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Dieses Buch ist vieles zugleich: Ein Brief aus der deutschen Provinz an die Bundeskanzlerin, deren politisches Handeln ungeplant das Leben des Autors vollkommen verändert hat, eine Reflektion über die innere Suche nach Heimat, ein subjektiv-zeitgeschichtliches Dokument über eine Familie auf dem deutschen Land und eine Beschreibung, wie all dies ins Leben des Protagonisten mündet.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2019
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© 2019 – e-book-Ausgabe RHEIN-MOSEL-VERLAG Zell/Mosel Brandenburg 17, D-56856 Zell/Mosel Tel 06542/5151 Fax 06542/61158 www.rhein-mosel-verlag.de Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-89801-876-0 Ausstattung: Stefanie Thur Zeichnungen: Prof. Karl Heinz Schäfer Fotos Titelcollage: DarkWorkX/pixabay.de, Gerd Altmann/pixabay.de
Ins Herz gestellt
Liebe Frau Merkel
ein Brief aus der deutschen Provinz
Rhein-Mosel-Verlag
Für Mohammad
Die einfachsten Fragen sind die tiefsinnigsten. Wo bist du geboren? Wo ist deine Heimat? Wohin gehst du? Was tust du?
Die Bande, die deine wahre Familie vereinen, sind nicht aus Blut, sondern aus Freude am eigenen und Achtung vor anderem Leben. Nur selten wachsen die Mitglieder einer Familie unter dem gleichen Dach auf.
Alles, was hier geschrieben steht, könnte auch falsch sein.
aus: Richard Bach, Illusionen
Prolog
August 1958
Ich stehe auf der namenlosen, matschigen Straße vor unserem Haus und blicke über den Hügel, der den Horizont bildet, auf die Wolkenberge. Hinter dem Hügel ist die Welt zu Ende. Weiter geht es nicht. Alles, was hinter dem Galgenberg liegt, sind Wolken und ein großes Nichts!
Ich will nichts anderes, als immer hier in dieser kleinen Dorf-Welt, in diesem bekannten Universum bleiben. Und es soll sich die Welt da draußen, die es auch irgendwo noch geben muss, nicht wagen, in meine Welt und in mein Dorf einzudringen und sie in Unordnung zu bringen oder sie sogar zu bedrohen. Ich habe genügend Freunde, die sich wehren können.
Abends liege ich in meiner Bettenburg und bete, dass der liebe Gott es nicht zulässt, dass ich eines Tages aus diesem Haus fort in die Welt muss. Ich sage ihm, welche große Angst ich vor dieser unbekannten, sicherlich gefährlichen Welt habe und dass es da draußen niemanden gibt, der auf mich aufpasst so wie Mama. Ich will nie weg von hier!
November 2018
Liebe Frau Merkel, schon wieder zieht am Horizont dort drüben, wo das Meer in den Himmel übergeht, eine schwarze Gewitterfront auf. Jetzt kann es nur noch Minuten dauern bis auch hier über einem kleinen Frühstücksrestaurant auf Koh Samui der Regen mit aller Gewalt niederprasseln wird.
Als ich Anfang der Achtzigerjahre hier am Strand saß, hörte ich von den thailändischen Fischern, dass sich wieder einmal ein toter menschlicher Körper in ihren Netzen verfangen hatte. Aus Vietnam und Kampuchea jenseits des Horizonts machten sich Hunderttausende in überfüllten, seeuntauglichen Booten auf in Richtung Thailand und Malaysia: die Boatpeople!
Obwohl auch hier am Strand hin und wieder menschenüberladene Boote an Land gingen, waren diese Menschen für mich, den Globetrotter, sehr weit weg. Sie gehörten nicht zu meiner Welt. Jetzt, vierzig Jahre später, sind sie ganz nah. Sie kommen über das Mittelmeer und sie finden ihren Weg bis in mein kleines Eifeldorf.
Ich muss Ihnen heute einfach schreiben, um Sie wissen zu lassen, dass Sie mein Leben – ohne dass Sie mich kennen – vom Kopf in das Herz gestellt haben.
