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Das übergreifende Thema ist Selbstreflexion. Getrieben von dem Wunsch, sich selbst bloßzulegen, schont sich die Erzählerin in keinster Weise. Spricht unbequeme Sachverhalte aus. Zeigt dem Leser, dass auch innerlich zerbrochene und zerrissene Charaktere zu so etwas wie Glück finden. Die Sprache ist bisweilen hart. Trägt fragmentarischen Charakter im Satzbau. Und hat als Protagonistin eine Person, die sich gerade in einer schwierigen Phase ihres Lebens befindet. Nach einer ihr angetanen Gewalttat liegt sie im Krankenhaus und lässt auf Wunsch ihrer Ärztin ihr Leben Revue passieren. Innerhalb dieser Unterhaltung, die weitestgehend in Prosa und ohne viel Dialog abgebildet ist, sowie einem erzählerischen Rahmen werden die bereits kurz erwähnten Themen behandelt. Es ist zudem nicht alltäglich, einen Roman zu lesen, dessen Hauptcharakter sich gerade mitten im Wechsel des Geschlechts befindet. Was der zweite übergreifende Rahmen des Buches ist. Mir ist es, als Protagonistin, ein persönliches Anliegen, mit „Innerself Twist“ Vorurteilen über dieses Thema entgegenzutreten. Ohne die übliche Sprache der Boulevard-Medien in solchen Fällen. Und ohne Angst, auch die Gründe manchen Fehlverhaltens der Transgender aufzuzeigen. Ich bin der Überzeugung, dass die Literatur solche Charaktere braucht. Innerlich zerrissene Figuren tauchen sicher nicht gerade selten auf. Doch die allerwenigsten befinden sich in diesem Zwiespalt, der nicht nur die Psyche, sondern auch die Physis betrifft.
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2016
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„Wem sonst als dir…“
Für R.
In Anerkennung der Menschen, die unbeirrbar „unseren“ Weg gehen...
...besonders Janina, Anja und Meli...
...und Marie...
...danke...
Zum Geleit
I – Gedanken rasen
II – Wo beginnen – und wo enden
III – Erwachen
IV – Betrachtungen
V – Freunde
VI – Weckruf
VII – Therapeutisches Zwischenspiel
VIII – Gutachterliches
IX – Anhörung und Angleichung
X – Begegnungen
XI – Bett- und Küchengespräche
XII – Karrierekatastrophe
XIII – Diana
XIV – Rekapitulation
Dank
Dieses Buch ist nichts Alltägliches. Es ist kein Roman im eigentlichen Sinne, da der Inhalt dafür viel zu biographisch ist. Es ist jedoch auch keine Biographie, wie man sie für gewöhnlich zu lesen bekommt, da das Geschilderte viel zu selbstreflexiv ausfällt.
Doch gerade diese Selbstreflexion ist eines der beiden übergreifenden Themen in „Innerself Twist“. Das andere behandelt die Frage, wie man als im falschen Körper geborener Mensch alle Schwierigkeiten um sich herum meistert, um zu so etwas wie einem erfüllten Leben zu finden.
Vermutlich wird der Durchschnittsleser mit diesem Buch nicht allzu viel Freude haben. Man sollte dies als Warnung verstehen. Man muss sich auf diese Thematiken einlassen. Sollte sich auch die Zeit nehmen, um in der Lektüre innezuhalten und über das Gelesene reflektieren. Vielleicht auch ein wenig über sich selbst.
Auch darf dieses Buch nicht als Lebenshilfe für Menschen verstanden werden, die vielleicht sogar einen ähnlichen biographischen Hintergrund haben wie die Autorin. Dafür ist vieles zu subjektiv. Allerdings hegt sie die Hoffnung, dass sich interessierte Leser zumindest in die Problematik einfühlen können, die eine solche Geschlechtsidentitätsstörung mit sich bringt.
Die Seele solcher Menschen kennt man nur, wenn man dies selbst durchgemacht hat. Aber man kann etwas für die Akzeptanz tun. Man kann etwas zum Erwecken von Empathie tun.
Der „Innerself Twist“ möge beginnen.
Die Worte mögen beginnen zu fließen...
Flackerndes Neonlicht. Der Geruch nach Desinfektionsmittel. Lindgrün gekachelte Wände. Das ist das erste, was ich nach dem Aufwachen wahrnehme. Keine Erinnerung, wie ich hierher komme. Kein Zeitgefühl. Und keine Ahnung, wo ich eigentlich bin.
Mein Kopf schmerzt. Das linke Auge lässt sich nicht ganz öffnen. Ich greife an meinen Kopf und fühle weiches Leinen unter meiner Hand. Die Finger tasten sich weiter hinab. Und wieder Schmerzen, als ich die Haut am linken Auge berühre. Wo kommt diese Schwellung her? Und warum liege ich auf die rechte Seite gebettet? Versuchen zu denken. Gedanken rasen durch meinen Kopf. Laute Musik. Drinks. Bekannte und fremde Gesichter fliehen schemenhaft der Erinnerung.
Ein Schmerzschub durch den ganzen Körper erfasst mich, schüttelt mich, so dass ich schreien will. Kein Laut kommt über meine Lippen. Selbstbeherrschung siegt über den Körper. Kurzes Aufatmen. Dann falle ich zurück ins Dunkel.
