Inside Passage - Kerstin Glathe - E-Book

Inside Passage E-Book

Kerstin Glathe

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Beschreibung

Kaum haben sich Erik und Katharina kennen gelernt, heiraten sie auch schon. Eine unglaubliche Liebe beginnt und übersteht auch Katharinas Auslandsjahr in Kanada. Als Erik stirbt, fragt Katharina sich, war es Krankheit oder Mord? Die Suche nach der Wahrheit kann sie selbst nicht mehr zu Ende führen, aber Janna, ihre Tochter, entdeckt ein Geheimnis in Kanada, dort wo alles begann.

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Seitenzahl: 269

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ob es das Glück gibt? Natürlich gibt es Glück, sogar das vollkommene Glück. Genauso wie es die große Liebe gibt, die bis ans Lebensende hält. Wer will jemals das Gegenteil behaupten? Wer seine Träume im Garten der Illusionen vergräbt, gibt damit zu, das Glück zu kennen, selbst wenn er es nicht erleben durfte. Momente des Glücks - sie können Sekunden oder Jahre dauern - sind geschenkte Zeit, fühlen sich zeitlos an, sind immer zu früh vorbei - in diesem Leben! Wir nennen ihn Tod, der mit absoluter Sicherheit und allgemeingültig sowohl das Glück als auch die Liebe beendet. Es gibt aber begründete Hoffnung, dass es nicht alles war. Manche wissen darüber mehr.

"Warte auf mich. Draußen ist es zu dunkel für einen allein."

(Sven Regner)

"Wer war das?" fragte Agnes.

"Ein früherer Freund von mir." Sie versuchte unbekümmert zu wirken, aber die Freundin sah sie scharf an.

"Was ist passiert?"

Katharina blieb bei ihrer Gelassenheit. "Er hat versucht mich fertig zu machen. Eine weitere Chance gebe ich ihm nicht."

"Du sprichst in Rätseln." Agnes schüttelte den Kopf. Sie bestellten beide einen Kaffee. Katharina blickte zu dem Tisch am Fenster herüber, aber sie sah nicht hin. Vor ihr zogen die Bilder von Schweden auf. Sommer, Haferfelder, Sonne, Kinder. Nach langem Zögern hatten sie und Erik sich durchgerungen mit ihren Freunden in Urlaub zu fahren. Erik kannte Tom schon lange. Er und Karolin waren das einzige Paar, was ihnen einfiel, das ganz und gar glücklich zusammen war, außer ihnen selbst natürlich. Erik und Tom verband eine nicht zu erklärende Faszination, vielleicht, weil sie so gegensätzlich waren. Dabei glichen sie sich äußerlich wie Brüder. Katharina schmunzelte, denn auf einem Urlaubsfoto hatte sie Tom einen Moment lang für ihren Erik gehalten. Selbst ihr passierte das.

Karolin und sie kamen gut miteinander klar, obwohl es keine innige Vertrautheit gab. Sie lebten in verschiedenen Welten. Karolin war mit ihrem dritten Kind schwanger und ging offensichtlich voll in ihrer Mutterrolle auf. Sie verspürte keinerlei Lust, wieder zu arbeiten, wie sie sagte. Dabei hatte sie jahrelang gut verdient. Das besorgte Tom jetzt für sie mit. Bei seinem Drang nach Karriere und den damit verbundenen Wohnungswechseln konnte Karolin sowieso nirgendwo Fuß fassen. Beim letzten Umzug hatten Katharina und Erik mitgeholfen. In der Woche vor Weihnachten. Im März hatte Tom sich schon wieder fünfhundert Kilometer weiter nördlich beworben. Katharina erinnerte sich, wie sie noch am Umzugstag die Weihnachtsdekoration von den Fenstern in der alten Wohnung abgenommen hatte. "Die Kinder haben das gebraucht." hatte Karolin sich entschuldigt. "Wenigstens etwas Weihnachtsstimmung sollten sie haben."

Völlig erschöpft aber zufrieden hatten sie es bis Weihnachten sogar wohnlich in dem neuen Haus. Die Kinder hatten kaum etwas gemerkt. Nur Karolin war nicht wie in den anderen Jahren dazu gekommen mit ihnen zu backen und zu basteln. Vielleicht nächstes Mal. Karolin beschäftigte sich gern mit den Kindern. Katharina fand es eher ermüdend. Als Karolin in die Küche des Ferienhauses kam, sah sie etwas mitgenommen aus.

"Ruh dich mal etwas aus." forderte Katharina sie auf und nahm ihr die Teller aus der Hand.

"Wieso, von was soll ich mich ausruhen?"

"Schließlich hast du gerade eine Stunde mit den Kindern draußen gemalt."

Karolin wehrte ab. "Ach, was. Die Kinder haben gemalt, nicht ich."

"Ich finde das immer ziemlich anstrengend." erwiderte Katharina. "Und zusätzlich arbeitest du ja noch an dem Baby." Dabei wies sie auf Karolins dicken Bauch.

"Das macht sich doch ganz von alleine."

