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Julius von Voß

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Beschreibung

Julius von Voß' Werk INI ist ein klassischer Roman, der in der Zeit des 18. Jahrhunderts spielt und die Geschichte einer jungen Dame namens Ini erzählt, die sich in einem schicksalhaften Liebesdrama wiederfindet. Der Autor kombiniert geschickt Elemente des bürgerlichen Romans mit romantischen Motiven, wodurch das Werk zu einem bedeutenden Beitrag zur deutschen Literatur der Romantik wird. Die detaillierte Darstellung von Liebe, Leidenschaft und Schicksal macht das Buch zu einem fesselnden Leseerlebnis. Von Voß' eleganter Schreibstil und sein Gespür für emotionale Nuancen tragen dazu bei, dass das Werk auch heute noch relevant ist und Leser weltweit begeistert. Julius von Voß, selbst ein Anhänger der romantischen Bewegung, schöpft aus seinem eigenen Erfahrungsschatz und Perspektiven, um die Geschichte von Ini zum Leben zu erwecken. Die subtile Charakterentwicklung und die tiefgreifende emotionale Atmosphäre machen INI zu einem herausragenden Werk der deutschen Romantik-Literatur. Lesern, die sich für Liebesgeschichten mit tiefgreifender Bedeutung und historischem Kontext interessieren, wird dieses Buch wärmstens empfohlen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Julius von Voß

INI

Bereicherte Ausgabe. Erster deutschsprachiger Sci-Fi-Roman
Einführung, Studien und Kommentare von Teresa Winkler

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-2345-9

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
INI
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen der verheißungsvollen Idee einer durch Vernunft, Wissenschaft und effiziente Institutionen befriedeten Zukunft und der zugleich beunruhigenden Möglichkeit, dass eben diese Ordnung den Einzelnen reglementiert, entfaltet INI die zentrale Spannung, ob technischer Fortschritt letztlich Befreiung oder Bindung bedeutet, wie viel Steuerbarkeit eine Gesellschaft erträgt und ob das Glück der Vielen sich mit der Unabhängigkeit des Individuums vereinbaren lässt, wobei der Blick aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert eine kommende Welt imaginiert, deren Faszination mit einer skeptischen Prüfung der Machtverhältnisse, der moralischen Ansprüche und der Konsequenzen normierender Systeme untrennbar verschränkt erscheint, und Fragen offenhält.

Julius von Voß veröffentlichte INI im Jahr 1810; der Roman gilt als frühe deutsche Science-Fiction und als Zukunftsroman, der die kommende Zeit nicht als bloße Kulisse, sondern als Gegenstand systematischer Vorstellungskraft entwirft. Der Schauplatz ist eine zukünftige Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts, die in ihrer Organisation, ihren Gewohnheiten und technischen Mitteln deutlich vom zeitgenössischen Horizont abweicht. Im Publikationskontext zwischen Spätaufklärung und Frühromantik verbindet das Buch nüchterne Programmatik mit literarischer Erprobung. Es steht damit an einem frühen Punkt jener Tradition, die spätere utopische und dystopische Entwürfe vorbereitete, ohne sich selbst eindeutig einer dieser Schablonen zu unterwerfen.

Zu Beginn öffnet das Buch den Blick auf eine künftige Gesellschaftsordnung, deren Routinen, Verkehrswege, Einrichtungen und Sitten exemplarisch vorgeführt werden, sodass Leserinnen und Leser schrittweise verstehen, nach welchen Prinzipien diese Welt funktioniert. Eine erzählende Instanz führt durch Begebenheiten und Beobachtungen, legt dabei den Akzent weniger auf individuelle Schicksale als auf Strukturen und Funktionsweisen. Das Leseerlebnis ist dadurch geprägt von Neugier, staunendem Vergleich und prüfender Distanz. Stilistisch dominieren klare Beschreibungen, die gelegentlich in reflektierende Passagen übergehen; der Ton bleibt überwiegend sachlich, mit Momenten leiser Ironie, die die Selbstgewissheit der entworfenen Ordnung tastend befragt.

Die Prosa verbindet anschauliche Szenen mit erläuternden Übergängen, ohne sich in ausschweifenden Psychologisierungen zu verlieren. Stattdessen werden Institutionen, Abläufe und gesellschaftliche Ziele in beispielhaften Situationen vorgeführt, was der Darstellung einen halb dokumentarischen Charakter verleiht. Der Text arbeitet mit Wiederaufnahme und Variation, vertieft Motive des Fortschritts und der Regulierung und lässt die Argumentation aus dem Gezeigten heraus entstehen. In dieser Mischung aus Erzählung und Essay spiegelt sich eine aufklärerische Haltung, die ordnende Entwürfe bevorzugt und zugleich ihre Grenzen spürbar macht. Der Ton ist kontrolliert, die Bilder sind zweckmäßig, und die Sprache sucht Übersicht statt Rausch.

Zentrale Themen sind die Beziehung von Wissen und Herrschaft, die Definition des Gemeinwohls, die Rolle von Technik im Dienst gesellschaftlicher Zwecke sowie das Spannungsverhältnis von Sicherheit und Freiheit. Auch Bildung, Moral und die Form politischer Entscheidung erscheinen als Schlüsselfelder, auf denen Fortschritt bewiesen und zugleich problematisiert wird. Der Roman interessiert sich dafür, wie Systeme Menschen formen und wie Individuen innerhalb klarer Regeln handeln können, ohne ihre Eigenart aufzugeben. Dabei wird nicht mit Sensationen, sondern mit konsequenten Folgerungen gearbeitet: Was geschieht, wenn Planung gelingen soll, und welche Kosten entstehen, wenn Planbarkeit zum höchsten Maßstab erhoben wird?

Heutige Leserinnen und Leser entdecken in diesem Zukunftsroman Fragen wieder, die Technik- und Gesellschaftsdebatten bis heute strukturieren: Wie legitimiert sich Steuerung, wer definiert Ziele, und wie werden Nebenfolgen begrenzt? Die Spannung zwischen Effizienz und Teilhabe, zwischen Verlässlichkeit und Offenheit spricht unmittelbar in Diskurse über digitale Infrastrukturen, algorithmische Entscheidungen und die Steuerbarkeit komplexer Systeme hinein. Zugleich verdeutlicht der historische Abstand, wie stark Hoffnungen auf Rationalisierung mit normativen Entwürfen verknüpft sind. INI lädt dazu ein, den Preis scheinbar reibungsloser Ordnung zu bedenken und die Attraktivität solcher Entwürfe gegen die Pluralität gelebter Freiheit abzuwägen.