Nach dem Aufwachen ist der unangenehme Geruch schwächer. Das Licht immer noch grell, aber ruhig. Noch auf der Seite liegend, blicke ich um mich. Ein gewöhnliches Krankenhauszimmer. Rechts neben dem Bett die Nachtkonsole. Links das Fenster. An der Wand gegenüber dem Bett ein Tisch und zwei Stühle. Ich bin alleine. Der Kopf schmerzt noch, doch das Denken fällt mir leichter. In kleinen Schüben festigt sich die Erinnerung. Laute Musik. Drinks. Bekannte und fremde Gesichter nehmen Form an. Das Gefühl, der Schädel möchte platzen. Das Erinnern ist anstrengend. Schmerz rast in den Kopf die Wirbelsäule hinauf vom Ausscheidungspunkt. Unvorstellbar, dass sich der Schmerz von dort ausbreitet. Kein Gefühl in dieser Körpergegend. Sagt mein Hirn. Doch das Gefühl kommt langsam zurück. Zu schnell. Mit dem Gefühl kommt das Erinnern. Ich will mich nicht erinnern. Nicht noch einmal die Demütigung spüren. Nicht noch einmal Hilflosigkeit spüren. Und wieder rasende Gedanken.
Verachtenswert. Das ist der Mensch in seinem Trieb. Schlimmer als jedes Tier, das spürt, wann es seinem Trieb nachgeben darf. Der Mensch kennt keine Grenzen. Muss seine Triebe unterdrücken. Lässt ihnen oftmals freien Lauf, anstatt sie in sinnvollere Dinge zu kanalisieren. Doch wenn unbefriedigte Lust, die Gier nach Geld und Macht in welcher Form auch immer die Oberhand über das Denken bekommen, fallen die Schranken. Verstehen wird man es nie. Erklären wird es nie jemand können. Soziologen, Psychologen, immer auf der Suche nach Antworten für das Verhalten der Menschen. Man findet vielleicht Ursachen für bestimmte Verhaltensmuster. Gründe, warum eine Person zu dieser wurde und sich nicht zu einer anderen entwickelt hat. Zurück wird immer Ratlosigkeit bleiben ob der Unberechenbarkeit von nicht erklärbaren Verhaltensmustern. Kein Mensch kennt den anderen wahrhaftig. So tief das Vertrauen und das Sich-Öffnen auch sein mag. Zurück bleiben immer tiefere Abgründe, heimliche Spalten, in denen sich Verborgenes einnistet. Immer bereit, sich bei der erstbesten Gelegenheit aus der Tiefe empor ins Licht zu bringen. Den Gegenüber in Erstaunen zu versetzen, in Verständnislosigkeit zurück lassen. In Angst. In Schrecken. Selten genug kommt das Gegenteil vor. Bedauerlich.
Geht mir solches durch den Kopf, fühle ich mich bisweilen zu zynisch, zu nah am Misanthropischen. Und doch bin ich kein Menschenhasser. Dafür fühle ich mich zu optimistisch. Und ebenso oft fühle ich mich bedauernswert ob dieses Optimismus. Der Mensch an sich ist verachtenswert nicht nur seiner Heimlichkeit, seines Triebes wegen. Er ist verachtenswert, weil er von einem Tag auf den anderen lebt. Nicht über sich nachdenkt. Selbstreflexion für den morgendlichen Blick in den Spiegel hält. Härter als ich es meine klingt dies. Im Gegensatz zu anderen Menschenverächtern stellt sich dieses Gefühl bei mir erst nach einer Weile ein, wenn ich jemanden näher kenne. Leider trifft dies auf viele Menschen zu. Zu viele. Leider, weil diese Verachtung meinem Positivismus zuwiderläuft. Im Gegenzug ist es Arroganz, was die meisten an mir feststellen würden. Ohne sich zu fragen: Warum? Man kann auch nicht erwarten, dass der Mensch seine Oberflächlichkeit ablegt. Sie ist bequem. Schützt vor tiefen Gedanken. Vor dem Sich-Öffnen-Müssen. Problematisch wird es, treffen Oberflächliches und Tiefsinniges aufeinander. Wer lange genug über sich selbst reflektiert hat, ohne Angst, was dabei alles zum Vorschein kommen mag, durchschaut in der Regel sehr schnell oberflächlich Denkende und Handelnde. Die Wahl: entweder auf die Banalität des Anderen eingehen oder sie diesem vor Augen führen. Im Normalfall entscheide ich mich für die Konfrontation. Nicht um der Provokation willen. Sondern weil immer auch ein Stückchen Hoffnung in mir lebt, dass durch ein gutes und offenes Gespräch der Mensch zumindest in dieser Hinsicht geändert werden kann. Und innerlich geändert werden will. Das Stückchen Hoffnung atomisiert sich mehr und mehr. Oberflächlichkeit regiert. Ist das allgemeine Vorbild. Der Trieb hat es leicht.
