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Sorry, dieses Buch ist nur für Outsider. -------------------- "Man lebt und leidet mit seinen Protagonisten, man lacht Tränen und kann das Buch nicht aus den Händen legen, kurz die ideale Unterhaltung, aber mit Tiefgang" (Iris M.) -------------------- Aja ist fünfzehn, eine Außenseiterin. Sie ist wütend, weil ihre Familie zerbricht, sie geht ihren Weg, selbst wenn der sie gegen Wände rennen lässt. Sie hat Witz und Verstand, aber beides führt sie nur tiefer in den Schlamassel. Ihre Mutter hat Geld, trotzdem sucht Aja sich Klamotten im Container, Essen schnorrt sie bei Restaurants und Supermärkten. Geheimnis 1: Ihr Verzicht dient einem guten Zweck. Ihren Namen spricht man Äischa – als wäre man seeehr verliebt. Apropos Liebe. Die ist Geheimnis 2: Sie ist in den insten Typen der Schule verknallt. Ausgerechnet sie! Aja droht das Schulaus, falls ihr Schulprojekt nicht gewinnt. Als Projektpartner wird ihr Flash zugeschustert, eine Randexistenz wie sie. Ihre Gegner: Die attraktivsten und verschlagensten Biester der Klasse, Lissa, Clara, Hanna. Ajas und Flash Chancen: null. Da hilft es nicht, dass Ajas Vater, ein ehemals berühmter Drummer, im Suff versumpft und Ajas Mutter wieder mal einen neuen Mann anschleppt, der Aja erziehen will. Flashs Projektidee: einen Anzug zu bauen, der vor Blitzen schützt. Sie da hinein? Nie im Leben! In der Pathologie, neben einer Leiche mit klingelndem Handy, kommen Aja und Flash auf eine bessere Idee – mit der das Chaos erst seinen Anfang nimmt. Ajas lange gehütetes Geheimnis 3 drängt ans Licht ... Derweil steigt die Spannung auf eine Million Volt. Wen trifft der Blitz und wen die Liebe? Die wichtigsten Charaktere (neben Aja): Flash, 15 Jahre. Er weiß, was er will: im selbstentwickelten Blitzanzug häufiger vom Blitz getroffen werden als Uropa Hosen-Runter-Hermann. Der starb beim fünften Mal. Bei dem gemeinsamen Schulprojekt trifft ihn Aja wie ein Blitz. Lissa, 15 Jahre. Sie will gewinnen, immer und zu jedem Preis.
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Seitenzahl: 451
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Paul Mesa
Insein für Outsider
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Natalie Portman im Altkleidercontainer
Das outeste Paar auf der Projektarche
Liberté, Égalité und eine Zunge im Ohr
Der romantischste Eisberg überhaupt
Preußische Tugenden und reichlich troubled Water
Heiße-Hufe-Hermann und der Killerwels
Der Marsmensch und Coco Chanel
Die Vernunft auf dem Mountainbike, Downhill
Ohrfeigen und Kaffee
Der erste Blitz und das Inder-Ehrenwort
Von Leichen, Baden mit Föhn und einer blutigen Ärztin
Beinneid und ein Tsunami auf dem Schulklo
Die Geliebte des Donnergottes
Pfadfinderatmosphäre und das Ende der Weltkultur
Attenzione, ihr Hirnzellen und Bisons!
Mozart ist tot und Metallica riechen auch schon komisch
Im gelben Licht der Straßenlampe sind alle Menschen Chinesen
Elende Asymptoten und die Sprache der Insider
Das wahre Leben? Big Fail!
Selbsthass beim Unterhosenkauf
Wie kaufe ich ein Fingerabdrucksammelgerät?
Die stilistisch gelungene Verbindung von Arsch und Scheiß
Das Beste kommt noch
Zehn Millionen und ein Hund mit Charisma
ANV aufgrund akuter Pankreatitis
Augen wie ein Krisengebiet
Von Nicht-Ratschlägen und Bodenküsserei
Alien und Engel
Schönheit und das Kriegswaffenkontrollgesetz
Lebenslange Liebe gibt es nur bei Schwänen
Slowfood, Slowfoot und ein Job in Tasmanien
Freiheit für den Gummibaum!
Vier Pfund Aja zu viel, das Sugarding und GNTM auf DVD
Das Kaloriencontainerschiff und die Zeigefingerfrage
Roman und die Narbe
Hühnerkackenravioli und der Marlboro-Krieg
Dress-on-Demand
Das Verhalten von Schnecken und Mädchen
Eine Million Fliegen und World-of-Aja
Beziehungspraxis – und Koi-Karpfen
Der falsche Tizian
Coming-in und Coming-out
Zwei Nummern zu groß und auf Instagram
Ziemlich Zen
Kleine Biester foulen böse
Picknick mit Paraglidern und entsetzlichen Enthüllungen
Was einen verbrennt
Eine Verschwörung!
Shoppen, bis die Wände wackeln
Beim nächsten Ton ist es ... zu spät
Hausarrest und eine junge Mademoiselle
Feinkosthändler trifft Cyborg
Drei Küsschen
Torte, Cocktail und Blitztreffer Nummer vier
Die Reflexe eines Fighters
There’s no Business like Fashion Show Business
Leicht wie ein Zirruswölkchen, schwer wie eine Ladung Blei
Ein Paar Lippen berührt ein anderes Paar Lippen
Insein für Outsider
Eine alte Jungfer zu der Zeit von Fischbeinkorsetts und Pferdeäpfelschmiere am Saum eines Reifrocks
Um Mitternacht wird abgegeben abgerechnet
Der fünfte Blitz
Drink your big black cow and get out of here
Was schwierig ist und schwierig bleibt und sich nicht lösen lässt
Ein Dorf leistet Widerstand
Roman
Die Preisverleihung
Ein kleines Nachwort von Aja ...
Dank (Aja, du bist jetzt mal eine Sekunde still!)
Impressum
Kapitel 1
Paul Mesa
Insein für Outsider
Roman
Das schreiben begeisterte Leser:
»Man lebt und leidet mit seinen Protagonisten, man lacht Tränen und kann das Buch nicht aus den Händen legen, kurz die ideale Unterhaltung, aber mit Tiefgang.«
(Iris M. auf Amazon)
»Ein witziges, farbenfrohes und sehr flott, fast atemlos geschriebenes Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann.
(Eva Klingler auf Amazon)
»Ich will an dieser Stelle nicht zu viel über die (sehr unterhaltsame) Handlung verraten, die ich bei diesem Buch sogar als weniger wichtig als den Schreibstil betrachte. Die Charaktere werden auf den Seiten des Romans so gekonnt und sympathisch zum Leben erweckt, dass ich das Buch kaum noch zur Seite legen mochte, obwohl es vom Genre her eigentlich gar nicht in mein typisches Leseschema fällt.
Natalie Portman im Altkleidercontainer
»Steckt Natalie Portman im Altkleidercontainer?«, fragt Aja. Das Miauen aus der weißen Blechkiste klingt erbärmlich. Zusammen mit ihrer Freundin Yuko hockt sie auf der Küchentreppe im Hinterhof des À la mode, Yukos Arbeitsplatz.
»Du kletterst nicht da rein«, warnt Yuko, die zweifellos hübscheste Jungköchin diesseits des Fujiyamas. Donnerstag-Abend-Küchen-Hektik tönt herüber, Töpfe klappern.
»Ich muss«, sagt Aja. »Sonst macht man die arme Mieze morgen beim Roten Kreuz zum Pelzmantel.« Sie steigt auf eine Gemüsekiste, zieht ihr bisschen Bauch ein und zwängt sich durch die Klappe.
Heiß und eng ist es hier drin. Wie in einem Raumanzug. Wenigstens hält Yuko die Klappe auf, sodass ein wenig Licht hereinfällt. Es riecht nach ranzigem Parfüm und nassem Hund. Warum landet sie andauernd in solch blöden Situationen? Sie sollte ihr Abo darauf kündigen.
»Natalie Portman?«, fragt sie. Ihre Stimme klingt wie durch ein Kissen.
Keine Katze. Kein Miauen. Falscher Container. Aja schnappt sich eine Weste, die im Halbdunkel ganz brauchbar aussieht, und zieht sich mit Hilfe ihrer Freundin zurück ins Freie.
»Eine Katze habe ich keine gefunden«, sagt Aja. »Aber diese Weste hier. Wie findest du sie?«
»Hipstermäßig.«
»Echt? Danke!« Aja hat keine Ahnung, was Hipster bedeutet. Aber was sie nicht kapiert, nimmt sie als Bestätigung. Auf die Art macht das Leben mehr Spaß.
»Dein Essen wird kalt«, sagt Yuko und deutet auf den Teller, den sie aus der Küche geschmuggelt hat. »Bäckchen vom jungen Weiderind mit Pétoncle und Topinambur.«
Über den Stadthimmel zuckt ein Blitz, dann kracht der Donner. Aja zieht den Kopf ein.
»Keinen Hunger mehr«, sagt sie. Warum kann man Gewittern nicht den Stecker ziehen? Irgendwo, bloß nicht zwischen Altkleidern, miaut eine Katze.