Als frühe Etappe der Utopie- und Zukunftsliteratur bietet INI einen besonderen doppelten Gewinn: Es dokumentiert die intellektuellen Energien seiner Entstehungszeit und eröffnet zugleich eine kritische Perspektive auf unsere Gegenwart. Wer den Roman liest, begegnet keiner reinen Prophezeiung, sondern einer literarischen Versuchsanordnung, die Bedingungen des Gelingens und Scheiterns von Ordnung untersucht. Manche Formulierungen tragen den Ton ihrer Epoche, doch die Leitfragen bleiben erstaunlich frisch. Empfehlenswert ist eine aufmerksame Lektüre, die sowohl die historische Argumentation als auch die impliziten Zweifel verfolgt und das Werk als Anstoß für heutige Urteilsbildung nutzt und Debatte.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Julius von Voß veröffentlichte 1810 den Zukunftsroman Ini, der seine Leserschaft in das Jahr 2020 versetzt. Das Werk gilt als frühe deutschsprachige Utopie und verbindet Beobachtungen seiner Gegenwart mit spekulativen Entwürfen einer künftigen Gesellschaft. Statt eine rein technische Schau zu bieten, rahmt der Roman Fortschritt als Frage sozialer Ordnung, Moral und Lebenspraxis. Die Erzählung verfolgt eine Abfolge von Begegnungen, Beschreibungen und Konflikten, an denen sich die Grundzüge der neuen Zeit spiegeln. Dadurch entsteht ein Panorama, in dem institutionelle Reformen, veränderte Sitten und neue Kommunikationsformen zugleich Verheißung und Prüfstein der Moderne erscheinen.

Zu Beginn führt der Roman in eine Welt, die dem historischen Leser vertraut und fremd zugleich erscheint: vertraut in ihren politischen Begriffen, fremd in ihren Routinen, Tempi und Möglichkeiten. Schrittweise werden Sitten, Bildungswege und öffentliche Einrichtungen vorgestellt, häufig in kontrastierender Rückblende zur Ausgangsepoche des Autors. Diese Methode lässt den Zukunftsblick als Spiegel der Zeit um 1800 funktionieren, ohne den erzählerischen Fluss zu unterbrechen. Die Handlung entwickelt sich aus Beobachtungen heraus: Wege werden zurückgelegt, Institutionen besichtigt, ein gesellschaftlicher Takt spürbar gemacht. So entsteht ein leiser Spannungsbogen zwischen Bewunderung und Skepsis, der die späteren Konflikte vorbereitet.

Zentral ist der Eindruck eines geordneten, technisch durchdrungenen Gemeinwesens. Verbesserte Verkehrsmittel und Kommunikationswege verkürzen Distanzen; Organisation, Hygiene und Vorsorge prägen Städte und Haushalte. Bildungsreformen zielen auf Nützlichkeit und Charakterbildung, während Wirtschaft und Verwaltung mit Rationalität und Effizienz beschrieben werden. Der Roman betont, wie Regulierung und Erfindungskraft den Alltag verändern, aber auch neue Abhängigkeiten schaffen. An vielen Details zeigt sich das Leitmotiv einer gelenkten Modernisierung: Fortschritt soll nicht als Selbstzweck gelten, sondern dem Wohl der Gemeinschaft dienen. Daraus erwächst die zentrale Frage, wie viel Individualität eine hoch koordinierte Ordnung zulässt, ohne ihre Versprechen preiszugeben.

Vor diesem Hintergrund rückt die Titelfigur Ini ins Zentrum persönlicher Bindungen und Bewährungsproben. Beziehungen, die Zuneigung, Loyalität und Pflichtgefühl umfassen, geben der Utopie emotionale Tiefe und stellen abstrakte Regeln auf die Probe. Die Erzählung nutzt diese private Perspektive, um den Preis sozialer Harmonie auszuloten: Wann stützt Nähe das Allgemeinwohl, wann widerspricht sie ihm? Zwischen öffentlicher Rolle und innerem Begehren entstehen Reibungen, die der Text nicht sensationalistisch, sondern exemplarisch entfaltet. Damit verbindet sich ein moralischer Lernprozess, in dem Charakterhaltungen wichtiger sind als spektakuläre Enthüllungen und der Maßstab für Glück, Freiheit und Gerechtigkeit immer wieder justiert wird.

Ein markanter Wendepunkt entsteht, als eine Störung die Selbstgewissheit der neuen Ordnung erschüttert. Ob als politischer Konflikt, als gesellschaftlicher Fehltritt oder als unerwartetes Ereignis – die Episode macht sichtbar, dass Planung und Technik nicht jede Kontingenz bannen. Die Figuren müssen handeln, ohne die Konsequenzen vollständig zu überblicken, und die Institutionen zeigen ihre Reaktionsfähigkeit ebenso wie ihre Grenzen. Der Roman verschiebt den Blick von der Beschreibung zur Erprobung: Verfahren werden aktiviert, Loyalitäten geprüft, Wege der Verständigung gesucht. Die Utopie wird damit nicht verworfen, sondern realistisch verschattet, was die folgenden Entscheidungen dringlicher und bedeutsamer erscheinen lässt.

Die weitere Entwicklung spannt einen Bogen aus Reisen, Gesprächen und Entscheidungen, in denen die Leitideen auf ihre Tragfähigkeit getestet werden. Sicherheit steht gegen Beweglichkeit, Ordnung gegen Einfallsreichtum, Gemeinsinn gegen Selbstbehauptung. Immer wieder stellt der Text die Frage, wie Regeln sich auslegen lassen, ohne ihre Legitimität zu verlieren, und wie Innovation Verantwortung erzeugt. Die Konflikte bleiben anschaulich und bleiben zugleich Modellfälle, die über das Einzelne hinausweisen. Indem die Handlung Konsequenzen andeutet, aber nicht ausbuchstabiert, hält sie die Spannung aufrecht und lenkt den Blick auf die Prinzipien, die das Gemeinwesen zusammenhalten oder aus dem Gleichgewicht bringen könnten.

Am Ende hinterlässt Ini weniger eine finale Botschaft als eine Haltung: Fortschritt erscheint als gestaltbare, aber nie abgeschlossene Aufgabe. Der Roman macht die Hoffnungen und Befürchtungen seiner Entstehungszeit sichtbar und nutzt den weiten Zeithorizont, um Möglichkeiten und Grenzen zu vermessen. So wirkt er als frühes Zeugnis deutschsprachiger Zukunftsliteratur fort und regt an, Gegenwart mit dem Maß des Möglichen zu messen. Seine nachhaltige Wirkung liegt in der nüchternen Einsicht, dass Technik, Moral und Politik nur im Zusammenspiel tragen – und dass jedes Ideal an Menschen gebunden bleibt, die es verstehen, verteidigen und im Zweifel auch korrigieren müssen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Zu Beginn der 1810er Jahre entstand Julius von Voß’ Zukunftsroman in einem Berlin, das unter französischer Hegemonie und zugleich tiefgreifenden preußischen Reformen stand. Die 1810 gegründete Universität zu Berlin etablierte neue Maßstäbe für Forschung und Lehre, während die Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften naturwissenschaftliche Debatten bündelte. Literarische Salons, etwa jener Rahel Varnhagens, und ein dichtes Netz von Leihbibliotheken förderten eine gebildete Öffentlichkeit. Berliner Verlage und Zeitschriften verbreiteten schnell neue Ideen. In dieser urbanen Wissens- und Publikationslandschaft, geprägt von Staat, Universität und Akademie, gewann die Vorstellung planbarer gesellschaftlicher Entwicklung an Plausibilität, die ein Roman mit Zukunftsblick literarisch erproben konnte.

