Insel der Versuchung - Catherine Hart - E-Book

Insel der Versuchung E-Book

Catherine Hart

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Beschreibung

Bei einem Flugzeugabsturz über einer Pazifikinsel gehört Kelly Kennedy zu den wenigen Überlebenden. Während die kleine Gemeinschaft die Wildnis auf der Suche nach Nahrung und Wasser durchstreift, entbrennt ein verzweifelter Überlebenskampf. Vor dem Hintergrund der dramatischen Ereignisse kommen sich Kelly und der attraktive Zach Goldstein näher. Die beiden verbindet bald mehr als nur die gemeinsame Notlage. Doch Rettung ist nach wie vor nicht in Sicht ...

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Seitenzahl: 475

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über das Buch:

Bei einem Flugzeugabsturz über einer Pazifikinsel gehört Kelly Kennedy zu den wenigen Überlebenden. Während die kleine Gemeinschaft die Wildnis auf der Suche nach Nahrung und Wasser durchstreift, entbrennt ein verzweifelter Überlebenskampf. Vor dem Hintergrund der dramatischen Ereignisse kommen sich Kelly und der attraktive Zach Goldstein näher. Die beiden verbindet bald mehr als nur die gemeinsame Notlage. Doch Rettung ist nach wie vor nicht in Sicht... 

Edel eBooks  Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2015 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 1997 by Diane Tidd

First published in Germany: 1999 under the title "Insel der Versuchung" by Heyne

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "Horizons"

Ins Deutsche übertragen von Traudi Kurz-Perlinger

Covergestaltung: Eden & Höflich, Berlin.

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-732-5

facebook.com/edel.ebooks

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Epilog

KAPITEL 1

Kelly Kennedy verstaute ihr Handgepäck und ließ sich mit einem Seufzer der Erleichterung in ihren Sitz fallen. Ein langer Flug von Neuseeland in die Staaten stand ihr bevor, den sie, wie sie hoffte, die meiste Zeit schlafend verbringen würde.

Sie war erschöpft – physisch, emotional und mental ausgelaugt. In den vergangenen zwei Monaten war sie durch die Hölle gegangen. Ein traumatisches Ereignis hatte das nächste gejagt. Mitten während der Vorbereitungen zur Eröffnung ihres neuen Schönheits- und Fitneß-Centers in Australien – des dritten einer aufstrebenden, vielversprechenden Kette – hatte sie sich nach üblen Szenen von ihrem Mann getrennt. Vor drei Wochen, kurz nachdem sie die Scheidung eingereicht hatte, war sie von Phoenix nach Sydney geflogen, hatte sie die Asche ihrer gescheiterten Ehe hinter sich gelassen und gehofft, im Arbeitsstreß Schmerz und Wut vergessen zu können.

Die Flucht hatte nichts genutzt. Weder die große Entfernung noch die mit der Eröffnung der neuen Zweigstelle verbundene Hektik hatten ihr geholfen. Immer wieder waren ihr abscheuliche Einzelheiten ihrer zerstrittenen Ehe in Erinnerung gekommen. Die Wunden waren zu tief und zu frisch, es würde lange dauern, ehe sie vernarbt waren. Das wußte sie vom Verstand her. Emotional hoffte sie jedoch immer noch auf ein Wunder, eine Art Superpille, die sie über Nacht von den bohrenden Selbstvorwürfen, von ihrer Wut und ihrem Haß befreien würde.

Nun war sie auf dem Rückflug nach Phoenix, über Auckland, Hawaii und San Francisco. Zu Hause würde sie darüber nachdenken müssen, wer nach der Scheidung noch ihre und wer seine Freunde waren. Zu Hause würde sie sich all die ungebetenen und wohlmeinenden Ratschläge anhören müssen, die ihr jetzt schon in den Ohren klangen. Zu Hause würde sie sich an die Rolle der alleinstehenden Frau gewöhnen müssen, nachdem sie fünf Jahre die Frau an seiner Seite gewesen war. O Gott! Es war einfach zu deprimierend, darüber nachzudenken!

Kelly schaute aus dem Fensteroval und wollte sich gerade anschnallen, als eine schrille Stimme sie – und alle in der Nähe sitzenden Passagiere – hochschrecken ließ.

»Vier A! Hier, steht auf meinem Ticket! Die Frau sitzt auf meinem Platz! Ich verlange, daß sie meinen Platz räumt!«

Kelly hob den Kopf und erkannte in dem ungehaltenen Fluggast die mexikanische Popsängerin Alita Gomez. Mir bleibt aber auch nichts erspart! stöhnte Kelly innerlich.

»Miss Gomez, bitte verstehen Sie doch«, versuchte die Flugbegleiterin zu erklären. »Wenn ein Passagier nicht eine halbe Stunde vor Aufruf der Maschine eintrifft, wird sein Platz an einen anderen Fluggast vergeben. In Ihrem Fall wurde die Reservierung nicht einmal bestätigt. Sie sollten das Kleingedruckte auf Ihrem Ticket lesen, da steht es deutlich. Im hinteren Teil der Maschine sind noch Plätze frei ...«

»Nein!« Alita Gomez stampfte wütend mit ihrem Stiletto-Absatz auf. »Ich habe ein Erster-Klasse-Ticket bezahlt, und ich werde auch erster Klasse fliegen! Wie können Sie es wagen, mich so zu behandeln! Mich! Wenn ich nur mit den Fingern schnipse, sind Sie Ihren mickrigen Job los! Ist Ihnen das eigentlich klar?«

Kelly war ausgesprochen schlecht gelaunt, und diese Miss Ekelhaft war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. »Wie wollen Sie denn mit diesen langen Krallen schnipsen? Noch dazu mit hundert Schichten Lack drauf«, legte sie los. »Ich an Ihrer Stelle würde es jedenfalls nicht riskieren. Möglicherweise brechen Ihnen nicht nur die Nägel, sondern auch Ihre kurzen dicken Finger ab!«

»Ach, Sie sind das?« höhnte Alita. »Sie leiten doch diese Bruchbude von einem Schönheitssalon im Grandhotel in der City, nicht wahr? Ich begreife nicht, wie dieses renommierte Haus einen so schäbigen Laden beherbergen kann.«

Kelly feixte. »Möglicherweise bereitet es dem Hotelmanagement Vergnügen, versnobte Kundinnen wie Sie zu vergraulen. Im übrigen ist mein Salon keine Bruchbude.«

»Tja, lange wird er sich ohnehin nicht halten«, prophezeite Alita hochtrabend. »Wie kann man nur Fitneß Center, Schönheitssalon und Modeboutique miteinander kombinieren? Das klappt doch nie! Pah!« Sie rümpfte verächtlich die Nase.

»Wenn Sie uns die Chance geben, Attila, könnten selbst Sie von uns profitieren. Wir könnten Ihnen zum Beispiel das Geheimnis verraten, daß Make-up nicht mit dem Spachtel aufgetragen wird.«

Auf der anderen Seite des Mittelgangs saß Zach Goldstein. Er bemühte sich nicht einmal, sein Grinsen zu verbergen. Der lange, eintönige Flug versprach richtig spannend zu werden. Und er saß in der ersten Reihe beim Ringkampf zweier fauchender Wildkatzen. Die heißblütige Mexikanerin trat gegen eine kühle, scharfzüngige Blondine an. Er war zwar kein notorischer Schürzenjäger, doch die Vorstellung, die beiden Furien würden sich gleich in den Haaren liegen und sich die Kleider vom Leib reißen, war nicht ohne Reiz. Beinahe so verlockend wie eine Schlammschlacht!

Er persönlich fuhr eher auf die Rotblonde mit dem langen Zopf und den großen grünen Augen ab. Eine nordische, ungekünstelte Schönheit. Alita Gomez war auch nicht zu verachten, doch Zach fühlte sich weniger zu südländischen glutäugigen Frauen hingezogen. Er bevorzugte natürliche, weniger auffallend zurechtgemachte Frauen.

Frauen wie Rachel. Rachel verkörperte für ihn das ideale Frauenbild, sie war die perfekte Lebensgefährtin.

Zurückhaltend in der Öffentlichkeit, temperamentvoll und sprühend in der Zweisamkeit. Sie hörte lieber zu, als zu reden, zögerte aber nicht, feste Standpunkte einzunehmen und beharrlich zu vertreten, wenn es darauf ankam.

Zach pflegte sie eine heimliche Rebellin zu nennen. Er würde seinen rechten Arm dafür hergeben, wenn er sie noch einmal so nennen könnte.

Wie sehr sie ihm fehlte! Drei Jahre nach ihrem Tod war der tiefe Schmerz, vor dem es kein Entrinnen gab, immer noch da. Und mit jedem Jahr entwickelte sich ihre Tochter mehr und mehr zu Rachels Ebenbild. Becky hatte die großen braunen Augen, die gerade Nase, das energische Kinn ihrer Mutter. Mit zwölf stand sie jetzt an der Schwelle zum Frausein, war aber immer noch kindlich genug, um Daddys Liebling zu sein – jedenfalls immer dann, wenn sie ihr hübsches Köpfchen durchsetzen wollte.