Katharina resignierte. "Das habe ich aber ganz anders in Erinnerung", rief sie noch hinterher und sah Karolin mit dem Geschirr draußen den Tisch decken. Wie sollte sie mit so einer Frau ins Gespräch kommen? So sehr sie sich mochten, sie waren eine gegenseitige Anklage. Karolin hielt sie wahrscheinlich für eine schlechte Mutter, weil sie gerne und oft an sich selbst dachte, und Katharina konnte sich die Fassungslosigkeit nicht aus dem Gesicht wischen, wenn sie diese Selbstaufgabe beobachtete.

Tom liebte Kinder. Er war ein hingebungsvoller Vater. Die beiden waren wie geschaffen für einen riesigen Stall voller Nachwuchs. Deswegen fanden sie Katharinas Bemerkungen über ihren eigenen Stress ziemlich geschmacklos. Sie machte sich nichts daraus offen zuzugeben, dass der Urlaub ohne die Kinder bestimmt viel erholsamer gewesen wäre. Tom hatte nur zynisch bemerkt, dass sie sich das wohl hätte eher überlegen müssen.

Am schlimmsten war es beim essen. Katharina hatte alles gern geordnet und unter Kontrolle. Mit drei Kleinkindern am Tisch herrschte das Chaos. Kein Gespräch konnte sich entwickeln und von Gemütlichkeit keine Spur. Die Kleinen zogen die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Besonders Janna war nach den langen Tagen beim Abendessen ziemlich durch den Wind. Eines Abends hatte Katharina sie einfach schreiend und ohne Essen ins Bett gebracht. Sie konnte das Quengeln nicht mehr ertragen. Janna war nach zwei Minuten eingeschlafen, aber Tom konnte nicht mehr an sich halten. Er bebte vor Zorn und blieb nur mühsam ruhig, als Katharina an den Tisch zurückkam.

"Weißt du eigentlich, dass ich mir in diesem Urlaub ständig auf die Zunge beißen muss?" fragte er gepresst.

Katharina sah ihn erstaunt an. Sie wusste, dass er manche Eigenarten an ihr nicht mochte, und es ratterte in ihrem Hirn, was er wohl dieses Mal meinen konnte. "Wieso?" fragte sie deshalb verwirrt.

"So wie du dein Kind behandelst, bekommt es noch einen Knacks. Du bist so egoistisch und selbstsüchtig, dass ich es kaum ertragen kann." Katharina war für einen Moment sprachlos. Ihr war schon viel vorgeworfen worden, aber die meisten waren sich zumindest darin einig, dass sie eine ausgezeichnete Mutter war.

"Was meinst du?"

"Ich meine, dass ihr an einem Abend am Tisch sitzt und mit den Kindern lacht und scherzt, und am nächsten Tag schreist du herum und verstehst überhaupt keinen Spaß mehr. Die wissen doch gar nicht, wo sie dran sind."

"So ist das Leben. Ich habe eben gute und schlechte Tage, genau wie Kinder," gab sie zurück. Sie war alarmiert, denn sie spürte genau, dass noch mehr kommen würde.

"Du darfst dich aber nicht so gehen lassen."

"Ich denke, auch Kinder müssen mich so nehmen wie ich bin. Ich habe eben auch nur Nerven und im Moment nicht die besten. Es ist für mich genauso anstrengend manchmal schlecht drauf zu sein. Das ändert aber nichts an meinem Wesen. Es ist nur eine Facette davon."

"Wenn du depressiv bist, dürftest du kein Kind haben." urteilte er dogmatisch. "Du kannst dich nicht entschuldigen und eine Zumutung für den Rest der Welt sein."

"Ich bin eine Zumutung?" Katharina war sich keiner Schuld bewusst.

"Du strapazierst meine Nerven in diesem Urlaub bis aufs Äußerste." bombardierte er sie weiter. "Du hast zu allem eine Meinung, weißt alles ganz genau und lässt es jeden wissen. Das nervt."

Katharina atmete tief durch. Wieder die alte Tour. "Kann es sein, dass wir uns da sehr ähnlich sind?" fragte sie spitz zurück.

"Das mag schon sein." Er wurde jetzt jovial. "Aber dein Fehler ist, dass du nichts dagegen tust." Katharina war wie erschlagen. Die ganze Tragweite dieser Anschuldigung ging ihr erst lange Zeit später auf. Er konnte sie nicht ertragen, weil sie so war wie er, mit seinen eigenen exzentrischen Eigenarten ausgestattet. Er gab zu, dass sie sich ähnelten, und er verlangte von ihr, dass sie das Verhalten abstellte.

"Ich muss Erik bewundern." setzte er seine Attacke fort. "Mit so einer aggressiven Frau wie dir, käme ich nicht klar."

Die Gedanken verhedderten sich in ihrem Kopf und sie fühlte sich wie gelähmt. Hilfesuchend sah sie zu Erik. "Findest du das auch?"

Erik hatte einen harten Zug um den Mund bekommen. Seine Augen verweigerten jeden Zugang. Bestimmt richtete er sich an Tom und packte seine Worte in eine unglaubliche Leichtigkeit, die dennoch deutlich wie Pflastersteine zu Tom flogen. "Ich finde Katharina nicht aggressiv, jedenfalls nicht mehr als andere. Du hast vielleicht ein anderes Frauenbild, aber wie ich das sehe, das lass mal meine Sorge sein."

