Interpretationen zu drei Grimm'schen Märchen - Alice Dassel - E-Book

Interpretationen zu drei Grimm'schen Märchen E-Book

Alice Dassel

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Beschreibung

Die Autorin führt die Leser in die Grimm'sche Märchenwelt und lässt sie teilhaben an den Schicksalen dreier Märchenhelden. Ein alleinerziehender Holzfäller spart mühsam für seinen begabten Sohn das Schulgeld zusammen. Das ist jedoch schnell verbraucht. So hilft der Junge dem Vater bei der Waldarbeit. Dabei kommt es zu einer magischen Begegnung mit dem Geist im Glas, die sein Leben vollkommen verändert... Im Stemtalermärchen verlässt das Mädchen als Waisenkind sein Elternhaus. Es entwickelt gerade dadurch seine seelische Stärke, dass es seine Habseligkeiten an Bedürftige verschenkt - und schließlich himmlisch entlohnt wird. Die „Sieben auf einen Streich“ getöteten Fliegen offenbaren dem gewitzten Schneiderlein seine verborgenen Potenziale und lassen es von etwas Höherem träumen. Es zieht in die Welt und soll im königlichen Wald 3 gefährliche Abenteuer bestehen … Der klare Aufbau und die verständliche Sprache machen das Buch einer breiten Leserschaft zugänglich. Es regt zum Nachdenken an. Alice Dassel, geboren in Berlin, Abitur in Flensburg, Studium der Germanistik und Geographie in Kiel und Freiburg, hat an verschiedenen Gymnasien unterrichtet. Sie hält Vorträge, Lesungen und schreibt Bücher.

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Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Es ist mir ein Anliegen, altes Kultugut lebendig zu erhalten und die Leselust anzuregen

Inhaltsverzeichnis

Der Geist im Glas – Grimm – Märcheninterpretation

Die Sterntaler – Grimm – Märcheninterpretation

Das tapfere Schneiderlein – Grimm – Märcheninterpretation

Alice Dassel

Der Geist im Glas

– Grimm –

Märcheninterpretation

Inhaltsverzeichnis

Entstehungsgeschichte

Märchen „Der Geist im Glas“ (Grimm)

1. Die Märchenfamilie

2. Bildungsaspekte im Märchen

3. Waldarbeit

4. Mittagspause

5. Die Begegnung mit dem Geist

6. Die Umkehr – Zeit zum Aufatmen

7. Rückkehr zum Vater

8. Geglückte Lebenswende

9. Die Schattenaspekte im Märchen

10. Märchen sind symbolische Geschichten

11. Die geistige Befreiung

12. Jetzt ist der Geist aus der Flasche

Entstehungsgeschichte

Eine Notiz vom 24. Juli 1813 von Wilhelm Grimm besagt, dass ihm ein Schneider aus Bökendorf bei Paderborn die Geschichte „Der Geist im Glas“ erzählt haben soll. In der 1. Auflage des 2. Bandes der „Kinder- und Hausmärchen“ ist das Märchen 1815 als Nr. 9 bei Reimer in Berlin erschienen. Auch die 2. Auflage kam 1819 beim selben Verlag heraus. Inzwischen hatte Wilhelm Grimm das Märchen überarbeitet, mit Dialogen und verschiedenen Redensarten ausgestaltet. In der 7. Auflage von 1857 – der Ausgabe letzter Hand – wurde der Text als KHM-99- bei Dieterich in Göttingen veröffentlicht.

Die Wurzeln dieses Märchens reichen weit in die Vergangenheit zurück. Eine zweifelsfreie Zuordnung ist bislang nicht möglich.

