Insekten sterben, Menschen auch! - Herbert Wolf - E-Book

Insekten sterben, Menschen auch! E-Book

Herbert Wolf

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Beschreibung

"Insekten sterben, Menschen auch" - das könnte fast eine Binsenweisheit sein, wenn Herbert Wolf sie in seinen Kurzgeschichten nicht auf fatale Weise wenden würde. Eine Babywunsch-Klinik in einer mittleren Stadt in Tschechien. Die letzte Hoffnung für Frauen, bei denen nichts mehr geht. Und auch hier geschieht, was Medien oft genug kolportiert haben: Zwei Babys werden vertauscht. Und damit beginnt ein gewaltiges und gewalttätiges Drama, das nicht enden will. Nur ganz nebenbei für alle Neugierigen: Die Insekten sind auch da …

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Seitenzahl: 567

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Prolog 3

1. Radtour ins Verhängnis 5

2. Die Suchmeldung 83

3. Der Sonntagsausflug 93

4. Start frei Piste 26 101

5. Das Geschenk 113

6. Der Mord 123

7. Die Exkursion 131

8. Der Maikäfer 140

9. Die Hornisse 158

10. Die Spinne 199

11. Wespen sind auch nur Lebewesen 208

12. Der Imker 224

13. Boschs großer Fall 245

14. Wie schmecken Heuschrecken? 314

15. Schmetterlinge 327

16. Nicht ohne Biene 338

17. Das Versteck 343

18. Der konsequente Heinrich 351

Epilog 387

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-073-0

ISBN e-book: 978-3-99131-074-7

Lektorat: Volker Wieckhorst

Umschlagfoto: Ilkin Guliyev, Giacomo Bosio, Piotr Zajc, Teekaygee | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Prolog

Wer ist nicht genervt, wenn ihn eines dieser kleinen Plagegeister nachts bei geöffnetem Fenster in den Fuß sticht oder beim Kaffeetrinken auf der Terrasse sich an seinem Stück Kuchen bedienen möchte?

Und wer würde vergessen, wie nützlich die Insekten für uns doch sind? Mal stören sie unsere Ruhe, mal sorgen wir uns, wenn wir vom Schwund der Artenvielfalt bei diesen oft winzigen Lebewesen lesen.

Unser Verhalten Insekten gegenüber ist zwiespältig. So zeigen wir oft keine Hemmungen, Mücken und Spinnen zu töten. Da reicht es, dass sie uns vermeintlich stören oder wir uns bei deren Erscheinen ekeln. Allerdings dominiert bei uns Sympathie und sogar Entzücken beim Anblick von Bienen oder Schmetterlingen.

Dass Insekten unter Umständen den Ablauf einer Story beeinflussen oder sogar komplett abändern können, werden die Geschichten in diesem Buch zeigen. Der Blick in dieser Geschichtensammlung richtet sich nicht auf die Nützlichkeit von Insekten oder die Bedrohung ihrer Existenz. Es ist mehr ein Zufall, der diesen Tieren in den Geschichten eine Rolle zuweist, sodass sie einen quasi „handelnden“ Einfluss auf deren Verlauf gewinnen.

Das ist oft überraschend und skurril, wie die Insekten in den Handlungen wirken.

So wird neben einer Frauenleiche eine erschlagene Hornisse entdeckt, an der Sperma klebt, was zur Aufklärung eines Mordes führt.

Oder ein von Spinnenangst geplagter Mann rastet panisch aus beim Anblick einer schwarzen Spinne an der Zimmerdecke.

Eine Geschichte erzählt, wie durch die massenhafte Vermehrung von Kakerlaken in einem Lager dessen Leiter zur Verzweiflung getrieben wird. Der riskiert durch seine zögerliche Reaktion sogar seine sicher geglaubte Karriere.

Wenn die eine oder andere Kurzgeschichte dazu führt, dass der Leser seine eigene Haltung zu Insekten überdenkt, dann ist das zwar nicht beabsichtigt, aber sicher nicht schlecht.

Entscheidend für diese Geschichtensammlung ist, wie bei Literatur immer, der Spaß beim Lesen, und den wünscht Ihnen der Autor.

1. Radtour ins Verhängnis

Sie waren fünf Ehepaare, die häufig zusammen feierten oder sich in der Freizeit trafen. Da sie fast alle in diesem Ort aufgewachsen waren, kannten sie sich seit ihrer Kindheit, hatten sie die dortige Schule besucht und gehörten denselben Vereinen an. Innerhalb ihrer Gruppe mussten sie sich nicht mehr verstellen, da sie einander so vertraut waren, dass sie sich an die Eigenheiten eines jeden Mitglieds längst gewöhnt hatten. Reibereien, die es sicher schon mal gab, hielten nur kurz an und blieben daher folgenlos. Würde sie jemand fragen, welche Charaktereigenschaft sie besonders an ihren Freunden schätzten, dann würden sie wahrscheinlich spontan die Verlässlichkeit nennen. Dabei stellte sich bei ihnen so gut wie nie das Gefühl ein, dass sie sich Außenstehenden gegenüber abschotten könnten. Das Bedürfnis, ihren Kreis für neue Gesichter zu öffnen, war allerdings gering. Sie blieben gern unter sich.

Einmal im Jahr, meist im Frühjahr oder im beginnenden Herbst, brachen sie zu einer mehrtägigen Fahrradtour auf. Dafür übernahm Paul, unterstützt von seiner Frau Carmen, für die Gruppe stets die gesamte Organisation.

Wer schon einmal eine solche Radtour organisiert hat, weiß, wie zäh und aufreibend oft die Abstimmung ist. Alle Termin- und Reisewünsche der Teilnehmer müssen dabei zufriedenstellend berücksichtigt werden. Paul hatte genügend Erfahrung und Gelassenheit, um mit einigen eher schwierigen Charakteren in ihrer Gruppe umzugehen. Er schaffte das erstaunlich geräuschlos und beklagte sich selten, wenn ihn einer der Freunde mit seinen Extrawünschen überfiel.

Bis auf Roman Schlichter und die beiden Hausfrauen Rosa Lindner und Beatrix Schlichter waren sie alle noch berufstätig, was für Paul die Terminabsprache verkomplizierte.

Diese beiden Frauen versteiften sich oft auf Sonderwünsche, was für Paul nicht nur Mehrarbeit bedeutete, sondern Fingerspitzengefühl erforderte. So bestanden sie zum Beispiel auf den Einbau touristischer Highlights in die Tour, die der Veranstalter gar nicht anbot. Für ihre Männer Benno Lindner und Lars Schlichter sollten es vor allem Besichtigungen von Weingütern und Brauereien sein.

Fast nie konfrontierte ihn das Ehepaar Steffie und Roman Schlichter mit Sonderwünschen. Er war der Bruder von Lars und erst kürzlich Rentner geworden. So wie sie sich mit eigenen Wünschen meist zurückhielten, so setzten sie allerdings auch selten Impulse bei der Gestaltung der Touren oder ihrer Treffen.

Und dann gab es noch das Lehrerehepaar Inge und Andy Schubert, das sich meist unauffällig einfügte, aber gelegentlich durch Einfälle auffiel. Beide bereiteten sich, ähnlich wie die Kleins, auf ihre Radtouren vor, sodass ihre Ideen nicht von ungefähr kamen. Aber sie akzeptierten es, wenn die Gruppe ihren Anregungen nicht folgte.

Paul favorisierte ein Vorgehen, das seiner Meinung nach sehr effektiv zum Abstimmungsergebnis führte. Er stellte keine offenen Fragen zu Terminwünschen oder präferierten Fahrradtouren, sondern suchte selbst zwei, seltener drei Vorschläge im Internet bei bekannten Anbietern heraus, um die dann zur Abstimmung zu stellen. Er wusste ja, dass vielleicht mit Ausnahme der Schuberts sich die meisten in der Gruppe nicht bemühten, selbst nach geeigneten und reizvollen Touren zu suchen. Mit zwei Optionen zur Auswahl erreichte er schneller Einigkeit, als auf Vorschläge aus seiner Gruppe zu warten. Trotzdem nahm die Abstimmung für die anstehende Fahrradtour mehrere Tage in Anspruch.

Auch dieses Mal hatte er zwei Touren vorgeschlagen, eine davon sollte dem Neckar flussabwärts folgend in Heidelberg enden. Und genau für diese entschied sich die Gruppe, die Alternative wurde dagegen nach kurzer Diskussion verworfen. Nur beim Termin hakte es eine Weile, auch wenn das Zeitfenster eng begrenzt war. Auf Anfang September konnten sich schließlich alle festlegen. Was Paul noch regeln musste, waren eher Kleinigkeiten, wie Besuche von touristischen Highlights am Rande der gemeinsamen Tour oder spezielle Wünsche an die Hotelzimmer.

An ihren Radtouren liebten sie vor allem das gesellige Beisammensein, keiner von ihnen war so ehrgeizig, dies als sportliche Herausforderung aufzufassen. Der Spaß stand im Vordergrund, der Weg war das Ziel, hieß es bei ihnen.

Womit er in diesem Jahr nicht gerechnet hatte, war, dass sich jemand zusätzlich zur Teilnahme in ihrer Runde melden würde. Darauf hatte er mit einer einsamen Entscheidung reagiert. Und da hätte er sich einen Satz wie „Ich wollte doch nur …“ besser ersparen sollen, mit dem er in einem Gruppentreffen vor Beginn der Tour seinen Alleingang gegenüber seinen Freunden zu begründen suchte. Bereits beim Lesen der folgenden E-Mail hätte ihm die Problematik seiner Entscheidung auffallen müssen. Eine Korrektur wäre ihm da aber ohnehin kaum mehr möglich gewesen.