Sein Beruf als Hochbau-Ingenieur und Architekt zwang Zach viel zu reisen, und er war öfter von zu Hause fort, als ihm lieb war. Während seiner Abwesenheit kümmerten sich seine Eltern und seine beiden Schwestern liebevoll um Becky. Und Zach plante seine freien Tage möglichst in Übereinstimmung mit Beckys schulfreien Tagen. Während der großen Ferien im Sommer besuchte sie ihren Vater für mehrere Wochen an seiner jeweiligen Baustelle. Die Zeitplanung war nicht immer einfach, aber irgendwie schafften sie es. Sobald er sich jetzt in Las Vegas eingerichtet hatte und sein neues Projekt angelaufen war, wollte er sie wieder zu sich kommen lassen. Bis dahin würden seine Telefonrechnungen neue Rekordhöhen erklimmen, und er würde sich weiterhin sorgenvoll fragen, wann seine Kleine wohl Lippenstift benutzen und weibliche Rundungen entwickeln würde. Und wann sie – Gott behüte! – wohl anfing, mit Jungs auszugehen!

Zachs Gedanken klinkten sich wieder in die Gegenwart ein. Die Flugbegleiterin versuchte geduldig, die beiden Streitenden zu beschwichtigen. »Bitte, meine Damen. Die Maschine ist in wenigen Minuten startklar. Sie müssen Ihre Plätze einnehmen und sich anschnallen.«

Mit flehendem Blick wandte sie sich an Kelly, in der sie anscheinend die Einsichtigere der beiden zu erkennen glaubte. »Madam, wenn Sie auf Ihren Platz verzichten würden, verspreche ich Ihnen Erster-Klasse-Service einschließlich aller Getränke bis San Francisco.«

»Legen Sie einen Freiflug drauf, und wir kommen ins Geschäft«, sagte Kelly.

»Ich tue mein Bestes«, versprach die Stewardeß. »Vielen Dank.«

»Und was ist mit meinem Manager?« beharrte Alita Gomez und deutete auf einen untersetzten rundlichen Herrn, der stumm hinter ihr stand. »Eduardo muß neben mir sitzen. Wir haben eine Menge zu besprechen.«

»Es tut mir leid, Miss Gomez, aber ...«

»Kein Problem. Zu den gleichen Bedingungen, die Sie dieser charmanten Dame einräumen, überlasse ich Miss Gomez meinen Platz«, bot Zach an.

Alita schenkte ihm ein betörendes Lächeln. Ihr glutvoller Blick wanderte flink über sein ansehnliches Äußeres. »Wie angenehm!« gurrte sie. »Endlich ein Mann, der sich wie ein Gentleman zu benehmen weiß! Eduardo wird Ihre Großzügigkeit mit einem Freiticket für mein Konzert belohnen, das ich an diesem Wochenende auf Hawaii gebe.«

»Das ist reizend von Ihnen, Miss Gomez. Leider dauert die Zwischenlandung nur so lange, bis die Tanks aufgefüllt sind.« Sein Bedauern war echt. Alita, die neuerdings auch Ambitionen hatte, ihr schauspielerisches Talent unter Beweis zu stellen, war zweifellos eine der besten Popsängerinnen der letzten zehn Jahre. Ihre volle Altstimme hatte eine unglaublich starke erotische Präsenz, und sie verstand es, aus einem simplen Song eine Verführungsszene zu machen. Zach besaß ihre beiden CDs und freute sich schon auf die dritte.

»Aber gegen ein Autogramm für meine Tochter hätte ich nichts einzuwenden«, schlug er vor. »Sie heißt Becky.«

»Und wie heißen Sie?« fragte Alita gedehnt und mit verheißungsvollem Blick.

»Zach.«

»Stimmt das mit der Tochter, oder ist das Autogramm für Sie? Ich könnte es signieren: ›Für Zach mit den sexy Goldaugen‹.«

»O Gott!« stöhnte Kelly genervt. »Wenn Sie den Platz unbedingt haben wollen, Lolita, sollten Sie Ihren Flirt verschieben und mich hier rauslassen. Sie blockieren den Durchgang.«

Alitas Lächeln erstarrte zu Eis. »Mein Name ist Alita. A-li-ta!« buchstabierte sie.

»Und meiner ist Kelly. Ke-ll-y«, äffte Kelly sie nach. »Und Sie stehen mir immer noch im Weg. Es sei denn, Sie wollen doch hinten sitzen.«

Die Diva funkelte sie gehässig an, machte aber den Weg frei. Als Kelly ihr Handgepäck herunterholen wollte, sagte die Stewardeß höflich: »Ich bringe Ihnen Ihr Gepäck gern nach hinten, Madam.«

»Nein danke«, lehnte Kelly ab. »Im Gegensatz zu anderen Leuten bin ich es gewohnt, mein Zeug selbst zu tragen.«

Zach zog seinen Aktenkoffer aus dem Fach, räumte seinen Sitz und folgte Kelly den Gang entlang in den hinteren Teil des Flugzeugs. Als er sich auf einen leeren Platz setzte, nur durch den Mittelgang von ihr getrennt, beugte sich der neben ihm sitzende junge schwarze Soldat herüber und flüsterte an seinem Ohr: »Gehört der Fuchs zu Ihnen?«

»Leider nicht.«

Zach, der nur zu gut wußte, daß Mitreisende oft den unwiderstehlichen Drang verspürten, sich einem völlig fremden Nachbarn mitzuteilen – häufig bis zur Preisgabe intimer Einzelheiten aus ihrem Leben, die der unfreiwillige Zuhörer gar nicht zu wissen wünschte –, holte Unterlagen aus seinem Koffer, die Lesebrille aus der Brusttasche seines Sportjacketts und begann, Akten über sein nächstes Projekt, einen Hotelkomplex in Las Vegas, zu studieren.

Auf der anderen Seite des Durchgangs versuchte sich Kelly auf ihre Weise die Zeit bis zum Start zu vertreiben. Sie haßte das Fliegen und würde sich erst entspannen, wenn die Maschine in der Luft war. Sich einzureden, daß statistisch gesehen weitaus mehr Menschen bei Auto-Unfällen ums Leben kamen als bei Flugzeugabstürzen, half ihr nicht im geringsten, ihre Nerven zu beruhigen. Um sich abzulenken, beobachtete sie die in der Nähe sitzenden Passagiere, die sie um ihre Gelassenheit beneidete.

Kelly liebte es, Menschen zu beobachten. Nicht, daß sie besonders neugierig gewesen wäre, aber sie interessierte sich für fremde Kulturen und Sitten. Die Vielfalt von Landestrachten, Moderichtungen, Sprachen, Gestik und Eßgewohnheiten faszinierte sie. Eine japanische Teezeremonie mochte für manche Leute sterbenslangweilig sein, Kelly aber verfolgte jeden Handgriff, jede Geste gebannt. Im letzten Sommer hatte sie sich bei einem Folklorefestival Tanzvorführungen indianischer Ureinwohner angesehen, gefesselt von ihren alten, überlieferten Gesängen zu eindringlichen Trommelwirbeln und den Kostümen. Einige Elemente indianischen Kunsthandwerks, Farben und Stoffmuster hatten sie zu einer Kollektion für ihre Modeboutique inspiriert. Auch während der Olympischen Spiele in Atlanta, wo buchstäblich alle Kulturen und die Jugend der ganzen Welt zusammentrafen, hatte Kelly begeistert Ideen gesammelt.

Nun beobachtete sie ihre Umgebung, und ihre wachen grünen Augen registrierten feinste Hinweise auf bestimmte Charaktereigenschaften. Den Mittelgang entlang näherte sich ein Japaner im Maßanzug aus feinstem Tuch und mit perfektem Sitz. Der Mann machte auf Kelly den Eindruck, besonders penibel und gründlich zu sein. Dahinter kam ein Australier im hellbraunen Tropenanzug mit passendem Hut. Kurz danach beanspruchte eine dicke Frau die gesamte Breite des Ganges. Sie trug Stretchhosen zur quergestreiften Bluse, eine Kombination, die ihre Körperfülle nur noch unterstrich. Bei ihrem Anblick juckte es Kelly förmlich in den Fingern, die Frau unter ihre Fittiche zu nehmen. Eine vernünftige Diät mit Fitneß-Programm, vorteilhafte Kleidung in lässiger Weite und gedeckten Farben, dazu eine neue Frisur – und die Frau wäre eine attraktive Erscheinung.

Ein paar Reihen weiter vorne kümmerten sich junge Eltern um ihren Sprößling, ein entzückendes, pausbäckiges Mädchen mit strahlendem Lächeln im rosafarbenen, mit Rüschen besetzten Strampelanzug. Die Kleine hangelte sich zwischen den Eltern an der Rückenlehne hoch und winkte brabbelnd einem älteren Ehepaar in der Sitzreihe dahinter zu.

Kellys Herz zog sich zusammen. Vor zwei Jahren hatte sie eine Fehlgeburt erlitten und war seither nicht mehr schwanger geworden. In Gedanken an ihre bevorstehende Scheidung vermutlich ein Segen! Doch der Anblick dieses süßen Kleinkinds trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie wünschte sich so sehr ein Kind! Eine Familie, die sie mit ihrer Liebe überschütten konnte.

Der Anblick der älteren Eheleute, die ihre schlohweißen Köpfe zusammensteckten und das Kind anlächelten, stimmte sie noch wehmütiger. Die beiden führten anscheinend eine Ehe, wie Kelly es sich wünschte. Eine gefestigte Liebe, die im Laufe der Jahre gewachsen war und sich vertieft hatte. Gegenseitige Hingabe und Zuneigung zwischen lebenslangen Gefährten.

