreift das Wort: «Ihr könnt mir Peti sagen.» Er blickt in die Runde: «Guten Abend allerseits. Ich bin beeindruckt, welch grosse Wellen das ganze Projekt Afrika geschlagen hat und ich bin euch allen dankbar heute Abend den Weg hierhin gefunden zu haben.» Peti schaut wieder zu Bahati, um die von ihm gestellten Fragen zu beantworten. «Unseren Land Cruiser kauften wir im Jahre 2002. Er ist unser dritter. Den ersten kauften wir vor 34 Jahren. Meine Frau Beatrice und ich plünderten dafür unser ganzes Erspartes, um wie Daniel und Devin nach Afrika aufzubrechen. In 13 Monaten fuhren wir von Kriens durch halb Afrika bis nach Kapstadt.
Der Land Cruiser, welchen wir heute besitzen, ist schon auf vielen Teilen der Welt gewesen: Norwegen, Italien, Marokko oder Tschechien, um einige zu nennen. Der Süden Afrikas ist nur ein weiterer Ort auf der Erde für mein reisendes Schätzchen.» Peti schmunzelt, fächert seine Finger auf und streicht sich mit der Hand durch die Haare: «Bezüglich den spartanischen Umbauarbeiten: Darüber war ich mir bewusst und ich denke, der Wagen war stets in guten Händen.» Peti blickt zu seinem Sohn Devin und gibt ihm ein Augenzwinkern. Er konkretisiert: «Die Anforderungen an den Geländewagen waren immens. So musste der Wagen mit unterschiedlicher Bodenbeschaffenheit, respektive unterschiedlichen Pisten, zurechtkommen: Steine, schlammige Untergründe, kleine Flüsse, Schotter und natürlich auch Sand. Nebst dicken Reifen mit gutem Profil war auch ein gutes Fahrwerk notwendig. Zudem musste der Geländewagen nicht nur für den Einsatz im Gelände vorbereitet, sondern auch komfortabel und multifunktional sein, denn der Wagen war für Monate das Zuhause für die beiden Jungs und stellte während dieser Zeit ihr ganzes Hab und Gut dar. Dies war auch der Grund, warum sie Tag und Nacht begeistert am Wagen herumschraubten.»
Bahati nickt wohlwissend und erzählt vom Besuch in einer alten Industriehalle, in welcher Daniel und Devin am Wagen herumschraubten: «Dies, Peti, war auch mein Eindruck, als ich sie bei den Umbauarbeiten besuchte. Sie waren voller Tatendrang. Wie ich euch vorhin aus dem Tagebuch vorgelesen habe, wartete Daniel am Hauptbahnhof, um mich abzuholen. Eine kurze Busfahrt später standen wir schliesslich vor einer riesigen Halle. Vor der Eingangstüre sagte mir Daniel, während er den Schlüssel drehte, ich solle schon Mal in die Halle gehen. Er werde nachkommen, sobald er einen Gehörschutz für mich gefunden hat, denn die Umbauarbeiten seien laut. Ich begab mich in die grosse Halle. Sie stand bis auf wenige Reststücke einer ehemaligen Schmuck-Fabrik leer. Ich war erfreut, dass ich meine dicke Winterjacke ausziehen konnte. Die Halle war angenehm warm, da in der Woche zuvor Heizungsinstallateure vor Ort waren und die Radiatoren aus dem Sommerschlaf geweckt hatten. Ich schaute mich in der sehr heruntergekommenen Halle um. Die ehemalige Fabrik war ganz schön gross gewesen. Unzählige alte, verstaubte Werkbänke, Ventilatoren an den Decken, farbige Markierungen auf dem Boden, riesige leerstehende, bis an die Decke ragende Regale aus Holz. Ich fragte mich, weshalb die Fabrik ihren Betrieb einstellte. Nun steht die Halle leer und wird, wer hätte das gedacht, Wohnbauten weichen. Für Wohnungen ist die Lage ideal. Die Parzelle liegt direkt an der Reuss und ist nur fünf Busminuten vom Stadtzentrum entfernt. Weder Verkehr noch sonstiger Lärm wird die Wohnqualität beeinflussen.