Arroganz. Überheblichkeit. Narzissmus. Begriffe, die schon viele Menschen mit mir assoziiert haben. Bin ich selbstverliebt, bloß weil ich zu oft in den Spiegel schaue und andere Menschen vielleicht zu oft ihre Unterlegenheit spüren lasse? Ist es überheblich zu nennen, bloß weil ich einen inneren Drang habe, andere Menschen zu verbessern? In ihrer Ausdrucksweise. Ihnen ein bisschen mehr Wissen zu geben. Sie zum Lernen, Denken, zur Selbstreflexion anspornen möchte. Und ist es wirklich arrogant, wenn ich neuen Bekanntschaften zunächst etwas reserviert gegenüberstehe? Weil ich es nicht vermag, von Anfang an offen dem Gegenüber zu sein? Mich innerlich in einen Kokon einspinne? Zu viele Verletzungen in der Vergangenheit sind der Grund. Mit Fäusten gestoßen zu werden, mit Füßen getreten zu werden. Im übertragenen Sinne. Nicht sonderlich angenehm. Stets am Rande stehend. Unverständnis auf beiden Seiten. Innerlich komplett von der Gesellschaft, von allen anderen Menschen abgekapselt. Es wird ruhig in mir. Ich lerne zu denken, zu reflektieren. Luge aus dem Kokon heraus. Erkenne die eigenen Fehler. Beginne mich langsam wieder zu öffnen. Lasse andere Menschen an meinem Leben teilhaben. Werde wieder und wieder verletzt. Der Kokon zum Verkriechen ist schnell wieder gesponnen. Das Wesen spaltet sich in der Verpuppung. Nach draußen dringt nur noch der kleinste Teil von mir. Freundlich, zuvorkommend, verständnisvoll. Trotz allem arrogant. Weil ich niemanden in mein wahres Wesen hineinblicken lasse. Bis auf wenige Ausnahmen. Diese wissen es. Spüren es vielleicht sogar. Und doch wird mit jedem Jahr, das vergeht, der Kokon immer brüchiger. Je mehr ich das innerlich Kaputt-sein akzeptiere, je mehr ich den oberflächlichen Kontakt zu anderen Menschen lerne, desto mehr lasse ich einen weiteren Teil meines versteckten Wesens nach außen fließen. Ich hasse und verabscheue mich in diesen Momenten. Denn jeder Nanopartikel mehr, den ich anderen Menschen von mir zugestehe, ist ein potenzieller Angriffspunkt. Und ich wage zu behaupten, dass genau daran auch die meisten Beziehungen scheitern. Freundschaften. Partnerschaften. Man weiß zu viel vom anderen und benutzt dieses Wissen als Waffe. Als Druckmittel. Missbraucht das Vertrauen. Oder wird missbraucht. Seelisch. Körperlich. Aber darf ich mich deshalb von allen Kontakten abschotten? Ist es möglich, auf die Dauer nur das Unwesentlichste von sich preiszugeben, und trotzdem besonders in Gesprächen nicht als zu verschlossen, als zu absonderlich – als arrogant zu gelten? Wenn man sich durch alle erlittenen Verletzungen hindurch zu einem zynischen Menschen wie ich es bin entwickelt hat, muss die erste Frage verneint werden. Der Zynismus frisst einen auf. Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich noch nicht zum Menschenhasser mutiert bin. Eigentlich, wegen des ambivalenten Wesens meines Denkens. Optimismus trotz Verachtung. Man lernt damit zu leben, ist für die meisten anderen Menschen jedoch schwer zu fassen. „Man weiß eigentlich nie so richtig, mit welchem Teil deiner Persönlichkeit man es gerade zu tun hat, weil du so viele in dir vereinigst.“ Das stimmt. Und hebt mich allerdings auch nicht von anderen Menschen ab. Freunde behandelt man anders als Bekannte. Kollegen anders als Freunde. Das spielt in die zweite Frage hinein. Möglich ist es, wenn man sich Zeit mit dem Öffnen lässt. Wenn es auch ungeheuer schwierig ist. Dadurch nicht gleich alles Vertrauen zu verspielen. Die Kunst ist, die Balance zu finden. Auf einen gewissen Ausgleich zu achten. Wissen, wann man sich wie weit dem Partner öffnet. Ich lerne noch.
Es gab und gibt Momente in meinem Leben, in welchen ich wünschte „normaler“ zu sein. Nicht ständig innerlich mit mir selbst kämpfen zu müssen. Über ein „natürliches“ Selbstbewusstsein zu verfügen, dass auf andere nicht gleich arrogant wirkt. Vieles von dem, was mein Innerstes geformt hat, habe ich selbst verschuldet. Wenigstens kann ich mir das eingestehen. Reflexion. Immer wieder und wieder. Und ständig die Frage: Wo liegt letztlich der Auslösepunkt für all dies? Es gibt keine Antwort. Es gibt nur ineinander spielende Faktoren. Mühselig zu fragen: Was wäre, wenn...? Doch genau damit hält sich die Menschheit auf. Was wäre, wenn. Es mag im geschichtlichen Kontext interessant sein. Was wäre, wenn Alexander nicht in Babylon gestorben wäre. Was wäre, wenn Hannibal nach seinem Sieg in Cannae nach Rom marschiert wäre. Was wäre, wenn die Sachsen über Karl gesiegt hätten. Was wäre, wenn das Stauffenberg-Attentat gelungen wäre. Prognostizierungen. Für das Leben um uns herum, für das eigene Leben, völlig unerheblich. Man lebt dadurch zu sehr in der Vergangenheit. Vergisst die Gegenwart. Verliert die Zukunft möglicherweise ein wenig aus dem Blick. Den Fehler habe ich in der Vergangenheit selbst oft genug gemacht. Es bringt nichts. Höchstens Melancholie. Sehnsucht nach Vergangenem. Unwiderruflich verloren, vorbei.
Warum geht mir das alles gerade jetzt durch den Kopf, frage ich mich. Während ich mich auf die andere Seite drehe. Dabei versuche, so wenig wie möglich den Steiß zu belasten. Ist es der Versuch, den letzten Abend zu erklären? Ist es Selbstschutz? Zu denken, statt zu fühlen? Alles zusammen. Ich blicke aus dem Fenster, sehe dichte grüne Baumwipfel, eine Kapelle oder Kirche auf einem Hügel. Helle, saubere Häuser ziehen sich vereinzelt diesen hinab. Weiter unten stehen sie gedrängter, schmutziger. Das eben Gedachte resümiert sich nochmals beim Anblick der Landschaft. Die gedrängten Häuser als die Masse der Menschen. Einer wie der andere. Ohne große Unterschiede. Die Häuser am Hügel die abseits stehenden Menschen. Die über sich nachgedacht haben und von den anderen sichtbar sich abheben. Die Kapelle auf dem Gipfel der Punkt, wo jeder Mensch hin streben sollte. Eine Illusion. Am Grund zu bleiben ist angenehmer. Der Aufstieg zu beschwerlich. Zudem fällt es leichter, sich im Gewimmel zu verstecken. Nicht aufzufallen. Bloß keine Besonderheit zeigen. Anstrengender ist es, empor zu streben und trotzdem das Halbdunkel der Masse ertragen zu müssen. Oder zu wollen. Vor solchen Menschen, meist sozial engagiert, habe ich hohen Respekt. Wahrscheinlich deshalb, weil diese meinem Charakter so verschieden sind.