In der Grimm’schen Fassung bildet die Auseinandersetzung von Vater und Sohn die Rahmenhandlung. Darin eingebettet ist das Motiv des Flaschengeistes. Das leitet sich vermutlich aus der 1001-Nacht-Überlieferung her, aus der „Die Geschichte von dem Fischer und dem Dämon“ stammt (Sammlung 1001 Nacht). Diese erzählt von der zweimaligen Befreiung des Dämons aus einer Messingflasche. Nach der 1. Freilassung droht dieser dem Fischer mit dem Tod. Mit Hilfe einer List wird er wieder in die Flasche gesperrt. Nach der 2. Freilassung erweist sich der Dämon als dankbar und verhilft dem Fischer sogar zu Reichtum. Das hieraus hergeleitete Motiv des Flaschengeistes ist verknüpft mit dem verkannten Genie des Studenten. Hinter dessen Arztlaufbahn verbirgt sich die Paracelsus-Sage. Auch alchimistische Vorstellungen aus dem Mittelalter zur Wandlung von Eisen in Silber fließen in die Märchenhandlung mit ein.

Nach mittelalterlichem Glauben besteht Geist aus einer feinstofflichen Substanz. Die stellte man sich als eine Art Gas vor, das sich komprimieren lässt – und wieder ausdehnen kann. In der heutigen Zeit denken wir beim „Flaschengeist“ eher an Alkohol.

„Mercurius“ war der alchimistische Name des giftigen Quecksilbers. Mit Quecksilber kann man Menschen vergiften. Es kann aber auch als Heilmittel verwendet werden.

Der Geist im Glas

Es war einmal ein armer Holzhacker, der arbeitete vom Morgen bis in die späte Nacht. Als er sich endlich etwas Geld zusammengespart hatte, sprach er zu seinem Jungen: »Du bist mein einziges Kind, ich will das Geld, das ich mit saurem Schweiß erworben habe, zu deinem Unterricht anwenden; lernst du etwas Rechtschaffenes, so kannst du mich im Alter ernähren, wenn meine Glieder steif geworden sind, und ich daheim sitzen muß.« Da ging der Junge auf eine hohe Schule und lernte fleißig, so daß ihn seine Lehrer rühmten, und blieb eine Zeitlang dort. Als er ein paar Schulen durchgelernt hatte, doch aber noch nicht in allem vollkommen war, so war das bißchen Armut, das der Vater erworben hatte, drauf gegangen, und er mußte wieder zu ihm heimkehren. »Ach«, sprach der Vater betrübt, »ich kann dir nichts mehr geben und kann in der teuern Zeit auch keinen Heller mehr verdienen als das tägliche Brot.« »Lieber Vater«, antwortete der Sohn, »macht Euch darüber keine Gedanken, wenn’s Gottes Wille also ist, so wird’s zu meinem Besten ausschlagen; ich will mich schon drein schicken.« Als der Vater hinaus in den Wald wollte, um etwas am Malterholz (am Zuhauen und Aufrichten) zu verdienen, so sprach der Sohn: »Ich will mit Euch gehen und Euch helfen.« »Ja, mein Sohn«, sagte der Vater, »das sollte dir beschwerlich ankommen, du bist an harte Arbeit nicht gewöhnt, du hältst das nicht aus; ich habe auch nur eine Axt und kein Geld übrig, um noch eine zu kaufen.« »Geht nur zum Nachbar«, antwortete der Sohn, »der leiht Euch seine Axt so lange, bis ich mir selbst eine verdient habe.«

Da borgte der Vater beim Nachbar eine Axt, und am andern Morgen bei Anbruch des Tags, gingen sie zusammen hinaus in den Wald. Der Sohn half dem Vater und war ganz munter und frisch dabei. Als nun die Sonne über ihnen stand, sprach der Vater: »Wir wollen rasten und Mittag halten, hernach geht’s noch einmal so gut.« Der Sohn nahm sein Brot in die Hand und sprach: »Ruht Euch nur aus, Vater, ich bin nicht müde, ich will in dem Wald ein wenig auf und ab gehen und Vogelnester suchen.« »O du Geck«, sprach der Vater, »was willst du da herumlaufen, hernach bist du müde und kannst den Arm nicht mehr aufheben; bleib hier und setze dich zu mir.«

