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Hermann, Studiendirektor an einem baden-württembergischen Gymnasium, Mitte 40, bricht die Zelte ab und folgt seiner Frau auf eine friesische Insel. Den Umzug auf die kleine, autofreie Insel mit Hilfe von fünf Schiffscontainern empfinden sie als abenteuerlich. Empfangen werden sie von einer Sturmflut. Das versprochene, großzügige Haus ist nicht fertig renoviert ... Der autobiografische Roman schildert die Eindrücke der neuen Welt und das Hausmannsdasein des Mannes. Schon bald eröffnen sich ihm unerwartete Alternativen. Bei Ausflügen aufs Festland kommt das Zeitgeschehen ins Blickfeld: Weimar als Kulturhauptstadt und die Expo 2000 in Hannover stellen die Frage, was typisch deutsch ist. Bei einem Klassentreffen in Bayern kommt längst vergessen geglaubtes an die Oberfläche und die Frage danach, was eigentlich Heimat bedeutet. Ein Abstecher in das Durchgangslager Friedland weckt Erinnerungen an die Eltern, nach dem Krieg vertrieben aus Masuren und Stettin, drängt die Frage nach Schuld und Sühne auf - ebenso wie die Nachrichten über die Anschläge des 11. Septembers. Bleibt die Frage: Was gibt nach vier Jahren den Ausschlag zur Rückkehr? Was bleibt vom Leben der süddeutschen Familie auf einer friesischen Insel?
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Seitenzahl: 555
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Klaus Nowotzin wurde 1955 in Konstanz geboren.
1974 Abitur in Bayern, Bundeswehr, ab 1976 Studium der Germanistik und wissenschaftlichen Politik in Freiburg, Referendariat in Heilbronn. Seit 1984 Gymnasiallehrer, verheiratet mit einer Kinderärztin, zwei Kinder, knapp fünf Jahre in Elternzeit, seit 2009 Schulleiter. Außerdem bis 2016 Engagement im Philologenverband Baden-Württemberg, der Berufsvertretung der Gymnasiallehrer, davon 16 Jahre im Vorstand zunächst als bildungspolitischer Sprecher, dann als stellvertretender Landesvorsitzender.
Sehnsucht
Schlusspunkt
Aufbruch zu neuen Ufern
Neuanfang
Sturmflut
Insulaner
Hausmannsdasein
Überraschungen
Die neue Welt
Botschaften aus der alten Welt
Osterfeuer
Die Schnullerfee
Die Würde des Menschen ist unantastbar
Am siebten Tage sollst du ruhen
Verkehrte Welt
Das Klassentreffen - oder die Frage, wo Heimat ist
Elternangst
Unruhige Zeiten
Der erste Inselsommer
Begegnungen der seltsamen Art
Inselherbst
Süddeutschlandfahrt
Inselherbst Teil zwei
Geplatzte Geduld
Geruhsame Weihnachtszeit
Strohwitwer
Lang und dunkel
Brot und Spiele
Klärungen
Lebenslust
Der zweite Herbst, der zweite Winter
Noch länger, noch dunkler
Dachbodenträumereien
Gefilmt
Sonnenseiten mit Schatten
Inselfluchten: Tod in Venedig, Leben auf Norderney
Unbegreifliches
Inselferien
Berliner Luft und die Badewanne Berlins
Inselalltags-Tristesse
Das einfache Leben
50 Jahr blondes Haar
Dienstleister
Seebestattung
Medien-Wahlkampf
Zurück ins Ländle
Sand im Getriebe oder: Bürokratisches
Nachtspaziergang
Die neue Ärztin
Die letzten Tage
Er saß in seinem Strandkorb, blinzelte in die Sonne, sah den Möwen und den Touristen bei ihrem Spiel mit den Wellen zu, neben ihm das Buch, das vor kurzem der katholische Pfarrer geschrieben hatte. "Es gibt Zeiten, da möchte ich auf einer Insel wohnen", verkündete er auf der Titelseite und im Vorwort ließ er einen Arzt zu Wort kommen: "Hier auf der Insel kommt alles raus, was drinnen ist!"
Hermann überlegte, ob er diese Einsicht dem Arzt aus Süddeutschland, der vor wenigen Jahren mit seiner Familie auf die Insel gekommen war, zuschreiben sollte oder eher dessen Kollegen, der seit Jahrzehnten für das kleine Inselvolk da war und schon als Urgestein galt. Der Pfarrer ergänzte: "Die Sehnsucht nach Zeit und Freizeit, für sich selbst und andere; die aufgestauten Fragen nach dem, was sich in der letzten Zeit ereignet hat und dem, wie es weitergehen soll..."
Genau das war es! Von dieser Sehnsucht und diesen Fragen war Hermann erfüllt, als er an einem grauen Januartag den weiß-blauen Umzugswagen in ihre Straße einbiegen sah. Auf der kleinen Bergstraße, die von Ein- und Zweifamilienhäusern gesäumt wurde, auf der sich schon zwei Autos schwer taten, aneinander vorbeizukommen, wirkte der Lastwagen mit seinem Anhänger geradezu Rahmen sprengend. Zudem war er einen Tag früher als abgemacht da, so dass Hermann vollkommen überrascht wurde, als er an diesem Mittag aus der Schule kam. Unvermittelt begann sein Herz bis in den Hals hinauf spürbar zu pochen. Unruhe, gepaart mit Aufbruchsstimmung, erfasste seinen Körper. In den Farben des Wagens sah er Strand und Meer vor sich. Der kurze, gerade drei Buchstaben enthaltende Firmenname, der auf der Schlafkoje oberhalb der Fahrerkabine prangte, wurde links und rechts eingerahmt von drei Querbalken, die von oben nach unten immer kürzer wurden und in ihm den Eindruck eines Flügels erweckten, jedenfalls von etwas Leichtem, Beschwingtem, das sich in die Lüfte erhob, weiß vor blauem Himmel. Der Schriftzug Wilhelmshaven kündete von einem Leben am anderen Ende Deutschlands, das ganz anders ablaufen würde als das bisherige, das des Studiendirektors in einer baden-württembergischen Kleinstadt, verheiratet mit einer Kinderärztin, zwei Kinder, Verbandsfunktionär.
Vier Jahre waren inzwischen vergangen. Hermann blickte aus der räumlichen und zeitlichen Distanz zurück, die er durch sein Leben auf der Insel gewonnen hatte. Er sah sich von außen, wie einen anderen, der ihm ins Blickfeld kam, den er zu verstehen und zu interpretieren suchte, so wie er es als Deutschlehrer mit literarischen Figuren gewohnt war zu tun.
Entstanden aus einer Idee, die aus einer Sommerferienstimmung heraus geboren worden war, wurde es jetzt ernst. Es gab kein Zurück mehr. Das war ihm bewusst, aber nicht trotzdem, sondern gerade deswegen überwog in diesem Moment das Gefühl der Erleichterung, ja eigentlich war es ein Hochgefühl, all das, was er in letzter Zeit als so bedrückend empfand, weit hinter sich zu lassen. Den ewig nörgelnden Chef, dessen Eigenheiten er erst nicht ganz ernst nahm, dann sie als belastend empfand, um sich am Schluss mit denen zermürbt zu fühlen, deren Warnungen er am Anfang nicht so recht Glauben schenken wollte. Er litt darunter, dass ihm die einst so geliebte Arbeit als Lehrer und das als abwechslungsreich empfundene Engagement für den Berufsverband kaum mehr Zeit ließen für anderes. Er wunderte sich, wie in ihm innerhalb von wenigen Jahren das Gefühl wuchs, bewusst einen Schnitt machen zu müssen, der ihm wie die Durchschlagung des gordischen Knotens vorkam.
Dem Hallo zu Hause und dem Begrüßen der Umzugsleute folgte eine kurze Mittagspause, dann musste er zurück in die Schule. Für 14.00 Uhr waren Halbjahreskonferenzen angesetzt, 15 Minuten vorher sollten sich die Kollegen treffen, um ihren Fachabteilungsleiter zu verabschieden. Mehr Zeit oder einen anderen, geeigneteren Termin meinte der Direktor der Anstalt nicht ermöglichen zu können. Karge Worte über den Werdegang und dass der Kollege sich durch seine Tätigkeiten um das Land Baden-Württemberg verdient gemacht habe, verbargen nur schlecht den Ärger, dass es schon wieder jemand - und dieses Mal in herausragender Position - gewagt hatte, seine Anstalt und ihn, die er beide in der Öffentlichkeit als vorbildlich darzustellen verstand, zu verlassen - und das auch noch mitten im Schuljahr. Der Kollege sah das naturgemäß anders. Er erwiderte die Worte des Abschieds, ließ nicht unerwähnt, dass das Verhältnis zum Chef problembeladen war, ohne nun näher darauf eingehen zu wollen, was auch nicht notwendig war. Zum einen passte es nicht zu den Worten des Abschieds, die er an die Kollegen richtete, zum anderen wussten die meisten Bescheid, denn eine stattliche Anzahl hatte den Chef selbst so erlebt, dass sie ihm möglichst wenig Angriffsfläche bieten und aus dem Weg gehen wollte.
