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In der einsamen und unnachgiebigen Einöde einer Kleinstadt in North Dakota werden Leichen aufgefunden, die in Eis eingeschlossen sind. Die taffe und brilliante dreißigjährige FBI-Agentin Kelsey Hawk verärgert ihre Vorgesetzten und wird in die örtliche Außenstelle versetzt. Ihre Heimatstadt, zu der sie niemals wieder zurückkehren wollte, befindet sich ganz in der Nähe. Doch jetzt bricht ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel zwischen ihr und einem Mörder aus ... "Ein phänomenales Debüt mit einem gruseligen Unheimlichkeitsfaktor … Es gibt so viele unerwartete Wendungen, dass Sie keine Ahnung haben werden, wer das nächste Opfer wird. Wenn Sie einen Thriller lieben, der Sie bis spät in der Nacht wachhält, dann ist dies das richtige Buch für Sie." — Rezension eines Lesers für LASS MICH GEHEN INNERE LEERE ist Band Eins einer neuen Reihe der Bestsellerautorin Kate Bold, deren Bestseller NICHT ICH bereits über 1.500 Fünf-Sterne-Bewertungen erhalten hat. Als sie noch ein Kind war, wurde Kelseys gesamte Familie ermordet. Als einzige Überlebende musste sie bei Pflegefamilien aufwachsen. Später, als sie FBI-Agentin wurde, hat sie sich als Ziel gesetzt, in eine Großstadt versetzt zu werden, weit weg von den Qualen ihrer Vergangenheit. Doch als man sie stattdessen in eine Kleinstadt in North Dakota versetzt, kann sie nicht anders, als sich an die Tragödie zu erinnern, die sie unbedingt hinter sich lassen wollte. Kann sie den Mörder rechtzeitig aufhalten? Ein spannender und erschütternder Krimi-Thriller mit einer brillianten FBI-Agentin in der Hauptrolle – die KELSEY HAWK Reihe steckt voller Geheimnisse, unaufhörlicher Action, Spannung, Drehungen, Wendungen und Enthüllungen, die dafür sorgen, dass man bis spät in die Nacht weiterlesen möchte. Fans von Rachel Caine, Teresa Driscoll und Robert Dugoni kommen hier voll auf ihre Kosten. Weitere Bände sind ebenfalls erhältlich. "Dies ist ein hervorragendes Buch … Stellen Sie sicher, dass Sie nicht früh aufstehen müssen, wenn Sie abends beginnen, es zu lesen!" —Rezension eines Lesers für DAS MÖRDERISCHE SPIEL "Ich habe dieses Buch wirklich genossen … Man wird sofort in die Geschichte hineingezogen und kann es bis zum Schluss nicht aus der Hand legen. Ich freue mich schon wirklich auf das nächste Buch." —Rezension eines Lesers für LASS MICH GEHEN "WOW, ein wirklich tolles Leseerlebnis! Das war tatsächlich ein diabolischer Mörder! Ich habe dieses Buch wirklich genossen. Ich freue mich darauf, auch andere Werke dieser Autorin zu lesen." — Rezension eines Lesers für DAS MÖRDERISCHE SPIEL "Ein hervorragender Beginn für eine neue Reihe … Kaufen Sie dieses Buch und lesen Sie es; Sie werden es lieben!" — Rezension eines Lesers für LASS MICH GEHEN "Fesselnder und mitreißender Serienmord mit einem Hauch des Makabren … sehr gekonnt." — Rezension eines Lesers für DAS MÖRDERISCHE SPIEL "Ein gutes Buch mit einer guten Handlung, viel Action und toller Entwicklung der Charaktere. Ein Thriller, der Sie bis nachts wachhalten wird." — Rezension eines Lesers für LASS MICH GEHEN
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Seitenzahl: 279
Veröffentlichungsjahr: 2023
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I N N E R E
L E E R E
(Ein Kelsey Hawk FBI-Thriller – Band 1)
K a t e B o l d
Kate Bold
Die Bestsellerautorin Kate Bold ist die Autorin der ALEXA CHASE SUSPENSE THRILLER-Reihe, die sechs Bücher umfasst (und noch nicht abgeschlossen ist); der ASHLEY HOPE SUSPENSE THRILLER-Reihe, die sechs Bücher umfasst (und noch nicht abgeschlossen ist); der CAMILLE GRACE FBI SUSPENSE THRILLER-Reihe, die acht Bücher umfasst (und noch nicht abgeschlossen ist); die HARLEY COLE FBI SUSPENSE THRILLER Reihe, die sieben Bücher umfasst (und noch nicht abgeschlossen ist); die KAYLIE BROOKS PSYCHOLOGICAL SUSPENSE THRILLER Reihe, die fünf Bücher umfasst (und noch nicht abgeschlossen ist); die EVE HOPE FBI SUSPENSE THRILLER Reihe, die sechs Bücher umfasst (und noch nicht abgeschlossen ist); die LAUREN LAMB FBI SUSPENSE THRILLER Reihe, die fünf Bücher umfasst (und noch nicht abgeschlossen ist); und die KELSEY HAWK-Krimireihe, die fünf Bücher umfasst (und noch nicht abgeschlossen ist).
Als begeisterte Leserin und lebenslange Liebhaberin des Krimi- und Thriller-Genres freut sich Kate auf Ihre Kontaktaufnahme. Besuchen Sie www.kateboldauthor.com, um mehr zu erfahren und in Kontakt zu bleiben.