Die Niederlage Preußens 1806 bei Jena und Auerstedt und der Frieden von Tilsit 1807 lösten einen umfassenden Reformprozess aus. Das Oktoberedikt von 1807 leitete die Aufhebung der Erbuntertänigkeit ein, die Städteordnung von 1808 stärkte kommunale Selbstverwaltung, und Verwaltungs- wie Finanzreformen unter Karl vom und zum Stein und Karl August von Hardenberg rationalisierten den Staat. Militärreformer wie Gerhard von Scharnhorst modernisierten Heer und Wehrpflicht. Diese Maßnahmen zielten auf Leistungsprinzip, Bildung und effiziente Organisation. Der Impuls, Gesellschaft durch vernünftige Regeln umzugestalten, prägte die politische Imagination der Zeit und schuf einen Resonanzraum für fiktionale Entwürfe künftiger Ordnungen.

Naturwissenschaft und Technik lieferten um 1800 sichtbare Fortschrittszeichen, die Zukunftserwartungen strukturierten. Seit den Ballonaufstiegen der 1780er Jahre erprobte Europa Luftfahrt als öffentliches Spektakel. Robert Fulton demonstrierte 1807 mit der Clermont die praktische Dampfschifffahrt; Batterien nach Alessandro Volta (1800) ermöglichten neue Experimente in Chemie und Physik; Humphry Davy erzielte prominente Resultate in Elektrochemie. Die optische Telegraphie verband seit den 1790er Jahren französische Städte. Frühversuche mit Unterwasserfahrzeugen existierten. Solche Innovationen nährten die Vorstellung schneller Kommunikation, mechanisierter Mobilität und technischer Beherrschbarkeit der Umwelt – Themen, die ein Zukunftsroman als gesellschaftliche Triebkräfte bündeln konnte.

Literarisch stand das Werk an einer Schnittstelle von Spätaufklärung und Romantik. Utopische und zukunftsgerichtete Texte hatten Vorläufer in Thomas Mores Utopia, Francis Bacons Neu-Atlantis und besonders in Louis-Sébastien Merciers L’An 2440, das im deutschsprachigen Raum rezipiert wurde. Beliebt waren auch didaktische und satirische Romane, die Staats- und Gesellschaftsmodelle erprobten. Diese Tradition lieferte Verfahren, um Institutionen und Sitten unter veränderten Bedingungen zu prüfen. Julius von Voß knüpfte daran an, indem er den Blick nicht in eine ferne Insel, sondern ausdrücklich in eine zukünftige Zeit verlegte, um bekannte Themen in neuer Perspektive zu beleuchten.

Reform und Bildungsprogramm verliehen Wissen eine zentrale Rolle in der Staatsentwicklung. Wilhelm von Humboldt formulierte das Ideal der Einheit von Forschung und Lehre; Gymnasial- und Universitätsreformen strukturierten Curricula neu und stärkten klassische Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften. Parallel professionalisierten sich Verwaltung und Statistik, die als Wissensinstrumente für Regierung galten. Ökonomische Debatten griffen seit dem späten 18. Jahrhundert Ideen von Adam Smith auf; bevölkerungspolitische Fragen wurden durch Thomas Robert Malthus’ Essay on Population diskutiert. Ein Roman, der eine kommende Epoche entwirft, konnte daher Bildung, Wissenschaft und administrative Rationalität als Achsen gesellschaftlicher Ordnung selbstverständlich voraussetzen.

Die Lebenswelt der Zeit bot zahlreiche Anknüpfungspunkte für Visionen beschleunigter Infrastruktur. Berlin wuchs als Verwaltungs- und Gewerbezentrum; Manufakturen, Druckereien und Handwerk prägten die Stadt. Ein weit verzweigtes Postwesen verband preußische und deutsche Regionen; Chausséen verbesserten den Landverkehr, während Flüsse und Kanäle den Gütertransport stützten. Gleichzeitig verblieben Reisen und Nachrichtenübermittlung noch vergleichsweise langsam und wetterabhängig. Genau dieser Kontrast zwischen spürbaren Verbesserungen und anhaltenden Begrenzungen machte Projektionen von schneller Mobilität, planmäßigem Bauwesen und verlässlicher Kommunikation plausibel und attraktiv – Stoff, aus dem fiktionale Entwürfe eines rational organisierten, technisch gestützten Alltags schöpfen konnten.

Ini verlegt die Handlung explizit in das einundzwanzigste Jahrhundert und nutzt diese Ferndistanz, um Tendenzen der eigenen Gegenwart zu extrapolieren. Ohne einzelne Wendungen zu verraten, stehen dort eine gesteigerte Rolle von Wissenschaft, geordnete Verwaltung, Bildungsanspruch und technische Erleichterungen des Lebens exemplarisch für erhoffte Modernisierung. Der Frieden als politisches Ziel nach den napoleonischen Kriegen, die Idee einer vernünftigen Gesetzgebung und die Kritik an Verschwendung oder Ineffizienz spiegeln zeitgenössische Diskussionen. Die Zukunft wird zum Labor, in dem Reformgedanken auf ihre gesellschaftliche Tragweite geprüft werden, wobei Fortschritt als Mittel zur moralischen und materiellen Verbesserung verstanden wird.

Im historischen Rückblick gilt der Roman als früher deutschsprachiger Zukunftsentwurf und wird in der Forschung als Vorläufer moderner Science-Fiction- und Utopietraditionen diskutiert. Er kommentiert die Epoche, aus der er hervorging, indem er Reformoptimismus, Wissensvertrauen und Verwaltungsrationalität literarisch bündelt und zur Debatte stellt. Als zeitgenössisches Unterhaltungs- und Ideenmedium macht er sichtbar, wie stark Sehnsucht nach Ordnung, Frieden und technischer Verbesserung um 1810/11 geworden waren. So fungiert das Buch weniger als Prophezeiung denn als Diagnose seiner Gegenwart: ein Kommentar zu den Hoffnungen und Spannungen des preußisch-deutschen Übergangs in die Moderne.