»Noch ein paar Moscardinis, Aja?«, fragt Yuko. »Die helfen gegen die Angst.«
»Ich habe keine Angst. Außerdem ...« Sie seufzt. Wie oft hat sie es Yuko schon erklärt! »Außerdem heiße ich Ä-i-scha, mit superweichem sch: Ä-i-scha. Wer meinen Namen richtig ausspricht, klingt, als wäre er verknallt in mich. Apropos. Was hast du über Sabines neuesten Fang rausgekriegt?«
»Geschieden. Heißt Gärtner, ist Anwalt. Macht achtzigtausend im Jahr, netto. Zwei Jahre älter als deine Mutter. Kam bisher ein Mal im Monat her. Immer in anderer Begleitung. Mag Lammfleisch, sehr rosa, und ist allergisch gegen Sellerie.« Sie zündet sich eine Zigarette an. »Zufrieden?«
»Koko!«, schallt es aus der Küche. »Zigarette aus und allez hopp!«
Yuko rollt die Augen. Der Maître persönlich. Wissen, was Pétoncle ist, aber zu dämlich, sich einen einfachen Namen zu merken.
»Sie sitzen Tisch sieben, der romantische für zwei«, sagt Yuko, schnippt ihre Kippe weg und schnürt in die Küche.
Aja läuft aus dem Hof heraus zu den Fenstern des Restaurants und zieht sich auf eine Fensterbank. Von hier hat sie den besten Blick ins kulinarische Getümmel.
Sabine, ihre Mutter, sitzt elegant und Funken sprühend an ihrem Table de Stamm. Ihr Mann der Woche hat keine Haare mehr, nicht eins. Sein Kopf glänzt im Licht der Kerzen. Mister Ei-im-Anzug hält sein Weinglas, als könnte es ihm jeden Moment um die Segelohren fliegen.
Wo bleibt da die Herausforderung? So einen Typen vergrault sie schneller, als Sabine fester Freund sagen kann.
»Surr ab, Schmeißfliege«, sagt eine Stimme hinter Aja und ein starker Arm zerrt sie von der Fensterbank. Der Arm gehört zu zwei breiten Metern Jungkoch.
»Axel!«, sagt sie und zappelt sich aus dem Griff. »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass dein Name klingt wie die badische Variante eines Deosprays? Apropos ...«
»Der Maître ist nervös. Angeblich schleicht ein Dieb in der Gegend rum.«
»Alles im Grünen?«, fragt da eine harte Stimme und ein Gesicht mit Wangenknochen wie Bügelfalten und Augen direkt aus dem Eisfach schiebt sich zwischen Aja und Axel. Typ Serienkiller und ebenso schnell und lautlos. Von Nahem betrachtet ist Sabines Geschmack leider widerlich gut.
»Da hast du deinen Dieb, Deomään. Klaut das Herz meiner Mom.«
»Ah, das berüchtigte Fleisch von Sabines Fleisch.« Eiermann streckt ihr die Hand entgegen. »Ich bin Edgar. Ich schätze deinen Sinn für Dramatik.«
Axel kann keine akute Gefährdung für das kostbare Pétoncle-Rezept erkennen und trollt sich. Eiermann bleibt.
»Lass deine Pfoten von Sabine, Eddy.«
»Was, wenn nicht?« Er lacht! »Brichst du mir die Finger?«
»Du bist nicht das Problem, du hast es: Sabine.«
»Arroganz ist okay, solange sie sich nicht mit Dummheit paart.«
»Hier paart sich keiner, am allerwenigsten du und Sabine.«
Er lacht, wird abrupt ernst.
»Sabine liebt dich über alles. Hör endlich auf, ihr so viel Trouble zu machen. Die Sache mit Roman hat sie dünnhäutig gemacht. Euch beide.«
»Woher ...« Sabine hat ihm von Roman erzählt? Sie fasst es nicht.
»Wenn meine Tochter sich ihr Essen an den Hintertüren von Restaurants und Supermärkten erbetteln würde«, sagt der Eiermann, »wenn meine Tochter sich ihre Klamotten aus Altkleider-Containern klauen würde, wenn meine Tochter keine Freunde hätte, dann würde ich das als eine Menge Trouble einloggen.«
Zack, zack,zack! Aja spürt Tränen in sich aufsteigen. Das ist Wut, nichts weiter, der Glatzkopf kann ihr gar nichts.
Er schiebt ihr eine Visitenkarte in die Tasche ihrer Weste.
»Wenn was sein sollte. Wenn du quatschen willst. Oder wenn du deine Mutter suchst. Ruf mich jederzeit an.«
Sie will etwas sagen, zum Beispiel Lieber nage ich mir die eigenen Zehen ab, doch ein panischer Katzenschrei lässt sie herumfahren. Aus dem Papiercontainer schlägt eine Flamme. Da also hat sich Natalie Portman versteckt! Und Yukos Kippe räuchert sie aus.
Aja rennt zurück in den Hof, im Laufen reißt sie sich die neue alte Weste vom Leib und wirft sie in den Container und auf die Flamme. Das erbärmliche Miauen schneidet ihr direkt ins Herz. Sie zieht sich hoch und lässt sich in alte Zeitungen und Kartonagen fallen. Ihre Weste geht gerade in Rauch auf, Hitze schlägt ihr ins Gesicht.
»NP? Wo steckst du?« Sie wirft Pappe hinter sich.
»Komm sofort da raus!« Der Eiermann.
Aja ignoriert ihn, wühlt sich tiefer.
»Da bist du!« NP hat sich mit der Pfote in einem großen Amazon-Karton verfangen. Aja packt Pappe samt Katze und schmeißt alles über den Rand. Es riecht nach verschmortem Haar. Ihrs? Jemand packt sie und sie springt, klettert und fliegt und alles gleichzeitig und landet halb auf dem Eiermann. Aus dem Restaurant sprudeln Personal und Gäste.
»Das ist nicht, wonach es aussieht«, ruft Aja und freut sich wie verrückt, diesen Satz mal selbst anwenden zu können. Sie rappelt sich auf.
»Koko!« Der Maître kommt angewalzt und lässt einen Schwall Französisch los. Respekt, sie wusste gar nicht, dass Französisch so böse klingen kann. »Wo ist diese Mädchen? Wie oft ich soll sagen, keine Kippen in Container!«
»Ich war’s«, sagt Aja.
»Du?« Auch noch Sabine! Wie immer im ungünstigsten Moment.
»Ich habe eine Kippe weggeschnippt«, sagt Aja. »Ja, ich rauche. Was dagegen? Ich bin fünfzehn.«
Während ein Drittel des Personals mit Löschen beschäftigt ist, beruhigt das zweite Drittel die Gäste und führt sie zurück zu ihren Tischen. Das dritte Drittel tut, was es am besten kann: nix und blöd gucken.
Aja dreht Mutter und Maître und Missbilligungen den Rücken zu und schiebt sich an sämtlichen Dritteln vorbei. Nur weg hier. Der sicherste Ausgang ist der durch die Restaurantküche.
Drinnen steht Yuko, mutterseelenallein, und putzt sich die Nase in ein Geschirrtuch. Natalie Portman inspiziert den Küchenboden.
»Er wirft mich raus!«, schluchzt Yuko.
»Schlechte Nachricht, Süße«, sagt Aja. »Du musst weiter für deinen Maître schuften.«
»Wem willst du eigentlich mit deinem Verhalten imponieren?« Mutterseele Sabine klackert heran. Unentkommbar. Sogar eine coole Straßenkatze wie NP nimmt vor so viel mütterlicher Wut Reißaus.
»Imponieren, das machen Jungs«, stellt Aja klar. »Ich bin ein Mädchen. Kann man mal vergessen. Im Eifer des Geschlechts, sorry, Gefechts.«
Sabine schüttelt den Kopf. Sie ist eine echte Rothaarige, groß, schlank und so kalt und heiß wie ein Vulkanausbruch auf Island. Doch die Sommersprossen, die ihr haarfarbemäßig zustehen, hat sie an ihre maushaarige Tochter weitergereicht. Schon mal was von Gerechtigkeit gehört, Welt?
Sabine nimmt ihre Geldbörse aus der Handtasche und zieht einen Hundert-Euro-Schein heraus. Der Schein riecht nach Parfüm. Geldscheine haben Duft so nötig wie Tizian ein T-Shirt mit der Aufschrift »Küss mich, ich bin dein Märchenprinz«.
Warum muss sie jetzt ausgerechnet an ihn denken?
Weil sie dauernd an ihn denkt.
»Du verscherbelst alles«, sagt Sabine, »alles, was ich dir schenke: Kleider, Schuhe, iBook, iPhone, iPod, iPad.«
»Mal dran gedacht, dass du deine Mutter damit verletzt?«, mischt sich auch noch das herbeigeeilte Killer-Ei ein. Sie wäre besser im Container geblieben. Im brennenden.
Sabine ignoriert ihn und setzt ihren Dackelblick ein.
»Kaufst du Drogen?«, fragt sie.
Wie soll sie darauf antworten? Etwa mit der Wahrheit? Dann lieber Mund halten.
»Hab ich Recht?«, fasst Sabine nach.
»Du hast kein Recht, irgendjemand Fremdem von Roman zu erzählen.« Aja beißt sich auf die Zunge. Sie wird nicht weinen, nicht, solange sie mit Sabine im selben Zimmer ist. Also schnell raus hier.