Katharina war jedesmal überrascht, wie Erik mit einem freundlichen Satz alle Vorwürfe ersticken konnte. Sein Selbstverständnis würde sie gerne haben. Tom sagte nichts mehr dazu. Er spürte instinktiv, dass er gegen eine Wand rennen würde.

Sie gingen in ihre Zimmer. Katharina hatte das Gefühl, mit einer Keule getroffen worden zu sein. Ihr Kopf war dumpf und zu keinem Gedanken fähig. Nicht die Vorwürfe schmerzten, sondern das Gefühl, um ein Haar vernichtet worden zu sein. So anfällig war sie immer noch. In Eriks Armen weinte sie sich in den Schlaf.

Genauso wachte sie am nächsten Morgen auf. Ganz gegen ihre sonstige Art war sie nicht in der Lage zu sprechen. In der Nacht hatte sich ihre Verzweiflung in rasende Wut verwandelt. Sie war mit dem Gedanken an Mord beladen. Tom und Karolin wirkten irritiert, sagten aber nichts. Niemand erwähnte ein Sterbenswörtchen. Sie verbrachten den Tag gemeinsam mit einer dicken qualmenden Giftwolke in der Luft.

Gegen Abend lockerte Katharinas Stimmung etwas auf. Dafür zog Tom sich noch vor dem Abendessen zurück. Am nächsten Morgen berichtete Karolin, dass er Fieber habe und sich nicht rühren könne. Erik sah Katharina scharf an. Sie zog ihn zur Seite. "Ich schwöre dir, Erik. Ich habe ihm keine Krankheit an den Hals gewünscht. Ich war nur wütend."

"Ich kenne deine mächtigen Gedanken. Wenn du willst, dass er dahinsiecht, wird das wahr." Katharina war amüsiert. Sie hatte gar nicht gewusst, wie ernst Erik sie mittlerweile nahm. Jedenfalls fühlte sie sich ohne Schuld. Lediglich ihre Ausstrahlung war gegen Tom gerichtet gewesen. Zumindest war er sensibel genug, es zu spüren. Sein Körper hatte die Wut nicht vertragen. Katharina musste immer noch voller Schadenfreude schmunzeln. Tom war noch Wochen nach dem Urlaub krank gewesen. Sie dagegen hatte eine Initialzündung. Sie wusste, von welcher Art Mann sie sich fernhalten musste, denn Tom war nichts anderes als eine Probe des Schicksals gewesen. So hatte ihr Vater sie versucht zu zerbrechen, so würden es andere schwache Männer auch versuchen, wenn sie ihnen Angst machte. Sie war gewarnt.

Agnes hatte ihren Kaffee schon fast ausgetrunken. "Sag mal. Das muss aber ein befriedigendes Ende einer Freundschaft gewesen sein." bemerkte sie spöttisch mit einem Blick zum Fenstertisch. "Wie man es nimmt," lachte Katharina. "Wenn ich mich nach einem Tiefschlag wieder berappelt habe, weiß ich, dass ich den Fehler nicht mehr mache. Und das ist schon ein Erfolgserlebnis."

------

Ihr Gesicht verzog sich vor Schmerzen, als der kleine Mund begann zu saugen. Der erste Moment war der Schlimmste. Sie konnte sich genau vorstellen, wie es zu dem Ausdruck kam, dass sich die Fußnägel aufrollen. Sobald das Baby den ersten Schluck Milch im Mund hatte, wurde es besser. Keiner hatte ihr gesagt, dass Stillen so weh tat. Die ersten Tage war es nicht so schlimm gewesen, aber nach und nach hatten sich kleine Risse in der Haut der Brustwarze gebildet, die an der linken Seite mitlerweile bluteten.

Die Hebamme kam nachmittags und runzelte die Stirn. "Du musst an der einen Seite abpumpen, sonst heilt das nicht aus."

Eine Woche später pumpte sie an beiden Seiten ab, weil sich die gesamten Brustwarzen zu blutigen Krusten umgebildet hatten. Die Hebamme und Erik rieten ihr, dem Baby die Flasche zu geben, aber Katharina hatte sich vollkommen darauf versteift zu stillen.

Nach einer weiteren Woche entstand ein harter Knubbel in einer Brust. Sie traute sich nicht mehr irgend jemanden um Hilfe zu bitten, denn sie hörte doch nur immer: abstillen. Sie kühlte die Stelle, massierte bis ihr die Tränen in die Augen schossen. Schließlich ging sie doch zu ihrer Hebamme, weil sie es vor Schmerzen kaum noch aushielt.

"Das ist ein Abszess, eine eingekapselte Eiterbeule." war die Diagnose.

"Und jetzt? Was kann man da machen?" Katharina sah sie ängstlich an.

"Ich werde dir homöopathische Tropfen geben, aber es wird eine Weile dauern. Dann geht es auf, wenn wir Glück haben. Du wirst eine Narbe zurückbehalten. Einfacher wäre es natürlich zum Arzt zu gehen."