Copyright © 2023 by Kate Bold. Alle Rechte vorbehalten. Vorbehaltlich der Bestimmungen des U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil
BÜCHER VON KATE BOLD
EIN KELSEY HAWK FBI-THRILLER
INNERE LEERE (Buch #1)
EIN DYLAN FIRST FBI-THRILLER
AUSSER REICHWEITE (Buch #1)
FERN DER REALITÄT (Buch #2)
EIN LAUREN LAMB FBI-THRILLER
KLOPF, KLOPF (Buch #1)
EIN SPANNUNGSGELADENER KAYLIE BROOKS PSYCHO-THRILLER
DER LETZTE ATEMZUG (Buch #1)
DIE LETZTE CHANCE (Buch #2)
DER LETZTE WUNSCH (Buch #3)
EIN SPANNENDER EVE HOPE FBI-THRILLER
SCHWALBENSCHWANZ (Buch #1)
GLASPERLEN (Buch #2)
NIEMANDS SOHN (Buch #3)
EIN HARLEY COLE FBI-THRILLER
KEINE ZUFLUCHT (Buch #1)
KEINE WEITERE SPUR (Buch #2)
KEIN AUSWEG (Buch #3)
NIRGENDS WIE HIER (Buch #4)
EIN CAMILLE-GRACE-FBI-THRILLER
NICHT ICH (Buch #1)
NICHT JETZT (Buch #2)
NICHT IN ORDNUNG (Buch #3)
NICHT SIE (Buch #4)
EIN ALEXA CHASE THRILLER
DAS MÖRDERISCHE SPIEL (Buch #1)
DIE MÖRDERISCHE FLUT (Buch #2)
DIE MÖRDERISCHE STUNDE (Buch #3)
EIN SPANNUNGSGELADENER THRILLER MIT ASHLEY HOPE
LASS MICH GEHEN (Buch #1)
INHALTSVERZEICHNIS
PROLOG
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
KAPITEL 26
KAPITEL 27
KAPITEL 28
KAPITEL 29
KAPITEL 30
KAPITEL 31
KAPITEL 32
KAPITEL 33
EPILOG
Der schrille Schrei riss John Gallant aus seiner Trance - ein markerschütternder Schrei, der nur den Tod bedeuten konnte.
Er hatte ins Leere gestarrt und schaute mit einem Auge seiner Tochter Kimberly zu, die ihm aus der kleinen Teetasse, die sich vor ihm im Kreis drehte, zuwinkte. Der Nachmittag war kühl geworden, und obwohl er ihr gesagt hatte, sie solle ihre Jacke anlassen, fuchtelte sie damit herum wie ein Rodeo-Cowboy. Diese Karusselfahrt hatte eine hypnotisierende Wirkung auf ihn und es hatte nur wenige Minuten gedauert, bevor er die Konzentration verlor und einfach auf die bunten Teetassen starrte, die vor ihm herumwirbelten.
Der Schrei machte all das plötzlich zunichte, und er duckte sich instinktiv und drehte sich in die Richtung, aus der er kam. In der Ferne rannte eine Menschenmenge in verschiedene Richtungen und kurz darauf folgten dem ersten Schrei ein zweiter und ein dritter.
John erschauderte. Diese Art Schrei hatte er schon einmal gehört. Damals, während seines Einsatzes im Irak als sein Aufklärungstrupp in einen Hinterhalt geraten war, dem Soldaten und Zivilisten gleichermaßen zum Opfer gefallen waren. Es war die Art von Schrei, der die Luft durchdrang und in sein Innerstes gelangte, wo er jeden Nerv packte und daran zerrte, bis er das Gefühl hatte, sein Kopf würde explodieren.
„Daddy!“
Kimberlys Stimme war inmitten des Chaos, das über die North Dakota Winterkirmes hereingebrochen war, kaum zu hören, und er brauchte eine Minute, um seine Sinne zu beruhigen und seinen Körper auf Autopilot zu schalten. Er blickte zur Bühne und entdeckte den Grund dieses Schreckens – inmitten der fröhlichen Eisskulpturen verharrte eine Frau regungslos. Doch sie war mehr als nur regungslos; sie war in Eis eingefroren.
Schnell sprang er über den kleinen Zaun, der die Zuschauer von den Mitfahrenden trennte, und hob Kimberly aus der fahrenden Tasse, als diese langsam zum Stehen kam. Er nahm sie an die Hand und führte sie eilig in die Richtung, in der seine Frau wartete.
Samantha Gallant rannte ihnen bereits entgegen. „Was zur Hölle ist los?“, schrie sie. In ihren Augen lag verzweifelte Angst, während ihr Blick auf die Kirmesbesucher fiel, die panisch zu den Ausgängen rannten.
„Bring Kim zum Auto und warte dort auf mich“, schrie John über den Tumult hinweg. „Wenn ich in zwanzig Minuten noch nicht da bin, fahr nach Hause!“
„John!“, rief Samantha ihm hinterher, als er davonrannte. „John!“
John ignorierte sie und beschleunigte, während er sich durch die Menschenmenge schlängelte, die ihm entgegenkam. Er zückte seine Glock und seine Dienstmarke, vergewisserte sich, dass sie sichtbar waren, und suchte die Menge ab, um herauszufinden, wovor alle flüchteten. In der Ferne, etwa zwölf Meter entfernt, umstellte der Sicherheitsdienst der Kirmes die Bühne mit den Eisskulpturen, und zogen über eine von ihnen eine Plane.
Er bewegte sich zur Flanke der Menge und eilte auf die Bühne zu, wobei sein Blick hin und her huschte und er die Menge nach etwas Ungewöhnlichem absuchte. Als er die Ausstellung erreichte, wollten ihn zwei Sicherheitsleute abfangen.