Der Sohn aber ging in den Wald, aß sein Brot, war ganz fröhlich und sah in die grünen Zweige hinein, ob er etwa ein Nest entdeckte. So ging er hin und her, bis er endlich zu einer großen gefährlichen Eiche kam, die gewiß schon viele hundert Jahre alt war, und die keine fünf Menschen umspannt hätten. Er blieb stehen und sah sie an und dachte: »Es muß doch mancher Vogel sein Nest hineingebaut haben.« Da deuchte ihn auf einmal, als hörte er eine Stimme. Er horchte und vernahm, wie es mit so einem recht dumpfen Ton rief: »Laß mich heraus, laß mich heraus!« Er sah sich rings um, konnte aber nichts entdecken, doch es war ihm, als ob die Stimme unten aus der Erde hervorkäme. Da rief er: »Wo bist du?« Die Stimme antwortete: »Ich stecke da unten bei den Eichwurzeln. Laß mich heraus, laß mich heraus!« Der Schüler fing an, unter dem Baum aufzuräumen und bei den Wurzeln zu suchen, bis er endlich in einer kleinen Höhlung eine Glasflasche entdeckte. Er hob sie in die Höhe und hielt sie gegen das Licht, da sah er ein Ding, gleich einem Frosch gestaltet, das sprang darin auf und nieder. »Laß mich heraus, laß mich heraus«, rief’s von neuem, und der Schüler, der an nichts Böses dachte, nahm den Pfropfen von der Flasche ab. Alsbald stieg ein Geist heraus und fing an zu wachsen und wuchs so schnell, daß er in wenigen Augenblicken als ein entsetzlicher Kerl, so groß wie der halbe Baum, vor dem Schüler stand. »Weißt du«, rief er mit einer fürchterlichen Stimme, »was dein Lohn dafür ist, daß du mich herausgelassen hast?« »Nein«, antwortete der Schüler ohne Furcht, »wie soll ich das wissen?« »So will ich dir’s sagen«, rief der Geist, »den Hals muß ich dir dafür brechen.« »Das hättest du mir früher sagen sollen«, antwortete der Schüler, «so hätte ich dich stecken lassen; mein Kopf aber soll vor dir wohl feststehen, da müssen mehr Leute gefragt werden.« »Mehr Leute hin, mehr Leute her«, rief der Geist, »deinen verdienten Lohn, den sollst du haben. Denkst du, ich wäre aus Gnade da so lange Zeit eingeschlossen worden, nein, es war zu meiner Strafe; ich bin der großmächtige Merkurius, wer mich loslässt, dem muß ich den Hals brechen.« »Sachte«, antwortete der Schüler, »so geschwind geht das nicht, erst muß ich auch wissen, daß du wirklich in der kleinen Flasche gesessen hast, und daß du der rechte Geist bist; kannst du auch wieder hinein, so will ich’s glauben, und dann magst du mit mir anfangen, was du willst.« Der Geist sprach voll Hochmut: »Das ist eine geringe Kunst«, zog sich zusammen und machte sich so dünn und klein, wie er anfangs gewesen war, also daß er durch dieselbe Öffnung und durch den Hals der Flasche wieder hineinkroch. Kaum aber war er drin, so drückte der Schüler den abgezogenen Pfropfen wieder auf und warf die Flasche unter die Eichwurzeln an ihren alten Platz, und der Geist war betrogen.

Nun wollte der Schüler zu seinem Vater zurückgehen, aber der Geist rief ganz kläglich: »Ach, laß mich doch heraus, laß mich doch heraus!« »Nein«, antwortete der Schüler, »zum zweitenmal nicht: wer mir einmal nach dem Leben gestrebt hat, den lass’ ich nicht los, wenn ich ihn wieder eingefangen habe.« »Wenn du mich frei machst«, rief der Geist, »so will ich dir so viel geben, daß du dein Lebtag genug hast.« »Nein«, antwortete der Schüler, »du würdest mich betrügen wie das erste Mal.« »Du verscherzest dein Glück», sprach der Geist, »ich will dir nichts tun, sondern dich reichlich belohnen.« Der Schüler dachte: »Ich will’s wagen, vielleicht hält er Wort, und anhaben soll er mir doch nichts.« Da nahm er den Pfropfen ab, und der Geist stieg wie das vorige Mal heraus, dehnte sich auseinander und ward groß wie ein Riese. »Nun sollst du deinen Lohn haben«, sprach er und reichte dem Schüler einen kleinen Lappen, ganz wie ein Pflaster, und sagte: »Wenn du mit dem einen Ende eine Wunde bestreichst, so heilt sie, und wenn du mit dem andern Ende Stahl und Eisen bestreichst, so wird es in Silber verwandelt.« » Das muß ich erst versuchen«, sprach der Schüler, ging an einen Baum, ritzte die Rinde mit seiner Axt und bestrich sie mit dem einen Ende des Pflasters: alsbald schloß sie sich wieder zusammen und war geheilt. »Nun, es hat seine Richtigkeit«, sprach er zum Geist, »jetzt können wir uns trennen.« Der Geist dankte ihm für seine Erlösung, und der Schüler dankte dem Geist für sein Geschenk und ging zurück zu seinem Vater.

