Inquisitor Nummer Sieben - Armin Moser - E-Book

Inquisitor Nummer Sieben E-Book

Armin Moser

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Beschreibung

Inquisitor Nummer Sieben. An den Ufern des Chorena Eine Serie mysteriöser Todesfälle erschüttert die Anwohner des Flusses Chorena. Immer wieder spült der Fluss Leichen an offenbar Selbstmörder, denn äußere Gewalteinwirkungen weisen die Toten nicht auf. Aber wer oder was trieb die Menschen in den Tod? Wirkt ein Energiewesen oder ein niederträchtiger Dämon auf die Menschen ein? Oder führt eine Spur zur Liga, einem Bündnis von Aufständischen? Deren Rebellion gegen die jahrhundertealte Vorherrschaft der Magier über die gewöhnlich Sterblichen schlugen die Zauberer blutig nieder. Ihr Schreckensinstrument- die Inquisition. Namenlos, gesichtslos, geschichtslos wer in die Inquisition gezwungen wurde, wird zum Anonymus, trägt statt des Namens eine Nummer, im Gesicht eine Maske; löscht damit sein vergangenes Leben aus. Doch dass die Geister der Vergangenheit nur darauf warten, wieder emporzutauchen, muss auch Inquisitor Nummer Sieben erkennen. Bei seinem Auftrag, den rätselhaften Todesfällen auf den Grund zu gehen, beginnt für ihn und die Magierin Kassandra ein Kampf auf Leben und Tod. Ein packender, moderner Fantasyroman, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesselt!

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Seitenzahl: 572

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Polizeiprotokoll zum Verhör Nr. 21-338 im Zusammenhang mit den zusammenfassend als „Ligakrise“ bezeichneten Geschehnissen in Morkada

Verdächtiger:

Ruben XXXXX

Anklage:

Mithilfe bei der Organisation einer terroristischen Vereinigung

Verschwörung

Landesverrat

Verrat am Magischen Orden von Quirilien

Anmerkung:

Aufgrund des letzten Anklagepunktes und der Mitgliedschaft des Verdächtigen im Magischen Orden von Quirilien wird beim Verhör, wie in § 22a des Gesetzbuches zur Zusammenarbeit zwischen dem Magischen Orden von Quirilien und der Exekutive, Legislative und Judikative des Landes festgelegt, ein Vertreter des Hohen Rates, Konrad Gessler, beim Verhör anwesend sein und assistieren. Des Weiteren wird der Nachname des Verdächtigen geschwärzt, genauere Informationen darüber sind in den Archiven des Ordens einzufordern, falls notwendig.

Der Verdächtige ist mit magischen Handschellen gesichert und bereit zur Befragung, als der Wachbeamte und Oberster Inquisitor Gessler das Verhörzimmer betreten. Der Beamte informiert den Verdächtigen vorschriftsgemäß über seine Rechte und Möglichkeiten und beginnt dann mit der Befragung.

Beamter: Ihr Name ist Ruben XXXXX und Sie waren über Jahre als Schüler Angehöriger des Magischen Ordens von Quirilien?

Der Verdächtige nickt schweigend.

Beamter: Sind Sie sich aller gegen Sie erhobenen Anklagepunkte bewusst?

Der Verdächtige nickt schweigend.

Beamter: Haben Sie irgendetwas zu Ihrer Verteidigung vorzubringen?

Der Verdächtige schweigt und sieht zu Boden, dann schüttelt er den Kopf.

Beamter: Waren Sie jemals Mitglied jener antimagischen, terroristischen Vereinigung, welche gemeinhin als ‚die Liga‘ bezeichnet wird?

Der Verdächtige nickt schweigend.

Beamter: Ich brauche mündliche Antworten! Waren Sie Mitglied der Liga, ja oder nein?

Der Verdächtige schweigt einige Sekunden, dann räuspert er sich und sieht auf.

Verdächtiger: Ja. Ich war über viele Jahre ein aktives Mitglied der Liga. Ich bekenne mich in allen Anklagepunkten für schuldig und habe dem nichts mehr hinzuzufügen.

Beamter: Wir brauchen mehr Informationen. Waren Sie an jenem Tag, an dem der sogenannte ‚Prinz‘ Daniel an der Spitze hunderter seiner Anhänger bei der Liga auf das Parlament von Quirilien zumarschiert ist, dabei?

Der Verdächtige schweigt. Der Beamte wiederholt seine Frage, doch der Verdächtige reagiert nicht.

Gessler: Ruben. Sehen Sie mich an. Waren Sie an dem Tag in Morkada auf dem Vorplatz des Parlaments?

Verdächtiger: Ja. Ich war dort.

Beamter: Waren Sie in den Reihen seiner Anhänger?

Der Verdächtige schweigt.

Beamter: War es Ihr Ziel, Prinz Daniel bei der Gefangennahme der Parlamentarier und Präsident Tenmars behilflich zu sein?

Der Verdächtige schweigt.

Beamter: Können Sie uns die Namen anderer an diesem Tag anwesender Ligisten nennen? Ihre Kooperation würde sich positiv auf die Beurteilung Ihres Falles auswirken.

Der Verdächtige schweigt.

Beamter: Also schön, versuchen wir etwas anderes. Was wissen Sie über Viktoria Maranos’ Beteiligung an den Aktionen der Liga?

Der Verdächtige sieht ruckartig auf.

Verdächtiger: Viktoria Maranos ist unschuldig. Sie war eine Zeit lang Mitglied der Liga, hat sich jedoch nie an irgendwelchen illegalen Aktivitäten oder Gewalttaten beteiligt. Darauf würde ich einen Eid ablegen.

Beamter: Der wäre wohl nur wenig wert. Wir konnten in den letzten Tagen viele Ihrer Ligistenfreunde knacken. Viele waren außergewöhnlich schnell dazu bereit, ihre ehemaligen Kameraden zu verraten, nachdem ihr Anführer tot war. Viele belasteten Viktoria Maranos als ein Gründungsmitglied der Liga.

Verdächtiger (sichtlich entrüstet): Das stimmt auch! Aber die Liga war in ihren Anfängen keine brutale Organisation wie gegen Schluss hin! Unser Ziel war es, den Orden zu reformieren und einige Ungerechtigkeiten zu berichtigen! Nachdem … nachdem Prinz Daniel jedoch die Macht übernommen hatte, ist Viktoria aus der Liga ausgestiegen.

Beamter: Dann behaupten Sie also, Viktoria Maranos wäre unschuldig?

Der Verdächtige ignoriert die Frage des Beamten und wendet sich an Gessler.

Verdächtiger: Wo ist Viktoria? Geht es ihr gut?

Gessler: Sie befindet sich zurzeit in polizeilichem Gewahrsam. Allerdings soll sie demnächst auf freien Fuß gesetzt werden. Bitte beantworten Sie die Fragen des Polizeibeamten, Ruben.

Der Verdächtige wendet sich an den Beamten, der seine vorherige Frage wiederholt.

Verdächtiger: Ja, meine Frau ist unschuldig.

Beamter: Ihre Ex-Frau. Während Sie hier festgehalten wurden, hat sie die Scheidung eingereicht. Aufgrund der gravierenden Umstände wurde sie sofort bewilligt. Das wird Sie doch wohl kaum überraschen, oder? Nicht nur, dass ihr Mann einer der gefürchtetsten Terroristen des Landes ist, Ihren gemeinsamen Sohn haben Sie ja schließlich auch den Zwecken der Liga geopfert, nicht wahr?

Der Verdächtige wirkt angespannt und gewaltbereit. Gessler wendet sich an den Beamten.

Gessler: Bitte beschränken Sie Ihre Fragen an Ruben auf für den Fall relevante Details.

Beamter: Ich leite diese Befragung. Ich entscheide, was relevant ist.

Gessler: Das ist korrekt, aber auch Sie müssen sich an die Richtlinien halten. Wenn Sie ohne ersichtlichen Grund einen Verdächtigen provozieren, ist dies nicht gesetzmäßig, weder in den Statuten des Ordens noch im quirilischen Gesetzbuch.

Gessler und der Beamte verlassen den Raum, nach einer kurzen Diskussion mit dem Revierinspektor führt Gessler die Befragung alleine fort.

Verdächtiger: Stimmt das? Hat sich Viktoria … von mir getrennt?

Gessler: Es stimmt. Aber bitte beantworten Sie mir nun ein paar Fragen. Es steht viel für Sie auf dem Spiel. Großmeister Zeus hat die Todesstrafe für Sie gefordert, sollten Sie nicht kooperieren.

Der Verdächtige schweigt und sieht zu Boden.

Gessler: Wollen Sie sterben, Ruben?

Der Verdächtige schweigt.

Gessler: Wenn man Sie wegen aller Anklagepunkte, wegen denen Sie gestanden haben, schuldig spricht, wird man Sie töten.

Der Verdächtige schweigt.

Gessler: Angesichts Ihrer Vergehen erscheint mir das angebracht.

Der Verdächtige schweigt.

Gessler: Aber eine Bestrafung genügt mir nicht. Was ich will, ist die Wahrheit. Und ich weiß, dass Sie mir etwas verschweigen. Und ich will wissen, was.

Der Verdächtige schweigt.

Gessler: Ruben. Sprich mit mir.

Der Verdächtige sieht auf.

Verhörprotokoll Nr. 21-338 endet hier. Der weitere Inhalt des Gesprächs wurde von Ratsmitglied Gessler als „streng geheim“ klassifiziert. Es gibt nur eine einzige Kopie des Gesprächs im Hochsicherheitsarchiv des Ordens. Jede Nachprüfung des Inhalts gilt ohne eine audrückliche Bewilligung des Hohen Rates und Konrad Gesslers als ausgeschlossen.

Inhaltsverzeichnis

Sechs Monate später …

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Mein Besonderer Dank gilt…

Sechs Monate später …

1.