Draußen hängt der blöde Regen weiter schwer in den Wolken. Dafür fließen ihre Tränen. In dem Zustand nach Hause?
Wie kann Sabine nur, wie kann sie irgendeinem Typen von Roman erzählen! Aja zieht das Foto aus der Tasche, aber es ist zu dunkel, die Gesichter zu erkennen. Sie muss den Eiermann loswerden, sie muss ihn und Sabine auseinanderbringen, bevor er den armseligen Rest ihrer Familie auch noch kaputtmacht. Ihr Paps verdient eine zweite, okay, eine dritte ... okay: eine vierte Chance.
Sie läuft Richtung Bushaltestelle, da bringt sie eine Telefonsäule auf eine Idee. Ein Handy hat sie keins. Wen sollte sie anrufen? Vom Festnetz telefoniert sie gern mit der Zeitansage. Manchmal, und diese Anrufe sind ihr die liebsten, ist der Pieps kein elektronischer, sondern die Konservenstimme sagt selber: »Pieps.«
Aja zieht die Karte des Eiermanns aus der Tasche – Edgar Gärtner, Dr. jur. – und wählt die Handy-Nummer.
»Wofür steht das jur.? Für Juror? Hast du Mama bei einer Misswahl aufgerissen?«
»Warte nicht auf deine Mutter. Könnte spät werden.«
»Dann mach dich auf was gefasst. Sabines Spezialität ist Pétoncle. Na ja, wer’s mag.«
Daheim wird sie als Erstes Pétoncle googeln. Jede Wette, sie wird nicht die Einzige sein.
Das outeste Paar auf der Projektarche
Aja verzieht das Gesicht, als sie sich vorsichtig auf den Klappsitz im fensterlosen, aber herrlich kühlen Physiksaal sinken lässt. Die Milchtüte aus dem Müllcontainer beim Supermarkt Duper – dem unstreitig dümmsten Wortspiel im deutschen Lebensmitteleinzelhandel – hat einen guten Eindruck gemacht. Aja glaubt an Mindesthaltbarkeitsdaten so wenig wie an die bewusstseinserweiternde Wirkung von Erdkunde. Könnte ein Fehler gewesen sein, meint ihr Magen.
»Habt ihr keine Waschmaschine daheim?« Claras Frage reißt Aja aus ihren Gedanken. Die Blondine stakst an Aja vorbei hinunter zur ersten Reihe, das hochgereckte Näschen demonstrativ zugehalten.
»Wir haben mehr Waschmaschinen als du Stilettos im Schrank«, ruft Aja ihr hinterher und Köpfe drehen sich und einer der Jungs ruft: »Frau Miele ist deine Mama?«
»Du musst die Maschine einschalten«, sagt Hanna, die Clara folgt, und setzt sich neben sie, mit unverbaubarer Sicht zum Pult. In sein und die Klassenbeste – ja, Welt, ich hab’s kapiert: Es gibt keine Gerechtigkeit.
»Und die Kleider reinlegen, nicht bloß obendrauf«, ergänzt Lissa und gleitet elegant in den Platz auf Claras anderer Seite. Die Oberhenne ist unstreitig das Topmodel der Schule, hochglanzbrünett, mit mehr Busen als jeder Meerbusen – der Kalauer musste sein – und noch mehr Köpfchen. Was sie sich in diesen Kopf gesetzt hat, verfolgt sie mit einer Zielstrebigkeit, gegen die Robin Hoods Pfeile verwirrt im Wald herumirrende Alzheimerpatienten sind. Sie duftet nach frisch gepflückten Äpfeln, Handelsklasse VIP-Lounge.
»Ihr würdet auch stinken, wenn ihr in einen Müllcontainer mit Lebensmittelabfällen gesprungen wärt. Unverpackten.« Aja schlägt die Hand vor den Mund. Zu spät. Sie lachen, sie alle. Sollen sie nur, ist ja nicht das erste Mal. Oder das zehnte. Aber bald das letzte Mal.
Wenn sie beim Projekt durchfailt, was abzusehen ist, plus die Fünfen in Erdkunde und wahrscheinlich in Mathe – Ende Gelände für Aja F. Ehrenrunde? Nein, danke. Nächster Halt: Job suchen oder Lehrstelle, eigenes Geld verdienen müssen.
»Aja geht jeder Waschmaschine aus dem Weg«, ruft Yannick über das Gelächter. »Alles, was mit Strom läuft, ist ihr unheimlich.«
Dass ausgerechnet Yannick das hinausposaunen muss! Sie verschränkt die Arme und rutscht so weit nach unten in ihrem Sitz in der letzten Reihe, dass sie unsichtbar wird. Sie kann nur beten, dass Yannick nicht mehr erzählt.
Gott, ihr ist schlecht. Wegen der Tüte mit Müsli (erst kürzlich abgelaufen), der mit Chips (extrascharf, extra lange abgelaufen) oder der Dose Ölsardinen (in Curry-Tomatensoße, Ration der Wehrmacht aus dem Ersten Weltkrieg)?
Alles Tizians Schuld! Wenn er sie gesehen hätte, wie sie in den Abfällen wühlt, wären ihre nicht vorhandenen Chancen beim coolsten Typen der Schule tiefer gesunken als die Titanic. Aber, Moment mal, was wird, wenn sie von der Schule fliegt? Ohne Abschluss kriegt sie doch nie eine Lehrstelle. Die Titanic liegt tief, aber das ist noch längst nicht die tiefste Stelle im Ozean.
»Projektwoche!« Herr Sarytchew stürmt herein wie einer dieser Fernsehprediger aus Amerika. Er verströmt genug Adrenalin, dass man noch in der letzten Reihe Herzrasen kriegt. Er ist durchgeknallt, aber Aja mag ihn trotzdem. Oder deswegen?
»Ihr bildet Paare, ihr Völker der Erde, und ich bin euer Noah, der euch auf die Projektarche führt. Die meisten von euch wissen schon, mit welchen Projekten sie die Wunder der Schöpfung preisen werden. Die anderen werden es bis Montag herausgefunden haben und es mir verkünden. Danach bleiben euch knapp zwei Wochen bis zur Abgabe. Entschuldigungen wegen plötzlich auftretender Krankheiten, Naturkatastrophen oder Besuchen der Oma aus Neuseeland«, er steigt die kleine Treppe zwischen den Reihen nach oben und bleibt neben Aja stehen, »werden nicht akzeptiert.«
»Hm«, murmelt Aja, ohne den Blick zu heben.
»Todesfälle bitte bis Projektende hinausschieben. Ich empfehle Einäscherung, dann kann man ein paar Wochen auf die Beisetzung warten.« Jetzt sieht er Aja an.
»Habe ich Ihnen schon mal gesagt, dass Sie mein absoluter Lieblingslehrer sind?«, fragt sie.
Er zwinkert ihr zu, sagt nur »Montag« und dreht sich zur Klasse.
»Apropos Einäscherung. Wie viel Energie wird von einem Körper freigesetzt, der achtzig Kilogramm wiegt und zu achtzig Prozent aus Wasser und zu zwanzig Prozent aus Kohlenstoff besteht? Wir gehen von vollständiger Verwesung aus. Die Wärmekoeffizienten findet ihr im Buch auf Seite ... Tom?«
»Ziemlich weit hinten.«
»Gewohnt exakt formuliert, ich danke. Ihr habt drei Minuten. Und rechnet den Anzug des Toten dazu: zwei Kilogramm, aus sechzig Prozent Wasser und vierzig Prozent Kohlenstoff. Gott sei der Seele des armen Mannes gnädig.«
Aja zeichnet Tizians Gesicht. Seine riesigen Augen. Den kleinen Hut, kubanisch oder so. Sie würde ihm den Hut abnehmen und ihre Nase in seinem dichten, blauschwarzen Haar vergraben. Besser als umgekehrt. Ihre Haare riechen nach faulen Bananen.
Wenigstens ist Tizian nicht in ihrer Klasse. Wenigstens hat er keine Ahnung, dass sie überhaupt existiert. Darauf kann man aufbauen. Ab heute ist sie Optimistin, das muss sie demnächst sein, in der freien Wirtschaft. Ihr Glas ist halb voll! Leider hat sie keine Ahnung, woher sie das Glas nehmen soll.
»Fertig«, ruft Hanna, wer sonst, und Herr Sarytchew kommt angerannt. Sie flüstert ihm die Lösung zu und er nickt und lächelt sie an. Gott! Hanna ist die Nummer eins in der Klasse, nicht nur in Physik, und die Nummer drei der Super-Chicks – so nennen sie sich, Lissa, Clara und Hanna.
Aja nennt sie die Suppenhühner. Was sie cool finden, ist cool, was sie peinlich finden, sollte man am einsamsten Ort der Sahara begraben. Mitsamt den Kamelen, die es dorthin geschaukelt haben.
Unter Tizians Gesicht schreibt sie:
»Hiermit schwöre ich, Aja Freumbichler, dass ich nie, nie, nie so werde wie die.«
»Paare bilden«, ruft Herr Sarytchew.