Die Gedanken rasen weiter durch meinen Kopf. Helle und schmutzige Häuser. Eigentlich auch eine schöne Allegorie für den Geist des Menschen. Die hellen, vereinzelt stehenden als Sinnbild für einen gewissen Intellekt. Die gedrängten, schmutzigen für das Gewöhnliche. Den Durchschnitt. Was prinzipiell ja nichts Schlechtes ist. Wären die Unterschiede innerhalb dieses Durchschnittes manchmal nicht so extrem krass. Auf der einen Seite Menschen wie du und ich. Die ganz vernünftig denken. Sich auch durchaus Gedanken über komplexere Zusammenhänge machen. Allerdings eher zum Zeitvertreib als um wirklich nach Lösungen zu suchen. Andererseits findet man gerade auch in diesem Durchschnitt Menschen, die an Dummheit nicht zu überbieten sind.
Zwei Personen blitzen dabei plötzlich aus meinen Gedanken auf. Prinzesschen. Chrissi. Die Erste Teilnehmerin einer Jobcenter-Maßnahme. Die Zweite Sozialpädagogin und Leiterin derselben. Man stelle sich Prinzesschen so vor: 160cm groß, zu viele überflüssige Pfunde auf der Hüfte (ohne dabei wirklich fett zu sein), Halbitalienerin, Lieblingsfarbe Schweinchenrosa. Mit einem Charakter, den sie wohl auf dem Sperrmüll gefunden und dort gleichzeitig ihr Hirn liegen gelassen hat. Das ist nicht nett formuliert. Aber zutreffend. Und bevor jetzt ein falsches Bild entsteht durch meine Beschreibung: Äußerlichkeiten an sich sind mir völlig egal. Hier dienen sie lediglich der Anschauung. An einer parallel laufenden Weiterbildung im gleichen Haus (einem gemeinnützigen Bildungsträger) habe ich selbst teilgenommen. Daher kenne ich sie. Und meine beste Freundin, Sammy; nebenbei erwähnt. Wir waren alle drei in der gleichen Abteilung eingesetzt. Im Sonderpostenlager des Gebrauchtwarenkaufhauses (GWK) dieses Bildungsträgers. Primär sollten wir dort unten Ordnung halten und Kunden bei Fragen zur Verfügung stehen. Dort unten: weil sich das Sonderpostenlager im Keller befindet. Sekundär waren wir Mädchen für alles. Sammy und ich waren Vollzeit anwesend. Das heißt acht Stunden täglich. Eher waren es mehr. Prinzesschen und ein paar andere hatten lediglich drei Stunden abzusitzen. Absitzen: das trifft es schon perfekt. Ein typischer Vormittag sah bei ihr so aus: Arbeitsbeginn um halb neun, drei Stunden herumsitzen, Feierabend um halb zwölf. Das ganze kann man jetzt Faulheit nennen. Trifft ebenfalls zu. Der erste Tag von Sammy und mir im Sonderpostenlager sah da noch völlig anders aus. Prinzesschen war zu diesem Zeitpunkt schon einige Zeit länger da. Die Maßnahmen liefen zwar parallel, jedoch um drei Monate zeitversetzt bei Beginn und Ende. Was hat sie sich ins Zeug gelegt, um uns alles zu zeigen und zu erklären. Was alles gemacht werden muss. Auf was wir achten müssen. Zwei Wochen später sah es dann so aus: Sammy und ich schmissen diesen Keller alleine (zusammen mit einer Festangestellten, die jedoch auch nur halbtags arbeitet). Faulheit. Na gut. Darüber kann man sich aufregen oder sie einfach hinnehmen. Schnell merkten wir allerdings, dass Prinzesschen nicht nur faul, sondern auch dumm war. Wieder so ein hartes Wort, was ich für gewöhnlich vermeide zu verwenden. Dummheit hat meiner Meinung nach nichts mit Wissen oder Nicht-Wissen zu tun. Sondern mit Nicht-Wissen-Wollen. Für mich sind dumme Menschen solche, die nicht nur an einer einmal gefassten Meinung festhalten, egal wie falsch sie auch sein mag, sondern sich dazu auch noch gegen jedes bisschen Neues sträuben. Man könnte ja in Versuchung geraten, nachzudenken. Schlimmstenfalls über sich selbst. Prinzesschen war und ist solch ein Mensch. Bemerkbar wurde dies, als nach einigen Wochen die Rede auf meine Intersexualität kam. Zugegeben: das ist kein einfaches Thema für jemanden, der sich noch nie damit auseinander gesetzt hat. Jedoch halte ich mir zugute, dass ich dieses für jeden so einfach wie nur möglich erklärbar mache. Einmal bin ich gescheitert. An ihr.
Wir saßen an diesem Vormittag draußen, um Zigarettenpause zu machen. Prinzesschen und ich. Irgendwie kam die Rede auf die Transition (die Geschlechtsanpassung) und ob es da nicht schwierig ist, einen Partner (oder besser: eine Partnerin in meinem Falle) zu finden. Das bejahte ich. Was auch sonst. Sie stellte dann die Frage, warum das so ist. Der Charakter sei doch entscheidend. Was für eine Heuchlerin, da sie selbst immer zuerst nur auf das Aufsehen eines Menschen achtete. Ich stellte ihr die einfache rhetorische Frage, wie sie sich fühlen würde, wenn ihr eine sympathische Person, bei der man sich Hoffnung auf eine Beziehung macht, auf einmal mitteilen würde, dass sie transsexuell sei. Wohl bemerkt: Diese Frage bereitete ich ihr in einigen kurzen Sätzen. Da setzte bei ihr das Denken aus. Sie fing an, mir von ihren Ex-Kerlen zu erzählen. Und erzählte. Und erzählte. Ich stellte ihr die Frage nochmal. Schaute ihr dabei in die Augen. Und was ich da sah, war Dummheit. In dem Moment war klar, dass wir beide nie auf einen Nenner kommen würden in den Folgemonaten. Dass ich ihr intellektuell haushoch überlegen war. Was sie auch spürte. Und sie in der Zeit nach dem Gespräch aggressiv mir gegenüber werden ließ.
