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Wir schreiben das Jahr 2001. Außerirdische überfallen die Erde und es liegt an einer Gruppe von berliner Studenten, die Welt zu retten. Leider gelingt der Hobby-Widerstandsgruppe nicht so alles nach Plan, und bald schon werden die vermeintlichen Jäger zu den Gejagten.
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Seitenzahl: 630
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Impressum neobooks
Invasion der Außerirdischen
in Berlin-Mitte
ein Science Fiction Roman
von
Richard Loewe
Loewe • Lissabon
Berlin-Friedrichshain, 11:37 Uhr – Tag der Invasion
Max legte eine neue Scheibe auf. Er liebte das Geräusch, wenn sich die Nadel auf das Vinyl senkte und in die Platte kratzte. Seine Freunde mochten ihn für noch so antiquiert halten, aber keine kalte CD und kein blasses MP3 aus seiner Sammlung machten ihm ebenso viel Freude wie sein guter, alter Thorens-Plattenspieler. Er ließ sich in einen Sessel fallen, schob sich die Dreadlocks aus dem Gesicht, und lauschte einige Minuten den vertrauten Klängen. Dann, fand er, war es an der Zeit für einen Joint, den er sich aus purem Gras wie eine normale Zigarette drehte. Tausendmal schon hatte Nina ihm zu erklären versucht, dass Marihuana genauso gefährlich wie Tabak war, wenn man es inhalierte. Sie hatte ja keine Ahnung, was für giftiges Zeugs in handelsüblichen Tabakwaren zu finden war! Nicht, dass er selbst wirklich in der Lage gewesen wäre, die Inhaltsstoffe aufzuzählen. Wie dem auch sein mochte, jedenfalls hatte er vor langer Zeit beschlossen, aus gesundheitlichen Gründen beim altbewährten, biologisch-dynamisch in Holland großgezogenen Gras zu bleiben. Schließlich lebte man ja nur einmal – falls man nicht gerade wie Nina an Reinkarnation glaubte.
Er wandte sich seinem Computer zu. Es galt, etwas Sinnvolles zu tun und sich endlich an diesen verflixten Aufsatz zu Flussläufen in Papua Neuguinea machen. Er warf den Browser an, aber das blöde Ding zeigte einen Fehler ›404 - Page not found‹ an. Dann wohl doch keine Hausarbeit! Wenn er ehrlich sein sollte, verdiente er als DJ ausreichend Kohle, um über die Runden zu kommen, und schien zur Wissenschaft sowieso nicht allzu viel zu taugen. Übermäßig Arbeit und vor allem schrecklich viel Mathematik. Selbst mit Tobis Hilfe war er nur mit Mühe durch einige Prüfungen gekommen, dabei stand er erst am Anfang seines Geografiestudiums. Wer hätte gedacht, dass man sich in diesem Fach mit Projektionsmethoden und Physik beschäftigen musste? ›Wahrscheinlich jeder, der sich vorm Einschreiben mal informiert hätte‹, beantwortete er die Frage selbst und kicherte in sich hinein. Egal, das Internet funktionierte sowieso nicht. Eigentlich eine Sauerei, schließlich zahlte er dafür. Er griff zum Telefon. Man durfte ja wohl erwarten, dass eine teure 24/7 Flatrate auch vierundzwanzig Stunden am Tag lief! Statt bei seinem Provider anzurufen, wo man ihn in eine endlose Warteschleife gesteckt hätte, wählte er jedoch ganz automatisch Tobis Nummer. Wäre doch gelacht, wenn sich der alte Stubenhocker nicht zu einem kleinen Team-Deathmatch in ihrem Lieblingsshooter herausfordern ließe, oder, was noch besser wäre, sie könnten sich zu einem gemeinsamen Bierchen treffen. Immer schwerer wurde es, den Physikus zu überreden, mal von der Doktorarbeit abzulassen und an was Alltägliches zu denken. Von den vielen Zahlen und Formeln musste ihm ja schon der Kopf schwirren!
Max wählte und nichts geschah. Er prüfte den Akku und den Netzwerkindikator, aber beide Anzeigen standen auf voll. Da bemerkte er auf dem Display die Nachricht ›Netzwerk überlastet‹. Er runzelte die Stirn. Was zum Geier konnte an einem Werktag um elf Uhr morgens so wichtig sein, dass alle gleichzeitig telefonieren wollten? War die Love-Parade wieder nach Berlin gekommen? Gab es die Love-Parade überhaupt noch? Er glaubte, sich vage zu erinnern, dass sie schon vor unendlich langer Zeit abgeschafft worden war. Fand heute etwa ein Berlinmarathon statt? Karneval der Kulturen? Christopher Street Day? Er hatte keine Ahnung und wischte die mühseligen Spekulationen beiseite. Dann rief er seinen Freund eben später an, zumal sich dadurch die Wahrscheinlichkeit drastisch erhöhte, dass er den erfolgreichen Doktoranden tatsächlich zu einem Bierchen oder Pfeifchen überreden konnte. Tobi war immer so unglaublich um sein Hirn besorgt, dabei würde ihm ein bisschen mehr Dummheit gar nicht schaden.
Eine Welle von Hunger erfasste Max mit einem Mal. Kein Wunder, er hatte noch nicht gefrühstückt. Aus unerfindlichen Gründen bekam er Lust auf ein Glas Orangensaft und eine Salamipizza. Angesichts der Tatsache, dass in seinem Kühlschrank gähnende Leere herrschte, beschloss er kurzerhand, im Laden um die Ecke eben diese Waren käuflich zu erwerben. Der Spätkauf war ziemlich teuer und es war auch ganz und gar nicht spät, aber er unterstützte den örtlichen Einzelhandel – vor allem, wenn er wirklich gleich eine Straße weiter zu finden war und man gelegentlich anschreiben lassen konnte.
Wie fast jeden Tag im gefürchteten Berliner Winter bedeckte eine undurchdringliche Schicht Wolken den Himmel, als habe jemand eine große, ungewaschene, heftig beschlagene und grau angeschimmelte Käseglocke über die Stadt gestülpt. Max konnte dieses Wetter nicht ausstehen, weshalb er in dieser unwirtlichen Jahreszeit oft lange verreiste. Unter dem Vorwand eines Geografiestudiums ließen sich selbst ausgedehnte Exkursionen nach Indonesien oder Neuseeland rechtfertigen. Diesmal hatten seine bescheidenen Geldreserven zu seinem Leidwesen allerdings nur zu einer Art Skiurlaub in Kroatien gereicht und waren nun vollständig erschöpft. Er würde wochenlang in Klubs auflegen müssen, bevor er sich wieder aus dem Staub machen konnte. Eine zweite Reise nach Indien stand ganz oben auf der Liste, aber leider hatte es sich Nina in den Kopf gesetzt, unbedingt Neukaledonien zu besuchen, was sein Budget entschieden überschreiten dürfte.
Auf dem Weg zum Spätkauf schlenderte ihm Tobi entgegen, der zu ihm den geradezu perfekten Kontrapunkt setzte, seit er mit seiner Doktorarbeit begonnen hatte. Max trug eine dreckige Jeans, Turnschuhe, eine grüne Parka mit dem aufgenähten Wappen von Jamaika und einer Piratenflagge als Schulterabzeichen und darunter ein für diese Jahreszeit viel zu leichtes weißes T-Shirt mit der Aufschrift ›Fuck that shit‹. Tobi hingegen bevorzugte neuerdings gepflegte schwarz lackierte Halbschuhe, dunkle Bundfaltenhosen, ein dezent rot-grün kariertes Hemd und darüber einen dunkelgrünen Pollunder. Ein spießiger, halblanger Wintermantel rundete das Bild ab. Max fielen die langen, dunkelblonden Rastalocken weit über die Schultern, während Tobis kurze schwarze Haare allmählich einer Stirnglatze wichen. Trotz der äußerlichen Gegensätze waren sie beste Freunde, und überhaupt kleidete sich Tobi erst seit einiger Zeit auf solche Weise. Er hielt Tutorien und wollte nach der Promotion eine Postdocstelle ergattern, da war es seinen Erklärungen zufolge nicht mehr angebracht mit T-Shirts herumzulaufen, auf denen die Namen von Computerspielen oder Sprüche wie ›Fuck that shit‹ zu lesen waren. Ein gewisses Verständnis hatte Max dafür, wenn er auch fand, dass sein Freund es übertrieb.
»Yeah, Mann, ich hab versucht dich anzurufen, aber das Telefon hat nicht funktioniert«, begrüßte er ihn und hob dabei lässig den Arm. ›Eigentlich ziemlich genau der ungenaue Hitlergruß, wie ihn Hitler selber gemacht hatte‹, fuhr ihm mit einer gewissen Belustigung durch den Kopf.
»Lebst du hinterm Mond?«, rief ihm Tobi entgegen. »Nichts geht mehr!«
»Jep, Internet ist auch kaputt. Hör zu, ich will gerade zum Spätkauf –«
»Es ist noch nicht mal zwölf«, unterbrach ihn sein Freund, der immer alles schrecklich genau nahm.
»Dann eben zum Frühkauf. Ich will frühstücken.«
»Ja, Mann, du bist nicht der Einzige, der einkaufen ist«, merkte der Physiker mit der ihm üblichen Ironie in der Stimme an, und tatsächlich hatte er mal wieder recht: Vor dem Laden an der Ecke hatte sich eine lange Schlange gebildet.