„Aus dem Weg!“, schrie John, zeigte sein Dienstmarke vor und stürmte an ihnen vorbei, bevor sie registrieren konnten, was geschah. „Halten Sie alle zurück!“
Als er auf die Bühne sprang, wurde er langsamer und betrachtete den Gesichtsausdruck des Bühnenmeisters. Grauen, Angst, Schrecken … das alles könnte den Gesichtsausdruck des Mannes beschreiben. Seine Hände hielten die Plane so fest, dass seine Knöchel weiß waren, und er zitterte wie Espenlaub.
Der Mann erschrak, als John ihm eine Hand auf die Schulter legte. „Was ist hier los?“, fragte John.
„Ich habe die Plane so schnell ich konnte wieder angebracht, aber …“ Kopfschüttelnd ließ der Bühnenmeister die Plane los und ging einige Schritte zurück, bevor er auf die Knie fiel. John griff nach der Plane und zog sie zur Seite. Er ließ sie augenblicklich los und wich zurück als er sah, was sich darunter verbarg.
Eingeschlossen in einem großen blutigen Eisblock starrte ihn eine Frau mit toten Augen und einem erstarrten Schrei an.
„Vergiss’ es!“
Sie wusste, dass sie auf Verstärkung warten sollte. Sie wusste, dass ihr Chef dieses Verhalten nutzen würde, um sie ein für alle Mal loszuwerden. Man kann schließlich nicht zulassen, dass ein Mädchen aus der Kleinstadt alle anderen im Großstadtrevier übertrifft. Und sie wusste, dass sie damit ihr eigenes Leben in Gefahr brachte.
Sie wusste vieles, aber wenn ein Kind in Gefahr war, spielte das alles keine Rolle.
Kelsey Hawk liebte ihren Job, aber die eigentliche Bedeutung ihrer Arbeit war ihr wichtiger - zu dienen und zu beschützen. Protokolle beschützten nicht und Bürokratie diente nicht. Sie zog ihre Kaliber-40-Pistole aus dem Holster, ging in die Hocke und machte sich auf den Weg zu dem heruntergekommenen Farmhaus auf der anderen Seite des Feldes.
„Wenn ich dafür gefeuert werde, dann ist das eben so“, murmelte sie.
Sie lief die Baumgrenze entlang, in der Hoffnung, dass die Schatten der untergehenden Sonne sie verbergen würden, und bewegte sich mit geschickter Präzision auf die Ostseite des Hauses zu, wobei sie die Haustür keinen Moment aus den Augen ließ.
Sie hatte drei Monate gebraucht, um den Mistkerl zu finden, und sie würde sich nicht vom Protokoll davon abhalten lassen, ihn endlich zu verhaften.
Ein kleiner Schuppen bot ihr ein paar Sekunden Schutz, und sie nutzte die Zeit, um das Haus aus der Nähe zu beobachten. Die Farbe blätterte an vielen Stellen ab, und das Dach war stark renovierungsbedürftig. Die Veranda wies Anzeichen eines Termitenbefalls auf, aber was am deutlichsten auffiel, waren die neu eingebauten Fenster. Für Kelsey sahen sie wie doppelverglaste Fenster aus, die den Lärm draußen halten sollten.
Oder ihn drinnen lassen sollten.
Drei Monate.
Sie war vor weniger als einem Jahr der Abteilung für vermisste Personen zugeteilt worden, und es hatte eine Menge Laufarbeit und Nachtschichten gebraucht, um endlich herauszufinden, wie die Familie Carlone ihre Opfer nach New Jersey hinein- und hinausschmuggelte. Kelsey konnte ihre Ermittlungen schließlich auf einen Mann eingrenzen, Oscar Solasky, einen Kleinstadt-Schwarzmarkt-Schmuggler, der mittlerweile zu der „Ware“ Mensch übergegangen war. Sie war sich sicher, dass sie ihn schneller hätte finden können, wenn die Bürokratie sie nicht ausgebremst hätte.
Sie verfluchte das FBI, wenn es darum ging, schnell zu handeln.
Ein Schatten bewegte sich rasch am Fenster und Kelsey versteckte sich hinter dem Schuppen. Sie atmete ein paar Mal tief durch und schaute den Weg zurück, den sie gekommen war. Es gab keine blinkenden Lichter, keine Gewissheit, dass ihr Haftbefehl auf dem Weg war, begleitet von dem SWAT-Team, das sie brauchte, um Oscar in Gewahrsam zu nehmen.
Es liegt alles an dir, Kels.
Kelsey schloss die Augen und versuchte, die Bilder zu vergessen, die man ihr gezeigt hatte. Bilder von toten Körpern, von Opfern zu betrachten war grausam, aber nichts bereitete einen auf diejenigen vor, die aus ... Spaß entführt und am Leben gehalten wurden. Diese Bilder würden sie bis ans Ende ihrer Tage verfolgen.
Akten, Verhöre, Aussagen, Videoaufnahmen, DNA-Beweise, Klatsch und Tratsch, Indizien - all das ging ihr so schnell durch den Kopf, als würde sie Mikrofilme durchblättern. In ihrem Kopf baute sich der Fall auf; sie mussten ihn nur noch schnappen - Oscar. Doch das war nicht das, worauf sie sich konzentrierte. Alles, woran sie denken konnte, war seine Vorgehensweise. Die Bürokratie des FBI bremste sie aus, sie hatte sogar eine vorherige Möglichkeit ihn zu verhaften verhindert ...
Nein, dieses Mal nicht! Egal, was mit mir passiert.