Das Wasser unter ihnen war rot wie Blut. Dasselbe galt für das Metallgeländer der Brücke. Und seine Hände, die es umklammerten.

Natürlich war das nur eine Täuschung, ausgelöst von den roten Glassteinen, die die Sehschlitze der Maske, die er trug, bedeckten. In Wirklichkeit war das Wasser des Chorena wahrscheinlich trüb und grünlichbraun, wie es im späten Herbst so oft der Fall war.

Inquisitor Nummer Sieben stand auf der Brücke, direkt neben Gessler, und starrte hinab. Es war kalt, der Himmel grau und er fröstelte. An dieser Stelle floss der Fluss recht schnell, doch an den Seiten gab es Buchten mit langen Sandbänken, die noch nicht verbaut worden waren. Dort wuchsen allerlei krumme Bäume an den Böschungen und büschelweise Schilf spross aus dem seichten Wasser.

Eine Entenmutter, die den beiden Männern auf der Brücke über ihr einen misstrauischen Blick zuwarf, zog sich mit ihren Jungen gerade in das Dickicht zurück. Irgendwo quakte ein Frosch. In einiger Entfernung stakste ein Reiher geduldig auf der Suche nach etwas Fressbarem durch das Wasser. Es schien hier so ruhig und friedlich zu sein, dass Nummer Sieben der Landschaft, ohne zu zögern, das Prädikat „malerisch“ verliehen hätte.

Ein schöner Ort zum Sterben, dachte er.

Gessler hob den Arm und deutete auf eine besonders tiefe Bucht ein Stück vor ihnen zu ihrer Rechten. „Dort unten werden die Leichen laut den Aussagen der Bewohner von Krithon immer angespült.“

Sieben fuhr sich mit den Fingern über das Gesicht, oder zumindest versuchte er es – diese verdammte Schnabelmaske! Egal was er tat, sie schien ihm immer im Weg zu sein.

Gessler sah ihn an. „Es ist nur am Anfang schwierig. Sie werden sich daran gewöhnen.“

Es war nicht das erste Mal, dass Nummer Sieben das hörte. Zumindest an dem Rotton seiner Sicht war er zum Teil selbst schuld. Ein Inquisitor durfte niemals, unter keinen Umständen, seine Maske abnehmen. Wer dieses Gesetz brach, riskierte ernsthafte Strafen und ein Verfahren vor dem Hohen Rat des Magischen Ordens von Quirilien. Doch gerade am Anfang war es so gut wie unmöglich, mit der Maske auf dem Gesicht zu schlafen. Nicht nur, dass sie ungemütlich war, ihre lange Schnabelnase verhinderte auch, dass er damit irgendwie anders als auf dem Rücken liegen konnte. Deswegen hatte Nummer Sieben sie in der Nacht, wenn er sich sicher sein konnte, dass niemand ihn beobachtete, abgelegt, was jedoch zur Folge hatte, dass sich seine Augen in den ersten Stunden des Tages neu an den rötlichen Ton in seinem Blickfeld gewöhnen mussten.

Er ging nicht näher auf die Bemerkung Gesslers ein, sondern sah weiter flussaufwärts. „Und sie sind allesamt …?“

Gessler nickte langsam. „Selbstmörder, ja. Zumindest konnte in den Obduktionen nie eine physische Fremdeinwirkung vor dem Tod festgestellt werden. Die meisten haben aufgeschnittene Pulsadern. Ein paar fügen sich auch selber Wunden im Halsbereich zu, offenbar im Versuch, sich die Kehle durchzuschneiden. Einige wenige erschießen sich oder nehmen Schlafmittel. Oft hinterlassen sie irgendwelche Notizen, manchmal auch Gedichte, doch in keinem einzigen Fall geht man bisher davon aus, dass Fremdverschulden vorliegt.“

Sieben zuckte mit den Achseln. „Wegen ein paar Selbstmördern würde der Orden den Fall wohl kaum untersuchen lassen. Schon gar nicht zu diesem Zeitpunkt.“

Gessler nickte erneut. „Richtig. Aber vor Kurzem ist hier in der Nähe ein Inquisitor verschwunden. Er war aus eigenem Antrieb hier, seine Nichte hat sich in der Gegend das Leben genommen. Er war der Meinung, dass sie so etwas niemals tun würde, und zog los, ohne dem Orden vorher Bescheid zu geben, um die Gegend zu untersuchen. Der Rat erfuhr von seinem Alleingang erst, als er bereits vor Ort war.“ Wieder hob Gessler den Arm und deutete über die Baumkronen auf einen Ort hinter der Bucht. „Ein Stück flussaufwärts befindet sich der Eingang zu einem Tal. Dort gibt es eine große Dammanlage zum Hochwasserschutz und den kleinen Fluss, der die Leichen hier in den Chorena bei Krithon spült. Weiter hinten im Tal liegt eine kleine Ortschaft namens Oslubo und der Fluss teilt sich in den Darineus und den Iphikles. Und der Iphikles ist es, der uns Probleme bereitet.“ Gessler hielt kurz inne, wandte sich von Sieben ab und fuhr mit der Hand über sein Gesicht. Sieben vermutete, dass er den Verband an seinem Kopf zurechtrücken wollte.

Konrad Gessler war ein ernster, steinharter, aber auch stolzer Mann. Als Mitglied des Hohen Rates des Ordens von Quirilien und Leiter der Inquisition war er noch nicht sehr lange im Amt, immerhin war sein Vorgänger erst wenige Monate zuvor ermordet worden. Doch für viele galt er schon jetzt als Held. Während der sogenannten

„Ligakrise“, in der eine terroristische Organisation versucht hatte, die Regierung von Quirilien zu stürzen und den Magischen Orden in die Knie zu zwingen, waren viele Magier aus derm Hauptstadt Morkada geflohen, darunter auch der Großmeister des Ordens. Denn die Liga unter der Führung eines mächtigen Magiers namens Daniel, den viele seiner Anhänger als „den Prinzen“ bezeichneten, war auf das Parlament zumarschiert, um die Kontrolle über das Land zu übernehmen.

Gessler war der Einzige gewesen, der sich dem Prinzen wirklich in den Weg gestellt hatte. Den Preis für seinen Mut würde er nun jedoch sein Leben lang in Form einer hässlichen Narbe in seinem Gesicht mit sich herumtragen. Und auch wenn Gessler nicht derjenige war, der den Prinzen letztlich niedergestreckt hatte, so waren ihm durch sein entschlossenes und furchtloses Auftreten viele Bewunderer sicher.

Sieben beobachtete, wie er ein wenig an den Bandagen herumzupfte und sich schließlich wieder ihm zuwandte. „Jedenfalls hat uns Inquisitor Nummer Sechsundzwanzig zu Beginn noch regelmäßige Berichte über seine Ergebnisse zugesandt. Es gab nichts wirklich Verdächtiges und ich bin mir sicher, dass er sehr gründlich gesucht hat. Eines Tages hörten seine Meldungen dann einfach auf. Keine Anrufe, keine sonstigen Mitteilungen mehr, nichts. Leider hatten wir zu diesem Zeitpunkt alle Hände voll zu tun mit der Liga, doch nun möchte ich, dass dieser Fall untersucht wird“, erklärte er entschlossen.

Sieben nickte abwesend. Er sah hinunter auf die kleine Bucht. Da unten zu liegen, mit dem Kopf nach unten im Wasser treibend … Friedlich. Von allen Problemen befreit. Nur vermutlich kein schöner Anblick für den, der dich findet. Er seufzte, was unter seiner Maske wie ein seltsam dumpfes Schnauben klang.

In gewisser Weise war Sieben gespannt. Die Masken der Inquisitoren waren von einer stumpfen, silbernen Farbe und besaßen eine lange, vorstehende Schnabelnase. Dieses seltsame Aussehen gepaart mit den roten, durchsichtigen Steinen in den Sehschlitzen machten im Alltag Kommunikation oder überhaupt halbwegs normale zwischenmenschliche Interaktion nahezu unmöglich. Doch bisher war Sieben noch nicht dazu gekommen, die Wirkung der Maske an fremden Nicht-Zauberern zu beobachten. Hier, bei seinem ersten Auftrag, würde er nun sehen, wie das war. Irgendetwas sagte ihm jedoch schon jetzt, dass er diesbezüglich wohl keine positiven Überraschungen zu erwarten hatte. Gewöhnliche Menschen hassten Inquisitoren.

Gessler sah von der Bucht zurück hinter Sieben zu der kleinen Stadt, deren wenige Hochhäuser sich von dem grauen Gebäudemeer abhoben. „Krithon ist ein Tourismusort“, sagte er, „also können Sie sich sicher vorstellen, dass diese Masse an Selbstmorden so nahe an der Stadt nicht eben gut fürs Geschäft ist. Ihr Auftrag, Nummer Sieben, ist es, herauszufinden, was es mit diesen ungewöhnlichen Vorfällen auf sich hat, und wenn möglich das Verbleiben von Inquisitor Nummer Sechsundzwanzig zu klären. Großmeister Zeus hat mich darauf hingewiesen, ausdrücklich zu erwähnen, dass regelmäßige Rücksprache mit ihm persönlich erwünscht ist.“

Sieben verzog unter der Maske das Gesicht – Zeus, dieses Arschloch. Den Großmeister des Ordens, der dem Hohen Rat vorsaß, kannte Sieben persönlich, und das nur zu gut. Für gewöhnlich war es so, dass Schüler auch nach Abschluss ihrer Ausbildung im Orden ein gutes Verhältnis zu ihrem ehemaligen Meister pflegten. Doch weiter von einem guten Verhältnis entfernt als Sieben und Richard Zeus konnte man gar nicht sein. Während er seinen Blick nachdenklich über den Fluss schweifen ließ, brauchte er nicht lange, um aus dieser Tatsache die logische Schlussfolgerung zu ziehen.