Kelly wischte sich verstohlen eine Träne weg, wollte sich nicht von einer sentimentalen Anwandlung übermannen lassen. Sie kramte in ihrer Tasche, ohne in dem Durcheinander zu finden, was sie suchte.

Da schob sich ein weißes Tuch in ihr Gesichtsfeld, gehalten von sonnengebräunten Fingern. Sie hob den Kopf und schaute in die topazfarbenen Augen des Mannes, der seinen Sitz in der ersten Klasse Alita Gomez überlassen hatte. Zach Sowieso. Er bot ihr ein Taschentuch an.

Kelly lächelte befangen. »Ihre Mutter kann stolz auf Sie sein. Höflichkeit ist heute eine Seltenheit.«

Zach grinste. »Vielleicht bin ich gar nicht höflich. Vielleicht ist es ein Friedensangebot oder eine bedingungslose Kapitulation?«

Kelly lachte. »Ich wußte gar nicht, daß wir uns im Kriegszustand befinden.« Sie nahm das Taschentuch. »Danke sehr.«

»Keine Ursache«, antwortete er und wandte sich wieder seinen Akten zu.

Schließlich waren alle Passagiere an Bord, und die Maschine rollte auf die Startbahn. Der für die hinteren Reihen zuständige Steward, ein gutaussehender junger Mann mit roten Haaren und seelenvollen braunen Augen, begrüßte die Passagiere und ratterte die üblichen Anweisungen herunter – über Rauchverbot, hochgeklappte Tabletts, festgeschnallte Sitzgurte bis nach dem Start, wenn die Signale erloschen. Er erläuterte, wo sich Spucktüten, Sauerstoffmasken, Schwimmwesten und Notausgänge befanden, und beendete seinen Vortrag mit der höflichen Floskel: »Ihre Flugbegleiter sind bemüht, Ihnen den Flug so angenehm wie möglich zu gestalten.«

In der hintersten Reihe, die an die Wand der Bordküche grenzte, knurrte ein riesiger Mann: »Angenehm? Pah, daß ich nicht lache!« Dabei klirrte er mit den Handschellen, die ihn an das Handgelenk des Kriminalbeamten neben ihm fesselten. »Ich kann mir nicht mal die Nase putzen, ohne Ihre Pranke vor der Fresse zu haben.«

»Stellen Sie sich vor, wir seien siamesische Zwillinge, und halten Sie den Mund«, riet ihm der Beamte ungehalten. »Mir paßt das genausowenig wie Ihnen. Und ich habe auch nicht das Hirn meiner Frau im Schlafzimmer verspritzt und mich anschließend aus dem Staub gemacht. Es ist ein verdammt langer Flug nach Tennessee, Roberts. Und er wird nicht angenehmer, wenn Sie ständig rumnörgeln.«

»Wieso nehmen Sie uns die Dinger nicht ab?« fragte Earl Roberts. »Abhauen kann ich doch sowieso nicht. Oder denken Sie, ich reiß die Tür auf und stürze mich ins Meer? Ich hab nicht gesehen, daß Fallschirme verteilt wurden, als wir diese riesige Todesfalle bestiegen.«

»Entspannen Sie sich, Roberts. Die 747 ist ein sicherer Vogel. Von den zweihundert Passagieren an Bord sind Sie wohl der einzige, der rumjammert wie ein kleines Kind.«

»Ich bin ja auch der einzige, der an Sie gefesselt ist. Und Sie haben auch ganz schön rumgemeckert, als man Sie zwang, Ihr Schießeisen beim Piloten abzugeben.« Earl Roberts begleitete seine spitze Bemerkung mit einem boshaften Grinsen und musterte den schmächtigeren Mann neben sich verächtlich. »Haben wohl Schiß so ganz ohne Waffe, weil Sie wissen, daß ich Sie mit bloßen Händen erwürgen könnte, wie?«

Der Kriminalbeamte ließ sich von der Drohung nicht einschüchtern. »Nur zu, probieren Sie es! Aber dann wünschen Sie sich garantiert, Sie hätten einen Fallschirm. Mir hat nämlich keiner gesagt, daß ich Sie lebend zurückbringen soll.«

Auf dem Flug wurde die internationale Datumsgrenze überschritten, und man gewann damit einen Tag auf dem Kalender. Irgendwo über der Polynesischen Inselkette geriet die Maschine in mehrere Gewitterfronten hintereinander. Der Pilot meldete sich über die Bordsprechanlage und versicherte, es bestehe kein Grund zur Besorgnis. Dennoch wurden die Passagiere gebeten, ihre Plätze nicht zu verlassen und sich anzuschnallen. Die Turbulenzen wurden so heftig, daß die Flugbegleiter die Rollwagen in die Bordküchen zurückbrachten und sicherten. Je unruhiger der Flug wurde, desto mehr Getränke wurden bestellt. Das überforderte Flugpersonal eilte in der durchgeschüttelten Maschine hin und her, um alkoholische Getränke zu servieren, da viele Passagiere es vorzogen, sich mit Alkohol zu betäuben, als die beängstigende Situation nüchtern durchzustehen.

Erfahrene Flugreisende ebenso wie Neulinge holten die Spucktüten hervor, während die Maschine durch schwarze, unheilvolle Gewitterwolken schlingerte und heftig hin und her geworfen wurde. Die anfänglich angeregten Gespräche verstummten, wurden durch aufgeregtes Flüstern ersetzt. Manche bewegten die Lippen im Gebet, und bald verstummten auch sie in angstvollem Schweigen.

Jedesmal, wenn der riesige Vogel in ein Luftloch sackte, unterdrückte Kelly nur mühsam einen Entsetzensschrei. Sie klammerte sich an den Armstützen fest, bis ihre Finger weiß wurden und schmerzten.

Zach, dem ihre Angst nicht entging, bot ihr an: »Wenn Sie wollen, können wir uns an der Hand halten.«

Kelly schüttelte ängstlich den Kopf. »Danke. So lange kann ich nicht loslassen.« Nicht einmal eine Brechstange hätte ihre Finger von den Armstützen gelöst. Um so verblüffter war sie, als Alita in dem schlingernden Flugzeug nach hinten gestelzt kam.

Obwohl auch sie bleich und angespannt war, bemerkte sie Kellys weiße Fingerknöchel an den Armstützen und lachte hämisch. »Wie es aussieht, brechen gleich Ihnen alle Fingernägel ab, nicht mir.«

Kelly brachte nur mühsam die Zähne auseinander. »Ist Ihnen schlecht, Miss Gomez?«

»Ich komme nur, um Zach die Autogrammkarten zu bringen«, sagte die Sängerin und schenkte Zach ein Dreihundert-Watt-Lächeln. Sie reichte ihm die Fotos und erklärte mit rauchiger Stimme: »Das Foto, auf dem ich angezogen bin, ist für Ihre Tochter. Das andere ist nur für Sie.«

Zach bedankte sich. Der Steward erschien und forderte Alita auf, sofort an ihren Platz zurückzukehren.

Alita warf ihre schwarzen Locken in den Nacken und erklärte lauthals: »Ich pfeife auf diese idiotischen Anweisungen. Ich mußte durch die ganze Maschine nach hinten gehen, um eine leere Toilette zu finden. Ich werde mich bei Ihrer Fluggesellschaft beschweren. Für so viele Menschen muß es einfach mehr Klos geben.« Damit stürmte sie derart heftig an ihm vorbei, daß er beinahe auf Kellys Schoß gelandet wäre, schubste einen anderen Passagier beiseite, der seinerseits das stille Örtchen aufsuchen wollte, und verschwand.

Kaum war der Riegel der Toilettentür eingeklickt, zuckte ein greller weißer Blitz auf, der das Flugzeug mit gleißendem Licht erfüllte, gefolgt vom ohrenbetäubenden Lärm einer Explosion. Die Maschine senkte die Schnauze nach unten und ging in Sturzflug.

Panik brach aus. Das Flugpersonal versuchte, die gellenden Schreie der Passagiere mit Anweisungen zu übertönen. Kelly konnte den direkt neben ihr stehenden Steward kaum verstehen, der in die Runde brüllte: »Klappen Sie die Tabletts hoch! Nehmen Sie die Brillen ab! Entfernen Sie alle spitzen Gegenstände aus den Taschen! Legen Sie sich ein Kissen, eine Decke oder eine Jacke auf dem Schoß zwischen die Beine. Nehmen Sie die Arme über den Kopf, beugen Sie sich weit vor und stecken den Kopf zwischen die Knie.«

Es ging alles wahnsinnig schnell, niemand war zu einem klaren Gedanken fähig. Zugleich schienen die Vorgänge surrealistisch wie in Zeitlupe abzulaufen. Kelly riß ihre Jacke herunter und beugte sich nach vorn. Die Frau links von ihr holte einen Wollschal hervor und stopfte ihn zwischen ihre Oberschenkel. Auf der anderen Seite des Ganges zog Zach das Sportjackett aus. Der Soldat neben ihm preßte seinen Kopf in ein kleines Kissen. In der hintersten Reihe begannen der Kripobeamte und sein Gefangener ein Gerangel bei dem Versuch, sich gegenseitig den Mantel des Gesetzeshüters zu entreißen.

In den Momenten des Grauens vermischte sich lautes Schreien und Schluchzen mit Flüchen und Gebeten. Das Kleinkind schrie gellend. Über dem ohrenbetäubenden Lärm heulten und spuckten die Motoren, während das Flugzeug in wilden Spiralen schräg nach unten taumelte.