Die Vorsitzende des Personalrats richtete herzliche Worte an den "lieben Hermann", ebenso herzlich wie einst zu den Geburten seiner Tochter und seines Sohnes, zur Ernennung zum Fachabteilungsleiter und zur Beförderung zum Studiendirektor. All diese Ereignisse hatte er in den sieben Jahren an dieser Schule erlebt. Es folgten gute Wünsche auch für seine Frau Renate, die sich bei verschiedenen Veranstaltungen in der Schule hatte sehen lassen und gelegentlich über Schulkonzerte schrieb. Danach meldete sich der Senior des Kollegiums, dem auch der Chef nicht wagte, das Wort zu entziehen, obwohl die angesetzte Zeit für diese Veranstaltung schon während der vorangegangenen Rede überschritten worden war. Der Kollege trug, wie es seine Art war, ein für diesen Anlass umgeschriebenes Gedicht vor, dieses Mal eines von Wilhelm Busch, was allgemein auf Beifall stieß. Danach standen weitere Kollegen auf; fast alle, einer nach dem anderen überreichten mit oft launigen, manchmal erheiternden, bisweilen auch wehmütigen Worten eine Kleinigkeit, die einen Bezug zum künftigen Leben auf einer Insel herstellen sollte: Ein Drachen-Bastelbuch war verziert mit einem kleinen Modell, Gesellschaftsspiele wurden überreicht mit dem Hinweis auf die viele Zeit, die er jetzt mit seinen Kindern verbringen könne. Ein Fischkochbuch, eine Kochschürze und ein Kochlöffel wurden dem künftigen Hausmann überreicht, eine CD für die langen Winterabende, Bestimmungsbücher für die Pflanzen- und Tierwelt an der Küste, Samentütchen für Möhren und Zierblumen, baden-württembergischer Wein - "damit ihr inmitten des vielen Salzwassers nicht auf dem Trockenen sitzt" - und ein Modell seines Autos, damit er wenigstens das auf die autofreie Insel mitnehmen könne. Die Überraschung war gelungen, die entsprechende Rührung ließ er aber erst zu, als er nach dem Umzug alles noch einmal in gelösterer Stimmung sichtete.
Es folgten die Notenkonferenzen. Nach der letzten half ihm eine Kollegin beim Zusammenpacken und fuhr ihn nach Hause, wo sie noch mit heraufkam, um auch Renate Lebewohl zu sagen, die sie von den Veranstaltungen in der Schule, einigen zufälligen Begegnungen im Ort und von zwei oder drei Fachsitzungen, die in dieser Wohnung stattgefunden hatten, kannte. Die Umzugsleute packten Kiste um Kiste. Der Pfarrer, der ihren Sohn getauft hatte, saß am Tisch, um sich von seiner Gelegenheitsorganistin und von deren Mann, den er aus der Schule kannte, in der er einige Stunden Religionsunterricht erteilte, zu verabschieden.
Am nächsten, seinem letzten Schultag, überreichte Hermann den Schülern, die er als Klassenlehrer betreute, die Halbjahresinformationen und sagte ihnen Lebewohl. Die anderen Klassen und Kurse hatte er schon im Laufe der Woche ein letztes Mal gesehen. Im Lehrerzimmer packte er die Geschenke der Schüler ein: Wieder war eine Küchenschürze dabei und Gummistiefel für die Kinder, jeweils versehen mit den Namen der Schüler. Der Text eines Liedes, den ihm eine elfte Klasse auf die Melodie eines Gassenhauers gesungen hatte, war ihm in einem Glasrahmen - meerblau - überreicht worden. Und von seiner achten Klasse erhielt er zwei Schulhefte, in denen nicht nur die Mädchen, sondern auch die Jungen neben ihrem Konterfei Rezepte für ein Mittagessen und einen Kuchen geschrieben hatten, die dem Hausmann die Beantwortung der Frage "Was koche ich heute" erleichtern sollten.
Er entfernte das Namensschild von seinem Postfach und gab die Schlüssel im Sekretariat ab. Ein letztes vom Chef angesetztes Gespräch nahm schnell einen unerfreulichen Verlauf. Durch diesen letzten Eindruck in seinem Beschluss bestätigt, schloss der nun ehemalige Kollege für immer die Tür dieser Anstalt hinter sich. Er sollte sie nie mehr betreten.
Als er nach Hause kam, war die Wohnung schon fast geräumt. Diese Nacht würden sie wie auch schon die letzte bei einer befreundeten Familie in der nahe gelegenen Kreisstadt schlafen. Am nächsten Vormittag fuhren sie los, durchquerten Deutschland entgegen der Vorhersagen des Wetterdienstes bei strahlendem Sonnenschein, nahmen wenige Kilometer vor der Küste Quartier, da das letzte Schiff an diesem Tag nicht mehr zu erreichen war. Sie wählten einen Landgasthof, der ihnen von den Umzugsleuten empfohlen worden war. In solcher Art von Hotels hatten sie auch auf ihren Urlaubsreisen gerne Zwischenstation gemacht. Befremdlich war nur, dass die Dame am Empfang sie fast bedauerte, als sie beim Ausfüllen der Meldepapiere erfuhr, dass die Gäste nicht nur zum Urlaub weiterziehen würden. Am darauf folgenden Tag setzten sie mit einem Schiff zu der Insel über, auf der sie künftig leben würden.
In dem Familienalbum, das er während ihrer Zeit auf der Insel anlegte, nimmt dieser Schritt breiten Raum ein. Eine Totalaufnahme hält ein weißes Schiff an der Kaimauer fest, Kranausleger hieven Gepäckcontainer an Bord. Eine Halbtotale lässt Frau und Kinder erkennen, wie sie am Heck des Schiffes eine Gangway hinaufgehen. Eine Nahaufnahme zeigt die drei, inzwischen auf dem Schiff vor der Reling stehend, dick eingehüllt in Anoraks, Rucksäcke tragend, der kleine Sohn mit Schnuller im Mund. Im Hintergrund dümpeln zwei Fischkutter im Hafen, der eine rot-gelb, der andere blau-gelb. Neben den Bildern steht handschriftlich vermerkt: "Gepäckverladung auf's Schiff", "Wir lassen das Festland und unser bisheriges Leben dort zurück" und "Einwanderer". Die nächsten zwei eingeklebten Aufnahmen zeigen halbnah und nah die ganze Familie vor einem roten Leuchtturm, zwischen ihnen ein Handkarren, beladen mit zwei Koffern und einer Tasche. Der Text erläutert, dass sie vor dem alten Leuchtturm stehen, auf dem Weg sind in eine Ferienwohnung, in der sie noch fünf Tage leben werden, bis in der Übergangswohnung alles aufgestellt sein würde.
Die Ferienwohnung kannten sie schon. Als aus der Sommerlaune heraus mehr zu werden schien als ein Gedankenspiel, sich neue Lebensmöglichkeiten abzeichneten, hatten sie diese Wohnung in den Herbstferien gemietet, um sich zusammen die Insel anzuschauen und vor Ort Entscheidungen treffen zu können.
Renate hatte im Sommer auf Hermanns Ermunterung hin auf eine Stellenanzeige im Ärzteblatt geantwortet.
"Schau 'mal, wo es überall Stellen gibt, sogar auf einer Insel."
"Tja, bewirb dich doch, verdiene du unseren Unterhalt, ich
kümmere mich dann um die Kinder und mache den Haushalt."
Noch vor dem gemeinsamen Besuch war Renate, vorgerückt in den engeren Bewerberkreis und eingeladen zu einem persönlichen Gespräch, für zwei Tage allein auf der Insel gewesen. Die Hinfahrt an einem Tag war nur mit Flug von Bremerhaven aus zu schaffen. Bis Bremen ging es mit dem ICE, von dort aus mit dem Taxi zum Flughafen. Der Pilot wartete schon auf seinen einzigen Fluggast. Es herrschte starker Wind. Ihre bange Frage, ob er denn überhaupt fliege, wurde mit einem Lächeln erwidert: "Bis Windstärke neun immer", was auf sie aber keineswegs beruhigend wirkte. Müde und durchgerüttelt durch den Flug mit der kleinen Cessna, in der sich jede Windböe deutlich bemerkbar gemacht hatte, war der erste Eindruck, den sie nach Hause meldete, kein guter.
"Kalt, nass, stürmisch. Manche Straßenzüge wirken wie eine Musterausstellung von Gartenzäunen. Wenig Bäume, wenig Grün überhaupt. Einfamilienhäuser sind im Schaukasten der Volksbank schon 'mal mit einer Million inseriert - inclusive einer Ferienwohnung. Im Ort sind kaum Leute unterwegs. Ich glaube, ich will hier nicht leben."
Sie rief vom Hotel aus an, wohin sie sich angesichts der geschilderten Zustände am frühen Abend zurückgezogen hatte. Gegen zwanzig Uhr rappelte sie sich trotzdem noch einmal auf, zur vollen Stunde sollte ein Kurkonzert gegeben werden. Sie kämpfte sich auf der Strandpromenade gegen den Wind zum Kursaal vor, nur um zu sehen, dass sie die einzige Zuhörerin war und die Veranstaltung deshalb ausfiel. Nach einem kurzen Plausch mit den polnischen Musikern fiel sie enttäuscht und müde ins Bett.
Am nächsten Tag war der Sturm abgeflaut, die Gespräche mit dem Bürgermeister, einigen Damen und Herren aus dem Inselrat und potentiellen Mitarbeiterinnen waren angenehm verlaufen und auf dem Rückweg von der Mutter-Kind-Kurklinik, die etwas außerhalb des Ortes in den Dünen lag, schien die Sonne. Das wirkte erhellend aufs Gemüt, zumal auch geklärt war, wo und wie gewohnt werden konnte, wenn Renate die Stelle erhalten sollte. Gefragt nach ihren Wünschen, antwortete sie, dass sie neben Wohn-, Schlaf- und zwei Kinderzimmern gerne noch ein weiteres hätte, für sich und ihren Mann als Arbeitszimmer, das gleichzeitig auch als Gästezimmer dienen könnte, für den bestimmt häufig zu erwartenden Besuch aus Süddeutschland - fünf Zimmer also sollten es sein, ein bisschen Grün oder zumindest Platz drumherum als Auslauf für die Kinder wäre auch nicht schlecht. Sie und ihr Mann seien auch bereit, etwas zu kaufen, so denn möglich.