Kelsey zählte von zehn rückwärts und wartete darauf, dass der Adrenalinschub einsetzte. Als sie sich sicher war, bereit zu sein, warf sie noch einmal einen Blick auf den Horizont - sie war auf sich allein gestellt. Wenn sie noch länger wartete, würde sie ihre Chance verpassen.
Kelsey ließ ihren Blick ein letztes Mal über das Haus wandern, bevor sie ihr Versteck verließ und in geduckter Haltung zur Rückseite eilte. Als sie die Ostwand erreicht hatte, lehnte sie sich mit dem Rücken dagegen und schob sich zum Fenster. Sie hatte nicht erwartet, dass es offen war, aber es gab ihr einen ziemlich guten Blick auf das, was im Haus vor sich ging.
Eine Frau war gefesselt und geknebelt und lag in Fötusstellung in einer Ecke des Raumes. Eine offene Tür gab den Blick frei auf einen zweiten großen Raum mit einem Tisch, an dem ein Mann mit dem Rücken zu ihr saß. Das schüttere Haar und die Tätowierung in seinem Nacken waren alles, was Kelsey brauchte, um ihren Verdächtigen zu identifizieren. Oscar hatte keine Ahnung, was auf ihn zukommen würde.
Sie schlich zur Rückseite des Hauses und lauschte aufmerksam, um zu hören, ob noch jemand da war. Sie hatte das Haus eine gute Stunde lang ausgekundschaftet und auf Verstärkung gewartet, nachdem sie ihren Standort durchgegeben hatte. Es war offensichtlich, dass niemand kam, oder falls doch, dann ließen sie sich viel Zeit. Sie hatte sich oft gefragt, ob die Carlones einen Spitzel hatten, der die Dinge hinauszögerte.
Wenn sie einen hätten, wäre Oscar schon weg.
Das änderte nichts an der Tatsache, dass es dennoch eine Möglichkeit war, und die Möglichkeit, dass jemand ihren Verdächtigen noch warnen könnte, machte Kelsey noch nervöser. Sie musste schnell handeln.
Vorsichtig kletterte sie die hintere Veranda hinauf, achtete auf das Knarren, das sie verraten könnte, und näherte sich der Hintertür; fast zitternd vor Angst. So hatte sie sich noch nie gefühlt, aber sie war auch noch nie einem Psychopathen so nahe gekommen. Eine dünne Barriere aus Holz trennte sie von dem Gesicht des Bösen - über ihn zu lesen war eine Sache, ihm gegenüberzustehen eine ganz andere. Kelsey holte ein letztes Mal tief Luft - die Zeit war nicht auf ihrer Seite.
Kaum hatte sie die Hand auf den Knauf gelegt, flog die Tür auf, und jemand stürzte auf sie zu, überraschte und überwältigte sie. Sie prallte heftig auf den Boden, das schwere Gewicht ihres Angreifers immer noch auf ihr, und seine Fäuste schlugen seitlich gegen ihren Kopf. Sie war wieder in Mikkisula, Missouri, erst neun Jahre alt und Rachel Barlow stand lachend über ihr. Rachel hatte so lange auf sie eingeschlagen, bis Kelsey so vernünftig gewesen war, einfach liegenzubleiben und nicht mehr aufzustehen. Die Demütigung und die Angst raubten ihr den Atem, aber sie weinte nicht; sie unterdrückte die Tränen. Sie würde sich nicht mehr hinlegen und hinnehmen, was andere ihr antaten.
Die Welt um sie herum verschwamm, und instinktiv hob sie ihr Knie, um den Mann abzuschütteln. Hier gab es keine Demütigung, nur reines Entsetzen.
Ein lauter Schmerzensschrei folgte dem Angriff, und sie spürte, wie ihr Knie die Weichteile des Mannes traf und sein Gewicht von ihr abfiel. Sie sprang schnell auf die Beine und stürzte sich auf ihn. Sie griff nach der Waffe, die sie an ihrer Hüfte trug und übersah dabei, dass er nach einem Ast griff. Er traf sie am Handgelenk - es gab kein Knacken oder Schnappen, aber einen lauten Schmerzensschrei. Sie fummelte an der Waffe herum und ließ sie zu Boden fallen. Es folgte ein weiterer Schlag des Astes, den sie mit ihrem verletzten Arm abwehrte. Diesmal gab es ein Knacken, als der trockene Ast in zwei Teile zersplitterte.
Rohe Entschlossenheit ersetzte den Schmerz in ihrem Arm, als sie wieder nach vorne stürzte und Oscar überraschte. Er schlug mit einer kräftigen Faust nach ihr, aber sie war zu nah, und die Innenseite seines Arms traf sie unsanft an der Schläfe. Erneut zog Kelsey ihr Knie hoch. Eine Taktik, die beim ersten Mal so gut funktioniert hatte, verdiente einen zweiten Anlauf. Sobald er sich ein wenig nach vorne beugte, schlug sie ihm mit der Handfläche auf die Nase. Ein weiteres Knacken ertönte - ein äußerst befriedigendes.
Oscar starrte sie an, Blut floss aus seiner Nase und seine Augen funkelten vor blanker Wut. Er hatte geplant, das junge Mädchen im Haus zu ermorden, und der Blick in seinen Augen verriet Kelsey, dass er sein Vorhaben gerne um einen weiteren Mord erweitern würde. Er machte einen selbstbewussten Schritt nach vorn, ohne den abgebrochenen Zweig in Kelseys Hand zu bemerken.