So harmlos, wie dieser Auftrag klingt, kann er nicht sein, dachte er. Es sollte mich sehr wundern, wenn Zeus zulassen würde, dass meine erste Untersuchung eine ist, bei der nicht zumindest eine kalkulierbare Chance besteht, dass ich dabei draufgehe.

Gessler nickte ihm jetzt zu, ging vor zum anderen Ende der Brücke und Sieben folgte ihm. Sie fanden eine grobe und von vom Herbstwind herangewehten, feuchten Blättern übersäte Betontreppe hinunter ans Ufer und stiegen hinab. Sieben sah sich erwartungsvoll um, konnte jedoch nicht finden, wonach er suchte. Wo steckt er denn?

Er sollte schon lange zurück sein, wunderte er sich.

Gessler legte ein strammes Tempo vor. Trittsicher stieg er über Steine, angespülte Äste und Wasserpfützen hinweg und verlor dabei nicht einmal die fast schon militärisch zackige Haltung, die den Leiter der Inquisition ausmachte. Sieben folgte ihm auf dem Fuß. Stumm marschierten sie so, bis sie nach fünf Minuten bei der zuvor angesprochenen Bucht angekommen waren. Sie war von der Brücke aus nicht gänzlich einsehbar und tatsächlich fand Nummer Sieben, dass der Platz für ein Picknick ganz nett wäre. Allerdings wäre wohl die Stimmung im Eimer, wenn man dabei mitten im Schilf auf einmal eine halb verrottete, aufgedunsene Wasserleiche fand.

„Hier“, sagte Gessler noch einmal und deutete zu einem großen Stein, der einige Meter entfernt aus dem in der Bucht träge dahinfließenden Wasser hervorragte. „Die letzte Leiche wurde genau an dieser Stelle entdeckt. Weiblich, fünfundzwanzig Jahre alt, Tod durch aufgeschnittene Pulsadern.“

„Konnte man sie schon identifizieren?“, fragte Sieben und sah zu der besagten Stelle hinüber.

Gessler nickte. „Ihr Name war Sophie Falk. Eine Einheimische.“

Etwas an der Art, wie er die letzte Bemerkung formulierte, machte Sieben stutzig. „Ist etwas daran ungewöhnlich?“

„Allerdings. Wie bereits erwähnt, handelt es sich hier eher um eine Art Selbstmordtourismus. Sophie Falk ist die erste Einheimische seit vielen Jahren, die Suizid begangen hat. Erste Befragungen ergaben, dass sie offenbar vor Kurzem ein unglückliches Beziehungsende hinter sich hatte, viele sehen darin den Grund für ihren Suizid. Sie stammt aus Oslubo, einem Ort tiefer im Tal. Dort werden Sie sich auch für den Großteil Ihrer Ermittlungen aufhalten, um die umliegenden Seitentäler zu untersuchen und die Quelle dieser unglücklichen Ereignisse hoffentlich auszumachen.“ Gessler machte eine kurze Pause, ließ den Blick schweifen und sah dann Nummer Sieben an. „Aber noch einmal zurück zu den Toten: Den einen oder anderen Selbstmörder war man in Oslubo immer schon gewohnt. Ich nehme an, Sie wissen warum?“

Sieben nickte. „Blaukrähe.“ Im Verlauf seiner Ausbildung hatte er auch viel über magische Geschichte gelernt. Waldemar Blaukrähe war in den chaotischen Zeiten des Mittelalters ein Hexenmeister und lokaler Herrscher in der Umgebung von Krithon gewesen. Sein Sitz hatte in einer Burg im Tal des Iphikles gelegen. Trotz seines etwas seltsam anmutenden Namens war er ein äußerst mächtiger Magier gewesen, der für zwei Dinge in die Geschichte einging: seine außergewöhnliche Grausamkeit – was nach damaligen Maßstäben schon etwas heißen mochte – und eine Reihe von überlieferten Gedichten, die allesamt einen recht düsteren und nihilistischen Anstrich hatten. Sieben hatte gehört, dass für solche Dinge empfängliche Menschen in eine geradezu stolze Depression verfielen, wenn sie sich in seine Gedichte versenkten. Viele von ihnen zog es dann in die Umgebung von Krithon, wo er noch andere, besser erreichbare Anwesen besessen hatte. Seine treuesten Anhänger kamen sogar manchmal ins Tal, um Blaukrähes Burg zu besuchen. Dass so manch einer dieser schrägen Vögel dann gleich so weit ging und sich aus lauter Hingabe zur Poesie das Leben nahm, war ihm allerdings unverständlich. Zumindest überwiegend.

Gessler nickte zur Bucht hinüber. „So gut wie alle Selbstmörder wurden früher oder später hier angespült. Offensichtlich hat gerade der Iphikles eine besondere Anziehungskraft auf diese Leute. Was jedoch unter anderem Inquisitor Nummer Sechsundzwanzig stutzig gemacht hat, waren die Berichte der örtlichen Polizei zu den Fällen. Irgendetwas war daran faul. Die Beamten haben gute Arbeit bei der Dokumentation geleistet, daran liegt es nicht, aber die Zahl der gefundenen Selbstmörder stieg über die Jahre hinweg langsam an. Zuerst waren es nur drei oder vier pro Jahr, doch schließlich wurden hier an diesem Ufer jeden Monat ein oder zwei Menschen angespült. Dann, vor etwa zwei Jahren, hörten die Funde mit einem Mal auf. Aber nicht die Selbstmorde. Tatsächlich verschwanden die Leute nun einfach spurlos.“ Nach dieser Erläuterung setzte sich Gessler wieder in Bewegung und marschierte weiter.

Sieben folgte ihm und sie stiegen über einen Haufen Geröll am Rand der Bucht, um auf die andere Seite eines kleinen Vorsprungs zu kommen. Hinter den Bäumen sah er irgendetwas Großes, Massives, doch noch konnte er nicht sagen, worum es sich handelte. Ein Gefühl innerer Unruhe erfasste ihn. Wieder sah er sich um – wo steckt er nur? Ob er inzwischen bei der Brücke ist und mich jetzt sucht? Seine Stimmung sank weiter.

Gessler schritt weiter voran und fuhr unbeirrt fort: „Und es wurden mehr. Genaue Zahlen gibt es ab diesem Zeitpunkt nicht mehr, aber auf mich macht es den Eindruck, als wären im vorletzten Jahr um die fünfzig Personen verschwunden und in der ersten Hälfte des letzten Jahres noch einmal so viele.“

Sieben, der im Gehen immer wieder abwechselnd auf den Rücken seines Vorgesetzten und auf den steinigen Untergrund starrte, um nicht zu stolpern, runzelte die Stirn.

„Und dann?“

„Dann kam Sechsundzwanzig, weil seine Nichte eine der letzten verschwundenen Personen war und er nicht an einen Selbstmord glaubte. Seit seiner Ankunft im Tal ist niemand mehr verschwunden. Obwohl ein paar Leute gekommen sind, von denen vermutet wurde, dass sie hier ihr Ende suchen, aber keiner tat es wirklich. Alle sind nach einer Weile wieder unverrichteter Dinge abgereist.“

Und warum soll das ein Problem sein, hätte Sieben fast schon missmutig gefragt, doch er riss sich am Riemen. Gessler konnte schließlich nichts für seine Lage. Außerdem erkannte er den Zusammenhang. „Das Problem scheint gelöst, aber von Sechsundzwanzig fehlt jede Spur“, sagte er stattdessen. „Entweder ist, was auch immer hier die Leute zum Selbstmord treibt, noch aktiv und hält sich nur zurück und versteckt, oder etwas völlig anderes ist für sein Verschwinden verantwortlich.“

Gessler nickte und sah kurz über die Schulter zurück, während er weiterging. „Ganz genau. Und natürlich ist da noch die Tatsache, dass es wieder einen Selbstmord vor Kurzem gab. Das kann natürlich Zufall sein, immerhin ist sie die erste Einheimische unter den Toten, aber sicher ist sicher. Und …“ Er hielt einen Moment inne, als wolle er sich zu Sieben umdrehen, ließ es dann aber doch bleiben und fuhr fort: „Die Liga ist in dieser Gegend auch sehr aktiv.“

Selbst wenn keine Maske jede Gemütsregung in seinem Gesicht verdeckt hätte, wäre es Sieben nicht im Traum eingefallen, auch nur mit der Wimper zu zucken. Außerdem war ihm diese Information keineswegs neu. „Herzog“, murrte er hörbar.

Gessler blieb nun doch stehen, drehte sich um und runzelte ernst die Stirn. „Sie kennen ihn?“

Nummer Sieben wäre fast in ihn hineingelaufen, konnte es aber gerade noch verhindern. Langsam nickte er. Und ob ich das tue. Ein eingebildeter, kleiner Trottel, der Prinz Daniel am Rockzipfel hing und sich nun nach seinem Tod für seinen Nachfolger hält. Dass sein dummer Nachname da ganz gut ins Bild passt, ist so ziemlich der dämlichste Zufall überhaupt, dachte er und seine Laune sank weiter. Als die Liga noch eine junge Bewegung war, hatte sie zu einem nicht geringen Teil aus Magiern bestanden, die sich für tiefgreifende, vielleicht etwas extreme Reformen im Orden eingesetzt hatten. Nicht so David Herzog. Er war ein Magierhasser der ersten Stunde, die einzige Ausnahme hatte er für den Prinzen selbst gemacht. Um sich hatte er ein kleines Grüppchen von Gewöhnlichen geschart, die seine Ansichten teilten und deren Ziel es von Anfang an gewesen war, die Zauberer und alles, was mit ihnen zusammenhing, zu vernichten. Siebens Ansicht nach war er weder besonders intelligent noch von imposanter Gestalt, ein gewisses Charisma war ihm jedoch nicht abzusprechen und er verstand es, die Menge anzuheizen. Nachdem die Liga in alle Winde zerstreut worden war, hatte es viele gegeben, die in ihm den nächsten großen Führer der Organisation sahen. Nummer Sieben sah das anders – was für ein lächerlicher Vergleich. Neben Daniel ist dieser Wicht nur … Er unterbrach seinen Gedanken. Keine Vergangenheit, kein Gesicht, kein Name, nur das Licht, fuhr er stattdessen fort. Es war das Mantra der Inquisition. Ein Inquisitor war niemand. Ein Inquisitor hatte keine besonderen Bindungen zu Menschen aus seiner Vergangenheit, weil diese nicht existierte. Einem Inquisitor wurden alle Fehler der Vergangenheit verziehen, aber es war wichtig, dass er sie auch vollständig ablegte. Für Inquisitor Nummer Sieben ist Daniel niemand Besonderes, dachte er trotzig.