Als ich die Bilder des Willkommen-Heißens der ersten Flüchtlinge in Bayern sah, habe ich erstmalig in meinem Leben so etwas wie Freude verspürt, dass ich einer dieser Landsleute bin.
Ich muss diese Aussage etwas einschränken. Mir ist das bei einer anderen Gelegenheit schon einmal passiert. Ich nahm in Schottland an einer internationalen Konferenz mit Menschen aus dutzenden Ländern teil. Bei dieser Konferenz stand eine ehemalige irische Nonne, die zur Sängerin mutiert war, auf und zollte der deutschen Sprache ihren Respekt. Als Beispiel der Schönheit der deutschen Sprache, sagte sie Worte wie: »Liebe«, »Schönheit«, »Zärtlichkeit«. Beim Klang dieser Worte und beim Nachklang ihrer sanften Stimme lief mir ein heißer Schauer über den Rücken. Im Ausland war ich, zumindest noch bis in die Siebzigerjahre, meist mit knappen Worten wie »Achtung«, »Verboten« und »Ordnung« konfrontiert worden. Die Worte der ehemaligen Nonne versöhnten mich mit meinem Land. Ich merkte, wie eine große Scham und Schuld von mir abfiel und ich mich freuen konnte dazuzugehören.
Es gibt aber auch noch einen anderen Grund, weshalb ich mich hingesetzt habe, um Ihnen diesen Brief zu schreiben.
Als ich noch im Tanztheater arbeitete, erlebte ich Abend für Abend ein begeisternd klatschendes Publikum, zumeist jedenfalls. Und dann kamen von den hunderten Zuschauern vielleicht zwei, vielleicht fünf hinter die Bühne, um dem Tänzer zu gratulieren oder um ihm mitzuteilen, was sie so sehr an seiner Performance berührt hatte. Und ich spürte, wie dieses direkte Sprechen, das Miteinander des Künstlers und des Zuschauers beide jenseits des allgemeinen Applauses katapultierte. Die Begegnung Mensch zu Mensch ist eine vollkommen andere als die Begegnung Mensch zu Masse. Das Zweite ist eine allgemeine Anerkennung einer Leistung, das Erste ist die Versicherung: »Ich bin da, ich sehe dich und du bist da, du siehst mich.«
So möchte ich diese Zeilen an Sie verstanden wissen, Frau Bundeskanzlerin. Hinter allen Rollen, die wir in unserem Leben spielen, steht immer der Mensch, der nackt geboren wurde und der allein sterben wird, eine Plattitüde.
Der- oder diejenige, der oder die aus der Masse hervortritt, spricht in vielen Fällen das aus, was viele, viele andere denken und fühlen und, aus welchem Grund auch immer, nicht direkt kommunizieren.
Warum aber kommen nur so wenige Menschen aus dem Publikum zum Künstler? Natürlich aus dem gleichen Grund, weswegen so wenige direkt zur Bundeskanzlerin gehen. Auch wenn das Publikum von dem, was es erlebt hat, begeistert ist und es spontan den Künstler in die Arme schließen will, sagt sich doch der überwiegende Teil der Zuschauer, dass eine persönliche Gratulation für den Künstler zu viel ist – was ja auch stimmt! Wenn das alle täten, würde der Künstler überwältigt. Wie Recht sie haben! Dennoch, gäbe es nicht den einen oder anderen ganz normalen Zuschauer, der aus der Menge hervortritt, würde der Künstler schnell abheben und den Kontakt zu seinem Publikum verlieren. Er wäre nur noch auf die mehr oder weniger wohlwollenden oder kritischen Ansichten der Kritiker oder Journalisten angewiesen, um seine Kunst einordnen zu können. Und wohin führt das? Heute nennen wir das abgehobene Kunst auf den Stadttheaterbühnen, abgehobene Ausstellungen mit geistreichen Konzepten in den Museen, oder in Ihrem Fall: abgehobene Politik mit abgehobenen Politikern. Dabei wollten und wollen die meisten Künstler und auch die meisten Politiker doch etwas Gutes für die Menschen schaffen.