Sie bäumte sich vor ihm auf, und als er erneut zuschlagen wollte, schlug sie den Ast gegen sein Kinn; sein Kopf fiel nach hinten und ihre Furcht vor ihm fiel von ihr ab. Oscar taumelte rückwärts. Kelsey war zu gut trainiert, um jetzt aufzuhören. Sie stürzte sich auf ihn. Er hatte nicht die Kraft, sich zu wehren, und mit einer schnellen Bewegung hatte sie Oscar Solasky den Arm auf den Rücken gedreht und drückte ihn zu Boden.
„Oscar Solasky“, schnaubte Kelsey, das Klingeln in ihren Ohren verstärkte sich, „Sie sind verhaftet. Sie haben das Recht zu schweigen.“
Während sie dem Mann weiter seine Rechte verlas, versuchte Oscar, sich aus ihrem Griff herauszuwinden, also presste sie ein Knie gegen seine Schulter, was ihm einen weiteren Schmerzensschrei entlockte. Sie legte ihm Handschellen an, zog ihn auf die Beine und führte ihn zum Haus.
„Du hast keine Ahnung, was du da tust!“, schrie er sie an. „Dafür wirst du sterben! Deine ganze Familie wird brennen!“
Kelsey seufzte, ihre Erleichterung war grenzenlos. „Meine ganze Familie ist schon tot“, hauchte sie und rammte ihn auf dem Weg nach drinnen gegen den Türrahmen. Das Geräusch brechender Knochen zauberte ihr ein sanftes Lächeln ins Gesicht. Er konnte ihr nichts anhaben.
„Meine Nase!“ schrie Oscar.
„Tut mir leid“, antwortete Kelsey, „ich wollte nur sichergehen.“
Sie zwang ihn in den Raum, in dem sich die Frau befand, und drängte ihn in eine Ecke. Ein Blick in sein wimmerndes Gesicht versicherte ihr, dass er keine Dummheiten machen würde. Kelsey hielt die Waffe in der einen Hand und benutzte die andere, um die verängstigte Frau, die auf dem Boden lag, loszubinden.
Noch ein Trauma. Kelsey hatte selbst ein Trauma durchgemacht, und nun auch diese Frau. Ihre einzige Hoffnung war, dass die Frau nicht so verkorkst werden würde wie sie selbst.
„Wie heißen Sie?“, fragte Kelsey.
„M-Maria.“ Sie sah zu Kelsey auf, hielt ihrem Blick stand und wagte es nicht, woanders hinzusehen. Sie war um die dreißig Jahre alt, aber die Tortur hatte sie in ein widerstandsloses, kleines Mädchen verwandelt. Kelsey wollte sie in die Arme nehmen und ihr sagen, dass alles gut werden würde, aber ihre Erfahrung hielt sie davon ab.
„Ich heiße Kelsey und ich werde mich um Sie kümmern. Das wird schon wieder.“ Kelsey konnte sehen, wie sich ihre eigene Angst in den Augen der Frau widerspiegelte. Hierherzukommen hatte sie beinahe das Leben gekostet, und sie hatte keinen Zweifel daran, dass man ihr dafür die Leviten lesen würde, aber das war nicht der Grund für ihre Angst. Sie hatte ein Leben gerettet, aber das änderte nichts an ihrer Vergangenheit. Es beseitigte weder die Scham, noch die Schuldgefühle.
Kelsey half der Frau, sich aufzusetzen, setzte sich neben sie und richtete die Waffe auf Oscar, dessen Hemd mittlerweile rot gefärbt war. Er wandte seinen Blick weder von Kelsey noch von der Frau ab.
Zwei Minuten später traf das FBI schließlich mit Sirenengeheul ein, gefolgt von einem Chor aus Rufen und donnernden Schritten.
Kelsey unterdrückte die Tränen, die ihr über die Wangen zu laufen drohten. Die FBI-Agenten schauten sie frustriert an, als sie eintraten und den Tatort übernahmen. Als hätte sie ihnen die Arbeit erschwert, indem sie jemanden gerettet hatte.
Immer einen Schritt hinterher und fünf Minuten zu spät! Hätte ich noch länger gewartet, hätte er sie in seinen Lastwagen geworfen und wir hätten sie nie wieder gesehen.
Alexander ging mit langsamen und bedächtigen Schritten durch das Haus. Er schüttelte den Kopf und reichte ihr ein Funkgerät. Eine der Agentinnen half der Frau auf die Beine. Maria starrte Kelsey – ihre Retterin – an, bis sie schließlich weggeführt wurde.
Alexander nickte und billigte stumm, was sie getan hatte. Bevor er sich umdrehte, murmelte er: „Granger.“
Kelsey wappnete sich und drückte den Knopf an der Seite. „Sir, wir haben sie gefunden. Ich will nur ...“ Bevor sie erklären konnte, warum sie sich über einen direkten Befehl hinweggesetzt hatte und allein hineingegangen war, wurde sie unterbrochen.
„In mein Büro! SOFORT!“, befahl Granger.
„Hey, Hawk? Wie viele Strikes hat man beim Baseball nochmal, bevor man raus ist?“, fragte Special Agent Bobby Carter.
Kelsey war zu ihrem Schreibtisch gegangen, in der Hoffnung, dort etwas Trost zu finden - eine Antwort auf all ihre Probleme - aber die stapelten sich in ihrem Kopf wie der Papierkram auf ihrem Schreibtisch. Irgendwann würde sie dazu kommen. Sie blickte von Bobby zu den Aktenstapeln, obwohl dieser Tag vielleicht nie kommen würde, nachdem sie ein junges Mädchen auf die falsche Weise gerettet hatte.