Faulheit. Dummheit. Charakterlosigkeit. Das letzte war wohl auch die entscheidende Erfahrung mit ihr. Irgendwann saßen Sammy und ich zusammen mit einem weiteren Teilnehmer unserer Gruppe im Aufenthaltsraum und hörten am Laptop Musik. Metal. Was sonst. Da kam Prinzesschen: Wir sollen diesen blöden Scheißdreck ausmachen. Davon würde sie Kopfweh bekommen. Wer sowas hört, ist doch geistesgestört. Da reichte es mir. Man kann mich gerne als „speziell“, als „abgedreht“ bezeichnen. Dem stimme ich vollkommen zu. Aber geistesgestört? Man merkt, dass Prinzesschen noch nie mit geistig eingeschränkten Menschen zu tun hatte. Dann hätte sie möglicherweise den Widerspruch entdeckt. Ich blickte zu Sammy. Sammy warf mir einen Cool-Down-Blick zu. Meinte zum Prinzesschen, dass sie sich gar nicht so aufregen bräuchte, bloß weil ihr etwas nicht gefiele. Von uns hätte sie schließlich auch niemand dumm angemacht, als sie einige Wochen vorher mit völlig hässlichen und ihr überhaupt nicht stehenden goldfarben lackierten Fingernägeln ankam. „Du willst deine Meinung sagen? Bitte! Aber dann sachlich und ohne ausfallend zu werden!“
Faulheit. Dummheit. Charakterlosigkeit. Nicht viele Menschen vereinen diese Eigenschaften zu gleichen Teilen in sich. Meistens herrscht eine vor. Wer sie besitzt. Das komplette Gegenteil dazu ist Chrissi. Sozial engagiert. Intelligent. Direkt und höflich auch bei unangenehmen Aussagen. Wer mit Problemen zu ihr kommt, kann auf Lösungsvorschläge oder zumindest auf ein offenes Ohr hoffen. Leider werden gerade solche Menschen als Kollegen oder als „seelische Müllhalde“ sehr geschätzt. Weil sie sich ausnutzen lassen. Weil es ihnen schwer fällt, Nein zu sagen. Das Haus am Hügel ist diesen Menschen sicher. Jedoch vergessen sie nie den mitleidsvollen Blick ins Halbdunkel nach unten. Das ist wohl der Grund, weshalb ich Chrissi so schätze. Sie hat eine enorme Menschenkenntnis, was sich in persönlichen Gesprächen auch zeigt. Gerade denke ich daran, weshalb ich zu solchen Menschen ein derart gutes Verhältnis habe. Einerseits ist es sicherlich der zumindest im Groben diametrale Unterschied im Charakter. Andererseits führt der intellektuelle Anspruch, der Positivismus auch aufeinander zu. HD, der Leiter der Maßnahme, an welcher Sammy und ich teilnahmen, ist ebenfalls so ein Fall. Oder die neueste Bekanntschaft unter den Pädagogen. Den Kopf zieht es immer in diese Richtung. Intellektualität und Menschlichkeit. Und das Herz? Betrügt mich. Wird von meinem Geist überlagert. Lässt der Sehnsucht nach Harmonie und Familie keine Ruhe. Und unterliegt doch immer im Ringen um das Erkennen von Gefühlen.
Krass, schießt es mir in den Kopf. Unangenehme Menschen provozieren solch einen Wortschwall. Bei angenehmen fallen einem die Worte so schwer, einfach weil der Mensch da ist. Während ich im Bett des Krankenhauszimmers liege, wundere ich mich noch über diese Gedankengänge. Häuserschluchten, der Hang und Gipfel eines Hügels. Mein komplizierter Charakter. Der kurze Einschlag eines Sekundenbruchteils, um all dies zu denken. Die Gedanken hören auf zu rasen. Der Kopf schmerzt. Für kurze Zeit nicke ich ein.
Ich werde wach, als jemand leise an die Tür klopft und sie vorsichtig öffnet. Marie und eine Ärztin kommen herein. Marie: meine Freundin. Sie hat geweint. Wahrscheinlich auch nicht geschlafen. Sie setzt sich auf die Kante des Bettes, schaut mich an. Beginnt wieder zu weinen. Die Ärztin hat mittlerweile einen Stuhl an das Bett gerückt, sich niedergelassen und blickt mich ebenfalls an. Sehr besorgt. Mitfühlend. Ich frage, was diese Leichenbittermienen sollen. Was mir passiert ist, passiert vielen anderen auch. Jeden Tag. Überall auf der Welt. Mit diesem Satz ist die Erinnerung komplett da an den vergangenen Abend. Laute Musik. Drinks. Freunde, Bekannte und Fremde. Der kurze Gang auf die Toilette. Auf dem Namensschild der Ärztin lese ich „Fr. Dr. Veronika Henning-Schmelzer“. VHS. Lustig. Das Geschehene wird nur kurz verdrängt. Der Gang auf die Toilette. Beim Verlassen das Zerren von hinten in einen Nebenraum. VHS blickt auf eine Akte. Steht auf. Fühlt kurz an meinem linken Auge. Der Aufprall des Kopfes und das Pressen des Oberkörpers an die Wand. Betäubter Tanz von Funken und Sternen. Das Hochziehen des Rockes. VHS notiert etwas. Blickt mich nochmals kurz an. Die Sterne tanzen weiter beim gewaltsamen Eindringen von hinten. Dann wird es dunkel.