In der Halle stehend hörte ich aus einem kleinen Raum im hinteren Bereich der Halle ein Hämmern. Mit grossen Schritten lief ich an einem gebrauchten, blutverschmierten Präservativ vorbei und dem immer lauter werdenden Hämmern entgegen. Na, was ist denn hier los?›, unterbrach ich das aktive Geschehen. Devin legte seinen Hammer auf den Tisch, drehte sich zu mir um und blickte mich erstaunt an: Was machst du denn hier?› Nach was sieht es denn aus? Peti hat mich entsandt, um sicherzustellen, dass alles richtig von statten geht›, witzelte ich. Und dann schickt er jemanden wie dich?›, meinte Devin. Das sieht echt spektakulär aus! Mit dem Geländewagen mitten in der Halle, dem ganzen Werkzeug und all den Maschinen! Echt genial!›, beschrieb ich begeistert, was ich sah. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Devin fügte stolz an, dass die Halle richtig geil sei. Er unterrichtete gleich über der Halle an der ZKS, einer Privatschule. Die Schule hatte den Grossteil des Gebäudes, einschliesslich der Halle, vorübergehend gemietet, weil die Schule im Stadtzentrum zu dieser Zeit kernsaniert wurde. Daniel und er hatten in der Halle mehr als genügend Platz den Wagen umzubauen. Devin fragte mich, wie ich in die Halle gekommen bin. Ich klärte ihn auf, dass mich Daniel eingeladen habe, ihnen an diesem Tag beim Umbauen etwas über die Schultern zu schauen und war verwundert, dass Devin nichts davon gewusst hatte. Daniel öffnete mir die Tür zur Halle und begab sich auf die Suche nach einem Gehörschutz für mich, klärte ich Devin weiter auf. Ich hörte dein Hämmern. Ich war neugierig und folgte dem Lärm›, erklärte ich, als Daniel mit einem aufgesetzten Pamir den Raum betrat: Jaja, gib es zu, Bahati, du bist der Seemann, der hier nachts heimlich einbricht und ins Rote Meer sticht! Nein Spass! Devin, ich habe Bahati eingeladen, damit er uns heute beim Umbau etwas über die Schultern schauen kann.› Daniel nahm den Gehörschutz von seinem Kopf und übergab ihn mir: Ich habe ihn nach langem Suchen in meinem Kombi gefunden.< Ohne ihn aufzusetzen, forderte ich die beiden auf, über die Umbauarbeiten zu berichten und zeigte auf das Fahrzeug. Dem Imperativ folgend, erklärten sie mir, ohne ein einziges Mal nach Luft zu schnappen, alles über den Land Cruiser und dessen Umbau. Und wie geil› alle Modifikationen seien. Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Daniel und Devin sind das beste Beispiel dafür. Ich sah es den beiden an, dass sie es genossen haben, zu zweit am Geländewagen herumzuschrauben und diesen nach ihren Vorstellungen umzubauen. Während sie an diesem Samstagnachmittag weiter hämmerten, sägten, schliffen und schraubten, sah ich mich etwas in der Halle um. Daniels anthrazitfarbener Kombi stand mit offenen Türen mitten in der Halle. Er hatte die Türen offengelassen, womöglich auf der Suche nach dem Gehörschutz für mich. Ich ging auf den Wagen zu, um die Türen zu schliessen, sodass das Innenlicht ausging und sich die Autobatterie nicht entlud. Dies sei in Afrika zu vermeiden, dachte ich mir. Nachdem ich die Fahrertür und die Heckklappe geschlossen hatte, war ich gerade dabei, die Beifahrertür zu schliessen, da sah ich ein Notizbuch mit der Aufschrift Eine