„Drei Strikes, wenn man das Spiel auf die übliche Weise spielt, aber wenn der Boss Schiedsrichter, Werfer und ... weißt du was, Carter? Ich habe keine Zeit für so etwas. Ich kann das genauso gut jetzt hinter mich bringen und mein Leben weiter leben.“
Sie wollte sagen, dass ihr Chef auch die Spielregeln bestimmte. Sicher, sie war dickköpfig gewesen und allen anderen vorausgeeilt, aber sie hatte die junge Frau gerettet, und somit hatten alle gewonnen.
Aber nicht, wenn es nach Paul Granger ging, ihrem leitenden Special Agent. Er hatte nach einer Möglichkeit gesucht, sie loszuwerden, seit sie in seine Außenstelle versetzt worden war. Sie war zu jung, zu eifrig und zu gut in ihrem Job. Sie machte die anderen Rekruten nervös, und das machte wiederum Paul Granger nervös.
Auch er war gut in seinem Job - daran gab es keinen Zweifel - aber er war es gewohnt, dass die Special Agents seine Befehle genauestens befolgten und sich keine kreativen Freiheiten nahmen.
Kelsey ging zuerst in den Waschraum. Sie stützte ihre Hände auf die Oberfläche des Waschbeckens, starrte in den Spiegel und schüttelte den Kopf. Sie konnte ihrem SAC die Schuld geben so viel sie wollte, aber in Wahrheit trug sie allein die Schuld.
Die Toilettenspülung ertönte und Special Agent Amanda Briggins kam aus der Kabine heraus. Sie zuckte zusammen und legte eine Hand auf ihre Brust.
„Ich habe dich gar nicht hereinkommen hören“, sagte sie kichernd.
„Du solltest an deiner Wahrnehmung und deiner Aufmerksamkeit arbeiten, wenn du weiter kommen willst, Mandy“, lächelte Kelsey.
„Es wird hier nicht mehr dasselbe sein, wenn du ...“
Kelsey runzelte die Stirn. „Noch bin ich nicht weg.“ Sie schob eine schwarze Haarsträhne hinter ihr Ohr. „Du hast mich noch mindestens zehn Minuten hier, wenn ich das Ganze in die Länge ziehe.“
Amanda wusch sich die Hände und blickte ab und zu auf, um Kelsey anzusehen.
Kelsey wollte die Karten offen auf den Tisch legen und ihrer Bekannten (betrachtete sie Amanda als ihre Freundin?) sagen, dass sie ihr ganzes Leben lang gekämpft hatte, um mitzuhalten und voranzukommen, was sie in Schwierigkeiten gebracht hatte. Kelsey musste die Beste sein, aber nur, weil gleich gut für eine Frau beim FBI nicht ausreichte. Sie musste ihren Hals riskieren, um voranzukommen, aber wenn der Henker die Axt über sie hielt, war es nicht immer die beste Option, den eigenen Hals zu riskieren.
Amanda klopfte Kelsey auf den Rücken, bevor sie den Waschraum verließ.
Kelsey schob die Haut auf ihrer Stirn nach oben – sie war immer noch straff und geschmeidig, wie es sich für jemanden gehört, der gerade erst Mitte zwanzig ist, aber Kelsey war sich sicher, dass sich bereits kleine Falten bildeten. Der Stress des Jobs, und sie hatte Quantico erst vor neun Monaten verlassen.
Sie holte tief Luft und machte sich auf den Weg, sich ihrer Verantwortung zu stellen. Als sie den Waschraum verließ, hatte sie das Gefühl, dass alle Augen auf sie gerichtet waren. Sie machte sich auf den langen Weg zu Paul Grangers Büro und hob die Hand, um an die Glastür zu klopfen.
„Bewegen Sie Ihren Hintern hier rein, Hawk!“, rief SAC Granger.
Kelsey holte tief Luft und stieß die Tür auf - sie wagte sich ins Gefecht.
„Hinsetzen!“, rief Granger, noch bevor sich die Tür schloss.
Sie tat, was man ihr sagte, und schwieg. Sie wollte ihre Sicht der Dinge vorbringen, aber als sie das die ersten beiden Male, die sie in das Büro ihres SAC gerufen und zusammengestaucht worden war, versucht hatte, hatte sie die Dinge nur schlimmer gemacht. Es war das Beste, zu schweigen - und wenn er ihr sagte, dass sie gefeuert wurde, könnte sie sagen, was sie zu sagen hatte, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.
„Was haben Sie sich dabei gedacht?“ Granger stand mit dem Rücken zu ihr und blickte aus dem Fenster auf die Stadt. Er tat ihr nicht einmal den Gefallen, sich umzudrehen und sie anzusehen.
Ich bedeute dir gar nichts!
„Wie geht es dem Opfer?“, fragte Kelsey geradeheraus.
Die Anspannung in seinen Schultern verriet, dass die Frage Granger irritierte. Schließlich drehte er sich doch zu ihr um.
„Null Agenten“, sagte Granger. „Das ist die Anzahl der Agenten, die ich im aktiven Dienst verloren habe. Wissen Sie, wann ich mir erlauben werde, einen Agenten im Einsatz zu verlieren?“
Kelsey wusste es besser, als auf diese Frage zu antworten.
„Niemals“, verkündete er. „Ich habe noch keinen Agenten verloren, und ich werde auch keinen verlieren, Hawk. Nicht einmal Sie.“
Nicht einmal mich! Das würde dein zerbrechliches Ego verletzen, nicht wahr? Du würdest nicht um mich trauern, sondern um deine perfekte Bilanz.
„Ist Oscar Solasky in Gewahrsam, Sir?“, fragte Kelsey.
Sie musste professionell bleiben - das war das Einzige, was ihr die Oberhand gab. Und sie wusste, dass es ihn schmerzte, dass sie diejenige gewesen war, die die Frau gerettet hatte, dass sie diejenige gewesen war, die Solasky überwältigt hatte.