Der Trieb triumphiert.
Doch die Worte fließen weiter...
Sich vor Augen zu führen, wie schnell das Leben sich ändern kann. Nicht jeder Mensch kann das. Wer stets ein harmonisches Leben geführt hat, macht sich keine Vorstellung davon, was Schicksalsschläge bedeuten. Welchen Einfluss sie auf das Leben haben können. Ich habe immer die Überzeugung vertreten, dass seelisch erlittene Gewalt schlimmer zu erdulden ist als körperliche. Du kannst den Körper gebrochen bekommen. Innerlich jedoch über deine Peiniger siegen und sie verlachen. Völliger Unsinn. So schien es mir für den Moment. Die körperlich erlittene Scham übertraf alles, was innerlich in mir zerbrochen, nur mühsam gekittet, erneut zerbrochen war. So denke ich heute, lange nachdem alles verarbeitet ist. Nach wie vor fällt es mir schwer, Worte für das Geschehene zu finden. Der triebhafte Rausch des Menschen ist unerklärlich. Nicht rational. Irrational. Ein falsches Wort, noch so unverfänglich gemeint, mit einem ehrlichen Lächeln auf den Lippen, kann der Auslöser sein. „Mit Männern kann ich nichts anfangen. Sorry.“ Das waren meine falschen Worte. Obwohl mein Arm um Marie lag.
Erstaunlicherweise hat sich an meinem Verhalten seitdem nichts grundlegend geändert. Ich bin zynischer geworden. Das ja. Aber weder habe ich mich innerlich noch äußerlich wieder mehr in meinen Kokon geflüchtet. Im Gegenteil. Meine Kontaktfreudigkeit, soweit man bei mir überhaupt von solch einer sprechen kann, hat eher noch zugenommen. Wirklich erstaunlich. Man wird natürlich gefragt, wie man das verarbeitet. Wie man damit umgeht. Ich habe mich bisher dagegen gesträubt, „professionelle Hilfe“ bei einer Therapeutin in Anspruch zu nehmen. Mir ist das Gerede vom „Opfer“ einer Gewalttat einfach zu viel. Ich habe mich nie als solches gesehen. Würde mir der Typ heute über den Weg laufen, bekäme er wahrscheinlich entweder den Mittelfinger gezeigt oder die Faust ins Gesicht. Aber so oder so: Es ist eine „Was wäre, wenn...“-Frage. Damit erübrigt sich das Nachdenken darüber schon wieder für mich. Die Zeit lässt sich nicht zurück drehen. Zum Glück, bin ich versucht zu sagen. Kein Mensch befände sich heute dort, wo er ist. Geschehnisse und die Erinnerung daran können schmerzhaft sein. Und doch lernt man dadurch. Vielleicht hätte sich die Tat verhindern lassen, wenn ich nur lächelnd den Kopf geschüttelt hätte? Was wäre, wenn... Unsinn.
Und doch kommt man nicht darum, über sich selbst zu reflektieren. Man muss sich selbst die Frage stellen, weshalb man ist, was man ist. Wie man dahin gekommen ist. Wer sich jetzt sorgt, ich würde mich in esoterischen Lebenshilfe- oder Selbsterkennungsratschlägen üben, kann diese Sorge ablegen. Weder Bücher noch irgendwelche Seminare können so hilfreich sein wie das eigene Nachdenken. Man braucht nur eine einzige Voraussetzung dazu, und die ist sogar kostenlos: Schonungslose Ehrlichkeit zu sich selbst. Ich finde diese „Hilfe zur Selbsthilfe“ einfach zum Kotzen (man verzeihe mir bitte diesen verbalen Ausrutscher). Allerdings stelle ich es nicht in Abrede, wenn man sich professionellen Rat holt, um eine möglicherweise vorhandene innere oder äußere Barriere zu überwinden. Alles andere ist doch nur temporär nützlich, da die meisten nach kurzer Zeit wieder in alte Verhaltensmuster fallen.
Man lernt aus eigenen Erfahrungen. Wird geprägt durch so viele verschiedene Einflüsse. Durch Menschen in seinem Leben. Hätte ich einen Wunsch frei, ich würde mir das gleiche Leben noch einmal genau so wünschen. Ich wollte gar nicht zweifelsfrei als Junge oder Mädchen geboren werden. Wollte gar nicht die finanziellen Schwierigkeiten missen, in denen sich die Eltern und zeitweise auch ich mich befand. Wollte nicht die Erfahrung schmerzhafter Liebe aus der Erinnerung gelöscht wissen. Den süßen Schmerz vergeblicher und verlorener Liebe. Dies alles formte mich genauso, wie jedes kleine oder große Ereignis in meinem Leben. Gutes wie Schlimmes. Bin ich glücklich? Vielleicht. Bin ich zufrieden? Auf jeden Fall. Natürlich kann man immer sagen: Ich wäre als Kind glücklicher gewesen, wenn mein Geschlecht eindeutig gewesen wäre. Ich wäre als Erwachsener vermutlich glücklicher, wenn mein beruflicher Lebenslauf über mehr Stringenz verfügen würde. Ich habe mich zumindest ab einem bestimmten Punkt selbst für mein Leben entschieden. Vieles davon war richtig, einiges sicherlich falsch. Ich lernte.