»Wo bist du herumgelaufen?« sprach der Vater, »warum hast du die Arbeit vergessen? Ich habe es ja gleich gesagt, daß du nichts zustande bringen würdest.« »Gebt Euch zufrieden, Vater, ich will’s nachholen.« »Ja, nachholen«, sprach der Vater zornig, »das hat keine Art.« »Habt acht, Vater, den Baum da will ich gleich umhauen, daß er krachen soll.« Da nahm er sein Pflaster, bestrich die Axt damit und tat einen gewaltigen Hieb: aber weil das Eisen in Silber verwandelt war, so legte sich die Schneide um. »Ei, Vater, seht einmal, was habt Ihr mir für eine schlechte Axt gegeben, die ist ganz schief geworden.« Da erschrak der Vater und sprach: »Ach, was hast du gemacht! Nun muß ich die Axt bezahlen und weiß nicht, womit; das ist der Nutzen, den ich von deiner Arbeit habe.« »Werdet nicht bös«, antwortete der Sohn, »die Axt will ich schon bezahlen.« »O, du Dummbart«, rief der Vater, »wovon willst du sie bezahlen? Du hast nichts, als was ich dir gebe; das sind Studentenkniffe, die dir im Kopf stecken, aber vom Holzhacken hast du keinen Verstand.«

Über ein Weilchen sprach der Schüler: »Vater, ich kann doch nichts mehr arbeiten, wir wollen lieber Feierabend machen.« »Ei was«, antwortete der, »meinst du, ich wollte die Hände in den Schoß legen wie du? Ich muß noch schaffen, du kannst dich aber heimpacken.« »Vater, ich bin zum erstenmal hier in dem Wald, ich weiß den Weg nicht allein, geht doch mit mir.« Weil sich der Zorn gelegt hatte, so ließ der Vater sich endlich bereden und ging mit ihm heim. Da sprach er zum Sohn: »Geh und verkauf die verschändete Axt und sieh zu, was du dafür kriegst; das übrige muß ich verdienen, um sie dem Nachbar zu bezahlen.« Der Sohn nahm die Axt und trug sie in die Stadt zu einem Goldschmied, der probierte sie, legte sie auf die Waage und sprach: »Sie ist vierhundert Taler wert, so viel habe ich nicht bar.« Der Schüler sprach: »Gebt mir, was Ihr habt, das übrige will ich Euch borgen.« Der Goldschmied gab ihm dreihundert Taler und blieb einhundert schuldig. Darauf ging der Schüler heim und sprach: »Vater, ich habe Geld, geht und fragt, was der Nachbar für die Axt haben will.« »Das weiß ich schon«, antwortete der Alte, »einen Taler, sechs Groschen.« - »So gebt ihm zwei Taler, zwölf Groschen, das ist das Doppelte und ist genug; sehr Ihr, ich habe Geld im Überfluß«, und gab dem Vater einhundert Taler und sprach: »Es soll Euch niemals fehlen, lebt nach Eurer Bequemlichkeit.« »Mein Gott«, sprach der Alte, »wie bist du zu dem Reichtum gekommen?« Da erzählte er ihm, wie alles zugegangen wäre, und wie er im Vertrauen auf sein Glück einen so reichen Fang getan hätte. Mit dem übrigen Geld aber zog er wieder hin auf die hohe Schule und lernte weiter, und weil er mit seinem Pflaster alle Wunden heilen konnte, ward er der berühmteste Doktor auf der ganzen Welt.