"Auf dem freien Markt gibt es kaum Angebote", war die Antwort, "wenn, dann ist es sehr teuer, die Insellage macht sich eben bemerkbar. Anders als auf dem Festland kann man hier den Traum vom preisgünstigen Häuschen nicht verwirklichen, leider, leider. Auch wenn man von der Gemeinde ein Grundstück zu bezahlbaren Konditionen erhält, dies ist aber erst nach sechsjähriger Wohndauer auf der Insel möglich, und auch nur dann, wenn man vorher nicht anderweitig Wohnraum erworben hat, ja auch dann sind die Baukosten eben immer noch um ein Drittel teurer als auf dem Festland, alles kommt ja per Schiff. Aber wie wäre es mit einem ganzen Haus zur Miete, sieben Zimmer - ja, bezahlbar werde es sein, es gehört der Gemeinde."
Nach Renates Rückkehr begannen intensive Beratungen. Sollten sie es tun?
"Wäre ja für uns Süddeutsche schon exotisch, so eine Insel. Du hättest, was du dir gewünscht hast, Arbeit im Team, Zeit für die Patienten, ein festes Gehalt und keinen Abrechnungspapierkram mit den Kassen wie zu deinen Praxiszeiten."
"Ja, das wäre schön. Aber wirst du nicht deine Arbeit vermissen?"
"Ach, ich habe ja schon vor Lauras Geburt gesagt, dass ich mir vorstellen könnte, für ein, zwei Jahre Erziehungsurlaub zu nehmen. Ich habe ein Dutzend Jahre Arbeit hinter mir und auch nach einer Pause noch mehr vor mir. Es schadet bestimmt nichts, zwischendurch etwas ganz anderes zu tun. Im Gegenteil, dadurch wird mein Kopf freier werden. Ich werde zum Lesen kommen..."
Hermann kam regelrecht ins Schwärmen angesichts der Aussicht, die Berufsroutine einmal unterbrechen zu können. Damals, bei der Geburt ihres ersten Kindes, wurde er fast zeitgleich zum Fachabteilungsleiter ernannt, und die frisch gebackenen Eltern meinten, dass sich Gedanken an eine Berufspause Hermanns jetzt erst einmal erübrigten. Es folgte ein Jahr, in dem sie versuchten, Renates expandierende Praxis, seine neuen Aufgaben in der Schule, sein gleichzeitig intensiver werdendes Engagement im Berufsverband und das Kind unter einen Hut zu bringen. Eine Bekannte Renates, die seit ihrer Assistenzarztzeit im Haushalt hilfreich zur Hand ging und über die Jahre zur Freundin geworden war, half auch jetzt, ihr Reihenhaus in Ordnung zu halten. Bügelwäsche wurde außer Haus gegeben. Für vier Halbtage wurde eine liebevolle Tagesmutter und für zwei Nachmittage eine Frau aus der Nachbarschaft gefunden, die mit dem Kind spazieren ging oder mit ihm spielte. Sie brachten alles auf die Reihe und sprachen doch schnell davon, dass sie so nicht weiter machen wollten. Sie wollten ihr Kind nicht wegorganisieren müssen, sie wollten nicht in Dauerhetze leben. Wenn die Tochter beim Abgeben weinte, wurde ihnen das Herz schwer und als die Tagesmutter und nicht Renate die ersten Schritte ihrer Tochter miterlebte, kam der für Hermann überraschende Beschluss seiner Frau, den er mittrug, aber nie von ihr gefordert hätte, ja nicht einmal mit dem Gedanken daran gespielt hatte. Er konnte sich zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, wie sie sich von etwas lösen wollte, das ihr einmal lieb und teuer war, etwas Eigenem, unter großem Risiko aufgebaut und in zehn Jahren zur Blüte gebracht, aber eben auch zum Zeitverschlinger, der nicht mehr gesteuert werden konnte. Dem Verkauf der Praxis folgte der Umzug in den kleinen Ort vor den Toren der Großstadt, in der die Schule lag.
"Für dich fällt die tägliche 30-Kilometer-Fahrt zur Arbeitsstelle weg, vielleicht können wir sogar ein Auto verkaufen, finanziell wird schon alles gehen und wir als Familie werden es insgesamt besser haben."
Neben diesen Argumenten seiner Frau war es für Hermann beruhigend, fast zwangsweise sich ergebend für die viel zuversichtlichere Renate, dass schon vor dem Umzug ein niedergelassener Kollege aus der Kleinstadt um gelegentliche Mitarbeit in seiner Praxis und um Urlaubsvertretung bat.
Vier Jahre später, inzwischen war der Tochter ein Sohn gefolgt, war Hermann der Drängende.
"Ich werde das Neue genießen, endlich Zeit haben, für die Kinder, für uns, zum Lesen, eineinhalb Meter ungelesene Bücher warten auf mich, und ansonsten lassen wir auf uns zukommen, was sich so ergibt - ist doch spannend."
Aber natürlich zwang er sich trotz der gehobenen Stimmung ruhig zu bleiben, abzuwägen und zu prüfen. Ein Anruf bei der Inselgemeinde ergab, dass sie nach der Renovierung des angebotenen Hauses zwar mehr bezahlen müssten als die bisherigen Mieter, aber eben auch nur den üblichen Gemeindesatz, das mache dann genau 1486 Mark und siebzehn Pfennige. Hermanns Herz hüpfte vor Freude. Nicht gerade verwöhnt von den Verhältnissen auf dem Wohnungsmarkt im Stuttgarter Großraum, empfand er das als geradezu preisgünstig. Und die Umgebung stimmte sowieso "auf einer Insel ohne Berge mit viel Wasser drumherum", wie er zusammen mit seiner Tochter in Abwandlung eines Liedes der Augsburger Puppenkiste sang. Der Grundriss wurde per Fax übersandt und lud zum Träumen ein. Der Verstand sagte, dass sie zwar nicht üppig, aber eben ausreichend allein von einem Gehalt würden leben können, denn nur dann wollten sie den verändernden Schritt wagen.
Wenige Tage nach ihrem Bewerbungsgespräch erhielt Renate die Nachricht, dass sie zu den vier Favoriten gehöre, ob sie sich selbst denn schon entschieden habe?
"Nein", antwortete sie, "ich kann jetzt noch nichts sagen, vor einem solch entscheidenden Schritt sollte auch mein Mann Insel und Haus ansehen. In zwei Wochen sind in Baden-Württemberg Herbstferien, dann könnten wir gemeinsam mit den Kindern für ein paar Tage kommen. Bis dahin hat mein Mann bestimmt auch die Frage seines Erziehungsurlaubes geklärt."
Mit der Auskunft der Schulbehörde im Hinterkopf, dass Hermann auch in seiner Funktion vier Wochen nach Antragstellung in Erziehungsurlaub gehen könne, fuhren sie in den Herbstferien auf die Insel. Nur einige Kolleginnen wunderten sich, warum sie gerade jetzt, wo das Wetter doch bestimmt nicht mehr so schön sein würde, auf eine Nordseeinsel fuhren - und nicht wie bei vielen üblich in den Sonne und Wärme versprechenden Süden flogen.
Die tagdauernde Fahrt war von Regen begleitet, umso mehr, je weiter sie in den Norden kamen. Sie machten Rast vor rot geklinkerten Häusern mit Blick auf flache, weit zu übersehende Landschaften. Da sie es zum letzten Schiff nicht mehr schaffen würden, suchten sie sich ein Hotel in Oldenburg. Hätten sie eine Aufsicht für die Kinder gehabt, wären sie nach dem Essen in einer Altstadt-Kneipe bestimmt noch ins Kino gegangen. Wegen des Dauerregens war aber selbst ein gemeinsamer Stadtbummel nicht mehr möglich.
Am nächsten Morgen begegneten sie am Hafenanleger einer neuen Welt. Das Gepäck musste aufgegeben und in einen Schiffscontainer verladen werden. Das Auto blieb an Land zurück. Zur Sicherheit hatte man die Schlüssel abzugeben, der Parkplatz direkt am Hafen war nicht sturmflutsicher. Beim Auslaufen des Schiffes ließen sie sich auch vom Nieselregen nicht abhalten, wenigstens kurz an Oberdeck zu gehen. Die Umrisse der Insel und ein Leuchtturm waren schon zu erkennen. Nach 45 Minuten Fahrt durchs Wattenmeer sahen sie beim Einlaufen in den Hafen die kleine Bahn, die sie durch den Nationalpark in den Ort bringen würde. Das Wasser stand so hoch, dass es vom Schiff herunter aussah, als ob die Schienen direkt durch das Wasser liefen. Links der Gleisanlagen führte eine breite, massige Holzrampe auf eine auf mannsdicken Bohlen stehende Plattform, auf der ein Kran, ein Blockhaus und eine Telefonzelle, die nicht recht dazu passen wollte, Platz fanden. Dahinter stand ein weiteres Holzhaus auf Bohlen. Ein halbes Dutzend Lichtmasten ragten wie Fremdkörper in den Himmel. Dünn bewachsene Dünen sahen eher wie Sandhaufen aus - das Ganze wirkte nicht sehr einladend. Beim Vorbeifahren wurde ein Schild sichtbar, das an der Stirnseite des ersten Hauses angebracht war. "Gott schuf die Zeit, von Eile hat er nichts gesagt" hieß die Inschrift. Die viertelstündige Fahrt durch den Nationalpark führte durch überflutete Wiesen, teilweise waren auch die Gleise von Wasser überspült. Am Bahnhof erhielten sie aus den Schiffscontainern, die mit ihnen auf der Bahn gereist waren, ihr Gepäck zurück. Weiter befördert wurde es von kleinen Elektrolastwagen. Außer der Feuerwehr, einem Rettungswagen und der Müllabfuhr gab es auf der Insel keine Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. An den Türen des Bahnhofs informierten knallrote Aushänge darüber, dass die Rückfahrt des Schiffes an diesem Nachmittag wegen einer Sturmwarnung ausfalle.