Gessler bemerkte von alldem jedoch nichts. „Er ist gefährlich. Natürlich hält er sich jetzt, da man die Liga systematisch jagt, eher bedeckt. Doch wir vermuten, dass er irgendetwas plant.

Sechsundzwanzig könnte ihm dabei in die Quere gekommen sein. Also wäre es von Vorteil zu wissen, ob da ein Zusammenhang besteht.“ Er sah Sieben durchdringend an. „Aber was auch immer in diesem Tal des Iphikles vorgeht, hat Vorrang. Am besten wäre es deshalb, niemanden von der Liga hier in der Gegend zu provozieren, solange Sie nicht wissen, dass sie mit der Sache zu tun haben. Der Orden ist immer noch dabei, seine Ressourcen zu reorganisieren, und wir können es uns nicht leisten, einen großangelegten Konflikt zu riskieren. Für Sie ist die Organisation nur von Belang, sollte ein Zusammenhang zu Nummer Sechsundzwanzigs Verschwinden bestehen, oder falls Sie von ihnen zuerst angegriffen werden. Aber was auch immer in diesem Tal passiert, wenn es wirklich für so viele Menschen eine Gefahr darstellt, muss es gründlich untersucht werden und hat absolute Priorität.“

Sie überwanden die letzten paar Felsen und kamen in eine neue, kleinere Bucht. Nun sah der Inquisitor auch endlich, worauf er vorhin durch die dicht beieinanderstehenden Bäume nur einen kurzen Blick hatte erhaschen können.

Vor ihnen ragte sperrig und sicher zwanzig Meter hoch ein Damm gen Himmel. Dicker Beton und feste Eisenstreben verliehen der Anlage ein sehr solides Aussehen und aus drei mehrere Meter breiten Öffnungen flossen die verschiedenen Arme eines kleinen Flusses über mehrere Wasserbecken hinab in den Chorena. Im Verhältnis zu der riesigen Anlage wirkten die drei Wasseradern schon fast komödiantisch klein.

„Die Dammanlage, nehme ich an?“

„Korrekt. Sie schützt Krithon vor Hochwassern und den Chorena vor einer Blockade durch mögliche Murenabgänge. Die kommen hier in der Gegend häufiger vor.“

Er klopfte mit der flachen Hand auf den Beton.

„Dahinter befindet sich ein Delta, das unter Naturschutz steht. Nicht, dass irgendjemand vorhätte hier zu bauen, aber es ist auch das Rückzugsgebiet einiger seltenerer Vögel. Aber das spielt keine Rolle, Ihr Einsatzgebiet liegt weiter flussaufwärts. Die Siedlung in der Nähe der Stelle, wo der Iphikles und der Darineus ineinanderfließen, Oslubo, hat weniger als zweihundert Einwohner und gehört technisch gesehen zu Krithon, aber die Leute dort sollen ein wenig eigenbrötlerisch sein und Einmischungen von außen nicht sonderlich gerne sehen. Behalten Sie das in Erinnerung.“

Das heißt dann also so viel wie: Mach keinen Ärger. Alles klar.

Gessler kramte in seiner Tasche, zog eine Karte heraus und legte sie vor sich auf einen Stein. Sieben warf einen Blick darauf. Es handelte sich um eine recht gewöhnliche Landkarte von Quirilien, nur dass darauf einige Zeichen waren, die man nicht in einer herkömmlichen Legende fand. Der Inquisitor hatte sie schon einmal gesehen.

Da waren zuerst einmal die hellorangen, Ypsilon-förmigen Zeichen, die besagten, dass an dieser Stelle Energiewesen gesichtet worden waren, die eine potentielle Gefahr für Gewöhnliche darstellen konnten. Dabei ging es meistens um Fälle, um welche sich die Inquisition noch nicht hatte kümmern können. Als Sieben diese Karte das letzte Mal vor ein paar Monaten irgendwo gesehen hatte, waren diese Zeichen noch kaum vorhanden gewesen. Doch nun wirkten viele der handschriftlich vorgenommenen Einträge relativ frisch. Dezenter waren die blauen Zeichen, welche gelöste Probleme der letzten paar Jahre darstellten. Sie waren sehr zahlreich, aber machten allesamt einen älteren Eindruck.

Die Ligakrise hat die Ressourcen des Ordens ganz schön beansprucht. Wahrscheinlich ist die Inquisition seit fast einem halben Jahr nicht mehr dazu gekommen, sich um irgendwelche Fälle zu kümmern.

Rot war naturgemäß weniger gut, aber auch sehr selten vertreten. Hierbei ging es um Fälle, bei denen schon Todesfälle bekannt waren. Genau über der mit dem Namen „Krithon“ versehenen Ortschaft war eines dieser Zeichen zusätzlich noch mit einem strichlierten Kreis versehen. Das hieß vermutlich, dass es sich bei dem Opfer um ein Mitglied des Ordens handelte. Und an vier Stellen auf dieser Karte Quiriliens war eine schwarze Markierung. Dies waren höchst gefährliche, magische Aktivitäten, die zwar für die breite Öffentlichkeit kein unmittelbares Problem darstellten, sich jedoch nicht vom Orden hatten lösen lassen. Meistens verfuhr man in diesen Fällen so, dass die betroffene Gegend einfach zum Sperrgebiet erklärt wurde. Sollte die Untersuchungsgruppe, der Sieben angehörte, bei ihrem Auftrag versagen, würde anstelle der roten Markierung so eine schwarze auf der Karte sein. Allerdings wäre das für ihn dann vermutlich nicht mehr relevant, weil er tot sein würde. Aber das war egal. Alles war egal. Gessler runzelte ungehalten die Stirn.

„Es gibt so viel Arbeit für die Inquisition. Und dann will Großmeister Zeus, dass wir uns auch noch der Liga widmen. Ich hoffe wirklich, dass, wenn der größte Rummel diesbezüglich vorbei ist, wir uns endlich wieder auf unsere eigentliche Arbeit konzentrieren können.“ Sieben fiel ein, dass er Gessler eine Frage von zentraler Wichtigkeit noch gar nicht gestellt hatte.

„Wer sind eigentlich meine Partner bei diesem Auftrag?“

Der Oberste Inquisitor antwortete nicht sofort. Erst faltete er die Karte sorgsam zusammen und ließ sie fast schon bedächtig langsam in seine Manteltasche gleiten.

„Die Einsatzleitung wird Kassandra Gessler übernehmen, begleitet wird sie von ihrem Schüler Otto Valerius.“

Beim Licht! Na ganz toll.

Nicht, dass er gegen Gesslers Tochter von einem rein praktischen Standpunkt her etwas hätte. Niemand, nicht einmal Konrad Gesslers schlimmster Feind, hätte ihm unterstellt, dass seine Tochter es nur durch ihre Beziehung zu ihm so schnell so weit gebracht hatte. Sie galt als eines der größten Talente im Orden, sowohl im Umgang mit Zauberei als auch mit dem Degen. Da bei Magiern durch ihren ständigen Kontakt mit der jenseitigen Welt, aus der sie ihre magischen Kräfte bezogen, oftmals ihre Lebensspanne außerordentlich verlängert wurde, war es in normalen Zeiten so gut wie undenkbar, dass jemand, der gerade einmal sechsundzwanzig Jahre alt war einen Schüler zugeteilt bekam. Vom Meistertitel und dem Kommando über eine Inquisitionsuntersuchung ganz zu schweigen.

Aber abgesehen von ihrem unbestreitbaren Talent waren es auch keine normalen Zeiten. Die Ligakrise hatte den Magierorden ausgedünnt und zu einem Schatten seiner selbst gemacht. An potentiellen Schülern mangelte es dem Orden nie, jedoch waren viele Meister Prinz Daniel und seinen Schergen zum Opfer gefallen. Nein, das Problem, das Sieben mit Kassandra Gessler hatte, bestand eher darin, dass dieser Auftrag seines Wissens nach genauso ihr erster sein würde wie seiner. Und dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach aufgrund seiner Vergangenheit eine persönliche Abneigung gegen ihn haben könnte.

Zumindest in dem Punkt könntest du Glück haben, versuchte er sich einzureden, immerhin ist sie genauso streng und diszipliniert wie ihr Vater. Wenn sie die Grundsätze der Inquisition genauso ernst nimmt wie er, darf sie ihre persönliche Abneigung gegen mich nicht zeigen. Glaubte er. Hoffte er. Vielleicht.

Von ihrem Schüler Otto hatte er noch nie zuvor gehört, allerdings war der Nachname Valerius ein Indiz dafür, dass er der alten Magierfamilie der Valerianen entstammte, die ihre Geschichte im Dienst des Ordens über hunderte von Jahren hinweg bezeugen konnten. Viele Mitglieder dieser Adelsfamilien blickten mit Arroganz und Verachtung auf Zauberer ohne magische Vorfahren hinab. Und Inquisitoren mochten sie in der Regel erst recht nicht. Bei beiden seiner angedachten Partner in dieser Untersuchung bestand also die nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass sie ihn nicht leiden konnten.