E-Mail von [email protected] an [email protected]

Betreff: Unsere Radtour

Hallo Paul,

Samstag in acht Tagen geht’s schon los, und wir freuen uns riesig darauf! Habe dich in den vergangenen Tagen weder an deinem Arbeitsplatz noch in der Kantine angetroffen. Deshalb will ich dir kurz nochmals per E-Mail mitteilen, dass wir gut vorbereitet sind.

Wir sind fit, haben in den letzten Tagen an der Kondition in einem Spinning-Kurs im Fitnessclub gearbeitet. Unsere Fahrräder haben wir auch vom Fachmann checken lassen, fahren künftig mit sogenannten Unplattbaren an beiden Rädern. Hoffen, dass die halten, was ihr Name verspricht!

Habe noch ein paar Ideen, die unsere Abende beleben könnten. Die konnte ich bei meiner anstrengenden Radtour in Norwegen ausprobieren, was die Stimmung deutlich verbessert hatte. Werde mehr erzählen, wenn wir unterwegs sind.

syl

Klaus

Paul Klein atmete ganz tief ein und ließ die Atemluft dann aus seinen dicken Backen hörbar entweichen. Die E-Mail seines Kollegen Klaus wirkte doch erst mal befremdlich auf ihn. Wen hatte er da zu seiner Fahrradtour mit Freunden eingeladen?, fragte er sich. So dick war er mit Klaus nicht, arbeiteten sie doch in verschiedenen Abteilungen in ihrer Firma und hatten in ihrer Freizeit wenig Kontakt miteinander. Und wenn er das las, dann hatte er jetzt den Eindruck, dass der Kollege anscheinend eine andere Radtour erwartete als die gemeinsame mit seinen Freunden. Fast schien der die für einen Wettbewerb zu halten.

Sie trafen sich gelegentlich in der Kantine und bei einem Lehrgang. Einmal hatte Paul die Benders zu einem ihrer Gartenfeste eingeladen, sie waren ja im gleichen Alter. Eine Gegeneinladung oder weitere Besuch hatte es bisher nicht mehr gegeben. Weder schien das Paul noch sein Kollege zu vermissen, es hatte möglicherweise an einer passenden Gelegenheit gefehlt. Die von ihm gelegentlich an Klaus beobachtete berufliche Übermotivierung störte ihn schon mal, aber nicht so, dass er den Kontakt zu ihm hätte meiden wollen.

Einen Moment überlegte Paul, ob er diese E-Mail an seine Freunde weiterleiten sollte, doch unterließ er das, weil er fürchtete, dass die ähnlich erstaunt über den Inhalt reagieren würden. Das wollte er nicht.

Die hatten ja gerade erst die Benders kennengelernt, und er hoffte, dass sich alle auf der Tour zusammenfänden. Er atmete nochmals tief durch, dann antwortete er.

E-Mail von [email protected] an [email protected]

Betreff: Re. Unsere Radtour

Hallo Klaus,

danke für deine E-Mail, war die letzten Tage erst auf einem Lehrgang und dann bei einem unserer Entwicklungspartner in Frankfurt.

Es freut mich, wenn ihr schon so top vorbereitet auf den Beginn der Fahrradtour wartet.

Meine aber, ihr solltet die Tour etwas entspannter sehen. Wir sind eher ein gemütlicher Freundeskreis ohne besonderen sportlichen Ehrgeiz. Spaß steht bei uns im Vordergrund. Es heißt bei uns: Der Weg ist das Ziel!

Dann freue ich mich, euch am Samstag im Hotel zu sehen,

MfG

Paul

Er ahnte nicht, dass Klaus voller Ehrgeiz Petra und sich selbst im Fitnessstudio zu einem Spinning-Kurs angemeldet hatte. Für den war es wichtig, dass sie sich nicht in der Gruppe wegen mangelnder Kondition blamieren müssten. Bei ihm eine überflüssige Sorge, bei Petra, die sich weniger körperlich fit hielt und dauerhaft an einem erhöhten Blutdruck litt, war das Training eher sinnvoll. Sie maulte zwar über seinen Eifer, gab ihm aber nach, um ihn nicht zu enttäuschen.

***

Wenige Wochen vorher hatte ihn Klaus an seinem Arbeitsplatz aufgesucht. Der erwischte ihn, als er gerade einen Wunsch von Rosa online bearbeiten musste. Die hatte ihn kurz zuvor angerufen und darauf gedrungen, dass die Gruppe unbedingt an einer Schlossbesichtigung in Heidelberg teilnehmen sollte.

„Dafür ist aber eine Reservierung für die Führung erforderlich“, ergänzte sie ihren Wunsch.

„Rosa, das müssen wir nicht über den Veranstalter buchen“, hatte er versucht, seine Freundin zu überzeugen. „Das können wir doch direkt vor Ort regeln.“

„Das sehe ich ganz anders. Wir sind zehn Leute, und es könnte mit unserer verfügbaren Zeit knapp werden. Mach es einfach! Ich will schließlich eine kompetente Führung“, ließ sich Rosa nicht beirren.

Pauls leisen Seufzer oder das Verdrehen seiner Augen hatte sie am Telefon nicht mitbekommen und sich nur mit einem herzlichen Gruß bedankt. „Du bist ein Schatz, weißt du das? Tschüs, Paul!“

„Rosa, was soll ich sagen?“, hatte er daraufhin resignierte. Sie und ihr Mann Benno, ein Beamter in der Stadtverwaltung, legten stets großen Wert darauf, dass sie gehört und ihre Gedanken ernst genommen wurden. Sie ließen sich schwer abbringen von einmal gefassten Ideen, das wusste er ja.

Als genau in diesem Moment Klaus bei ihm am Arbeitsplatz auftauchte, da zeigte sein Bildschirm noch die Veranstalter-Homepage. Und der merkte sofort, dass sich sein Kollege nicht mit seiner eigentlichen Aufgabe in der Firma beschäftigte.

„Hallo, was machst du gerade?“, fragte ihn Klaus neugierig, wobei er hinter ihn trat und dabei auf seinen Bildschirm starrte. Der musste nicht lange rätseln, die angezeigte Web-Seite stammte nicht von ihrer Fahrzeugbaufirma.

„Ich versuche gerade, eine Reservierung für unsere diesjährige Radtour abzusetzen. Das wollte ich noch schnell abschließen. Das ist schon die letzte Eingabe“, erklärte Paul etwas verlegen, hatte aber nicht vor, sich wegen des Kollegen unterbrechen zu lassen. „Gib mir einen Moment, ich rede gleich mit dir.“

„Dir ist schon klar, dass du dich bei unserem Arbeitgeber damit nicht beliebt machst. Könnte dir sogar eine Abmahnung einbringen“, schob Klaus seine Bedenken hinterher.

„Ach, weißt du, so oft, wie ich viel früher mit meiner Arbeit beginne oder später das Büro verlasse, da sollte mir mein Arbeitgeber diese kleine Nachlässigkeit verzeihen.“

Paul sah nicht, dass Klaus den Kopf schüttelte, auch weil er sich auf die Eingabe konzentrieren musste.

„So, das ist in der Kiste“, erklärte er schließlich zufrieden. „Du musst wissen, dass ich für die Organisation unserer nächsten Radtour verantwortlich bin. Und ich bin teilweise schon spät dran, immerhin sind wir fünf Ehepaare, und diese Radtour gehört zu den beliebtesten in Deutschland. Aber was wolltest du von mir?“

„Ihr seid eine feste Gruppe?“, fragte Klaus, den nun mehr interessierte, was sein Kollege gerade organisiert hatte.

„Ja, wir kennen uns teilweise seit unserer Kindheit. Einmal im Jahr unternehmen wir eine Fahrradtour, es ist schon die siebte.“

„Klingt interessant! Macht sicher auch Spaß“, sagte Klaus, der es mit seinem Anliegen offensichtlich nicht eilig hatte.

„Ganz bestimmt! Aber jetzt sag schon, was ich für dich tun kann.“

„Ach so, ja. Du bist doch der verantwortliche Konstrukteur für dieses Zusammenbauteil“, erklärte Klaus und hielt dabei seinem Kollegen eine Seite hin.

„Sieht so aus“, sagte Paul und suchte bereits über das Computersystem nach der passenden Zeichnung. „Was ist damit?“

Klaus erklärte, dass er für dieses Teil eine Änderung bräuchte, um es für seinen Einsatzzweck ebenfalls verwenden zu können. Und das sagte ihm sein Kollege nach einigem Nachdenken zu.

„Prima! Das würde uns wirklich helfen“, wollte sich Klaus schon verabschieden, als ihm noch etwas einfiel. „Wann habt ihr vor loszufahren?“

„Was? Ach so, du redest jetzt wieder von unserer Radtour. Die startet erst im September“, antwortete Paul.

„Bis dahin ist es ja noch eine Weile, aber ich wünsche euch jetzt schon ein gutes Gelingen“, sagte Klaus und wandte sich endgültig zum Gehen. Doch nur wenige Minuten später stand er nochmals vor Pauls Schreibtisch.

„Was ist denn jetzt noch?“, fragte der, dem die erneute Störung nicht gefiel.

„Mir ist eine Frage eingefallen, ist aber privat“, druckste Klaus etwas verlegen herum. „Ich habe eben überlegt, ob ihr in eurer Gruppe noch ein weiteres Paar verkraften könntet.“

„Du meinst, du und deine Frau? Oh, das kommt etwas überraschend“, zeigte sich Paul skeptisch. „Wir sind immerhin schon fünf Ehepaare und kennen uns zudem schon sehr lange. Ich weiß nicht, wie die anderen Teilnehmer das aufnehmen würden. Und abgesehen davon ist fraglich, ob der Veranstalter noch zwei weitere Personen auf dieser Tour unterbringen kann, Hotels usw.“

„Na ja, ich wollte halt einfach mal nachfragen, ist mir spontan eingefallen“, sagte Klaus und rührte sich nicht von seinem Platz. Er schaute seinen Kollegen abwartend an, bis der sich endlich bereit erklärte, dessen Wunsch prüfen zu wollen.