Also erlaube ich mir, das Wort an Sie zu richten und zu versuchen, Ihnen zu erzählen, wieso Sie mir mit Ihrer Offenheitsentscheidung so sehr ins Herz getroffen haben. Ihre Entscheidung führte zu einer eigenen Offenheitsentscheidung mir selbst, dem Leben und meinen Mitmenschen gegenüber. Das ging ja vielen hunderttausenden unserer Landsleute damals so!
Die täglichen Bilder der fliehenden Frauen, Männer und Kinder, die auf mich einströmten, wurden immer unerträglicher. Hier lag ich auf meinem schönen Sofa in meinem schönen Haus, das ich nach einem wahrhaftigen Geistesblitz mit sehr viel Liebe vor fünfzehn Jahren gebaut hatte: eine Oase am Rande meines Geburtsortes in der Eifel.
Die Wiese hatte ich von meiner Mutter als vorzeitiges Erbe geschenkt bekommen. Hier hatte ich als Kind mit meinem Vater Heu gemacht. Hier war ich im Sommer in kühlen Morgenstunden mit meiner Mutter unsere zwei Kühe melken gegangen. Der Acker gehörte schon seit Generationen unserer Familie. Das Feld gleich neben dem unsrigen gehörte meinem Ohm. Aus der Konstellation, wem die Felder rechts und links neben dem eigenen Feld gehörten, konnten auch die nachfolgenden Generationen sofort erkennen, aus welchem Familienteil das eigene Grundstück vererbt worden war. Dafür mussten sie nicht in einem Grundbuch nachschauen.
Teil 1Ömm de Desch errömm
Meine Urgroßeltern der weiblichen Linie gehörten zu den größeren Bauern im Dorf. In der Eifel war ein Bauer schon groß, wenn er mehr als fünfzig Morgen Ackerland sein Eigen nennen konnte. Das ist wohl anders als im fruchtbaren Norden oder Osten Deutschlands. Meine Urgroßeltern gehörten aber nicht nur zu den größeren Bauern. Sie waren auch noch, was selten bei einem Ehepaar der Fall war, die ältesten Alten im Dorf. Mein Urgroßvater starb 1940 ein Jahr nach seiner Frau mit achtundachtzig Jahren. Seine Frau wurde sechsundachtzig Jahre alt. Das war zur damaligen Zeit ein sehr gesegnetes Alter. Wie meine Urgroßeltern waren auch alle anderen Vorfahren mütterlicherseits Ackerer, Waldarbeiter oder Tagelöhner. Ich muss bis ins siebzehnte Jahrhundert zurückgehen, um einen einzigen Vorfahren meiner Mutter zu finden, der nicht aus der Eifel stammte. Er war ein magister und villicus, also kurz gesagt, etwas Besseres. Dieser Vorfahr kam aus Dormagen und er hieß auch so: de Dormagen. Er war wahrscheinlich in unserem Dorf als Forstverwalter eingesetzt worden. Er bezog im Wald den Stritterhof und zeugte mit seiner ersten Frau mehr als zehn Kinder, wovon das Letztgeborene mein Vorfahr war. Seine Frau starb mit neununddreißig Jahren. Der Ahn blieb bis zu seinem Tode im Waldhof wohnen, heiratete ein zweites Mal eine blutjunge Frau aus dem Dorf und zeugte noch einmal mehr als zehn Kinder.