INI

Hauptinhaltsverzeichnis
Vorrede.
Erklärung der Kupfer.
Erstes Büchlein. Die Trennung.
Zweites Büchlein. Die Reise.
Drittes Büchlein. Guido im Heere.
Viertes Büchlein. Reise außer Europa.
Fünftes Büchlein. Guidos Einsamkeit.
Sechstes Büchlein. Schluß.

Vorrede.

Inhaltsverzeichnis

Jean Paul sagt: „Friede mit der Zeit! sollte man öfter in sich hineinrufen. Wie uns ein quälender Tag nicht in den Hoffnungen unsers Lebens irret, so sollte uns ein leidendes Jahrhundert nicht die entziehen, womit wir uns die weite Zukunft malen.“ Wenn nun aber die Zeit gar unfriedlich ist, sollte da nicht ein Blick in die Zukunft das bedrängte, oft zagende Herz trösten, beleben, erheitern? Und eine bessere Zukunft naht so gewiß, als die Vergangenheit von der Gegenwart übertroffen wird. Wenigstens gilt die Behauptung, insofern wir, von der immer mehr entwickelten Kultur, das Heil der Sterblichen erwarten. Was wir aber noch nicht sehen können, träumen, ist ja wohl poetisch und religiös. Und

Sind’s gleich nur Welten aus Ideen,

So baut man sie so herrlich als man will.

Der Verfasser.

Erklärung der Kupfer.

Inhaltsverzeichnis

Das Titelkupfer stellt eine von Wallfischen gezogene Reiseinsel dar, wovon Seite 294 die nähere Beschreibung.

Bei der Vignette, eine Luftpost abbildend, wäre ein Ball von größerem Umfang zu wünschen. Jedoch tragen die Adler, übrigens etwas zu groß, ein wenig mit.

Der Verfasser merkt an, daß, ob er schon die Adler wählte, ihm deshalb Zambeccaris Theorie nicht unbekannt war. — Auch noch, wie ihm diejenige philosophische Kompensazion, nach welcher die Möglichkeit höherer Wohlfahrt der Erdensöhne, billig in Zweifel gezogen wird, so wenig fremd ist, daß er sich vielmehr ihr zugethan erklärt.

Erstes Büchlein. Die Trennung.

Inhaltsverzeichnis

Ich Unglücklicher soll dich meiden, rief Guido wehmüthig.

Wozu die Klage, entgegnete Ini. Mögen dich rüstige Adler zum Pol tragen, magst du dich in die Tiefen des Ozeans senken, mein Bild bleibt dir nahe. Frei durchfliegt der Gedanke des Liebenden die Ferne, und die Region der Phantasie ist eine wirkliche[1q]. Auch wäre daheim dein Ziel nicht zu umarmen. Das Anschaun der Welt, die Uebung der Kraft in Thaten, müssen jene Bildung der Schönheit vollenden, deren Lohn meine Gegenliebe sein wird. Darum scheide männlich!

Guido war ein Jüngling von etwa zwanzig Jahren. Seine Herkunft blieb ihm noch immer geheim. Die Sage machte ihn zum Fündling[1], und als solchen, wollten die Gesetze, daß die Landespflege ihn erziehen ließ. Früh hatte man ihn in das große Knabenhaus gebracht, das am Meerstrande unweit Palermo angelegt war, und wo die sinnigen Vorsteher, bis zum zwölften Jahre, für die Entwicklung des Körpers durch Laufen, Ringen, Schwimmen und für die Stärkung des Denkvermögens durch Gimnastik des Kalküls Sorge trugen. In vergangenen Jahrhunderten würde auch der tiefsinnigste Geometer nicht geahnt haben, was im Felde der Rechnung junge Knaben hier schon vermogten. Allein es war überhaupt so weit damit gekommen, (zudem die mechanischen und optischen Handwerke so leicht durch Maschinen, so einfach durch neue Entdeckungen, so allgemein bekannt durch Schulen), daß Hirten, welche die Sternkunde gleich ihren Altvätern wieder trieben, sich bei Tage Teleskope fertigten, zur Nacht den Himmel beobachteten, und die Finsternisse der vielen neugewahrten Planeten und ihrer Trabanten ausmittelten.

Von da ward Guido dem treuen Gelino übergeben, dessen Villa nicht weit von dem großen Lustgarten, der den Aetna[2] einschließt, lag. Dieser Mann hatte, ehe er sich nach dem Wohnplatz der Ruhe zurückgezogen, am Hofe zu Rom ein Amt bekleidet und umfaßte die Kunst zarte Jünglinge auf die Bahnen der Tugend zu leiten, mit Liebe.

Der Kaiser, gewohnt, wenn ihn nicht wichtigere Dinge abhielten, den lieblichen Februar auf Sizilien zu verleben, hatte den jungen Guido gesehn — wie es schien — Behagen an dem Knaben gefunden und ihm Fürsorge zugesagt. Ehrender Antrieb für ihn.

Doch möchte es vielleicht nicht gelungen sein, die mit Guidos flammender Lebenskraft verbundenen wilden Neigungen zeitig zu entwaffnen, wenn nicht folgender Umstand hinzugetreten wäre.

Neben Gelino wohnte seit einiger Zeit die edle Athania, Wittwe des afrikanischen Helden Medon. Sie hatte nach des Gatten Tode ihren Sitz auf dem lieblichen Eilande genommen und eine Pflegetochter mitgebracht, über deren Geburt auch viele Dunkelheit lag.

Guido sah das Mädchen in seinem siebzehnten Jahre. Ini zählte kaum vierzehn, doch prangte ihre Schönheit in üppiger Fülle, ihr Verstand entzückte.

Im ein und zwanzigsten Jahrhundert hatte man die Erziehungskunde einer Arithmetik unterworfen, die schon lange genaue Anzeigen ergab und sich immer mehr erweitete. Streben und Erfahrung hatten die Linie gefunden, bis an welche die Natur Freiheit zu reinen Ausbildungen der Formen bedingt, und wieder das Maas von Gegenwirkungen entdeckt, mit welchem ihr am glücklichsten zu begegnen ist. Da nun zugleich die Chemie der höheren Arzneikunst, diejenigen Krankheiten nach und nach in ihren Stoffen vertilgt hatte, welche sonst das Geschlecht entstellten, da die edlere Verfassung, jene Eigensucht, mit ihren leidenschaftlichen Ausgeburten, Neid, Haß, niedrige Sinnlichkeit, meistens entfernte, so konnte sie auch nicht mehr, wie Ehedem Antlitz und Haltung verunbilden. So mußte von Geschlecht zu Geschlecht die menschliche Schönheit sich lieblicher entfalten, und jene harmonischen Gestalten, welche einst Bildner in Athen aussannen, erblickte die Wirklichkeit da lange schon lebend, wo die Kultur waltete. Ja, jene Statuen wurden bereits auf eine nie zuvor geahnte Weise übertroffen, denn eine ganz neue Ideenmasse hatten die Menschen in sich aufgenommen, welche der Schönheit einen neuen irdisch-göttlichen Ausdruck zulegte. Wie würden die Phidias und Raphael gestaunt haben, wäre ihnen vergönnt gewesen, aus dem Todtenlande wiederzukehren, und die Formen dieses Zeitalters zu betrachten.