Halb erstickt von ihren Tränen und der Jacke, hob Kelly den Kopf. Ihre entsetzten Augen begegneten Zachs Blick.

Blitzschnell streckte er den Arm aus und drückte ihren Kopf wieder nach unten.

Sein Befehl, sie solle unten bleiben, war das letzte, was sie hörte – kurz vor dem mächtigen Aufprall, der ihr glücklicherweise das Bewußtsein raubte.

KAPITEL 2

Der erste Aufprall rammte Zachs Kopf in die Rückenlehne des Vordersitzes. Er spürte, wie die Knochen in seinem Nacken krachten. Seine Schulter schlug gegen etwas Hartes, sein linker Arm wurde taub, sein rechtes Knie brannte wie Feuer.

Erstaunlicherweise zog nicht etwa sein ganzes Leben in Sekundenschnelle an Zach vorüber. Es schossen ihm nur ein paar Fragen durch den Kopf. Seine Tochter verlor nun auch noch den Vater. Wie sollte sie das verkraften? Hab ich ihr in letzter Zeit mal gesagt, wie hübsch sie ist? Wie stolz ich auf sie bin? Wie sehr ich sie liebe? Finden Mom und Dad meinen Letzten Willen im Aktenschrank? Hinterlasse ich unbezahlte Rechnungen? Kommt der Tod schnell? Er betete inständig darum. Wartet Rachel drüben auf mich, zusammen mit Opa Zeke und Tante Esther?

»O Becky! Es tut mir so leid! Sei lieb zu Oma und Opa. Werde glücklich, mein Engel.«

Das Flugzeug kippte ruckartig zur Seite. Zachs Brustkorb krachte gegen die Armstütze zwischen ihm und dem Soldaten. Die Luft blieb ihm weg. Grelle Blitze zuckten durch seinen Schädel. Das war’s, dachte er. Ich komme, Rachel. Ich komme.

Aber es war noch nicht vorbei. Später erschien es ihm, als sei in Zeitlupe geschehen, was in Wahrheit nur wenige Sekunden dauerte. Das Flugzeug überschlug sich seitlich. Zach wurde wie eine lose Sprungfeder nach hinten in den Sitz geschleudert. Seine Arme verloren den Halt, flogen nach außen, seine Hände schlugen gegen die Verkleidung des Handgepäckfachs. Er hing hilflos kopfüber im Gurt, der ihm die Eingeweide eindrückte, seine Knie baumelten Zentimeter vor seiner Nase. Er war Zeuge eines Horrorszenarios, schlimmer als jeder Alptraum.

Die Luken, die nicht beim ersten Aufprall zu Bruch gegangen waren, zersplitterten. Ein Sprühregen winziger Plexiglasteilchen spritzte in alle Richtungen. Die Handgepäckfächer sprangen auf, ihr Inhalt stürzte wie gezielte Wurfgeschosse durch den Passagierraum. Neben Zachs Kopf tat sich in der Deckenverkleidung über dem Durchgang ein riesiges Loch auf. Etwas weiter vorn entstand eine Beule in der Deckenverkleidung, als zerquetschte die Faust eines Riesen eine leere Bierdose. Der langgezogene Schrei einer Frau verstummte abrupt, wie abgeschnitten. Die Stille gab beredte Auskunft über ihr grauenhaftes Schicksal.

Der Flugzeugrumpf überschlug sich erneut, diesmal zur anderen Seite, und kam dann fast wieder in seine ursprüngliche Position zurück. Zach biß die Zähne zusammen und heulte dann auf wie ein Tier, als sein Schienbein gegen eine Sitzverankerung krachte und die Armstütze sich in seine Rippen bohrte. Schließlich schaukelte der Rumpf noch einige Male hin und her und kam zitternd zur Ruhe – in starker Schräglage, das Schwanzende nach unten.

Endlose Sekunden lang wagte Zach nicht zu atmen, geschweige denn eine Bewegung zu machen. Er wußte gar nicht, ob er fähig war, sich zu bewegen. Aber er lebte – noch lebte er. Sein geschundener Körper war der Beweis, ebenso sein hämmerndes Herz, das ihm bis zum Hals hochgerutscht zu sein schien. Als das Flugzeug endgültig zum Stillstand gekommen zu sein schien, schnappte Zach mehrmals wie ein Ertrinkender nach Luft und schickte ein Dankgebet zum Himmel. Er war am Leben!

Doch dann stürzten die nächsten Gedanken auf ihn ein. Ja, er hatte überlebt. Wer noch außer ihm? Warum wurde der Passagierraum nicht mit Wasser geflutet, wenn die Maschine mitten in den Pazifischen Ozean gestürzt war? Die letzte Frage wurde beantwortet, als Zach sich verstört umsah. Durch die Luken drang keine Flut blauen Wassers, statt dessen schaute er auf eine Mauer aus Grünzeug. Daraus folgerte Zach, daß sie – entweder durch pures Glück oder durch einen letzten Navigationsversuch des Piloten – auf eine der vielen Inseln im Pazifik gestürzt waren.

Und er war nicht der einzige Überlebende. Als seine Panik abflaute, hörte er andere Menschen. Schreie wurden laut, vor Schmerz, Panik und Hysterie. Zachs Verstand begann wieder zu arbeiten. Logik und ein ausgeprägter Selbsterhaltungstrieb befahlen ihm, schleunigst aus diesem Trümmerhaufen rauszukommen, ehe die nächste Katastrophe passierte. Gott allein wußte, wie lange es dauern würde, ehe das Wrack in Flammen aufging.

Vom Fluchtgedanken beflügelt, befreite sich Zach von seinem Gurt und zwängte sich aus dem Sitz. Das war keine einfache Sache. Die Sitzreihen waren beim Absturz ineinander geschoben worden wie die Fächer eines Blasebalgs. Trotz seiner schmerzenden Rippen und einer vermutlich ausgerenkten Schulter wand er sich hin und her, um sich aus dem Sitz zu schrauben, und landete schließlich keuchend auf allen vieren im Mittelgang. Verbissen kämpfte er gegen eine Ohnmacht an, als der Schmerz ihn wie ein Messer durchbohrte.

Neben ihm bewegte sich Kelly stöhnend. Zach rüttelte sie schwach am Arm. »Aufwachen! Wir müssen hier raus.« Er hatte keine Ahnung, wie schlimm seine eigenen Verletzungen waren, und hoffte nur, daß die Frau sich bewegen konnte.

Kellys erste Reaktion war ausgesprochen seltsam. »Laß mich zufrieden, Brad«, brummte sie benommen. »Mein Kopf tut weh.«

»Wenn das alles ist, haben Sie Glück gehabt«, antwortete Zach und rüttelte sie wieder. »Aufwachen. Los!«

Kellys Lider flatterten auf, sie beäugte Zach stirnrunzelnd. »Wer ... was?« Am Ausdruck ihrer grünen Augen erkannte er, daß ihr die Zusammenhänge langsam dämmerten. »Sind wir ... sind wir nicht tot?« fragte sie verstört.

»Noch nicht Können Sie sich aus Ihrem Sitz befreien? Wir müssen uns beeilen.«

»Warum? Wir sind doch unten. Oder nicht?«

Zach nickte. »Das schon. Aber ich möchte lieber nicht mehr hier drin sein, wenn der Schrotthaufen explodiert.«

Wie aufs Stichwort erschütterte ein ungeheurer Knall das Wrack. Der Rumpf rutschte ein paar Meter weiter ab und kam erst in einer noch bedenklicheren Schräglage wieder zur Ruhe. Hinter dem dichten grünen Vorhang aus Laub und Zweigen wurde der grelle Schein einer Stichflamme sichtbar, rasch verdeckt von dichtem schwarzem Qualm.

Wieder gellten Entsetzensschreie. Durch die Explosion war Zach auf dem Bauch nach hinten gerutscht und kam neben dem Gesicht des Stewards zum Halten.

»Der Notausstieg«, stieß der Mann hervor und wies mit einer Kopfbewegung nach hinten. »Öffnen Sie ihn! Werfen Sie die Notrutsche hinunter.«

»Okay.« Zach rappelte sich hoch. Dann bemerkte er, daß das Bein des Stewards zwischen der eingestürzten Trennwand und einem Versorgungswagen eingeklemmt war. Ein Durcheinander von Tabletts, Dosen, Geschirr und anderen Trümmern versperrte den Gang und hielt den Versorgungswagen und den Steward gefangen. Zach versuchte, den Wagen freizubekommen, mußte jedoch aufgeben.

»Ich hole Hilfe.«

»Ich befreie ihn gleich«, bot eine Männerstimme an. »Ich muß nur diese Handschellen loswerden.«

Zach wandte sich der Stimme zu. Sie gehörte zu einem Riesen von einem Mann, der gerade den Schlüssel in den Handschellen drehte, die ihn an seinen leblosen, blutüberströmten Sitznachbarn fesselten. Die Handschellen klickten auf, und der Riese zwängte sich aus dem Sitz.

»Was ist mit ihm?« Zach deutete auf den Wärter des Strafgefangenen.

»Tot. Aufgespießt von einem Stück Metall.«

Er schob Zach aus dem Weg. »Ich kümmere mich um den Steward. Öffnen Sie den Ausstieg.«

Erleichtert, einen Helfer zu haben, humpelte Zach durch das Wrack zum hinteren Notausstieg.