Paare bilden? Gute Idee. Wenn die Liebe nicht so ein verdammt niederträchtiges Gefühl wäre, würde Aja sich zutiefst dafür schämen, dass sie auf den gleichen Typen abfährt wie die Hühner. Oder der weibliche Rest der Schule.
Die Paare bilden sich, Noah alias Herr Sarytchew notiert.
Gerti und Fee – ein Elefantenpärchen.
Yannick und Sören – ein Paar Schakale.
Almila und Canan – ein Zwillingspärchen Seidenpantoffeln aus Tausendundeiner Nacht.
Nicht anwesend: Sabine und Edgar »Eiermann« Gärtner – ein Paar Pétoncles. Wieso war ihre Mutter heute Morgen daheim? Hat sie etwa auf ihr Ei zum Frühstück verzichtet? In der Küche dufteten Croissants, an der Küchentür prangte demonstrativ ein Hundert-Euro-Schein. Auf eins davon hat Aja dankend verzichtet.
Das Paarlaufen schließt mit Lissa, Clara und Hanna. Einige Rechengenies motzen, dass drei eine zu viel sind, aber keiner traut sich, bei Herrn Sarytchew Beschwerde einzulegen. Es gibt nur eins, was schlimmer ist als ein Mann, der sich von Schönheit blenden lässt: einer, der sich von Klugheit blenden lässt. Wie würde es Yuko mit einer traditionellen japanischen Weisheit sagen? Zum Kot Zen.
Die Gerüchte über das gemeinsame Projekt der drei kochen so hoch, dass es selbst Aja mitbekommen hat: eine Fashion Show. Oh, bitte! Germany’s Next Suppenhuhn oder was? Die Sendung läuft schon seit dem Mauerfall. Dem von Jericho. Sollte die nicht langsam mal so out sein wie Miniröcke? Die sind doch out, oder?
Nachdem alle vorn waren, schlendert auch Aja die Treppe runter zum Pult.
»Teilen Sie mich ein, Pater«, sagt sie. »Alles für unser Projekt, keine Macht den Atheisten, Jesus rules.« Sie hebt die Faust und summt den Anfang des Ave Maria.
Herr Sarytchew lächelt. Sie vermutet, er wird sie dem Elefantenpärchen zuteilen. Wenn auch nur, um den Gewichtsdurchschnitt zu drücken. Almila und Canan wären auch akzeptabel, solange sie sie nicht mit einem ihrer Brüder oder Cousins verheiraten wollen. Aber soweit sie sieht, bleibt Barbara. Noch so ein Fashion Victim, doch immerhin kein Suppenhuhn.
»Barbara«, sagt Sarytchew, und Aja gibt ihr das Daumen-nach-oben-Zeichen. Die aber ignoriert sie und flattert lächelnd zu den Suppenhühnern. »Barbara«, sagt Sarytchew, »wird unser unerlaubtes Trio zu einem Vierer ergänzen, anders ausgedrückt, einem Doppelzweier.« Beifälliges Gemurmel in der Klasse. »Alles geht wunderbar auf, genau wie bei Noah.«
Geht es? Eine Sekunde hofft Aja, dass sie spontan unsichtbar geworden ist. Dann folgt sie Sarys Blick.
In der dunkelsten Ecke des Saals, dort, wo die Leuchtröhren ausgefallen sind und vermutlich Pilze und Nacktmulle in ewiger Finsternis gedeihen, hockt eine Gestalt vor der abgedeckten Versuchsanordnung.
»Das ist nicht Ihr Ernst«, sagt Aja hastig. »Schustern Sie uns doch beide einem Pärchen zu, zweimal drei ist dasselbe wie dreimal zwei, Kommutativgesetz.«
»Du und Fabian«, sagt er, »werdet euch hervorragend ergänzen.«
»Minus mal minus ergibt plus«, ruft Lissa.
Aus den Schatten kommt ein Lachen, und im nächsten Moment zuckt eine der tot geglaubten Röhren mit schmatzendem Knutschgeräusch zu neuem Leben. Flash hat den Kopf unter dem Tuch der versteckten Apparatur. Als würde er darunter die nackte Kristen Stewart sehen. Nö. Wie sie ihn einschätzt wohl eher nackte Mulle.
Eigentlich heißt er Fabian Carinus, aber wenn man ihn ruft, dann Flash. Nicht, dass irgendjemand ihn rufen würde. Sollte es jemanden in der Klasse geben, der noch weiter weg von der Meute lebt als sie, dann dieser Strangeling.
Flash ignoriert die Aufmerksamkeit. Er scheint abzuzeichnen, was ihn unter dem Vorhang so fasziniert. Wozu?
Zum ersten Mal, seit er in ihrer Klasse ist, sieht Aja ihn sich genauer an. Er trägt dieselbe Nichtfrisur wie ihr Vater in den Siebzigern oder wie diese Erdzeitalter korrekt heißen. Seine Nase vollführt einen Bogen, hart an der Grenze zum Krummsein, und seine Lippen sehen aus wie zwei Schnitz Pfirsiche und schmunzeln permanent über irgendeinen streng privaten Witz.
»Wie heißt er noch mal?«, fragt Clara. Sie wäre die Klassenbeste. Wenn Beine denken könnten. Die Idee mit der Fashion Show stammt todsicher von ihr. Die anderen debattieren über ihre Projekte, als ginge es um die Freiheit oder das Überleben der Tölpelkolonie auf dem neuseeländischen Cape Kidnappers.
»Eure Heiligkeit«, fleht Aja Herrn Sarytchew an. »Bitte gewähren Sie mir Gnade oder wenigstens einen Scheiterhaufen im Morgengrauen.«
»Bei dem ganzen Zeug, das dir im Kopf rumspukt«, er sieht sie streng an, »und das du leider nie für dich behalten kannst, wird wohl eine spannende Projektidee dabei sein. Schon aus statistischen Gründen.« Er winkt Flash zum Pult. »Ihr habt hoffentlich nichts gegeneinander? Differenzen in Glaubensfragen? Blutrache?«
»Höchstens was miteinander«, sagt eine Jungenstimme aus dem Hinterhalt. Aja schnappt Herr Sarytchew die Kreide aus den Fingern, wirft und trifft. Irgendjemanden.
»He, du hast den Falschen erwischt.«
»Beschwer dich bei Amnesty.«
Sarytchew winkt Flash herüber.
»Also ihr beiden.« Er nimmt Flash an der linken, Aja an der rechten Hand. Als wäre er ein Ringrichter, der einen Sieger verkündet.
Dabei verkündet er hier nur zwei sichere Loser.
»Ihr seid beides einfallsreiche Burschen, ihr könnt auch mal um die Ecke denken. Euch fällt was richtig Gutes ein. Ich persönlich empfehle etwas Naturwissenschaftliches und dennoch Gottgefälliges.« Er zieht sie zueinander. »Reicht euch die Hände.«
Flash streckt Aja seine Hand sofort entgegen und rammt sie ihr fast in den Bauch. Aja verdreht die Augen.
Einer der Jungs stimmt mit schönem Tenor den Brautmarsch an.
Durch die johlenden Hochzeitsgäste rennt Aja nach oben, bloß weg hier und raus aus der verbrauchten Luft.
Öffentliche Demütigungen erträgt sie höchstens ein Mal die Woche.
Liberté, Égalité und eine Zunge im Ohr
Liberté, Égalité, Lindenblütentee. Schöne Sprache, hübsche Lehrerin im Pariser Minirock mit Schottenkaro. Sind dann wohl doch noch in, diese Röckchen.
Statt sich auf ihren Platz links hinten zu fläzen, rutscht Aja auf den freien Stuhl neben ihren aufgezwungenen Projektbuddy, ihre schweißfeuchten Beine in den Shorts quietschen übers Holz.
»Denk dir was aus«, sagt sie leise zu ihm. »Ich setze meinen Namen drunter. Und dann lässt du mich in Ruhe, Deal?«
»Du hast das Gewitter gestern Abend wahrscheinlich nicht mitgekriegt«, sagt er, ohne sie anzusehen, »war ja nur eine Einzelzelle bei uns, kaum Windscherung. Ich war draußen, auf dem Feld, da bin ich meistens bei Gewitter, und als ich vorhin im Physiksaal die Vorbereitungen für den Aufbau einer Tesla-Spule gesehen ...«
»Mach, was du willst, von mir aus in ’ner Einzelzelle. Bist du einverstanden?«
»En français, Aja, s’il-vous plaît«, tönt Mamsell Müller von der Tafel, eine Französin, die im Körper einer Gelsenkirchenerin wiedergeboren wurde – einschließlich Ruhrpott-Akzent. Aja mag sie und sie mag ihr süßes, schweres französisches Parfüm, das noch zwei Schulstunden nach ihrem Unterricht in der Klasse hängt und Erdkunde erträglicher macht.
Aja seufzt.
»Fait que tu veux, de moi stationné à un celle pour un. Est-que tu es d’accord?«
»Je ne te comprends pas«, sagt die Mülläär. »Qu’est-ce que tu veux dire?«
»Sie will, dass er ihr die Zunge ins Ohr steckt.« Klar, Yannick der Schakal, wittert Blut noch gegen Pupsstärke 12.
»Ich stecke dir gleich die Zunge in den Hintern«, sagt Aja ganz cool. »Und zwar deine eigene. Nachdem ich sie dir ausgerissen habe.«
»En Français«, ruft Yannick.