In der geräumigen Ferienwohnung lernten sie vor allem die vielen Heizkörper schätzen, weil sie sich in den ersten drei Tagen ihres Aufenthaltes jedes Mal, wenn sie draußen waren, komplett umziehen und trockenlegen mussten. Die Kinder waren wenigstens so lange vor Wind und Regen geschützt, wie sie in einem Bollerwagen mit Verdeck saßen, der aussah wie ein Miniaturplanwagen, bei dem der Vater das Pferd ersetzte. Nur selten kam in dieser Woche die Sonne heraus, aber dann wirkten Strand und Meer faszinierend auf sie - besonders als sie windgeschützt hinter den Panoramascheiben eines Aussichtsrestaurants saßen, etwas Heißes tranken und den Blick über Strand und Meer schweifen ließen. Kam dazu ein Schiff ins Blickfeld, war die Postkartenidylle perfekt.
Eine Besichtigung der Mutter-Kind-Kurklinik mit dem schönen Namen "Möwennest" hinterließ bei beiden einen guten Eindruck. Drei zweistöckige, langgezogene Klinkergebäude, angeordnet um ein großes Rasenstück, ließen noch erahnen, dass es sich um eine ehemalige Kaserne handelte, die zu ihrem jetzigen Zweck umgebaut worden war. Die Patienten waren in zweiräumigen Appartements untergebracht, ein Raum für die Mütter und einer für die Kinder. Alle Wohneinheiten hatten eigene Nassräume und erinnerten mit der neuen, in hellem Holz gehaltenen Einrichtung eher an ein Hotel.
"Hier hätte ich auch Lust, eine Kur zu verbringen", entfuhr es Hermann spontan.
Auch die Funktionsräume wirkten hell und freundlich, nur das Arztzimmer fiel ziemlich klein aus - aber das würde sich Renate schon entsprechend einrichten. Bisher diente es der im Ort niedergelassenen Ärztin stundenweise zur Versorgung der Klinikpatienten. Als man sah, dass die neue Einrichtung gut lief, wollte man die medizinische Versorgung in die Hand einer hauseigenen Ärztin legen. Natürlich reizte Renate auch der Gedanke, hier erst einmal eigene Strukturen schaffen zu können. Es stand ja alles am Anfang.
Nach vier Tagen hatten sie sich entschlossen, den Schritt zu wagen. Schwer zu sagen, was eigentlich den Ausschlag gab: die Lust auf ein ungewohntes Inselleben, die Freude, eingefahrene Gleise verlassen und gleichzeitig einen Schlussstrich unter das ziehen zu können, was beim Zurückliegenden zunehmend als belastend empfunden worden war? Hermann sah sich schon, wie er unbeschwert von sonstigen Verpflichtungen seine Zeit mit den Kindern verbrachte. Der Gedanke, dass der Haushalt auf ihn zukommen würde, konnte ihn nicht schrekken, ja im Gegenteil, auch darauf freute er sich regelrecht, ebenso wie darauf, sich um seine Frau kümmern zu können, ihr den Rücken freizuhalten, so wie sie es bei ihm ja auch in den letzten Jahren getan hatte. Er verspürte schon jetzt das befreiende Gefühl, aus dem engen Zeitkorsett, in das er in der letzten Zeit eingebunden war, das ihm die Luft zum Atmen zu nehmen schien, ausbrechen zu können. Hier würde er bei allen auf ihn zukommenden Aufgaben Zeit haben zum Luftholen, und was für eine Luft! Klare Nordseeluft, die auch der Tochter, die unter Asthma litt, so gut tun würde.
Ganz sicher war es auch die Hausbesichtigung, die inzwischen stattgefunden hatte. Es war nicht nur das Haus, das beiden auf Anhieb gefiel, es war die Art, wie sie glaubten, dort leben zu können. Es war eines der wenigen Jahrhundertwendehäuser, die auf der Insel noch standen. Umgeben von einem etwas verwilderten Garten, der zu einer Straßenseite hin durch eine Steinmauer, zu der anderen durch Bäume und Hecken abgegrenzt wurde, bestach es von außen durch die hohen, im oberen Teil durch Sprossen unterteilten Fenster, durch einen runden, verglasten Erker, der die Hälfte der Vorderfront einnahm, durch einen Holzvorbau, der die eigentliche Eingangstür vor Wind und Wetter abschirmte und durch die Fassadengestaltung, in der sich roter Klinker mit ehemals weiß verputzten Flächen abwechselte. Das Erdgeschoss war durch eine große Diele geteilt und wirkte durch den Terrazzoboden und die breite Holztreppe, die ins Obergeschoss führte, sehr großzügig. Links der Diele befand sich ein kleiner Raum, der vom damaligen Hausherrn als Arbeitszimmer genutzt wurde, daneben lag eine große Küche, ein Hauswirtschaftsraum und eine Gästetoilette. Auf der rechten Seite gelangte man durch ein großes Wohnzimmer in das Bibliothekszimmer, dessen Erker ihnen ja schon von außen aufgefallen war. Innen waren drei der vier Wände komplett mit Regalen versehen, die mit Büchern überladen waren.
"Kann man gerade so lassen, kann ich gerade so übernehmen", ging es Hermann durch den Kopf.
Hinter diesem Zimmer bildete ein erst kürzlich renoviertes, daher in aktuellen Grau- und Weißfarben gehaltenes Bad den Abschluss des Erdgeschosses. Das Obergeschoss wurde ebenfalls durch eine große Diele geteilt, zu deren Seiten sich jeweils ein großes und ein kleineres Zimmer befanden.
"Ja, hier werden wir Platz haben zum Leben, zum Arbeiten, zum Fürsich-sein ebenso wie um Besuch zu beherbergen, alle Bücher können aufgestellt werden, schön", ging es beiden unabhängig voneinander durch den Kopf. Hermann sah sich schon in seinem großen Arbeitszimmer, wollte ausprobieren, wie sich das Leben außerhalb des Hausmannsdaseins anfühlte, als Lesender und vielleicht auch als Schreibender, ohne Geld verdienen zu müssen.
Zwar machte alles einen etwas abgewohnten Eindruck, aber ein Eimer Farbe hier, ein neuer Teppichboden da und das Ganze würde schon wieder freundlich aussehen. Diese Renovierungen würde die Gemeinde übernehmen. Der mitgekommene stellvertretende Kurdirektor und der Bauamtsleiter der Gemeinde sprachen davon, dass vor dem Einzug die Fensterrahmen, die dreißig Jahre auf dem Buckel hatten, ausgetauscht würden. Da es in dem Holzvorbau muffig roch, wurde auch eine genauere Untersuchung und eventuell anstehende Ausbesserungsarbeiten zugesichert.
Für Renate gab wohl den Ausschlag, dass das Team, mit dem sie zusammen arbeiten sollte, durchblicken ließ, dass sie ihre Wunschkandidatin sei. Aber durfte das Team wirklich hoffen? Würde ihr Mann, der Studiendirektor, tatsächlich seinen Beruf hintanstellen und einen Rollentausch mitmachen? Skepsis war angesagt, zumal tags zuvor einer der vier anderen in die Endrunde gekommenen Mitbewerber abgesagt hatte, weil seine Frau, eine Lehrerin, nun doch nicht mit auf die Insel kommen wollte. Umso größer fiel die Freude aus, als am vierten Tag, das Wetter hatte sich noch nicht aufgeklart, bei einem Gespräch mit Heimleiterin und Psychologin für diese unvermittelt das Ja des Paares kam. In der großen Freude und mangels Sekt wurde mit Tee angestoßen!
Schön war auch, dass bei einem Gespräch mit dem stellvertretenden Kurdirektor Eilers kurz dessen Frau hereinguckte und Hermann gleich gefragt wurde, ob er denn nicht vielleicht Französisch unterrichte.
"Nein, Deutsch und Politik", war die fragende Antwort.
"Ach schade, Französisch bräuchten wir. Aber Deutsch auch. Eine Kollegin nimmt ab nächsten Juli ein Sabbatjahr."
Zwar freute Hermann sich auf die vor ihm liegende unterrichtsfreie Zeit, aber das Gefühl, gebraucht zu werden, tat natürlich auch gut. Es war ein Gefühl, das höchstens noch bei seiner Verbandsarbeit aufkam, sein Chef hatte es ihm schon lange nicht mehr zu vermitteln vermocht.
In dem Haus, das ihnen zur Miete angeboten worden war, wohnte der erst kürzlich pensionierte Grundschulrektor mit seiner Frau. Ihre Kinder lebten auf dem Festland und kamen nur noch besuchsweise auf die Insel. Nach einem Versuch, das Haus der Gemeinde abzukaufen, wobei man sich aber nicht einig geworden war, hatten sie eines der Grundstücke im Neubaugebiet am Deich erworben und eine Fertigbaufirma auf dem Festland mit dem Bau eines Hauses beauftragt. Es stellte sich heraus, dass die Fertigteile dieses Hauses weit mehr wogen, als den Inselstraßen und Deichwegen zuträglich war - und eine Ausnahme wollte der Bürgermeister nicht zulassen. So verzögerte sich der Bau, weil alle Fertigteile auseinander geschnitten werden mussten. Die Firma übernahm die damit verbundenen Mehrkosten und wollte die Gelegenheit nutzen, einen Werbefilm unter dem Motto "Wir bauen überall, auch auf Inseln" zu drehen. Im Januar sollte mit dem Bau begonnen werden, zu Ostern würde er einzugsfertig sein. Gleich danach sollte das alte Haus renoviert werden.
"Das heißt also", dachte Eilers laut nach, "dass wir bis dahin eine andere Unterkunft finden müssen, etwas für den Übergang."