„Ich werde beim Reiseveranstalter erst mal anfragen, ob das möglich ist, mache ich gleich in der Mittagspause“, beschied er dem Kollegen, der sich immer noch nicht wegbewegte.

„War’s das dann für heute, Klaus? Wie gesagt, dem Veranstalter werde ich eine E-Mail schreiben. Und meine Freunde werde ich dann heute Abend anrufen oder die per WhatsApp informieren.“

Paul war aufgestanden und reichte Klaus die Hand, um ihm zu signalisieren, dass er nicht mehr Zeit habe. „Ich melde mich bei dir.“

Die Anfrage beim Reiseveranstalter schickte er sofort raus und erhielt prompt eine positive Rückmeldung. Er sollte sich nur wegen der Hotelreservierungen schnell entscheiden. Das war für Paul das Problem.

Die erst nach meiner Mittagspause anzuschreiben, wäre vielleicht schlauer gewesen, überlegte er, unsicher, wie er reagieren sollte. Keinen seiner Freunde hatte er bisher fragen können.

Ihm war unwohl beim Gedanken, sich ohne Zustimmung der Gruppe sofort entscheiden zu müssen. Immerhin könnten die freien Plätze anderweitig vergeben werden, sollte er zögern. Auch wenn Klaus nicht zu seinem engen Freundeskreis gehörte, wollte er sein Versprechen einhalten. Dann tippte er online die notwendigen Angaben der Benders ein, musste aber einige Daten offenlassen, was für die Buchung akzeptiert wurde. Jetzt musste er nur noch „Kostenpflichtig buchen“ drücken, dann wäre das Thema entschieden.

Der Mauszeiger fuhr über den Button, und sein Finger zitterte ganz leicht, doch schließlich drückte er entschlossen auf die Maus.

„Das war’s, die Buchung für Klaus und dessen Frau ist abgehakt!“

Das nächste Problem für Paul würde durch einen Mausklick nicht so leicht erledigt werden können, das ahnte er.

Er war erleichtert, Klaus Bitte erfüllt zu haben, was er dem sofort mitteilte. Unangenehm war ihm nur der Gedanke an seine Freunde. Er hoffte darauf, dass die seine Eigenmächtigkeit zwar kritisieren, aber letztlich doch hinnehmen würden. Unvorbereitet wollte er die nicht über seine Entscheidung informieren, sondern einen passenden Augenblick abwarten.

***

Am Abend rief er die Schlichters an, erreichte dort aber nur den Anrufbeantworter. Als gleich darauf sich auch im Haus von Benno und Rosa niemand meldete, verschob er sein Vorhaben. Er hatte entschieden, keine E-Mail oder WhatsApp an die Freunde zu verschicken, sondern wollte jedes Ehepaar telefonisch über seine Entscheidung informieren. Er hoffte eher auf Nachsicht für seinen Alleingang, wenn er sie einzeln mündlich ansprach.

Am Folgetag erhielt Lars Schlichter als Erster der Gruppe einen Anruf, der gleich anders ausfiel, als Paul es erwartet hatte. Zwar verzichtete der darauf, direkt gegen seine Entscheidung zu opponieren, aber unverkennbar zeigte der sich verärgert. Nach dem Gespräch lief er kopfschüttelnd zu seiner Frau, um ihr von der Neuigkeit zu berichten. „Beatrix, weißt du, was mir Paul gerade offenbart hat?“

„Nein, aber du wirst es mir sicher gleich erzählen“, erwiderte sie ungeduldig und verdrehte dabei ihre Augen. Sie empfand ihren Mann gelegentlich als etwas langatmig.

„Paul hat ein Ehepaar zu unserer Radtour eingeladen, ohne uns vorher zu fragen. Keiner von uns kennt die“, rief er deutlich empört.

„Was hat der? Und du hast ihm sicher gleich gesagt, was du davon hältst?“, zeigte sich Beatrix ebenfalls irritiert von Pauls Entscheidung, schien aber anzunehmen, dass Lars sich entsprechend ablehnend geäußert hatte.

„Jedenfalls habe ich ihm gesagt, dass sein Vorgehen nicht in Ordnung ist“, antwortete ihr Mann verunsichert und deutlich leiser.

„Mensch, warum hast du nicht gleich gesagt, dass wir damit nicht einverstanden sind!“, zeigte sich Beatrix ungehalten.

„Das bringt doch nichts!“, verteidigte sich Lars. „Die Buchung ist doch schon gelaufen, wie er mir erzählte.“

„Ich fasse es nicht! Ich rufe den jetzt an und sage ihm selbst, was ich davon halte.“ Damit griff sie zum Telefon, wählte und wartete.

„Und wieso meldet der sich jetzt nicht?“ In Beatrix steigerte sich der Ärger. „Dann versuche ich erst mal, Rosa zu erreichen. Die weiß vielleicht noch gar nichts davon.“

Sie hatte den Apparat in der Hand und schien zu zögern.

„Ich mache das von drüben aus, da kann ich mit der gleich noch etwas anderes besprechen!“

„Was denn?“, fragte er hinterher, erhielt aber keine Antwort, da sie bereits das Zimmer verlassen hatte.

Lars wurmte, dass seine Frau ihn ziemlich heftig angegangen und nun zum Telefonieren im Schlafzimmer verschwunden war. Wenn er etwas nicht leiden konnte, dann, von ihr respektlos behandelt zu werden. In diesem Fall meinte er, nicht einmal eine Berechtigung für ihren Unmut zu erkennen. Dass sie sich häufig zurückzog, um ungestört zu telefonieren, verstand er nicht, es verunsicherte ihn nur.

Beatrix erreichte Benno Lindner am Telefon, was sie wohl insgeheim gehofft hatte, auch wenn sie angeblich Rosa hatte sprechen wollen. Und bis sie dann zum Thema ihres Anrufs kam, vergingen einige Minuten. Bei Benno schien das keine Verwunderung hervorzurufen, eher schien der beim Plaudern mit der Freundin aufzublühen, hörte ihn doch seine Frau mehrfach auflachen. Erst als Rosa neben ihm auftauchte, wechselte er in einen mehr sachlichen Ton.

„Was kann ich denn jetzt für dich tun?“, fragte er, da ihm Rosa schon das Telefon aus seiner Hand zu entwenden suchte.

„Beatrix, ich bin’s jetzt. Worum geht es denn?“, mischte sie sich in das Gespräch ein.

Und dann berichtete ihre Freundin von Pauls Neuigkeit, die sie angeblich von ihm selbst erfahren hätte. Sie musste sich gar nicht sonderlich anstrengen, Rosa teilte sofort ihren Ärger. Sie hatte nur Mühe, ihren Mann auf Abstand zu halten, da der versuchte, dicht an ihrem Ohr mitzuhören, was Beatrix berichtete.

„Sag, geht’s bei dem noch? Der kann doch nicht über unsere Köpfe hinweg einfach jemanden dazu einladen. Das sollten wir nicht akzeptieren“, schimpfte Rosa.

Schnell waren sich die beiden Frauen einig, dass sie das nicht hinnehmen wollten, und sie fanden ausreichend Gründe, warum das absolut nicht möglich wäre.

„Wir kennen uns so lange, wir harmonieren wirklich, so- dass wir mit unseren Macken gut zurechtkommen. Das ist doch bei einem völlig neuen Paar gar nicht zu erwarten“, erklärte Beatrix. „Ich kann Paul wirklich nicht verstehen, dass dem das nicht bewusst ist.“

„Sehe ich genauso. Allenfalls wenn wir die vorher mehrmals treffen könnten und wir dann wüssten, wie die drauf sind, hätte diese Einladung eine Chance“, stimmte ihr Rosa zu.

Erst Benno konnte die beiden Freundinnen beruhigen, nachdem er durch mehrfaches Fragen herausbekommen hatte, was das Problem war. Er schlug vor, die ganze Gruppe zu einem Gespräch zusammenzurufen. „Dann erklären wir mal Paul, wie wir das sehen!“ Er bot sich an, einen Termin zu arrangieren, um diese Entscheidung zu diskutieren.

Und dieses Treffen fand wenige Tage später in einem Lokal statt, das sie häufiger schon für ihre Besprechungen und bei etlichen Feiern aufgesucht hatten. Dort gab es einen kleineren Raum, in dem die Gruppe niemand stören würde. Und dieses Mal war das sogar erforderlich, denn die Stimmung zeigte sich aufgeladen, selbst wenn sie alle sich zunächst noch zurückhielten.

Paul sah jeder sein schlechtes Gewissen an. Er äußerte auch sofort sein Bedauern. Er habe das völlig falsch eingeschätzt und nur deshalb so prompt reagiert, weil ihn der Reiseveranstalter wegen der Hotelreservierung unter Druck gesetzt hätte.

„Das Büro des Veranstalters hat mich da regelrecht gedrängt, schnell zu reagieren“, behauptete er kleinlaut, und das verstanden einige in der Gruppe sogar. Nur die Lindners und Schlichters zeigten sich unbeeindruckt.