Weiter vorn konnte Kelly sich endlich aus ihrem Sicherheitsgurt befreien, kletterte mühsam aus dem Sitz und stand dann schlotternd im Mittelgang. Ihr Kopf hämmerte rasend vor Schmerzen, ihr Verstand war noch zu verwirrt, um richtig zu funktionieren.

»Das Kind«, sagte jemand. »Holen Sie das Kind.« Es war der Soldat, der neben Zach gesessen hatte. Auch er zwängte sich mühsam aus dem zusammengeschobenen Sitz. Blut sickerte aus mehreren Wunden in seinem dunklen Gesicht, seine rechte Hand hing in einem unnatürlichen Winkel an seinem Arm.

»Das Kind«, wiederholte er und rüttelte Kelly damit aus ihrer Benommenheit.

Irgendwo weiter vorne wimmerte das Kind. Kelly folgte dem Weinen, zog sich an den Lehnen den schrägen Mittelgang hoch, kroch über Gepäckstücke, die den Gang blockierten. Sie fand die Kleine halb unter Trümmern begraben, allem Anschein nach jedoch nicht ernsthaft verletzt. Kelly reckte sich weit vor, befreite das Kind und nahm es in die Arme. »Ist ja gut, mein Schatz. Schschsch. Sei still, meine Kleine. Wo ist deine Mama?«

Das Kind streckte einen dicken Finger aus. Kellys Blick folgte ihm. Und ihr Magen drehte sich um. Die junge Frau saß weit vorgebeugt, ihr Kopf war völlig in der Rückenlehne des Vordersitzes verschwunden. Ihr Hals steckte unter der horizontalen Querverstrebung aus Metall, die wie ein Fallbeil auf sie herabgesaust war. Neben ihr hing ihr Ehemann – mit dem Oberkörper nach draußen, durch ein riesiges Loch in der Seitenwand des Flugzeugrumpfes.

Kelly würgte. So viel Blut. Überall. »Gütiger Gott!« wimmerte sie und drückte das Kind fester an sich. Sie kehrte dem grauenhaften Anblick den Rücken und kämpfte gegen die Übelkeit und Panik an, die sie zu überwältigen drohten.

Als sie es wagte, die Augen wieder zu öffnen, sah sie in die wäßrig blauen Augen der alten Dame, die hinter den Eltern des Kindes saß. Tränen liefen ihr über die zerknitterten Wangen. Sie hielt ihren Mann an sich gedrückt und strich ihm mit knorrigen Fingern über den Kopf. Ihre Stimme klang wie die eines Kindes. »Wach auf, James! Wir sind gelandet. Wach auf, Liebster. Du bist doch sonst kein Langschläfer.«

Plötzlich war Zach da. Er kniete sich neben die alte Frau, legte drei Finger an den Hals des Mannes und versuchte seinen Puls zu ertasten. Sein Blick traf Kellys, dann schüttelte er kaum merklich den Kopf. »Es tut mir leid, Madam«, sagte er zu der älteren Dame. »Er lebt nicht mehr.«

Der Kopf der Frau schnellte ruckartig hoch. »Doch! Er schläft nur. In letzter Zeit schläft er viel, wissen Sie.«

Unterdessen hatte Zach ihren Gurt geöffnet. Behutsam zog er sie vom Sitz. »Wir müssen gehen.«

Sie blickte verwirrt von ihrem Mann zu Zach. »Kommt James nicht mit? Ich kann ihn nicht allein lassen. Wenn er aufwacht und ich bin nicht da, macht er sich Sorgen.«

»Ich hole ihn später«, log Zach und schob sie sanft nach hinten zum Ausgang. »Gehen Sie schon mal mit Kelly vor. Passen Sie auf, daß Sie nicht stolpern.«

Und Kelly drängte er leise: »Beeilen Sie sich. Bringen Sie die Leute zum Notausstieg. Der Corporal und ich kümmern uns um die anderen.«

Der Soldat, der seine Hand inzwischen mit seiner Krawatte stabilisiert hatte, schob sich vorbei. Als die beiden Frauen sich über die verstreuten Gepäckstücke nach hinten gekämpft hatten, waren der Soldat und Zach schon wieder bei ihnen. Jeder schleppte einen bewußtlosen Passagier. Knapp hinter den beiden humpelte eine Frau mittleren Alters.

Der Steward hatte die Rutsche durch den Notausstieg nach unten gelassen. »Setzen Sie sich und rutschen Sie los«, befahl er der alten Frau barsch. »Frauen und Kinder zuerst.«

Zach zählte Köpfe. »Wo ist der große Kerl geblieben? Der Strafgefangene?« fragte er.

Der Steward wies mit dem Kinn nach unten. »Schon draußen. Er fängt die anderen auf. Miss Gomez ist auch schon unten. Wir hörten, wie sie gegen die Tür des Waschraums hämmerte, und holten sie raus.«

Zach legte den bewußtlosen Passagier ab und half dem Soldaten, sich von seiner Last zu befreien. »Sie helfen den Frauen. Wir gehen noch mal zurück und suchen nach Überlebenden. Weiter oben blockieren ein Baumstamm und dicke Äste den Durchgang. Da ist kein Durchkommen.«

»Das hält vermutlich den Rauch ab«, meinte der Steward. »Zum Glück für uns.« Er wies auf den dichten schwarzen Qualm, der außen am Rumpf vorbeizog. »Trödelt nicht rum, Leute. Ich hab das ungute Gefühl, das Schwanzende hält nicht mehr lange. Und der Himmel weiß, was passiert, wenn es abrutscht.«

»Vergessen Sie meinen James nicht«, rief die alte Frau den beiden nach, bevor sie sich setzte.

Kelly schaute beklommen die grellgelbe Rutsche hinunter, die fast senkrecht nach unten im Geäst verschwand. »Ich kann den Boden gar nicht sehen. Sind Sie sicher, daß die anderen unversehrt unten angekommen sind?« fragte sie bang.

»Ohne einen Kratzer«, versicherte der Steward. »Der Bär steht unten und fängt Sie auf. Keine Sorge.«

Seine Worte vermochten sie nicht zu beruhigen. Doch alles war besser, als in dem Wrack zu bleiben und darauf zu warten, von der nächsten Explosion zerfetzt zu werden. Von unten war nichts zu hören, was auf eine Rettung gedeutet hätte. Keine Feuerwehrsirenen, keine quietschenden Reifen, keine Rufe. Nichts. Hieß das, daß sie ganz auf sich allein gestellt waren? War Hilfe womöglich Meilen, Stunden entfernt?

Kelly blickte auf die verängstigte Gruppe Überlebender. Alle waren verletzt, bluteten aus tiefen Schnittwunden oder hatten gebrochene Knochen, einige möglicherweise auch innere Verletzungen. Wenn sie länger auf sich selbst angewiesen sein würden, brauchten sie mehr als nur die Kleider, die sie auf dem Leib trugen. Sie brauchten Verbandszeug und wärmende Decken gegen die Nachwirkungen des Schocks. Dazu irgendwelche Medikamente gegen Schmerzen. Selbst Aspirin war besser als nichts.

»Hier, nehmen Sie das Kind.« Kelly drückte der Frau hinter ihr die Kleine in die Arme. »Ich bin gleich wieder da.«

Sie durchwühlte ein paar Gepäckstücke und bemühte sich, die leblos in ihren Sitzen hängenden Menschen nicht zu beachten, auch nicht das viele Blut, das überall verspritzt war. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie ein paar Decken, Jacken und Pullover ergattert. Sie fand sogar ihre Reisetasche und ein paar fremde Handtaschen und kehrte damit zum Ausgang zurück, wo sie ihre Funde neben der Rutsche deponierte.

Sie war im Begriff, sich auf einen zweiten Hamstergang zu machen, als Zach sie am Arm packte. »Das ist die falsche Richtung! Ich denke, Sie sind längst unten! Was tun Sie eigentlich?«

»Ich versuche ein paar Sachen zu finden, die wir gebrauchen können«, erklärte sie und deutete auf ihren Schatz.

»Also hören Sie!« donnerte er. »Das ist wirklich nicht der Zeitpunkt für eine Trödelsammlung! Schaffen Sie Ihren Hintern diese Rutsche hinunter!«

Er schubste sie zum Ausstieg und zwang sie auf die Knie. »Setzen!« befahl er.

»Ich bin doch keine dressierte Hündin!« entgegnete sie und bedachte ihn mit einem finsteren Blick. Dann warf sie die gesammelten Sachen auf eine Decke, deren Enden sie verknotete. Kaum hatte sie das Bündel an sich gerissen, als Zach ihr von hinten einen Schubs gab und sie auf dem Rücken die Rutschbahn hinuntersegelte. Kelly schrie anhaltend.

Hände ergriffen ihre Arme, rissen sie hoch und zur Seite. Sie wußte immer noch nicht recht, wie ihr geschah, als Zach bereits neben ihr stand.

Wieder packte er sie und zog sie von dem Flugzeugwrack weg. »Laufen Sie! Schnell! Ich bin direkt hinter Ihnen.«

Kelly hatte zwar keine Ahnung, wieso er immer noch zur Eile antrieb, trabte aber los.

Die drei bahnten sich einen Pfad durch dschungelartiges Dickicht. Äste peitschten auf Kelly ein. Blätter so groß wie Kopfkissen schlugen ihr ins Gesicht. Schlingpflanzen und Felsbrocken erschwerten das Fortkommen. Die überhastete Flucht war gottlob von kurzer Dauer. Nach wenigen Minuten hatten sie die anderen eingeholt, die an einer leichten Erhebung warteten.