Kurz vor Beendigung der herbstlichen Stippvisite gab er den Abreisenden noch mit auf den Weg, dass die Mieter einer von der Gemeinde angemieteten Dreizimmer-Wohnung in ein Altersheim an Land gehen würden, damit wäre auf jeden Fall erst einmal eine Unterkunft für sie da. Er würde aber darum bitten, Abstand von einer Besichtigung zu nehmen, da die Entscheidung der Alten noch ganz frisch sei. Ein Mansardenzimmer und Abstellräume auf dem Dachboden und im Keller würden Platz bieten für die Sachen, die sie zunächst in der Wohnung nicht aufstellen könnten. Sie willigten ein. Zu sehr waren sie in Gedanken schon in ihrem neuen Leben, als dass dies jetzt noch abschreckend wirken könnte.
In der ersten Januarwoche erhielten sie eine Ansichtskarte, auf der ihnen mitgeteilt wurde, dass das Watt nicht zugefroren sei und planmäßig mit dem Aufbau des Fertighauses begonnen werden könne.
Nun hieß sie in derselben Ferienwohnung wie damals ein Brief Eilers' willkommen. Weiter wurde angekündigt, dass Bürgermeister Schroers, der in Personalunion auch Kurdirektor war, die Amtseinsetzung der ärztlichen Leiterin selbst vornehmen wollte. Anbei lag ein Schlüssel zu der Wohnung, die ihnen als Unterkunft dienen sollte, bis das beim Herbstbesuch besichtigte, geräumige Jahrhundertwendehaus für sie bereitstehen würde.
Eine weitere Ferienwohnung hatten sie für eine Verwandte und deren Tochter gemietet, die sich um ihre Kinder kümmern wollten, damit sie beide wenigstens in der ersten Woche alles, was mit dem Umzug zusammenhing, ungestörter erledigen konnten. Bevor am nächsten Tag ihre Container kommen sollten, wollten sie noch kurz anschauen, wo sie in der ersten Zeit auf der Insel unterkommen würden.
Die Wohnung lag in einem rot geklinkerten Zweifamilienhaus, das in der Vorkriegszeit als Verwaltungsgebäude für das Militär, das damals hier stationiert war, erbaut worden war. Es war eines von sechs Häusern, die im Karree um ein großes Grundstück angeordnet waren, in dem sich die Bewohner kleine Gärten und Grillplätze neben viel freier Wiesenfläche eingerichtet hatten. Im Parterre ihres Hauses wohnten der Senior-Bademeister und Rettungsschwimmer der Insel und seine Frau. Von ihnen erfuhren sie, dass die Kellerwände seit einem Hochwasser in den sechziger Jahren Salpeter enthielten, deshalb sollte nichts unmittelbar an die Wände gestellt werden. Der Anschluss einer Waschmaschine sei aber auch wegen der fehlenden Wasseranschlüsse nicht möglich. Auf dem Dachboden zeigten sie ihnen die für sie vorgesehene Hälfte und die Stelle, wo man besser nichts hinstelle, da es dort bei starkem oder länger anhaltendem Regen hereintropfe.
In der Diele lag schon ein Brief für sie. Die "Deutsche Telekom Niederlassung Oldenburg" dankte für den Auftrag zur Bereitstellung eines ISDN-Anschlusses, bedauerte aber, dass der Netzabschluss NTBA zur Zeit nicht lieferbar sei und sich deshalb die Bereitstellung des Anschlusses verzögern werde.
"Das gibt es doch nicht!", stöhnte Hermann. Schon im Dezember hatte er diesen Anschluss beantragt, um Installation gebeten, Termin und Kosten genannt bekommen. Der neue Anschluss sollte am ersten Umzugstag installiert und freigeschaltet werden. So war es geplant und schriftlich versprochen!
Die Kücheneinrichtung inclusive Herd hatten sie dem Sohn der alten Leute, der die Wohnung auflöste, auf telefonische Anfrage hin unbesehen abgekauft, für wenig Geld, was sollte man da groß nachdenken, sie brauchten ja eine Kochstelle gleich von Anfang an, und ihre bisherige Küche musste Gott sei Dank nicht auch noch mit umgezogen werden, sie war Bestandteil ihrer bisherigen Mietwohnung. Die Küchenmöbel waren sichtbar mit den Bewohnern alt geworden, aber sie würden es erst einmal tun. Außerdem war eine Sitzecke vorhanden, ein Essplatz im Wohnzimmer also nicht nötig, wieder Platz gespart. Ihr Trockner würde neben der Tür Platz finden, man müsste nur ein Schränkchen aus der Küche auf den Dachboden bringen, was sie auch gleich erledigten.
Das Bad war ein schmaler Schlauch, in braun und grün gehalten, was auf eine Einrichtung in den Siebzigern schließen ließ. Wenigstens waren in allen Zimmern die Wände neu weiß gestrichen, außer in der Küche, die eine Tapete zierte, deren Muster originellerweise Küchengeschirr zeigte. Die Teppiche waren wohl nicht mehr ganz sauber zu kriegen, die drei Zimmer waren klein. Vor einer Steckdose hing ein Schild, dass diese keinen Strom mehr führe.
Die Mansarde war winzig und trotzdem zweigeteilt. Im ersten Teil dieses Raumes würde Hermann einen Schreibtisch und ein Bücherregal unterbringen können. Die ausgeblichene Tapete müsste er für die kurze Zeit einfach übersehen, ebenso wie den grellgrünen Bodenbelag. Was er mit dem Waschbecken an der Wand machen sollte, wusste er noch nicht. Im zweiten abgeteilten Raum war ein Schrank Marke Eigenbau fest mit der Wand verankert. Eigentlich war es mehr ein Bretterverschlag, bezogen mit einem Papier, mit dem früher gerne Küchenschränke ausgelegt wurden. Der Heizkörper gluckerte und konnte die Mansarde trotzdem nicht erwärmen, was auch nach einer Entlüftung so bleiben sollte.
Nach Besichtigung des Dachbodens und zweier Kellerräume war für beide klar, dass sie hier ihre Sachen nicht würden unterbringen können.
"Diese Wohnung hätte ich nie genommen, hätte ich sie vorher gesehen!", Renate war entsetzt.
Am nächsten Vormittag kamen die ersten drei ihrer fünf Schiffscontainer an. Alle fanden auf dem Frachtschiff nicht Platz, da montags die Warenlieferung für die Insel besonders umfangreich war. Ein Elektrokarren zog am späten Vormittag den ersten der großen blauen Blechcontainer auf einem Anhänger vor das Haus. Die Umzugsleute waren guter Stimmung, für sie ging es nicht das erste Mal auf die Insel, auf der sie bis Mitte der Woche auch übernachten würden. Bis zur Ankunft des Containers montierten sie aus dem Raum, der als Schlafzimmer vorgesehen war, noch ein Waschbecken ab, so dass wenigstens Bett und Schrank Platz finden konnten. Der Mansardenschrank wurde mit zwei Hammerschlägen zerlegt und entsorgt. Vorsichtshalber nahm Hermann auf einen Tipp Eilers' Kontakt mit einem Lehrer der Grundschule auf, der jetzt als kommissarischer Schulleiter eingesetzt war, und der dem neuen Mitbürger freundlich gestattete, wenn nötig auf dem Dachboden der Schule seine Bücherkisten unterzustellen. Allerdingswürden die Umzugsleute wohl nicht so begeistert sein, denn hinauf führe nur eine wackelige Leiter und Licht gebe es auch keines, dafür sei das Dach dicht. Hermann entschloss sich, nur im äußersten Notfall auf dieses Angebot einzugehen. Außerdem wäre es für ihn ein komisches Gefühl, seine Bücher ausgelagert zu wissen. Die Kurklinik, in der seine Frau künftig arbeiten sollte, war bis unters Dach ausgebaut mit Patientenzimmern und im Keller befanden sich die Gymnastik-, Bade- und Massageräume - hier war also auch kein Abstellraum zu finden. Aber es war auch nicht nötig, denn die Umzugsleute schafften es letzten Endes doch, all das, was in der Wohnung nicht aufgestellt werden konnte, im Haus unterzubringen. Bücherkisten wurden in Dreierreihen auf- und hintereinander gestapelt.
"Die Schulbücher und Unterrichtsordner in die letzte Reihe, die brauche ich jetzt nicht."
Der Heizungskeller wurde bis unter die Decke vollgestopft, nicht benötigte Tische und Schränke blieben auseinandergenommen und wurden dazwischengestellt, ebenso wurde auf dem Dachboden verfahren.
"Hat es nicht auch etwas Befreiendes, sich einmal nur auf das Notwendigste zu beschränken?", redete sich Hermann die Situation schön.
Renate absolvierte inzwischen ihre Antrittsbesuche. Sie und Hermann fanden es schade, dass sie in diese Wohnung niemanden zum Essen würden einladen können. Ganz abgesehen davon, dass schlicht der Platz für Gäste fehlte, war das Geschirr, das sie dafür gerne verwendet hätten, irgendwo im Keller, ebenso wie die Weingläser, die sie auch erst gar nicht ausgepackt hatten. Dass Hermann keine Bilder aufhängte, wollte Renate nur sechs Wochen hinnehmen. Dann ging er das erste Mal in den Keller, um Kisten umzustapeln. Die ersten drei, vier Bilder und gerahmten Plakate, die er fand, schmückten forthin das Wohnzimmer.