Das würde die Sache nicht gerade einfacher machen. Einige Minuten lang legte sich wieder eine völlige Stille über die friedliche Bucht. Das Gefühl innerer Unruhe im Inquisitor wurde stärker. Ihm war, als würde etwas seine Gedanken kitzeln, es war störend und ablenkend. Irritiert wollte er sich an der Stirn kratzen, doch seine Fingernägel kratzten nur über die Oberfläche seiner Maske.

Blödes Ding!

Gessler verschränkte die Arme und sah über den Chorena hinweg ans andere Ufer. Wie er so dastand, wirkte er auf Sieben wie ein altes Steindenkmal, das mit grimmigem Blick über ein Grab wachte. Ein sanfter Wind setzte ein und ließ die Blätter in den Bäumen über ihnen rascheln und reihenweise in einem bunten, herbstlichen Wirbel zu Boden fallen. Sieben zog seinen schwarzen Inquisitorenmantel enger um sich. Gessler wandte sich ihm zu.

„Sobald sich Kassandra bei mir meldet, reise ich nach Kiruna ab.

Sollte es irgendwelche Zwischenfälle bei Ihrem Auftrag geben, wenden Sie sich bitte an den Hohen Rat. Im Notfall kann ich schnell vor Ort sein, ich muss mich jedoch auch um meine eigenen Untersuchungen kümmern. Sollten Sie auf einen Dämon der Stufe Sieben oder höher treffen, rufen Sie auf jeden Fall Hilfe, gehen Sie keine unnötigen Risiken ein. Sobald Sie die anderen getroffen haben, können Sie sich auf den Weg in das Tal machen.“

Er hielt kurz inne und sah auf.

„Aber Sie haben ja noch einen Assistenten bei Ihrem Auftrag, nicht wahr? Wo ist er?“

Der Inquisitor zuckte mit den Schultern.

„Ich habe ihn vorgeschickt, um sich die Gegend einmal anzusehen.

Eigentlich hätte er schon längst wieder zu uns stoßen sollen.“

Die unpassend schrille Melodie eines Mobiltelefons durchbrach die Stille. Gessler kramte in seiner Manteltasche und zog ein graues, schmuckloses Klapphandy heraus.

„Das wird Kassandra sein“, murmelte Gessler, bevor er abhob, „machen Sie sich besser einmal auf den Weg und suchen nach Ihrem kleinen Freund. Ich warte hier auf Sie.“

Der Inquisitor nickte. Er überlegte, wo sein „Freund“ wohl geblieben sein konnte. Normalerweise war er sehr verlässlich, allerdings auch leicht abzulenken und manchmal ein bisschen zu neugierig für sein eigenes Wohlergehen.

Hoffentlich hat er sich nicht wieder in Schwierigkeiten gebracht.

Er sah sich in der Bucht vor dem Damm um. Falls er nicht schon tatsächlich bei der Brücke auf sie wartete, war es wohl am wahrscheinlichsten, dass er weiter flussaufwärts auf irgendetwas Interessantes gestoßen war. Zum Glück schien das Ufer dort leichter passierbar zu sein, keine Geröllhaufen oder Seitenarme des Flusses versperrten ihm den Weg.

Na dann wollen wir doch einmal sehen, was du jetzt wieder angestellt hast.

2.

Zwei Buchten weiter wuchs die Sorge des Inquisitors.

Ihm wird doch nichts passiert sein?

Er hatte zwar keine Ahnung, ob es hier in der Gegend überhaupt irgendetwas gab, das seinem Partner hätte gefährlich werden können, trotzdem war seine lange Abwesenheit besorgniserregend. Zu seiner Rechten war das Ufer steiler geworden. Ein Mensch wäre diese Böschung nur unter Schwierigkeiten hochgekommen.

Vielleicht hat er sich vom Fluss entfernt?

Gerade als er mit dem Gedanken spielte, den Abhang hinaufzuklettern, hörte er von irgendwoher eine Stimme. Der Inquisitor hielt inne und lauschte. Gessler war mittlerweile viel zu weit weg, als dass er ihn hätte hören können. Wer immer da sprach, war auf jeden Fall gereizt. Sieben schloss die Augen. Viele Zauberer, die jahrelang mit magischer Energie hantierten, entwickelten neben ihrer Langlebigkeit auch gewisse … Eigenheiten. Schnellere Reflexe, höhere Ausdauer … das waren nur die häufigsten. Ein ausgesprochen gutes Gehör war ebenfalls weit verbreitet, doch er selber hatte diesen speziellen Vorteil nicht, oder zumindest nicht in einem sonderlich großen Umfang. Die Vielzahl an möglichen Nebenwirkungen der Magie war gewaltig, doch während Sieben ironischerweise eine besonders starke Ausprägung in den meisten Fällen fehlte, war der am seltensten betroffene Sinn ausgerechnet bei ihm geradezu absurd ausgeprägt: sein Geruchssinn. Allerdings brachte ihm das aufgrund der vielen ihn umgebenden Pflanzen und des intensiven Geruchs nach nassem Sand und verschiedenen Stoffen im Wasser nur wenig. Die Stimmen schienen näher zu kommen. Der Inquisitor sah sich um. Hier zwischen Abhang und Fluss war es schwer, irgendwohin auszuweichen.

Allerdings gibt es streng genommen auch keinen Grund, sich versteckt zu halten.

Die Stimme verstummte und eine zweite, ruhigere, die zu einer Frau gehörte, antwortete.

„Er wird schon auftauchen, mach dir keine Sorgen. Die Chefin hat schon einmal mit ihm zusammengearbeitet und hält ihn für halbwegs vertrauenswürdig. Und er ist mit Abstand der Beste seines Faches. Wenn er uns hilft, sollte es ein Leichtes sein, zu finden, wonach wir suchen.“

Der Mann schnaubte.

„Na hoffentlich ist er auch pünktlich. Die Gegend hier soll verflucht sein. Warum müssen wir uns ausgerechnet hier mit ihm treffen?“

Die Frau antwortete irgendetwas, das Sieben nicht verstand. Er überlegte kurz. Eigentlich gab es keinen Anlass für ihn, hier die Gespräche irgendwelcher Leute zu belauschen. Andererseits war es gut möglich, dass die beiden seinen Kollegen gesehen hatten. Bevor er sich allerdings zu erkennen gab, wollte er sicherstellen, dass er nicht an irgendwelche zwielichtigen Gestalten geriet.

Er schlich vorsichtig um einen großen, moosbewachsenen Felsen herum und kniete sich hinter einen knorrigen Baum, dessen tiefhängende Äste fast die Wasseroberfläche berührten. Sieben lugte über den Rand des Stammes und sah mehrere Meter entfernt zwei Personen, die an einem aus dem Hang ragenden Betonabflussrohr standen und auf irgendetwas zu warten schienen. Der Mann war kräftig gebaut und wirkte ziemlich missmutig, während er mit dem Schuh einen Kiesel in den Fluss stieß. Die Frau, die geduldig auf einem größeren Stein saß, war sicher nicht älter als dreißig Jahre alt und sah für Siebens Geschmack ziemlich gut aus. Trotzdem fand er, dass in ihrem Gesicht ein etwas tückischer Ausdruck lag.

Dann sah er noch etwas. Der Mann trug einen Lederhandschuh. Es wäre schon ziemlich seltsam gewesen, einen einzelnen Handschuh zu tragen, doch hierbei handelte es sich um ein ganz besonderes Exemplar. Das braune Leder wurde an jedem Finger von kleinen, eisernen Ringen überdeckt, welche über eine dünne Eisenkette miteinander verbunden waren. Sieben hatte derlei Handschuhe schon öfters gesehen. Es handelte sich dabei um ein recht simples Stück Zauberei, mit dessen Hilfe man magische Energie absorbieren oder einfach unter Kontrolle halten konnte. Manche Zauberer verwendeten es bei komplizierteren Arbeiten und Beschwörungen als persönlichen Schutz. Allerdings konnte sich der Inquisitor nicht wirklich vorstellen, dass die beiden Gestalten zum Orden gehörten, und er kannte nur eine andere Personengruppe, die mit so einem Gerät etwas hätte anfangen können.

Die beiden müssen zur Liga gehören. Aber was machen sie hier?

Offensichtlich warten sie auf jemanden, aber warum gerade hier? Hat es mit unserem Auftrag zu tun?

Er schüttelte den Kopf. Vermutlich nicht. Wie Gessler vorhin gesagt hatte, die Gegend hier war voll von Ligisten, und die meisten von ihnen würden vermutlich nicht so verrückt sein, am helllichten Tag einen Zauberer anzugreifen, auch wenn sie hier draußen alleine waren. Trotzdem konnte es nicht schaden, sie weiterhin noch ein wenig zu belauschen, bevor er sich zeigte. Der Mann sah sich gereizt um und murrte.

„Mir gefällt die Sache trotzdem nicht, Melanie. Die Gegend ist verrückt.“

Die Ligistin verdrehte die Augen. „Jetzt erzähl mir nicht, dass du so abergläubisch bist und an all die verrückten Gruselgeschichten glaubst, die diese Dorftrottel in Oslubo verbreiten.“

„Das sind keine Gruselgeschichten! Was weiß ich, was in diesem verrückten Tal vor sich geht, aber wenn hier draußen ständig die Leichen von irgendwelchen Leuten angespült werden, reicht mir das, danke! Vor sechs Monaten ist einer unserer Späher dort auf Nimmerwiedersehen verschwunden, wer weiß, was mit dem passiert ist. Wenn jetzt auch noch Dämonen hier herumkriechen, wird die Sache für mich eine Spur zu viel.“

Melanie lachte.