Eine ähnliche Geschichte könnte ich auch von den Vorfahren meines Vaters erzählen. Sie kamen aus dem vier Kilometer entfernt gelegenen kleinen Bauerndorf, dass sich in einer lieblichen Talmulde entlang des Ufers eines kleinen Flüsschens an die umliegenden sanft ansteigenden bewaldeten Hänge schmiegt. Unter diesen Ahnen gab es auch in früheren Jahrhunderten niemanden, der nicht aus der Eifel kam. Alle stammten aus der näheren Umgebung dieses Dorfes. Einzig mein Großvater väterlicherseits hat es zu mehr als Tagelöhner, Ackerer, Waldarbeiter, Leinenweber oder Schneider gebracht. Er war dank des Eisenbahnanschlusses der Eifel an das Reichsbahnnetz zum Bahnbeamten aufgestiegen. Hier wirkte sich eine infrastrukturpolitische Entscheidung, die in Berlin getroffen worden war, zum ersten Mal in der Geschichte direkt auf unsere und viele andere Familien in der Eifel aus. Die Eifelwelt begann sich zu wandeln. Der erste Schritt von der Feld- und Waldarbeit zu der nun nur noch nebengewerblich betriebenen Landwirtschaft war getan. Denn neben der Bahnarbeit gab’s im Elternhaus meines Vaters noch eine kleine Landwirtschaft mit einer Ziege, einem Schwein, einigen Hühnern und den dazu gehörenden Wiesen und Äckern.
Die Menschen waren bis dahin auf Gedeih und Verderb mit der Unbill der Natur verbunden. Damals nannte man die Eifel, weil sie sehr weit weg von Berlin und sehr nahe am Erzfeind Frankreich lag, das Sibirien Deutschlands. Es herrschte ein raues Wetter, die Böden waren karg und rau und rau und karg schien auch der Menschenschlag. Ein von der Zentralregierung in Berlin vergessenes Land, obwohl die preußische Provinzialverwaltung eine sehr effektive Verwaltung aufgebaut hatte.
Für die Ackerer war es viel wichtiger zu wissen, wann der Regen kommt und wann es frieren wird als sich darum zu kümmern, was der König oder der Kaiser in Berlin zu sagen hatte. Politik spielte sich im Dorf ab und natürlich in Rom. Aber Rom war ja auch in der Mitte des Dorfes in einem schönen Gotteshaus vertreten, der Kaiser nicht. Er machte sich im täglichen Mühen ums Überleben nur dann bemerkbar, wenn er die besten und gesündesten jungen Männer in regelmäßigen Abständen in den Krieg rief, von wo sie entweder gar nicht oder oft schwer verwundet zurückkamen und für die Ackerei nicht mehr zu gebrauchen waren. Dann hatten die Zuhausegebliebenen für noch einen mehr zu sorgen.
Andererseits muss man der kaiserlich-preußischen Regierung zugutehalten, dass sie auch für die Bauernkinder Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Schulpflicht eingeführt hatte. Zu der Zeit wurden in unserem Dorf und auch im Nachbardorf Wasser- und Stromleitungen sowie Straßen- und Bahnanbindungen geschaffen.
Meine Urgroßmutter mütterlicherseits gebar sechs Kinder, darunter ein Zwillingspaar. Für alle sechs Kinder musste gesorgt werden und dazu gehörte natürlich auch, den Kindern einen materiellen Anteil für den Start ins Leben mitzugeben. Der Älteste bekam natürlich den Hof mit Land, Haus, Stall und Vieh. Das älteste Mädchen wurde mit einem Handwerker mit Nebenerwerbslandwirtschaft aus einem nahegelegenen Dorf verheiratet. Dem jüngsten Sohn wurde ein Haus im Dorf gebaut mit Stall und Scheune und einem beträchtlichen Anteil an Land, weil auch er heiraten und seine eigene Familie vom Land ernähren wollte.
Dem Zwillingspaar, einem Mädchen und einem Jungen, wurde direkt neben dem Hof ein Haus gebaut und sie erhielten ihren Anteil am Land. Von den Zwillingen heiratete zunächst keiner. Für Außenstehende lebten sie zusammen wie Mann und Frau. Es hieß, sie schliefen zusammen auf einem Zimmer. Das war bei Bauern-Geschwistern, die nicht heirateten, sehr oft üblich. Meistens blieben sie auf dem elterlichen Hof. Wenn die Eltern dann gestorben waren, lebten sie weiter zusammen. Nach fünfundsiebzigjährigem Zusammenleben meinte mein Ohm, doch noch heiraten zu wollen. Er verbannte seine Zwillingsschwester aus dem gemeinsamen Schlafzimmer und seine zwanzig Jahre jüngere Frau hielt Einzug. So lebten die drei noch Jahre zusammen. Schließlich wurde meine Tante darüber verrückt und starb in einem Heim. Zuvor hatte die angeheiratete Frau jedoch dafür gesorgt, dass meine Tante ein Testament zu ihren Gunsten unterschrieb.
