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Die Texte sind vereinzelt entstandene Auseinandersetzungen mit den Bildzyklen der Hofheimer Malerin Ingrid Jureit aus den letzten zehn Jahren. Sie reflektieren die Umsetzung ihrer Erfahrungen und Empfindungen in ausdrucksstarke Bilder der menschlichen Gestalt.
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Seitenzahl: 72
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Schichtbilder aus dem emotionalen Gedächtnis
Innere Erlebniswelten in ausdrucksstarker Gebärdensprache
Moral und Kunst
Ausdrucksbilder des Sinnlosen
Der Maler leiht der Welt seinen Leib
Der Mensch: Metapher.
Novalis
Emotionen, die unser Gemüt bewegen, erregen gleichermaßen die Atmung wie den Herzschlag und führen unseren Körper zu Veränderungen in Körperhaltung, Gestik und Mimik. Ein emotionales Erlebnis muss daher als eine Einheit von seelischen und körperlichen Bewegungen aufgefasst werden, von der jedoch nur ein Teil, die körperliche Gestaltveränderung, äußerlich sichtbar ist. Dies besagt im Grunde schon die aristotelische Lehre von der Einheit der Seele und des Körpers: „Soll man also den gemeinsamen Begriff für jede Seele angeben, so ist sie die erste Verwirklichung eines mit Werkzeugen ausgestatteten Körpers” (1). Der bildenden Kunst ist die Möglichkeit gegeben, mit der Darstellung der figürlichen Gestalt symbolhaft auf innere Gefühlszustände zu verweisen und damit der Vergänglichkeit der Leiden und Leidenschaften des Menschen eine dauerhafte Form zu geben. So ist z.B. eine sitzende Figur, die Ellenbogen auf den Knien, den geneigten Kopf in einer Hand abgestützt, das Gestaltschema für einen Gemütszustand von nachdenklicher, schwermütiger Traurigkeit, von Melancholie. Von Walther von der Vogelweide, „Ich saz uf eime steine …,” über Dürers Melencolia, die vielen mittelalterlichen Andachtsfiguren von „Christus im Elend” bis zu Rodins Denker – es ist immer der vergleichbare Melancholiegestus (3).
In den Bildern von Ingrid Jureit sind Einzelfiguren, selten auch einmal zwei Figuren, in einer bestimmten körperlichen Haltung und Gestik dargestellt, die einer seelischen Gestimmtheit wie Trauer, Schmerz, Freude oder Lust entsprechen. Auf die Darstellung einer den Ausdruck begleitenden Mimik ist entweder ganz verzichtet oder sie ist nur sehr spärlich angedeutet. Die nackten Körperformen sind mit einfachen Grenzlinien umschrieben, die langsam und konzentriert gezogen sind. Die Linien, gewissermaßen die Haut des Körpers, versinnbildlichen die Doppelfunktion dieses Organs: zum einen Schutz und Abschirmung vor der Umwelt, zum anderen Aufnahmeorgan für Berührungen. Die Bedeutung dieser Berührungsempfindung wird in vielen Bildern durch Hände aufgezeigt, welche die Hautschutzlinie grob durchbrechen. Außer diesem linearen Gerüst der Figurenflächen findet sich keine weitere plastische Modellierung der Körperformen noch irgendeine andere differenzierte Gestaltung der Binnenflächen. Die Körperformen, Rumpf, Gliedmaßen, Kopf, sind nicht abbildhaft nach der Natur gestaltet, sondern erhalten ihre Flächenausdehnung im Bild aus dem inneren, geistigen Gehalt der zugrunde liegenden seelischen Stimmung.
Die gleiche nichtnaturalistische Behandlung findet sich bei der Farbe. Es gibt keine Lokalfarbe, keine farblich ausgefüllten Flächen, kein Inkarnat. Die Körper sind fleischlos. Farbe ist entweder großflächig, dünn, atmosphärisch über die Grenzen von Körperbinnenfläche und Außenfläche hinweg aufgetragen, oder sie erscheint kleinflächig, intensiver an nicht übermalten Freistellen aus den tieferen Schichten des Bildes.