„Das Schlimmste, was du riskiert hättest, wäre, dass dieses Ehepaar nicht mitfahren könnte“, zischte Beatrix Paul an. „Na und? Dann hättest du das denen mitgeteilt: Sorry, hab’s versucht.“

Und Benno sprang ihr zur Seite. „Dann hätte sich die Sache von selbst erledigt.“

„Ist das deine Art, mit Kollegen umzugehen?“, fragte Paul, der eine andere Meinung vertrat und die jetzt am liebste gesagt hätte. „Ich wollte doch einfach nur meinem Kollegen einen Gefallen tun. Dachte nicht, dass das ein großes Problem für euch sein würde.“

Jetzt griff Lars ein, der mehr Verständnis für den Gescholtenen empfand und dem die knallharte Kompromisslosigkeit seiner Frau und von Benno nicht gefiel.

„Was Paul gemacht hat, war nicht in Ordnung. Ist aber auch kein Grund, über ihn herzufallen. Immerhin organisiert er zu unser aller Entlastung Jahr für Jahr unsere Radtouren. Das sollten wir nicht vergessen.“

Selbst seine Frau Beatrix erwiderte nichts mehr, kaute auf ihrer Lippe und schaute kurz zu Rosa rüber, die sich scheute, Lars Worten offen zu widersprechen. Paul fasste sich endlich und hatte einen Vorschlag.

„Wir sollten uns mit denen treffen, ich meine mit den Benders“, erklärte er und ließ seinen Blick in der Runde kreisen. „Dann können wir uns ein Bild von denen machen. Und sollten wir dann feststellen, dass es nicht passt, dann müssten wir die bitten, die Tour allein zu fahren oder abzusagen.“

Das klang gut und kam an, obwohl er unerwähnt ließ, ob eine Buchung so einfach gecancelt werden könnte. Fast alle nickten zustimmend und schienen froh, dass sie Paul hatten, der sich dieser Organisationsarbeit seit Jahren angenommen hatte. Jetzt wollten sie aber mehr über die Benders erfahren.

Als sie auseinandergingen, war zumindest Paul überzeugt, dass ihm alle in der Runde seinen Alleingang verziehen und die Mitfahrt seines Kollegen und dessen Frau grundsätzlich akzeptiert hatten. Er war sicher, dass keiner deshalb die gemeinsame Tour platzen lassen wollte. Das sah er zu optimistisch, denn einige seiner Freunde hatte er nicht überzeugt. Auf ihrer Heimfahrt diskutierten die beiden Ehepaare Schlichter und Lindner weiter. Beatrix konnte sich nicht bremsen, ihrer anhaltenden Skepsis und Verärgerung freien Lauf zu lassen.

„Paul hat uns ganz schön eingewickelt, finde ich. Jetzt sollen wir also zusammen mit diesen Benders fahren, obwohl wir die überhaupt nicht kennen. Oder wisst ihr mehr, als dass sie in unserer Stadt wohnen und er ein Kollege von Paul ist?“

„Na ja, etwas mehr wissen wir jetzt schon“, widersprach Lars. „Es scheinen auch interessante Leute zu sein, immerhin hat sich Paul doch sehr positiv über die geäußert. Und Erfahrungen mit Radtouren sollen die auch haben. Ich sehe das entspannter als du.“

„Ja und?“, fragte Benno ironisch. „Was Paul sagt, will ich gern glauben. Nur ist das nicht der Punkt. Das Wichtige ist doch, ob sie zu uns passen. Also ich weiß jedenfalls nicht sehr viel über die, um jetzt sagen zu können: passt schon. Aber die Entscheidung ist gefallen, und wir sollten uns damit anfreunden, meine ich.“

„Manchmal bringst du es einfach auf den Punkt!“, rief Beatrix, die jetzt von ihrem Rücksitz aus die Schultern von Benno umschlang, ungeachtet dessen, dass der sich auf das Lenken konzentrieren musste.

„Kannst du den mal einfach fahren lassen, bevor noch etwas passiert?“, mischte sich Rosa befremdet ein, der diese Geste weniger gefiel.

„Wieso denn? Dein Mann ist doch so knuddelig!“ Jetzt mussten alle lachen, und weder Rosa noch Lars bemerkten, wie sehr in diesem Moment Beatrix Benno knuddelte und der gleichzeitig ihre Hand fasste und die fest drückte.

„Gell, wir jedenfalls gehören zusammen!“, sagte Benno in die Runde und schaute in den Rückspiegel.

***

Benders fuhren voraus, eine beträchtliche Lücke hatte sich zum Feld der restlichen Radgruppe aufgetan, die offensichtlich keine Anstrengungen unternahm, die zu verkleinern. Dabei war es nicht der Tag, an dem man unbedingt gemütlich durch die Landschaft zockelte, weil keine wärmende Sonne und ein wolkenloser Himmel die Stimmung stimulierte. Es regnete zwar nicht, aber sonst gab sich dieser Septembertag grau und kühl.

Bei der Abfahrt vor dem Hotel am Morgen hatte Paul den Benders erklärt, dass sie auf der Fahrt gern zusammenbleiben wollten, sich keiner beim Radeln verausgaben sollte.

„Wir fahren eher gemütlich, haben für die Etappe genug Zeit und müssen uns nicht beeilen.“

Das hatte zumindest Klaus vermutlich nicht völlig verstanden. Bereits mehrfach hatte er festgestellt, dass er zu weit vor der Gruppe herfuhr und er dann warten musste. Nur Petra war meist neben ihm geblieben, was ihr gar nicht so leicht fiel. Gegen das eher gemächliche und entspannte Radeln der Gruppe hatte sie selbst nichts einzuwenden, hätte sich gern mehr an den Gesprächen der anderen Radler beteiligt.

„Du hast doch gehört, was Paul heute Morgen gesagt hat“, erinnerte ihn seine Frau. „Die fahren halt ihr übliches Tempo, und das reicht ja auch. Ich jedenfalls möchte auch nicht wesentlich schneller fahren.“

„Bisschen nervend für mich, immer wieder warten zu müssen“, entgegnete Klaus etwas gequält. „Die sind wohl gar nicht so fit, wie es Paul behauptet hat. Zumindest ein Teil von denen.“

„Wen meinst du denn?“, erkundigte sie sich. Ihr war Klaus Beobachtung gar nicht aufgefallen, hatte sie zumindest nicht beachtet.

„Das siehst du doch selber!“, entgegnete ihr Mann und schaute sich abschätzig nach der Gruppe um, die Klaus bissigen Kommentar gar nicht gehört hatte. „Ich hätte da mal eine Frage zur Fitness an Paul!“

„Untersteh dich“, warnte ihn Petra, die fürchtete, dass ihr Mann drauf und dran war, seine latente Unzufriedenheit hinauszuposaunen. „Bring die nicht gegen uns auf mit deinen Kommentaren. Die Tour geht noch über mehrere Tage.“

„Keine Sorge, mach ich schon nicht“, wiegelte er ab. Gleich darauf vermochte er doch nicht, sich mit einer spöttischen Bemerkung über deren Fitness zurückzuhalten. Die hatten inzwischen zu ihnen aufgeschlossen, da sie ihr Tempo verzögert hatten. „Kostet euch Kondition, was?“

„Am ersten Tag tun wir uns vielleicht etwas schwer“, erklärte Paul entschuldigend und klopfte dabei Klaus auf die Schulter. „Wart ab, morgen wird’s schon besser!“

Dann fiel ihm noch etwas ein, wobei er ihn sogar versuchte, näher an sich heranzuziehen.

„Wenn du meine Rede von heute Morgen richtig verstanden hättest, dann müsstest du nicht so oft warten, weil du so weit vorausfährst.“

Petra hatte diesen Hinweis erwartet und nickte zustimmend. Nur hatte der gar nicht ihr gegolten.

Der Radweg verlief parallel zu einer mäßig befahrenen Landstraße. Erst genossen sie einen abschüssigen Streckenabschnitt, dann folgte eine lang gestreckte Linkskurve, wobei die zunehmend steil anstieg. Fast alle in der Gruppe schalteten jetzt in einen niedrigeren Gang runter, sofern sie nicht auf E-Bikes unterwegs waren. Nur Klaus mühte sich weiter die Steigung hinauf, ohne zu schalten. Er erhob sich sogar vom Sattel. Oben auf der Kuppe musste er dann erst mal warten und schaute grinsend seinen Mitfahrern entgegen. Er rudert dabei mit dem Arm, um denen anzuzeigen, dass die sich ins Zeug legen sollten, was er für einen Spaß hielt. Tatsächlich aber hatten da bereits alle Frauen erschöpft aufgegeben und schoben ihre Räder.

„Der kann mich mal!“, stieß Beatrix mit unterdrücktem Ärger aus. „Wir unternehmen hier nichts anderes als eine Radwanderung und keinen Wettbewerb!“

„Die haben es wohl nicht begriffen, was Paul heute Morgen gesagt hat“, erwiderte ihre Freundin Rosa, die ebenfalls genervt war, aber weniger von der anstrengenden Schieberei. Sie sah sich durch den häufig vorausfahrenden Klaus provoziert.

„Macht mal hinne!“, rief jetzt Lars Schlichter, der in den Pedalen stehend an ihnen vorbeizog. „Wollen uns doch nicht abhängen lassen!“

Aber kurz darauf musste er auch absteigen, was er mit einem lauten Fluch quittierte. „Nur verschaltet!“, rief er zur Entschuldigung. Immerhin konnte jetzt die ganze Gruppe zum wartenden Klaus aufschließen.

Erst mal sprach keiner ein Wort, deutlich schien sie alle dieser Anstieg gefordert zu haben. Selbst der ehrgeizige Klaus hielt sich zurück, wenn auch seiner leicht spöttischen Miene zu entnehmen war, was er insgeheim über seine Mitfahrer dachte.