Katharina schüttelte den Kopf. "Nein. Der gibt mir Antibiotika und rät mir abzustillen. Jetzt habe ich mich so lange gequält. Es muss einfach klappen."

Es klappte nicht. Die Schwellung wurde größer und schmerzte bei der kleinsten Bewegung, aber sie ging nicht auf. Katharina zuckte zusammen, als die Hebamme mit den Fingerkuppen sanft über die bläulich-rote Stelle tastete.

"Mädchen, da ist was mit dir nicht in Ordnung." stellte sie fest.

Katharina stutze. "Klar ist was nicht in Ordnung. Schließlich ist das doch nicht normal."

"Nein. Das meine ich nicht." Sie sah Katharina ernst an. "Ich glaube, dass in dir etwas genauso eitert, wie diese Beule. Du schleppst etwas mit dir herum, das nicht an die Oberfläche kommen darf."

Katharina zog genervt die Nase hoch. Homöopathische Tropfen waren ja okay, aber diese Körper-Seele Verquickung ließ sich doch nicht auf alles anwenden.

"Vielleicht muss ich doch zu einem Arzt gehen." schlug sie vor.

"Das kannst du gerne machen, aber so wie ich die Sache sehe, wird es in deinem Körper an anderer Stelle losgehen, sobald die Krankheit hier geheilt ist. Medizin kann nur die Symptome lindern. Die Ursache der Krankheit ist ein Ungleichgewicht in deiner Psyche."

Katharina war skeptisch. Was sollte ihr Problem sein? Sie war gerade glückliche Mutter geworden. Janna war das süßeste Baby, das sie kannte, und machte auch keine Probleme. Erik war ein liebevoller Vater und Ehemann. Sie freuten sich gemeinsam wie irre über die Kleine. Natürlich hatte sich ihr Leben ziemlich verändert, aber das war schließlich bei allen Eltern so. Die wurden ja auch nicht alle krank. Katharina genoss es sogar, im Beruf eine Pause zu haben. Zu Hause konnte es gar nicht so anstrengend sein, wie im Tagesstress der Redaktion.

In der Nacht träumte sie von Schlangen, die sie angriffen und in Panik versetzten. Sie wachte völlig erschöpft auf. So einen Traum hatte sie noch nie. Zum Glück hatte Janna sie geweckt und beendete die beängstigende Vorstellung. Katharina fühlte sich wie gerädert. Erik drückte sie fest an sich, bevor er zur Arbeit ging. "Halt die Ohren steif." flüsterte er und strich ihr liebevoll über den Kopf.

Sie brachte Janna wieder ins Bett und las die Zeitung. Die Gewohnheit ließ sie sich nicht nehmen. Wenn sie sich schon für eine Weile in ihr Privatleben zurückzog, wollte sie wenigstens wissen, was in der Welt vor sich ging. Früher hatte sie immer nur den Hauptteil der Zeitungen gelesen, aber seit sie zu Hause war, hatte sie so viel Zeit, dass sie fast alles ansah. Sogar die Hausfrauenseite, die von den Redakteuren "Familienjournal" genannt wurde. Auch ganz interessant, dachte sie schmunzelnd. Sie lehnte Küchengespräche eigentlich ab. Aber sie hatte ihre strenge Meinung schon etwas geändert. Jede Woche traf sie sich mit den Müttern, die mit ihr zusammen in der Geburtsvorbereitung gewesen waren und inzwischen auch Kinder hatten. Hin und wieder war es tatsächlich ganz hilfreich, sich auszutauschen, und wenn sie nur erfuhr, dass es anderen genauso ging wie ihr. Dann wusste sie, dass sie nicht unnormal war, sondern nur ein Problem wie alle anderen hatte. Vor fünf Jahren hätte sie so ein Leben noch für unvorstellbar gehalten.

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Ihr erster Blick galt, wie schon seit Wochen, dem Briefkasten. Voller Erwartung mit erhöhtem Puls steckte sie den kleinen Schlüssel in die verbogene Blechtür. Ihr Atem stockte. Hinter der Telefonrechnung ein Brief aus Kanada. Fahrig riss sie ihn auf und überflog den kurzen Text, dann schoss ihr das Blut in den Kopf um sofort wieder zu entweichen. Fast fliegend stürmte sie die Treppe hoch und stürzte ans Telefon ohne die Wohnungstür hinter sich zu zu machen. Ungeduldig zerknäulte sie das Telefonkabel während es am anderen Ende endlos lange klingelte. Endlich nahm er ab.

"Ich hab das Stipendium bekommen! Ich geh nach Kanada." schrie sie ihm entgegen.

Ein kurzer Moment Stille. "Das freut mich für dich."

Täuschte sie sich oder klang er gar nicht so erfreut? Schließlich wartete sie seit fast zwei Jahren auf diesen Moment. "Bist du im Stress?"

"Im Moment hab ich ziemlich viel um die Ohren. Lass uns heute Abend Essen gehen. Dann kannst du mir alles erzählen, okay?"