Reise nach Tansania› auf dem Sitz liegen. Das Buch faszinierte mich. Nur zu gern wollte ich kurz einen Blick ins Buch werfen. Wie ein Seemann, der vom Gesang einer Sirene (Mischwesen zwischen einem Vogel und einem weiblichen Menschen) angelockt wird, um von ihr schliesslich getötet zu werden oder wie ein Wels, der durch ein auf die Wasseroberfläche geschlagenes Wallerholz angelockt wird, damit der Angler den Wels fangen kann, verfiel ich dem Reiz, das Buch in die Hand zu nehmen und die erste Seite zu öffnen. HA! Jetzt schleicht der Seemann auch schon am helllichten Tag umher!›, lärmte Daniel hinter meinem Rücken hervor. Erschrocken drehte ich mich um: Ohh... ehh... ja...›, und versuchte zu erklären, dass ich gerade dabei war, die Autotür zu schliessen, als ich das Buch auf dem Sitz entdeckt hatte. Ich fragte Daniel, um was für ein Buch es sich handelte. Er legte seine Hand auf das Cover und sagte, dass dies ein Geheimnis sei. Wenn die Zeit reif sei, werde ich Einblick erhalten, versicherte er mir und schloss, nachdem ich das Buch zurück in den Wagen gelegt hatte, die Beifahrertür. Er setzte seine Schutzbrille wieder auf und verschwand im Nebenraum. Ich holte tief Luft und blies sie langsam mit aufgepusteten Backen durch die Lippen heraus. Ich setzte mich auf einen alten, blauen, ganz verstaubten Bürostuhl und malte mir aus, um welch ein Buch es sich handeln könnte und was darin stand.»
Bahati nimmt das Tagebuch auf seinem Schoss wieder zur Hand: «Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es sich um Daniels Tagebuch handelte.» Bahati streicht mit seiner Hand über das Cover und folgt mit seinem Finger dem Schriftzug «Eine Reise nach Tansania» nach. «Ich möchte euch nun den allerersten Tagebucheintrag vorlesen, in welchem Daniel beschreibt, weshalb er begonnen hat, alles im Tagebuch festzuhalten.» Bahati zeigt auf seinen Becher mit Erdnüssen: «Möchte jemand noch?» Eine Handvoll Gäste erheben ihre Hände. Devin geht bei allen vorbei und füllt ihre Plastikbecher mit Nüssen auf.
Noch während Devin umhergeht, öffnet Bahati das Tagebuch und beginnt vorzulesen:
Nichts weiter als weisses Papier, eingefasst in dickem Karton. Fühlt sich an wie ein Buch. Bücher, wie ätzend. Genau das dachte ich früher über Bücher. Allgemein war Lesen und Schreiben für mich alles andere als aufregend. Als kleiner Junge machte ich lieber «Bubenzeugs» und überliess das Schreiben und Lesen den Mädchen. Lieber ging ich auf den roten Hartplatz, um Fussball zu spielen, angelte mit meinen Freunden stundenlang mit Tauwurm und Haken ohne einen einzigen Biss oder fuhr mit meinem Fahrrad von Haustür zu Haustür und fragte die Eltern meiner Freunde, wo sich diese aufhielten. Die Antwort war dann meist, dass diese vor einer halben Stunde mit ihren Fahrrädern davon gefahren sind. Der absolute Albtraum. Wie zur Hölle konnte ich meine Freunde an diesem Mittwochnachmittag ausfindig machen? Mobiltelefone, das kannten wir früher nicht. Schliesslich habe ich mich im ganzen Dorf auf die Suche nach meinen Freunden gemacht. Eine Alternative war, bevor ich mich überhaupt auf den Weg zum Haus meiner Freunde machte, die Festnetznummer zu wählen und die Eltern am anderen Ende der Leitung zu fragen, ob