Er wollte gerade doch etwas sagen, da fuhr ihn Rosa harsch an. „Besser du hältst jetzt den Mund!“, schnauzte sie ihn an. „Wir fahren in der Gruppe, um die Tour zu genießen! Der Weg ist unser Ziel, hast du wohl noch nicht verstanden!“

Alle schauten etwas unsicher abwechselnd zu Rosa und dann zu Klaus, der grinsend den Kopf schüttelte und es nicht dabei bewenden lassen wollte.

„Sorry, aber gut, dass du es mir nochmals erklärt hast!“

„Lasst uns mal weiterfahren, bevor die Stimmung leidet“, grätschte Paul dazwischen, dem das Verhalten der beiden absolut nicht gefiel. „Noch zwei oder drei Kilometer, dann erreichen wir eine Ortschaft. Dort im Ort oder dahinter finden wir sicher am Ufer einen Platz, wo wir Rast machen können.“

Paul zeigte in diesem Moment wieder einmal, warum er im Freundeskreis wegen seines Gespürs für aufkommende Misstöne und seiner Besonnenheit eine Führungsrolle einnahm. In Gruppen findet sich oft jemand, der eine Missstimmung früh genug heraufziehen sieht, um darauf rechtzeitig reagieren zu können. Wenn es galt, einen ernsthaften Streit zu schlichten, dann griff Paul ein und suchte meist mit Erfolg die Situation zu retten. Zweifelsohne trug er so zum Gelingen ihrer Unternehmungen bei, weil er allen die Sicherheit vermittelte, ein Scheitern abwenden zu können. Unterstützt wurde er dabei von seiner Frau, die sich zwar selten in den Vordergrund schob, aber ein ähnliches Geschick aufwies.

Sie beide studierten wie kein anderer der Freunde lange vor Beginn der Radtour intensiv die Tourenbeschreibung des Veranstalters und informierten sich über die Region, durch die die Tour führte. So halfen sie häufig mit Tipps, wo ein Abstecher zu einer Sehenswürdigkeit lohnte oder wo sie eine Pause einlegen sollten. Kein Wunder, dass Paul von den Freunden als Seele einer Radtour empfunden wurde. Ob die Benders genauso empfanden, war nicht sicher, Petra zumindest schien das eher bewusst zu sein, wohingegen das bei Klaus nicht so klar war.

„Dann reihen wir uns halt jetzt hinten ein“, bemerkte Klaus leicht verstimmt nur für seine Frau, die dicht neben ihm stand. Es war die erste Etappe, laut Tourenbeschreibung zirka fünfzig Kilometer lang. Sie bot ihnen ausreichend Gelegenheit, sich entspannt zu unterhalten, da keiner von der Strecke übermäßig gefordert wurde.

***

Erst wenige Tage davor hatte Paul einen Grillabend in seinem Garten organisiert, um Klaus und Petra allen Teilnehmern vorzustellen. Er hoffte, dass die Benders hierdurch schneller Kontakt zur Gruppe finden würden. Das Glück hatte ihnen einen warmen und trockenen Tag im beginnenden September geboten. Neugier war auf beiden Seiten vorhanden, und der Ärger über Pauls einsame Entscheidung schien vergessen zu sein, als sich alle in der Gruppe den Benders kurz vorstellten.

Vielleicht wäre dieses Zusammentreffen noch besser verlaufen, wenn Klaus nicht eine für ihn typische und langatmige Rede gehalten hätte. Ausführlich erzählte er von seiner wichtigen Arbeit, und dann fehlte auch nicht, was er bei einer seiner Radtouren im Norden von Skandinavien meinte vollbracht zu haben. Das hörte sich für die anderen beeindruckend an, fand nur wenig Sympathie, langweilte eher, und einige hielten es schlicht für zu dick aufgetragen.

„Es gab dabei Steigungen von bis zu 15 %, und das noch über zweihundert bis dreihundert Metern Länge. Hinzu kam auch der oft heftige und böige Wind“, schwärmte Klaus. „Das hat uns alle bis zur Belastungsgrenze gefordert.“

„Wer ist wir? Warst du dabei, Petra?“, wagte Beatrix eine Frage.

„Nein, wir Männer waren unter uns. Nur meine Tennispartner!“, schoss Klaus sofort dazwischen, noch bevor seine Frau antworten konnte. „Ich glaube, Petra, das hätte dir auch kaum gefallen.“

„Hört der sich immer so gern reden?“, flüsterte Beatrix Rosa ins Ohr, wohl ahnend, dass das klar war.

„Muss wohl so sein“, gab die ebenfalls leise zurück, weil sie den gleichen Eindruck hatte. „Seine Frau scheint das gewohnt zu sein.“

„Na, dann wissen wir das jetzt auch noch, danke, Klaus“, sagte schließlich Paul etwas ironisch lächelnd.

Sein Arbeitskollege hatte den leicht spöttischen Ton, die möglichen kritischen Gefühle und die schon aufkommende Distanz bei einigen Zuhörern nicht wahrgenommen. Und seine Frau schien solche Reden ihres Mannes klaglos hinzunehmen. Auf dem Nachhauseweg hatte Petra bemerkt, wie nett sie alle fände und meinte, dass die Tour ihnen Spaß machen würde.

„Wir haben uns ganz gut präsentiert, denke ich. Und konditionell müssen wir uns sicher nicht verstecken“, fügte ein recht zufriedener Klaus an.

***

Paul mochte sich an dieses Treffen jetzt erinnern, als er sich mit seinem Rad zwischen die Benders schob. Bis zur nächsten Ortschaft war es nicht mehr weit.

„Es ist für uns besser, wenn wir nicht nur in Kleingrüppchen fahren“, versuchte er vor Klaus seine Mahnung vom Morgen in anderen Worten zu wiederholen, da er nicht überzeugt war, dass der ihn richtig verstanden hatte. „Wir haben schließlich genügend Zeit für die Etappe. Und so können wir uns auch unterhalten.“

„Wir werden uns an das übliche Tempo halten!“, mischte sich Petra lachend ein. „Sorry, wenn wir euch vorhin verärgert haben sollten.“

„Verärgert ist keiner“, gab Paul zurück, der nicht sie, sondern ihren Mann gemeint hatte.

Etwas später saßen sie eng gedrängt in einer zu einem Café erweiterten Bäckerei des kleinen, kaum dreihundert Seelen zählenden Ortes. Die meisten verdrückten ein Stück Kuchen und tranken dazu Kaffee oder Tee. Leider fing es jetzt zu regnen an.

„Na, das wird heute sicher nicht unser schönster Tag!“, rief jemand, der sich dicht an der matt verglasten Eingangstür postiert hatte.

„Morgen wird es sicher wieder schöner“, suchte Carmen die Stimmung aufzuhellen.

Keiner hatte es bemerkt, bis Klaus plötzlich mit einem Tablett an den drei runden Café-Tischen erschien. Er platzierte acht Schnapsgläser und eine Flasche Mirabellen-Schnaps direkt vor seine erstaunt blickenden Freunde.

„Also die haben hier nur eine beschränkte Anzahl an solchen Gläsern, und die Mirabelle ist das Einzige, was es hier an stärkeren Getränken gibt“, entschuldigte er sich. „Wir müssen uns halt damit begnügen.“

Dann füllte er die Gläser, was durchaus bei den Freunden hörbar Beifall fand. Kaum gefüllt, griff schon der Erste nach seinem Schnapsglas.

„Die Flasche reicht aber gerade mal für eine Runde!“, spottete Benno nicht ganz ernst.

„Aber leider, Leute, Nachschub werden wir hier nicht bekommen. Dann aber zum Wohl, auf die Tour!“, rief Klaus sichtlich stolz auf seine Idee.

Petra, seine Frau, begann sofort, die geleerten Gläser nochmals neu zu füllen, sodass am Ende jeder mindestens eine Mirabelle erhielt. Nur für sie selbst und Klaus blieb so nichts mehr übrig, die Flasche war ja beim Kauf schon angebrochen gewesen.

„Ich wollte noch etwas sagen“, ließ sich Klaus vernehmen. „Wir müssen bei dem Regen ja noch eine Weile hier im Laden abwarten.“ Er schaute in die Runde.

„Also, wir sind das erste Mal dabei, haben bis auf Paul und Carmen keinen von euch gekannt. Und da ist für uns besonders spannend, mit euch mitzufahren. Ich sage noch mal: Vielen Dank an euch, dass ihr alle uns so offen aufnehmt, und ich wünsche uns allen eine gelungene Radtour.“ Und weil er so in Fahrt war, rief er einer spontanen Eingebung folgend laut in die Runde: „Mit Plattfuß geht’s nimmer, ohne immer!“, was alle gleich darauf wiederholten.

Es war kaum aufgefallen, dass Rosa sich zurückgehalten hatte. Die hatte möglicherweise ihren Wortwechsel auf der Fahrt nicht weggesteckt, und immer noch stand ihr Schnapsglas gefüllt vor ihr. Ihr Gesicht zeigte sich unbeteiligt und verriet nicht, was sie beschäftigte. Sie mied auch den Blickkontakt zu ihren Mitfahrern.

„Das war hoffentlich aber nur euer Einstieg in den Einstand“, witzelte Paul, der die leere Mirabellenflasche in die Luft hielt. „Da sollte doch noch etwas folgen!“

Einige trommelten mit der flachen Hand auf die Tischplatten, und Petra erklärte lachend, dass sie das nicht anders verstanden habe.

Dass sie der Regen länger in diesem Café festhielt als geplant, schien niemanden zu stören. Im Gegenteil, es stellte sich inzwischen eine entspannte Stimmung ein, weil sogar diese kleine Menge Alkohol einigen die Zunge gelöst hatte. Dabei half dann, dass es in dieser Café-Bäckerei gemütlich war, trotz der Beengtheit – oder gerade deshalb.