»Fils d’une culotte«, übersetzt Aja. Könnte Hurensohn heißen, aber so ganz sicher ist sie sich nicht. Die Mamsell wohl auch nicht, denn sie schüttelt nur missbilligend den Kopf.
»Keine Sorge, Flash.« Lissa dreht sich zu ihm um und strahlt ihn warm genug an, um einen Eimer kaltes Wasser in Brand zu setzen. »Niemand glaubt ernsthaft, dass jemand wie du etwas mit Aja hat.«
Aja hat bereits eine Entgegnung auf der Zunge. Da bemerkt sie, wie Flash rot wird, und sie vergisst, was sie sagen wollte.
Bei ihr wurde er aber ein bisschen roter. Oder?
Und wenn schon. Sie will jemanden, der sie zum Erröten bringt. Sie will Tizian. Die Sonne unter den Sternen. So haben sie den Maler Tizian genannt, aus Venedig, Hochrenaissance.
Tizian. Aus Baden-Baden. Neuzeit.
Das bekannteste Bild des Malers heißt »Himmlische und irdische Liebe«.
Irdische Liebe mit Tizian. Wenn das mal nicht himmlisch wäre!
»Nein«, sagt Flash und reißt sie aus ihrem Traum. »Ich trickse nicht.«
»Ein Mann mit Charakter«, sagt Lissa. »Respekt.«
»Misch dich nicht ein«, ruft Aja und fügt ein »Ne mixe pas« hinzu, bevor sich auch noch Mamsell Müller einmixt.
Lässig dreht Lissa sich weg und tuschelt mit den anderen Suppenhühnern. Aja schnappt etwas von einem Date auf. Kunststück. Wenn man schon für Sabines Männer eine lange Liste braucht, dann muss Lissa sich zur Verwaltung eine externe Festplatte an ihr Seht-her-I’m-Smart-Phone hängen. Clara hätte fast genauso viele Chancen. Aber erstens schnappt Lissa ihr die Typen weg und zweitens hat Clara Angst, ein Kuss könnte ihr Make-up verunstalten. Und Hanna? Ihre Eltern haben mehr Meilen auf dem Konto als Herr Lufthansa persönlich und sie kriegt von ihrem Papi jedes Jahr zum Geburtstag eine Schönheits-OP geschenkt. Noch zwei Geburtstage und Hanna sieht aus wie ihr eigener Avatar. Mit dem ganzen Silikon, noch mehr Klugheit und ihrer irren Familie schlägt sie jeden Typen in die Flucht.
»Du musst nicht tricksen«, sagt Aja.
»Wir machen das Projekt gemeinsam«, sagt Flash. Sein nächster Satz kommt gequält: »Oder gar nicht.«
»Also gar nicht«, sagt Aja und steht auf.
»Dann«, er blickt zum Fenster hinaus, murmelt: »Dann ist Hosen-runter-Hermann umsonst gestorben.«
»War nett, deine Bekanntschaft gemacht zu haben. Enchanté und ade.«
Irgendwie tut es ihr leid, den armen Kerl so hängen zu lassen. Aber darüber kommt sie hinweg. Gib mir eine Minute.
Hosen-runter-Hermann?
Der romantischste Eisberg überhaupt
Der Nachmittag, endlich und – Yeah! – die Schule ist over and out für diese Woche und bald für immer und Aja läuft durch die Hitze zur Straßenbahn, bevor Flash auch nur auf die Idee kommt, ihr hinterherzudackeln. Tauben dümpeln auf dem vor Hitze flirrenden Asphalt wie zugekiffte Möwen.
Sie rennt zur Haltestelle, wo schon der Bus einfährt und Schüler fein säuberlich nach cool und uncool und nerdy getrennt in Grüppchen zusammen schwitzen. Sie rennt auf die Straße, sie muss den Bus erwischen, sonst verpasst sie das Essen mit ihrem Paps. Ein Hupen von links, eher ein Tröten, und etwas saust schamhaarscharf an ihr vorbei. Mintfarben.
Tizian.
Sein Haar weht aus seinem coolen Halbhelm heraus, so schwarz, dass es blau glänzt, wenn die Sonne im richtigen Winkel darauf scheint. Er hätte sie beinahe mit seinem Roller überfahren. In der nächsten Sekunde wird er bremsen, sich entschuldigen oder sie wird sich entschuldigen, egal, und dann werden sie zusammen lachen, ein bisschen Smalltalk, er übersieht gönnerhaft ihr Second-Hand-Third-Mülleimer-Outfit und lädt sie zur Wiedergutmachung auf ein Eis ein, einen Eisberg, und zwar den von der Titanic, das ist der romantischste Eisberg überhaupt, und dann ...
Tizian hält tatsächlich.
Er wendet.
Er kommt genau auf sie zu.
Er lächelt.
Oh Gott, bloß nicht.
Der Verkehr kommt zum Erliegen, Fanfarenmusik tönt aus den Wolken, von DJane Angel herself aufgelegt. Die Menschen steigen aus ihren Autos und LKW, sie strömen aus den Geschäften und Büros, selbst der Bus hält und die Fahrgäste drängen nach draußen, sie alle werfen sich zu Boden, einer auf eine Taube, die Ärmste, sie alle sind geblendet von der Schönheit dieses Augenblicks (bis auf die arme Taube). Die ersten Dichter sind da, um den Moment zu verewigen, die ersten YouTuber halten ihre Handys in die Luft, RTL und SAT1 haben ihre Teams geschickt, Frühstücksfernsehen oder Prime Time, hängt allein davon ab, wie Tizian sie küsst, Zunge oder nicht.
Der Rest ihres Lebens beginnt in diesem Augenblick.
Tizian winkt ihr zu.
Jemand rempelt Aja zur Seite, läuft winkend auf Tizian zu und springt direkt in einen Hundehau... Nein, es ist Lissa. Elegant schwebt sie über das braune Hindernis und auf den Rücksitz des Rollers. Tizian zieht seinen Helm aus und gibt ihn ihr. Er bringt sein Leben in Gefahr, um Lissas zu schützen!
Aja wurde noch nie Zeuge einer romantischeren Geste.
Dann fliegen sie mit dem Roller davon. Ein Schwarm Tauben gibt den Weg frei, die Wolken öffnen sich, bevor das endlose Blau des Himmels dahinter Tizian und Lissa verschluckt.
Shit.
Aja rennt ihnen hinterher. Der Bus überholt sie und eine Reihe platter Nasen hinter den Scheiben blickt ihr grinsend nach, wie sie da steht in einer Pfütze ihres eigenen Schweißes. Diesen Bus hat sie verpasst und das Essen mit ihrem Paps.
Verfluchter Shit.
Verdammter Dreckshit.
Sie sucht ein Wort, das groß und stinkend und dreckig genug ist, diesen Augenblick zu beschreiben. Etwas klatscht an ihrer Nase vorbei, hinterlässt einen Sprengsel auf der Spitze und schlunzt auf ihren rechten Schuh.
Shit.
Genauer gesagt: Taubendreck.
Preußische Tugenden und reichlich troubled Water
»Sie sind in den Himmel geflogen?«, fragt Ajas Paps. »Wow. Was fährt er noch mal für ein Modell?«
Aja stupst ihn an. Sie stupst ihn gern an. Sie will so viel wie möglich von ihm haben, an den Freitagnachmittagen, die nur ihnen beiden gehören. Sie fasst ihn dauernd an. Könnte ja sein, dass er sich in Luft auflöst, einfach so. Man hat schon von Vätern gehört, die genau das gemacht haben, oder?
Zum Beispiel, wenn ihre Töchter ihnen eröffnen, dass sie nach dieser Saison die Schule schmeißen. Bloß den richtigen Moment abpassen.
Sie grinst. Er kaut. Sie liebt es, ihren Paps essen zu sehen. Unverscheuchbare Spatzen hüpfen zwischen ihren Beinen herum und sie alle sehen aus wie Dirk Bach mit Schnabel.
»Noch etwas Wasser?«, fragt der aufmerksame Kellner.
Sie sitzen bei ihrem Lieblingsdeutschgriechen, wie jeden Freitag seit zwei Jahren, auf der Terrasse unter einem an den Ecken leicht angeschimmelten Sonnenschirm, und schwitzen die Woche aus und all den Plunder, der ihnen in den letzten sieben Tagen quergelaufen ist. Das Ajax ist das Lieblingsrestaurant ihrer Familie, schon seit der Zeit, als sie noch eine Familie war.
»Haben Sie nicht auch bernsteinfarbenes Wasser? Mit Retsina-Geschmack?« Ajas Paps blinzelt dem Kellner zu.
Dieses Mal stupst Aja ihn so fest, dass er fast vom Stuhl kippt.
Der Kellner zieht die Brauen hoch.
»Wir haben Ouzo.«
»War nur ein Scherz«, sagt Gadd. So nannten sie ihn, als er noch ein gefragter Drummer war. Aja wird den Namen so lange benutzen, bis er genau das wieder ist.