»Hierher! Hier rüber!« Der Soldat winkte ihnen von einem Felsvorsprung zu.

Sie erklommen einen Geröllhang bis zu einem kleinen Plateau. »Seht!« rief der Corporal und wies mit dem Arm in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Kelly schaute über ihre Schulter. Ein spitzer Schrei entfuhr ihr. Zach fluchte leise. Von diesem erhöhten Punkt aus konnte man das Flugzeugwrack deutlich sehen. Beim Aufprall war der Rumpf der 747 wie ein Kinderspielzeug auseinandergebrochen. Eine Tragfläche war abgerissen und lag brennend in einiger Entfernung. Das zermalmte Cockpit hatte die Flanke eines Berges gerammt. Der Rumpf mit der anderen Tragfläche hatte Feuer gefangen und brannte lichterloh wie ein riesiger Scheiterhaufen. Mittlerweile hatte sich das Gewitter verzogen, doch die Regenwolken hingen immer noch tief und vereinten sich mit dem schwarzen Qualm der hohen Stichflammen. Hinter dem Hauptrumpf, etwa die Länge eines Fußballfeldes entfernt, hing das Schwanzteil in gefährlicher Schräglage an einem Steilhang; es schien, als würde es nur von den abgeknickten Urwaldbäumen gehalten.

Zach wurde beim Anblick des Wracks erst richtig klar, welch unwahrscheinliches Glück sie gehabt hatten. Nur in dem hinteren Teil, wo sie gesessen hatten, hatten er und seine Leidensgenossen überlebt. Hätten er und Kelly ihre Plätze in der ersten Klasse nicht aufgegeben, hätte Alita sich nicht genau im richtigen Augenblick auf der Suche nach einer freien Toilette nach hinten begeben, wären auch sie umgekommen. Man konnte es Glück, Kismet, Vorsehung nennen. Jedenfalls schien ein ganzes Heer Schutzengel Überstunden gemacht zu haben, um zumindest einige Menschenleben zu retten.

KAPITEL 3

Kelly sackte schlotternd in die Hocke und starrte mit vor Entsetzen geweiteten Augen auf das flammende Inferno. Tränen strömten ihr haltlos übers Gesicht. »Barmherziger Gott«, murmelte sie.

»Wir haben es geschafft«, beruhigte Zach sie. »Mit knapper Not, aber wir haben es geschafft.«

»Glauben Sie, es gibt noch ...?« Die Stimme versagte ihr.

»Nein«, antwortete Zach tonlos. »Und wenn ... wir könnten nichts mehr für sie tun.«

»Vermutlich nicht. Aber allein der Gedanke, daß da drin noch ...« Sie erschauerte. »Gütiger Himmel! Die armen Menschen. Was für ein schreckliches Ende!«

»Versuchen Sie nicht daran zu denken«, riet Zach.

»Leichter gesagt als getan«, seufzte die zierliche Frau neben ihm. »Dieses Erlebnis wird mich ewig in meinen Alpträumen verfolgen.«

»So ergeht es uns allen«, bestätigte der Soldat dumpf.

Die kleine Gruppe Überlebender sah sich die Szene des Grauens für eine Weile an, jeder einzelne in seine düsteren Gedanken versunken, bis einer der Verletzten vor Schmerz aufstöhnte.

»Wie lange wird es dauern, bis eine Rettungsmannschaft uns findet?« fragte Alita.

»Das hängt ganz davon ab, wo wir sind«, antwortete der Steward. »Wenn wir Glück hatten und die Maschine auf eine bewohnte Insel gestürzt ist, findet man uns vielleicht schon in ein paar Stunden.«

»Vermutlich sind Sie diese Route schon öfter geflogen«, sagte Zach. »Haben Sie eine Ahnung, wo wir sein könnten?«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Irgendwo auf halber Strecke zwischen Neuseeland und Hawaii in der Polynesischen Inselkette. Der Pazifik ist hier mit Tausenden winziger Atolle und Inseln übersät, von denen nur etwa ein Drittel bewohnt ist. Ich kann Ihnen beim besten Willen nicht sagen, auf welche wir gestürzt sind.«

Der Verletzte lag inzwischen bewußtlos auf dem Boden und stöhnte wieder. Zach runzelte die Stirn. »Wir sollten ins Tal absteigen. Vielleicht treffen wir unterwegs auf eine Bergungsmannschaft. Ich halte es nicht für ratsam, noch länger hier oben zu bleiben.«

Der Corporal widersprach. »Wenn man eine Rettungsmannschaft ausschickt oder ein Flugzeug, das nach Überlebenden sucht, sieht man uns hier oben besser.«

»Aber nur, wenn unsere ungefähre Absturzstelle bekannt ist«, wandte Zach ein und machte eine Geste zu den bewußtlosen Verletzten zu ihren Füßen, »ich bin zwar kein Mediziner, aber je früher diese Leute ärztlich versorgt werden, desto größer sind ihre Chancen durchzukommen. Wenn wir uns jetzt auf den Weg machen, können wir bis Sonnenuntergang das Meer erreichen. Vielleicht finden wir dort unten ein Dorf. Im übrigen halten wir es hier oben nicht lange ohne Nahrung und Wasser aus.«

»Vorausgesetzt, es gibt überhaupt etwas auf dieser Insel«, sagte der Steward skeptisch. Und auf Kellys fragenden Blick erklärte er weiter: »Viele dieser Inseln sind nicht besiedelt, weil die meisten nur aus einem Haufen erkalteter Lava bestehen, oder es sind Korallenriffe und tropischer Urwald.«

Wie sie es auch drehten und wendeten, ihre Situation war nicht sehr rosig.

»Ich bin dafür abzusteigen, solange wir sehen können, wohin wir treten«, schlug der Riese vor. »Ich hab nämlich keine Lust, im Dunkeln von einem wilden Tier angefallen oder von einer Schlange gebissen zu werden.«

»Schlangen?« kreischte Alita mit aschfahlem Gesicht.

»Oder noch Schlimmeres«, murmelte eine andere Stimme.

»Ich bin mit Zach und dem anderen einer Meinung«, beeilte sich Alita zu versichern. »Bringt mich so schnell wie möglich aus diesem Dschungel an einen hübschen, sauberen Strand. Ich will ein Telefon, Zimmerservice und ein Glas eisgekühlte Margarita ... und das alles möglichst schnell.«

»So ist es recht, Alita«, stellte Kelly verächtlich fest und kam mühsam auf die Beine. »Bleiben Sie sich treu und denken Sie immer nur an sich. Kümmern Sie sich bloß nicht um andere, denen es viel schlechter geht als Ihnen, auch wenn Sie aussehen, als hätte man Sie durch die Mangel gedreht.«

Alitas dunkle Augen verengten sich haßerfüllt. »Wenn ich Sie wäre, würde ich den Mund halten. Ihre Haare sehen aus wie eine aufgeplatzte Matratze, und Ihre Kleider, als hätten Sie sich in der Gosse gewälzt.«

»Na, wenigstens wurde ich beim Absturz nicht auf dem Klo mit heruntergelassener Unterhose überrascht«, gab Kelly bissig zurück. »Das muß ja ein reizender Anblick gewesen sein, wie Sie als Flipperkugel durch das Häuschen geschleudert wurden.«

Alita wollte sich mit ausgefahrenen Krallen auf Kelly stürzen, die in Kampfstellung ging. Zach trat schleunigst dazwischen. Mit einem abgewinkelten Arm wehrte er Alita ab, bis der Soldat sie festhalten konnte. Den anderen Arm schlang er um Kellys Mitte und hielt sie zurück.

»He! Hört sofort damit auf! Es ist jetzt wirklich nicht die Zeit für euer albernes Weibergezänk.«

Kelly versuchte, sich seinem Griff zu entwinden. Er rüttelte sie grob. »Es ist mein Ernst, Sie Zicke! Reißen Sie sich gefälligst zusammen!«

»Zicke?« schrie Kelly wütend. »Wen nennen Sie hier Zicke?«

»Sie, wen denn sonst?« Zach drehte sie zu sich um, und die beiden maßen einander mit wütenden Blicken. Plötzlich trat ein belustigtes Funkeln in seine Augen. »Wenn die Beule auf Ihrem Kopf noch größer wird, sehen Sie aus wie ein verdammtes Einhorn.«

Kelly suchte vergeblich nach einer scharfen Antwort, ihr gepeinigter Verstand ließ sie im Stich. Ihr Zorn legte sich ebenso schnell, wie er hochgekocht war. Sie leistete keinen Widerstand mehr. »Ich ... es tut mir leid. Ich weiß gar nicht, wieso ich mich so aufführe. Ausgerechnet in dieser Situation.«

Zach ließ sie zögernd los. »Vermutlich das Adrenalin«, meinte er ernsthaft. »Jeder reagiert in einer Krise anders.«

»Es ... ist alles wieder in Ordnung«, versicherte sie verwirrt.

Er zwang sich zu einem matten Lächeln. »Gut. Hauptsache, Sie drehen nicht durch. Wir müssen klaren Kopf bewahren und uns gegenseitig helfen.«

»Gehen wir jetzt endlich, oder was?« fragte der Riese mit seinem singenden Südstaatenakzent. »Oder wollen wir noch länger hier rumstehen?«

Es wurde abgestimmt. Nur der Soldat war gegen den Abstieg.