Es bleibt nicht aus, etwas aus seinem Leben zu erzählen, wenn man körperlich anders ist. Als mir im Krankenhaus die Gedanken rasend durch den Kopf wirbeln und ich die Schmerzen nur durch das Denken zeitweise unterdrücken kann, kommt es mir wie eine Erlösung vor, einfach reden zu können. Nicht über das Geschehene. Da gibt es meiner Ansicht nach auch nichts zu reden. Sondern meine Vorgeschichte zu erzählen. Marie hat wohl bereits im Vorfeld, als ich noch ohne Besinnung war, kurz mit der Ärztin gesprochen, so dass ich zunächst etwas überrascht bin, als diese nach einer Weile, in der ich nachdenklich aus dem Fenster blicke, mich auf die nicht unbedingt alltäglich anzutreffende Beschaffenheit meines Körpers anspricht. Es interessiert sie jedoch sehr, also bitte ich sie um Geduld, falls ich etwas weit aushole. Sie gibt mir ein aufmunterndes Lächeln, sagt, dass sie über genügend Zeit verfüge und ich im Moment ihre wichtigste Patientin sei. Alleine schon um die Nachversorgung abschätzen zu können. Ich frage zwar nicht nach, gehe jedoch beim Begriff „Nachversorgung“ von einer Therapie aus. Ich lächle ebenfalls kurz. Richte mich im Bett auf, was zwar noch sehr weh tut, jedoch angenehmer als das ständige Liegen auf der Seite ist...
Ich war noch relativ klein, gerade mal im Kindergarten, als ich tief in mir eine gewisse Andersartigkeit spürte. Erklären konnte ich mir das nicht. Ich wusste nur, dass ich irgendwie „anders“ war. Auch wusste ich nicht genau, was die jährlichen Fahrten nach Würzburg in die Universitätsklinik sollten. Das einzige, dass ich wusste: Es hatte etwas mit Hormonen zu tun. Was diese Hormone seien, wusste ich ebenfalls nicht. Vielleicht war es meiner Mutter zu diesem Zeitpunkt noch zu mühselig, mir dies zu erklären. Die einzige Antwort, die ich erhielt, war immer: „Das hat was mit deinem Problem zu tun.“ Mein Problem. Coole Umschreibung, wie ich im Nachhinein finde. Ein Wort, welches ich viel später dann auch ironisch immer wieder verwendete, wenn die Rede darauf kam. Irgendwann war der Zeitpunkt da, als mich meine Eltern über „mein Problem“ aufklärten. Da war ich ungefähr Fünf. Bei meiner Geburt hatte ich die Veranlagung zu beiden Geschlechtern. Konkret heißt das, die Ärzte vermochten nicht genau zu sagen, ob ich anhand der primären Geschlechtsmerkmale nun männlich oder weiblich war. Ein Hormon- oder Chromosomenbild wurde nicht erstellt. Warum auch immer. War man 1979 noch nicht so weit? Eigentlich undenkbar, wenn man weiß, dass im selben Jahr in den USA auch das erste Baby aus der Retorte zur Welt kam. Unglücklicherweise konnten sich meine Eltern nicht gleich auf mich konzentrieren, da meine Mutter direkt nach der Entbindung eine Lungenembolie erlitt. Die Ärzte schlugen anschließend eine Testosteronbehandlung vor. War für sie vielleicht am einfachsten. Am wenigsten risikoreich. Ich sage nochmals: Man hat zwischen meinen Beinchen nichts gesehen. Ganz besonders lustig eigentlich anzusehen, wenn man sich alte Babyfotos betrachtet, auf welchen Mama mich badet. Da lag ich also. Im Brutkasten, da ich ca. vier Wochen zu früh auf die Welt kam. Mit Hormoncocktails gefüttert. Ganz langsam entwickelte sich auch so etwas wie ein Geschlecht. Drei Wochen nach der Geburt wurde schließlich auch die Geburtsurkunde ausgestellt. Drei. Wochen. Später. Eigentlich das sicherste Indiz, dass die Ärzte völlig ratlos und meine Eltern völlig überfordert waren.
Einen Vorwurf habe ich ihnen nie gemacht. Wie hätten sie es auch besser wissen sollen. Bei jedem Kind, welches geschlechtsneutral geboren wird, ist eine Behandlung ein Vabanque-Spiel. Die Chance, die richte Entscheidung zu treffen, liegt immer bei 50:50. Sicherlich ist die falsche Entscheidung getroffen worden. Und sicherlich haben die Ärzte den einfachsten Weg gewählt. Doch geschadet hat es mir nicht. Alleine schon die Erfahrung war es wert, innerlich völlig anders zu fühlen, als man sich äußerlich gibt. Oder geben muss. Für mein damaliges Alter war mein Geschlecht sehr unterentwickelt. Später auch noch. Aber man lernt damit zu leben. Besonders für meine Mutter war die ganze Sache immer peinlicher als für mich. Im Kindergarten bestand sie darauf, dass ich stets in Begleitung einer Erzieherin auf die Toilette ging. Der Schwimmunterricht in der Schule fiel aus dem gleichen Grund ins Wasser. Es hätte beim Umziehen ja jemand etwas sehen können. Oder auch nicht. Kommt ganz auf den Standpunkt an.