1. Die Märchenfamilie

In vielen Märchen verhält es sich so, dass der spätere Märchenheld aus einer unvollständigen Familie hervorgeht. In dieser Märchenfamilie versorgt ein allein erziehender Vater seinen einzigen Sohn. Diese „Restfamilie“ ist rein männlich geprägt. Es kommt keine Ehefrau und Mutter vor. Warum sie fehlt, verrät das Märchen nicht. Scheidungen oder Trennungen waren in früheren Zeiten selten und unüblich. Deshalb ist wohl eher davon auszugehen, dass die Mutter verstorben ist. Vielleicht hatte sie eine schwierige Geburt und starb an Kindbettfieber, wie es in früheren Jahrhunderten häufig der Fall war. Es ist auch möglich, dass sie an einer anderen Krankheit litt und die medizinische Versorgung unzureichend war. Sie kann durch einen Unfall oder äußere Einwirkung zu Tode gekommen sein. Wenn in einer Märchenfamilie die Mutter fehlt, dann mangelt es ihr am weiblichen Prinzip. Denn die Frau symbolisiert im Märchen u.a. Mütterlichkeit, Geborgenheit und Herzenswärme. Die Restfamilie ist um alle diejenigen Aspekte ärmer, die durch eine Frau verkörpert werden. Der gesamte Gefühlsbereich, wie zum Beispiel Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und seelische Nähe, wird dann zu wenig entwickelt sein. Ein solcher Mangel kann sich auf das Miteinander von Vater und Sohn auswirken. Möglicherweise treten dadurch andere Faktoren stärker in den Vordergrund, die das Leben rationaler und nüchterner gestalten. Der Vater trägt die Verantwortung für ihrer beider Wohlergehen ganz allein. Er übernimmt die Vater- und zugleich Mutterrolle. In dieser Doppelfunktion von Berufstätigkeit einerseits, Haushaltsführung und Kindererziehung andererseits fühlt er sich vollkommen ausgelastet. Damit dürfte er in vielen Situationen bis an seine Leistungsgrenzen gefordert sein. Dennoch wird erkennbar, dass ihm die Entwicklung seines Kindes eine „Herzensangelegenheit“ ist. Es muss jedoch offen bleiben, ob sein Sohn die nötige Nestwärme erhalten hat.

In der heutigen Zeit gibt es viele unvollständige Familien, in denen nur ein Elternteil aus den verschiedensten Gründen die Kindererziehung übernimmt. Oft führen Trennungen, Scheidungen oder auch Todesfälle dazu. Mitunter möchte eine Frau nur eines Kindes wegen keine Partnerschaft eingehen und nimmt freiwillig die Erziehungsaufgabe allein auf sich. Mehrheitlich sind in unserer Gesellschaft Frauen die Alleinerziehenden. Grundsätzlich gibt es auch Männer in dieser Rolle.

Die häuslichen Verhältnisse in der Märchenfamilie sind von männlichen Prinzipien bestimmt. Der Vater leistet als Holzfäller schwere körperliche Arbeit, die zudem nicht ungefährlich ist. Er ist praktisch orientiert, kennt sich im Wald mit den verschiedenen Baumarten und Hölzern gut aus. Er versteht sich auf die erforderlichen Techniken der Holzgewinnung. Mit unermüdlichem Fleiß, Willenskraft und Durchhaltevermögen setzt er sich in seinem Beruf ein, um den Lebensunterhalt für sie beide zu verdienen. Er arbeitet hart. Von seinem Sohn erwartet er nicht etwa – wie es viele Väter tun –, einmal in seine Fußstapfen zu treten, sondern verfolgt andere Pläne. Aufgrund dieser Anschauung hebt sich der Märchenvater von vielen anderen Männern der damaligen, sehr patriarchal bestimmten Gesellschaft ab. Damit zeichnet er sich als einen offenen, vernünftigen Menschen aus. Offenbar hat er viel über sich und die sozialen Verhältnisse nachgedacht und eine fortschrittliche Sichtweise gewonnen. Deshalb hält er das mühsam verdiente Geld zusammen, kalkuliert genau und spart für die Zukunft. Dabei übt er persönlichen Verzicht, begnügt sich mit dem Wenigen und akzeptiert die bescheidenen Lebensverhältnisse. Seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse stellt er zugunsten seines Sohnes weitgehend zurück. Es genügt ihm, wenn sie beide ein Dach über dem Kopf haben, satt zu essen und die nötige Kleidung.

