Integration ist so ne Sache - Marcelle Tchitnga - E-Book

Integration ist so ne Sache E-Book

Marcelle Tchitnga

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Beschreibung

Eine junge Frau aus Kamerun zieht nach Deutschland, um zu studieren. Sie erzählt ihre Geschichte - von Integrationsproblemen, unvorhergesehen Erlebnissen und Anekdoten. Dieses Buch thematisiert auf eindrucksvolle und sehr persönliche Weise die Licht- und Schattenseiten der Integration und bietet dem Leser eine Brücke des Verstehens.

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2022

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„Das Anderssein des Anderen als Bereicherung Des eigenen Seins begreifen; sich verstehen, sich verständigen, miteinander vertraut werden; Darin liegt die Zukunft der Menschheit"

Rolf Niemann

Inhaltsverzeichnis

Warum ich dieses Buch schreibe?

Integration ist so ne Sache

Warum ich dieses Buch schreibe?

Einfach weil ich gerne schreibe? Ich schreibe in der Tat gerne und solange ich mich erinnern kann habe ich immer was geschrieben. Oft über mich, aber auch kleine Gedichte, kleine Geschichte, Liebe Geständnisse und so. Ich wollte schon lange dieses Buch schreiben oder zumindest einmal in einer stand up comedy show darüber sprechen. Wie es eben im Leben ist, braucht man manchmal einen richtigen Kick, um die Prokrastination zu beenden. Im Dezember 2018 lief ich zum Gera Hauptbahnhof und ein Junge schrie mich an: „Neger!!!“. Ich habe ihm gesagt: „Das Wort passt besser zu dir als zu mir“. Hahhahah Er war nicht bereit für die Antwort. Er ist fast ohnmächtig geworden. An dem Tag dachte ich: „Oh man! So viel lustige aber auch bereichernde Geschichte hätte ich zu erzählen“. Ich saß in dem Zug und habe angefangen zu schreiben.

In diesem Buch geht es in der ersten Linie einfach darum, das Leben von einer jungen Schwarzafrikanerin, die mit 20 nach Europa zum Studieren geflogen ist, zu erzählen. Es geht darum zu erzählen, wie man sich in bestimmten Situationen fühlt, was einem auf einmal schwerfällt, was man nicht mehr sagen darf, was man auf einmal doch sagen darf, was man alles macht, um sich zu integrieren, was man machen muss, um sein „ICH“ nicht zu verlieren, wie man bestimmte Sachen jetzt anders empfindet, Religion, Bi-Kulturalität, Toleranz…und so weiter und so fort. Es soll in einem lustigen, jungen und leichten Ton über die Erfahrungen einer jungen Ausländerin erzählen. In diesem ganzen „Bericht“ läuft natürlich meine Geschichte mit.

Ah! Integration ist einfach so ne Sache.

Integration ist so ne Sache

„Woher kommste denn eigentlich? - So ursprünglich?“, werde ich oft gefragt, weil ich ziemlich gut Deutsch spreche, aber wirklich nicht wie eine richtige „Deutschfrau“ aussehe. Ich habe einen Schuss Melanin, volle Lippen und Haare, die sich verdammt nochmal net kämmen lassen. Ich heiße Marcelle Tchitnga, komme aus Kamerun und lebe seit 2010 in Deutschland.

Natürlich verstehe ich die Frage ganz genau, es geht um Identität. Deutsche stellen oft und gerne diese Frage. Dabei habe ich beobachten können, dass es zwei verschiedene Arten gibt, diese Frage zu stellen. Genauso gibt es zwei Arten diese Frage aufzufassen, zu fühlen, zu verinnerlichen oder wahrzunehmen.

Die einen stellen die Frage auf eine harmlose Weise, aus purem Interesse, aus Neugier und vermutlich als ein Zeichen, sich dem Gefragten zu öffnen und sich ihm mitzuteilen.

Die anderen stellen diese Frage bereits mit der unterschwelligen Andeutung, dass der Gefragte definitiv kein richtiger „Deutscher“ ist… und weil er kein reines deutsches Blut oder deutsche Vorfahren hat, darf er ja nicht denken, dass er deutsch sei, oder wagen sich mal „zu Deutsch“ zu benehmen.

Teils abhängig, teils auch völlig unabhängig von der Art und Weise der Fragestellung gibt es auch zwei Arten, wie „Ausländer“ darauf reagieren, entweder die Frage als harmlos oder als Attacke gegen ihre Identität aufzufassen.