„Ach, hat dich das kleine Biest aus dem Wasser so erschreckt? Hätte nicht gedacht, dass du so leicht aus der Ruhe zu bringen bist.“

Sie zog etwas aus ihrer Tasche, das entfernt an eine Thermoskanne erinnerte.

„Na ja, jetzt wird der Kleine jedenfalls so schnell keine Probleme mehr machen. Ein Glück, dass ich dieses magisch verstärkte Gefäß dabeihatte. Die Chefin kann mit diesem Ungeziefer vielleicht was anfangen.“

Sie schüttelte die Kanne und einen Moment lang meinte Sieben, ein entferntes Wimmern zu vernehmen. Er hatte genug gehört. Seine Laune hob sich.

Zeit, etwas Dampf abzulassen. Vielleicht wird dieser Tag ja doch nicht so schlecht.

Mit einem lockeren Satz sprang er über den knorrigen Baumstamm und winkte den beiden Ligisten, die ob seines plötzlichen Auftauchens ziemlich erschrocken wirkten, gut gelaunt zu.

„Schönen Vormittag!“, rief er. „Ich bin auf der Suche nach einem Freund von mir. Habt ihr ihn vielleicht gesehen?“

Einen Moment lang starrten ihn die beiden nur ein wenig dumpf an, dann kniff der Mann die Augen zusammen und spuckte vor sich auf den Boden.

„Schnabelnase“, knurrte er.

Sieben ignorierte ihn und sah zu der Frau. Sie wiegte einen Moment lang den Kopf hin und her und musterte ihn eindringlich von oben bis unten.

„Du bist ein Inquisitor“, stellte sie fest. Sieben nickte.

„Gut erkannt. Aber keine Sorge, Ligaabschaum steht heute nicht auf meiner Liste, darum reicht es mir, wenn ihr zwei Schwachköpfe mir einfach das Gefäß dort gebt und euch verkrümelt.“ Der Mann lief rot an und ließ bedrohlich die Knöchel knacksen.

„Dann solltest du vielleicht etwas höflicher fragen, Schnabelnase. Wir lassen uns nämlich nicht von Magierabschaum herumschubsen. Magierabschaum? Interessant. Also auch keine Freunde von Zauberei.

„Ich frage, wie es mir passt. Und streng genommen habt ihr mit den Beleidigungen angefangen. ‚Schnabelnase‘ ist nämlich nicht gerade ein nettes Wort. Auch wenn es natürlich recht treffend ist.“

Er tippte sich mit dem Zeigefinger schelmisch auf die Spitze seiner übermäßig langen Nase. Der Mann sah aus, als wäre er kurz davor, auf ihn loszustürmen, doch seine Partnerin war offensichtlich ein wenig vorsichtiger. Sanft glitt sie von dem Stein, auf dem sie saß, auf den Boden und hielt das magische Gefäß in ihrer Hand hoch.

„Ich nehme an, der Dämon gehört zu Ihnen?“

Sieben nickte.

„Ganz genau. Und ‚Dämon‘ ist auch kein sehr höflicher Begriff, dazu für meinen Freund noch nicht einmal korrekt. ‚Energiewesen‘ oder ‚Wassergeist‘ wäre in diesem Fall treffender. Wenn du nun also so höflich wärst, ihn aus der Flasche zu lassen und dich bei ihm für die ungerechte Behandlung zu entschuldigen, gehe ich meines Weges und mache mir nicht die Hände an euch beiden schmutzig.“

Der Mann klopfte sich mit der Faust an die Brust und nahm Haltung an.

„Wir sind die Liga! Wir sind Gerechtigkeit! Und wir weichen nicht vor dir zurück, Hexenmeister! Unsere Chefin wird sich bestimmt darüber freuen, wenn wir ihr zusätzlich zu dem Dämon auch noch den Kopf einer Schnabelnase bringen!“

Sieben lachte höhnisch. Die Maske ließ es geradezu scheppernd klingen und verlieh ihm ein fast schon unheimliches Echo.

Sehr schön. Das gefällt mir.

„Ah, natürlich! Die Liga ist Gerechtigkeit. Immer schön das Motto aufsagen, nicht wahr? Jetzt sei ein guter kleiner Handlanger und hol dir von deiner ‚Chefin‘ einen Keks. Aber vorher will ich das Gefäß.

Wirdʼs bald?“

Der Ligist stürmte mit einem wütenden Schrei auf ihn los, den behandschuhten Arm vor sich ausgestreckt, um magische Angriffe abzufangen. Er war größer und sah auch kräftiger aus als der Inquisitor, zudem war er noch recht schnell. In aller Seelenruhe griff Sieben am Boden nach einem etwa faustgroßen Stein und wog ihn in seiner Hand. Für seine Zwecke sollte er ausreichen. Der Schläger war nur noch wenige Meter vom Inquisitor entfernt, als dieser die Hand hob. Im nächsten Moment kam ein dicker Wasserstrahl aus dem Fluss geschossen, der den Ligisten traf und vollständig einhüllte. Dann, mit einem kurzen Nicken, ließ Sieben den Angriff zu einem massiven Eisblock gefrieren, aus dem nur der Kopf und der behandschuhte Arm, der nur noch Zentimeter von seinem Gesicht entfernt gewesen war, herauslugten. Während dieser ganzen Aktion hatte die andere Ligistin keinen Finger gerührt, doch sie wirkte angespannt und bereit wegzulaufen.

Sieben beugte sich vor und sah sich in aller Ruhe den Handschuh aus der Nähe an, während der Mann zuerst verdutzt versuchte an sich hinabzusehen und dann wütend aufbrüllte.

„Ja, der ist ein anständiges Stück Magie“, bemerkte der Inquisitor und tätschelte kollegial die Hand des Ligisten, „damit kann man einem Zauberer viel Ärger bereiten, zumindest in den Händen von jemandem, der kein Hornochse ist. Schade eigentlich, dass er nur vor reinen Magieangriffen schützt. Trotzdem fürchte ich, dass ich den konfiszieren muss.“

Er zupfte an der Spitze des Mittelfingers und streifte dem Ligisten sanft den Handschuh von der Hand. Einen Moment lang überlegte Sieben, ob er ihn Gessler bringen sollte, doch eigentlich handelte es sich hierbei um ein recht schlampig konstruiertes Exemplar. Fast schon beiläufig warf er ihn in den Fluss, wo er von der Strömung sofort erfasst und davongetragen wurde. Er wandte sich wieder der Frau zu.

„Und jetzt gib mir brav das Gefäß.“

Sie zögerte einen Augenblick. Der Inquisitor hob den Arm. Mit einer schnellen Bewegung ließ er den Stein auf die vom Eis festgefrorene Hand ihres Kollegen niederfahren. Ein ekelerregendes Knacken ertönte, als der Arm unter dem heftigen Schlag brach wie ein Schilfrohr. Blut spritzte. Der Ligist brüllte entsetzt auf. Sieben ließ den Stein fallen und sah sich die Wunde an.

„Ein sauberer, offener Bruch“, stellte er fest, als würde er über das Wetter reden. „Aber er sollte schnell versorgt werden, sonst verliert er womöglich den Arm. Falls er nicht vorher an Unterkühlung stirbt. Oder am Blutverlust. Wobei, dadurch, dass sein Körper so rapide abkühlt, sollte der Blutverlust eigentlich schnell genug gestoppt werden, um das zu verhindern. Wollen wir herausfinden, ob das passiert?“

Der Ligist brüllte vor Schmerz, er fluchte und zappelte hilflos im eisigen Griff von Siebens Angriff, Zornestränen im Gesicht. Schließlich warf ihm die Ligistin ohne Umschweife die silbrige Kanne zu.

„Jetzt lassen Sie ihn gehen!“

Sieben nickte. Der Eisblock verflüssigte sich wieder und der Ligist fiel zu Boden, den gebrochenen Arm schlaff in einem unnatürlichen Winkel herabhängend. Er starrte entsetzt wimmernd auf die blutige Wunde, aus der die Spitze eines abgebrochenen Knochens herausragte, und konnte sich erst aufrappeln, als seine Partnerin zu ihm ging und ihm aufhalf. Wortlos drängten sie sich am Inquisitor vorbei. Er unterdrückte den Drang, dem Verletzten noch ein Bein zu stellen, und sie verschwanden in Richtung der Brücke. Sieben lächelte unter seiner Maske und wog die Kanne in seinen Händen, bevor er sie aufschraubte und den Inhalt in den Chorena leerte. Plätschernd ergoss sich eine kleine Menge Wasser in den Fluss. Einen Augenblick lang geschah gar nichts. Dann wurde das Wasser unmittelbar vor ihm trübe, ein kleiner Wirbel bildete sich und im nächsten Moment sah ihn ein einzelnes Auge neugierig an.

„Alles in Ordnung?“, fragte der Inquisitor das Auge.

Es blinzelte müde, dann verschwand es. Der Wirbel richtete sich auf der Wasseroberfläche auf und nahm eine etwas kompliziertere Form an. Ein länglicher, S-förmiger Körper, der unten in ein eingerolltes Schwänzchen und oben in einem fragilen Kopf mit zwei kleinen Knopfaugen und einem länglichen Trompetenmund endete, hüpfte einen Moment lang vor ihm hin und her, bevor er leise wieherte, offensichtlich froh darüber, nicht mehr in einer Flasche eingezwängt zu sein.

„Wie kommt es eigentlich, dass du immer in Schwierigkeiten gerätst, wenn ich dich nur zehn Sekunden lang aus den Augen lasse?“, fragte er das Seepferdchen.

Das Tier reckte empört die Brust, blitzte kurz blau auf und streckte ihm die Zunge heraus.

„Aha, und das soll ich dir glauben? Was hast du getan, sie mit Wasser bespritzt? Irgendwie müssen sie dich ja bemerkt haben.“

Der Wassergeist wieherte erneut, doch in diesem Moment hörte der Inquisitor, wie hinter ihm jemand über den knorrigen Baum stieg. Es war Gessler.