»Ein Scherz.« Aja zupft wütend an ihrem Ohrläppchen, ungewohnt der Luft ausgesetzt, die vielen Haare ordentlich nach hinten gebunden, Modell Pferdeschwanz Mustertochter. Sie trägt ein Sommerkleid, Millefleurs, ein neues, das sie später in Eddas Second-Hand-Laden verscheuern wird. Sie hat es in Mamsell Müllers Citroën angezogen, die sie an der Haltestelle aufgelesen und sie, merci beaucoup, hierher gefahren hat.
Gadd trinkt sein Wasser und blinzelt Aja über den Rand des Glases zu. Er bleibt aussehensmäßig ein wenig hinter seinen Möglichkeiten. Ehrlich gesagt bleibt er so weit dahinter, wie die Sonne von der Erde weg ist. Immerhin gibt er sich Mühe. Seine grauen Haare sind stumpf, doch frisch gewaschen und zusammengebunden. Er hat sich rasiert, so gut es eben geht mit zitternden Fingern. Sogar seine Sonnenbrille hat er abgesetzt. Bad move. In seinen Augen verzweigen sich rote Äderchen von der Größe des Amazonas-Deltas.
»Dein Tizian wird die Schönheit bald satthaben«, sagt er.
»Ich glaube nicht mehr ans Christkind, egal, was Herr Sarytchew predigt.«
»Dann wird eben Lissa ihn abservieren.«
»Frohe Weihnachten, Paps.« Niemand serviert Tizian ab, niemals. Auch bei Lissa wird das keiner wagen. Zwei Mal keine Chance ist immer noch ziemlich wenig. Shit. Sie tritt nach den Spatzen.
»Solange er auf deiner Schule ist, besteht Hoffnung. Jeden Tag kann was passieren. Auf dem Schulhof. An der Haltestelle. Zwischen zwei Schulstunden. Ich habe Sabine auf dem Campus kennen gelernt.«
Ihr Paps legt einen salzigen Finger mitten in ihre Wunde. Wie soll sie Tizian überhaupt noch begegnen, wenn sie in irgendeiner Lehrwerkstatt Motorteile feilen oder Haarteile fegen muss?
»Love is stranger than fiction«, sagt Gadd, »hm?«
Die Essen mit ihrem Paps folgen einer eingespielten Dramaturgie. Sobald er mit der Liebe anfängt, kontert sie mit Sabines Männern.
»Sabine hat einen Neuen.«
»Weißt du, was ich hier mag?«
»Ja«, sagt Aja, aber Gadd redet einfach weiter.
»Dass keine Musik läuft. Das Schlimmste, was du Musik antun kannst: dass du sie zum Hintergrundgedudel erniedrigst.«
»Komm schon, du willst es doch wissen, das mit Sabine.« Er winkt ab, aber Aja fährt unbeeindruckt fort: »Ein Jurist ohne ein einziges Haar auf dem Kopf. Typ Serienkiller. Abartig. Steht auf Pétoncle. Und Sabine hat ihm von Roman erzählt. Heißt Edgar Richter, nein, Pförtner ...«
»Gärtner«, sagt Gadd und er sieht noch ein bisschen mehr aus wie die ehemals reinweißen Tischdecken hier vor zehn Jahren.
»Du kennst ihn?«
»Entschuldigen Sie.« Eine Stimme hinter ihr lässt sie herumfahren. Ricardo, einer der Köche, ein nach Zwiebeln riechendes Bierfass Mitte zwanzig tritt zu ihrem Tisch. »Sie sind Gadd Freumbichler! He, Mann, was geht!«
»He!«, gibt ihr Vater zurück, offenbar noch bei Roman und dem Eiermann.
»Ich liebe Ihre Arbeit auf ... auf ...« Er sieht Aja fragend an.
Sie rollt die Augen, dreht sich zu ihm um und sagt tonlos:
»Die CD.«
»Die CD«, wiederholt er laut. »Genau.« Er zieht mit einem dummen Grinsen eine CD aus seiner Tasche und liest stockend den Titel: »Preu... Preußische Tugenden.« Er runzelt die Stirn, die CD in seiner Hand bekommt langsam Fettflecken.
»Sie wollen bestimmt ein Autogramm von Gadd. Das ist mein Paps.« Sie hört sich überzeugend stolz an, wie sie findet.
»Haben Sie einen Stift?«, fragt Gadd. Kann es sein, dass er noch ein Stück deprimierter aussieht?
»Danke, Mann«, sagt Ricardo. »Ich muss zurück zu meinem Rostbraten.«
»Die CD.« Gadd hält sie ihm hin. Seine Hand zittert, aber endlich greift Ricardo zu und verzieht sich. Für diese miese Vorstellung hat sie ihm zehn Euro bezahlt und eine CD geschenkt?
»Cool, oder?«, sagt sie überschwänglich. »Dass sie dich immer noch erkennen.«
»Sie lieben mich«, sagt Gadd so traurig, dass Ajas Herz in tausend Teile bricht. »Fünf Jahre, fünf scheiß lange Jahre, in denen ich keine Sticks mehr halten kann. Geschweige denn, damit irgendwas treffe, was kleiner ist als Kanada.«
»Du machst Fortschritte. Das hast du gesagt. Das stimmt doch?«
»Preußische Tugenden«, sagt er leise, wie zu sich selbst. »Jeden Tag meine vier Stunden geübt, und ich meine, jeden beschissenen Tag. Immer der Erste im Studio. Wenn Not am Mann war, habe ich den Roadies geholfen, aufbauen, abbauen, ich habe die Band mit Essen versorgt, mit dummen Witzen und mit Trost. Ich habe sie gefahren, ich habe die Verträge ausgeschwitzt mit unserem verlogenen Dreckschwein von Manager. Hat ihn nicht davon abgehalten, sich mit der Kohle abzusetzen und der Journaille Lügen über mich zu erzählen. Und die Typen vom SWR, über die man hier dauernd stolpert, kennen mich nicht mehr.« Er fährt sich über die schwitzige Stirn.
»Du hast dir zu viel Stress gemacht.«
»Jeder hat Stress. Aber nicht jeder geht deswegen mit Cuervo Gold ins Bett, von den Frauen ganz zu schweigen.«
»Mama hätte ...«
»Sabine hat das einzig Richtige getan. Mir den Stiefel zu geben. Zerbrochene Drumsticks kann man nicht flicken. Da bleibt nur eins: wegschmeißen.«
Jetzt sind sie doch wieder da, wo sie jedes Mal hinkommen. Egal, was sie versucht, egal, wie gut das Essen oder wie schön das Wetter ist, egal wie viele Witze sie reißt oder wie sehr sie Sabines neuesten Mann verspottet, irgendwann landen sie und ihr Vater immer wieder an dieser düsteren Stelle: Tod bei Sonnenfinsternis über Schwarzafrika.
»Wir haben heute unsere Projektteams gebildet«, sagt sie rasch, um irgendetwas zu sagen.
»Der P-Day, richtig, hatte ich ganz vergessen. Und?« Er reibt sich die feuchten Augen und lächelt, dass Ajas zerbrochenes Herz in noch kleinere Teile bricht. Sein Lächeln gefriert und er blickt an ihr vorbei zum Nachbartisch, wo eine Kellnerin ein Tablett mit klaren Schnäpsen serviert. Aja rückt ein Stück mit ihrem Stuhl, genau in seinen Blick. Wut kocht in ihr hoch wie auf der Herdplatte vergessene Milch.
»Ich muss ein Projekt mit dem größten Idioten der Schule machen, ein kleiner, schmieriger Aufreißertyp. Er sagt, ich stinke nach faulen Bananen, und dann versucht er, mir die Zunge ins Ohr zu stecken.« Sie erschrickt über ihre Lügen. Sie hat jemanden verletzen wollen, egal wen.
»Du kriegst das hin«, sagt Gadd. Jetzt zittert sogar seine Stimme, ein Tick flackert in seinem linken Auge. Er setzt seine Sonnenbrille auf.
»Klar«, sagt sie mit dem schlechtesten Gewissen von hier bis Ostsibirien.
»Weißt du, dass ich deine Sommersprossen liebe?«, sagt er.
»Das erzählst du mir jedes Mal.«
»Sind es noch dreihundertvierundsiebzig?«
Er hat sich die Zahl gemerkt, trotz seines zersoffenen Hirns. Sie könnte heulen vor Freude, doch auf einmal ist diese hilflose Wut wieder da, wegen des Alks, wegen ihrer Entscheidung, die Schule zu schmeißen, die ihr mit jeder Minute dämlicher erscheint – und ihrer fest eingeplanten Lovestory mit Tizian abträglicher.
»Zähl nach, wenn du es wissen willst.« Sie steht auf, um den Schirm zuzuklappen, damit Gadd sie besser sieht, damit ihr neue Sprossen wachsen, damit sie nicht explodiert vor Wut. Aber der rostige Schirm denkt nicht daran, sich zumachen zu lassen. Sie tritt dagegen und ein überraschter Spatz fällt von seinem Rand auf den Nebentisch, mitten hinein in ein Königinnenpastetchen. »Das hier ist doch nur Show«, ruft sie. »Du reißt dich ein paar Stunden zusammen, damit ich dich den Rest der Woche in Ruhe lasse und du dich volllaufen lassen kannst.« Sie knallt ihren Hundert-Euro-Schein auf den Tisch. »Behalt den Rest.«
»Ich bin stolz auf dich«, ruft er ihr hinterher, die Leute im Restaurant sind ihm egal. Auch dafür liebt sie ihn, aber sie drängt sich weiter zwischen den Tischen hindurch. Sie springt über den Zaun auf den Gehweg und verschwindet.