Die Dame der Telekom, die Hermann Hilfe suchend anrief, war freundlich, behauptete aber allen Ernstes, dass es im asiatischen Herstellerland einen Lieferengpass für irgendwelche Buchsen gebe. Hermann schwankte zwischen Belustigung und Verärgerung, wies im freundlichsten Ton, der ihm noch möglich war, darauf hin, dass seine Frau als Ärztin mit Arbeitsbeginn schon auch telefonisch zu Hause erreichbar sein sollte und ob nicht nachgeschaut werden könnte, ob so ein Teil nicht doch noch irgendwo aufzutreiben sei. Am nächsten Tag teilte die Dame ihr erfolgreiches Suchen mit und kündigte an, dass am darauf folgenden Tag ein Techniker per Flugzeug auf die Insel kommen werde. Der kam auch, ihm hatte nur niemand erzählt, dass er eine ISDN-Anschlussbox mitbringen sollte. Immerhin veranlasste er, dass diese sofort per Post geschickt werde, die notwendige Programmierung könne der Kunde dann selbst vornehmen - er diktierte Hermann, der eifrig mitschrieb, was zu machen sei, falls nicht sowieso eine entsprechende Anleitung dem Teil beiliegen würde. Am Freitag kam aber kein Schiff und kein Flugzeug und damit auch keine Post auf die Insel. Sie erlebten ihre erste Sturmflut.
Angekündigt im Radio löste das Wort Sturmflut bei ihnen als Süddeutschen, die mit diesem Phänomen noch nie in Berührung gekommen waren, das Gefühl des Besonderen, des Ausnahmezustandes aus. Noch waren sie nicht daran gewöhnt, dass im Herbst und Frühjahr die Insel regelmäßig von einem halben Dutzend dieser Fluten heimgesucht wurde. Heimgesucht deshalb, weil dabei jedes Mal Sand vom Strand und auch Teile der schützenden Dünen im Meer verschwanden. Ab März wurde mühevoll der in den Osten der Insel angespülte Sand mit vier, manchmal auch sechs gewaltigen Lastwagen, den Dumpern, wieder an den Badestrand gefahren und von Planierraupen verteilt. Die schweren Baufahrzeuge wurden zu diesem Zweck mit einem Landungsboot auf die Insel gebracht und verschwanden nach erfolgter Arbeit auch wieder. Ohne diese Arbeiten hätte die Insel schon nach einem Winter keinen Badestrand mehr - und von dessen Existenz hing der Touristikbetrieb ab. Ebenso mussten die Dünen aufgeschüttet, Übergange wiederhergestellt und Schutzbepflanzungen neu angelegt werden. Das Gefühl einer unmittelbaren Gefahr hatten sie nicht. Sie konnten sich auch nicht vorstellen, dass man andernfalls Menschen auf den Inseln leben lassen würde. Beruhigt wurden sie von ihren Mitbewohnern, die ihnen erzählten, dass seit dem Deichbruch im Februar 1962, bei dem auch der Keller ihres jetzigen Wohnhauses unter Wasser stand, nichts Vergleichbares mehr passiert sei. Die Deiche seien damals ausgebaut und erhöht worden.
Noch bevor der Sturm seine ganze Gewalt entwickelte, Orkanböen über die Insel jagten, packten sie sich und ihre Kinder so ein, dass nur noch ein kleiner Teil des Gesichts sichtbar war - inzwischen waren sie anders als bei ihrem ersten Herbstbesuch mit wind- und wasserfester Kleidung ausgerüstet. Sie gingen Richtung Strand, um auf das Meer zu schauen. Je näher sie an die Strandpromenade kamen, desto heftiger wurden sie vom Wind erfasst. Wenigstens regnete es nicht. Die Kinder klammerten sich fest an ihre Eltern. Auf dem Dünenübergang zum Strand bot sich ihnen ein grandioses Bild. Der Nordweststurm trieb das Wasser regelrecht an Land. Schon weit draußen im Meer brachen sich die Wellen und bildeten weiße Schaumkronen. Sie hatten eine solche Kraft, dass sie die ganze Strandfläche überspülten, teilweise auch den unteren Promenadenweg, der an einigen Stellen mit verwehtem Sand bedeckt war. Dort spürten sie nicht nur den Wind, sondern auch den von ihm aufgewirbelten Sand im Gesicht. Die Kinder schmiegten sich zusammen ganz dicht an ihre Mutter. Als der Kleine zu weinen anfing, ging Renate mit ihnen wieder zurück. Hermann hielt auf der Videokamera noch schnell einige Eindrücke fest. Zu Hause auf dem Bildschirm sahen die schäumenden Wellen, glitzernd in der kurz zwischen den Wolken durchbrechenden Sonne, malerisch aus, zumal auch eine Möwe ins Bild kam, die sich vom Wind tragen ließ. Das Tosen des Meeres und der Anblick einer Treppe, die von der Promenade auf den Strand führte, jetzt aber wasserumspült war, und der Sand, der vom Wind die Promenade entlang gejagt wurde, ließen auch auf dem Video etwas von der Kraft dieses Naturschauspiels erahnen, dessen Höhepunkt ja erst noch bevorstand.
Auf der abschüssigen Straße ins Dorf spürte man von dem Sturm weit weniger. Vorbei an Häusern mit Namen wie Strandluft und Meeresstern erreichte die Familie wieder die dritte Querstraße zur Promenade, wo sich ihr Wohnhaus befand. Der zweieinhalbjährige Sohn sollte einen Sommer brauchen, um sich an den Wind auf der Insel, der zwar selten diese Stärke hatte, aber doch immer bemerkbar war, zu gewöhnen. Bis dahin bestand er darauf, im windgeschützten Bollerplanwagen gefahren zu werden, wenn es denn schon unbedingt hinausgehen sollte.
Zwei Tage später herrschte das schönste Wetter. Der Wind war erträglich, die Sonne strahlte, am hellblauen Himmel zeigten sich weiße Wolken wie gemalt. Die dabei aufkommende Stimmung hatte etwas Friedliches, etwas von Neuanfang, ja sogar von Schöpfung, wie Hermann fand.
An diesem Sonntag gönnte sich die ganze Familie einen ersten Ausflug zum Westen der Insel. Inzwischen hatten sie einen eigenen Bollerwagen dabei, der wie der früher gemietete auch mit einer Plane ausgerüstet war. Der Weg führte sie durch die Dünenlandschaft an einer ehemaligen Saline vorbei, die jetzt als Wohnhaus genutzt wurde. Im Garten stand eine moderne Windkraftanlage. Hinter der Saline, wie das Gebäude immer noch genannt wurde, führte ein Dünenübergang auf eine kleine Anhöhe, die den Blick auf ein nun fast ebenes, dunkelblau schimmerndes Meer freigab. Am Horizont sah man Frachtschiffe ankern, die dort auf den nächsten Alltag und die Weiterfahrt nach Wilhelmshaven warteten. Da Ebbe war, bevölkerten Vögel auf der Suche nach Nahrung den Strand. Bis zu dieser Stelle war die Insel von Westen her mit einem Betonkorsett befestigt, das verhindern sollte, dass sie durch Wind und Wellen im Westen abgetragen und nach Osten verlagert wurde. In den letzten drei Jahrhunderten war die Insel auf diese Weise zweieinhalb Kilometer gewandert. Die jetzige Westspitze war einmal die Mitte der Insel gewesen. Ein Rechteck aus Steinen, das bei Ebbe noch gut sichtbar war, markierte an der Inselspitze, die in Richtung Nachbarinsel zeigte, wo einst der erste Leuchtturm stand. Bis ganz in den Westen schafften sie es auf diesem Sonntagspaziergang nicht. Auf dem Rückweg verkrümelten sich die Kinder in den Wagen und ließen sich ziehen, was sich als Fitnesstraining für die Eltern entpuppte.
Auf dem Einwohnermeldeamt erhielten sie Ausweise, die ihnen bestätigten, auf der Insel nicht nur ihren ständigen Hauptwohnsitz, sondern auch den Mittelpunkt ihrer Lebensbeziehungen zu haben. Der Ausweis diente in erster Linie dazu, bei Bahn und Schiff die verbilligten Fahrkarten für Inselbewohner zu erhalten, sollte aber auch zum viel bestaunten Vorzeigeobjekt bei ihrem ersten Besuch in Süddeutschland werden. Zwei Jahre später erhielten sie neue Ausweise im Scheckkartenformat, auf denen unter ihrem Namen schlicht und einfach "Insulaner" stand. Korrekt war das in den Augen der Einheimischen nicht, da sie nur die hier Geborenen so bezeichneten, was aber seit der Zeit, da es üblich wurde, zur Geburt in eine Klinik ans Festland zu gehen, auch nicht mehr so sinnig war.
Am Dienstag dieser Woche kam die ISDN-Anschlussbox. Natürlich waren zwei Telefonate mit einer Hotline notwendig, bis die Programmierung Erfolg zeigte.
Am gleichen Tag kam ein Inselhandwerker ins Haus und legte für den Fernseher vom Keller einen Kabelanschluss hoch in die Wohnung, darauf hatten die alten Vormieter verzichtet. Als die Rechnung kam, bemerkte Hermann, dass mehr Meter Kabel abgerechnet worden waren, als verbraucht sein konnten.
"Wollen die uns testen, ob wir so etwas merken", schoss es Hermann durch den Kopf, "war es ein Versehen? Soll ich darauf reagieren oder nicht?"
Er ging ins Elektrogeschäft, reklamierte trotz des sich sichtlich verschnupft zeigenden Handwerkers, der die Kabel verlegt hatte, bekam aber vom Verkäufer anstandslos eine neue, weniger hohe Rechnung ausgestellt. Trotzdem war Hermann nicht ganz wohl, weil er nicht wusste, wie er jetzt zumindest bei diesen Insulanern dastand. Als pfennigfuchsender Schwabe? Wäre ja auch nicht das Schlimmste. Was hätte es andererseits für seine Einschätzung bedeutet, hätte er nicht reagiert? Er beschloss, nicht mehr darüber nachzudenken.
Als in der Küche nach der ersten Inbetriebnahme des Trockners eine Steckdose den Geist aufgab, verzichtete Hermann auf weitere Dienstleistungen eines Handwerkers. Er legte ein Verlängerungskabel von einer intakten Dose von der rechts angrenzenden Wand über den Türrahmen der Küchentür zum Trockner, was den Charakter der Vorläufigkeit dieser Wohnung noch deutlicher als vorher sichtbar werden ließ.