Die einen, viele Mischlinge, Ausländer oder Migranten, die seit Jahren schon in Deutschland leben, insbesondere diejenigen, die hier geboren sind und per Definition keine Ausländer sind, fühlen sich verletzt durch diese Frage. Sie sind der Meinung, sie wohnen schon so lange hier und sehen keinen Sinn in dieser Frage, außer sie auszugrenzen.

Die Kinder mit Migrationshintergrund, die hier geboren sind, oder Mischlinge zum Beispiel antworten dann: „Ich komme aus Düsseldorf oder Duisburg, Oldenburg oder Berlin.“ Leider geben die Fragenden oft nicht nach und bohren weiter: „Ja, aber woher kommst du denn ursprünglich oder wo kommen deine Eltern oder Großeltern her?“ Daraufhin folgt nicht selten in einem etwas aggressiveren Ton die Antwort: „Herrgott nochmal, ich bin hier geboren und lebe hier seit 16 Jahren. Ich bin Deutsche und komme aus Duisburg, Alter!“

Andere „Ausländer“ - und dazu gehöre ich antworten mit Gelassenheit, Freude und Stolz: „Ich komme aus Kamerun.“ Warum könnte mich diese Frage stören? Und sollte sie das? Ja, ich komme aus Kamerun, diesem verrückten Land, wo wir zu neunt in ein Taxi steigen. Wo die Straßen überfüllt sind und man immer jemanden zum Quatschen auf der Straße findet. Ich komme aus diesem Land, wo das Essen immer schön gewürzt ist. Für mich ist diese Frage eine Bereicherung. Sie stellt für mich eine Möglichkeit dar, über meine Herkunft zu reden. Oh ja, meine deutschen Freunde, sie wissen, wie gerne ich plaudere.

Ich bin der Meinung INTEGRATION ist mit AKZEPTANZ gleich zu setzen. Die einen können sich nur integrieren, wenn sie sich akzeptiert fühlen. Genau so werden sie nur akzeptiert, wenn sie versuchen, sich ein Minimum in der anderen Kultur zu integrieren. Mit diesem Gedanken im Kopf habe ich es geschafft, mich in Deutschland zu integrieren - weil die Deutschen in meinem Umfeld - sei es an der Uni, bei meinen multiplen Nebenjobs, bei meinen ehrenamtlichen Tätigkeiten, in der Kirche, auf Parties - sich bemüht haben, mein „Ich“ zu akzeptieren. Somit hatte auch ich meine Freude, ihre „Kultur“ näher kennen zu lernen, wie zum Beispiel, sich ständig zu beschweren. Ich bin bald die größte Meckerziege meiner Clique. Aber, Spaß bei Seite! Schon von Anfang an habe ich deutsche Arbeitsphilosophie und Disziplin bewundert, und so viel ich konnte, übernommen.

Aber selbst, wenn ich die deutsche Staatsangehörigkeit hätte und eine deutsche Person mich fragen würde, woher ich komme, würde ich immer noch Kamerun sagen. Denn zum einen stimmt das einfach und zum anderen denke ich nicht, dass die Person, die diese Frage stellt, eine Antwort wie: „Ich bin Deutsche…“ hören will. Mein Aussehen suggeriert nun mal vielen einen Ausländer-Status.

Deswegen bin ich auch der Meinung, dass selbst Kinder, die hier geboren sind, mit Stolz über ihr „ursprüngliches Herkunftsland“ reden sollten. Und das ist die Aufgabe ihrer Eltern, ihnen das beizubringen.

Und das führt mich zu einem weiteren Gedanken. Es gibt Familien, wo die Eltern aus zwei verschiedenen Kulturen stammen, in denen die Kinder nur einseitig kulturell erzogen werden, eine der beiden Kulturen kaum kennen und sich im schlimmsten Fall sogar dafür schämen. Dies kann passieren, wenn die Familien nicht auf ein Gleichgewicht der kulturellen Erziehung aufpassen. Ein Beispiel sind Europäer, die seit 20 Jahren mit Afrikanern verheiratet sind und noch nie einen Fuß in Afrika gesetzt haben. Darunter befinden sich natürlich auch einige Schlaumeier, die ihren Kindern verbieten, ihren Urlaub in Afrika zu verbringen, denn dort gäbe es ihrer Meinung nach Krankheiten und Fliegen.