Eines zumindest hat meine Mutter niemals bedacht, was ihr jedoch auch die Erzieherinnen im Kindergarten als auch später die Lehrer immer wieder ans Herz legten. Das mich nämlich das Zurückhalten von allen sozialen Aktivitäten mehr ausschließen würde als wenn man sich über mein Problem lustig machte. Kinder sind meist sehr direkt. Kinder können auch sehr verletzend sein. Aber Kinder können auch schnell verzeihen. Ich hätte wirklich genügend Gründe, mich über Mobbing während Kindergarten- und früher Schulzeit zu beklagen. Doch warum? Man wird irgendwann erwachsen. Und ich lache heute über vieles, was ich früher vielleicht als Demütigung verstanden habe. Dafür hat auch meine Mutter gesorgt. Sie hatte nun mal einen sehr ausgeprägten Drang, mich zu beschützen, weil die anderen Kinder ja ach so gemein zu mir wären. Sie hat nie verstanden, dass ich als Kind die Angriffsfläche dafür war, weil die anderen Kinder sich nicht trauten, sich wegen all dies über meine Mutter lustig zu machen. Ihre Auftritte empfand ich immer als sehr peinlich. Und wehe, ich wagte dagegen etwas zu sagen. „Das ist jetzt der Dank dafür, dass ich mich so um dich kümmere!“ Dass ich das in dieser Art und Weise gar nicht wollte, kam ihr ebenfalls nie in den Sinn. Und doch muss ich eines revidieren. So wenig mich heute all das Schubsen, Anspucken und anderes aus dieser Zeit noch belastet, so schlimm war es damals für mich. War der Beginn des innerlichen Zerbrechens.
Empfindungen verwirren. Sie das erste Mal in aller Intensität wahrzunehmen wo vorher nur ein zarter Hauch von etwas Neuem war, ist ein berauschender Zustand. Verwirrung. Angst. Die Frage, was da gerade mit einem passiert. Seiner Gefühle nicht sicher sein. Der Kopf will und kann keine Antwort geben. Sich dann vom Gefühl treiben lassen. Neugierig darauf, wo man landen wird. So ging es mir eines Tages im Sommer, als gerade das zweite Schuljahr begonnen hatte. Es war heiß. Dreißig Grad mindestens. Wer Mitte oder Ende der Neunzehnachtziger Jahre zur Schule gegangen ist, kennt vielleicht noch diese ekligen kurzen Sporthosen, die die Jungs anhatten. Bei denen man sich immer fragte, wie die Leichtathleten es in diesen nur aushalten können. Wenigstens war ich nicht der einzige, der so ein Ding an hatte. Aber wohl der einzige, der eifersüchtig auf die luftigen Kleider der Mädchen war. Eifersüchtig auf die langen Haare. Eigentlich kann man diese Empfindungen keinem Außenstehendem erklären. Eigentlich, weil man es immerhin versuchen kann. Und trotzdem wird das Erklärte immer nur ein schwacher Abglanz der eigenen Gefühle sein. Kein Wunder, dass die ärztliche und psychologische Betreuung in solchen Fällen derart langwierig ist. Als ich so zu den Mädchen blickte, entfuhr es mir, unbedacht, wie gut es diese doch hätten in ihren Kleidchen. Die anderen Jungs schauten und grinsten doof. „Musst halt auch so was anziehen!“ Ich streckte ihnen die Zunge raus. Wir lachten.
Bereits in dieser Phase zeigten sich erste Züge meines späteren „Kopfmensch-Seins“. Zuhause versuchte ich an diesem Nachmittag, während ich mit meinen Eltern im Garten war, mir darüber klar zu werden, was da eigentlich in meinem Kopf vorging. Seit ungefähr zwei Jahren wusste ich zwar, dass ich körperlich anders war als andere Jungs. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass dies auf mein Innerstes irgendeinen Einfluss haben könnte oder würde. Doch die Saat des Zweifels war eingebracht. Mit meinen Eltern reden oder nicht? Ich entschied mich dagegen. Wollte es ihnen nicht noch schwerer in dieser Sache machen. Meine erste und vielleicht wichtigste Fehlentscheidung. Heute ist es für mich selbst unbegreiflich, warum ich so gehandelt habe. Mangelndes Selbstvertrauen? Bestimmt. Angst, die Eltern zu beunruhigen? Möglicherweise. Einfach nicht mehr nachvollziehbar. Und trotz allem fühle ich kein Bedauern, so gehandelt zu haben.
In den letzten Jahren habe ich viele Transgender mit einem ähnlichen Hintergrund getroffen, die sagen, dass sie heute anders handeln würden. Die als Kinder mit ihren Eltern reden würden, anstatt den Kummer über die Andersartigkeit in sich hineinzufressen. Ich glaube es nicht. Man redet sich da etwas ein. In Foren, in denen solche Thematiken besprochen werden, erkennt man die Hilflosigkeit, die man als Kind selbst gespürt hat. Nicht in Worten. Sondern durch die mitunter heftig ausfallende Reaktion, wenn man gegen diese Überzeugung spricht. „Du kennst mich doch gar nicht. Weißt nicht, wie es in meiner Kindheit war.“ Aber ich kenne meine Kindheit. Meine Gefühle damals und heute. Es ist eine Illusion zu wissen, dass man mit seinen heutigen Kenntnissen anders handeln würde, könnte man die Zeit noch einmal zurück holen. Man würde nicht anders handeln. Man würde an dem Zwiespalt zugrunde gehen. Viel einfacher wäre es, würden die Eltern offen auf diese Probleme reagieren. Würden sich rechtzeitig auf Eventualitäten vorbereiten. Doch der Instinkt zu Beschützen ist größer. Die Angst vor Andersartigkeit. Vor Ausgeschlossen-Sein. Kein Wunder, dass der erste Schock beim Coming-Out dann so groß ist. Einem Kind fällt es schwer, sich vor seinen Eltern als dem falschen Geschlecht angehörig zu outen. Es liegt meiner Erfahrung nach daran, dass Kinder diese feine Grenze spüren, die das Verständnis der Eltern vom Unverständnis trennt. So ging es mir nach einer Weile. Ich konnte mir nicht vorstellen, ihnen meinen inneren Zwiespalt zu erklären. Hatte Angst, ihnen weh zu tun. Man wartet ab. Sucht nach der passenden Gelegenheit, um seinen Eltern zu sagen: „Ich bin kein Junge. Sondern ein Mädchen.“ Oder umgekehrt.