Nach heutigem Maßstab sind so karge Lebensbedingungen schwer vorstellbar, aber in Entwicklungs- oder Schwellenländern durchaus noch anzutreffen.

Dennoch wirkt der Märchenvater keineswegs unzufrieden mit seiner Lebenssituation. Wie lässt sich das erklären?

Zu irgendeinem Zeitpunkt ist es ihm aufgefallen, dass er ein außerordentlich begabtes Kind hat. Das erfüllte ihn sicherlich mit großer Freude. Denn welche Eltern wären nicht stolz darauf, ein intelligentes Kind zu haben? So hat er insgeheim beschlossen, es nach bestem Wissen und Gewissen zu erziehen und zu fördern. Dabei stellte er sich vor, dass es seinem Sohn einmal in jeder Hinsicht besser gehen sollte als ihm selber. Er wollte ihn auf Schulen schicken, um seine geistige Entwicklung voranzubringen und seine Fähigkeiten zu fördern. Vor seinem geistigen Auge entwarf er eine Zukunftsvision. Er hatte einen Traum – übrigens einen solchen, wie ihn viele Eltern heutzutage mit ihm teilen: Sein Sohn sollte die Chance für eine großartige Karriere erhalten. Was ihm als Vater versagt blieb, delegiert er nun an „die nächste Generation“. Er ist von der Hoffnung erfüllt und von der Vorstellung überzeugt, seinem Sohn für eine glänzende Zukunft alle Wege ebnen zu können. Dafür nimmt er persönliche Einschränkungen in Kauf.

Die Gefahr bei der Realisierung dieser Zukunftsvision besteht darin, dass er anfangs seinen Sohn über seine Pläne nicht genügend informiert. Wenn sein Sohn etwas Rechtschaffenes lernt und damit sein Geld verdient, kann er sich später im Alter von ihm versorgen lassen. Das wäre ein angewandter Generationenvertrag. Denn eine Altersversorgung in Form von Rente gab es noch nicht. Positiv ist es zu bewerten, dass er ihn später, als sein Sohn herangewachsen ist, in seine Überlegungen einbezieht. Sonst wären seine Entscheidungen auf eine Fremdbestimmung hinausgelaufen. Dergleichen kommt häufig vor, wenn Eltern mit ihren Kindern nicht besprechen, welche Vorstellungen sie mit ihnen verfolgen. Der Märchensohn scheint mit dem Vorhaben des Vaters einverstanden zu sein. Allerdings verhält es sich normalerweise so, dass Kinder aus Liebe zu ihren Eltern sich deren Wünschen unterwerfen, um sie nicht zu enttäuschen. Sie wollen ihre Erwartungen erfüllen. Denn sie möchten auf gar keinen Fall ihre Zuwendung verlieren, erst recht nicht, wenn ein Kind nur noch ein Elternteil hat. Es ist seelisch – und wirtschaftlich – von diesem Elternteil abhängig und möchte in gutem Einvernehmen mit ihm leben. Dies gilt auf Märchenebene wie in der heutigen Zeit.

Der Märchenvater, der von den heutigen Pisa-Studien noch nichts ahnen konnte, handelt intuitiv richtig. Der Erwerb von Wissen und Kenntnissen haben für ihn einen hohen Stellenwert. Diese Überzeugung vermittelt er seinem Sohn, der sie verinnerlicht und davon bestimmt wird. Zudem zeigt ihm sein Vater, wie sehr er an ihn glaubt. Das spürt sein Sohn und fühlt sich dadurch seelisch gestärkt. Das verleiht ihm ein gesundes Selbstwertgefühl. Dies wiederum ist wichtig, um ein so weit reichendes Ziel überhaupt verfolgen zu können.