Verschwinden? Wenn es doch so einfach wäre.
Denn Nicht-Verschwinden ist Dableiben und Dableiben tut viel zu weh.
Der Spatz in der Pastete zwitschert ein Lied davon.
Heiße-Hufe-Hermann und der Killerwels
»Bleib bei Gewitter ja im Haus«, sagt Flashs Mutter zum Abschied.
»Klar, Mama«, erwidert Flash. Wenn sie wüsste, was er vorhat, sie würde ihn vor den Gästen in sein Zimmer schleifen und ans Bett ketten.
Vielleicht ahnt sie es ja, denn sie setzt an, etwas zu sagen, meint dann aber nur:
»Bis Freitag. Und vergiss Marlboro Lights nicht.«
Flash nickt und klopft ihrem Esel, Marlboro, auf die Kruppe. Mit sieben Eseln und sechs Gästen bricht seine Mutter zu sechs Tagen Schwarzwaldtrekking auf. Die Gäste winken Flash zum Abschied, Flash lächelt nur. Sie sollen Spaß haben, so das Motto seiner Mutter.
Er will seiner Mutter nachrufen, sie beruhigen, »Ich werde nicht enden wie Opa«, denn genau davor hat sie solche Angst. Er bekommt kein Wort heraus.
Mit hängenden Schultern geht er hinüber zum Stall und gibt ihrem einzigen Eselsfohlen, Marlboro Lights, etwas zu saufen. Nachdem sie selbst das Rauchen aufgegeben hatte, hat Flash Mutter sämtliche Esel nach Zigarettenmarken benannt.
Schäfchenwolken ziehen über den Himmel. In Flash wecken Sie das Bedürfnis, in eine Wolke Zuckerwatte zu beißen, Auge in Auge mit Aja. Sie werden sich so lange durchfuttern, bis sich ihre Lippen berühren.
Der erste Schritt ist getan. In den letzten Wochen hat er daran gearbeitet, dass Aja und er in ein Projekt gesteckt werden. Dass es so glatt lief, war kein Glück. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er jemand anderen, noch dazu einen Lehrer, bewusst beeinflusst hat. Aber wenn Aja es nicht wert ist, dass er über seinen Schatten springt, wer dann?
Hör auf zu träumen. Mach dein Ding. Darum geht es. Nur darum.
In einigen der Wolken quellen kleine Höcker aus dem Weiß, Vorboten der Cumulonimbusse, der Blumenkohlgebirge, die später daraus wachsen. Flash kribbelt es im Nacken, er spürt die Elektrizität. Er muss sich beeilen.
Laut singend – FFFFFFlash! A-haaa, saviour of the universe! – läuft er zu seinem Schuppen, den er sich eigens für den einen Zweck aus zusammengesuchten Latten und beim Sägewerk geschnorrten Abfallbrettern gezimmert hat. Nur, wenn seine Mutter unterwegs ist, kann er in Ruhe an seinem Projekt arbeiten, ohne andauernd jede einzelne Verletzung ihres Großvaters aufgetischt zu kriegen.
Uropa Hermann wurde vier Mal vom Blitz getroffen.
Der Erste erwischte ihn beim Heuen, setzte seine Holzschuhe in Brand und ließ sein rechtes Trommelfell platzen. Die angekokelten Holzschuhe hängen in ihrem Wohnzimmer, neben dem Kamin. Fortan hieß Hermann im Dorf nur noch Heiße-Hufe-Hermann.
Flash sperrt das schwere Vorhängeschloss auf und tritt ins Dunkel. Es duftet nach Eisen und Öl, nach dem Gas seines Schweißgeräts. Er macht Licht. Der Prototyp ist so gut wie fertig.
Für den morgigen Sonntag haben sie einen Wetterumschwung angekündigt. Schauerwetter. Er würde lieber Kupfer nehmen, aber dazu fehlt ihm das Geld. Jobben? Dazu fehlt ihm die Zeit. Wenn er sich um die Esel und die Feriengäste und die Website gekümmert hat, schmeißt er meistens noch den Haushalt. Er oder keiner. Seine Mutter ist eine wunderbare Köchin. Bloß kocht sie nicht gern.
Und sein Vater? Nimmt kein Messer in die Hand aus Angst, seine Künstlerhände zu verletzen. Er malt. Leben tut er mal hier, mal bei Cathérine, seiner Muse aus dem Luberon. Flash kennt sie nur von den Bildern, die sein Vater von ihr gemalt hat. Nacktbilder.
Wie schafft es jemand, mit zwei Frauen zu leben, und zwar so, dass ihn trotzdem keine aus Eifersucht verlässt?
Er sieht noch genau vor sich, wie Aja in der ersten Deutschstunde aufstand und sagte, sie fände »Gramm-Mattick« blöd, und anschließend aufs Klo ging, ohne Frau Steckerl zu fragen. Er hat miterlebt, wie sie von einem andauernd über irgendetwas wütenden kleinen Mädchen zu einer jungen Frau gewachsen ist, mit einer Ausstrahlung wie ein Blitzkanal. Ein paar Mal hat er versucht, mit ihr zu sprechen, hat sich jedes Mal wochenlang darauf vorbereitet. Hat geschwitzt und gezittert. Immer kam etwas dazwischen. Meistens seine Feigheit. Wenn es um Mädchen geht, ist er mit Mut so reichlich gesegnet wie ein Nashorn mit rosa Flügeln.
In der letzten Zeit hat er die Eroberung von Aja seinem Projekt zuliebe zurückgestellt. Diese Sache, die hier drin unter seinen Fingern entsteht, die kann er steuern. Aja hingegen – sie ist wie eine Tretmine, die seit Jahren in der Erde schlummert.
Gestern ist sie hochgegangen. Mitten in sein Gesicht.
Du lieber Downburst!
Er bewundert Ajas Energie. Aber ihre Wut macht ihm Angst.
Nein, sie ist keine Mine – Aja ist ein Blitz. Trotz aller Forschungen weiß keiner, wie man einen Blitz bändigt oder sich seine Energie zunutze macht.
Kopfschüttelnd dreht Flash die Ventile an den Gasflaschen auf und konzentriert sich auf seine Arbeit.
Der zweite Blitz traf Uropa Hermann bei einer Kahnfahrt. Er saß da, die Angel im Mummelsee, zwischen seiner Frau und einem Nachbarehepaar, als etwas Riesiges auf ihn zuschoss. Einen Moment lang hielt er es für einen Wels. Die anderen drei kamen mit dem Schrecken und einem Bad im eiskalten See davon. Hermann aber lähmte der Blitz vorübergehend den linken Arm und ließ ihn ein halbes Jahr immer wieder in unkontrolliertes Zittern ausbrechen, was ihm den Spitznamen Wackelpudding eintrug.
Nachdem Flash die letzten Blechleisten angeschweißt hat, lässt er Marlboro Lights auf die Koppel. Während er dem Fohlen beim Fressen zusieht, spürt er, wie hungrig er selber ist. Statt jedoch Zeit mit Essen zu verschwenden, fährt er den kleinen Gabelstapler aus dem Unterstand. Sonst verlädt er damit das Heu für die Esel, jetzt hievt er den Prototypen auf den Anhänger und kuppelt den Traktor davor.
Ein ausgewachsener Blitz ist eine ganz andere Nummer als eine Tesla-Spule. Der würde die Typen von ArcAttack bei ihrer Elektro-Show in ihre Anzüge schweißen. Also hat er statt Draht Eisenbleche verwendet, was den Prototyp aber leider so schwer macht, dass er zum Transport den Trecker braucht.
Er tuckert den Feldweg hinaus auf den Südwesthang. Die Fichten riechen vor einem Gewitter immer besonders intensiv. Über ihm türmen sich zwei Wolkenberge, die mit jedem Blick dunkler werden. Wind zerzaust sein Haar. Er grinst breit und brüllt den warmen Wind an, Löwenzahnsamen stieben davon, als er ins Gras springt. So schnell er kann, rennt er zum Hof zurück und führt Marli in den Stall (mit Blitzableiter). Der Luftdruck sinkt, sein Herz schlägt schneller.
Das schafft sonst nur Aja. Wenn sie jetzt bei ihm wäre und mit ihm seinen Käfig beobachten könnte! Die Sache ist ungefährlich, solange sie nicht im Käfig sitzen. Na ja, Gefahr ist relativ.
Er steigt auf den Stapler, Marlboro Lights iaht.
»Wenn du gleich in meinem Unterstand bei mir sitzen würdest«, sagt er, »wärst du so klein mit Zylinderhut.«
Warum nicht? So könnte er austesten, ob genug Platz für zwei Personen ist. Damit er die Sache demnächst Aja vorführen kann. Gehört mit zum Projekt. Den kleinen Schönheitsfehler, dass Aja nicht mitmachen will, kriegt er noch ausgebügelt. Wie könnte irgendjemand nicht vom Blitz getroffen werden wollen?