»Ich mach Ihnen einen Vorschlag, Corporal«, meinte Zach. »Sie helfen uns, die Verletzten runterzuschaffen. Und wenn Sie wieder raufklettern wollen, um ein Signalfeuer anzuzünden, nur zu! Im Augenblick ist es ratsamer, zusammenzubleiben.«

Drei aus der Gruppe, ein Mann, eine Frau und ein halbwüchsiger Junge, waren ohne Bewußtsein und bewegungsunfähig. Das linke Bein des Stewards war ziemlich zerquetscht. Mit fremder Hilfe hatte er es unter qualvollen Schmerzen bis auf das Plateau geschafft. Doch den beschwerlichen Abstieg würde er niemals bewältigen. Zach, der Corporal und der Riese hatten zwar keine ernsthaften Verletzungen, waren aber beileibe nicht ohne Blessuren davongekommen. Der Soldat hatte eine gebrochene Hand, Zach hatte sich die Schulter ausgerenkt und mit Sicherheit mehrere Rippen gebrochen. Der Riese hatte ein gebrochenes Nasenbein und am Kopf eine Beule von der Größe eines Tennisballs. Und das waren nur die sichtbaren Wunden.

Den Frauen erging es kaum besser. Kelly befürchtete, neben Schürfwunden und Blutergüssen eine Gehirnerschütterung zu haben. Ständig wurde ihr schwarz vor den Augen, und sie war ziemlich unsicher auf den Beinen. Alita hatte eine lange Schnittwunde am Bein und rieb sich den Ellbogen. Die alte Frau, immer noch in einem benommenen Schockzustand, hielt sich den Brustkorb. Die vierte Frau humpelte, ihr Fußknöchel war stark angeschwollen. Ihr Gesicht war mit kleinen Splitterwunden übersät, auf denen das getrocknete Blut kleine schwarze Blasen gebildet hatte. Das Kleinkind weinte zwar leise vor sich hin, schien aber das Unglück ansonsten unversehrt überstanden zu haben.

Schließlich willigte auch der Corporal zögernd ein.

»Okay, dann wollen wir mal überlegen«, meinte Zach. »Wir haben drei bewußtlose Personen und drei leichter verletzte Männer, die sie tragen können. Kelly, Sie kümmern sich um die alte Dame. Sie ist offenbar verwirrt. Nehmen Sie sie an die Hand und passen Sie auf, daß sie nicht allein loszieht und sich verläuft. Sie ...« Zach sah die zierliche Frau, die das Kind auf dem Arm trug, fragend an.

»Blair«, stellte sie sich vor. »Blair Chevalier.«

Zach nickte. »Blair, Sie tragen das Kind. Alita, Sie stützen den Steward.«

»Wenn wir einen Ast finden, den ich als Krücke benutzen kann, komm ich allein zurecht«, sagte der Mann.

»Kann mir jemand einen Teil der Sachen aus dem Bündel abnehmen?« fragte Kelly. »Es ist schwerer als ich dachte. Aber ich bin sicher, daß wir einiges davon brauchen werden.«

»Was denn zum Beispiel?« fragte der Gefangene mit einem verächtlichen Blick auf das pralle Bündel. »Lippenstift und Lidschatten?«

Kelly funkelte ihn böse an. »Nein, Sie ausgewachsener Riesenmacho. Aber Aspirin und Heftpflaster, vielleicht eine Pinzette und Sicherheitsnadeln, um einen Verband anzulegen. Und Tampons könnten uns helfen, Blut zu stillen.«

Das von Natur aus gerötete Gesicht des grobschlächtigen Kerls wurde noch um einige Schattierungen dunkler. »Okay. Hab begriffen.«

»Ich nehme Ihnen etwas davon ab«, bot Blair an. »Und wenn wir aus einer Jacke oder einer Decke einen Tragesack für das Kind machen könnten, kann ich es auf dem Rücken tragen, dann hätte ich die Hände frei.«

»Machen Sie ein zweites Bündel als Rucksack für mich«, bot der Steward an.

Kurze Zeit später war die Gruppe marschbereit. Alle drehten sich noch einmal um und warfen einen letzten Blick auf das brennende Flugzeug – sie dachten daran, daß sie mit knapper Not dem Schicksal der Toten im Wrack entronnen waren, und jeder schickte auf seine Weise Dankgebete zum Himmel für die wunderbare Rettung.

»Ob es eine Bombe war?« fragte Alita in die Runde.

»Der grelle Blitz weist darauf hin«, meinte Zach.

»Der Meinung bin ich auch«, pflichtete ihm der Steward bei. »Eine Explosion in der Maschine könnte die Stromversorgung unterbrochen und sämtliche Aggregate außer Betrieb gesetzt haben.«

»Hätte der Pilot in diesem Fall überhaupt noch SOS funken können?« Der Soldat sprach die Frage aus, die kein anderer zu stellen wagte.

Der Steward zuckte mit den Schultern. »Kaum. Die Funkverbindung war vermutlich sofort abgebrochen. Aber der Flugschreiber sendet möglicherweise noch Signale.«

»Glauben Sie?« fragte Kelly. »Auch nach dem Crash und dem Brand?«

Wieder zuckte der Mann mit den Achseln. »Möglich ist es. Timex hat einen guten Werbeslogan: Auch wenn die Uhr leck geschlagen ist, tickt sie noch.«

»Ihr Wort in Gottes Ohr«, bemerkte Blair düster und sprach damit den anderen aus dem Herzen.

Der Marsch war unwegsam und beschwerlich. Wie viele der Pazifikinseln vulkanischen Ursprungs war auch dieses Eiland aus erkalteter Lava entstanden. Die Felsen waren scharfkantig und spitz. Die Gruppe mußte sich einen Pfad durch dichte Vegetation bahnen, wodurch das Fortkommen sich auf ein Schneckentempo verringerte. Die Männer bildeten die Vorhut und wechselten einander ab, das dichte Gestrüpp mit Knüppeln, die sie wie Macheten schwangen, freizuhacken. Die Frauen folgten im Gänsemarsch.

Unter dem dichten Blätterdach bewegte sich kein Lüftchen. Die hohe Luftfeuchtigkeit machte das Atmen schwer. Die feuchten Kleider klebten an den naßgeschwitzten Leibern. Regennasse scharfkantige Blätter peitschten auf sie ein und fügten ihnen Schnittwunden zu. Kriechende und fliegende Insekten belästigten sie. Stechmücken surrten in dichten Schwärmen herbei und stürzten sich auf jedes Fleckchen nackter Haut. In das Schwirren der Insekten mischten sich krächzende Warnschreie tropischer Vögel, die von den Eindringlingen aufgeschreckt wurden.

Armdicke Schlingpflanzen wanden sich auf dem Boden zwischen Baumstämmen. Alita stakste auf ihren hohen Stilettoabsätzen durch den Dschungel und stieß dabei gotteslästerliche spanische Flüche aus. Nachdem sie das dritte Mal gestolpert war und sich an dem muskelbepackten Rücken des Südstaatlers festgekrallt hatte, blieb der Mann stehen. Wortlos klemmte er sich den Popstar wie eine junge Katze unter den Arm, hob sie hoch, zog ihr die Schuhe aus und knickte die zehn Zentimeter hohen Absätze ab wie Zahnstocher. Danach zog er ihr die Schuhe wieder an, stellte Alita ab und ging weiter, als sei nichts geschehen.

Alita erwachte aus ihrer Starre und fuhr hoch wie eine Rakete. »Sie Vollidiot!« kreischte sie. »Sie ... Sie blöder Ochse! Sie haben mir meine Zweihundert-Dollar-Schuhe ruiniert!«

»Verklagen Sie mich doch!« antwortete er und lachte. »Ich hab ja nichts dagegen, wenn Sie mir Ihre Titten alle zwei Minuten in den Rücken klatschen. Aber im Moment bin ich anderweitig beschäftigt, Schätzchen. Versuchen Sie es später noch mal, wenn ich ausgeruht bin.«

Kelly, die Alita mit der alten Dame und dem humpelnden Steward überholte, konnte sich eine spitze Bemerkung nicht verkneifen. »Man weiß ja nie! Vielleicht wird das ein neuer Trend, Slipper im Handumdrehen, Gomez!«

»Scheren Sie sich zum Teufel!« fauchte Alita. »Und dieser Riesenaffe auch!«

An einer kleinen Lichtung etwa auf halbem Wege ins Tal wurde eine kurze Rast gemacht. Zach hätte für eine Machete seine Seele verkauft. Seine Schulter schmerzte höllisch. Ihm war, als hätte man seine Knochen in eine Schraubzwinge geklemmt und eine Lötlampe daran gehalten. Er hatte sich die Schulter schon mal im College beim Football ausgerenkt, doch so schmerzhaft hatte er das nicht in Erinnerung. Der Junge, den er mitschleppte, war zwar ein Fliegengewicht, doch seine Bewußtlosigkeit machte ihn schwerer. Wenigstens war die linke Schulter ausgekugelt und nicht die rechte. Zach wußte nicht, wie lange er noch durchhalten würde.

Andererseits blieb ihm nicht viel anderes übrig. Genausowenig wie den anderen. Alle waren angeschlagen. Alle hatten Schmerzen. Alle standen unter Schock.