Die Schädelkunde[3], am Ende des achtzehnten Jahrhunderts entdeckt, sparsam im neunzehnten vervollkommnet, doch im zwanzigsten und ein und zwanzigsten zur tiefen Wissenschaft erhoben, leistete auch zur allgemeinen Veredlung bedeutende Hülfe, wie wir in der Folge zeigen wollen.

Guido sah die junge Ini kaum, als er ahnte, von den Strahlen dieser Schönheit werde ein neuer Frühling in seinem Gemüthe aufblühen. Süße Betäubung, schmachtende Unruhe, stellten sich als Vorboten der Liebe ein, holde Träume umgaben ihn wachend.

Guido war im siebzehnten Jahre so stark und gewandt, daß er manches Raubthier mit unbewaffneten Händen würde überwunden haben. Er sprang in die See, wenn ein Orkan ihre Wogen erhob, und kämpfte dann lächelnd mit der empörten Flut. Er konnte im Laufen das fliehende Reh ereilen und den Gemsen des Hochgebirgs nachklimmen. Dabei war er ein fleißiger Mathematiker, hatte eine Karte von dem Meergrunde zwischen Sizilien und Kalabrien gefertigt, die Beifall fand. Kriegerische Künste beschäftigten seine Einbildungskraft, und mit Chemie vertraut, gab er die Konstrukzion einer dichten Gewitterwolke an, die ein künstlicher Wind über ein feindliches Heer treiben, wo sie in so viel Blitzen niederwärts sich entladen sollte, als das Heer Köpfe zähle. Anmaaßend, wie es unerfahrner Jugend wohl eigen ist, hatte er, ohne seines Lehrers Darumwissen, den Entwurf nach Rom gesandt und dem Strategion zur Prüfung übergeben. Die Männer aber, welche diesen Rath bildeten, lachten allgemein, indem sie einwandten, die Gegner dürften sich ja nur sämtlich mit Ableitern versehn und der Wolke spotten. Doch setzten sie hinzu: der Jüngling möge nicht ohne gute Anlage sein, und ihm gebühre einige Aufmunterung.

Manches andere Wissen dagegen war unserm Guido noch fremd. Besonders konnte er sich immer nicht an die Geschichte ketten, weil ihm gar zu winzig und unbedeutend schien, was die vergangenen Jahrhunderte vollbracht hatten.

Nachdem er lange in sich verschlossen gewesen war, eilte er an einem schönen Sommerabend zu Ini. Sie hatte den kleinen Marmorsaal in ihrem Hause zum Aufenthalt während der Tageshitze bestimmt. Hier strömte ein Springbrunnen geläutert Quellwasser, der andere gepreßten Orangensaft, der dritte Zuckeressenz aus mancherlei Wurzeln des Gartens gezogen. Einen niedlichen Goldbecher mit Sorbeth, aus den Flüssigkeiten gemengt, in der Hand, stieg nun Ini auf das platte Marmordach, wo aus Vasen Blumen dufteten und ihr Webestuhl sich befand. Sie malte fertig und bei der kunstvollen Einrichtung des Stuhles ahmte sie ihre Malereien in Seidenarbeit nach. Wo blieben die Gobelintapeten, lange zuvor berühmt, neben diesen Geweben!

Guido kam ihr nach auf die Zinne. Mädchen, rief er, seit ich dich sah, bin ich erkrankt und genesen, die Lüge wird mir Wahrheit, die Wahrheit Lüge, immer drängt es mich, dich zu sehn wie das Sehenswerteste, und ich fliehe dich wie das Furchtbarste. Ich bin in des Aetna Tiefe gestiegen, doch die Flammen deines Auges trag ich nicht. Deute mir das, hohe Schönheit!

Das Mädchen zog dunkle Falten der Stirne, die aber ihr frohes Auge Lügen strafte. Mit verstelltem Unwillen entgegnete sie: ich glaube, du willst mir gar mit Liebe nahn!

Guido rief: ich bin mir keinen Willen bewußt. Dem Zuge deiner Schönheit folge ich unterwürfig.

Ini sann einen Augenblick mit hochgerötheter Wange nach. Dann sagte sie lächelnd: den Worten soll ich Liebe glauben? Beweise sie durch die That und ich will mich fragen, ob ich sie hören darf.

Entzückt von dem holden Strahl einer aus weiten Fernen schimmernden Hoffnung, flehte Guido mit Ungestüm, ihm die That zu nennen, wodurch er seine Liebe zu bewähren hätte?

Tritt näher, sagte Ini, nimm Platz, dort auf den Sessel von Elfenbein, daß ich dein Haupt von der Seite erblicke.

Guido gehorsamte still.

Ini zog ein ander Seidenzeug auf ihren kunstreichen Webestuhl, und in wenigen Minuten hatte sie Guidos Abbild darin gewirkt. Hier, rief sie, des sichtbaren Guido Umriß, wie er zeugt von dem unsichtbaren, die Urkunde seines geheimen Lebens, der Tag seiner innen waltenden Nacht.

Guido blickte hin. Die höchste Wahrheit hatte die Bildnerin getroffen. O webe mir dein Bild, flehte er wehmüthig, mit Entzücken will ich es von hinnen tragen.

Das steht weit hinaus, erwiederte sie. Doch will ich nun ein zweites Gewebe fertigen.

Sie ging wieder an die Arbeit, während der Jüngling sich mit trunknen Blicken an der hohen Gestalt weidete, und bisweilen ärgerlich auf sein Konterfei sah. Denn es wollte ihm nicht gefallen, ob er schon nicht wußte, warum.

Nach einer Viertelstunde hatte Ini geendet. Sie zeigte ihm ein neues Seitenbild, das Guido in den Zustand der höchsten Verwunderung brachte. Er sah seine Grundzüge wieder, aber in einer bezaubernd schönen Idealität. Höher strebte des Schädels Mitte empor, regelmäßig wölbte sich das Hinterhaupt, weit drang die reine Wellenlinie der Stirn hervor, eine unbeschreibliche Veredlung wohnte in dem ganzen Profil, liebliche Anmuth um den Mund, in dem klarer, tiefer, strahlender gewordenen Auge, redete der volle, Ehrfurcht gebietende Ausdruck jugendlicher Weisheit, der in früheren Zeiten nicht lebend anzutreffen war, den auch die Künstler, welche einst den Apollon vom Belvedere oder den Antinous fertigten, noch nicht dargestellt hatten. Indessen konnte ihn die Entwicklung der Menschheit erst spät hervorbringen.