Der Regen würde sich heute nicht mehr verziehen, stellte Paul nach fast einer Stunde fest, und schon ließ die Bäckersfrau erkennen, dass sie darauf hoffte, ihre Gäste endlich weiterziehen zu sehen. Dabei hatte sie sicher einiges eingenommen, weil die Gruppe nicht nur Kuchen gegessen hatte.

„Leute, lasst uns losfahren“, mahnte schließlich Paul zum Aufbruch. „Wir haben noch ein gutes Stück vor uns, und der Regen wird uns erhalten bleiben.“

„Geht es dir nicht gut, Rosa?“, fragte Klaus beim Hinausgehen, dem ihre Teilnahmslosigkeit aufgefallen war. Warum die sich bei den lockeren Gesprächen so zurückgehalten hatte, erschloss sich ihm nicht, er vermutete durchaus zutreffend den Grund in ihrem kurzen Zusammenprall auf der Fahrt.

„Wieso willst du das jetzt wissen?“, antwortete Rosa auf seine Frage, was eher missgelaunt rüberkam.

„Ach, nur so. Du warst die ganze Zeit im Café so schweigsam, und das habe ich bemerkt.“

„Ich habe zugehört. Das reicht manchmal auch!“, erwiderte Rosa spitz und wollte sich an ihm vorbei zu ihrem Rad durchzwängen. „Mal eine gute Idee, nicht wahr?“

„Ich dachte, dass ich das von vorhin geradebiegen kann“, versuchte es Klaus nochmals, da schwang sie sich aber schon auf ihr Rad.

„Lass sie doch!“, zischte ihm Petra leise zu, was niemand sonst mitbekam. „Die braucht wohl noch etwas Zeit, um sich an uns in der Gruppe zu gewöhnen. Zeigen wir uns also auch mit Geduld.“

„Deshalb versuche ich ja mit der ins Gespräch zu kommen. Vielleicht …“

Petra sah das anders. „Lass sie einfach in Frieden und warte, bis sie von selbst kommt!“

Ohne zumindest Rosa auf ihr abweisendes Verhalten angesprochen zu haben, wollte Klaus aber nicht aufgeben. Daher drängte er sich jetzt neben sie, die sich an die Spitze der Radgruppe gesetzt hatte.

„Ein blödes Wetter“, versuchte er es mit einem neutralen Thema. Dann wartete er einen Moment, ob sie etwas erwidern würde, und redete, weil von ihr nichts kam, einfach weiter.

„Der Wetterbericht prophezeit Gott sei Dank für die nächsten Tage recht passables Wetter. Morgen gibt es demnach keinen Regen.“

Rosa reagiert immer noch nicht, ließ ihn regelrecht auflaufen. Ziemlich ratlos suchte er jetzt in der für ihn peinlichen Gesprächspause nach einem Thema, um sie aus der Reserve zu locken. Ihm fiel noch mal seine anstrengende Radtour mit seinen Tennisfreunden ein.

„Wenn ich an das teilweise scheußliche Wetter in Skandinavien bei unserer Tour denke, dann ist der Regen jetzt ganz gut zu ertragen“, versuchte er sie so zu erreichen. „Kalt war es auch häufig gewesen, manchmal haben wir sogar gefroren.“

„Toll!“, rief Rosa ohne Interesse. „Frage mich, warum du dich auf so eine Challenge eingelassen hast, wenn es doch so wenig Spaß gemacht hat?“ Dabei dehnte sie übertrieben das Wort Challenge.

„Ja, für mich war es eine Herausforderung. Darauf kam es mir ja an!“, entgegnete er ernsthaft, weil er ihren spöttischen Unterton gar nicht bemerkt hatte.

„Brauchst du das für dein Selbstbewusstsein?“, hakte sie nach und feixte dabei zu ihm rüber, was Klaus nicht entging.

Der hatte endlich verstanden und reagierte jetzt spürbar gereizt. „Für mein Selbstbewusstsein gibt es ausreichend Gelegenheiten! Allerdings frage ich mich, ob du nicht dein Selbstbewusstsein durch solche Unhöflichkeiten aufpolieren musst? Hast du noch mehr drauf?“

„Mit deiner Erzählung kann ich nichts anfangen. Höre nur immer heraus, dass du ein ganz toller Radfahrer bist, was du augenscheinlich auch bei unserer Tour unter Beweis stellen willst.“

Klaus atmete tief durch, bevor er darauf antwortete. „Muss ich das verstehen? Jeder fährt gern in seinem Rhythmus. Und ich liebe es, auch mal Tempo zu machen. Kann ja sein, dass dich das stört, fehlt es dir vielleicht an Kondition?“

Rosa schüttelte unwillig den Kopf. „Meine Kondition reicht völlig! Aber gerade habe ich überhaupt keine Lust, mich mit dir zu unterhalten“, entgegnete sie säuerlich und verzögerte so unvermittelt ihre Fahrt, dass der folgende Radfahrer ebenfalls heftig bremsen musste und laut protestierte. „Mensch Rosa, was soll das denn?“

Und Klaus sah sich auf einmal an der Spitze allein fahren. Auch ihm reichte es jetzt, einen weiteren Versuch, an Rosa heranzukommen, hatte er zumindest heute nicht vor. Etwas missgelaunt schaute er sich nach Petra um, die das sah und versuchte, zu ihm aufzuschließen.

„Sagte ich nicht, du sollst die in Ruhe lassen? Musstest du dir erst eine Abfuhr abholen, bis du das begreifst? Wir gehören für sie einfach noch nicht dazu, das müssen wir erst mal akzeptieren.“

„Ob ich das akzeptieren werde – schau’n wir mal“, knurrte er.

Der Regen ließ doch noch nach, etwas zeigte sich tief am Horizont sogar die Sonne. Dem stets zurückhaltenden Roman Schlichter gefiel es so gut, dass er zu singen anfing, was die anderen eher amüsierte.

Von hinten hörten sie Rosa laut rufen. „Könnten wir doch noch mal anhalten?“, rief sie, und den meisten war klar, warum sie so kurz vor ihrem Etappenziel die Fahrt unterbrechen wollte.

„Hier ist es aber schwierig“, erklärte Beatrix zu ihrer Freundin und sah sich prüfend um. „Ich muss auch, aber hier ist nichts, wo wir uns etwas verbergen könnten.“

„Ich gehe das Stück zurück zu dem Graben, den wir gerade überquert haben“, antwortet Rosa. „Kommst du mit?“

Und gleich darauf verschwanden sie beide im Graben, wo nur noch gelegentlich etwas von ihren Köpfen über den Rand lugte.

Und dann ertönte ein schriller Schreckensschrei. Zwei andere Frauen stürmten zurück, um Hilfe zu leisten, doch da tauchten Rosa und Beatrix schon wieder auf und rannten zu ihren Rädern. Sie ruderten heftig mit ihren Armen durch die Luft, so, als wollten sie irgendwelche Insekten verscheuchen, die sie verfolgten.

„Was war denn los?“, frage Paul besorgt, als sie bereits wieder zusammenstanden.

„Uns haben im Graben Wespen angegriffen, die nisten dort augenscheinlich in einem Erdloch, was wir nicht bemerkt haben“, erklärte Beatrix. Sie war gestochen worden, denn sie zeigte wütend auf die Innenseite ihres Oberschenkels.

Auch Rosa hatte es erwischt, bei ihr musste der Stich ihren Rücken getroffen haben, denn sie ließ jetzt die Stelle von Carmen untersuchen.

„Und das mitten beim Pipimachen“, feixte Klaus unpassend, der sich nichts bei seinem Spaß gedacht hatte. Wie empfindlich die beiden Frauen waren, erfuhr er postwendend.

„Geht’s noch bei dir?“, geriet Rosa fast außer sich und blitzte Klaus wütend an. „Nicht nur, dass die Stiche richtig schmerzhaft sind, wenn eine dieser Wespen in unseren Po gestochen hätte, was meinst du, wie wir dann hätten weiterfahren können?“

Die Gruppe schwieg betreten, selbst wenn nicht alle Rosas Wut nachvollziehen konnten. Zumindest unangebracht erschien Klaus Witz den anderen. Der gab sich immer noch ahnungslos über die Empfindlichkeit der beiden Frauen. Immerhin unterdrückte er eine weitere Bemerkung, als ihn Petra heftig anstieß.

„Es ist ja Gott sei Dank nichts passiert“, suchte Paul wieder einmal die aufgezogenen finsteren Wolken zu verscheuchen.

Jetzt mischte sich aber Benno ein, den Klaus Verhalten an diesem Tag schon einmal sauer aufgestoßen war.

„Paul, wenn du glaubst, hier den Psychodoktor spielen zu müssen, dann liegst du falsch. Du solltest ihm noch mal klarmachen“, er zeigte dabei mit seinem Finger auf Klaus, „wie wir hier miteinander umgehen. Ansonsten ziehen wir, Rosa und ich, es vor, allein weiterzu- radeln.“

„Jetzt schießt du deutlich übers Ziel hinaus“, mischte sich Carmen zur Unterstützung ihres Mannes ein. „Klaus hat einen Spaß gemacht, der wollte niemandem von euch zu nahe treten. Es reicht jetzt, oder wollt ihr, dass unsere Radtour hier im Streit scheitert?“

Carmen schien sich selbst über ihre entschiedene Rede zu wundern, erntete aber einen dankbaren Blick von Paul.

„Ich wollte wirklich niemanden beleidigen“, beteuerte Klaus und schaute sich hilfesuchend um. Beatrix und Rosa schien das nicht zu beeindrucken, ihre Mienen verrieten nach wie vor Verärgerung.