Das klang schon versöhnlicher. "Gut. Bis nachher." flötete sie in den Hörer. Eigentlich war ihre Euphorie im Moment sowieso durch nichts zu erschüttern.

Ein Jahr in Kanada studieren. Das war's doch wirklich. Schon immer wollte sie für längere Zeit ins Ausland. Zu Schulzeiten dachte sie immer an eine Au-pair Stelle nach dem Abitur, aber Hannes hatte sie davon überzeugt, dass sie da nur als schlecht bezahltes Kindermädchen ausgebeutet würde, und so hatte sie den Gedanken verworfen. Als sie sich um das Stipendium bewarb, hatte er nichts gesagt. Sie hatte ihn auch gar nicht gefragt. Das war die größte Chance einen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

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Dicke Nebelschwaden hingen schwer zwischen den Bäumen. Es wurde nicht richtig kalt hier, selten unter null Grad, aber die Wassertropfen standen fast in der Luft und Katharina fröstelte. Der Ausblick ließ sie aber schnell das ungemütliche Wetter vergessen. Sie waren auf einen der beiden "chinesischen Berge" gestiegen, wie die Indianer die seltsame Formation nannten. Obwohl es Winter war, erschien alles grün. Der letzte kalte Regenwald der Erde an der kanadischen Westküste. Die kleine Insel zwischen Vancouver Island und dem Festland lag zwischen der Discovery Passage und der Straight of Georgia. Horden von englischen, spanischen und französischen Eroberern waren an Quadra Island vorbeigezogen. Nur der Leuchtturm am südlichen Inselende erinnerte an diese Zeit. Ansonsten schienen alle Uhren hier oben stehen geblieben zu sein. Katharina horchte in die schwere Stille. Ein dumpfer Rhythmus ließ die Luft erzittern. Sie hörte genauer hin und spürte, wie die feuchte Luft die Schwingungen bis in ihren Körper trug. Selbst der Boden unter ihren Füßen bebte. Katharina wusste nicht, wie lange sie so da stand und horchte. "Kate, come-on, es wird dunkel." John-Bull holte sie mit bestimmten Worten in die Gegenwart zurück. "Ich dachte, da trommelt jemand." bemerkte sie. Er sah sie prüfend an. Nach einer Weile ging er schweigend den schmalen Pfad vor ihr den Hang hinunter. Sie fühlte sich benommen und glücklich. Der Wald und die einsetzende Dunkelheit schien sie zu verschlucken, je tiefer sie dem Tal entgegengingen.

Auf dem Parkplatz an der Straße wartete John-Bull's Pick-up. Er schmiss die rostige Tür knarzend zu und zögerte einen Moment, bevor er den Motor anließ. "Um diese Zeit wird auf der Insel nicht getrommelt." sagte er nachdenklich, und fast wie zu sich selbst. "Du hast die Alten gehört." Ratternd durchbrach der alte Motor seine Gedanken. Ohne ein weiteres Wort düste er über die Schotterstraße und ließ sie an dem kleinen Holzhaus aussteigen.

Eine Freundin hatte ihr die Schlüssel gegeben, mit der Bemerkung, dass es nicht schaden könnte, wenn im Winter mal geheizt würde. Katharina hatte das Haus sofort in ihr Herz geschlossen. Es war geräumig genug für eine ganze Familie. Da sie allein hier war, benutzte sie fast nur die Küche. Vom Fenster hatte sie einen wunderbaren Blick über die Bucht bis zu Rebecca Spit. Das Haus lag hoch am Hang. Der Trampelpfad zum Strand war matschig und rutschig, aber gleich nach ihrer Ankunft war sie zum Wasser heruntergegangen. Riesige Baumstämme türmten sich übereinander. Angespültes Strandgut von den Holzfällern weiter oben im Norden. Alle Strände an der Küste hier waren voller Holz, denn die abgeholzten Stämme wurden einfach in die Flüsse geworfen und trieben mit der Strömung nach Vancouver. Bis auf die, die hier strandeten und Moos ansetzten. Katharina drehte den Rücken zum Wasser und blickte gegen den Wald. Genauso musste Emily Carr es gesehen haben.

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Der Italiener kannte sie schon. Gäste die fast jede Woche kommen, werden immer wie VIP's behandelt. Irgendwie war ihr die übertriebene Freundlichkeit immer etwas peinlich aber auch angenehm. Sie bestellten routiniert wie immer. Dann strahlte sie ihn an.

"Ist das nicht toll? Ich kann es noch gar nicht fassen."

"Ich auch nicht. Willst du es wirklich annehmen?"

Sie blickte ihn ungläubig an. "Was ist das denn für eine Frage?"

"Immerhin bist du dann ein Jahr weg."

"Ja und?" Sie wusste nicht, worauf er hinaus wollte.

"Wir sehen uns dann ein Jahr nicht." Seine Stimme klang irgendwie tonlos.

"Du wirst mich doch wohl mal besuchen kommen? Schließlich wolltest du doch immer mal rüber."

"Du weißt doch, dass ich nicht so viel Geld habe. Dieses Jahr wollte ich das neue Motorrad kaufen und für meine Prüfung muss ich auch lernen. Ich kann mir das im Moment nicht leisten an so was zu denken."