Guido blickte bald verlegen auf das Kunstwerk, bald auf die hochsinnige Meisterin. Ich sehe mich hier in ein Gedicht verklärt, hub er an, was willst du mir deuten?

Kein Gedicht, entgegnete das Mädchen, erreichbare Wahrheit. Du hast mir süßen Schmerz der Liebe geklagt. Gestalte dich nach diesem Bilde um, ich gebe dir zwei bis drei Jahre Zeit, hast du dann diese Schönheit dir anerzogen, soll meine Gegenliebe dein Lohn sein.

Wie soll ich das anfangen! rief der Befremdete. Bin ich Herr über meine Gestalt?

Du bist es.

Bin ich ein Schöpfer?

Wenn dein Lieben wahr ist! Ich sage dir nichts mehr. Dem Geist deiner Liebe hast du das Geheimniß zu entwinden. Doch nicht allein sollst du umwandeln. Ich werde mir auch ein Ideal meiner Gestalt entwerfen.

Eitles Mühn! wie könnte deine Phantasie einen schöneren Traum erschaffen als die Wirklichkeit!

Schmeichelei, oder, wenn es dir so scheint, Unvollkommenheit in deinem Urtheil. Es wird sich stärken, dein Tadel erwachen, und das Streben, mich vor dem Tadel zu retten, mir wohlthun. Der Augenblick wo einem Mädchen zum Erstenmale Liebe bekannt wird, giebt neue Aussichten in die Welt höherer Anmuth. Nach einem Jahre sollst du mein Ideal sehen. Ehe nicht. Bis dahin begnüge dich auch, an mich zu denken.

Wie, ich soll dich in dem langen Zeitraume nicht erblicken?

„Die erste Prüfung! Auch eine nothwendig ungestörte Frist!“

Unbegreifliche! — Und dennoch erwacht mir die Hoffnung, ich werde den hohen Sinn deiner Worte faßen lernen.

„Frage den Geist der Liebe, sein Orakel tönt in deiner Brust. Und nun nichts weiter. Lebe wohl!“

Ehrerbietig entfernte sich Guido, irrte umher in den lieblichen Thalen, bis Nachtviolen die Orangenblüthe überdufteten und der Vollmondschein durch die Oelbäume und Mandelsträuche des blumigen Hügels winkte.

Wie auch der Sturm heiliger Empfindungen in ihm wogte, immer ward die Frage laut.

Und der Liebe Geist antwortete ihm leise: So du der Seele Schönheit pflegst, wird sie sich in der Gestalt verkünden[2q].

Guido kniete nieder vor der Gottheit in seiner eigenen Brust und flehte innig um Lehre.

Wer so innig fleht, wird erhört. Aus dunkeln Nachtgewölken enthüllte sich mit jedem Tage die Misterie reiner, bis die Pfade ihm von tausend Morgensternen erhellt schienen.

Er machte sich mit den Schriften neuer gerühmter Weisen bekannt. Im ein und zwanzigsten Jahrhundert gab es Wenige, die es zu dem Namen bringen konnten, denn die Weisheit galt keine Seltenheit mehr. Auch sahe man nur wenige Bücher, in der allgemeinen Sprache von Europa, vor hundert Jahren eingeführt, als man hier endlich die Thorheit beseitigte, ein und dasselbe Ding auf so verschiedene Arten zu nennen, und dem, der bedeutendes Wissen umfangen will, das halbe Leben im Studium der Mundarten abzufordern. Es gab dagegen unermeßliche Büchersammlungen in den alten Sprachen, aber sie galten meistens Denkmäler vorzeitlicher Irrthümer. Die wenigen, welche in den Tagen höher gediehener Bildung noch den Namen Weisen errangen, waren Männer, die mit rüstiger Kraft, aus den Schätzen der Vergangenheit, das Beste, das Allgemeingültige sonderten, was sich denn auf wenige Blätter bringen ließ, nun aber auch die Mitwelt desto leichter in Stand setzte, die Höhe des vorhandenen Wissens schnell zu erfliegen und mit starken Schritten weiter zu dringen.

Auch die Geschichte des Menschengeschlechts hatten tiefe Forscher so bearbeitet, daß die Erscheinungen sich immer deutlicher in ihrem Ursprung erklärten und daß daraus, sowohl die Kräfte als der Zweck des Lebens deutlicher wurden.

Guido erbeutete nach und nach reiche Summen von Wissen, eine schon durch die Mathemathik gestärkte Denkkraft, eine durch die Liebe entzündete Phantasie, nehmen leicht auf, bewahren dauernd und fühlen mit jedem Tage mehr, wie des Genius Fittig sich regt.

Bei diesem Geschäft, das er mit heiligem Eifer trieb, kamen Empfindungen über ihn, deren Hoheit und Würde er nie geträumt hatte. Stark fühlte er alles Große, edle That sprach ihn an, daß er lebhaft sich in den Zustand dessen denken mußte, der sie verrichtet hatte, mit tief liebender Ehrfurcht füllte ihn die Religion, er schwärmte für alle Schönheit der Natur, um so mehr, als er Inis Verwandtschaft darin zu erkennen wähnte.

So floh denn das Jahr eilig dahin, und hatte sich Guido schon bei seinem Anfang durch die Wunder der Liebe verändert gefunden, so schien er sich jetzt gar nicht mehr das Wesen von Ehedem zu sein. Trat er seit einem halben Jahre an den Spiegel, meinte er auch schon, hie und da hätten sich seine Formen umgewandelt. Doch war er mit sich selbst nicht einig, ob er hier an Wahrheit oder Täuschung glauben sollte.

Das Jahr war endlich um, und er eilte mit hochklopfendem Busen zu Ini. Wie gespannt ist das junge Herz, wenn es nach einer so langen Abwesenheit dem Gegenstand heiliger Liebe wieder nahen darf.

Ini saß eben im Garten und rührte die Zephirharmonika. Es war dies ein Instrument, mit vielen langen Harfensaiten bespannt, die hoch in die Luft reichten. Zu jedem Ton gehörten hundert gleich gestimmte Saiten, hintereinander an wiederhallende Laden gefügt und vorne mit einer Blende versehn. Unten befand sich ein Tastenwerk, wodurch jedesmal, nachdem man schwache oder starke Töne hervorrufen wollte, die Blende, weniger oder mehr entfernt ward. Nun berührten die aufgefangenen Luftströme die Saiten und man vernahm jene reizende ätherische Schwingungen, welche früherhin schon an den sogenannten Aeolsharfen bezauberten, nur daß damals noch Niemand Herr der Melodien zu werden verstand.