Selbstverständlich muss ich an dieser Stelle über das Wort „Heimat“ reden. Was ist denn Heimat? Für mich ist es ein Ort, wo man Geborgenheit fühlt und das kann überall auf der Welt sein, sogar im eigenen Schlafzimmer. Wenn ich darüber nachdenke, würde ich Düsseldorf als meine Heimat in Deutschland definieren. Ja, mein Leben da war der Hammer. Ich habe mich wohl und geborgen gefühlt. Dank meiner Studienkollegen, der katholischen Hochschulgemeinde (KHG), der Aidshilfe, meinen Mitbewohnern und all den Menschen, die ich dort getroffen habe. Ich komme aus Kamerun und fühle mich in Düsseldorf zu Hause.

Man sagt doch „Andere Länder – andere Sitten“, nicht? Dann erzähle ich nun, wie man auf die Frage „Woher kommst du?“ in meinem Land antwortet. Mein Land beinhaltet mehr als 200 Ethnien und auch Sprachen. Wichtig hierbei zu erwähnen: das sind alles verschiedene Sprachen und keine Dialekte, bei denen sich die Betonung von Wörtern sowie die Benutzung einzelner Wörter unterscheidet. Als Antwort auf die Frage nach der Herkunft muss der oder die Gefragte die Dörfer seines Vaters und seiner Mutter nennen, selbst wenn er dort nicht aufgewachsen ist. Ich bin insgesamt in vier verschiedenen Städten groß geworden: Yaoundé, Douala, Dschang, Melong2. Aber ich komme aus Bangangté, denn das ist das Dorf von meinem Vater und in meinem Fall auch das von meiner Mutter. In Bangangté war ich höchstens vier- oder fünfmal in meinem Leben; einmal kurz zum Urlaub und meistens aufgrund von Beerdigungen. Dennoch komme ich nach dem ungeschriebenen Gesetz unseres Landes aus Bangangté und meine Muttersprache heißt Medjumba.

Ich kam als ausländische Studentin nach Deutschland im Frühling 2010. Mir war kalt, Freunde! Kalt im wahrsten Sinn des Wortes. Neu und fremd in diesem Land, dessen Sprache ich noch lernen musste. Ob das der Stewardess von Swiss Airlines nicht bewusst war? Die haben ständig mit mir geredet, zwar auf eine nette Weise, doch ich habe nur gelächelt. Das ist eigentlich das internationale Zeichen für „Ich verstehe dich nicht, fremder Mensch. Ich versuche gerade nur höflich zu sein.“

Ich wurde am Flughafen Stuttgart von meinem Vater (Überraschung) und seiner Frau empfangen. Es rauschte um mich herum. Leute redeten und ich konnte sie nicht verstehen. Merkten sie alle, dass ich neu bin? Sehe ich dumm aus? Bin ich passend angezogen?

Wir haben auf der Autobahn an einer Tankstelle einen Halt gemacht, denn ich musste auf die Toilette gehen. Meine Begleiter, hier mein Vater und seine Frau, haben mir ein paar Münzen in die Hand gedrückt und mich ganz allein in die Außenwelt geschickt, in den Dschungel, so fühlte sich das an. Aber gut – I am a well educated woman. Ich habe ein naturwissenschaftliches Abitur mit den Schwerpunkten Mathe, Physik und Chemie - ich werde auch in diesem Dschungel überleben. Dank der Wegweiser habe ich die Toiletten gefunden, aber Überraschung! Bei mir in Kamerun würde ich höchstens das Geld einem Menschen in die Hand drücken und die Toilette benutzen. Hier standen vor mir Maschinen, Automaten, die mir die Erlaubnis geben sollten, Pipi machen zu dürfen! Das war mein erster Technologie-Kulturschock! Dann dachte ich mir, ehe ich mich hier zum Narren mache, beobachte ich mal diskret, wie die anderen das DING benutzen.

Auf diese Weise lernte ich auch später meine Fahrtickets an den DB-Automaten zu kaufen: den anderen diskret zugucken, verstehen, nachmachen und meistern.