Jetzt wurde sie langsam wütend. "Deine Prüfung schiebst du seit zwei Jahren vor dir her und wenn dir das Motorrad so wichtig ist, dann bleib eben hier. Ich dachte du freust dich über die gute Gelegenheit, wenn ich sowieso drüben bin."

Der Kellner brachte Brot und Knoblauchbutter und Hannes fing sofort an mit Heißhunger zu essen. Er hatte dem wohl nichts hinzuzufügen.

"Was ist?" Sie klang nicht nur ungeduldig. "Wirst du mich gar nicht vermissen?"

Er blickte auf und sah nicht sehr beeindruckt aus.

"Natürlich wirst du mir fehlen. Deswegen frage ich ja ob du überhaupt rüber willst."

"Ist das die einzige Alternative, die du dir vorstellen kannst?"

Jetzt war er gereizt. "Ja denkst du etwa ich kann ein Jahr ohne Sex auskommen? Du willst doch nie, dass ich mich nach anderen Frauen umsehe."

Dieser Tag war endgültig verdorben. Musste er denn immer so egoistisch sein. Anstatt sich mit ihr zu freuen, kam er ihr mit so was. Sie hatte gelernt, ihn nicht so ernst zu nehmen, aber das hier war voll daneben.

"Du wirst mir versprechen, dass du nichts anfängst, wenn ich drüben bin. Ich verlass mich auf dich."

Das konnte sie wohl verlangen. Schließlich wollte sie nicht bei jedem Ferngespräch in den Hörer lauschen um verdächtige Zwischentöne heraus zu hören. Es reichte, wenn er in ihrer Gegenwart ständig Lust auf andere Frauen hatte. Betrogen hatte er sie noch nie. Sie fand sein ständiges Gerede über verpasste Gelegenheiten nur etwas nervig.

Unkonzentriert begann sie in ihrer Lasagne zu stochern. So richtig Appetit hatte sie nicht mehr, aber Hunger eigentlich immer. Zum Glück konnte sie sich das bei ihrer Figur erlauben. Nie würde sie eine Diät machen. Sie hatte es probiert, aber so schlechte Laune bekommen, dass sie es gleich wieder aufgegeben hatte. Essen war eine ihrer Leidenschaften. Zu ärgerlich, dass Hannes ihr es ausgerechnet heute so verderben musste.

Die Unterhaltung war den Rest des Abends belanglos. Er fuhr sie nach Hause. Selbstverständlich kam er mit hoch. Er wollte zwar nicht mit ihr zusammenziehen, aber im Prinzip wohnten er bei ihr. Nur selten schlief sie in seiner Wohnung. Sie hatte vorgeschlagen statt der zwei kleinen Hucken ein größeres Appartement zu nehmen, aber er wollte nachdem er bei Mama raus war erst einmal allein wohnen. Das fand sie auch in Ordnung. Nur dass sie ständig ihre Klamotten hin und her tragen mussten war unpraktisch.

Sie zog sich sofort aus und schlüpfte unter die Decke.

"Ich glaube ich bleibe heute nicht hier." Unschlüssig stand er in der Mitte des Zimmers.

"Was soll das? Was hast du verdammt noch mal?" Sie liebte es, herzhaft zu fluchen, wenn sie wütend war. Das entspannte herrlich. Gleich würde sie noch deftiger werden. Er sah sie ziemlich gefühllos an.

"Ich glaube nicht, dass ich dir ein Jahr lang treu bleiben kann. Es ist doch auch eine gute Gelegenheit mich auszutoben und du bekommst gar nichts davon mit. Was du nicht weißt...."

Er sah sie auffordernd an.

"Nein, du musst dich schon entscheiden. Entweder du bist mir treu, oder wir machen vorher Schluss." Ihre Stimme klang fest und überzeugt, aber sie wunderte sich selbst über ihre Kühnheit. Noch nie hatte sie ihm die Pistole auf die Brust gesetzt. Aber sie wusste in diesem Moment keine andere Möglichkeit. Es war zwar unfair, aber sie musste ihn dieses Mal mit gemeinen Methoden zwingen. Das würde sie sonst nicht durchstehen, neuntausend Kilometer von ihm entfernt und in ständiger Ungewissheit.

"Dann machen wir Schluss." Sie konnte nicht glauben, was er da gesagt hatte. Das konnte doch nicht wahr sein. Er wollte wirklich Schluss machen?

"Ernsthaft?"

"Ja, ich kann das nicht ertragen, wenn du weggehst."

Sie bebte vor Zorn. "Gib deine Schlüssel her. Hier sind deine." Sie fingerte hektisch an ihrem Schlüsselbund herum und knallte die Schlüssel auf den Tisch.

"Meinst du wirklich?" wollte er noch einwenden, aber sie ließ keinen Kompromiss zu. "Wenn du nicht mehr willst, dann richtig. Hintertürchen gibt es nicht."