»Ist heute Christopher Street Day? Karneval der Kulturen? Oder gibt es bei Knolle irgendwas gratis?«
»Schau dich mal um, sieht das so aus? Kommt dir nichts merkwürdig vor?«
Max’ Blick schweifte über die Menschentrauben auf den Straßen und er sah sich gezwungen, seinem Freund schon wieder recht geben. Jetzt, da Tobi seine Aufmerksamkeit auf die Umgebung gelenkt hatte, nahmen seine vom Marihuana geschärften Sinne unzweifelhaft wahr, dass im Viertel Eigenartiges vor sich ging. Menschen standen auf den Gehsteigen und unterhielten sich, manche flüsterten verhalten, andere stritten sich lautstark, und eine Reihe alteingesessener Berliner Familien packten hastig allen möglichen Krempel, Koffer und große Plastiktüten, in ihre Autos. Familienväter schleppten Kanister mit Wasser und schwere Einkäufen nach Hause. Ein etwa fünfzig Jahre alter Mann hatte eine Schubkarre vollgepackt, die an jedem Bordstein umzukippen drohte. Ehepaare zankten miteinander vor ihren Kindern, und alle schienen sie es irgendwie eilig zu haben. Auch die Straßen waren ungewöhnlich voll, normalerweise waren die meisten zu dieser Stunde längst auf Arbeit, heute hingegen herrschten Stau und Chaos, als hätten die Einwohner der Stadt in stillschweigender Übereinkunft beschlossen, gleichzeitig an- und abzureisen.
»Die Schulferien?«, murmelte Max unsicher. Eigentlich sah das Ganze eher aus, als erwarteten seine Nachbarn die Sintflut, und es stieg in ihm das Gefühl hoch, mal wieder ein spannendes Großereignis verpasst zu haben.
»Quatsch Ferienbeginn!«, mokierte sich Tobi. »Es sind keine Ferien.«
Max zuckte mit den Schultern und reihte sich in die Schlange zu Knolles Geschäft ein. »Du weißt doch irgendwas, also spann mich nicht auf die Folter! Was ist los?«
»Ich weiß nicht mehr, als jeder andere. Es stimmt was nicht. Fernsehen, Radio, Internet, und Telefon sind ausgefallen – alle gleichzeitig.«
»Hm, Stromausfall?«, tippte Max auf gut Glück.
»Der Strom funktioniert doch! Keiner hat eine Ahnung, was passiert ist, aber die Menschen glauben, dass es was Schlimmes sein muss.«
Kaum hatte der Physiker den Satz beendet, sprang Max vom Randstein aus ein älterer Mann mit weißen Haaren an die Kehle, packte den Kragen seiner Parka, und schüttelte ihn. »Das ist die Apokalypse! Der Untergang ist nahe!«
»Für dich vielleicht«, erwiderte der Rastamann, wandte sich geschickt aus dem Griff, was er bei Demonstrationen gelernt hatte, und stieß ihn von sich. Bei einem gemütlichen Bier oder einem Joint zugequatscht zu werden störte ihn nicht, aber er konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn man ihn von der Seite anfiel. Schon gar nicht, wenn er bekifft war.
Ein Polizeiauto schlich an ihnen vorbei. Es passte gerade zwischen die Kolonne von Autos und den Bürgersteig und fuhr in dem berufstypischen Schritttempo. Wer Gutes im Schilde führte, kroch doch nicht im Schneckentempo durch die Straßen! Außerdem war es seiner Meinung nach unmöglich, ohne Änderungen am Getriebe so langsam zu fahren. Die Sirene des Blaulichtfahrzeuges heulte laut auf und eine unverständliche Lautsprecherdurchsage folgte, die wohl ›Der rote Toyota da vorne in die Spur zurückscheren‹ bedeuten sollte, aber wirklich nur als ›Da Rotentoita davon Indie-Spurz scheren‹ aus dem Lautsprecher kam.
»Können die keine Musik auflegen, um die Menschen zu beruhigen? Man könnte meinen, das sei das Ende der Welt. Dabei ist doch bloß das Internet ausgefallen!«
»Das ist für mich das Gleiche«, erklärte Tobi und spielte damit auf seine ausgeprägte Netz-Sucht an, die ihn anscheinend nicht davon abhielt, nebenbei noch eine Doktorarbeit in theoretischer Physik zu schreiben.
Keiner hatte eine Ahnung, wie Knolle eigentlich hieß. Sie nannten ihn einfach nur so wegen seiner Nase, die Erinnerungen an alte französische Filme mit Jean Gabin weckte. Der Mann war ein Urgestein aus dem Osten, nicht zugezogen wie fast alle anderen im Bezirk, und stand zu jeder Tages- und Nachtzeit im Laden hinter dem Tresen, als gehöre er zum unverrückbaren Inventar. Er schien niemals zu schlafen. Dazu fehlte ihm wohl die Zeit, erfüllte er im Viertel doch viele lebenswichtige Funktionen: Nicht nur versorgte er sämtliche Alkoholiker von Friedrichshain mit Stoff, er war auch für die Ernährung unzähliger Einwohner zuständig, die entweder nicht in der Lage oder wie Max nicht gewillt waren, bis zum nächsten Supermarkt zu laufen.
»Was darf’s denn sein?«, erkundigte er sich mit einem immer gleichen, leicht spöttischen Unterton in der Stimme, der neben der Nase ebenfalls zu seinen Markenzeichen gehörte. Max schob eine Tiefkühlpizza und eine Tüte Saft über den Tresen. »Wollt ihr nicht noch ein bisschen Wasser kaufen?«, fragte Knolle nach. »Wird bald alle sein.«
»Vielleicht sollten wir tatsächlich –«, setzte Tobi an, doch sein Freund unterbrach ihn: »Brauchen wir nicht. Haben Sie ne Ahnung, was los ist?«
»Atomkrieg«, erklärte der Geschäftsmann beiläufig, als sprächen sie übers Wetter. Mit seinen rot geränderten, wässrigen Augen erinnerte er ihn immer an einen Grottenolm. Ob er jemals die Gegend außerhalb seines Geschäftes bei Tageslicht gesehen hatte? Er kam so nahe, dass Max seinen Atem spürte, und flüsterte: »Deshalb hamstern die Leute so viel. Werd den Laden bald dicht machen. Letzte Chance, noch Wasser und Batterien zu kaufen.«
Max schob einen Zehneuroschein über die Theke. »Atomkrieg? So ein Schwachsinn!«
»Oder ein Terrorattentat«, ergänzte Knolle. »Jedenfalls was Schlimmes, sagen die Leute.«
Sie verließen das Geschäft mit zwei Sechserpacken Bier, das sich Max zufolge bestens als Ersatz für Wasser eignen würde, und einigen eingeschweißten Batterien, auf die Tobi bestanden hatte. Keiner von ihnen glaubte den Gerüchten, aber man wusste ja nie. Vielleicht gab es irgendwo in der Nähe eine Havarie in irgendwelchen Verteilerstationen, ein Brand etwa, und da mochte bei den Aufräumarbeiten durchaus auch noch der Strom ausfallen.
Die Sirene eines Polizeiautos schreckte sie auf, als sie den Laden verließen. Auf breitem Berlinerisch ertönte wieder eine Lautsprecherdurchsage: »Bleiben sie zu Hause in ihren Wohnungen, die Straßen sin’ dicht. Es besteht kein Grund zur Beunruhigung und wir wissen och nüscht mehr.«
»Was für ein Schwachsinn!«, regte sich Tobi auf, der schon immer ein Faible für scheinbare Nebensächlichkeiten gehabt hatte. »Wie können die sagen, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, wenn sie selbst keine Ahnung haben, was los ist?«
Im Hausflur erwartete sie Nina. Die zierliche blonde Studentin sprang auf, als die beiden eintraten, und fiel Max in die Arme, als habe er sie gerade aus einer Burg befreit. Diese Stimmung mochte er an ihr am liebsten. Leider war sie in letzter Zeit häufiger in einer Laune, die er im Stillen für sich als ›Nervmeckerei‹ bezeichnete.
»Max, was bin ich froh, dass du da bist!«, keuchte sie, als sei er ohne sie für ein paar Monate in den Urlaub gefahren. Dabei konnten die Einkäufe nicht länger als zehn Minuten gedauert haben. »Meine Nachbarn behaupten, dass die Chinesen in Süddeutschland einmarschiert sind!«
»Unwahrscheinlich.«
»Genau, so ein Quatsch!«, bestätigte sie mit heftigem Kopfnicken. »Aber irgendwas muss passiert sein!«
»Vielleicht geht’s Fernsehen wieder.«
Er schob die Pizza in den Ofen und sie machten es sich gemeinsam in dem geräumigen Zimmer bequem. Für eine lächerliche Miete von 412 Euro kalt war seine Dachgeschosswohnung der pure Luxus. Sie bestand aus einer kleinen, stets unaufgeräumten Küche und zwei hellen Räumen mit abgeschliffenen Holzdielen, die ein breiter Durchgang miteinander verband, aus dem er die Tür herausgenommen hatte. Mit dem Schwingschleifer hatte er sie eigenhändig bearbeitet und lackiert, und verwandte sie seither als riesigen Schreibtisch, an dem allerdings nicht allzu viel geschrieben wurde. Kartons und ein großer Aschenbecher, sowie eine offene Tüte mit Gras, und ein paar Bücher über die Regenwälder Papua Neuguineas befanden sich darauf, die er längst wieder in die Staatsbibliothek hätte bringen müssen. Ihm schauderte vor den Mahngebühren. Aber wie sollte er sie zurückbringen, wenn man ihn dort mittlerweile zur Persona non grata erklärt hatte? Bei seinen Gästen beliebter war ohnehin die Sitzecke, die aus einigen alten Polstern und einem mit Sand gefüllten Fernsehkissen bestand. Eine Yuccapalme, eine falsch gestimmte Sitar aus Indien, und eine afrikanische Bongo-Trommel, auf der zufälligerweise auch genau ein Teller mit Pizza Platz fand, sorgten zusammen mit einem Ikearegal der Marke ›Ivar‹, in dem sich Bücher und Kisten mit Dias ohne jedes Sortiersystem stapelten, für eine behagliche Wohnatmosphäre. Besonders ins Auge fiel Besuchern die Plattensammlung, die sich über zwei Reihen an der Wand entlang bis in das kleinere Schlafzimmer erstreckte. Die geliebten Scheiben waren verdammt schwer und ruhten daher auf massiven Brettern, deren Metallhalterungen Max persönlich verdübelt hatte. Die meisten käuflichen Regale wären unter der Last zusammengebrochen.