Er führt Marli aus dem Stall – »ein einziges Rein und Raus, du Ärmste, tut mir leid« –, bindet sie an den Stapler und tuckert zurück zur Wiese. Er führt Marli in den Unterstand. Den Prototypen platziert er mit dem Stapler möglichst nahe am Hang, im Offenen.
Seine Hände zittern vor Aufregung, als er den drei Meter langen Eisenstab oben festschraubt. In den Wolken leuchten die ersten Blitze, Donner grummelt.
Er kriegt nun doch Hunger. Egal. Der seriöse Wissenschaftler stellt jedes körperliche Bedürfnis zurück. Wieso schnorrt Aja sich Essen hinterm Supermarkt, wie Yannick behauptet? Ihre Mutter hat Geld.
Konzentrier dich auf deine Aufgabe, Flashman.
Während er den Stapler und den Traktor samt Anhänger tief unter die ersten Bäume fährt, feuert er die Wolken an, höher zu wachsen und sich die Bäuche so richtig mit Energie vollzuschlagen.
Marli nibbelt an seiner Hand.
»Einen Apfel gibt’s später«, sagt er zu ihr. »Du willst doch eine seriöse Eselin der Wissenschaft sein, oder?« Er krault sie ein bisschen hinterm Ohr und erklärt ihr, was auf sie zukommt. »Alles, was im Käfig drin ist – also wir –, ist sicher. Ich habe mehrere Ableiter angeschweißt. Die gehen zehn Meter vom Blech-Iglu entfernt in den Boden und führen den Blitz weit genug weg. Ähm, theoretisch.« Er beißt sich auf die Lippe, aber Marli wirkt gelassen. Er zieht sie in den Unterstand, ein überdachtes Erdloch, das er ringsum gegen Spannungstrichter isoliert hat, kauert sich schützend vor sie und macht sich klein.
Er wartet.
Marli knabbert an seinem Ohr.
Die Warterei ist spannender als jeder Film.
Beim Anblick seiner Konstruktion erfüllt ihn Stolz. Sein Werk! Er kuschelt sich an Marli, er mag ihren Geruch nach ... nach Freiheit und Abenteuer. Aja ist zierlich, kaum größer und vermutlich riecht sie noch besser. Wenn sie wüsste, dass er sie von einem Esel doubeln lässt, würde ihm der beste Blitzschutz nicht helfen.
Irgendwo kracht der erste Blitz. Zehn Sekunden, dann folgt der Donner. Gut drei Kilometer also.
Der Schwarzwald ist die aktivste Gewitterregion in Deutschland.
Zeig’s uns, Donnergott!
Er wartet.
Marli knabbert an seiner Hand. Ihr scheint die Sache Spaß zu machen. Vielleicht hat er in ihr eine Seelenverwandte gefunden.
»Als Uropa Hermann das dritte Mal vom Blitz getroffen wurde«, erzählt er der Eselin, »lag er in einem Bombentrichter in Frankreich, mitten im Krieg. Eine Erdmulde ist ein gutes Versteck. Du musst dich hinkauern, um die Schrittspannung klein zu halten. Mein Uropa hat das nicht gewusst. Auch nicht, dass die tiefe Pfütze im Trichter den Blitz anzieht – Süßwasser leitet Blitze schlechter ab als Salzwasser. Schlechter als ein Mensch. Oder ein Esel.« So beging sein Urgroßvater den großen Fehler und warf sich flach ins Wasser, die Erinnerung an seine beiden ersten Erlebnisse mit Blitzen war noch frisch.
Dieses Mal traf ihn der Blitz genau im Hintern, verschmorte seine Hose und die linke Pobacke. Doch statt nach Hause brachte ihn die Verletzung in französische Gefangenschaft. Nach dem Krieg hat er jedem die Brandnarbe gezeigt. Im Dorf nannte man ihn bald nur noch Hosen-runter-Hermann. Seiner Familie war das furchtbar peinlich. »Der Einschlag, behauptet Mama, hat ihm nicht nur den Allerwertesten versengt.«
Ein Blitz fährt grell in die Bäume ein Stück weiter im Süden. Flashs Atem geht schneller. Sechs Sekunden. Das Gewitter rast näher. Marlis Herz schlägt schnell und warm ganz nah an seinem.
Komm nur.
Er muss sicher sein, dass die Sache klappt, bevor er Aja da mit reinzieht. Wenn sein faradayscher Iglu vor ihren Augen zu Schlacke verbrannt wird, dürfte das kaum ihr Zutrauen in das eigentliche Projekt stärken.
»Zwei Drittel der Menschen, die vom Blitz getroffen werden, überleben. Die anderen – ähm, die nicht. Über Esel kenne ich keine Statistik.« Er sagt nicht, dass vier Beine im Zweifel ein Nachteil sind. »Geld ist keins zu verdienen, mit Personenschutz vor Blitzen, nur Erkenntnis.« Und, zugegeben, das hier ist seine Vorstellung von Spaß: vom Blitz getroffen werden und es gesund zu überstehen.
Drei Mal ist ihm das gelungen. Beinahe. Spaß hat es nie gemacht. Lag vor allem daran, dass er schutzlos war. Noch mal wird ihm das nicht passieren.
Seit dem Premierentreffer ist das erste Glied des kleinen Fingers seiner linken Hand vollkommen taub und am Arm zieht sich eine Brandnarbe bis zur Achsel. Was sich nicht geändert hat: Er würde am liebsten jeden Blitz mit der bloßen Hand anfassen. Ansonsten ist die Geschichte aber zu peinlich, um sie dem Mädchen zu erzählen, in das er ...
Hinter ihm schlägt es ein, der Donner braucht neun Sekunden, ein zweiter Blitz folgt, zehn Sekunden. Flash stöhnt frustriert.
Das Gewitter zieht ab. Und lässt nichts zurück als einen Wolkenbruch.
Selbst seriöse Wissenschaftler werden nass.
Marlboro Lights iaht.
Und seriöse Esel.
Der Marsmensch und Coco Chanel
»Wenn doch dein Uropa so einen Anzug gehabt hätte«, sagt Philomena. »Du gehst genau wie er.« Kritisch beobachtet die alte Nachbarin, wie Flash durch ihr Wohnzimmer stapft, eingeschweißt in den engen Lederanzug, den sie ihm geschneidert hat. Falls das Ding gegen Blitze versagt, kann er den Anzug als tragbare Sauna patentieren lassen. Genauer gesagt: seine Erben. Schreibt man seine Erfolgsquote bei Mädchen in die Zukunft fort, wird er nie Erben in die Welt setzen.
Marli hat es sich in einem Hundekorb neben dem Sofa bequem gemacht. Das Zimmer riecht nach nassem Esel.
»Der Anzug ist perfekt, Frau Bartenbach. Jetzt muss ich noch das Drahtgestell für darüber bauen.«
»Ein bisschen weit im Schritt«, sagt die alte Frau mit prüfendem Blick. »Das wächst sich aus. Und ich bin Philomena für dich, ich bin ja noch keine neunzig.« Sie schiebt Flash vor den hohen, halbblinden Spiegel im Flur.
Flash kann seinen Marsmenschen-Anblick nicht fassen.
»Wenn ich den Helm fertig habe, darf ich nicht mehr auf die Straße, sonst knallt Förster Brick mich ab.«
»Das ist zwar nicht Chanel, aber verglichen mit deinen klatschnassen Sachen ist der Anzug eine echte Verbesserung. Habe ich dir von dem Herbsttag ’63 erzählt, als ich Coco Chanel einen Pelzhut verkauft habe?«
»Feinster russischer Nerz«, sagt Flash. »Sie kam eigens aus dem Ritz zu einer Modenschau nach Baden-Baden.«
»Coco lobte meine Näharbeit. Sie hat sofort gesehen, dass ich zu ausladend geraten war für die wirklich eleganten Roben. Nein, ich war nie ein Mäuschen.« Sagt’s und kichert wie eins. »Aber vorzeigbar bin ich noch immer.«
»Äh, klar«, sagt Flash. Er mag sie. Sie hat Wochen an seinem Anzug gearbeitet. Sein Geld will sie trotz der vielen Arbeit nicht annehmen. Sie könnte es gebrauchen, alles hier drin ist alt und angestoßen, alles außer der alten Dame. Er hat sie noch nie in etwas Hässlichem oder Billigem gesehen.
Ächzend schält er sich aus dem Anzug. Er begegnet Philomenas Blick, die ihn über den Rand ihrer Brille hinweg mustert. Flash wird rot und zieht sich hastig Philomenas pinkfarbenen Bademantel an, seine Klamotten trocknen noch.
»Wie war er denn so, mein Urahn?«, fragt er.
Statt zu antworten, fragt sie:
»Weißt du, wieso deine Mutter so oft mit den Eseln unterwegs ist?«
»Weil es Kohle bringt?«
»Sie will nicht mit ansehen müssen, wie es dir so ergeht wie ihrem Opa und du Grillhähnchen wirst. Ich war dabei, als Hermann das vierte Mal vom Blitz erwischt wurde.«
Flash sieht sie überrascht an.
»Er ist gestorben, beim vierten Mal.«
»1951.«
»Wir dachten alle, er wäre allein gewesen.«
Sie schüttelt den Kopf.