Wortlos gab er ihr die Schlüssel und ging. Sie lag im Bett und hörte wie sich seine Schritte entfernten. Er war tatsächlich gegangen. Er kam nicht zurück. Sie wusste nicht, ob sie vor Wut heulte oder weil sie traurig war. Einmal in all den Jahren stellte sie ihn vor eine Entscheidung und er entschied sich gegen sie. Sieben Jahre waren sie zusammen. Natürlich hatte es oft gekracht. Aber immer war ganz klar, dass sie sich wieder zusammenraufen würden. Nicht einen Moment hatte es Zweifel gegeben. Sie war dermaßen vor den Kopf gestoßen, dass sie gar nicht mehr denken konnte. Mit dumpfem Schmerz schlief sie ein.

------

Agnes bestellte sich noch einen Kaffee. "Du machst manchen Männern Angst."

"Die mir auch." erwiderte Katharina trocken. "Aber ich beherrsche Fremdsprachen."

Agnes blickte sie verständnislos an. Jetzt kannte sie ihre Freundin schon so lange, und war immer noch überrascht. "Fremdsprachen? Was hat das mit Männern zu tun?"

"Ganz einfach: Ich spreche die Sprache der Männer. Das ist für die, wie für einen Hund, der einer Katze begegnet, und auf einmal fängt sie an zu bellen. Sooft ich meinen Mund aufmache und versuche zu miauen, kommt nur "Wau-wau" heraus."

Agnes lachte schallend. "Und wenn dir so ein Kläffer hinterherläuft, der dich noch nicht kennt, drehst du dich um und bellst ihn an."

"Ja. Manche ziehen dann ihren Hut, andere rennen weg und einige ganz Verwegene gehen zum Gegenangriff über. Die haben allerdings keine Chance. Hast du schon mal einen Hund gesehen, der mit einer Katze gekämpft hat?" Katharina grinste und stellte sich eine zerkratzte, von Blut tropfende Nase vor. "Denn auch wenn ich bellen kann, bin ich nämlich gar kein Hund."

"Aber eine Schmusekatze bist du auch nicht."

"Och, ich habe nichts dagegen, wenn mir jemand den Bauch krault. Übrigens: Eriks Magen ist wieder in Ordnung. Der Arzt meint, er sei völlig gesund."

Agnes strahlte. "Und das sagst du mir erst jetzt. Das ist ja wundervoll." Sie durchbohrte Katharina mit Blicken, aber die lächelte nur vergnügt in sich hinein und ließ sich nichts anmerken. Agnes gab es auf, sie zu durchschauen. "Ich bin sicher, du hast da auch kräftig mitgemischt."

Katharina wurde ernst. "Ich habe mein Bestes getan, aber bei aller Macht, darf ich mich doch nicht überschätzen. Anmaßung und Überheblichkeit lässt alle Kräfte versiegen.“

------

Schlecht gelaunt wachte sie auf. Es war schon nach elf. Sofort griff sie zum Telefon. Er war nicht zu Hause. Sie probierte es bei seiner Mutter.

"Morgen Katharina. Ja, Hannes ist hier. Er hat die Wäsche gebracht."

"Dann geben Sie mir das Baby mal." Sie war ungehalten. Er hatte seiner Mutter gar nichts gesagt. Leise hörte sie wie er in seiner muffeligen Art etwas zu ihr sagte. Nie wollte sie einen Sohn haben. Niemand wurde von Söhnen so respektlos behandelt wie die eigenen Mütter.

"Hallo Schatz. Was ist?"

"Schatz!" schrie sie ihn an. "Schatz kannst du ja wohl vergessen. Oder willst du dich für gestern Abend entschuldigen?"

"Nein, eigentlich nicht." Sein ruhiger Tonfall brachte sie noch mehr in Rage.

"Du bist ein verzogener Mama-Sohn. Nur du bist wichtig in deinem Leben. Immer denkst du nur an dich. Was bildest du dir eigentlich ein? Du bist ein echtes Arschloch, so wie du dich benimmst. Du wirst immer schlimmer, je älter du wirst. Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein, dass du ein Jahr nicht auf Sex verzichten kannst. So'n geiler Bock kannst du doch nicht sein. Wenn sieben Jahre Liebe da dran hängen sollen?" Ihre Schimpftirade erstickte in Tränen.

Er war ganz ruhig. Hatte offensichtlich keine Lust, sich mit ihr zu streiten.

"Reg dich nicht so auf. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, mein ganzes Leben nur mit einer einzigen Frau geschlafen zu haben. Wenn du mir die Freiheit nicht in der Beziehung lässt, geht es eben erst mal nicht mit uns. Wenn du aus Kanada zurück bist, können wir ja noch mal sehen."

"Davon träumst du aber nur! Du Idiot! Wenn du mich da alleine rübergehen lässt, gibt es auch kein danach mehr. Du hast drei Tage Zeit dir das zu überlegen. Dann gibt es kein Zurück mehr." Damit knallte sie wutentbrannt den Hörer auf.