„Okay, stecken wir es weg!“, erklärte Lars. „Carmen hat recht. Jedenfalls möchte ich diese Radtour bis zur letzten Etappe zu Ende fahren, und meine Frau sicher auch.“

Was immer Rosa und Beatrix im Moment durch den Kopf ging, sie sprachen es nicht aus. Erst als sie nebeneinander außer Hörweite der Benders radelten, wurden sie deutlich.

„Denkst du dasselbe wie ich?“, fragte Rosa. „Ich meine, dass er vor allem für mich fast ein rotes Tuch ist, er ist aufgeblasen und offensichtlich empathielos.“

„Er schon, seine Frau aber nicht! Was sollen wir machen?“, fragte ihre Freundin.

„Das weiß ich jetzt auch nicht. Aber ich werde ihm aus dem Weg gehen“, erwiderte Rosa.

Wie sehr Klaus lockerer Spruch nach dem Wespenangriff ihre latent vorhandene Abneigung gegen ihn weiter verstärkt hatte, war den Freundinnen in diesem Moment nicht bewusst. Die hatte sich aber richtig verfestigt.

Und die anderen? Die mochten vielleicht erstmals daran zweifeln, ob ihre Tour dieses Mal ebenso harmonisch verlaufen würde, wie sie es gewohnt waren. Aber auch ihnen war das nicht sofort bewusst.

Am Abend beim Essen schien die Missstimmung in der Gruppe vergessen. Die Gespräche liefen so locker wie bei früheren Radtouren. Es wurden Witze gemacht und gelacht, und besonders Paul und Carmen schien die Atmosphäre zu beruhigen.

***

Der folgende Morgen zeigte sich mit dem wolkenlosen Himmel so freundlich, wie sie es sich wünschten. Zwar war es jetzt um diese Zeit noch kühl, aber alle hofften darauf, dass die Sonne das schnell ändern würde.

Bevor sie losfuhren, gab es die übliche Diskussion zwischen den Männern über die Fahrstrecke. Das lag sicher auch an den Navigationssystemen, die inzwischen fast alle mit sich führten. Die Routenbeschreibung im Informationsheft des Veranstalters spielte da kaum eine Rolle. Aber das war ein Ritual, auf das vor allem die Männer nicht verzichten wollten.

Nur die Benders hielten sich bei der Diskussion raus und hatten ein ganz anderes Problem.

„Gestern Abend war das Vorderrad noch in Ordnung!“, knurrte er und drehte das Rad auf Lenker und Sattel um. „Weiß nicht, was da passiert ist. Immerhin sind Schlauch und Mantel ganz neu, ein sogenannter unplattbarer Reifen.“

Petra stand bedauernd neben ihm, weil sie nicht helfen konnte. Den Platten würde ihr Mann allein reparieren. Prüfend fuhr er mit seinem Daumen über die Innenfläche des extra verstärkten Mantels.

„Verstehe ich nicht! Da ist nichts Spitzes, kein Dorn, kein Nagel, nichts dergleichen. Der Mantel scheint völlig unversehrt“, erklärte er und legte dann einen neuen Schlauch ein. „Muss mir bei nächster Gelegenheit unbedingt noch einen Ersatzschlauch besorgen, falls das noch mal passiert.“

Erst jetzt schienen die anderen seine Panne bemerkt zu haben und traten dazu. „Können wir helfen?“

„Nee danke, schon erledigt“, antwortete Klaus, den immer noch die Panne wurmte. „Von mir aus können wir starten.“

„Das passiert also auch mit sogenannten unplattbaren Reifen!“, kommentierte Benno sachlich, wobei er den kaputten Schlauch in seinen Händen prüfte.

„Der Schlauch muss ein Loch haben, aber es geht in Wirklichkeit um den Mantel. Und da konnte ich nichts Spitzes finden“, belehrte ihn Klaus.

„Zu deinem Schlachtruf passt das nicht gerade“, sagte Beatrix, die ihr Gesicht so verzog, als verkniffe sie sich ein Lachen. Sie warf Rosa einen vielsagenden Blick zu, die der Vorfall ebenfalls zu amüsieren schien.

„Lasst mal eure Sprüche“, ermahnte Paul leise die umstehende Runde.

Klaus war fertig, befestigte nur noch sein iPhone am Lenker, worauf er ihre Etappen abgespeichert hatte.

„Möchte mal wissen, was die immer so lange mit der Route herumeiern“, brummte er Petra verärgert zu, als sie wieder allein standen. Die Panne ließ ihn nicht los. Sie mahnte ihn jetzt leise, den Mund zu halten.

„Scheint denen wichtig zu sein“, erwiderte sie. „Denke diesmal daran, wir sind nicht auf der Flucht, fahre also nicht ständig voraus!“

„So, Leute, wenn alle so weit sind, dann lasst uns mal starten“, rief Paul, der kurz den wartenden Benders zunickte und ebenfalls sein Rad bestieg.

Die anderen schwangen sich endlich auf ihre Räder, es ging los, obwohl einige Männer die Diskussion über die beste Route noch immer nicht beenden wollten.

Auf dem schmalen Radweg radelten sie bis zum Ortsende zunächst in Schlange. Erst dann erreichten sie einen deutlich breiteren und befestigten Feldweg, auf dem sie nebeneinander herfahren konnten. Schnell bildeten sich dann kleine Gruppen. Carmen wagte, nochmals ein Lied anzustimmen, was aber keinen animierte mitzusingen. Wer kannte noch Liedtexte aus seiner Kindheit?

„Hör mal, Paul.“ Rosa hatte sich mit ihrem Rad direkt neben ihn geschoben. „Wenn die Benders heute wieder das Tempo verschärfen oder weit vorausfahren, dann sollten wir die einfach mal ziehen lassen. Ich habe nämlich keine Lust, mir von denen das Tempo diktieren zu lassen.“

Paul stutzte und reagierte verzögert. „Was ist mit dir los, Rosa?“, erwiderte er verwundert. „Natürlich fahren wir unser Tempo, wie sonst auch. Im Moment sehe ich nicht, wo dein Problem ist.“

„Mein Problem?“, reagierte Rosa gereizt. „Wer hat die eigentlich eingeladen, mit uns mitzufahren?“

„Das war ich“, erwiderte Paul halb belustigt, halb irritiert. „Hatte das auch mit euch besprochen, wenn auch etwas verspätet. Schon vergessen?“

„Genau, verspätet! Ich habe immer mehr Zweifel, ob die hier reinpassen.“

Das Gespräch empfand Paul als unangenehm. Er sah keinen Grund, sich ihr gegenüber nochmals rechtfertigen zu müssen. Er beschleunigte jetzt sein Tempo, sodass er vor ihr fahren konnte. Die merkte das und verzögerte ihrerseits ihre Fahrt, bis sie dann dicht neben ihrem Mann radeln konnte.

„Paul versteht mich mal wieder nicht“, schimpfte sie aber leise.

„Was? Was hast du gesagt?“, fragte ihr Mann in normaler Lautstärke. Der versuchte schon länger an die Seite von Beatrix heranzufahren, was ihm wegen Lars nicht gelang, der nicht gedachte, ihm Platz zu machen.

„Das erkläre ich dir später, heute Abend“, resignierte Rosa, unverändert sauer. „Sollten die Benders heute wieder weit vorausfahren, dann werde ich dafür plädieren, die einfach ziehen zu lassen.“

„Was hast du denn vor?“, fragte Benno unkonzentriert, der nach wie vor eine Chance suchte, sich neben Beatrix schieben zu können.

„Mal sehen. Abwarten“, antwortete sein Frau, die fest entschlossen schien.

Sie fuhren am Morgen recht zügig. Es war bei ihnen üblich, sich erst mal „warm“ zu fahren, möglichst eine volle Stunde an einem Stück, sodass sie dann etwa ein Viertel der Etappe zurückgelegt haben würden. So auch heute, sie warteten mit der ersten Pause, bis einzelne Mitfahrer darauf drängten, endlich anzuhalten. Wie üblich gab es kleinere Diskussionen darüber, welcher nun der bessere oder schönere Rastplatz wäre.

Die Benders, die sich über die ihrer Meinung nach verfrühte Unterbrechung wunderten, fanden die Diskussion für einen geeigneten Rastplatz erst recht aufwendig. Petra schüttelte zwar verhalten mit dem Kopf, behielt ihre Meinung aber für sich. Nur Klaus hatte eine spöttische Bemerkung auf den Lippen und ließ die jetzt noch leise raus. „Ob die nicht eher einen Übernachtungsplatz suchen?“, fragte er Petra, die ihn sofort ermahnte, doch bitte still zu sein.

Schließlich fand sich ein Platz, der die allseitige Zustimmung genoss. Ein Holztisch mit zwei Bänken, direkt am Flussufer, weit genug vom nächsten Ort entfernt. Dort konnten sie in aller Ruhe die erste Flasche Wein trinken und die vielen mitgebrachten Kekse, Süßigkeiten oder sogar Würstchen verzehren.

„Trinkt ihr sonst auch um diese Zeit bereits Wein?“, erkundigte sich Petra schmunzelnd.

„Na klar! Und meist reicht die eine Flasche nicht einmal“, erklärte Andy lachend. „Aber keine Sorge, für jeden ist da so wenig im Glas, wir sind ja zehn Leute, dass man die geringe Menge Alkohol gar nicht merkt.“

„Zwölf!“, korrigierte ihn Petra, die sich gestern über die Einladung ihres Mannes gewundert hatte, trank der doch normalerweise selten hochprozentige alkoholische Getränke und auf einer Radtour meist nur Wasser. Sie nickte Andy zu und ließ sich eine geringe Menge Wein in ihren Becher eingießen.