Wieder ignorierte er sie. „Ein Schiff kann nicht geradlinig und beständig segeln, wenn die Mannschaft die Befehle des Kapitäns nicht befolgt, Hawk. Was unterscheidet Sie so von allen anderen?“
Wieder die Schiffsmetapher - Kelsey hatte sie schon ein halbes Dutzend Mal gehört. Sie wusste nicht, was sie von allen anderen unterschied. Sie musste sich beweisen und der Konkurrenz einen Schritt voraus sein. Dennoch hatte sie die Karrieren mehrerer weiblicher FBI-Agenten verfolgt, von denen die meisten die Regeln befolgt hatten und weitergekommen waren. Was machte sie also so besonders?
SAC Granger stieß einen tiefen Seufzer aus. „Das hier macht meine Arbeit viel einfacher, Hawk. Es ist alles vom Direktor abgesegnet worden. Heute ist Ihr letzter Tag hier.“
Kelsey hatte bereits damit gerechnet, aber es traf sie trotzdem wie ein Schuss in die Brust. „Sie müssen mir nichts wünschen ...“
„Montag ist Ihr erster Tag in der Außenstelle Winchburgh“, unterbrach Granger.
„Winchburgh?“ Kelsey zerbrach sich den Kopf; sie hatte diesen Namen schon einmal gehört.
Granger lächelte. „Ein netter kleiner Außenposten in North Dakota.“
Daher kannte sie den Namen - sie hatte eine Akte aus dieser Außenstelle gelesen, als sie in Quantico ausgebildet worden war. Es war der größte Fall, der sich je in der Gegend ereignet hatte. Drei Menschen und eine Kuh waren getötet worden. Sie wusste, warum ihr SAC so breit grinste.
„Sie fangen am Montag dort an“, wiederholte Granger.
Man sagt oft, ein Schicksal schlimmer als der Tod. Nun, eine Versetzung nach North Dakota war für Kelsey schlimmer als eine Entlassung. Sie hätte vielleicht auf der Stelle gekündigt, wenn sie den Job nicht so sehr lieben würde. Und sie war verdammt gut darin, ganz gleich, was ihre Vorgesetzten dachten.
„Danke, Sir“, brachte Kelsey hervor. Sie tat alles, um ihren Ärger und ihre Frustration zu verbergen.
Das Lächeln auf Grangers Gesicht blieb, als er Kelsey mit einer knappen Handbewegung wegschickte.
Special Agent Kelsey Hawk entfernte sich aus dem Büro ihres SAC. Dem FBI beizutreten war ihr Ticket raus aus dem Mittleren Westen gewesen. Sie hatte sich von einem Mädchen aus der Kleinstadt zu einer Spezialagentin aus der Großstadt entwickelt. Und jetzt war Kelsey wieder genau da, wo sie angefangen hatte - nein, es waren zwei Stufen nach unten auf der Karriereleiter. Eine Kleinstadt. Lange, kalte Winter. Ein Ort, an dem nie etwas passierte.
Ein Ort, der sie nirgendwo hin führte - kein Aufstieg zu Größe, kein Abstieg, nur beständige Mittelmäßigkeit.
Jetzt musste sie nur noch ihren Verlobten davon überzeugen, mit ihr nach Winchburgh zu ziehen, damit sie gemeinsam in einer Kleinstadt in North Dakota unglücklich werden konnten.
***
„Hey, du glaubst nicht, was für einen Tag ich hatte.“ Kelsey hing ihre Tasche an den Haken bei der Tür und begann, sich die Schuhe auszuziehen. „Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber ...“
Kelsey blieb stehen und stemmte eine Hand in die Hüfte; ihre Waffe war sicher im Büro verwahrt. Kelsey musste ihre FBI-trainierten Beobachtungsfähigkeiten nicht einsetzen, um zu wissen, dass jemand in ihrem Haus war - jemand, der nicht dort sein sollte.
Sie entspannte sich so weit, wie es ihr Körper zuließ, als sie die Musik aus dem Wohnzimmer hörte. Trotzdem wünschte sie sich, sie hätte eine Waffe, denn sie war nicht in der Stimmung für irgendetwas oder irgendjemanden. Kelsey schlich näher an die Wohnzimmertür heran und presste ihr Ohr an die Tür. Alles, was sie hören konnte, war die Musik, nur etwas lauter.
Kelsey dachte daran, sich umzudrehen und von dort zu verschwinden, aber sie hatte sich heute bereits einmal allein in einen Tatort gestürzt, warum also nicht in einen weiteren? Ein Kloß stieg in ihrem Hals auf, als sie die Hand auf die Klinke legte. Sie bewegte sie und stieß die Tür nach innen auf.
Darren sprang sofort von der Couch auf, so hastig, dass er fast das Weinglas in seiner Hand verschüttete. Er war verwirrt, hatte sich aber schnell wieder gefangen. Kelsey brauchte ihre gesamte Willenskraft, um sich nicht auf Darren oder die Frau, mit der er sich eine Flasche Wein teilte, zu stürzen.
„Was machst du hier?“, fragte er.
Kelsey runzelte die Stirn. „Was ich hier mache? Du meinst in meinem eigenen Haus? Was machst du hier, Darren?“
„Du solltest doch erst spät nach Hause kommen. Ich dachte, du hättest diesen großen Fall.“
„Soll ich vorher anrufen?“, fragte Kelsey. „Soll ich vorher anrufen, wenn ich früher nach Hause kommen will, Darren? Hm? Soll ich vorher anrufen, nur für den Fall, dass du gerade beschäftigt bist?“
„Komm schon! Sei doch nicht so, Kels! Du erinnerst dich doch an Belinda von der Arbeit, oder?“
Belinda saß regungslos auf der Couch und versuchte unsichtbar zu bleiben, wie eine Maus, während zwei Katzen den Raum durchstreiften.