In den Bildern fehlt weiterhin jede Andeutung von Vorder- und Hintergrund. Es gibt keine Raumstruktur, keine geometrische und keine Luftperspektive, alles ist konzentriert auf die geschilderte „Bedeutungsperspektive”. Durch diese Charakteristika – Vorrang der Linearität vor der Farbe, fehlende Raumstruktur, Bedeutungsperspektive – erinnern uns diese Bilder äußerlich an eine weit zurückliegende Malerei aus dem Mittelalter, an romanische Fresken oder an Holzschnitte und Zeichnungen der Gotik. Zu dieser Zeit war der geistige Gehalt, aus dem die Bilder von innen heraus gestaltet wurden, der tiefe religiöse Glaube.
Diese Gesamtheit der nicht-mimetischen Darstellung der Figuren in ihrer besonderen seelischen Stimmung gibt den Bildern von Ingrid Jureit einen eigenartigen poetischen Klang. Sie entsprechen den Gedanken von Novalis: „Poesie ist die Darstellung des Gemüts – der inneren Welt in ihrer Gesamtheit… Die Darstellung des Gemüts muß, wie die Darstellung der Natur, selbsttätig, eigentümlich allgemein, verknüpfend und schöpferisch sein. Nicht wie es ist, sondern wie sein könnte”(9). Diese poetische Ausstrahlung wird wesentlich getragen durch eine gewisse Unbestimmtheit in der Deutung der figürlichen Gestik in Bezug auf einen eindeutigen seelischen Zustand. Seelisch bestimmte Gesten folgen keinen festgefügten Schemata, sondern sie variieren in unendlich vielen Schattierungen von Gefühlstönen, und sie lassen für den Betrachter einen Freiraum, diese, z.B. auch aufgrund der eigenen Lebensgeschichte, seinen eigenen Empfindungen nach zu interpretieren. Dieser Offenheit kommt auch entgegen, dass es keine Einengung durch die Vorgabe eines Titels gibt. Nur selten einmal findet sich die Bezeichnung: „Selbst” oder „Tagebuchnotiz”, wodurch lediglich die autobiographische Aussage des Bildes bestätigt wird. Auf die Offenheit und Eigenständigkeit einer Gebärde an sich hat HansGeorg Gadamer hingewiesen: „In der Gebärde ist das, was sie ausdrückt, wie wir zu sagen pflegen, da. Gebärden sind etwas völlig Leibliches – und sie sind etwas völlig Seelisches. Da gibt es nicht ein Inneres, das sich von der Gebärde unterscheidet, sich in ihr verrät. Was die Gebärde als Gebärde sagt, ist ganz ihr eigenes Sein Jede Gebärde ist daher auf eine rätselhafte Weise zugleich verschlossen. So viel sie verrät, soviel behält sieals ihr Geheimnis. Denn es ist Sein von Sinn, das in der Gebärde aufleuchtet, und nicht Wissen von Sinn” (4).
Die Bilder von Ingrid Jureit entstehen aus der Erinnerung an persönliche emotionale Erlebnisse. Den Aufbewahrungsort dieser erfahrenen seelisch-körperlichen Befindlichkeiten nennen wir das Gedächtnis, und die Tätigkeit, das hier im Unbewussten Gelagerte wieder in die Präsenz des Bewusstseins zu heben, ist das Erinnern. Und wenn hier im Zusammenhang mit den Bildern von Gedächtnis gesprochen wird, so ist ausschließlich die Art von Gedächtnis gemeint, in dem zeitlich und örtlich genau lokalisierbare Ereignisse bewahrt werden. Es ist das Gedächtnis, mit dem wir lernen, uns in der Welt und den Menschen gegenüber zu verhalten. Dabei muss jedoch immer bedacht werden, dass vor der Aufnahme in dieses Gedächtnis eine nicht unerhebliche Bearbeitung der Sinneswahrnehmung mit subjektiver Auswahl und kreativer Neukonstruktion erfolgt. Das im Gedächtnis Abgelegte ist nur ein vages Abbild des objektiv Geschehenen. Daneben existiert noch eine zweite Art von Gedächtnis, die hier nicht interessiert und die völlig anders strukturiert ist. Diese Gedächtnisart befähigt uns, durch häufige Wiederholungen, Fakten, Sprachen, Grammatik, mathematische Regeln und komplizierte motorische Abläufe zu lernen.