„Dann noch mal dein Spruch von gestern, Klaus“, sagte Paul und hielt seinen Becher hoch.

„Mit Plattfuß geht’s nimmer, ohne immer!“, rief der und freute sich sichtlich, weil sich jemand an seinen gestrigen Ausruf erinnert hatte.

In dem Moment sprang Rosa auf. „Ich habe noch etwas ganz Besonderes dabei!“

Sie lief zu ihrem Rad und kehrte gleich darauf mit einer Flasche zurück, die ein rötlich-orangefarbenes Getränk enthielt.

„Ihr werdet es gleich merken, was es ist. Habe es selbst angerichtet mit Orangen und Mangos!“

„Mit viel Alkohol natürlich“, vermutete Klaus und verdrehte etwas die Augen.

„Du brauchst ja nicht mitzutrinken!“, entgegnete ihm Rosa kühl. „Eure Gläser bitte!“

Als sie die fast leere Flasche prüfend gegen den Himmel hielt, schien sie verwundert. „Hätte nicht gedacht, dass da noch ein Rest übrig bleibt.“

Als schließlich die Fahrt fortgesetzt wurde, hatte sich die Stimmung deutlich verbessert. Und endlich fand Carmen die richtige Melodie, denn bei ihrem erneuten Versuch mit einem populären deutschen Schlager sangen zunächst mindestens die Frauen mit und wenig später auch einige Männer. Der Text strapazierte ja kaum das Gedächtnis, so simpel, wie er war.

„Der Wein scheint ihnen gar nicht viel auszumachen“, wunderte sich Petra, zeigte aber, dass sie das eher lustig fand. „Erst der Wein, und die Likörflasche von Rosa haben sie auch fast geschafft. Ich glaube, ich fahre im falschen Film!“

Andy, der direkt vor den Benders radelte, drehte sich lachend zu ihr um. Er hatte das mitbekommen. „Das lernst du bei uns auch bald!“ Kurz darauf fuhren sie in ein Waldgebiet hinein, wo der Radweg nicht nur beträchtlich schmaler, sondern auch kurvenreicher verlief. Die häufigen, mit Regenwasser gefüllten Vertiefungen zwangen sie alle, vorsichtig und konzentriert zu fahren. Das vorher muntere und spaßige Hin und Her der teilweise recht schlichten Sprüche ebbte schnell ab.

Ein kurzer, aber durchdringender Schrei und das Knacken von Holz, gefolgt von einem dumpfen Geräusch einer fallenden Person, riss zumindest die in der Nähe fahrenden Radler aus ihrer Konzentration auf den Weg. Gleich hinter einer Wegbiegung trafen Andy und die Benders auf die am Boden liegende Rosa, die Mühe hatte, wieder auf die Beine zu kommen. In dem schmierigen Untergrund einer der Wasserlachen war ihr Rad weggerutscht und sie dadurch zur Seite in das dicht stehende Buschwerk gekippt. Jetzt hatte sich ein Bein unter ihrem Rad verklemmt, was sie daran hinderte, sofort aufstehen zu können.

„Hast du dir etwas getan?“, fragte Andy besorgt und stieg von seinem Rad ab, um zu helfen, während die Benders auf ihrem Rad verharrten.

„Nein!“, erwiderte Rosa, mehr verärgert über ihre Hilflosigkeit als über den Sturz. „Hilf mir nur mal hoch, heb mein Rad etwas an!“

Was Klaus jetzt äußerte, stieß erneut auf Unverständnis, obwohl er sicher nicht beabsichtigte, Rosa zusätzlich zu verärgern. Er war ja erleichtert, dass sie sich nicht ernsthaft wehgetan hatte. Nur sagte er etwas, was die absolut nicht hören wollte. „Wenn das mal nicht der Alkohol war!“

„Du bist so ein Arschloch, weißt du das!“, herrschte ihn Rosa, bereits wieder auf den Beinen, an, und jeder konnte ihre Empörung an ihrem heftigen Armrudern sehen. „Euch hätten wir gar nicht mitfahren lassen sollen.“

Damit stieg sie schon wieder auf ihr Rad und trat demonstrativ so scharf in ihre Pedale, dass ihr Hinterrad ein paar Mal regelrecht durchdrehte.

„Kam nicht so gut an“, bemerkte Andy in Richtung Klaus mit einem etwas ratlosen Gesichtsausdruck.

Dann war er fast hastig aufgestiegen und, ohne sich nochmals umzudrehen, weitergefahren. Auch Petra war ratlos und schüttelte den Kopf. „Du lernst es nicht, Klaus. Immer wieder provozierst du die mit deinen lockeren Sprüchen.“

Sie konnte das nicht nachvollziehen und wunderte sich über sein mangelndes Gespür der Runde gegenüber, was sie so bei ihm gar nicht kannte. Ob ihn vielleicht die Tour mit ihrem Zwang, sich einfügen zu müssen, überforderte?, fragte sie sich nicht ganz ernsthaft.

Bei der nächsten Rast bemerkten Klaus und Petra eine veränderte Stimmung bei ihren Mitfahrern. Die wichen ihnen aus oder reagierten abweisend auf ihre Äußerungen. Und sie beide hatten den gleichen Verdacht über die Ursache dieses Stimmungsumschwungs. Sie vermuteten, dass Rosa ihre Empörung über seine Bemerkung inzwischen weitergetragen hatte, sicher gefärbt von ihrer vorhandenen Antipathie. Selbst Paul schien sich etwas von ihnen fernzuhalten, was sonst nicht seine Art war. Nur einmal schüttelte er kurz den Kopf, als ihn Klaus’ Blick traf.

Am Abend erschienen die Benders als Letzte der Gruppe zum gemeinsamen Abendessen im Hotelrestaurant. Für sie waren nur die äußeren Plätze am langen Tisch frei geblieben. Bei ihrem Eintreten verstummte die Unterhaltung, die sie an der Tür zur Gaststube mitbekommen hatten.

„Haben wir etwas verpasst?“, fragte Petra, als sie schon eine Weile saßen und niemand redete. „Was ist mit euch?“

Paul räusperte sich, bevor er sich dann direkt an die Benders wandte. „Es ist so“, fing er umständlich an. „Wir wundern uns doch etwas über euer Verhalten. Ihr gebt den Anschein, als gefiele euch unser Umgang miteinander nicht so richtig.“

Klaus zögerte nur einen Moment, schaute kurz zu seiner Frau, um dann zu antworten.

„Wie sollen wir das jetzt verstehen?“, fragte er, was eher angriffslustig klang, zumindest sein Unverständnis ausdrückte. „Wir fühlen uns ganz wohl in eurer Runde. Wir dachten, dass ihr das auch seht. Vielleicht …“

Paul unterbrach ihn. „Es ist zum Beispiel eure Reaktion heute bei unserer ersten Rast. Und auch deine Bemerkung bei Rosas Sturz.“

„Das war ein Spaß!“ Klaus richtete sich direkt an Rosa. „Also das war doch nur ein Spaß von mir. Wir waren doch froh, dass dir nichts passiert war. Das kannst du uns glauben.“

Rosa blieb stumm, es trat eine Pause ein, in der auch keiner in der Gruppe etwas sagen wollte. Es war Rosas Mann Benno, der endlich die beklemmende Stille unterbrach.

„Okay!“, sagte er. „Wir haben verstanden und sollten es dabei belassen. Oder, Rosa?“

Was der durch den Kopf ging, blieb ihr Geheimnis, denn sie äußerte sich nicht. Stattdessen starrte sie nur zum gegenüberliegenden Wandgemälde. Dabei war ihr sicher nicht entgangen, dass jeder am Tisch auf ein Statement von ihr wartete. Sie vor allem hätte jetzt die Atmosphäre wesentlich entspannen können.

„Gut, da Rosa sich nicht äußert, möchte ich noch etwas sagen“, legte Lars los. „Dass ihr euch hier einfügen müsst, ist euch schon klar?“

„So, jetzt greife ich noch mal ein. Was du eben gesagt hast, das ist Klaus und Petra sicher klar, müssen wir hier nicht ansprechen“, unterbrach ihn Paul, der dessen Worte als unangebracht, ja, fast beleidigend für die Benders empfand. „Wir sollten jetzt mal unsere Gläser heben und mit unserem neuen Schlachtruf den Abend entspannt einläuten.“

Paul riss regelrecht sein Bierglas in die Höhe, wohl darauf hoffend, damit das ungemütliche Gespräch beenden zu können.

„Mit Plattfuß geht’s nimmer, ohne immer!“, rief er laut in die Runde, worin die Anwesenden aber nur zögerlich einstimmten, auch wenn sie alle den Schlachtruf wiederholten. Begeisterung hörte sich sicher anders an.

Als sich die Freunde etwas später in ihre Zimmer zurückgezogen hatten, die Stimmung war doch eher verhalten geblieben, konnten die Benders auch nicht sofort einschlafen. Noch mal kreiste ihr Gespräch um das, was in der Gaststube passiert war. Klaus redete sich in Rage, war aufgebracht und weigerte sich sogar, ins Bett zu gehen, lief stattdessen im Zimmer auf und ab. Selbst Petra steigerte sich unter seinem Einfluss in den Gedanken, sie könnten in der Gruppe nicht wohl-gelitten sein.

„Glaubst du, dass wir in dieser Runde wirklich willkommen sind?“, fragte Petra.

„Das ist gar nicht die Frage. Ich habe Paul gefragt, ob wir mal mitfahren könnten. Und der hat dem ausdrücklich zugestimmt, angeblich sogar mit Einverständnis der ganzen Gruppe.“