Das dritte Mädchen, meine Oma, bekam ihren Anteil an Land, der vielleicht sechs, sieben Morgen umfasste. Meine Oma war eine sehr warmherzige, kleine Frau. Ich habe sie nicht mehr persönlich erlebt und kenne sie leider nur aus den tagtäglichen Erzählungen meiner Mutter. Ein Portrait von ihr hing im Wohnzimmer an der Wand. Die Perlenkette auf schwarzer Bluse und ihr ernster Blick waren die herausragenden Eindrücke, die dieses Foto bei mir hinterließen. Neben dieser Portraitaufnahme gab es noch eine runde Blechscheibe mit einem etwas vergilbten Schwarz-Weiß-Foto. Es sah wie eine Bleistiftzeichnung aus. Das Gesicht schien androgyn. Ich dachte immer, dies müsse der Vater meiner Mutter sein, bis ich ein kleines gerahmtes Bildchen meines Opas fand. Das hing nie an der Wand. Es zeigte meinen Opa im Alter von ungefähr dreißig Jahren in Kavallerie-Uniform zu Beginn des ersten Weltkrieges.
Die Dörfler hatten für die Armee den großen Vorteil, dass sie von Kindesbeinen an mit Pferden umgehen konnten. Mein Opa hatte einen schönen Lippenbart, ganz zu schweigen von den noch schöneren sinnlich vollen Lippen. Also musste das Bild auf der Blechscheibe jemand anderes sein.
Hatte ich eine Frage konnte ich immer zu meiner Mama gehen. Und sie erzählte mir, dass dies ihre Mutter in jüngeren Jahren war. Auf der Blechscheibe war aber keine Perlenkette, sondern eine hochgeschlossene weiße Bluse zu sehen. Aber ihre Ernsthaftigkeit sprang mir sofort ins Auge. Was verband ich mit dieser Ernsthaftigkeit? Das war das, was ich als androgyn wahrgenommen hatte. Ein junger Mann war ernsthaft, eine junge Frau sollte lächeln. Dabei hatten die Frauen damals wohl nicht so viel zu lächeln. Selbst die kurz bevorstehende Hochzeit war wohl nicht immer ein Grund, glücklich zu sein.
Als meine Oma meinen Opa heiratete, war sie Anfang, er war Ende dreißig.
Das kleine Grundstück für den Bau ihres neuen Hauses wurde von seinem kleinen elterlichen Hof abgetrennt – Platz genug für ein Haus, einen Stall, eine Scheune, eine Hoftoilette, einen Misthaufen und einen kleinen Gemüsegarten. Um es vorweg zu nehmen: dies ist mein Geburtshaus und das Haus, in dem ich groß wurde. Hier wurden meine Mutter und drei meiner vier Geschwister geboren und hier starb meine Mutter mit vierundachtzig Jahren in ihrem Bett.
Anfang 1920er Jahre: Fertigstellung des Wohnhauses
Bei meinen kindlichen Streifzügen durch die Gärten des Dorfes habe ich die wenigen übriggebliebenen kleinen Katen des vorherigen Jahrhunderts noch auskundschaften können. Die Häuser, strohgedeckte Lehmfachwerkhäuser, bestanden aus zwei Räumen. Enn Kösch mit offenem Feuer und Tisch und Bänken und enn Stoff mit Schlafkaschemmen. Der Plumpsklo stand am Misthaufen, daneben kleine Ziegen- , Schweine- und Hühnerställe, meist Bretterbuden, errichtet für das wenige Vieh. Das Wasser schöpfte man mit Eimern aus dem Brunnen, wenn man einen hatte. Ansonsten ging man zum nahe gelegenen Dorfbrunnen. So haben meine Urgroßeltern gelebt.