„Mir sind am Weg zwei Menschen begegnet“, meinte er, „einer davon war offensichtlich ziemlich übel an der Hand verletzt.“

Sieben drehte sich zu ihm um und zuckte mit den Schultern.

„Er ist wahrscheinlich unglücklich gefallen. Hier ist es ganz schön steinig.“

Gessler zuckte mit keiner Wimper. Humor hatte der Oberste Inquisitor noch nie besessen.

„Was war der Anlass für diese Auseinandersetzung?“

„Es waren Ligisten.“

„Das habe ich schon begriffen. Was war der Anlass?“

Sieben runzelte die Stirn, dann fiel ihm ein, dass Gessler das ja unter seiner Maske nicht sehen konnte.

„Ist das nicht Grund genug?“

Gesslers steinerne Züge wurden noch eine Spur strenger.

„Ist es fünf oder schon zehn Minuten her, dass ich Sie darauf aufmerksam gemacht habe, die örtliche Liga nicht zu provozieren?“

Sieben zuckte mit den Schultern.

„Die beiden waren nicht wichtig, sonst hätte ich sie gekannt.

Außerdem hatten Sie H2O gefangen genommen.“

Gessler schwieg einen Moment und musterte das über dem Fluss schwebende Seepferdchen, das sich unter seinem prüfenden Blick nicht ganz wohl zu fühlen schien.

„Ein interessanter Partner ist das“, sagte er schließlich gedehnt. „Sie nennen ihn H2O? Ein … passender Name.“

„Ausgesucht hat er ihn sich selber. Er hat Humor.“

„Vertrauen Sie ihm denn?“

Sieben zögerte nicht eine Sekunde.

„Mit meinem Leben.“

H2O hüpfte in der Luft zu ihm hinüber und schmiegte sich wie eine Katze schnurrend an ihn. Einen Augenblick lang meinte Sieben den Ansatz eines Lächelns auf Gesslers Zügen zu erkennen.

„Die meisten Zauberer haben einen recht undifferenzierten Blick auf Energiewesen. Sie halten sie alle für Monster. Sie scheinen mir da etwas vernünftiger zu sein, Sieben.“

„Danke.“

„Das heißt aber nicht, dass ich es für angebracht halte, Menschen Schaden zuzufügen und Ihre Mission zu riskieren, nur weil jemand einmal gemein zu Ihrem kleinen Freund war“, fuhr er nun wieder ernst fort. „Der Orden von Quirilien hat großes Interesse daran, eine gute Beziehung zur Regierung und seinen rechtsstaatlichen Institutionen aufzubauen, nachdem diese während der unruhigen Zeiten so erschüttert wurden. Wenn wir damit anfangen, jedem kleinen Gauner in der Liga gleich Gliedmaßen zu brechen, ist das effektiv, aber sicher nicht der richtige Weg, um die zukünftigen Verhältnisse friedlicher zu gestalten.“

Sieben war nicht wirklich überrascht, dass Gessler die Sache so eng sah, trotzdem fühlte er sich ein wenig ungerecht behandelt.

„Sie besaßen eine magische Waffe.“

„Und wo befindet sich die?“

„Jetzt gerade? Inzwischen vermutlich zwei Kilometer flussabwärts.“

Gessler sah ihn einige Sekunden lang ausdruckslos an, dann blickte er nachdenklich auf den Chorena hinaus.

„Nummer Sieben. Was ist das Motto der Inquisition?“

Sieben seufzte. „Keine Vergangenheit, kein Gesicht, kein Name, nur das Licht.“

„Richtig. Jeder Inquisitor schlägt mit der Annahme der Maske eine neue Seite auf. Ein unbeschriebenes Blatt. Was Sie damit anstellen, ist Ihnen überlassen.“

„Aber?“

Sieben wusste, dass er in diesem Moment vermutlich wie ein trotziger Teenager klang, aber ihm war wirklich nicht danach, wegen eines lädierten Ligisten belehrt zu werden. Gessler war jedoch geduldig.

„Aber … am Ende des letzten Blattes steht bei Ihnen der Verlust von allem, was für Sie bis zu diesem Punkt hin wichtig war“, meinte er trocken und sah ihn ernst an. „Vielleicht sollten Sie also versuchen dieses Mal etwas anderes auf das Blatt zu schreiben.“

Siebens Magen verkrampfte sich. Wut stieg in ihm hoch und langsam ballte er seine Hand zur Faust. Aber dann beruhigte er sich und begegnete Gesslers Blick.

„Ich … werde daran denken.“

Gessler nickte. Und damit schien die Sache erledigt zu sein.

H2O, der während des angespannten Austausches an ihn geschmiegt geblieben war, löste sich von Sieben und ließ sich zurück in den Fluss plumpsen, wo er wenige Momente später in der Form eines fröhlich keckernden Fischotters wieder auftauchte und sich ein Stück von der Strömung tragen ließ, bevor er sich wieder mit einer geschmeidigen Bewegung in die entgegengesetzte Richtung bewegte.

Gessler wiegte nachdenklich den Kopf. „Sie werden in Zukunft noch öfter mit anderen Leuten zusammenarbeiten müssen, wenn Sie unterwegs sind. Viele Ihrer Kollegen bei der Inquisition werden Ihnen möglicherweise sagen, dass man solchen Wesen nicht trauen kann.

Nehmen Sie es ihnen nicht zu übel, ihr Beruf bringt sie fast immer in Kontakt mit gewalttätigen Exemplaren. Aber es wäre gleichermaßen töricht, wenn Sie sich Ihre Zuneigung zu diesem Geist das Leben kosten lassen, indem Sie anderen Energiewesen gegenüber naiv sind. Ein leichtgläubiger Inquisitor lebt nicht lange.“

Er sah mit nachdenklichem und ernstem Blick hinaus auf den Fluss.

„Dieser erste Auftrag könnte sich für Sie als wesentlich schwieriger entpuppen, als es für neue Inquisitoren üblich ist, Sieben. Seien Sie auf der Hut und arbeiten Sie mit Ihren Kollegen zusammen.“

Er zog erneut sein Klapphandy aus seiner Tasche.

„Kassandra hat mich gerade darüber informiert, dass sie mit Otto Valerius in Krithon eingetroffen ist. Sie sollten sich auf den Weg dorthin machen und sie im Wirtshaus am Ortsrand treffen. Das wäre wahrscheinlich auch ein guter Ort, um sich einmal umzuhören. Ich erwarte mir eine tägliche Benachrichtigung über den Stand der Ermittlungen an den Großmeister … und keine weiteren unprovozierten Zusammenstöße mit niederen Ligisten oder Zivilisten.

Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Sieben nickte, doch offenbar erwartete Gessler sich eine formellere Antwort. Sieben nahm Haltung an.

„Jawohl, Meister Gessler.“

„Gut. Sie sind entlassen, Sieben.“

3.

Den Rückweg zur Brücke legte er alleine zurück. H2O, der sich inzwischen in seiner Seepferdchenform zu Eis hatte gefrieren lassen und sich wie eine silbrig glänzende, filigrane Brosche an seine Brust geheftet hatte, blitzte einige Male in verschiedenen Farben auf und wieherte fragend. Sieben ließ sich einen Moment lang Zeit, bevor er antwortete.

„Ich weiß auch nicht. Ligisten … sie widern mich an. Sie erinnern mich an …“ Dann schwieg er.

Keine Vergangenheit.

In Fällen wie dem seinen war das zumindest theoretisch ein Segen.

Aber Gedanken ließen sich nicht so einfach ausschalten. Der Chorena neben ihm floss gleichgültig dahin, die Strömungen spielten mit Laub und Ästen, die in dem Fluss schwammen. Als er wieder an der großen Dammanlage vorbeigekommen war, surrten immer mehr Käfer und Libellen in der Luft herum und in den ruhigen Buchten neben ihm trieben sich Fische, Vögel und die eine oder andere Schlange herum. Ihnen allen war es völlig gleichgültig, dass er ein Inquisitor des Ordens von Quirilien war. Von Bedeutung wäre er für sie höchstens, wenn er wie so viele andere hier leblos angeschwemmt würde, als potentielle Nahrungsquelle. Dann würde er mit der Natur wieder eins werden. Eigentlich ein schöner Gedanke. Doch er erlaubte sich nicht länger daran zu denken, vielmehr wanderten seine Gedanken zurück zu den beiden Ligisten.

Der eine hat mich „Magierabschaum“ genannt … ob er einer von denen ist, die generell alle Magier hassen? Wenn er zu der Truppe von David Herzog gehört, wahrscheinlich schon. Aber sie haben auch von einer „Chefin“ geredet … wer das wohl sein kann?

Er dachte daran, was diese Leute gegen die Magier aufbrachte.

Wir sind die Liga. Wir sind Gerechtigkeit … Und Ungerechtigkeit zu beseitigen war zu Beginn auch ihr höchstes Ziel.

Magier waren privilegierte Individuen. Der Orden hatte im Verlauf der Jahrhunderte großen Reichtum an sich gebracht. Trotz vieler Reformen und Ausgleiche durch demokratisch gewählte Regierungen in den letzten Jahrzehnten war es noch immer so, dass riesige Landflächen im Besitz des Ordens waren, genauso wie zahlreiche uralte Kunstschätze und Reichtümer.

Während die ersten Ligisten, die noch den Reihen des Ordens selbst entstammten, nichts weiter gewollt hatten als eine Reform ihrer Strukturen und eine Beseitigung dieser Ungerechtigkeiten, so waren Menschen wie David Herzog schon von Anfang an der Meinung gewesen, dieses Problem radikaler lösen zu müssen. Zu Zeiten von Prinz Daniel war diese Fraktion in der Minderheit gewesen, doch seit seinem Tod schien sich diese Mentalität unter den verbliebenen Mitgliedern mehr und mehr zu verbreiten.