Zur Ummeldung des Autos war die Überfahrt ans Festland notwendig. Ihr Volvo stand inzwischen in einer Sammelgarage sturmflutsicher hinter dem Deich. Gewöhnungsbedürftig war, dass sie tags zuvor anrufen mussten, damit der Wagen auf dem Hof bereitgestellt wurde - der Zugang zur Garage war den Mietern nicht gestattet. Sie nutzten den letzten Tag, bevor Renate die erste Kur übernahm, für die sie alleine verantwortlich war, und fuhren gemeinsam an Land. Die tidenabhängigen Fahrzeiten des Schiffes waren so, dass sie morgens hin und am späten Nachmittag wieder zurückfahren konnten. Nach der Anmeldung beim TÜV im Gewerbegebiet der Kreisstadt nutzten sie die Gelegenheit, um bei Obi und einem Euromarkt die Dinge einzukaufen, die es auf der Insel nicht oder nur merkbar teurer gab. Die Kinder freuten sich auf ein Mittagessen bei McDonalds, den sie kannten und liebten, seit sie einmal auf der Autobahn dort Rast gemacht hatten.
Am nächsten Tag begann für alle der Alltag auf der Insel. Renate übernahm ihre erste eigene Kur. Für drei Wochen kamen jeweils bis zu zweiundvierzig Mütter mit ihren Kindern in die Mutter-Kind-Kurklinik, von denen es drei auf der Insel gab. Zwei oder dreimal im Jahr waren auch Väter zugelassen. Ansonsten war es Männern nicht gestattet, das Gelände der Einrichtung zu betreten, zu schlimm waren die Erfahrungen, die einige der Frauen und auch manche der Kinder hinter sich hatten. Wenigstens hier sollten sie angstfrei leben können. Hier wurden sie medizinisch, psychologisch und sozialpädagogisch betreut. Zu Beginn und am Ende einer Kur untersuchte Renate alle ihre Patienten und hielt ihren Gesundheitszustand in den Akten fest. Zu Anfang entschied sie, wer wieviel der Massagen, Bäder und kalten Güsse erhielt und für wen Gymnastik, Konditionstraining, autogenes Training, Tai Chi oder die Veranstaltungen zur progressiven Muskelentspannung geeignet waren. Am Schluss hielt sie fest, welche Veränderungen während dieser Zeit eingetreten waren, versah Patienten mündlich und Hausärzte schriftlich mit Empfehlungen. In den drei Wochen dazwischen waren die Patienten zu betreuen, die "normale" Krankheiten hatten, sich einen Schnupfen eingefangen, bei wildem Spiel verletzt oder sich trotz der Warnungen durch zu intensiven Sonnengenuss verbrannt hatten. Zeitaufwändiger war es, den mitgebrachten, oft schon langjährigen Problemen auf den Grund zu gehen - dabei war das ganze Team und dessen gutes Zusammenwirken gefordert. Heimleiterin, Psychologin und Ärztin tauschten sich aus, die Eindrücke der Mitarbeiterinnen im hauseigenen Kindergarten und der Bäderabteilung kamen dazu. In diesem Miteinander fand Renate die erhoffte sinnvolle, befriedigende ärztliche Tätigkeit, die sich zudem noch mit einem Familienleben einigermaßen vereinbaren ließ. Anders als in der Zeit, in der sie in der eigenen Praxis arbeitete, wurde sie nur noch höchst selten nachts herausgeklingelt. Außer an den Tagen der Anfangs- und Enduntersuchungen konnte sie mittags fast immer drei Stunden bei der Familie verbringen und war meistens zum Abendbrot oder wenigstens zum Ins-Bett-Bringen der Kinder wieder da. Lediglich an zwei Abenden sprach sie in jeder Kur über die Möglichkeiten und Grenzen eines Aufenthalts an der Nordsee und brachte in Erinnerung, wie man bei kranken Kindern mit dem Einsatz von Hausmitteln Erfolge erzielen konnte.
Laura besuchte inzwischen den Kindergarten, sie gehörte der Gruppe der Seehunde an. Der Kindergarten war wenige Fußminuten von der Wohnung entfernt und schon wenige Wochen später bestand die Fünfjährige darauf, nicht mehr abgeholt zu werden. Sie wollte, wie es bei allen Großen im Kindergarten üblich war, alleine nach Hause kommen, was ihr auch gestattet wurde, natürlich nicht, ohne ihr vorher einzuschärfen, dass sie beim Überqueren der Straße gucken müsse, ob ein Fahrrad oder Elektroauto komme. Bald verkündete Laura auch, dass fast alle Kinder mit dem Fahrrad zum Kindergarten fuhren. In der Stuttgarter Zeit hatten sie alle keine Fahrräder mehr gehabt, weil es ihnen einfach zu gefährlich erschien. Auf der Insel waren Fahrräder das Fortbewegungsmittel überhaupt. War man einmal zu Fuß unterwegs, konnte es schon passieren, dass man, statt mit "Moin moin" begrüßt zu werden, gefragt wurde: "Naaa, is dein Rad kaputt?" Vom Händler in der Straße nebenan hatte Renate inzwischen einige Exemplare zum Probefahren erhalten. Sie entschied sich für ein sehr stabiles, dänisches Alurad; Hermann kaufte dasselbe Modell, nur in blau statt in rot, und ließ gleich einen Kindersitz auf dem Gepäckträger befestigen. Für die Tochter liehen sie sich ein Gefährt aus, das ohne Vorderrad mit einer Stange an ein Rad angekoppelt werden konnte; auf diese Weise sollte sich Laura an das Fahrradfahren gewöhnen. So ausgerüstet ging der nächste Sonntagsausflug ganz in den Westen. Dort machten sie an den Befestigungsanlagen ein kleines Picknick. Die Nachbarinsel schien bei schönem Wetter und guter Sicht zum Greifen nah. Im Sommer fuhr Hermann mit Gästen öfters an diese Stelle. Hier erklärte er den Sinn des Betongürtels, genoss immer wieder die Aussicht auf das Wattenmeer und das gut erkennbare Festland, auf Fischerkutter, Ausflugsschiffe und Vogelschwärme. Mit dem Fernglas konnte man auf der sandigen Ostspitze der Nachbarinsel Seehunde in der Sonne vor sich hindösen sehen.
Für Hermann hatte die Zeit des Hausmann-Daseins begonnen. Zunächst sah er sich in der Hoffnung getäuscht, dass sein Sohn nach Beendigung des Umzuges nicht mehr die Windeln benötigte. Kochen, waschen, bügeln, putzen, all das hatte er vorher zwar nicht regelmäßig gemacht, aber fremd war es ihm auch nicht. Um das Windelwechseln hatte er sich bisher gedrückt, wo es nur ging. Es verging schon einige Zeit, bis er das auch als normale Routine empfinden konnte. Und er merkte, wie langsam alles vonstatten ging, wenn immer ein kleiner Mensch am Hosenbein hing und Aufmerksamkeit erheischte. Jeder kleine Einkauf im nahe gelegenen Sparmarkt wurde zu einer größeren Aktion, zumal im Laden bei jedem Joghurt-, Süßigkeiten- oder Spielzeugstand die Diskussionen begannen, ob, wieviel oder warum nicht Lukas das von ihm Begehrte in den Einkaufswagen legen durfte. Kam nachmittags auch Laura mit, schienen diese Gespräche und nicht der Einkauf Hauptzweck der Veranstaltung zu sein. Er musste lernen, trotz lautstarker Proteste der Kinder im Laden nicht nur deswegen schnell nachzugeben, damit wieder Ruhe einkehrte und er vermeintlich kein Aufsehen erregte. Erst als er es sich angewöhnt hatte, die Aktivitäten der Kinder zu jedem Zeitpunkt ebenso wichtig zu nehmen wie das, was er gerade tat, wurde es entspannter. Der Einkauf dauerte dann eben viel länger, als wenn man alleine war.
"Na und!", sagte sich Hermann mit neu gewonnener Gelassenheit. Ein Weg auf die Post war für die Kinder mehr als nur die Erledigung eines Ganges, um ein Päckchen wegzubringen oder um Briefmarken zu kaufen. Es gab Mäuerchen, auf denen balanciert werden konnte, einem Hund musste nachgesehen werden, Stöckchen aller Art wurden eingesammelt und mit nach Hause genommen. Das Geräusch, das ausgelöst wurde, wenn mit diesen oder auch nur mit einem Handschuh oder dem Ärmel des Anoraks an einem Gartenzaun entlang gefahren wurde, war interessant und musste natürlich mehrmals hintereinander erzeugt werden. Jeder Gang zum Geldautomaten der Sparkasse war begleitet von einem ausführlichen Betrachten und Kommentieren der Schaufensterauslagen des einzigen Spielwarenladens auf der Insel, der gerade gegenüber lag.
Was das Kochen anbetraf, war er guten Mutes. Zunächst würde es die Gerichte geben, die er sicher beherrschte und die schnell zuzubereiten waren: alle Sorten Kurzzubratendes, abwechselnd mit Kartoffeln, Reis oder Nudeln, Milchreis und Grießpudding, Pellkartoffeln und Quark, am Wochenende gegrilltes Geflügel, Pommes frites nicht nur als Zugeständnis an die Kinder, Gemüse dazu, immer einen Salat davor und als Nachtisch Quark, je nach Gusto pur oder mit Obst, fertige Fruchtjoghurts, Obstsalat je nach Saison, mal ein Eis, mal einen Schokopudding. Und er wollte natürlich mehr als bisher Fisch essen und sich aus den reichlich vorhandenen Kochbüchern neue Gerichte heraussuchen. Es gab nur ein Problem. Über den Winter hatte der einzige Metzgerladen auf der Insel zu und der Fischladen machte nur am Freitag und Samstag für einige Stunden auf. Es gab keinen Bauern und keinen Fischer auf der Insel. Alle Lebensmittel kamen per Schiff vom Festland. In Baden-Württemberg hatten sie Obst und Gemüse in einem Laden vor den Toren der Stadt gekauft, der ursprünglich eine Gärtnerei war und hauptsächlich von den Bauern aus der Umgebung beliefert wurde. Auch in der Metzgerei wurde darauf verwiesen, dass nur regionale Produkte verarbeitet werden. Supermärkte ließen sie bei ihren Lebensmitteleinkäufen immer öfter links liegen, Fleisch kauften sie dort gar nicht mehr. Auf der Insel gab es alle Waren nur dort!