Der Bau des anderthalbstöckigen soliden Bruchstein-Winkelhofes, den der Vater meiner Mutter ins Werk setzte, war angesichts dieser Bauernkaten ein großer Schritt in eine neue Zeit. Was für einen Mut und was für eine Lebenszuversicht meine Großeltern Anfang des letzten Jahrhunderts, gleich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, doch gehabt haben müssen.
Bevor der Stall fertig gebaut war, wurde ein Teil des Hauses als Unterstand für das Vieh hergerichtet. Gleich daneben war de Spind mit de Särk, zum Kühlen der Milchkannen. De Spind war nicht zu verwechseln mit dem Spind, also dem Spind-Schrank. Im Eifler Platt gibt es keine Unterscheidung der Artikel in männlich und weiblich, also in »der« oder »die«. Alles ist »de«. De Mann und de Vrau, de Sonn und de Moond.
De Spind war der große Arbeitsraum im Bauernhaus, meist zwischen Stall und Haus gelegen. Um vom Haus in den Stall zu gelangen, ging man durch de Spind und wenn man nach getaner Mistarbeit aus dem Stall zurück kam war de Spind die Schleuse, in der der Stallkittel aus- und der Hauskittel angezogen wurde. De Spind musste gleichzeitig zum Wurstmachen, zum Einmachen des Gemüses und des Obstes, zum Butterdrehen, zum Quarkseihen und zum samstäglichen Bad der Familie herhalten. Zum Baden stellte man sich in eine große Blechschüssel mitten in den Raum und seifte sich mit einem Waschlappen ein. De Spind war neben der Küche der immer geheizte Raum, weil hier der große Herd stand, auf dem das Schweinefutter gekocht wurde. Der Geruch im Spind wechselte entsprechend der Nutzung.
Gegenüber des Spinds lag die Küche mit großem Küchenherd, der sommers wie winters mit Kohle und Holz geheizt wurde, da auch im Sommer gekocht werden musste. Neben dem Fenster war de Spölsteen zum täglichen Gesicht- und Händewaschen, zum Zähneputzen und zum Geschirrspülen an die Wand montiert. Dann war da noch der Kiefern-Küchenschrank, in dem es wunderbare kleine Schubladen, Fächer und gläserne Schranktürchen gab. An den mattgelben Fensterscheibchen steckten von außen oft kleine Bildchen oder Zettel. Hinter einem dieser Türchen lag das Portemonnaie meiner Mama. Oder war es das Portemonnaie meines Papas? Für uns Kinder gehörte es meiner Mutter.
Dann gab es in diesem winzigen Raum noch einen Küchentisch, ein Sofa und vier Stühle. Wo und wie sich meine Mutter in dieser engen Küche bewegt hat, um für die ganze Familie zu kochen, ist mir heute ein Rätsel. Nicht zu vergessen, stand auf einem kleinen Regalbrett, das an die Wand geschraubt worden war, der Volksempfänger. Gleich daneben hing das Holzkreuz, an das ein Buchsbaumzweig gesteckt war, der, je länger das Jahr dauerte, immer trockener wurde und sein saftiges Grün verlor. Der Zweig verlor aber nie seine Zauberkraft. Wenn sich im Hochsommer die mächtigen Gewitter über dem Dorf entluden, konnte man der Naturgewalt sehr oft nicht mehr ausschließlich mit Beten Herr werden. Dann waren die vertrockneten Buchsbaumzweige die letzte Rettung, um das Haus und uns vor dem Blitzschlag zu bewahren. Der Zweig wurde, nach ausführlicher Beratung des Für und Wider, vom Kreuz genommen und in den Kohleofen geworfen, während die Kinder mit Mama und den Tanten um den Tisch saßen und den Rosenkranz beteten. Das half.