„Kannst du bitte ... nicht!“, sagte Darren. Er schaute zu Belinda. „Belinda kam vorbei, um ein paar Berichte durchzusehen, und sie hat eine schwere Zeit auf der Arbeit, also habe ich sie getröstet. Ich bin eine Schulter, an der man sich ausweinen kann, Kels. Ist das heutzutage ein Verbrechen?“
Wo ist meine Schulter, an der ich mich ausweinen kann? Ich soll einfach weitermachen, weil ich mir den Job ausgesucht habe und vorher wusste, was er beinhaltet, oder wie?
„Hältst du mich wirklich für eine Idiotin, Darren?“ wollte Kelsey wissen. „Glaubst du wirklich, ich würde diesen Scheiß glauben? Mach es wenigstens an einem abgeschiedenerem Ort und nicht in unserem Haus!“
Belinda wand sich auf der Couch und stand schließlich auf. „Ich sollte, ähm, gehen.“ Sie stellte das Glas auf dem Couchtisch ab.
„Vergiss deine Berichte nicht, Belinda“, stichelte Kelsey.
„Was?“ Belinda wirkte erneut hilflos.
„Ich bringe sie am Montag mit zur Arbeit“, sagte Darren. „Mach dir wegen all dem keine Gedanken, okay?“
Kelsey wedelte mit den Händen in der Luft. „Ja, mach dir keine Sorgen, Belinda.“
Sie hasste es, wie wütend sie war. Kelsey hatte einen guten Grund, wütend zu sein, aber sie hatte es geschafft, einen Kinderhändler zu überwältigen, eine Frau vor dem Tod zu bewahren und dann von ihrem Chef zusammengestaucht zu werden, ohne die Fassung zu verlieren. Doch jetzt konnte sie ihre Fassung nicht bewahren. Und weswegen? Ihre Ehe war vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hatte.
Kelsey wandte sich ab und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Sie wollte keinem von ihnen die Genugtuung geben, sie weinen zu sehen. Sie hätte hysterisch werden und zusammenbrechen können, so wie ihr Leben gerade zusammenbrach, aber sie war eine FBI-Spezialagentin, und ihre Professionalität übernahm die Führung.
Die Haustür schloss sich hinter Belinda.
„Nun, vielen Dank dafür“, seufzte Darren. Er nahm Belindas Glas vom Couchtisch und brachte es mit seinem eigenen in die Küche.
Kelsey schüttelte den Kopf und folgte ihm. „Ich würde mir die Zahlen auch gern ansehen.“
„Was?“ Darren kippte den Wein in die Spüle und spülte die Gläser ab.
„Ich habe heute früher Feierabend und möchte dir helfen, Darren. Lass mich einen Blick auf die Berichte werfen und sehen, ob ich irgendwie helfen kann.“
„Mein Gott, Kels!“ Darren drehte sich um und sah sie an. „Du machst dich lächerlich.“
Kelsey warf einen Blick ins Wohnzimmer. „Ich habe sie da hinten nicht gesehen. Hast du sie weggelegt, bevor du ihr deine Schulter zum Ausweinen angeboten hast?“
„Geht es darum, dass ich sie getröstet habe? Ist es das? Ich würde das für dich auch tun, Kels, wenn du mich lassen würdest. Aber, nein! Du musst immer stark und unabhängig sein! Es ist keine Schwäche, um Hilfe zu bitten“, schrie Darren.
Kelsey hasste es, dass er recht hatte. Sie mochte es nicht, in irgendeiner Weise Schwäche zu zeigen, und durch sein Verhalten gegenüber Belinda fühlte sie sich schwach. Sie war jung und attraktiv und hatte einen guten Job, aber das reichte nicht aus, um ihren Verlobten zufrieden zu stellen. Es bedeutete nur, dass es ihr an anderer Stelle fehlte. Vielleicht war sie ein schlechter Mensch, langweilig, kontrollierend.
Sie schüttelte erneut den Kopf, aber dieses Mal, um die Gedanken zu vertreiben. Er war derjenige, der im Unrecht war, nicht sie. Sie hätten das alles vermeiden können, wenn er nur mit ihr über seine Gefühle gesprochen hätte.
„Sie saß praktisch auf deinem Schoß“, sagte Kelsey traurig. „Bin ich nicht gut genug für dich?“
„Hey, sag das nicht, Babe.“ Darren trat näher an sie heran und legte ihr eine Hand an die Wange.
Kelsey wollte zurückweichen, aber nach ihrem Tag tat diese Intimität gut.
„Ich liebe dich, Kels“, sagte Darren.
„Ich weiß, dass du das tust“, erwiderte Kelsey. „Und ich liebe dich auch, aber was nützt das noch? Sei wenigstens ein Mann und gib zu, dass du es versaut hast!“
Darren entfernte seine Hand augenblicklich von Kelseys Wange. Seine Augenbraue zuckte leicht, auch er hielt seine Wut und Frustration zurück. Er hielt ihrem Blick volle zehn Sekunden lang stand.
„Was erwartest du, Kelsey?“ Der Tonfall in seiner Stimme jagte Kelsey einen Schauer über den Rücken. „Du arbeitest achtzig Stunden in der Woche und wenn du nach Hause kommst, bist zu müde für alles. Was soll ich denn machen?“