In diesem selben Frühling fing ich mit meinem intensiven Deutschkurs an der Uni Siegen an. Ich erinnere mich, wie ich in den Kursen mit meinen Handschuhen saß… saukaltes Deutschland, dachte ich. An dieser Stelle muss ich mal ein klares Statement abgeben. Deutsch ist eine schwere Sprache. Aber, ich bin eine Streberin, „eine fleißige Biene“, eine Kämpfernatur oder eine „Ngang School“, wie die Leute aus Dschang sagen würden. Dschang ist nämlich ein Dorf im westlichen Kamerun. Ich gehörte zu den Schülern, die alle Aufgaben in einem Buch erledigten, sogar die, die nicht vom Lehrer aufgegeben wurden.

Somit bestand ich fünf Monate später die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH) mit der höchsten Stufe, genauer DSH 3. Trotz dieses Erfolgs war der Anfang schwer! Ich erinnere mich an eine Szene im Bus im Siegen, noch in der ersten Woche während des Deutschkurses: Als eingeschriebener Student an der Uni Siegen bekommt man eine Studienbescheinigung und ein Fahrticket. Das zweite war aber nur in Verbindung mit dem ersten gültig.

Ich hatte wie gesagt, gerade mit dem Deutschkurs angefangen. Ich stieg in den Bus und zeigte mein Fahrticket. Daraufhin sagte mir der Busfahrer in einem ziemlich strengen Ton und in einer brutal und stark klingenden Sprache, die ich bisher kaum verstand: „Das ist nicht gültig!“ Ich guckte nur verängstigt, stand dumm und stumm da und präsentierte immer wieder mein Fahrticket. Nachdem er es drei- oder viermal wiederholt hat und schließlich bemerkte, dass ich nichts kapierte, ließ er mich - Gott sei Dank - einfach einsteigen.

Ein paar Tagen später lernte ich im Deutschkurs die Wörter gültig und ungültig und verstand auf einmal die ganze Situation.

Während meiner Zeit in Siegen wohnte ich in einem Studentenwohnheim mit Leuten verschiedener Herkunft zusammen, vor allem Kamerunern. Ja, das hat mir gut getan in dem Sinne, dass ich die Entwurzelung nicht so stark spürte, zwischenzeitlich sogar vergaß. Mit den Kamerunern hatte ich Spaß wie Zuhause. Wir aßen kamerunisch und tanzten zu afrikanischer Musik. Natürlich muss man als Neuankömmling, vor allem als Mädchen, aufpassen, sich nicht zu stark von den Jungs und von Parties ablenken zu lassen. Trotz des ganzen Spaßes verlor ich mein Ziel nicht aus den Augen. Ich wollte ja meine DSH-Prüfung bestehen, und zwar mit der besten Note. Ich nahm mir vor, jeden Tag irgendetwas auf Deutsch im Fernsehen anzuschauen, denn die Kameruner im Wohnheim haben sicherlich untereinander kein Deutsch gesprochen. Die meisten von ihnen waren schon Studenten und mussten daher keine Deutschprüfung mehr schaffen. Jeden Tag habe ich entweder Nachrichten oder Komödien auf Comedy Central geguckt. Das zweite war die einfachere Variante, denn die Ausdrücke und die Wortwahl bei Sendungen wie „Two and a half Men“, „South Park“ oder „Family Guy“ sind recht einfach, verglichen mit den Nachrichten. Weiterhin hatte ich mir auch vorgenommen, deutsche Bücher zu lesen. Eigentlich lese ich viel. Ich bin eine richtige Leseratte, ich fresse Bücher einfach weg.

Am Anfang meines Aufenthaltes in Deutschland tat ich mich schwer etwas zu lesen. Ich habe mich nicht getraut, weil ich dachte, dass ich es eh nicht verstehen würde - bis auf diesen einen besonderen Tag. Meine deutsche Oma schenkte mir einen kleinen Roman, bestehend aus nur wenigen Seiten und ziemlich einfach geschrieben, jedoch faszinierend. Es ging um die Geschichte eines deutschen Kindes, das durch einen Unfall körperlich und leicht geistig behindert wurde. Deswegen wurde es damals von Hitlers Truppen gesucht. Nachdem seine Familie es satthatte, ihn immer wieder bei der Tante oder dem Onkel zu verstecken, beschloss sie, dass es das Einfachste sei, seine Todesurkunde zu verfassen. Der inzwischen zu einem Mann Herangewachsene existierte also weiter, jedoch ohne irgendwo registriert zu sein – sein Neffe schrieb schließlich dieses Buch.