Wenn das tatsächlich so weitergeht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Organisation sich spaltet. Das würde ihren Verfall beschleunigen. Trotzdem … eine in den Untergrund getriebene Liga, welche Magiern generell feindselig gegenüberstand, barg ein gewisses Risikopotential. Vor allem würde sie in der Bevölkerung nicht wenige Unterstützer finden. Sieben dachte an Großmeister Zeus und konnte mit einem Mal die Ligisten ganz gut verstehen. Schon mehr als einmal hatte er sich vorgestellt, wie es wohl wäre, dem alten Knacker ordentlich seine Meinung zu sagen. Der Weg zurück zur Brücke war nicht sonderlich weit. Irgendwie war ihm mit jedem Schritt, als würde ihm ein kleines Stück einer schweren Last abgenommen werden.

Die Gegend um die Bucht ist irgendwie … bedrückend.

Als er bei der Brücke angekommen war, überquerte er erneut den Fluss und kam bald in Krithon an. Der Tourismus hatte die Stadt stark geprägt. Sowohl im Sommer als auch im Winter besuchten tausende den Ort, um im nahegelegenen Gebirge zu wandern oder Wintersport zu betreiben, und sorgten so für das Überleben dutzender Hotels, Bars, Restaurants, Casinos und allerlei anderen Einrichtungen. Das Wirtshaus, in dem Sieben sich mit den übrigen Mitgliedern der Untersuchungseinheit treffen sollte, wirkte auf ihn eher wie ein Ort, an dem sich Einheimische trafen. Es handelte sich dabei um ein bestimmt hundert Jahre altes Gebäude mit einem steilen Giebeldach, blassbunten Fensterscheiben und sogar einem fast schon antik anmutenden Holzschild, das an einem Mast über dem Eingang angebracht war und dessen vergilbte Lettern den Namen des Betriebes nicht einmal mehr erahnen ließen. Trotzdem machte es einen recht einladenden Eindruck auf Sieben.

Als er eintrat, befanden sich nur wenige Personen in dem weiten, offenen Schankraum. In einer Ecke bei einem Billardtisch saß ein Grüppchen älterer Männer, die allesamt beeindruckend große Bierhumpen vor sich stehen hatten und ihm, nachdem sie seine Maske erblickt hatten, sofort Blicke zuwarfen, welche von Misstrauen abwärts bis hin zu offener Abneigung reichten. Ihr ganzes Erscheinungsbild ließ sie für Sieben wirken, als würden sie selber zur Einrichtung dieses Wirtshauses gehören. Sein Geruchssinn gab dem Inquisitor ebenfalls einige Informationen über den Raum, von denen jedoch keine wirklich überraschend war. Zigarettenrauch, Bier, Schweiß und andere Körperausdünstungen waren keine Gerüche, die an so einem Ort wirklich ungewöhnlich waren.

Abgesehen von der Männerrunde waren die beiden einzigen anderen Personen hier der geradezu beeindruckend beleibte und rotgesichtige Wirt hinter dem Tresen, der ihm mehr neugierig als überrascht entgegensah, und der mit dem Rücken zu ihm direkt am Tresen sitzende junge Bursche, der gerade interessiert in einer Zeitung blätterte. Dass er ein Zauberer war, hätte offensichtlicher nicht sein können, denn sowohl seine Kleidung als auch der an seiner Seite baumelnde Degen und Zauberstab wiesen ihn als solchen aus. Sieben musterte ihn genauer.

Das Erste, das ihm auffiel, war sein Alter. Der Junge konnte kaum älter als zwanzig sein. Das war an und für sich schon ungewöhnlich.

Das alte Märchen, dass Magier ihre Schüler den Eltern aus der Wiege stahlen, war in vielerlei Hinsicht falsch, nicht zuletzt aber deswegen, weil ein Eintritt in den Orden in den allermeisten Fällen erst mit sechzehn erfolgte. Der wichtigste Grund hierfür war, dass die verschiedenen Nebenwirkungen, die der ständige Umgang mit Magie zur Folge hatte, ziemlich üble Ergebnisse erbringen konnten, wenn diese stattfanden, solange der Körper noch nicht ausgewachsen war. Das hieß natürlich nicht, dass Kinder, deren magische Begabung schon früh erkannt wurde, nicht eine besondere Behandlung erfuhren. Sie erhielten verschiedene finanzielle Förderungen, um an die besten Schulen des Landes geschickt werden zu können, außerdem wurde von ihnen gefordert, dass sie körperlich in Form blieben.

Der Degen, die bevorzugte Nahkampfwaffe eines jeden Zauberers, setzte magisches Talent nicht voraus, insofern war es auch nicht selten, dass kaum zehnjährige Kinder bereits immer wieder in speziell für sie durchgeführten Kursen eine grobe Unterweisung in den Grundlagen des Degenkampfes bekamen. Aber wenn dieser Bursche hier wirklich um die zwanzig war, lagen zwischen ihm und seiner Meisterin nur wenige Jahre, gleichzeitig bedeutete das jedoch, dass seine Ausbildung schon an die vier Jahre andauerte. Und bei allem Talent: Dass Kassandra bereits mit zweiundzwanzig Jahren einen Schüler bekommen hatte, war doch sehr unwahrscheinlich.

Das muss dann wohl heißen, dass er seine Ausbildung unter einem anderen Meister begonnen hat. Vermutlich ist er in der Ligakrise umgekommen und man hat beschlossen, dass Kassandra ihn weiter unterweisen soll.

Die Ausbildung vom Schüler bis zum fertigen Magier dauerte meistens um die fünf Jahre, allerdings war das nur eine Faustregel.

Sieben selber war nach sechseinhalb Jahren noch immer nicht fertig gewesen. Seinem Meister zufolge, weil er „faul, dumm und untalentiert“ war. Zumindest im dritten Punkt hatte er auch Recht gehabt. Selbst nach all den Jahren hatte er oft Probleme mit Zaubern, die manch ein talentierter Schüler schon nach einem Jahr schaffte. Er hatte einige wenige Stärken, so konnte er ausgezeichnet mit Wasser umgehen, täuschend echte Trugbilder erschaffen und auch in Sachen Energieumleitung war er ein Ass. Aber wenn es darum ging, Magie zu erschaffen, sie aus der Energiewelt zu holen und anzuwenden, dann war er in jeder Hinsicht eine Enttäuschung gewesen. Und ohne diese Fähigkeit war kein Magier wirklich ein Meister.

Eine Bewegung, die er aus dem Augenwinkel heraus wahrnahm, riss Sieben aus den Gedanken. Einer der alten Männer an dem Tisch hatte sich erhoben, murmelte seinen Tischgenossen etwas zu und machte Anstalten, das Wirtshaus zu verlassen. Sieben, der noch immer an der Tür stand, trat einen Schritt zur Seite, doch anstatt sich zu bedanken, warf ihm der Mann einen giftigen Blick zu und ging wortlos nach draußen. Sieben seufzte.

Also keine positive Überraschung in Hinsicht auf meine Beliebtheit.

Dass unter jeder Inquisitorenmaske ein Verbrecher lauerte, war eine Tatsache, die niemandem entging. Selbst wenn es anders gewesen wäre, Gewöhnliche hatten einen besonderen Grund, sie zu meiden. Heutzutage mochten Inquisitoren dafür zuständig sein, sich um wilde Magie und Energiewesen zu kümmern, ursprünglich hatten sie jedoch eine andere Aufgabe gehabt. In den finsteren Zeiten, in denen Hexenmeister und magische Warlords mit ihren Kräften Angst und Schrecken verbreitet hatten, waren Inquisitoren dafür verwendet worden, Rebellen und Verräter unter den unterdrückten Nicht-Magiern ausfindig zu machen. Und auch wenn heute fast alle Magier dem Orden angehörten, welcher wiederum eine fast ganz normale, dem Parlament größtenteils untergeordnete Institution war: Der Ruf der Inquisition verschwand nicht so leicht. Doch dass ein paar Wirtshaussaufkumpane ihn nicht mochten, kümmerte ihn wenig. Er war wegen etwas Anderem hier.

Na dann. Ich kann hier nicht ewig rumstehen. Mal sehen, ob der kleine Adelige so ein arroganter Arsch ist wie die meisten anderen.

Er trat von hinten an den jungen Magier heran und räusperte sich.

Seine Maske verlieh dem Geräusch einen metallischen Klang. Der Bursche drehte sich zu ihm um – und wäre vor Schreck fast vom Stuhl gefallen. „Beim …! A-ach so, Sie sind es … ähm? Herr Inquisitor?

Oder Nummer Fü- … nein … ähm …“

„Sieben. Einfach nur Nummer Sieben. Du bist Otto Valerius, nehme ich an? Kassandras Schüler?“

Der junge Magier nickte, offenbar immer noch ein wenig erschrocken und von den emotionslosen, roten Augen seiner Maske sichtlich eingeschüchtert. Sein Gesicht war bartlos und recht unauffällig, doch seine hellblauen Augen in Kombination mit seinem dunkelbraunen Haar und einem recht hellen Teint ergaben eine recht attraktive Gesamterscheinung. Er trug eine dunkle Hose, dazu ein nachtblaues, neu wirkendes Hemd.

„Und wo ist deine Meisterin?“

„Sie … sieht sich in der Stadt um. Befragt Leute. Sie hat mir gesagt, ich solle hier auf Sie warten, Herr Inqui…, ähm, ich meine, Nummer Sieben, und hier nach Auskünften fragen, aber die Herren dort hinten an dem Tisch waren, na ja, sie waren nicht sehr … hilfsbereit.“

Anfänger.

Er ließ sich auf dem Barhocker neben Otto nieder und verschränkte nachdenklich die Finger