Draußen schien die erste Frühlingssonne, aber heute kam bei ihr keine gute Laune auf. Sie fühlte sich rabenschwarz. Den größten Teil des Tages blieb sie im Bett und schlief. Gegen sechs quälte sie sich raus. Sie musste heute Abend arbeiten. Sie jobbte gerne in der Kneipe und gut bezahlt war es auch. Als Studentin hatte sie einen richtig guten Lebensstandard. Wohnung, Auto, Motorrad, Skiurlaub, Sommerurlaub und Wochenendausflüge. Dafür arbeitete sie mehr als sie studierte. Die letzten zwei Semester ging ihre Motivation gegen null. Alle Erwartungen hatten sich auf das Jahr in Kanada gerichtet. Ihre Abschlussarbeit wollte sie drüben schreiben. Hier konnte sie da sowieso nicht viel machen.

Tranig schloss sie das "Engelchen" auf. Der kalte Mief war heute noch ekeliger als sonst. Mechanisch bereitete sie alles vor. Eine halbe Stunde später kam Susanne. Sie kellnerte und Katharina machte den Tresen.

"Ey, was ist denn mit dir los? Wo ist dein Lächeln geblieben?" Susanne kannte Katharina nur als das Gute-Laune-Wunder, denn sie hielt nichts davon sich gehen zu lassen und mutete ihrer Umwelt normalerweise keine Launen zu. Heute war das anders.

"Hannes hat Schluss gemacht."

"Dein erster Freund?" Susanne fragte, als wenn sie ein nein erwartete.

"Ja. Nach sieben Jahren."

"Das verflixte siebte Jahr. Ist wohl doch was dran. Mach dir nichts draus. Je öfter dir das passiert, desto mehr Übung bekommst du darin. Hier trink!"

Susanne schob ihr ein Wasserglas voll mit rotem Genever mit Eiswürfeln hin. Katharina mochte das Zeug, trank es aber sonst aus Pinnchen.

"Bist du verrückt? So viel?" entrüstete sie sich.

"Du kannst heute abend nicht die ganze Zeit muffeln. Du wirst einiges brauchen. Trink! Dann geht's dir gleich besser."

Die Nacht ging gut vorbei. Katharina wusste nicht mehr genau, wie viele sie von dem Roten gekippt hatte. Nach dem dritten oder vierten Glas hatte sie den Überblick verloren. Gut gelaunt wie sonst immer arbeitete sie ihren Streifen runter. Irre, wie das mit ein bisschen Sprit so ging. Sie hatte sich zwar schon öfter einen getrunken, aber noch nie vorsätzlich gegen Frust. Fand sie eigentlich auch ziemlich bescheuert, aber das hier war ja auch eine besondere Situation. Schließlich konnte sie nicht den ganzen Abend mit einer Leichenbittermine hinter der Theke stehen. Der Samstagmorgen war dementsprechend. Den Kater hatte sie erwartet und ging ohne zu zögern zum Schrank und schüttete sich Aspirin in ein Glas. Schon wieder fast Mittag. Was sollte sie bloß mit dem Tag anfangen?

Das Telefon klingelte. Sofort dachte sie an Hannes.

"Hi, Kati. Du meldest dich ja gar nicht. Bist wohl verschollen."

Mann. Sie hatte ja noch gar keinem was gesagt. Selbst Agnes hatte keinen Schimmer. Katharina atmete tief durch und machte es besonders theatralisch.

"Ich habe mich eingegraben. Mir geht's beschissen."

"Was ist denn los? Ist was passiert?" Agnes klang jetzt besorgt. Solche Töne von ihrer Freundin zu hören.

"Ja." Sie zögerte immer noch die Wahrheit auszusprechen. Es klang so unwirklich. "Hannes hat Schluss gemacht!"

"Das darf doch nicht wahr sein." Agnes Entsetzen war echt. "Ihr seid doch das Traumpaar."

"Jetzt nicht mehr." Mehr brachte sie nicht raus. Agnes schaltete sofort.

"Komm doch zu mir. Was willst du alleine da herumsitzen. Ich habe nichts vor."

Dankbar nahm Katharina die Einladung an und machte sich sofort auf den Weg. Zu Fuß waren es nur fünfzehn Minuten. Die kühle Luft tat ihrem Kopf gut.

Der Weg ging auch noch an Hannes Wohnung vorbei. Sie zwang sich nicht zu seinem Fenster hochzusehen. Die ganze Zeit, in der sie in Sichtweite war, bildete sie sich ein, er würde gerade jetzt aus dem Fenster sehen und sich fragen, wo sie hinging. Normalerweise erzählte sie ihm alles. Fast ein Drittel ihres Lebens hatte sie mit ihm verbracht und er war ein Teil von ihr geworden. Ihre Vorstellungskraft reichte nicht aus, sich auszumalen, wie ihr Leben in Zukunft aussehen würde. Sie war davon ausgegangen, ihr Leben mit ihm zu verbringen. Zwar wollte er nicht heiraten und keine Kinder, aber das war ihr recht. Sie zwei waren sich immer genug gewesen. Bis zum Schluss waren sie sich innig verbunden. Hatte sie zumindest gemeint. Es war ihr unbegreiflich, wie er eine solche Entscheidung hatte treffen können. Jetzt wusste er zum ersten Mal nicht, was sie heute machte.