Guido trat in das Gartenthor, leicht aus Porphir gearbeitet, und nahm seinen Weg durch einen, von hohen blühenden Rosensträuchen beschatteten, Gang, an dessen Ende die Zephirharmonika auf einem frei emporragenden, nur mit niedrigen Lilien und Anemonen bepflanzten Hügel stand. Die Töne wehten ihm her durch die balsamhauchende Abendluft, ehe er noch das Instrument sah. Er wähnte, sie stiegen von glücklicheren Sternen nieder. Endlich erblickte er Ini. Das Piedestal des Instruments, etwa zwanzig Schuh hoch, war aus hell durchsichtigen Glassäulen erbaut. Ein Maschinenwerk hob auf den Sitz. Dieser, wie auch die Laden und Blenden waren mit goldfarbigem dünnem Zeuge bedeckt und wolkenartig gestaltet. Ueber sie weg in gefälliger Rundung wölbten sich diese Zeuge. Die Saiten gewahrte das Auge in einiger Entfernung nicht, und so schien es, Ini schwebe ob dem Hügel auf einem Wolkenthron.

Eine Umgebung der Art müßte jede Schönheit erhöhen, um wie mehr wenn erquickende Blumendüfte, und zaubervolle Harmonien bestachen, um wie mehr wenn die wirklich hohe Schönheit mit dem Blick der Liebe angestaunt ward.

Guido erschrack freudig, da er um die letzte Krümmung des Rosenganges trat, und nun Ini ersah. Nieder mußte er anbetend sinken. Ihre Gestalt lag in so hoher Vollkommenheit in seiner Einbildung verwahrt, aber das erste Anschaun jetzt belehrte ihn von neuer Trefflichkeit.

Sie wandte bald das Auge nach ihm hin. Nicht konnte man diese Bewegung eben zufällig nennen, wohl hatte sie Tag und Stunde gemerkt, da das Jahr umgelaufen wäre, sie hoffte jetzt den Jüngling erscheinen zu sehn, und wenn sie ihn gerade so empfing, sind wir berechtigt, den Grund in ihrer Weiblichkeit aufzusuchen.

Sie erröthete — da hätten Abendsonne und Rosen sich beschämt abwenden mögen, sie endete ihr Spiel, da konnte der Nachtigallenchor sich freuen, weil er nun gehört zu werden hoffte.

Sie stieg herab, winkte freundlich dem Jüngling aufzustehen. Lächelnd und gesammelter nahm sie seine Hand und führte ihn nach dem Zimmer im Wohnhause, das mit ihren malerischen Geweben umhängt war. Hier befand sich jenes Ideal von Guidos künftiger Schönheit, das sie gleich herbeilangte.

Du wecktest schöne Kräfte in dir, hob sie an, ihr Walten spricht in deinem Auge, ein reiner Sinn erzog dir diese Reinheit im Antlitz, edle Gefühle, hohe Einbildung, angenehme Affekten trugen den Ausdruck dieser Harmonie aus Linien, Farben, Zügen zusammen. Eile emsig weiter auf der hold betretenen Bahn, und das schöne Ziel wird dir nicht entfliehn.

Guido empfand selige Wonne. Als sich seine Gefühle erst in Worte zu kleiden vermogten, sagte er Ini, wie auch ihre Schönheit, ob er sie schon auf den Gipfeln der Vollendung geträumt hätte, unendlich erhöht sei.

Sie ward verlegen, lächelte und holte eine zweite Malerei, welche auch ihre Gestalt in einem Ideale bildete. Guido wollte die neue Versündigung gegen ihre dermaligen Reize schelten, doch Staunen und Bewunderung schlossen seinen Mund. —

Von der Zeit an sahen sich die Liebenden öfter. Viel inniger noch wurden ihre gegenseitigen Beziehungen und dennoch mehr Verständigkeit hineingelegt. Die Rückwirkung war für jeden Theil segnend.

Gelino, der sorgsame Lehrfreund, hatte schon im Laufe jenes Jahres manche Veränderungen bemerkt, welche Guido in seinem Charakter zeigte. Der Uebergang war zu plötzlich gewesen. Die Fortschritte im Guten hatten zu schnell geeilt, als daß der lebenserfahrne Greis nicht richtig auf den Grund davon hätte schließen sollen. Gleichwohl konnte er nichts weiter erspähn, da Guido in diesem Zeitraume fast seine Wohnung nicht mied.

Auch Athania, die edle Erzieherin, war zu scharfsichtig, um nicht Ini bald aus ihren Umgestaltungen zu errathen, wenn ihr gleich der Jüngling ihrer Liebe noch ein Geheimniß blieb.

Doch da die Liebenden sich nachher öfter zusammenstahlen, konnten sie der forschenden Beobachtung nicht entgehen. Beide Alten waren schnell mit ihrem Glauben aufs Reine und bei einer Zusammenkunft entstand folgendes Gespräch.

Gelino. Werthe Athania, mein Zögling scheint Ini zu lieben.

Athania. Eben wollte ich dir meine Bemerkungen über diesen Gegenstand vortragen.

Gelino. Ich gerathe in keine kleine Verlegenheit. Wohl hat diese Liebe, ohne Zweifel die erste, und eben so gewiß auf eine würdige Art erwiedert, Veredlung im Gefolge, dennoch muß ich darauf sinnen, wie sie am bequemsten zu hindern sei.

Athania. Harte Strenge gegen die jungen Seelen.

Gelino. Aber nothwendig. Der Kaiser nimmt sich meines Guido, den er hier kennen lernte, an, hat mir bei seiner letzten Gegenwart vertraut, wie er ihn zu hohen Staatsämtern berufen wolle.

Athania. Und Ini ward mir von einer Afrikanerin übergeben, die ich nur verschleiert sah, die aber auf einen hohen Stand schließen ließ, und bis dahin die Tochter in einem Fündlinghause hatte erziehen lassen. Daß sie sich Inis Ehe zu bestimmen vorbehalten bat, läßt sich um so eher erwarten, als ich bald mit dem Mädchen nach Afrika beschieden bin. Gleichwohl dürften wir mit all’ unserer Sorge nicht so viel an den Pflegbefohlnen erziehen wie die Liebe.

Gelino. Darin stimme ich vollkommen ein.

Athania. Gestatten wir den jungen Leuten sich zu lieben, den Frühling ihrer Jahre entzückt zu genießen. Doch werde ihnen auch gleich verkündet, wie Besitz nimmer das Ziel dieser Liebe sein könne, wie sie sich an den Freuden des Augenblicks und an wechselseitiger Erziehung zu genügen hat.