"Na ja, werden wir im Winter eben weniger Fleisch essen, ist sowieso gesünder", sprach Hermann sich mit seiner Frau ab und verkünstelte sich in Kartoffel- und Gemüseaufläufen. Allerdings merkte er schnell, dass auch dies einen gewichtigen Nachteil hatte: Die Kinder aßen die Aufläufe nicht! Er behalf sich mit praktischen Spaghetti-Fertigpackungen, die ihm schmeckten, mit einem Test-Gut-Urteil auch qualitätsmäßig glänzten und vor allem sein Gewissen ob der Verwendung von Halbfertigprodukten beruhigen konnten. Der Sohn aß die Spaghetti pur, die Tochter mit Soße und die Eltern mit allem, das heißt dass noch Parmesan dazu kam. Das war lange Zeit einmal in der Woche ein Erfolg versprechendes Baukastensystem, bis die Tochter die Sauce nicht mehr mochte! Im Laufe der Zeit lernte er dazu, begleitet von den Tipps seiner Frau, die nach einiger Zeit der Abstinenz zunehmend an freien Tagen auch wieder gern selber den Kochlöffel schwang. Und nach Ostern, als alle Geschäfte auf hatten, sah die Kochwelt auch schon wieder ein wenig anders aus.
Er merkte, dass er neben all den tausend Kleinigkeiten, die im Haushalt und in Zusammenhang mit dem Umzug anfielen und erledigt sein wollten, sich bewusst Zeit nehmen musste, um mit den Kindern ganz ungestört etwas zu unternehmen. Und das bedeutete zu dieser Jahreszeit vor allem Innenaktivitäten: spielen und lesen, ein Feld, das Hermann vor seiner Beurlaubung weitgehend seiner Frau überlassen hatte, weil er immer das Gefühl hatte, an seinen Schreibtisch zu müssen. Waren Unterrichtsvorbereitungen und Korrekturen erledigt, wartete ein Artikel für das Jahresjournal, das er an der Schule herausgab, für die örtliche Zeitung oder gelegentlich auch für die Verbandszeitschrift darauf, geschrieben zu werden. Der Politiklehrer konnte nie genug Zeitungen lesen, immer mit der Schere in der Hand, um für den Unterricht Geeignetes herauszuschneiden. Der Deutschlehrer wollte zusätzlich zu den Büchern, zu deren Lektüre und Analyse er und seine Schüler durch den alle drei Jahre wechselnden Kanon für das Abitur verpflichtet waren, die Biographien und weitere Werke der entsprechenden Dichter lesen, der Germanist bedauerte, sich nicht genügend Bücher vornehmen zu können, auf die er durch Rezensionen aufmerksam wurde. Der Verbandsfunktionär beschäftigte sich zuletzt mit Veröffentlichungen zu Unterrichtsmethoden, einem Thema, zu dem er selbst eine Tagung vorbereitete. Kurzum, eigentlich war er beruflich nie fertig. Vielleicht tappte er aber auch in die Falle derer, die zu Hause arbeiten und deren Grenzen zwischen freier Zeit und Arbeit sich mehr und mehr verwischen; für sie gibt es zumindest vom Gefühl her nie einen Feierabend, nie einen Schlusspunkt. Nun aber konnte er sich sozusagen hauptberuflich mit den Kindern beschäftigen. Vormittags lag er mit seinem Sohn auf dem Teppich, um mit Spielen, die Colorama und Quips hießen, Formen- und Farben einzuüben und Empörung zu spielen, wenn der Kleine seinem Sieg über den Papa lauthals Ausdruck verlieh. Zusammen bauten sie mit Duplo-Steinen für Duplo-Autos Garagen und später, als die Fertigkeiten des Sohnes wuchsen, für Duplo-Frauen-Männer-Kinder-Hunde-Pferde-Kühe-Schafe Unterkünfte. Er las wieder und wieder ein Bilderbuch vor, das dem Sohn einen Heidenspaß machte, weil er bei jedem Umblättern auf eine aufgemalte Tür klopfen durfte. Er fuhr mit stabilen Bilderbüchern, die mit Rädern versehen waren, auf dem Boden herum und las anschließend die Geschichten vom Traktor, vom Lastwagen und von der Eisenbahn vor. Nachmittags, wenn die Tochter da war, wurden die Geschichten rund um die Stadt, um den Bauernhof und vom Leben der Trolle hervorgeholt. Und immer wieder wollten beide Kinder auf einem Papa, der auf allen Vieren daher kommen musste, reiten. Renate puzzelte mit Laura mit einer Engelsgeduld, die weder Hermann noch Lukas für ein zusammensteckbares Bild aufbringen wollten. Gemeinsame Würfelspiele, erste einfache Kartenspiele und natürlich die unvermeidlichen Memoryspiele vereinten gelegentlich wieder alle an einem Tisch, bevor die Mama zur nachmittäglichen Sprechstunde aufbrach und den Papa als Alleinunterhalter zurückließ. Oft spielten beide Kinder aber auch sehr schön zusammen - eine Zeit, in der Hermann dann immer noch reflexartig schnell zu Zeitung oder Buch griff. Manchmal allerdings ertappte er sich dabei, wie sein Blick über den Buchrand hinweg zu den Kindern glitt und er fasziniert beobachtete, wie Laura - mit Kopftuch und Besen versehen - Lukas einen Hexentanz vormachte, den der Kleine - noch etwas ungelenk - nachzuahmen versuchte. Wie die Große mimisch ausdrucksreich Regen und Donner erzeugte, und Lukas vor Freude juchzte, wenn Laura auf seinen Zuruf das immer wieder tat. Wie Hermann seine Kinder liebte! Nach dem gemeinsamen Abendessen brachten sie die Kinder ins Bett und lasen ihnen abwechselnd eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Die Geschichten von Bobo Siebenschläfer, Henriette Bimmelbahn, der kleinen Raupe Nimmersatt und dem kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hatte, erwiesen sich dabei als Renner, von denen die Kinder nie genug kriegen konnten. Nach einigen Stunden, die den Erwachsenen alleine gehörten, lagen sie zufrieden im Bett und konnten bei geöffnetem Fenster beim Einschlafen das Rauschen des nahen Meeres und beim Aufwachen die Schreie der Möwen hören.
Inzwischen drängte Renate Hermann, sich an der Inselschule vorzustellen.
"Jetzt geh' doch endlich einmal hin. Und wenn es nur deswegen ist, damit du eigene Kontakte bekommst. Wenn das neue Schuljahr anfängt, ist Lukas im Kindergarten, Laura in der Schule, den Vormittag über bist du kinderlos - da kannst du doch einige Stunden nebenher unterrichten - und ein paar Mark zusätzlich können wir sicher auch gut gebrauchen, wenn wir dann im größeren Haus wohnen. Außerdem wissen die von dir, die warten bestimmt schon darauf, dass du dich meldest."
Nachdem sie während ihres Herbstbesuches erfahren hatten, dass zum nächsten Schuljahr eine Deutschlehrerin ein Sabbatjahr nahm, hatte sich Hermann wenige Tage vor dem Umzug noch erkundigt , ob er im Erziehungsurlaub nebenher auch unterrichten dürfe und mitgeteilt bekommen, dass sechs, maximal acht Unterrichtsstunden genehmigt würden.
Aber Hermann wollte dies eigentlich nicht. Alles in ihm sperrte sich dagegen, jetzt, nach diesem Schritt, gleich wieder mit Schule zu tun zu haben. Soziale Kontakte hatte er bisher genug, Arbeit zuviel und Zeit für die Kinder so gut wie keine. Sind sie nicht aus dem Süden auf die Nordseeinsel gezogen, um auch all dem zu entfliehen? Sollte sich hier nicht alles ändern. Verstand Renate nicht, dass Hermann, der frisch gebackene Erziehungsurlauber, neben der Kinder- und Haushaltsversorgung die verbleibende Zeit für sich allein haben wollte, zum Lesen, um sich den Kopf an der See freipusten zu lassen, um zu sich zu kommen, neue Kräfte zu sammeln - wofür, das würde sich zeigen.
"Aber wir leben hier nicht alleine, du kannst dich doch nicht aus allem heraushalten!"
"Doch!"
Den Vorstellungstermin machte er für den ersten Tag aus, an dem seine Frau Kurwechsel hatte und zu Hause ihre Arztbriefe diktieren würde.
Die Schule lag direkt neben ihrem Wohnkarree und war ebenfalls in einem ehemaligen Militärgebäude untergebracht. Über dem Eingangsportal prangte in ehemals goldfarbenen Lettern die Inschrift "Inselgymnasium". Im Sekretariat nahm ihn eine adrette Dame in Empfang, die, wie sie ihm erzählte, im Gemeinderat war und seine Frau von deren Bewerbungsgespräch kannte. Er wurde telefonisch angemeldet und ins Rektorat gebeten. In der Tür erwartete ihn ein lang aufgeschossener, kernig wirkender Direktor.
"Andersen", stellte er sich vor, "bitte, kommen Sie herein."