In dem Wohnheim, in dem ich wohnte, hauste ein junger Mann, der sehr, sehr schmutzig lebte. Sein Zimmer sah wie ein Flohmarkt am Ende des Tages aus. Der Mann hatte eine Freundin, die auch im Wohnheim wohnte. Manchmal habe ich mich gefragt, wie sie nur mit ihm in seinem schmutzigen Bett die ganze Nacht verbringen konnte – Dies als kleine Geschichte am Rande. Zu Beginn des Mietvertrags hatte jeder eine Kaution zu zahlen, die zum Mietende entweder komplett, zum Teil oder gar nicht zurückerstattet wurde, je nachdem, welcher Schaden in dem Zimmer zu reparieren war. Der junge Mann hätte so viel Schaden angerichtet, dass die Hausverwaltung ihm das Zimmer einfach verkauft hat. Seine Kaution war ja Trinkgeld verglichen mit dem, was bei ihm zu reparieren war - so wurde es zumindest im Studentenwohnheim erzählt.

In meiner Zeit in diesem Wohnheim habe ich auch gelernt, dass die Deutschen die größten Spione sind (Spaß). Es gab Waschmaschinen im Keller des Wohnheims. Um die zu benutzen, musste man dafür spezifische Münzen beim Hausmeister kaufen, die es einem erlaubten, einen Waschgang durchzuführen. Diese Münzen wurden in den Automaten geworfen, der daraufhin KLICKmachte und so die Maschine für einen Durchgang freigab. Unter den Studenten im Wohnheim befanden sich auch Ingenieurs-Studenten, und zwar kluge. Sie haben eine Münze an einen Draht gebunden, wodurch die Münze mehrmals benutzt werden konnte. Nachdem es KLICK machte, wurde sie wieder am Draht herausgezogen. Diese am Draht befestigte Münze wurde von vielen benutzt. Irgendwann bemerkte der Hausmeister, dass er kaum noch Münzen verkaufte, aber die Waschmaschinen weiterhin genauso oft benutzt wurden – und das hauptsächlich in der Nacht, denn Diebe operieren ja bekanntlich lieber in der Nacht . Und den Gerüchten zufolge wurde ein „Ingenieur“ einmal in der Nacht erwischt! Der Hausmeister wäre in der Nacht zum Waschraum gegangen, um das Ganze wie ein Polizist zu klären – so hieß es.

In dieser Zeit in Siegen lernte ich auch meine Freundin kennen - Yaya, eine hübsche Frau aus Togo. Mit ihr habe ich gesehen, wie sich die afrikanischen Jungs verändert haben, seit sie in Deutschland leben. Zu Hause war es oft so, dass die Jungs zusammen sich finanziell um die Mädels kümmerten, wenn wir in einer Gruppe zum Feiern ausgingen. Selbst, wenn jedes kluge Mädchen in ihrem Portemonnaie natürlich genug Geld dabeihatte, im Fall aller Fälle. Hier in Deutschland auf einmal verhielten sich die Jungs sehr europäisch - frei nach dem Motto: Jeder kümmert sich um seinen Scheiß. Die einzigen guten Manieren, die die meisten noch behalten haben: Die Jungs haben sich darum gekümmert, dass wir Ladys gut zu Hause ankamen. Mit Yaya hatte ich viel Spaß. Wir verbrachten einfach gerne Zeit miteinander, aßen zusammen, sangen zusammen, tranken gern Bier zusammen. Gegenüber unserem Wohnheim gab es einen Getränkeladen. Mein erstes deutsches Bier, Oettinger, habe ich dort für 9 Cent gekauft. Wir gingen gerne im DD Club tanzen. Das war der Partyraum unseres Wohnheims. Und wenn wir es uns leisten konnten, gingen wir zur „Favorite“ oder zum mongolischen Buffet. Das erste ist eine Adresse, die ich jedem, der nach Siegen geht, gebe. Sie machen dort die besten Chicken Fried der Welt - ohne Witz - und das noch für einen recht günstigen Preis.

Ob es Yaya bewusst ist, dass sie mir manchmal das Leben gerettet hat? Denn am Anfang in Deutschland - I was so fucking broke. Ja, ich hatte kaum Geld, mir mal was zu gönnen. Wir teilten uns oft das Essen. Am liebsten aßen wir zusammen Couscous Sauce Gombo. Denn überraschenderweise war das ein Gericht, welches in unseren beiden Ländern gegessen wird. Bloß nennen sie es dort Pate Sauce Gombo