Gelino wandte noch manches ein, gab aber endlich nach, wobei denn noch beschlossen ward, die jungen Personen sollten sich immer in einiger Entfernung bewacht finden.

Athania sprach mit Ini, welche erröthete.

Bald sammelte sich aber das Mädchen und entgegnete, wie sie sich eine solche Ankündigung gar wohl gefallen lassen könne, da zwischen Guido und ihr eigentlich ja nur das bildnerische Problem gelöset werden sollte, die höchst mögliche Schönheit zu erringen.

Athania war nicht wenig befremdet, als ihr dies näher erklärt wurde, hoffte, daß dem feinen Sinn der so etwas zu erfinden vermöge, auch die Selbstherrschaft nicht abgehen werde, wenn die Trennung geboten sei.

Gelino fand höhere Bestürzung an dem Jüngling, da sich dieser so unerwartet entdeckt sah. Doch faßte er sich auch und erklärte: könne er Ini nimmer besitzen, solle doch das Geschäft, sich ihrer würdig zu machen, sein Glück heißen. Dies lobte sein Führer mit Wärme.

Die Liebenden eilten einander mitzutheilen, was Jedes von ihnen eben gehört hatte. Guido war in trüben Kummer versenkt. Ini zeigte eben nicht ihren gewohnten heitern Muth, doch sagte sie mit Festigkeit: Ich verhieß dir, wenn du mein Ideal erreicht haben würdest, dir mit Gegenliebe zu lohnen. Bis dahin erwarte nichts, dann alles, was das Schicksal auch einreden mag.

Bald darauf kam ein Eilbote durch die Luft aus Afrika geflogen, und meldete, wie Inis Mutter ihre Tochter zu sehen begehre. Er brachte zugleich ein bequemes Fahrzeug mit, das die Reisenden nach jener Küste tragen sollte.

Es war dies ein Häuschen von dünnem Schilfrohr geflochten und mit Fenstern aus einem ganz durchsichtig gemachten leichten Horne versehn. Zwei Kabinette, eine Kammer für die Dienerschaft und eine Küche, mit dem nöthigen kleinen Magazin von Speisen und Getränken, waren im Innern abgetheilt. Kostbare Teppiche schmückten mit andern Geräthschaften die Kabinette. Das Dach war platt, mit einem Geländer und Sitzen umgeben, sich dort bei angenehmer Witterung aufzuhalten. An dies Dach waren die seidenen Stränge befestigt, welche von der oben schwebenden Azotkugel niederhingen. Man wußte jetzt das Azot viel leichter und einfacher zu bereiten als im Anfang der Luftschifferei. Auch hatte lange schon die Versuche, Adler zu zähmen und an die Fahrzeuge zu spannen, Erfolg gekrönt. Man hielt auch viele Institute zur Zucht und Einlehrung dieser Thiere. Postämter befanden sich in allen Richtungen von Grad zu Grad, und wenn Reisende im Abstand einer Meile, bei Tag mit einer lang flatternden Fahne, bei Nacht mit einem Raketenschein sich meldeten, trafen sie alles bereit.

Das Fahrzeug, worin die Schöne nach Afrika eilen sollte, war mit zwanzig rüstigen Thieren bespannt. Guido bat flehend um die Erlaubniß, sie einen Grad begleiten zu dürfen. Athania und Gelino willigten ein. Er miethete also eine kleine offene Gondel, wie sie zu Briefposten im Gebrauch war, die nur an einem kleinen Ball hing und von zwei Adlern fortgeschaft werden konnte. Diese ward an das größere Fahrzeug befestigt und die beiden Adler einstweilen vorne mitgebraucht.

Man stieg an einem herrlichen Morgen ein, und ließ das Fahrzeug sich hoch erheben. Welche herrliche erquickende Empfindung, im reineren Aether oben, welch’ entzückendes Schauspiel, die Sonne, die dem Thale erst im Purpurhauche am Ost sich verkündet hatte, nun schnell am tiefen Erdrund zu gewahren, da der Flug ihr zuvor eilte. Die Reisenden sahen die klare Sonnenscheibe des unbewölkten Himmels, doch unter ihnen schwand noch alles in Dunkel, weil Siziliens hohe Fluren noch nicht erhellt wurden. Nur der Aetna, welcher eben Flammen auswarf, entdeckte sich ihnen in feurigen Verschlingungen. Bald aber trafen Föbos Strahlen die Höhen des Eilandes, und kurze Zeit darnach lag es in seiner ganzen Gestalt erkennbar unter ihnen, denn sie schwebten hoch genug, Sizilien vom silberfarbnen Meere umgürtet, zu übersehen. Palermo, Messina und Sirakus waren kaum als Punkte bemerklich, die Orangen- und Pinienhaine zogen sich in blauen Streifen an den Gebirgen hin, die Thäler waren in ein heitres Gelb verschmolzen. Der Liebenden Busen wallte hoch auf in dem frohen Anschaun, und nur die nahe Trennung störte ihre erhabenen Gespräche über den erhabenen Gegenstand.

Fürchte nichts, sagte Ini, ich komme gewiß nach Sizilien zurück. Es wird meine erste Bitte an die Mutter sein, meine Erziehung hier zu vollenden. Ich schreibe dir, was sie beschließt, und du kömmst mir dann wieder entgegen.

Die Reise ging schnell, da die Thiere munter die Flügel regten und man sich in einer stillen Luftregion befand, wo sie keinem Widerstand entgegen zu kämpfen hatten. Nach einigen Stunden lag die Bläue des Meeres unter ihnen und eine grüne Linie an seinem mittäglichen Rande bezeichnete Afrika. Der Grad ist bereits überschritten, sagte Inis Erzieherin, es ist Zeit, daß du an die Rückkehr denkst, Guido. Diesem waren die Stunden wie Minuten entwichen, er flehte um eine Zugabe von Frist. Man muß den Vertrag halten, antwortete Jene, auch merkte der Knabe, den Guido von der Luftpost zu Palermo mitgenommen hatte, an, die Adler dürften ermüden.

Guido stieg in den kleinen Kahn, vor welchen der Knabe die zwei Adler gelegt hatte, die nun rückwärts gelenkt wurden. Tausend Lebewohl rief er Ini nach, die ihren thränenden Blick zu ihm wandte. Bald sah sie von der kleinen Kugel nur einen hellen Punkt, den sie so lange als möglich mit dem Sehrohre verfolgte.

Guido war sehr traurig als er wieder in seiner Wohnung anlangte. Nur die Hoffnung, bald einer Nachricht von Ini entgegen sehen zu dürfen, richtete sein Gemüth auf.