Der Vater verkörpert das Bild, das der Sohn täglich vor Augen hat, und entwickelt sich insbesondere dadurch zu seinem moralischen Vorbild.

2. Bildungsaspekte im Märchen

Märchen üben Gesellschaftskritik und wollen den Leser oder Zuhörer zum Nachdenken über die verschiedenen Lebensverhältnisse anregen. In diesem Märchen liegt ein Schwerpunkt auf der Schulbildung. Jahre bzw. Jahrzehnte hat in unserer Gesellschaft diese Thematik ein „Schattendasein“ geführt. Erst durch die Pisa-Studien wurden Eltern, Lehrer und Politiker aufgeschreckt und plädieren nun für die bestmögliche Erziehung und Ausbildung der Kinder und Jugendlichen. In der Bevölkerung besteht bei einer großen Mehrheit darüber Konsens, dass junge Menschen am ehesten vor späterer Arbeitslosigkeit bewahrt werden können oder davor, sich als (junge) Erwachsene überflüssig zu fühlen, wenn sie gut geschult sind. Das Geld, das in die Bildung und Ausbildung investiert wird, gilt als gut angelegtes „Kapital“. Solcherlei Einsichten und Erkenntnisse sind nicht erst der „Wissensgesellschaft“ im Informationszeitalter zu verdanken, sondern hatten schon in früheren Jahrhunderten Bestand. Ihre Umsetzung scheiterte zuweilen am Geldmangel oder am politischen Willen. Entsprechendes gilt für eine Reihe von Entwicklungs- oder Schwellenländern.

Wegen seiner Bildungsthematik erweist sich dieses Märchen als überaus „aktuell“ und „modern“. Denn der Märchenvater weiß aufgrund seines gesunden Menschenverstandes, seiner Lebenserfahrung und Intuition, wie wichtig die Schulbildung seines einzigen Kindes ist. Offenbar hat er sich kritisch mit dieser Frage auseinandergesetzt. Aufgrund seiner Überlegungen verhält er sich vorausschauend und unabhängig von gesellschaftlichen Strömungen, dem sogenannten „mainstream“. Damit erweist er sich als beispielhaft. Sein Selbstwertgefühl scheint zu diesem Zeitpunkt intakt zu sein, denn er hat kein Problem damit, dass sein Sohn eines Tages ihm an Wissen und Kenntnissen überlegen sein wird. Davor fürchten sich manche Eltern.

Erst heutzutage lässt es sich wissenschaftlich belegen, wie sich das menschliche Gehirn durch ständige Lernprozesse verändert. Je mehr Hirnareale aktiviert und je intensiver sie genutzt werden, desto besser entwickeln sich die Nervenbahnen und vernetzen sich. Dabei entstehen Synapsen, also Schaltstellen, die die Impulse weiterleiten. Je komplexer das Reiz-Leitungs-System ausgebildet ist, desto schneller und vielfältiger ist das Denkvermögen. Es lässt sich umso mehr Wissen abspeichern und wieder abrufen. So können einerseits die genetisch bedingten Anlagen und andererseits die erworbenen Fähigkeiten gefördert und trainiert werden. Der Mensch lernt nicht nur auf einer abstrakten, rationalen Ebene, sondern auch durch die Einbeziehung seiner Sinne. Die sinnliche Wahrnehmung dient der Veranschaulichung und dem Vorstellungsvermögen. Darüber hinaus spielen die Emotionen beim Lernprozess eine wichtige Rolle. Emotionen sorgen für eine tiefere Verankerung des Erlernten im Gedächtnis. Die geistigen Leistungen lassen sich auf diese Weise steigern. Nach heutigen Erkenntnissen geht es nicht nur um den Erwerb von theoretischen Kenntnissen, sondern auch um den von praktischen. Zuweilen wurden praktische Erfahrungen eher als geringwertig eingestuft. Aber inzwischen hat sich die Verknüpfung von Theorie und Praxis als sehr wertvoll erwiesen, weil eine Wechselwirkung entsteht. Dies gilt für die Schulausbildung, Lehre und Studium gleichermaßen. Praktika gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Wie sollte ein Ingenieur oder Mediziner seinen Beruf ohne Praxisbezug ausüben können?