Die Musik, die aus dem Radio-Kasten in die Küche strömte, gehörte mit zu dieser Einrichtung, genauso wie die gebündelten Gerüche aus Haferflockensuppe, Zahnpasta und frisch geöffnetem Sülze-Glas. Dazu hing immer der Brikett- und Holzgeruch in der Luft. Am Sonntagmorgen kam zum fleischigen Suppengeruch der süßliche Geruch von Brisk, das sich mein Vater in die Haare schmierte. Meine Mutter liebte die Musik – wobei wir hier ausschließlich von leichter Unterhaltungsmusik sprechen, also von Schlagern. Wenn mein Vater abends von der Arbeit nach Hause kam und in die Küche trat, war sein erster Gang zum Radio. Er schaltete es ab. Am späteren Abend schaltete er es dann wieder ein und hörte Nachrichten und zusammen mit meiner Mutter auf dem Sofa sitzend Hörspiele. Als Kind kannte ich nur diese Art von Musik und die schönen Lieder, die in Kirche und Schule gesungen wurden. In der Schule sangen wir jeden Morgen ein anderes Lied. So führten uns die Lehrer Tag für Tag in das gesamte Volksliedrepertoire ein. In den Gottesdiensten, die wir nicht nur an Sonntagen, sondern auch an zwei Werktagen morgens um sieben Uhr besuchen mussten, lernten wir mit unserem künstlerisch engagierten Pastor alle Kirchenlieder. Wir kannten jedes Lied mit mindestens den ersten zwei Strophen auswendig. So müssen wir in Schule und Kirche unzählige Lieder gelernt haben. Was für ein Schatz! Leider vergaß der Pastor uns zu erzählen, wer Johann Sebastian Bach war und dass es noch andere Musik gab, die man vielleicht nicht mitsingen konnte.
De Kösch war neben dämm Spind der einzige Raum, der immer geheizt war. Demensprechend spielte sich das häusliche Leben tagsüber und abends hier ab. Hier wurde gekocht, gegessen, abends am Herd gesessen und erzählt, zumindest in der Zeit, in der dieser Radiokasten noch nicht an der Wand hing. Hier wurde gebügelt und Besuch empfangen, hier wurden Hausaufgaben gemacht. Kurzum, dieser Raum war das Reich meiner Mutter, so wie er das Reich ihrer Tante war, als meine Mutter noch in den Kinderschuhen steckte. De Kösch war das Herrschaftsgebiet der Hausfrau. Unseren Vater erlebten wir hier nur an Sonntagen und wenn er abends müde von der Arbeit nach Hause kam und sein Abendbrot mit uns aß.
Gleich neben der Küche war datt joode Zemmeh. Im Sommer konnten wir hier den Sonntag verbringen. In Ermangelung eines repräsentativen Wohnzimmerschrankes gab es hier zwei Vertikos. Gegenüber, an der Wand unter dem Fenster, stand das Sofa und in der Mitte des Raumes der Esstisch aus Eichenholz mit einer pastellfarben bestickten weißen Tischdecke bedeckt und mit den vier lederbezogenen, durchgesessenen und abgewetzten Wohnzimmerstühlen. Ein alter Schreibtisch mit Tintenfass und Löschwiege stand neben dem südöstlichen Fenster. Wenn mein Vater in guter Stimmung war und der Familie etwas Gutes tun wollte, heizte er an kühlen Tagen unverhofft das gute Zimmer bereits am Samstag ein, damit wir samstagabends schon dort sitzen konnten. Eigentlich war die kleine, enge Küche viel gemütlicher. Im Wohnzimmer konnte man nichts tun, außer ömm de Desch errömm ze setze. Im Winter und in den kälteren Monaten wurde der Ofen nur zu besonderen Anlässen angezündet. Besuch von Verwandten oder kirchliche Feste konnten solche Anlässe sein. Dann saß man am Tisch, aß Kuchen und trank Kaffee. Wenn kein Besuch da war, wurde Muckefuck