Nina und Tobi lümmelten bereits erwartungsvoll auf den Polstern wie bei einem DVD-Abend, als er den Fernseher anschaltete und ein altertümliches Testbild erschien. Darunter lief der Text ›technische Störung – wir bitten um Geduld‹ und es erklang ein klassisches Pausenfüllerlied, das Max als DJ sofort erkannte.[Fußnote 2]
»Bei der Musik bekomme ich auch langsam Angst«, kommentierte Tobi die Musikauswahl.
Sie teilten sich die Pizza, Max stellte den Ton leise und legte stattdessen eine seiner Lieblingsscheiben auf,[Fußnote 3] und dazu gab es einen kräftigen Joint. Dann sahen sie sich auf seinem PC einen Kinofilm an, den er schon Wochen zuvor aus dem Internet gezogen hatte,[Fußnote 4] und schliefen, vom starken Marihuana ermattet, auf den bequemen Polstern ein.
Als Max erwachte, war der Bildschirm schwarz, obwohl er eigentlich das Ende des Films hätte anzeigen sollen. Er prüfte den Strom, aber das grüne Licht des Monitors leuchtete. ›Der Bildschirmschoner‹, dachte er sich und rüttelte an der Maus herum. Nichts tat sich. Also weckte er Tobi, der sich schläfrig die Augen rieb.
»Mann, das Zeug war stark«, murmelte der Physiker. »Ich kann mich kaum an den Film erinnern. Hätte nicht mitrauchen sollen.«
»Du verträgst nichts mehr, weil du zu viel vor deinen Gleichungen hockst«, konterte Max und wies auf den dunklen Bildschirm. »Der Monitor hat seinen Geist aufgegeben. Kannst du dir den mal anschauen?«
Abgesehen davon, dass er ihn zu seinen besten Freunden zählte, war Tobi nebenbei noch sein unersetzlicher Techniker, der einfach alles und jedes Gerät reparieren konnte. Zu Hause bei sich lötete er sogar Bauteile aus den Platinen aus und setzte neue wieder ein, was heutzutage fast niemand mehr beherrschte. Ihm zufolge lag das daran, dass er zuerst Elektrotechnik studiert hatte und später in die Experimentalphysik und von dort in die theoretische ›geraten‹ war. Max fand, das konnte nur einen kleinen Teil der Erklärung ausmachen. Da musste auch etwas wie Magie im Spiel sein. Diesmal jedoch gab der Student ungewöhnlicherweise schon nach kurzer Zeit auf.
»Komisch, die Graka[Fußnote 5] kann’s nicht sein«, murmelte er. »Der Monitor funktioniert, aber sogar das BIOS kommt nicht mehr hoch. Sieht nach Hardware-Versagen aus.«
»Scheiße, ich habe meine ganzen Sachen drauf und muss bald eine Hausarbeit abgeben.«
Der Physiker bedachte ihn mit einem vorwurfsvollen Blick. »Ohne Sicherheitskopie?«
Max schob sich eine Dreadlock aus dem Gesicht, dachte angestrengt nach und schüttelte den Kopf. Vor ein paar Monaten hatte er einmal ein Back-up gezogen – nicht viel hatte sich seitdem getan, aber das Wenige, das er geschrieben hatte, fand sich nicht auf der DVD. Tobi versprach ihm, sich den Rechner mit einigen Geräten aus seinem Hobby-Labor noch mal anzusehen, die er von Zuhause holen wollte. Sie verabredeten sich für später und er machte sich auf den Weg. Auf ihn war stets Verlass! Um die Zeit zu überbücken, drehte sich Max einen neuen Joint und gesellte sich dann zu seiner munter schnarchenden Freundin aufs Polster.
Berlin-Kreuzberg, 17:47 Uhr – Tag der Invasion
Die Dunkelheit war hereingebrochen und es war empfindlich kalt. Die drei Freunde trafen sich trotz des schlechten Wetters in der ›Ankerklause‹ am Landwehrkanal in Kreuzberg. Im Innern des Kneipenschiffes war es zum Brechen voll und so machten sie es sich auf dem Teil des Bootes bequem, der im Freien lag. Auf dem Schiff, das schon lange keine fernen Ufer mehr gesehen hatte, war von der Aufregung und Panik auf den Straßen nichts zu spüren. Die Gäste zwängten sich wie üblich zwischen die engen Bänke und erfreuten sich an diversen alkoholischen Getränken. Musik aus der Jukebox drang nach draußen.[Fußnote 6] Hier fühlte sich Max zu Hause.
Tobi zauberte aus seinem Rucksack, der von programmierbaren Taschenrechnern über Werkzeuge zum Knacken von Schlössern so ziemlich alles zu enthalten schien, was man sich vorstellen konnte, einen alten Laptop hervor, der selbst fast die Größe eines Koffers hatte.
»Was ist das denn für ein Teil? Aus den 90er Jahren?«, wunderte sich Nina, die inzwischen wieder von den Toten auferstanden war und an einem Milchkaffee nippte. Der Joint am frühen Nachmittag hatte sie genau wie Tobi umgehauen. Ab und dann vergaß Max einfach, dass seine fleißigen Studentenfreunde längst nicht mehr so viel vertrugen wie er.
Mit einem triumphierenden Grinsen klappte der Physiker den Koffer auf und mit einem Piepsen erwachte das Gerät aus dem Schlaf. »Das ist ein altes Panasonic Toughbook«, erklärte er, sah sich jedoch zu weiteren Ausführungen gezwungen, als er das blanke Stieren von Affen in den Blicken seiner Freunde bemerkte. »Das Teil ist praktisch unzerstörbar. Dürfte tatsächlich so etwa aus den 90ern stammen. Ist gebraucht gekauft. Neu kosten die mehr, als mein Geldbeutel erlauben würde.«
»Und wieso hast du’s mitgebracht?«, erkundigte sich Max, und bereute gleich darauf, die Frage gestellt zu haben. Tobi war für seine begeisterten und leider mitunter etwas langwierigen Technikerläuterungen wohlbekannt.
»Weil ich euch was zeigen wollte.«
Er startete auf einer Kommandozeile ein Programm, und der Bildschirm füllte sich von einem Rand zum anderen mit kryptischen Zahlenkolonnen.
»Wieso sind da Buchstaben dabei?«, wunderte sich Nina.
»Hexadezimalsystem«, erwiderte Tobi und sparte sich weitere Erklärungen dazu, um keine Zeit zu verlieren. »Das ist ein Debugger und Disassembler, er übersetzt den Maschinencode des Computers in lesbare Befehle.«
»Sieht für mich nicht besonders lesbar aus«, meinte Max, dessen Aufmerksamkeit schon zu erlahmen begann. Nina gähnte.
»Das ist ja auch der Speicherinhalt«, entgegnete der Physiker irritiert. Er drückte eine Taste, und eine nicht minder unverständliche Kolonne von Buchstaben erschien auf dem Bildschirm. »Dissassembler. Was ihr hier vor euch seht, ist so ziemlich der komplexeste Virus, der je für einen Computer geschrieben worden ist. Ich verstehe nicht einmal ein Prozent davon und kenne mich eigentlich mit solchen Sachen gut aus.«
»Und dieses Ding hat meinen PC zerstört?«, mutmaßte Max und nahm einen Schluck Bier.
»Jep. Hat glatt dein BIOS neu geflasht! Aber nicht nur das, auch meine Computer hat er geschreddert, oder vielmehr alle, bis auf diesen hier.«
»Wieso den nicht?«
Auf diese Frage hatte er nur gewartet. Freudig schob er sich die Brille zurecht und erklärte: »Die meisten neueren Maschinen besitzen einen sogenannten TPM-Chip Version 2.0 oder höher, und jedes Gerät damit hat der Virus einfach außer Kraft gesetzt. Das Toughbook war seiner Zeit voraus, es hat TPM 1.2. Das ist inzwischen vollkommen veraltet, aber es hat dem Angriff widerstanden.«
»Typisch mal wieder«, murmelte Max, »die alten Chips sind besser.«
»So kann man das nicht sagen«, erwiderte sein Freund, den solche Kommentare stets leicht verärgerten, und berichtete ihnen, was er sonst noch herausgefunden hatte. Allem Anschein nach war eine ganze Lawine von neuartigen Computerviren übers Internet gekommen und hatte nicht nur Computer, sondern auch Mobilfunknetze und Tausende von Geräten, die für die Kommunikation nötig waren, außer Gefecht gesetzt. Tobis Router, sein WLAN, ein Server für Videospiele und sein Torrent-Server waren lahmgelegt worden, und ebenso hatten gezielte Virenattacken jeden weiteren Rechner, den er ans Netz gebracht hatte, innerhalb von ein paar Sekunden bis Minuten zerstört. Nur das Toughbook war verschont geblieben, und zwar nicht, wie er betonte, weil es ›tough‹ war, sondern weil es die älteste Maschine in seiner gigantischen Sammlung war. »Praktisch alles, was nach der Jahrtausendwende hergestellt worden ist, hat seinen Geist aufgegeben!«, beendete er seine Erklärungen in triumphierendem Tonfall.
Max pfiff anerkennend durch die Zähne. »Also haben uns tatsächlich die Chinesen überfallen?«
»Wieso die Chinesen?«, wunderte sich Nina.
»Sie gelten als die Besten, was den ›Cyberkrieg‹ angeht«, bestätigte Tobi die Vermutung. »Wer auch immer diese Flut von Viren geschrieben hat, muss jedenfalls die Baupläne für diese Chips kennen, und zwar besser als wir Linux-Entwickler. Wir müssen die Funktionen oft von Hand austesten, was ewig dauert. Aber ich wüsste nicht, was den Chinesen ein solcher Angriff bringen sollte, ist ja nicht gerade unauffällig.«
»Bratwurst?«, warf Max ein. Der Kommentar war so dumm, dass ihm sogar ein paar Tischnachbarn den Vogel zeigten, die ihnen unfreiwillig zugehört hatten. Der Zusammenbruch des Internets war Tagesthema Nummer eins.
»Eine Wirtschaftsattacke«, meldete sich Nina zu Wort, die plötzlich hellhörig geworden war. »Wenn man im Voraus weiß, wann die Börse und die Medien in einem Land zusammenbrechen, kann man Milliarden verdienen.«
»Bingo!«, rief ein Typ am Nebentisch, der ihrer Unterhaltung ebenfalls gefolgt war. »Das waren die Amis!«
Wer auch immer letztlich dafür verantwortlich war, Tobi und Max waren sich einig, dass Ninas Erklärung von allen, die sie an diesem Tag bisher gehört hatten, am meisten Sinn machte. Doch wie sich bald herausstellen sollte, lag die Studentin der Politologie und Geschichtswissenschaften damit mächtig daneben. Ausgerechnet die dümmste und albernste Hypothese, an die niemand ernsthaft glaubte, sollte sich als richtig erweisen.
Als Max gerade die nächste Runde bestellen wollte, kam Tobi eine Idee. Seiner Meinung nach konnte es durchaus möglich sein, dass nicht das gesamte Internet zusammengebrochen war. Schließlich hatten die Viren ja auch nicht sämtliche Computer, sondern nur die meisten von ihnen ausgeschaltet. Wenn die zerstörerischen Programme übers Netz wanderten, würde es Sinn machen, die Infrastruktur selbst intakt zu lassen, um sie schön weiterverteilen zu können. Aufgeregt verabschiedete er sich, um die Hypothese zu Hause zu prüfen, woraufhin Max ihm vorschlug, den Versuch doch bei ihm zu unternehmen. Gesagt, getan, schwangen sie sich auf ihre Räder und machten sich auf den Rückweg nach Friedrichshain.
Es war erst kurz nach Mitternacht, aber die Straßen wirkten erstaunlich leer und verlassen. Anscheinend waren die meisten Menschen, die aus der Großstadt hatten fliehen wollen, tatsächlich abgezogen, und die übrigen Einwohner hielten sich größtenteils an die Aufforderungen der Polizei, in ihren Wohnungen zu bleiben. Fast nur Fußgänger und Radfahrer waren unterwegs, und dafür patrouillierten verdammt viele Polizeiautos. Wie früher am ersten Mai stand an jeder Ecke ein Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei, und alle fünf Minuten befahl ihnen ein missmutiger Polizist, nach Hause zu fahren. Entnervt erklärten die drei Freunde jedes Mal, dass sie genau das vorhatten.
Auf der Oberbaumbrücke staute sich der Verkehr unerwarteterweise, und sie kamen selbst per Rad nicht weiter, denn ein Polizeikordon sperrte die Ausfahrt ab. Max schob sein Fahrrad und bemerkte eine Vibration im Boden, die sich fast wie ein leichtes Erdbeben anfühlte. Erst als er sich zwischen den Schaulustigen hindurch einen Weg gebahnt hatte, fiel ihm die Ursache auf: Eine gewaltige Militärkolonne zog, soweit sich das im Licht der Laternen überblicken ließ, die Stralauer Allee hinunter und bog hinter der Brücke auf die Warschauer Straße ab. »Jesus Christus!«, kommentierte er den Anblick und legte den Arm um seine Freundin, als könne er sie auf diese Weise beschützen. Ein Panzer nach dem anderen rollte vor der Absperrung an ihnen vorüber. Soviel zum ›Wirtschaftskrieg‹, dachte er sich.
»Die Chinesen?«, flüsterte Nina ungläubig.
»Das sind deutsche Leopard 2«, erklärten die beiden Freunde fast gleichzeitig wie aus der Pistole geschossen. Wer mochte da noch behaupten, dass Ego-Shooter nicht zur Allgemeinbildung beitrugen? Die Kolonne fuhr ohne Licht, was den unheimlichen Eindruck verstärkte, und der Lärm und Gestank war ohrenbetäubend. Die gesamte Brücke erzitterte, und Max fragte sich, ob sie für diese Art von Schwingungen überhaupt ausgelegt war. Der schier endlosen Reihe von Panzerfahrzeugen mit allerlei gefährlich wirkenden Aufbauten folgten überlange Sattelschlepper, auf deren Anhänger jeweils zwei riesige Abschussrohre montiert waren.
»Ich glaube, das sind Patriot-Flugabwehrsysteme«, flüsterte Nina beinahe ehrfürchtig. Sie hatte die Bilder früher einmal im Fernsehen gesehen.
»Habe ich mir kleiner vorgestellt.«
Schaulustige drängten sich vor den Absperrungen und viele von ihnen filmten die Kolonne mit ihren Handys. Blitzlichter erhellten ab und dann die gespenstische Szenerie. Eine unheimliche Angst kroch in Max hoch; unwillkürlich verstärkte er den Griff um Ninas Hüfte, als den raketenbestückten Sattelschleppern Dutzende von Militärlastern in Tarnfarben folgten, auf denen bewaffnete Soldaten saßen. Sie trugen Gasmasken und ABC-Schutzanzüge.
»Scheiße, das ist gruselig«, murmelte Tobi, und seine Freunde stimmten ihm mit einem wortlosen Nicken zu. ›Gruselig‹ war noch eine Untertreibung. Max war froh, als die Truppentransporte in Richtung Warschauer Straße verschwanden und vergleichsweise vertrauten Raketenwerfern Platz machten, die er irgendwann einmal im Fernsehen gesehen hatte. Unheimlich drehten sich ihre turmartigen Aufsätze hin und her, als suchten sie am stockdunklen Nachthimmel nach einem unsichtbaren Ziel.[Fußnote 7] Max kam der Gedanke, dass es nicht besonders vorteilhaft sein konnte, so dicht neben einem Militärkonvoi zu stehen, falls dieser angegriffen wurde. Wahrscheinlich fuhren die Soldaten deshalb auch ohne Licht.
»Sieht verdammt nach Krieg aus«, meinte Tobi, als endlich die letzten Tanklastzüge, Mannschaftswagen, und noch ein paar Panzer an ihnen vorbeigerollt waren. Polizisten bauten die Absperrungen wieder ab. Die Schaulustigen löcherten sie mit Fragen, aber wie schon am Nachmittag war es offensichtlich, dass die Beamten nicht mehr als jeder andere wussten. Sie wirkten müde und gereizt. Floskelartig wiederholten sie dieselben Phrasen, dass die Bürger bitte nach Hause zurückkehren und abwarten sollten, dass alles in Ordnung sei – was angesichts des Militärkonvois selbst in ihren Ohren nicht sehr überzeugend klingen konnte –, und dass sie bald mehr erfahren würden.
Erst um drei Uhr nachts kamen sie in Max’ Wohnung an. Der Fernseher zeigte nach wie vor das alte Testbild mit der Nachricht ›technische Störung‹, sogar die Pausenfüllermusik hatte sich nicht geändert. Max lud Tobi ein, bei ihm zu übernachten, was nach diversen Kneipentouren schon mal vorkam. Bevor Max und Nina sich ins Schlafzimmer verdrückten und der Physiker es sich auf den Fernsehpolstern bequem machte, füllten sie tatsächlich noch die Badewanne mit Wasser, wie man das aus verstaubten Katastrophenschutzfilmen kannte, und kamen sich dabei ein wenig albern vor.
Mit einem abschätzigen Blick inspizierte Nina den Zustand der Wanne und stellte klar: »Davon trinke ich nichts!«
»Wenn du richtig Durst hast, schon«, wandte Tobi ein.
»Lieber verdurste ich ...«
Max verteidigte sich lahm: »Kinder, darin wollten wir vor Kurzem noch Bier brauen.«
»Davon hätte ich ganz sicher nichts getrunken!«, konterte sie und wischte mit den Fingern über einen grauen Schmutzrand, der den üblichen Wasserstand anzeigte.
»Ich auch nicht«, gestand Tobi ein, obwohl seine Loyalität normalerweise auf der Seite seines Freundes lag. Aber natürlich hatte Max recht. Wenn wirklich Krieg ausgebrochen war und demnächst kein Wasser mehr aus dem Hahn kam, dann war das bisschen Dreck wohl ihr kleinstes Problem.
Friedrichshain, Berlin, 9:42 Uhr – ein Tag nach der Invasion
Eine merkwürdige Musik weckte Max aus dem Schlummer, die fast jeder schon einmal gehört hatte, aber nicht viele auf Anhieb benennen konnten.[Fußnote 8] Ihm war das Lied bestens bekannt, denn er hatte es früher oft aufgelegt, um die letzten Gäste von einer Party zu vertreiben. Der Wecker zeigte kurz vor zehn Uhr an, was ihm gerade mal sechs Stunden Schlaf gebracht hatte. Mit den Händen über den Ohren lief er ins Nebenzimmer, wo Nina in seinen Bademantel gehüllt neben Tobi auf dem Polster lungerte. Gebannt starrten die beiden auf den Fernseher, obwohl nur ein Standbild zu sehen war.
»Du hast in unserem Trinkwasser gebadet?«, brummelte Max. Er war ein ausgesprochener Morgenmuffel – ganz besonders natürlich, wenn er nicht genug geschlafen hatte. Sie winkte ab, als wolle sie eine lästige Fliege verscheuchen. »Sei still! Da kommt gleich eine Durchsage ...«
In der Tat hatte sich mehr als die Musik geändert. Der Bildschirm zeigte eine weiße Tafel mit der Aufschrift ›SFB – Sender Freies Berlin‹ und dem dazugehörigen Logo, das eine stilisierte Antenne darstellte und definitiv aus den Fünfzigerjahren stammen musste. Darunter stand in schwarzer Schrift in geschwungenen Buchstaben, die an die Reklame einer Eisdiele erinnerten: »Es folgt eine wichtige Durchsage – bitte bleiben sie am Apparat!«
»Wir könnten in einen Zeitstrudel geraten sein«, mutmaßte Max.
»Pst!«, zischte seine Freundin, als ob in der Musik geheimen Botschaften versteckt seien, auf die sie achten sollten. Ihm kam der Gedanke, dass die Idee vielleicht gar nicht so abwegig war, doch ein plötzliches Hungergefühl lenkte ihn ab. Voller Müdigkeit schlurfte er in die Küche. »Will jemand von euch Rührei?«
»Ja!«, antworteten seine Gäste wie aus der Pistole geschossen und er ärgerte sich, gefragt zu haben. Hätte er am Vortag bei Knolle ein paar zusätzliche Vorräte eingekauft, dann gäbe es jetzt nicht bloß drei Eier mit einem Rest von Speck zum Frühstück. Als die Musik mit einem Mal aufhörte, hastete er mitsamt der Pfanne ins große Zimmer und starrte gebannt auf den flimmernden Schirm. Er zeigte weiterhin nichts als das alte Logo des SFB, den es eigentlich gar nicht mehr gab. Ein eigenartiges Glockenspiel ertönte und kurz darauf eine Ansage, die von einem professionellen Sprecher in geradezu belustigtem Tonfall verlesen wurde:
»Sender Freies Berlin – bitte schalten sie nicht ab! Sie hören eine Durchsage des Katastrophenschutzes. Sender Freies Berlin – bitte schalten sie nicht ab! Sie hören eine Durchsage des Katastrophenschutzes. Sender Freies Berlin –«
Max griff zur Fernsteuerung und schaltete auf den Kanal um, auf dem normalerweise RTL zu sehen war: Nichts als weißes Rauschen. Er drückte die Taste 1 für ARD und wieder erklang die Schleife: »... des Katastrophenschutzes.«
Da plötzlich ertönte eine Reihe von Pieptönen. »Ein Kilohertz«, erklärte er wie aus der Pistole geschossen. Nicht, dass die Information besonders wichtig gewesen wäre. Wozu überhaupt solche Töne gesendet wurden, war ihm ein Rätsel. Um im Ernstfall Instrumente zu stimmen? Dann folgte die eigentliche Durchsage, die von einem Mann und einer Frau abwechselnd vorgelesen wurde. Der zugehörige Text wurde gleichzeitig auf Tafeln angezeigt, die sich auf altertümliche Weise ineinander überblendeten, als stammten sie aus einem Schwarz-Weiß-Film:
»Mann: Dies ist eine Informationssendung des Katastrophenschutzes. Bitte schalten sie nicht ab und beachten sie die folgenden Hinweise!
Frau: Bewahren sie Ruhe! Die Behörden arbeiten im Katastrophenfall zusammen, um den reibungslosen Ablauf der Hilfsaktionen zu gewährleisten. Folgen sie den Anweisungen von Polizei und Ordnungskräften!
Mann: Bleiben sie in der Wohnung! Halten sie Fernseh- und Radiogeräte betriebsbereit! Zusätzliche Hinweise folgen demnächst. Wenn sie Zivilschutz, Feuerwehr, den Polizeibehörden, Rettungsdiensten oder der Bundeswehr angehören, setzen sie sich bitte umgehend mit Ihren Vorgesetzten beziehungsweise dem diensthabenden Offizier in Verbindung!
Frau: Halten sie Fenster und Türen verschlossen! Füllen sie Behälter wie beispielsweise Badewannen, Eimer und Tupperware mit frischem Trinkwasser nur dann, wenn es klar und geruchslos ist. Meiden sie verunreinigtes Wasser und Lebensmittel! Tauschen sie schmutzige Kleidung durch neue aus, sobald sie geschlossene Räume betreten! Falls sie in ihrer Küche über einen Stadt- oder Erdgasanschluss verfügen, drehen sie bitte vorsorglich den Hauptahn der Gasleitung zu! Achten sie auch auf Geruchsbildung und Rauch, die auf Schwelbrände hindeuten könnten! Informieren sie im Brandfall umgehend Polizei und Feuerwehr!
Mann: Hamsterkäufe gefährden Ihre eigene Sicherheit und die Sicherheit Ihrer Mitbürger. Die Behörden gewährleisten eine angemessene Grundversorgung; es besteht daher kein Grund, Vorräte zu horten. Polizei und Ordnungskräfte haben im Notfall die Befugnis, den freien Handel einzuschränken, sowie Ausgangsverbote und Platzverweise zu erteilen. Diese Maßnahmen dienen Ihrer eigenen Sicherheit. Folgen sie den Anweisungen von Polizei und Ordnungskräften!
Frau: Bitte achten sie auf Ihre Mitbürger! Helfen sie Kindern, Alten und Verletzten zuerst, jedoch nur dann, wenn für sie selbst keine unmittelbare Gefahr besteht! Bewahren sie Ruhe und Besonnenheit! Warten sie in Ihren Wohnungen ab, bis sie weitere Anweisungen erhalten!
Mann: Halten sie Radio und Fernsehgeräte betriebsbereit! Zusätzliche Hinweise folgen auf diesem Kanal, auf Deutschlandradio UKW 110.30 MHz, über Deutschlandfunk auf Mittelwelle 1269 kHz und 756 kHz, auf Langwelle 153 kHz und 207 kHz sowie über die Frequenzen der Küstenwache und des Seenotrettungsdienstes.«
Das Bild blieb einige Minuten stehen, und dann erklang wieder die SFB-Schleife: »Sender Freies Berlin - Bitte schalten sie nicht ab! Sie hören eine Durchsage des –«
Wortlos schaltete Max den Ton ab und stellte endlich auch die Pfanne zur Seite. Tobi unterbrach als Erster das Schweigen: »Junge, das war creepy.«
»Ist jetzt Krieg oder nicht? Was bedeutet das alles?«, murmelte Nina.
Max zuckte mit den Schultern. »Ich vermute, dass sie uns damit vermitteln wollen, dass wir den Anweisungen von Polizei und Ordnungskräften folgen sollen. Will jemand Rührei?«
»Ich habe keinen Appetit mehr«, erklärte seine Freundin. Sie wirkte noch blasser als sonst, und er fand, dass die dunklen Ringe um ihre Augen sie ausgesprochen schmückten.
»Gut«, erwiderte er hastig und stopfte sich vorsorglich schon mal eine Gabel in den Mund, bevor sie es sich anders überlegte. Um die Stimmung aufzumuntern, legte er etwas Heiteres auf, bis Nina entnervt die Nadel von der Platte riss.[Fußnote 9]
»Wie kannst du einfach nur so dasitzen und dein Frühstück in dich reinmampfen, während draußen das Militär durch die Straßen fährt und weiß Gott was passiert sein könnte?«, erboste sie sich.
»Jo«, erwiderte er einsilbig. Gleichzeitig arbeiteten seine Gehirnzellen auf Hochtouren an einer besseren Antwort. Das Ergebnis blieb dürftig, reichte jedoch für den Augenblick aus: »Wir müssen was tun ...«
»Wir brauchen Vorräte«, pflichtete sie ihm bei.
»Ich könnte zum Supermarkt radeln und was einkaufen«, schlug er vor, und sie gab sich damit zufrieden. Er kannte ihre Launen, wusste aber auch, wie sie sich wieder beruhigen ließ. Auf keinen Fall durfte man sich mit ihr auf Diskussionen einlassen. Viel besser war es, ihr immer sofort zuzustimmen, selbst wenn ihre Forderungen vollkommen undurchführbar sein mochten. Meistens vergaß sie später sowieso, was sie besprochen hatten, und im Zweifelsfall würde sie ihm ohnehin die Worte im Mund umdrehen. Außerdem hatte sie recht. Ein paar Lebensmittel zu erstehen, konnte in dieser Lage nicht schaden. Von den zwölf Bier im Kühlschrank ließ sich vermutlich nicht lange leben.
»Ich muss ins Institut«, erklärte Tobi plötzlich, der ebenfalls einen Beschluss gefasst zu haben schien.
»Nach Adlershof? Das ist ein weiter Weg.«
»Nein, nein, an die TU, Hardenbergstraße. Ich kenne da Leute, kein Problem. Ich will ein paar Sachen besorgen. Dann komme ich hierher zurück und wir testen diese Internet-Idee, die ich hatte. Einverstanden?«
»Abgemacht.«
»Und was mach ich so lange?«, beschwerte sich Nina.
»Du hältst hier die Stellung«, erwiderte Max mit einem militärischen Salut.
»Sehr witzig.«
Dabei war sein Vorschlag gar nicht so dumm, dachte er sich, denn die nächste Durchsage sollten sie lieber nicht verpassen. Er brannte darauf, zu erfahren, was eigentlich vor sich ging. Wie man es drehen und wenden mochte, ihm fiel einfach keine Geschichte ein, die den gleichzeitigen Zusammenbruch von Funk, Fernsehen, und Internet erklärte, obwohl Strom und Wasser weiterliefen. In einem Krieg wären ja wohl alle Ressourcen auf einmal betroffen. Konnte ein Computervirus, wenn auch nach Tobis Meinung ein ziemlich gewiefter, so drastische Folgen haben?
Bis auf eine Unmenge von Bereitschaftspolizisten, die an jeder Ecke herumlungerten, waren die Straßen an diesem Vormittag fast menschenleer. Den Grund dafür erkannten sie, als ein Beamter sie von ihren Fahrrädern rief, noch bevor sie sich wirklich auf die Sattel geschwungen hatten.
»Wo wollen sie hin?«, begrüßte sie ein dicklicher Wachtmeister. Auf solche Anfragen reagierte Max traditionell eher empfindlich. Überhaupt galt er nicht unbedingt als Freund der Schutzpolizei. »Das geht sie doch nichts an!«, konterte er also und wollte losfahren. Aber der Polizist stellte sich ihm in den Weg. »Ja haben sie denn die Nachrichten nicht gehört? Bleiben sie erst mal zu Hause, bis wir wissen, was los ist! Das Chaos, das wir gestern auf den Straßen hatten, wollen wir nicht noch mal erleben.«
Ein zweiter Beamter gesellte sich dazu. Die Männern langweilten sich anscheinend. Vermutlich hoffte die eine Hälfte in ihnen darauf, bald Entwarnung zu bekommen und nach Hause fahren zu können, während die andere nach Aktionen mit Schlagstock- und Waffeneinsatz lechzte. Langeweile war Max’ Meinung zufolge einer der Hauptgründe für ausufernde Polizeigewalt bei Demonstrationen, und er hatte schon vor Jahren vorgeschlagen, die uniformierten Staatsdiener mit portablen Playstations und DVD-Spielern auszustatten, um das Problem in den Griff zu bekommen. Natürlich hatte niemand auf ihn gehört, was angesichts der Tatsache, dass er sich nur mit Tobi darüber unterhalten hatte, nicht allzu sehr verwundern mochte.
»Wir können gehen, wohin wir wollen«, stellte er trotzig fest. »Ich kenne meine Rechte!«
Die Polizisten warfen sich unschlüssige Blicke zu. Zu ihrem Leidwesen kannten auch sie die Paragrafen, und es war nun mal kein Notstand aufgerufen worden; doch dann kam einem von ihnen der rettende Einfall. »Sie dürfen natürlich gerne gehen, wohin sie möchten, aber das Rad bleibt hier!«
»Wieso?«
Der Beamte grinste hämisch. »Das Licht funktioniert nicht, genau genommen hat dieses Vehikel gar keines ...«
»Es ist helllichter Tag!«, wandte Max ein.
»... und die Bremsanlagen sind nicht funktionsgemäß«, fuhr der Polizist fort. »Sie können froh sein, dass sie dafür keine Punkte in Flensburg bekommen! Aber wenn sie’s jetzt schön langsam in ihre Wohnung zurückschieben, drücken wir mal ein Auge zu ...«
Dank seines genialen Einfallsreichtums gelang es Tobi jedoch, seinen Willen durchzusetzen. Das Rad des Physikers war, sehr zur Verärgerung der Polizisten, einwandfrei und in tadellosem Zustand, es hätte wahrscheinlich sogar eine Prüfung durch den TÜV bestanden. Vor allem aber tischte er den Schutzpolizisten eine hanebüchene Geschichte auf. Er müsse dringend in die Hardenbergstraße, um seine Schicht am Experimentalreaktor des Instituts für Optik und atomare Physik zu erfüllen. Er könne die Kollegen unmöglich im Stich lassen, die diese hochsensible und gefährliche Nuklearanlage im Keller der renommierten Forschungseinrichtung rund um die Uhr beaufsichtigen mussten. Mit Hilfe von diversen Ausweisen und Magnetkarten der Uni überzeugte er die Beamten, dass die vollkommen erlogene Geschichte der Wahrheit entsprach, und sie ließen ihn ziehen.
Max hatte es da schwerer und er sah sich gezwungen, das Vorhaben, zum Supermarkt zu radeln auf Eis zu legen, und statt dessen wieder den Spätkauf zu bemühen. Nachdem er sein Rad im Hinterhof abgestellt hatte, eskortierten ihn vier gelangweilte Bereitschaftspolizisten, wie man sie sonst vor allem bei Demonstrationen zu Gesicht bekam, ganz höchstpersönlich die fünfzig Meter zu Knolles Geschäft, wo der Ladeninhaber wie am Vortag hinter der Theke stand, als habe er sich keinen Zentimeter von der Stelle bewegt, und ihn mit dem üblichen, leicht spöttischen Spruch begrüßte: »Was darf’s denn sein?«
Leider war die Auswahl nicht mehr allzu groß. Normalerweise stapelten sich in dem kleinen Laden neben Kisten mit Spirituosen ganze Türme billiger Konserven, doch jetzt waren die meisten von ihnen schon ausverkauft. Auch Wasser und andere Getränke waren längst aufgebraucht. Schließlich zog Max mit acht Tüten Kartoffelchips und Erdnussflips, mehreren Gläsern Spreewälder Gewürzgurken, einer Dose eingelegter Pfirsiche, einer Fassbrause, einer Flasche Berliner Weiße, und immerhin ein paar Packungen Spaghetti Mirácoli wieder ab.
»Meine Freundin ist schwanger«, erfand er aus dem Stegreif, als die Polizisten vor dem Geschäft auch noch neugierige Blicke in die Tüten warfen. »Was die da alles in sich reinstopfen ...«
Argwöhnisch sahen sie ihm hinterher, als ließe sich aus Spaghetti und eingelegten Pfirsichen eine Bombe basteln.
Tobi kam erst Stunden später am Nachmittag zurück und berichtete, wie es ihm ergangen war. An jeder Ecke war er kontrolliert worden, jedes Mal hatten ihn die Beamten nach Hause geschickt, und jedes Mal hatte er seine Geschichte wieder erzählt. Jedes Mal hatten sie ihn schließlich doch durchgelassen. Mit seinem Aussehen, der Halbglatze und der kleinen runden Brille musste man ihn einfach für einen Physiker halten, der irgendwelche wichtigen Versuche überwachen sollte, und sorgsam gestreute Andeutungen, dass seine Tätigkeit irgendetwas mit dem Ausnahmezustand zu tun haben könnte, hatten ihr übriges getan. Auf dem Rückweg allerdings hatten die Beamten darauf bestanden, dass er schnurstracks zu seiner eigenen Wohnung fuhr, die auf seinem Ausweis dummerweise vermerkt war, und so hatte der eher unsportliche Physiker sie kurzerhand abhängen müssen. Glücklicherweise waren die Polizisten ziemlich faul, an jeder Straßenecke stand ein Wagen, und so überließen die Männer von der ersten Kreuzung die Verfolgung ihren Kollegen von der nächsten, und so weiter, bis Tobi erfolgreich an seinem Ziel angelangt war.
»Unglaublich!«, rief Nina, als er die Geschichte beendet hatte. Vermutlich zurecht wies sie darauf hin, dass es vollkommen verboten war, Leute in ihrer Bewegungsfreiheit so massiv einzuschränken, solange gar kein offizieller Notstand ausgerufen worden war. Max hingegen sah die Sache lockerer. In gewisser Weise konnte er die Weißmützen verstehen. Sie wussten nicht, was los war und mussten vom Schlimmsten ausgehen. Dafür schienen sich die Beamten eigentlich ganz erträglich zu verhalten.
»Warum hast du denn nun ins Institut müssen?«, erkundigte er sich neugierig.
»Ha!«, rief Tobi triumphierend und holte aus seinem Rucksack ein kleines, kastenförmiges Geräte, mit dem über ein Spiralkabel ein langer Stab verbunden war. »Ich habe uns einen Geigerzähler besorgt!«
»Sie haben ihn dir einfach gegeben?«, wunderte sich Nina.
Die beiden Freunde warfen sich einen verschwörerischen Blick zu. Für eine Studentin der Politologie wirkte sie ab und dann doch ziemlich naiv.
»Ich habe mir die Geräte ausgeliehen«, erklärte der Nachwuchsphysiker, und ergänzte: »Das ist kein Problem.« – Was sogar der Wahrheit entsprach, obwohl Nina ihm nicht wirklich glaubte. Es war erstaunlich, wie wenig an der Uni auf Sicherheit gegeben wurde. Solange es sich nicht gerade um waffenfähiges Plutonium handelte, konnte ein Mitarbeiter des Institutes mitnehmen, was er wollte. Eine einfache Unterschrift reichte aus, und niemand kontrollierte so richtig, wann die Sachen wieder zurückgebracht wurden, falls sie nicht zufällig dringend gebraucht wurden. Und Tobi hatte in weiser Voraussicht die eines Konkurrenten aus dem Kolloquium gefälscht, der sich mit Quantenschleifengravitation beschäftigte. Er schaltete den Apparat ein, der sofort laut zu knarren begann. Seine Freunde zuckten zusammen.
»Wir sind verstrahlt!«, rief Max, dessen lebhafte Fantasie ihm mitunter Streiche spielte. Er fühlte sich schon strahlenkrank, schwach und ausgelaugt. »Deswegen sagt uns niemand, was los ist! Die Stadt ist abgeriegelt und sie lassen uns einfach krepieren!«
Sein Freund hob die Brauen mit einem leicht spöttischem Lächeln. Er justierte den Regler des empfindlichen Gerätes und das Knattern ließ nach. »War bloß zu fein eingestellt. Keine Strahlengefahr.«
Er hielt den Stab des Geigerzählers in die Luft und hantierte an dem Einstellungsknopf herum, bis ein gleichmäßiges Knack-Knack-Knack ertönte, das Max fast verdächtiger als der laute Warnton vorkam. Sein Freund las auf dem Kasten die digitale Anzeige ab und runzelte die Stirn.
»Es knackt immer noch!«, stellte Nina verängstigt fest. »Wir sind also doch verstrahlt, oder?«
Der Physiker schüttelte den Kopf. »Keine Sorge, das ist nicht gefährlich. Der Wert liegt vielleicht etwas über dem üblichen Niveau, aber ich glaube das geht in Ordnung.«
»Was meinst du damit, du ›glaubst‹«, entgegnete Max mit Panik in der Stimme, wobei er sich mit beiden Händen aufgeregt durch die Dreadlocks fuhr. »Du weißt es nicht? Wie bist du eigentlich durch deine Prüfungen gekommen?«
»Ja gut, ich bin mir nicht ganz sicher«, erwiderte sein Freund gereizt. »Nur, weil ich Physik studiert habe, weiß ich auch nicht alles! Wenn überhaupt ist die Gamma-Strahlung jedenfalls nur leicht erhöht, weit unter dem Grenzwert.«
»Na toll ... was für eine hilfreiche Antwort! Die gleiche hätten wir von den Behörden bekommen.«
»Wieso weißt du eigentlich nicht, was der normale Wert ist?«, hakte Nina nach. »Lernt man so was nicht als Physiker? Und woher willst du wissen, dass die Strahlung ungefährlich ist, wenn du den gar nicht kennst?«
Mit einem lauten Seufzen schaltete Tobi das Gerät wieder ab. Normalerweise erklärte er die einen oder anderen physikalischen Fakten selbst blutigen Laien wie seinen Freunden gerne, obwohl sie ein Integralzeichen nicht von einer Quadratwurzel unterscheiden konnten. Diesmal aber war sogar er ein bisschen genervt. Schlafmangel und die Ereignisse des vergangenen Tages zehrten an ihm, und vor allem ärgerte er sich über seine eigene Dummheit. Er hätte ein Buch über Nuklearphysik oder wenigstens einen Ausdruck zur Sicherheit im Umgang mit radioaktiven Strahlungsquellen mitnehmen sollen, und es wurmte ihn selbst, dass er das übliche Niveau der Hintergrundstrahlung nicht im Kopf hatte. Um ehrlich zu sein, hatte er nicht die geringste Ahnung, ob sie nun erhöht war oder nicht. Er wusste lediglich, dass sie voll und ganz im vertretbaren Rahmen lag, aber wie sollte er das seinen skeptischen Freunden beibringen, wenn er die Grenzwerte nicht kannte? »Die Strahlung ist okay«, erklärte er schließlich kraft der Autorität eines Doktoranden der theoretischen Physik. Wider Erwarten wirkte der Bluff.
»Ah, gut«, meinte Max wie aus der Pistole geschossen und machte sich sogleich daran, sich nach all der Aufregung erst einmal seinen Morgenjoint zu drehen. Auch Nina nahm ihm die apodiktische Aussage ab, und Tobi stellte im Stillen fest, dass seinen Freunden kein naturwissenschaftlicher Geist innewohnte. Ohne jede Begründung einfach so hinzunehmen, was man ihnen auftischte ... selbst die faulsten Studenten in den Tutorien ließen das nicht durchgehen. Er schaltete den Geigerzähler ab und grübelte über die Standardwerte nach.
Max hatte seine kleine Marihuana-Zigarre gerade liebevoll gedreht, da schrie seine Freundin so entsetzt auf, dass sie ihm aus der Hand fiel und auf den vollgekrümelten Holzdielen landete. Vor dem Fenster zogen drei grellweiße Streifen über den Himmel. Sie erinnerten an die Kondensstreifen von Flugzeugen und verliefen exakt parallel zueinander, waren jedoch so hell, dass man kaum mit bloßem Auge hinsehen konnte. Die Häuserkanten warfen scharfe Schatten.
»What the fuck!«, fluchte er auf Englisch, was er sich in Online-Computerspielen angewöhnt hatte, während Nina das Wort ›Atomraketen‹ kreischte.
So plötzlich sie aufgetaucht waren, verschwanden die Streifen wieder hinter den Hausdächern. Geistesgegenwärtig zählte Tobi mit. »Einundwanzig, einundzwanzig, einundzwanzig ...« Am Horizont erschienen drei riesengroße Rauchwolken, die verdächtig wie Atompilze aussahen. »... einundzwanzig, einundzwanzig, einundzwanzig, einundzwanzig ...«
Als er achtzehn Sekunden abgezählt hatte, ertönte ein dumpfes Grollen, das an den Donner eines Gewitters erinnerte, aber mindestens zehnmal lauter war. Fensterscheiben zerbarsten, Fenster und Türen erbebten, ja der ganze Boden schien wie bei einem Erdbeben zu wackeln. Der Lärm war ohrenbetäubend. Max schloss die Augen und erwartete, jeden Moment in einen radioaktiven Feuerball aufzugehen. Dann war die Druckwelle vorüber. Hunderte von Alarmsirenen und Autohupen auf der Straße gaben ein schrilles Konzert von sich, das zusätzlich an den Nerven rieb. Er hörte ein Pfeifen in den Ohren, das glücklicherweise bald wieder nachließ. Als DJ und audiophilen Plattensammler legte er auf sein Gehör einigen Wert. Eilig nahm er bestand auf. Die Fensterscheiben im Schlafzimmer waren in tausend Stücke zersplittert, die sich allesamt im Bett verteilt hatten, aber seinen Freunden schien es gut zu gehen und die Fenster im großen Zimmer waren bloß aufgesprungen und ganz geblieben. Die Druckwelle hatte seinen Joint weggepustet! Mit zitternden Händen hob er ihn vom Boden auf und zündete ihn an. Dann half er Nina auf. »Ist alles Okay?«
»Ja«, murmelte sie benommen und nahm dankbar einen Zug, als spende er puren Sauerstoff. Verschämt wischte sie sich eine Träne aus dem Gesicht und meinte fast zornig »Ich bin manchmal blöd, muss wegen jedem Scheiß heulen.«
»Naja«, gestand ihr Freund ein. »Atomkrieg ist ja an sich schon ein Grund ...«
»Das waren keine Atomwaffen!«, meldete sich Tobi zu Wort. Ihm war vor lauter Schreck die Brille von der Nase gefallen, aber sie war heil geblieben.
»Keine Atomraketen?«
»Ganz sicher nicht«, beruhigte ihn der Physiker und hoffte, auch diesmal wieder die nötige Autorität auszustrahlen. »Sonst wären wir jetzt nämlich alle blind!«
»Coolio«, erwiderte Max hocherfreut. Er hatte sich schon auf einen langsamen, qualvollen Strahlentod eingestellt. »Scheint heute unser Tag zu sein. Will jemand Chips und ein Bier?«
»Später«, murmelte Tobi, rückte sich die Brille zurecht und betrachtete nachdenklich den Himmel. »Sag mal hast du eigentlich auch Schreibzeug in deiner Bude?«
Max kramte in seinem Regal herum und warf ihm einen Notizblock mit der Frage hin, ob er sein Testament schreiben wolle. Der Doktorand ignorierte den Scherz und begann, das Papier mit Formeln zu füllen. Er hatte einen Verdacht, den er lieber dreimal prüfen wollte, bevor er ihn irgendjemandem präsentierte. Ohne Beweise würde die Hypothese, die er gerade aufgestellt hatte, einfach zu unplausibel klingen. Er konnte selbst kaum daran glauben und suchte nach einem Fehler.
Die drei Freunde lümmelten auf den Polstern zwischen der Yuccapalme und teilten sich zwei Tüten Chips, saure Gurken und Bier. Im Hintergrund lief Dub-Musik.[Fußnote 10] Max trommelte auf der Bongo herum und lauschte dabei Tobis fantastisch klingenden und im Großen und Ganzen eher unverständlichen Ausführungen.
»Du willst also sagen, dass wir von Außerirdischen angegriffen worden sind?«, fragte der Rastamann ungläubig nach, um sicherzugehen, dass er sich nicht verhört hatte. Er kannte den zaghaften Physiker schon seit einer Ewigkeit und hatte ihn selbst oft genug über schwarze Löcher, Zeitreisen und Warp-Antriebe ausgefragt, um zu wissen, wann er es ernst meinte. Und diesmal schien er, so schwer das zu glauben war, tatsächlich nicht zu scherzen.
»Das habe ich nicht gesagt«, erwiderte Tobi gereizt. Mal wieder hatte er das Gefühl, gegen eine Wand anzureden. Vielleicht vergeudete er seine Zeit. Sollte er seine Schätzungen nicht lieber einem General der Bundeswehr oder der Regierung vortragen? »Ich meine, dass diese Streifen am Himmel keine Raketen, sondern sogenannte kinetische Geschosse waren. Die Einschlagorte liegen mindestens acht Kilometer Luftlinie entfernt, im Westen kurz vor Berlin. Dafür spricht alles.«
»Okay, aber du gibst zu, dass eigentlich nur Außerirdische solche Dinger verschießen können?«
Tobi schüttelte den Kopf. Er wusste selbst, wie unglaublich die Behauptungen klangen. Er glaubte jedoch auch, Meteoriten von Raketen unterscheiden zu können, und seine Überschlagsrechnungen hatten die Vermutung bestätigt. »Kinetische Waffen werden nicht geschossen, das sind einfach bloß große Gesteinsbrocken. Deshalb gab es keinen Blitz, wie bei einer atomaren Explosion.«
Max blieb skeptisch, er nahm an, dass sein Freund angesichts der undurchschaubaren Umstände vielleicht ein bisschen die Nerven verloren hatte. Dafür sprach in seinen Augen auch die Tatsache, dass er jeden Zug von seinem Joint ablehnte, obwohl Marihuana nachweislich beruhigend wirkte. Nina hingegen schien dem Physiker eher Glauben zu schenken. »Könnten das nicht natürliche Meteoriten gewesen sein?«, mutmaßte sie. »Vielleicht haben die Behörden das Internet gekappt, um die Wahrheit zu verbergen. Damit keine Panik aufkommt. Ihr wisst doch, wie so was läuft.«
»Dann hätten sie das Fernsehen weiterlaufen lassen und eine Komödie nach der anderen aus den sechziger Jahren gebracht«, wandte Max ein.
»Stimmt auch wieder«, pflichtete sie ihrem Freund mit grüblerischer Mine bei.
Tobi schüttelte ebenfalls den Kopf. »Die Wahrscheinlichkeit, dass drei Meteoriten auf exakt parallelen Bahnen gleichzeitig im gleichen Gebiet einschlagen, ist vernachlässigbar klein.«
»Dann also Außerirdische«, wiederholte Max störrisch die ursprüngliche Annahme. Er glaubte zwar eher daran, dass Tobi sich ausnahmsweise geirrt hatte, aber man musste sich den Kopf stets für alle Möglichkeiten offen halten.
»Wohl kaum«, erwiderte der Doktorand trocken. »Ich tippe vorerst darauf, dass irgendeine Nation eine Geheimwaffe entwickelt hat, die sie jetzt einsetzt. Russland oder China oder so.« Er verzog unglücklich das Gesicht, was er immer tat, wenn er etwas nicht verstand. »Besonders plausibel kommt mir die Erklärung allerdings auch nicht vor.«
»Ich sage, dass du dich verrechnet hast«, meinte Max, nahm einen Schluck Bier, und fügte hinzu: »Aber falls du richtig liegst, dann sind es Außerirdische.«
Er legte passende Musik auf, die eher Ninas Geschmack entsprach,[Fußnote 11] und Tobi machte sich daran, seinen Laptop mit dem DSL-Anschluss von Max zu verbinden. Normalerweise musste man das Gerät nur in den Router stecken, doch dieser hatte seinen Geist aufgegeben und ließ sich nicht mehr starten. Max fand aber in einem alten Umzugskarton noch ein Verbindungsgerät der Telekom, das er eigentlich bei der Kündigung seines Vertrages hätte zurückgeben müssen. Sie schlossen die Maschine an das DSL-Modem an, dessen Netzindikator faszinierenderweise auf Grün stand, und erstaunlicherweise fuhr es klaglos hoch. Nach einer halben Ewigkeit zeigte es ein Verbindungssignal an.
»Das Netz ist überhaupt nicht zusammengebrochen«, murmelte Tobi erstaunt. Er klinkte den Ethernetstecker in den Laptop, der daraufhin anzeigte, dass mit der Verbindung etwas nicht stimmte.
»Geht doch nicht, oder?«, meinte Max, um auch einmal was zu sagen. Bis hierher konnte er seinem Freund folgen.
»Die Namensserver haben ihren Geist aufgegeben«, erklärte ihm dieser und kramte in seinem Rucksack herum. Schließlich holte er einen programmierbaren Taschenrechner hervor. Er besaß ihn noch aus seinen Zeiten als Elektrotechniker. Seine Kollegen belächelten ihn dafür, solche Hilfsmittel waren in den Kreisen theoretischer Physiker verpönt, selbst PC-Software wie ›Mathematika‹ und ›Matlab‹ verwandte kaum einer. Er jedoch wollte sich von dem altertümlichen Gerät nicht trennen und jetzt würde es sich als nützlich erweisen. Auf Knopfdruck zeigte es eine Liste von alternativen Adressen an, die er für solche Gelegenheiten einprogrammiert hatte. Er änderte die Einstellungen auf dem Laptop und prüfte mit Kommandozeilenprogrammen, ob die Verbindung lief. Erst nach einer Reihe von Versuchen fand er einen offenen Server in Leipzig, der noch zu funktionieren schien. Er startete den Browser, wählte eine beliebige Seite und eine ›404 – Page not found‹ Meldung begrüßte ihn. Er probierte einige weitere gängigen URLs durch und jedes Mal erschien derselbe Fehler.
»Das Internet ist ausgefallen?«, erkundigte sich Max enttäuscht. Selbst wenn das Fernsehen bald wieder anlief, vertraute er Nachrichten aus Blogs unter den gegebenen Umständen mehr, als den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten oder gar privaten Fernsehsendern.
Sein Freund schüttelte den Kopf. »Das Internet funktioniert bestens, sogar unsere Verbindung zu ›Alice‹ ist ungestört. Das Problem sind die Server, die Dokumente selbst scheinen verschwunden zu sein. Merkwürdig.«
Wenn keine ›404‹ Meldung kam, luden die Seiten schier endlos, ohne irgendetwas anzuzeigen, oder dem DNS-Server gelang es nicht, die URL in eine zugehörige Internetadresse umzuwandeln. An manchen Adressen erschienen Standardseiten, die nichts als leere Verzeichnisse oder die Version der Betriebssoftware anzeigten. Wieder andere gaben kryptische Fehlermeldungen wie ›Broken Pipe‹ von sich. Schließlich tippte Tobi auf gut Glück die URL eines deutschen Forums für die X-te Variante der nimmerendenden ›Call of Duty‹ Spieleserie ein, die er auswendig kannte. Zu seinem Erstaunen baute sich die Seite auf, wenn auch mit unglaublicher Langsamkeit. »Bingo!«, rief er und sie studierten aufgeregt die Forumsbeiträge.
Hunderte waren in den letzten Stunden gepostet worden und überschwemmten die Rubriken. Die älteren von ihnen handelten von Netzwerkproblemen, doch die Forumssoftware sortierte sie nach der Zeit und zeigte die neuesten zuerst an – und was die beiden Freunde da lasen, gab gewiss keinen Anlass zur Freude. Nachricht auf Nachricht überflogen sie, und zusammengesetzt ergab sich ein Bild des Schreckens. Spieler aus Hessen und Sachsen schrieben, ein Atomkrieg sei ausgebrochen. Sie berichteten von Atompilzen und radioaktivem Fallout, und die Schilderungen wirkten ziemlich glaubhaft. Andere behaupteten steif und fest, dass von den USA nichts mehr übrig sei, und gaben dafür alle möglichen Indizien an. Ein findiger Junge hatte Netzwerkadressen gescannt und auf diese Weise herausgefunden, dass kein einziger Server, der in den Vereinigten Staaten stand, funktionstüchtig war. Auch für große Teile Asiens und Russlands kam diese Methode, die andere Forumsteilnehmer begeistert kopiert hatten, zu demselben Ergebnis. Die übrigen Beiträge bestanden aus Spekulation. Vom Atomkrieg über die Alien-Theorie, einen plötzlichen Polsprung, den Ausbruch einer tödlichen Seuche bis hin zu einem Meteoriteneinschlag war so ziemlich jede Meinung zu finden, die man sich vorstellen konnte, und die Mitglieder des Spieleforums tappten ebenso im Dunkeln wie Max und seine Freunde oder die Polizisten auf den Berliner Straßen. Doch in Tobi stieg beim Durchblättern der Nachrichten ein grauenvoller Verdacht hoch, der ihn nicht mehr losließ. Unter den Namen der Forumsteilnehmer standen zusätzliche, freiwillige Informationen, zu denen auch der Heimatort zählte. Abgesehen von offensichtlichen Scherzen wie ›Afghanistan‹ und ›Jamaika‹ stammten die Spieler aus allen möglichen Teilen Deutschlands. Nur waren keine einzigen aus Baden-Württemberg oder Bayern darunter.
»Das könnte ein Zufall sein«, versuchte Max ihn zu beruhigen. Tobis Familie wohnte in einem kleinen Ort zwischen Stuttgart und Tübingen, dessen Namen Max jedes Mal sofort vergaß, wenn er ihn gehört hatte. Der Physiker schüttelte den Kopf und stellte mit zitternder Stimme fest: »Solche Zufälle gibt es nicht.«
»Dann ist das Internet dort eben stärker betroffen.«
»Und was ist mit den Berichten über radioaktiven Fallout?«, wandte sein Freund ein. »Hessen grenzt an Baden-Württemberg und Sachsen an Bayern, oder was meint der Herr Geografiestudent? Auch bloß Zufall?«
»Hey, habt ihr was rausgefunden?«, unterbrach sie Nina, die sich bei den kleinsten Anzeichen von Computer-Diskussionen stets zurückzog und stattdessen in der Küche am Fensterbrett bei einer Tasse Kaffee gelesen hatte.
»Nichts!«, erklärten die beiden gleichzeitig wie aus der Pistole geschossen. Tobi klappte hastig den Laptop zu und in einer stillschweigenden Übereinkunft berichteten sie, dass die Forumsteilnehmer auch keine Ahnung hatten. Die Gerüchte über radioaktive Strahlung und Atombomben ließen sie aus. Es gab keinen Grund, sie unnötig zu beunruhigen, dachte sich Max, obwohl sie die Lage, wenn er ehrlich sein sollte, gut zu verkraften schien.
»Ihr habt ein paar von den ›kinetischen Geschossen‹ verpasst. Müssen aber weit entfernt eingeschlagen sein«, meinte sie gut gelaunt und schlürfte an ihrer großen Tasse Milchkaffee. Sie trug einen übergroßen Wollpullover, den sie sich ungefragt von Max ausgeliehen hatte, denn durch das zerbrochene Fenster im Schlafzimmer drang kalte Frühlingsluft. »Wir könnten uns die Sache vom Dach aus ansehen.«
Gesagt, getan statteten sich die Freunde mit Pullovern und Jacken aus, Nina füllte den restlichen Kaffee in eine Thermoskanne, und sie bewaffneten sich mit drei Klappstühlen aus Holz, die normalerweise in der Küche ihren Dienst verrichteten. Offiziell verbat die Hausverwaltung, auf das Hausdach zu steigen, inoffiziell hingegen hatte Max das Vorhängeschloss an der Luke schon vor Jahren entfernt. Oft genossen sie im Sommer den Ausblick bei einem ausgedehnten Frühstück. Der größte Teil des Daches war schräg und mit roten Ziegeln abgedeckt, doch gab es einen flachen Abschnitt, auf den mühelos ein paar Stühle und sogar ein kleines Tischchen platz fanden. Zu dieser Zeit, im kalten Berliner Frühling, war das Wetter allerdings weniger einladend. Eine für diese Jahreszeit typisch graue Wolkendecke überzog den Himmel, die dem langen Winter in der Stadt jenen charakteristischen tristen ›Charme‹ verlieh, der Neuankömmlinge bisweilen fast in den Selbstmord trieb, ein eisiger Wind pfiff durch die Schornsteine und die Luft roch nach Holzkohle, obwohl die Zahl der Kohleöfen in den letzten Jahren drastisch abgenommen hatte. Max holte aus der Wohnung zusätzliche Decken, und sie machten es sich in ihren Liegestühlen bequem. Erst einmal stellten sie allerdings nichts Besonderes fest. Die Sonne war beinahe untergegangen, in den genüberliegenden Häusern brannten bereits die Lichter, und abgesehen von einem gewissen Mangel an Autolärm und den Klängen entfernter Polizeisirenen wirkte der Abend wie jeder andere.
»Bist du dir sicher, dass du kinetische Geschosse gesehen hast?«, fragte Tobi. »Selbst wenn sie weit weg einschlagen, müssten sie lange Feuerschweife hinter sich lassen, die erst langsam wieder verschwinden. Vielleicht hast du ja normale Sternschnuppen beobachtet.«
»Nein, nein!«, beharrte Nina. »Sie waren aus dem Küchenfenster ganz deutlich erkennbar.«