Zu der Frage nach der Arbeitsweise des Gedächtnisses kann uns die rezente Neurowissenschaft bisher keine umfassende Theorie liefern. In Ermangelung einer solchen Metapher aus den Naturwissenschaften, denn jede theoretische Erklärung von Phänomenen in der Natur besteht auch nur in einer metaphorischen Beschreibung (7), können wir uns daher weiterhin an die schöne Metapher aus der griechischen Philosophie halten, die schon von Platon und Aristoteles für diesen Vorgang gewählt wurde: der Eindruck in einen Wachsblock. In der Schrift „Über Gedächtnis und Erinnerung” von Aristoteles (2) heißt es: „Man muß dieses Phänomen, das durch die Wahrnehmung in der Seele und in dem Teil des Körpers hervorgerufen wird, der die Seele in sich trägt, klarerweise als ein Bild verstehen: Unter Gedächtnis verstehe ich, daß man dieses Bild besitzt. Denn die mit der Wahrnehmung auftretende Bewegung lässt gleichsam einen Abdruck des Wahrnehmungsbildes zurück, wie wenn man mit einem Ring siegelt.”
Ist das emotionale Erlebnis einmal im Gedächtnis eingraviert, so gerät es früher oder später in Vergessenheit. Bei einem bestimmten Anstoß kann der Prozess der Erinnerung an das Vergessene in Gang gesetzt werden. Eric Voegelin schreibt dazu: „Das Vergessene kann jedoch nur erinnert werden, weil es (…) durch seine Anwesenheit in der Vergessenheit die existentielle Unruhe erregt, die zu seiner Hebung in den Modus des Wissens drängt – Erinnern ist die Tätigkeit des Bewußtseins, durch die das Vergessene, d.h. das im Bewußtsein latente Wissen aus der Unbewusstheit in eine spezifische Präsenz des Bewußtseins gehoben wird” (11).
Der aktive Prozess der Erinnerung beinhaltet zwei Aspekte: Zum einen ist es eine kognitive Tätigkeit, bei der das im Gedächtnis gelagerte Erlebnis mit einer gewissen Strategie eine Bearbeitung durch Vergleiche mit anderen Erlebnissen oder Vermutungen eine logische Abstimmung erfährt. Es ist ganz sicher nicht einfach der Kopiervorgang eines geistigen Bildes. Zum anderen hat dieser Erinnerungsvorgang eine zeitliche Dimension, wobei die Transformation des Vergessenen in das Bewusstsein in Stufen, in einzelnen Bearbeitungsschritten erfolgt. Beides ist in den Bildern von Ingrid Jureit durch den Aufbau in vielen Schichten deutlich sichtbar. Diese sind auf den Bildern als durchscheinende Unterschichten, durch freie, nicht übermalte Stellen in den oberen Schichten oder an den Rändern sichtbar und ein wichtiger Teil des Bildes. Sie geben dem Bild eine Tiefendimension und Substanz, beides im doppelten Sinn des Wortes. Die Schichten zeigen den stufenförmigen Prozess der Erinnerung, sie geben dem Bild eine Geschichte. Ingrid Jureit schildert diesen Erinnerungs-Malprozess folgendermaßen:
