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Einige Jahre nachdem sich ihre Eltern haben scheiden lassen und in denen Mira zu ihrer Oma keinen Kontakt hatte, darf sie zu ihr fahren, um ihre Krankheit zu kurieren. Trotz der vielen Ermahnungen ihrer Mutter, lässt Mira sich nicht von ihrer Entdeckerlust abbringen und beginnt die Insel ihrer Oma zu erkunden. Mit der Zeit wird sie immer mutiger und dann fallen ihr seltsame Dinge auf. Wird Mira herausfinden, was auf der Insel vor sich geht?
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Pia Eichin
Inselgeheimnis
© 2015 Pia Eichin
Umschlag, Illustration: Pia Eichin
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-5869-4
Hardcover
978-3-7323-5870-0
e-Book
978-3-7323-5871-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inselgeheimnis
Prolog
Es war dunkel im Zimmer und durch die zugezogenen Vorhänge drang kaum der Schein der davor stehenden Straßenlaterne. Alles war in ein düsteres Licht getaucht und ließ das kleine Mädchen im Bett friedlich schlafen. Ihre Puppe hatte sie fest in den Arm geschlossen und auf den Lippen spiegelte sich ein leichtes Lächeln.
Plötzlich verschwand das Lächeln und die Miene wurde angespannt. Lauter werdende Stimmen drangen hinauf ins Obergeschoss und in das Unterbewusstsein des Mädchens. Ihr waren diese Stimmen unangenehm, verhießen sie doch nichts Gutes und ließen sie nicht weiter schlafen. Unruhig drehte sie sich hin und her und schlug schließlich die Augen auf. Große ängstliche Augen starrten in die Dunkelheit, als sie die Stimmen ihrer Eltern erkannte, die sich im Wohnzimmer stritten. Es war nicht der erste Streit den die siebenjährige Mira mitbekam. In letzter Zeit war es jedoch häufiger geworden. Die Puppe enger an sich gedrückt, versuchte Mira die Worte zu überhören, doch es gelang ihr nicht. Sobald sie ruhig da lag, verstand sie wieder jedes Wort.
Nach einigen Minuten hielt sie es nicht mehr aus und kletterte aus dem Bett. Mit leisen Schritten durchquerte sie das Zimmer, das für eine siebenjährige viel zu aufgeräumt war. Nirgends lag Spielzeug herum und alles war tadellos sauber und ordentlich.
Vorsichtig öffnete sie die Türe und trat hinaus auf den oberen Treppenabsatz. Von dort konnte sie hinunter ins Wohnzimmer schauen und sah wie ihre Mutter mit energischen Schritten auf und ab ging und dabei wild gestikulierte. Mira kauerte sich hinter das Geländer, drückte ihre Puppe noch enger an sich und starrte durch die Stäbe hinunter ins Wohnzimmer.
„Immer denkst du nur an Urlaub!“ fauchte Sophie.
„Im Gegensatz zu dir. JA!“ Das trockene Auflachen ihres Vaters verriet Mira, dass sich dieser direkt unter ihr bei der Couch befinden musste.
„Es geht einfach nicht“, wehrte sie ab. „Wir haben beide sehr arbeitsintensive Jobs und unsere Ausgaben wollen auch irgendwie bezahlt werden. Unsere Wohnung, die ganzen Versicherungen und sonst alles“
„Ich weiß so gut wie du, dass wir einen gehobenen Lebensstandard haben und dieser teuer ist. Trotzdem verdienen wir beide mehr als genug, um uns auch mal einen Urlaub zu gönnen.“
Frederic stand nun direkt vor seiner Frau und sah sie an. „Sophie, verdammt noch mal, meinst du nicht, dass auch Mira mal mit uns in Urlaub fahren möchte?“
„Ihr zwei fahrt doch hin und wieder weg. Was willst du denn noch?“ Ungläubig breitete sie die Hände aus.
„Das du uns einmal begleitest und deinen Job daheim lässt! Das du einmal auch für deine Familie da bist und nicht alles sofort stehen und liegen lässt, nur weil deinem Chef wieder einfällt er hat was vergessen und braucht dich sofort in der Firma!“
Sophie lachte gequält: „Frederic, es geht nicht. Sie brauchen mich dort und ich kann sie nicht im Stich lassen. Außerdem werde ich dort sehr gut bezahlt!“
„Verflixt Sophie, das ist doch nicht alles im Leben. Mira braucht auch eine Mutter die mal für sie da ist und nicht nur nach dem Arbeiten kurz Gute Nacht sagt und sonst auf Geschäftsreise ist.“
„Willst du mir vorwerfen, ich würde mich nicht um Mira kümmern? Du weißt sehr gut, dass ich immer für Mira da bin. Lass sie also aus dem Spiel, außerdem ist es auch für Mira das Beste, wenn sie früh lernt, das man für ein erfolgreiches Leben früh anfangen muss.“
„Aber doch nicht schon in der ersten Klasse! Mira lernt manchmal mehr als ein Abiturient.“
„Selbstverständlich schon dort. Dort wird der Grundstein für das restliche Leben gelegt. Und jetzt reicht es mir. Ich habe keine Lust mehr mich immer wieder mit dir über dasselbe Thema zu streiten. Also lass es endlich.“
„Du hast Recht“, antwortete Frederic mit einer Stimme, die müde und frustriert klang. „Wir haben uns wirklich schon zu oft darüber ausgelassen. Und auch ich habe langsam nicht mehr die Kraft dafür.“
„Dann geh doch!“ schnaubte Sophie.
Kurz darauf ertönten Schritte die sich der Treppe näherten. Mira saß noch immer oben am Geländer und hielt ihre Puppe krampfhaft an sich gepresst. Die Augen weit aufgerissen, starrte sie ihren Vater an, als dieser vor ihr stand.
„Oh Mira, du solltest doch schon im Bett liegen.“ Er hob sie hoch und drückte sie an sich. „Es tut mir Leid, dass wir dich geweckt haben. Komm ich bring dich wieder ins Bett.“
Damit öffnete er die Türe zu ihrem Zimmer und brachte sie ins Bett. Er blieb noch einige Zeit neben ihr sitzen und versuchte sie zu trösten, doch sie sah ihn weiterhin mit großen Augen an. Schließlich gab er ihr einen Kuss und stand auf. In der Türe stand schon Sophie und sah ihn eisig an. Eilig verließ Frederic das Zimmer und Sophie stürzte ans Bett ihrer Tochter.
„Schätzchen, haben wir dich geweckt?“ Leise ging sie in die Hocke und strich Mira beruhigend über den Kopf. „Es wird alles wieder gut. Mach dir da keine Sorgen. Papa und ich sind nur nicht einer Meinung, aber es wird alles wieder gut.“
In diesem Moment schlug unten die Haustüre mit einem Knall zu und Mira zuckte im Bett zusammen. Einen Moment saß Sophie wie versteinert da, dann riss sie sich zusammen und erhob sich.
„Versuch zu schlafen Mira. Morgen früh hast du wieder Schule und dafür musst du fit sein.“ Dann deckte sie ihre Tochter zu und verließ nach einem Gute-Nacht-Kuss das Zimmer.
Wieder alleine im Zimmer, starrte Mira weiter auf die geschlossene Türe und bemerkte nicht, wie einige Tränen ihr die Wange hinunter rollten. Sie verstand das gerade Geschehene nicht und wünschte sich, dass alles nur ein böser Traum gewesen sei. In wenigen Minuten würde sie aufwachen, und alles wäre wie immer. Da vernahm sie das Klappern der Tastatur aus dem Nebenzimmer. Ihre Mutter war also noch am Arbeiten. Das gleichmäßige Geräusch beruhigte Mira schließlich und sie fiel in einen tiefen aber unruhigen Schlaf.
„Mira, es gibt Frühstück“, rief Sophie nach oben und Mira schwang die Beine aus dem Bett. Sie wollte nicht aufstehen, nicht nachdem sie so schlecht geschlafen hatte. Mit einem Ruck zog sie die Vorhänge beiseite und ließ das gleißende Licht der Straßenlaterne hinein. Alles schien wie immer zu sein, vielleicht war das alles doch nur ein schrecklicher Traum gewesen.
Als sie wenige Minuten später die Küche betrat und am Tisch Platz nahm, bemerkte sie, dass nur für zwei Personen gedeckt war. Es war also kein Traum gewesen, wie sie anfangs gedacht hatte. Ihr Vater hatte letzte Nacht das Haus wirklich verlassen und war nicht nach Hause gekommen.
„Wo ist Papa?“
„Keine Ahnung. Du musst jetzt frühstücken. Dein Bus fährt in einer dreiviertel Stunde.“
„Aber Papa muss doch auch frühstücken.“ Mira wollte so gerne hören, dass ihr Vater einfach schon früher aufgestanden war und er deshalb nicht mit ihnen zusammen frühstückte.
„Mira, lass gut sein. Dein Papa ist gestern Abend ausgegangen und noch nicht nach Hause gekommen. Er wird schon wieder kommen. Du wirst sehen, heute Abend ist er wieder da und alles ist wie immer. Aber jetzt iss endlich.“
Schon nach wenigen Bissen hatte Mira keinen Hunger mehr und schob ihren Teller von sich weg. Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte Sophie ihre Tochter, unterdrückte jedoch eine Bemerkung. Schweigend beendete sie ihr Frühstück und begann dann für Mira das Vesper zu richten, während diese ihre Zähne putzte und den Schulranzen holte.
„Viel Spaß in der Schule“, verabschiedete Sophie ihre Tochter an der Türe und richtete sich dann selbst für die Arbeit.
Einige Tage später kam Mira von der Schule nach Hause und schloss die Wohnungstüre auf. Im selben Moment bemerkte sie, dass die Jacke ihres Vaters an der Garderobe hing. Sie ließ den Schulranzen im Flur fallen und rannte ins Wohnzimmer und dort saßen ihre Eltern. Mit einem Freudenschrei fiel Mira ihrem Vater um den Hals. Wie sehr hatte sie ihn vermisst, seit er vor Tagen das Haus verlassen hatte und nicht zurückgekommen war. Ihr Vater drückte sie eng an sich, doch auch das verhinderte nicht, dass Mira ein ungutes Gefühl beschlich. Normalerweise kamen ihre Eltern erst nach ihr nach Hause. Ein Blick in die Gesichter der Eltern bestätigte diesen Verdacht.
„Papa, du bleibst doch hier?“ Ein ängstlicher Ton hatte sich in ihre Stimme geschlichen.
Frederic seufzte: „Es tut mir so leid, mein Mädchen.“
„Nein“, schrie Mira auf. „Du musst hier bleiben, bei mir. Du kannst nicht einfach gehen.“ Sie wand sich hilfesuchend an ihre Mutter: „Mama, sag Papa, er darf nicht gehen!“
Doch diese schüttelte nur den Kopf: „Nein, Mira, das geht nicht.“
„Warum?“ heulte das Mädchen auf und klammerte sich fester an ihren Vater.
„Es tut mir so leid, Mira. Aber ich kann nicht hier bleiben.“ Er strich ihr über den Kopf. „Du wirst es später einmal verstehen, auch wenn es jetzt weh tut. Lass mir dir noch sagen, und das verspreche ich dir auch ganz fest: Ich bin immer für dich da, egal wann und was ist. Du kannst immer zu mir kommen!“
„Es reicht jetzt Frederic. Du solltest gehen.“ Sophies Stimme klang schneidend und erreichte damit nur, dass Mira sich noch enger an ihren Vater klammerte und in Tränen ausbrach.
„Bleib bei mir Papa“, heulte sie und die Tränen liefen in Strömen ihre Wange hinunter.
Es brach ihm fast das Herz, als er aufstand und sie dabei weiter fest im Arm hielt. Doch es gab keine Möglichkeit mehr, wie er seine Ehe retten konnte. Außerdem würde jedes weitere Zusammenleben mit Sophie unter einem Dach nur zu Lasten von Mira gehen. Und ihr Wohl stand für ihn an erster Stelle. So sehr er sie liebte, lieber würde er sie nur noch hin und wieder sehen, als dass sie weiterhin die Streitereien mit Sophie mitbekam. Die großen angstvollen Augen gingen ihm nicht mehr aus dem Sinn.
„Wir werden uns häufig sehen“, versprach er ihr. Ganz sicher war er sich dabei zwar nicht, aber er würde es auf jeden Fall versuchen. Er hatte keine Ahnung wie die Scheidung ablaufen würde, sobald Sophie die Papiere erhalten würde, aber zum Wohl von Mira würde er vielem zustimmen.
Er drückte seine Tochter ein letztes Mal an sich, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und nahm dann seine restlichen Taschen auf und verließ die Wohnung. Seine Augen füllten sich mit Tränen und verschleierten den Blick.
„Nein, Papa. Du darfst nicht gehen.“
Mira wollte ihm hinter her, doch Sophie griff nach ihrer Hand und zog sie an sich.
„Bleib hier, Mira! Das bringt nichts. Dein Vater braucht nur ein bisschen Zeit um wieder zur Vernunft zu kommen. Komm her, wir gehen jetzt in die Küche und ich mache dir eine schöne Tasse heiße Schokolade. Die magst du doch so sehr.“
Mit einem letzten wütenden Blick ins Treppenhaus, schloss sie die Türe und versuchte dann weiter ihre Tochter zu beruhigen. Wie konnte er nur so seine Tochter beunruhigen. Sophie war sich ziemlich sicher, dass er nur ein paar Tage brauchte um sich zu beruhigen und dann wieder zurückkommen würde. Diesen Optimismus teilte ihre Tochter nicht. Sie befürchtete vielmehr, dass ihr Vater nicht mehr zurückkommen würde. Und dies bestätigte sich wenige Tage später. Sophie erreichte ein Brief, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass ihr Mann die Scheidung eingereicht hatte.
Kapitel 1
Noch zehn Minuten bis Unterrichtsschluss. Mira hielt den Kopf leicht gesenkt, die eine Hand am Hals und versuchte den aufkommenden Hustenreiz zu unterdrücken. Das Kratzen schien unbändig, weder Trinken noch Halsbonbons bewirkten eine Linderung. In den letzten Wochen und Monaten war es immer schlimmer geworden. Sie hatte auch davor schon Zeiten gehabt, in denen sie nur schwer Luft bekam und der schleimige Husten begleitete sie dabei stetig. Aber jetzt war es viel heftiger und die verschiedenen Medikamente die sie verschrieben bekommen hatte, zeigten kaum Linderung. Sie halfen ein paar Tage, danach war nichts mehr von der Wirkung zu beobachten.
Ein kurzes Husten ließ sich nicht unterdrücken und sofort spürte Mira die angewiderten Blicke einiger Klassenkameraden auf sich gerichtet. Durch ihren Husten war sie zur Außenseiterin geworden, da die anderen nichts mit ihr zu tun haben wollten. Nur mit ihrer Tischnachbarin Paula verband sie eine enge Freundschaft. Doch Paula war seit Anfang der Woche krankgeschrieben und Mira vermisste sie sehr. Paula half ihr meistens weiter, wenn sie, durch den Husten abgelenkt, dem Unterrichtsgeschehen nicht folgen konnte. Zwar wussten die Lehrer von ihren Beschwerden, doch behandelten sie sie deshalb nicht anders als die anderen Schüler. Schließlich saßen um die 30 Schüler und Schülerinnen in der Klasse und da hatte jeder seinen Teil zum Unterricht beizutragen. Es war unmöglich einzelne zu bevorzugen, ohne dass sich andere beschweren würden. Der einzige Vorzug, der ihr zuteil wurde, war dass die Lehrer sie nicht ermahnten, wenn sie hin und wieder nachfragen musste, was gerade gefragt wurde.
Die vierzehnjährige gehörte trotzdem zu den besten Schülerinnen, doch das beruhte eher darauf, dass Mira zuhause noch sehr viel lernte und so im Stoff gut mitkam. Im Unterricht beteiligte sie sich jedoch kaum, obwohl sie die meisten Antworten wusste. Sie konnte sich nur meistens nicht überwinden sich zu melden und vor der Klasse etwas zu sagen. Da die anderen sie bei jeden Husten anstarrten, hatte sie sich immer mehr in sich zurückgezogen und wäre, wenn Paula nicht wäre, noch zurückhaltender geworden, als sie es auch so schon war.
An manchen Tagen wünschte sich Mira, sie wäre wie alle anderen in der Klasse, selbstsicher und beliebt und dass sie keiner wegen ihrem Husten hänseln würde. Doch es gab auch Tage, an denen es ihr gleichgültig war, was die anderen dachten. An diesen Tagen war sie so sehr damit beschäftigt den Hustenreiz zu unterdrücken, das sie um sich herum kaum noch etwas mitbekam und alles an ihr abprallte, ohne ein Reaktion hervor zu rufen.
Der Gong ertönte und fast augenblicklich begann das wilde Geplapper. Stühle wurden zurück geschoben und die Schulsachen eingepackt. Mira atmete erleichtert aus, ein weiterer Schultag war vorüber und fast sofort setzte der Husten ein.
„Hättest du jetzt nicht noch warten können, bis wir weg sind?“ bemerkte eine bissige Stimme aus dem hinteren Teil des Zimmers.
„Bleib doch zuhause, wenn du krank bist“, maulte ein anderer und weitere stimmten ihm zu.
Wie gerne würde Mira dieser Forderung nachkommen, doch ihre Mutter bestand darauf, dass sie weiterhin zur Schule ging. Schließlich habe sie ja keine ansteckende Krankheit oder sonst irgendetwas, das einen Schulbesuch ausschließen würde.
„Warum kann ich nicht einfach so sein, wie alle anderen auch?“ fragte sie das leere Zimmer. Langsam machte sie sich daran alles einzupacken und verließ als letzte das Klassenzimmer.
Vor der Schule bog sie links ab und steuerte das Wohnhaus an, in dem Paula wohnte und die sie schon sehnlichst erwartete. Sie hatten sich jetzt seit letztem Freitag nicht mehr gesehen, da Paula bis gestern ein Besuchsverbot hatte. Wenige Minuten später stand Mira vor dem Haus und klingelte. Paulas Mutter ließ sie herein.
„Hallo Mira, schön dich zu sehen. Paula hat sich schon den ganzen Tag auf dich gefreut. Dass sie nicht raus kann, ärgert sie ganz schön. Und im Bett ist ihr einfach nur langweilig. Ich hol euch beiden gerade noch Kekse, aber du kannst ja schon vorgehen.“ Damit verschwand sie in der Küche.
„Hallo Paula“, begrüßte Mira ihre Freundin kurz darauf und setzte sich zu ihr aufs Bett. „Wie geht ’s dir?“
„Schon besser, zum Glück. Es ist so langweilig daheim. Man kann kaum was machen und ist immer so kaputt dabei.“
„Das glaube ich. Aber ohne dich ist die Schule auch furchtbar. Du fehlst einfach. Und ich konnte mich heute mal wieder kaum konzentrieren.“ Sie zuckte resigniert die Schulter.
„Oh je, helfen die Tabletten nicht mehr?“ erkundigte sich Paula.
Mira schüttelte nur traurig den Kopf: „Nein. Überhaupt nicht mehr. Gestern war ich mit Mama deswegen beim Arzt.“
„Ja und? Kam jetzt wenigstens etwas raus?“
„Ich weiß es nicht genau.“ Sie sah das Fragezeichen, dass sich auf Paulas Gesicht abzeichnete und fuhr fort. „Du weißt doch, dass Mama mir nichts erzählt. Was ich gestern so ein bisschen mitbekommen habe ist, dass die Medikamente und die Therapie, die ich gerade mache, nicht so anschlagen wie sie sollen. Danach hat sich der Arzt noch mit Mama unterhalten, da durfte ich aber nicht dabei sein. Wahrscheinlich wieder neue Medikamente, neue Therapie, keine Ahnung. Manchmal verstehe ich gar nicht, warum ich eigentlich überhaupt mit zum Arzt gehe. Das meiste wird doch sowieso über meinen Kopf hinweg entschieden!“ Einen Moment lag ein düsterer Schatten auf ihrem Gesicht. „Lass uns bitte über etwas anderes reden, okay?“
„Natürlich“, stimmte Paula sofort zu, die verstand, dass dieses Thema Mira nur noch belastete. Außerdem wusste sie, dass ihre Freundin sie auf dem Laufenden hielt. „Hast du auch eine Einladung von Loren bekommen? Lag heute im Briefkasten, Mama hat sie mir vorhin gebracht.“
Mira nickte: „Ja, die hat sie heute in der ganzen Klasse verteilt. Dann verstehe ich jetzt auch warum sie mir nicht deine mitgegeben hat. Hatte mich schon etwas gewundert, aber dann hat sie deine wahrscheinlich schon heute Morgen auf ihrem Weg zur Schule bei dir eingeworfen.“
„Sie hat also schon wieder die ganze Klasse eingeladen?“ Mira nickte. „Oh nein. Ich geh da nicht hin. Das eine mal hat gereicht!“
Die beiden Mädchen dachten an die Geburtstagsfeier von Loren zurück, bei der sie dabei gewesen waren. Alle hatten viel Spaß gehabt, doch sobald Paula und Mira sich dazu gesellten, wurde es schlagartig still und manche wandten sich demonstrativ von ihnen ab. Auf eine Wiederholung dieser Erlebnisse hatten sie keine Lust.
In diesem Moment klopfte es an die Türe und Paulas Mutter brachte einen Teller mit Keksen und Apfelschnitzeln und etwas zu trinken herein.
„Oh lecker, danke Mami“, bedankte sich Paula lachend bei ihrer Mutter.
„Gestern wollte sie weder das eine noch das andere“, erwiderte sie in Miras Richtung und wand sich dann an ihre Tochter. „Dann scheint es dir ja schon wieder besser zu gehen. Hab ich euch gerade gestört?“
„Nein, wir hatten es gerade nur von der Einladung, wo wir beide nicht hinwollen. Uns hat das letzte Mal gereicht“, antwortete Mira.
„Ich erinnere mich an eure Berichte. Ja, so etwas muss man sich nicht noch einmal antun. Da kann man seine Zeit schöner nutzen.“ Stimmte ihnen Paulas Mutter zu. „Dann lass ich euch beiden, jetzt mal wieder alleine. Wenn ihr noch was braucht, ruft ihr halt.“ Damit schloss sie dann die Türe hinter sich.
„Deine Mama ist einfach cool. Meine wäre aber auch nicht zuhause und Kekse gäbe es auch nicht.“
Dann widmeten sie sich erfreulicheren Themen und vergaßen dabei die Zeit. Erst als Paulas Mutter wieder an die Türe klopfte, viel ihnen auf wie spät es war.
„Deine Mutter hat gerade angerufen, Mira. Sie sagte, du sollst mal langsam nach Hause kommen.“
„Oh je“, rief Mira nach einem schnellen Blick auf die Uhr. „Ich hätte schon vor über einer Stunde zu Hause sein sollen.“ Sie stand auf und umarmte die Freundin zum Abschied. „Ich komme morgen Mittag wieder vorbei.“
„Mach das, dann wird mir nicht so langweilig. Hoffentlich ist deine Mutter nicht zu böse auf dich. Sag ihr einfach, ich wollte dich nicht gehen lassen.“
Mira lachte und beeilte sich dann nach Hause zu kommen.
Eine dreiviertel Stunde später öffnete Mira die Wohnungstüre und trat ein. Sie wollte gerade nach ihrer Mutter rufen, als sie diese in der Küche reden hörte. Also zog sie die Schuhe aus und hängte ihre Jacke auf. Dann nahm sie ihren Schulranzen wieder auf und lief in Richtung Zimmer. Auf ihrem Weg kam sie an der Küche vorbei und warf einen Blick hinein. Sophie war am Telefon und Mira wusste nur zu gut, dass man ihre Mutter dabei nicht stören durfte. Sie war schon stehen geblieben, als Worte an ihr Ohr drangen und sie unwillkürlich stehen blieb und sich umdrehte.
„Ich weiß, dass ich vielleicht früher hätte anrufen sollen, aber ich habe es schließlich auch erst gestern erfahren. Sonst hätte ich mich sicherlich schon früher gemeldet! … Ob ich einen anderen Platz wüsste? Nein, mit Sicherheit nicht. Ich schicke meine Tochter doch nicht zu wildfremden Menschen!“
Leise seufzte Mira auf, Sophie würde also mal wieder auf Geschäftsreise gehen und sie schlief dann mal wieder bei irgendwelchen Bekannten von ihrer Mutter. Sie setzte sich wieder in Bewegung, hielt jedoch im nächsten Moment wieder inne.
„Natürlich verpasst sie dann den Unterricht, aber dann muss sie halt die verpassten Arbeiten nachschreiben. Es ist schon alles mit der Schule geklärt. Außerdem gibt es bei dir doch bestimmt auch Schulen, die sie dort besuchen kann.“ Sophie schwieg eine Weile und lauschte der Antwort. Mira konnte jedoch nicht verstehen, was am anderen Ende gesprochen wurde, geschweige denn mit wem ihre Mutter telefonierte. Als ihre Mutter dann antwortete, zuckte sie bei dem entschiedenen Tonfall zusammen.
„Wie auch immer, ich muss jetzt Schluss machen. Sie kommt bei dir am Freitag an, also in zwei Tagen. Und du wirst sie dann am Bahnhof abholen. Ich sage dir noch Bescheid, wann ihr Zug ankommt. Tschüss.“ Erleichtert atmete Sophie aus.
Im Flur ließ Mira ihre Schultasche sinken und atmete tief ein, was hatte dieses Telefonat nur zu bedeuten? Entschlossen ging sie zurück zur Küche.
„Hallo Mama, ich bin wieder da.“
Sophie drehte sich zu ihrer Tochter um und warf einen Blick auf die Uhr an ihrem Handgelenk und fragte dann leicht vorwurfsvoll: „Mira, wolltest du nicht bereits vor zwei Stunden zu Hause sein?“
„Es tut mir Leid, Mama. Wir haben die Zeit vergessen“, murmelte diese leise.
„Ist jetzt auch egal. Dein Klassenlehrer ist ab halb acht in der Schule, oder?“
Verwirrt über den abrupten Themenwechsel bestätigte Mira dies. Zufrieden nickte Sophie und blätterte in ihrem Terminkalender.
„Gehst du wieder auf Geschäftsreise?“ fragte Mira.
„Ja, aber erst Ende nächster Woche. Das bekommst du diesmal allerdings nicht mit. Du wirst nämlich nicht zu Hause sein.“
„Aber ich hab doch noch einige Wochen Schule bis wieder Ferien sind“, entgegnete Mira überrascht.
Sophie seufzte gequält: „Okay. Eigentlich wollte ich erst morgen mit dir darüber reden, wenn alles geklärt ist. Aber nun gut. Dann erkläre ich es dir eben jetzt. Danach machst du aber deine Hausaufgaben. Ich habe später noch einen wichtigen Geschäftstermin und komme erst später wieder nach Hause. Lass uns ins Wohnzimmer gehen, da können wir uns hinsetzen.“ Mit einer Hand führte sie ihre Tochter ins Wohnzimmer, wobei sie dem Schulranzen am Boden einen hochgezogenen Blick zu warf, sich ein Kommentar jedoch verkniff.
Sophie machte es sich im Sessel bequem, während ihre Tochter ihr gegenüber auf dem Sofa Platz nahm. Sie hatte sich interessiert vorgebeugt und die Hände auf den Knien abgestützt. Ihre Mutter holte noch einmal tief Luft, bevor sie mit ihrer Erklärung begann.
„Ich habe mich gestern noch mit deinem Arzt unterhalten.“
„Warum darf ich bei diesen Besprechungen eigentlich nie dabei sein?“ unterbrach Mira ihre Mutter. „Es geht doch um mich?“
„Mira, du weißt dass ich keine Unterbrechungen mag.“ Schuldbewusst senkte Mira den Kopf und Sophie fuhr fort. „Es ist nur zu deinem Schutz. Ich möchte nicht, dass du dir zu viele Sorgen machst. Du sollst dich in Ruhe auf die Schule konzentrieren können und dich nicht mit zu vielen Gedanken über deine Krankheit herumärgern. Es könnte dich zu sehr ablenken. Das ist der einzige Grund, warum du nicht dabei bist. Außerdem würdest du die ganzen Fachbegriffe wahrscheinlich sowieso nicht verstehen.
Aber nun zurück zur letzten Besprechung. Dein Arzt ist sich immer noch nicht sicher, was genau du eigentlich hast. Allerdings hat er mittlerweile die Vermutung, dass es mit der Luft hier zusammen hängen könnte. Wie hat er es so schön ausgedrückt: „Die vielen Abgase und die Industrieschadstoffe können sich negativ auf die Lungenfunktionen eines empfindlichen Menschen auswirken.“
Er schlägt als letzte Möglichkeit vor, bevor er mit den wirklich harten Medikamenten anfängt, dass du eine Kur am Meer verschrieben bekommst. Die Meeresluft sei wohl ideal bei Lungenproblemen und könne deine Beschwerden lindern und eventuell sogar heilen. Dazu ist aber ein mehrwöchiger Aufenthalt an der Nordsee erforderlich.“
„Ich soll an die Nordsee fahren?“ fragte Mira überrascht.
„Ja, das ist der Plan. Ich habe schon alles mit deinem Schulleiter abgesprochen. Er war sehr verständnisvoll und hat sofort zugestimmt, dass deine Gesundheit momentan wichtiger ist als die Schule. Es besteht daher die Möglichkeit, je nachdem wie lange du am Meer sein wirst, dass du die Klausuren einfach nachschreibst und so auch kein Jahr verlierst.“
„Kannst du dir solange frei nehmen?“ Das mitgehörte Telefonat ihrer Mutter und das darin gesprochene, hatte Mira in diesem Moment verdrängt.
Sofort schüttelte Sophie energisch den Kopf: „Nein, das geht nicht. Ich kann nicht mit dir mitkommen. Aber du bist ja schließlich schon groß und kannst auch alleine fahren. Wir wissen halt nicht wie lange deine Kur dauern wird und solange kann ich mir nun mal unmöglich frei nehmen. Du weißt doch, dass ich einen wichtigen Job habe und schon im Allgemeinen nur schwer Urlaub bekomme.“
Enttäuscht ließ Mira den Kopf hängen, ihre Mutter würde sie also wieder einfach irgendwohin hinschicken und die Arbeit als Vorwand vorschieben. Sie war sich sicher, dass ihre Mutter genauso Urlaub bekommen würde, wenn sie ihn beantragte, wie jeder andere auch. Nur, Sophie wollte nicht in Urlaub.
„Schade. Wo werde ich dann wohnen? Ich kenne niemanden, der am Meer wohnt. Bin ich dann in so einer Einrichtung?“ Inständig hoffte sie, dass es keine Einrichtung sein würde, wo alles vorgeschrieben war und sie niemanden kannte.
„Darüber brauchst du dir keine Sorgen machen“, munterte Sophie sie auf und setzte sich neben sie. „Deine Oma wohnt am Meer und sie wird dich in der Zeit aufnehmen und sich um dich kümmern.“
„Oma? Aber deine Eltern wohnen doch hier in der Nähe?“ unterbrach Mira überrascht.
Sophie lachte: „Meine Eltern schon. Die Mutter von deinem Vater wohnt am Meer. Ich habe gerade eben mit ihr telefoniert und sie freut sich schon sehr auf dich. Es war gar kein Problem, dass du so kurzfristig vorbei kommst.“ Dabei dachte sie an das Gespräch mit ihrer ehemaligen Schwiegermutter zurück und hoffte, dass diese sich bis Mira bei ihr ankam, wieder beruhigt hatte. Und wenn nicht, dann war es auch nicht ihr Problem.
„Oma…“, begann Mira und bemerkte dann unangenehm berührt, dass sie nicht einmal wusste, wie die Mutter ihres Vaters hieß.
„Olivia“, half ihre Mutter aus. „Deine Oma heißt Olivia.“
Aber dieser Name half nicht. Mira glaubte, diesen Namen irgendwann mal gehört zu haben, aber sie konnte keine Erinnerung damit verknüpfen.
„Wie ist Oma Olivia?“
„Das ist eine gute Frage, die ich dir nicht beantworten kann. Ich habe meine ehemalige Schwiegermutter seit über sieben Jahren nicht mehr gesehen. Aber du wirst dich sicher gut mit ihr verstehen. So war es zumindest als du kleiner warst und ich glaube nicht, dass sich da groß was geändert hat. Am besten telefonierst du dafür mit deinem Vater. Der wird dir mehr erzählen können. Nur ist der wahrscheinlich mal wieder nicht erreichbar.“ Damit stand sie auf und beendete so das Gespräch. „Du gehst jetzt in dein Zimmer und machst deine Hausaufgaben. Morgen gehst du noch einmal in die Schule und am Freitag fährt dein Zug. Ich bestelle dir gerade noch ein Ticket und dann muss ich auch schon los.“
„Bringst du mich denn nicht hin?“
„Oh Mira, ich hab dir doch erst gestern erzählt, dass ich diese Woche ein sehr wichtiges Projekt fertig bekommen muss und da kann ich dich nicht einmal kurz an die Nordsee bringen und wieder zurück fahren. Es gibt aber eine fast direkte Verbindung und du bist schließlich alt genug um auch ein, zweimal umzusteigen. Aber jetzt, hopp.“
Für Sophie war das Thema damit endgültig erledigt, doch Mira hatte noch viele offene Fragen. Sie wusste jedoch wie ihre Mutter nun auf weitere Fragen reagieren würde und ließ es daher sein. Im Flur nahm sie ihren Schulranzen auf und setzte sich an den Schreibtisch. Während sie über dem aufgeschlagenen Heft saß und versuchte sich auf die geforderte Aufgabe zu konzentrieren, schossen ihr die verschiedensten Gedanken durch den Kopf und raubten die nötige Konzentration. Mit Mühe und Not schaffte Mira es schließlich ihre Hausaufgaben zu erledigen und nahm dann das Telefon zur Hand um ihren Vater anzurufen.
Am Festnetzanschluss ging sofort der Anrufbeantworter dran und auf dem Handy erreichte sie ihn ebenfalls nicht. Dann erinnerte sie sich, dass er ihr das letzte Mal mitgeteilt hatte, dass er die nächste Zeit im Ausland und nur schwer erreichbar sei. „Warum konnten meine Eltern nicht einfach, wie so viele andere, einfach in Deutschland arbeiten, damit man sie auch hin und wieder mal erreicht, wenn man es möchte.“