Kelly hockte keuchend neben der kleinen alten Dame. »Wo ist James?« murmelte die Frau tonlos vor sich hin. »Er ... er ist vorausgegangen, meine Liebe.« In den Himmel, ins Fegefeuer oder wohin wir auch gehen, wenn wir sterben, fügte Kelly stumm hinzu.

Die Frau nickte beruhigt. »Wir haben in Australien goldene Hochzeit gefeiert«, sagte sie mit einem verträumten Lächeln. »Wir sind seit fünfzig Jahren zusammen. Aber mir kommt es vor, als hätten wir gestern erst vor dem Traualtar gestanden. Wir sind Seelsorger, müssen Sie wissen. Wir sind als Missionare in der ganzen Welt herumgereist. Gute Taten werden immer belohnt, Miss ... wie war doch gleich Ihr Name?«

»Kelly. Kelly Kennedy.«

»Ah. Ein schöner irischer Name. Ich bin Wynne Templeton. Britisch bis in die Zehenspitzen. Aber ich war immer gegen den Krieg zwischen Iren und Engländern. Die Menschen müssen endlich lernen, friedlich miteinander zu leben. Das Leben ist zu kurz für Zank und Streit.«

Wynne reckte den Hals und schaute zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »James wird aufgehalten. Es ist gar nicht seine Art zu trödeln. Ich mache mir Sorgen um ihn. Er weiß, daß ich wegen seines schwachen Herzens beunruhigt bin. Ich wünschte, er würde sich beeilen.«

Kelly hatte große Mühe, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Dann fiel ihr Blick auf Zach, und sie sah, wie er das Gesicht beim Versuch, den linken Arm zu bewegen, schmerzhaft verzog.

»Ist es der Arm oder die Schulter?« fragte sie.

»Schulter«, preßte er zwischen den Zähnen hervor. »Ich glaube, sie ist nur ausgerenkt. Aber es tut höllisch weh. Schlimmer als ein Bruch.«

Kelly robbte zu ihm hinüber. »Was dagegen, wenn ich sie mir ansehe?«

Er beäugte sie argwöhnisch. »Ich denke, Sie leiten einen Schönheitssalon. Was verstehen Sie von einer Schulterverletzung?«

»Ich leite auch ein Fitneß-Studio und bin staatlich geprüfte Masseuse und Physiotherapeutin«, erklärte sie. »Mein Vater und mein älterer Bruder sind Orthopäden. Ich kenne mich mit Knochen, Sehnen und Muskeln besser aus, als Sie denken. Wenn die Schulter nur ausgerenkt ist, kann ich sie vielleicht wieder in die Gelenkpfanne schieben und Ihnen die Schmerzen erleichtern.«

»Oder verschlimmern«, meinte Zach skeptisch.

Kelly zuckte die Achseln. »Ihre Entscheidung. Ich will Ihnen nur helfen.«

Zach zögerte und sagte dann: »Okay.« Und mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: »Versprechen Sie, ganz sanft mit mir umzugehen, Schätzchen? Ich laß mich nämlich nicht von jeder Frau ›massieren‹.«

Kelly kannte sämtliche anzüglichen Bemerkungen und dummen Witze über Entspannungsmassagen und ließ sich nicht davon beeindrucken, auch nicht, wenn sie von hochgewachsenen, dunklen, gutaussehenden Männern mit Glutaugen und Grübchenlächeln gemacht wurden. Sie verdrehte die Augen und entgegnete trocken: »Na logisch, das sagen sie alle. Genau wie alle sagen: ›Schatz, ich bring dir das Frühstück ans Bett.‹«

Zach grinste und zog eine Braue hoch. »Wollen Sie mit mir im Bett frühstücken?«

Sie schüttelte den Kopf. »Machen Sie sich keine Hoffnungen. Und nun lassen Sie den Quatsch und tun Sie, was ich Ihnen sage.«

Dem Südstaatler blieb der Mund offen stehen. Der Soldat lachte, und Blair kicherte. »Die zeigt euch, wo’s langgeht.«

Kelly legte Zach die flache Hand in den Nacken und zwang ihn sanft, den Kopf zu neigen. Mit kräftigen und gewandten Fingern tastete sie seine Halswirbelsäule ab, dann die Krümmung seines Schulterblattes, das Schlüsselbein und das Schultergelenk. Behutsam bewegte sie seinen Kopf nach hinten, nach links und nach rechts. Selbst diese sanften Bewegungen ließen ihn vor Schmerzen ächzen.

»Sie haben recht. Die Schulter ist aus der Gelenkpfanne gerutscht und nicht gebrochen. Setzen Sie sich gerade hin und halten den Kopf hoch. Nun beugen Sie den Rücken und die Schultern leicht vor. Gut. Atmen Sie ein paarmal tief ein und tief und langsam wieder aus. Entspannen Sie sich.«

»Warnen Sie mich, bevor Sie die Schulter einrenken.«

»Aber klar«, versprach Kelly munter. »Ich zähle bis drei.«

Kelly legte seine Hand an sein Schlüsselbein, mit der anderen hielt sie seinen Oberarm, mit dem linken Knie stützte sie das Schulterblatt ab. »Sehr gut. Einatmen. Ausatmen. Entspannen. Ein. Aus. Und noch einmal.«

Beim dritten Ausatmen stieß sie die Schulter mit einem kräftigen Ruck nach oben in die Gelenkpfanne. Zach japste erschrocken nach Luft und wurde blaß vor Schmerz. »Sie sollten mich doch warnen«, krächzte er gereizt. »Sie haben gelogen!«

Seine Verärgerung machte keinen Eindruck auf sie. »Es war besser so. Sie hätten sich sonst nur verkrampft und die Prozedur für Sie und mich um so schwerer gemacht.« Zach versuchte, sich zu ihr umzudrehen, doch sie hielt seinen Kopf fest. »Bleiben Sie still sitzen. Ihre Schulter muß verbunden werden, um den Druck auf das Gelenk zu erleichtern, bevor Sie sich bewegen. Wir wollen das Ding doch nicht gleich wieder ausrenken, nicht wahr?«

»Mein Hemd muß als Verbandszeug genügen«, knurrte er mürrisch.

Sie half ihm beim Ausziehen, riß den Stoff in breite Streifen, verwendete den Rest als Polsterung, und bald hatte sie ihm einen stützenden Verband angelegt, auch um seine schmerzenden Rippen. »Später erneuere ich den Verband, dann sehe ich mir auch die Rippen näher an. Wie fühlen Sie sich?«

»Besser«, gestand er mißmutig.

Als ihre Finger leicht seinen Nacken entlang tasteten, durchrieselten ihn kleine Schauer. Zach dachte schon, sie wolle mit ihm flirten, da sie ihre Hände flach an seine Ohren legte und ihre Daumen unter den Kieferknochen einhakte. Und wieder riß sie ohne Vorwarnung seinen Kopf mit einem Ruck nach links. Die Wirbel knackten hörbar. Und ehe er wußte, wie ihm geschah, riß sie den Kopf zur anderen Seite. Wieder krachten seine Halswirbel beängstigend laut.

Zach jaulte vor Schreck auf und sprang auf die Füße. »Sie hinterhältige Schlange! Was haben Sie vor? Wollen Sie mir den Kopf abreißen?«

Ihr Lächeln hatte große Ähnlichkeit mit einem schadenfrohen Grinsen. »Wieso? Brauchen Sie ihn noch?«

Wieder lachten alle über Kellys Schlagfertigkeit. Bevor Zach eine passende Antwort geben konnte, versuchte Kelly ihn zu beschwichtigen. »Sie werden feststellen, daß Sie den Kopf auf und ab bewegen und nach jeder Seite drehen können. Was ich beispielsweise nicht kann. Ich wünschte, es gäbe jemanden, der mir diesen therapeutischen Gefallen erweisen könnte.«

»Aber gern, meine Dame! Lassen Sie mich nur ran!« Zach krümmte die Finger, als wolle er ihr an die Gurgel springen. Doch dann ließ er vorsichtig den Kopf kreisen. Seine Augen weiteten sich verblüfft, seine Hände entspannten sich. »Du lieber Himmel! Ich komme mir vor wie neu!«

Kellys Augen blitzten. »Ich hab Ihnen ja schon gesagt – das sagen sie alle. Auch vorlaute Besserwisser wie Sie.«

KAPITEL 4

Ehe man sich wieder an den Abstieg machte, suchten die Frauen das Gebüsch auf.

»Paßt bloß auf Schlangen auf«, warnte der Südstaatler.

Alita geriet vor Schreck ins Stolpern.

Blair wandte sich stirnrunzelnd an den Riesen. »Soweit ich weiß, gibt es keine Schlangen auf den Polynesischen Inseln. Auch keine großen Raubtiere.«

»Ach ja? Was sind Sie? Ein wandelndes Lexikon?«

Blair straffte die Schultern und richtete sich zu ihrer vollen, wenn auch recht unscheinbaren Größe auf. »Ich bin Bibliothekarin und stolz darauf. Und welchen sinnvollen Beitrag leisten Sie der Gesellschaft, Mister ...«

»Roberts«, ergänzte der Mann, fischte eine Zigarette aus einer Packung und zündete sie an. »Fast mein ganzes Leben lang war ich Farmer. Ich habe also dazu beigetragen, euch zu ernähren.« Er hielt seine Zigarette hoch und beäugte sie. »Dann hatte ich eine Tabakpflanzung, bis die Politiker anfingen, ihre Nasen in Dinge zu stecken, die sie nichts angehen und den Pflanzern das Leben schwermachten.«